Der traurige Narzisst

Montag, 17. Januar 2011 um 10:48

Malte Weldings Frauen und Männer passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte habe ich mit Vergnügen gelesen. Wer seine Blogpostings und Zeitungsartikel mag, wird auch an diesem Buch eine Freude haben. Hier ein paar zusammengebaute Auszüge.

Zwar bin ich über die eine oder andere Prämisse zu Paarbeziehungen gestolpert, die ich nicht nachvollziehen kann. Zum Beispiel behauptet Malte Welding, seinem Partner gegenüber sei man nicht so geduldig wie entfernteren Bekannten, schimpfe ihn unter anderem schneller und gemeiner bei Missgeschicken. Geht es mir als einziger anders? Ich kenne zwar Paare, die nur darauf lauern, einander spüren zu lassen, dass sie in ihren Augen nichts taugen. Doch das hielt ich eigentlich für die Ausnahme. Auch widerspreche ich vehement der Ansicht, Partner sollten für eine belastbare Beziehung ein möglichst ähnliches Temperament haben: Mit jemandem, der mein Temperament hat, hielte ich es nicht mal eine Urlaubswoche lang aus. (Allerdings mag das Kriterium bei Menschen, die sich selbst gut ertragen, funktionieren.)
Ähnliche Werte und Lebensziele hingegen halte auch ich für eine gute Beziehungsbasis.

Ein Gedanke ist mir besonders aufgefallen, weil er aus einer für mich neuen Perspektive kommt. (Fehler in der Paraphrasierung aus dem Gedächtnis bitte alle mir anlasten, nicht Herrn Welding.) Welding belegt ausführlich, dass unsere Gesellschaft eine narzisstische ist. Zu einer überraschenden Beobachtung bringt ihn das im Kapitel „Der Feind in meinem Bett“, in dem er auf den Umstand eingeht, dass Sex mit anderen Menschen an Attraktion verliert, wenn man den eigenen Körper für abstoßend hält. Ohne das groß auszuführen, widerspricht Welding der Forderung, Fotomodelle in Zeitschriften müssten öfter dem Durchschnittsaussehen der Leserinnen entsprechen: Jede Kultur zu jeder Zeit hatte Schönheitsideale, die sehr weit vom Durchschnittsaussehen entfernt waren. Doch bis vor kurzem mussten dem nur bestimmte Berufsgruppen entsprechen, die dieses Aussehen genauso brauchten wie ein Profi-Klavierspieler zwei Hände. Diese Menschen wurden bewundert, auch begehrt. Erst in unserer narzisstischen Gesellschaft bildet sich plötzlich die breite Masse ein, diese Anforderungen gälten auch für sie. Dass nicht nur Fotomodelle und Hollywoodschauspieler einem übermenschlichen Ideal entsprechen müssen, sondern auch sie selbst. Und erst dadurch fühlen wir uns schlecht und eklig, wenn wir es nicht tun.

Weiter führt Malte Welding den Gedanken nicht aus, ist ja auch nicht sein eigentliches Thema. Über den Narzissmus unserer Gesellschaft hinaus sehe ich nämlich zwei Einflüsse, ohne die der destruktive Körperkult nicht funktionieren würde: Machbarkeit und Marketing. Der Glaube an die Machbarkeit praktisch jeder körperlicher Veränderung wird umgedeutet in die Verpflichtung zur Veränderung, zwingend schlüssig dargelegt unter anderem von Susie Orbach. Und da sich mit Ekel vorm eigenen Körper sehr viel Geld machen lässt, befeuert das Markting unserer Zeit den verursachenden Narzissmus, wo es geht: AUCH DU KANNST SO AUSSEHEN!

Vielleicht ist es ja doch in Ordnung, wenn Märchenzeitschriften wie die Vogue nur Märchengeschöpfe zeigen.

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Der traurige Narzisst“

  1. kid37 meint:

    „Zum Beispiel behauptet Malte Welding, seinem Partner gegenüber sei man nicht so geduldig wie entfernteren Bekannten, schimpfe ihn unter anderem schneller und gemeiner bei Missgeschicken.“

    Das ist tatsächlich so, oder eben häufig so, da wollte ich selbst vor einiger Zeit mal was im Blog geschrieben haben. (Muß ich mal mit mir schimpfen.) Es hat vielleicht was mit aufgehobenen Grenzen zu tun, was im positiven Sinn ja auch Nähe schafft. Vielleicht auch mit Nachlässigkeit, ähnlich der verbreiteten Tatsache, daß der Klempner überall den Wasserhahn repariert – nur zu Hause, da tropft es.

  2. malte meint:

    Zu dem Punkt mit dem Streiten: Das habe ich oft so erlebt. Eine Freundin meinte, sie mache das, weil sie sich sicherer fühle, in einer Beziehung die Sau rauszulassen.
    Dann zum Temperament: Genauer als den Begriff finde ich die Alternative „Erleben der Welt“. Und da finde ich es tatsächlich praktisch, wenn das ähnlich ist.
    (Wobei wahrscheinlich wirklich wenig die Möglichkeit ausschließt, einander zu lieben. Bei dem Kapitel handelt es sich ja auch eher um ein aufmunterndes Angrunzen, dass es eben nicht darum geht, möglichst perfekt zu sein)
    „Doch bis vor kurzem mussten dem nur bestimmte Berufsgruppen entsprechen, die dieses Aussehen genauso brauchten wie ein Profi-Klavierspieler zwei Hände.“
    Das bringt es wirklich wunderschön auf den Punkt.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Möglicherweise, kid, malte, stehen wir wieder zwei Grundhaltungen einer Partnerschaft gegenüber: Die eine (zugegeben meine) hält schlichte Höflichkeit für beziehungsbewahrend, also Bitte und Danke zu sagen, zu grüßen, aufzumerken, wenn man angesprochen wird. Die andere Grundhaltung sieht die Partnerschaft als genau den Raum, in der sie das ganze zivilisatorische Benimmdings fahren lassen kann.
    Vielleicht hat das damit zu tun, ob man Höflichkeit als aufgezwungen empfindet oder als praktisch und angenehm.

  4. malte meint:

    Wir liegen da gar nicht auseinander: Natürlich sollte man so mit dem anderen umgehen, wie du es beschreibst. Deswegen schreibe ich ja auch, dass man das sollte. Ich denke aber, dass es üblicher ist, alle Höflichkeit fallen zu lassen, wähnt man sich in sicheren Gefilden. Das ist allerdings bloß Privatempirie. (Ich habe noch nie erlebt, dass Freunde sich so ankeifen wie manche Paare)

  5. kid37 meint:

    Ich pflichte Malte bei.

  6. Susanne meint:

    Ich muss allen Meinungen meiner Vorredner zustimmen. Zum einen erlebe ich das auch, dass ich oft mit meinem Mann weniger geduldig bin, weil die Kleinigkeit, die mir jetzt unangenehm ist, nicht die erste, sondern die zehntausendste ist. Und auch ich neige wesentlich weniger dazu, fremde Menschen auf der Straße anzuschreien als meinen Partner.

    Gleichzeitig bin ich aber auch geduldiger, schließlich gibt es nur sehr wenige Menschen, von denen ich mich jahrelang nerven lassen würde, ohne auszuziehen.

    Freundlichkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Respekt sind für mich auch wesentliche Beziehungssäulen. Viele Leute sind ja der Ansicht, daß das nur andressiert ist und hohle Heuchelei, das ist mir häufig egal, ein freundlicher Ton macht eine freundliche Stimmung. Deswegen kann man trotzdem über alles reden.

    Ich bin also eher zwiegespalten. Stimme Frau Kaltmamsell prinzipiell zu, raste aber trotzdem meinem Mann und Sohn gegenüber eher aus, als bei einem Wildfremdem. Aber daran arbeite ich noch.

  7. Naekubi meint:

    Hinsichtlich des Schönheitsideals und dem Narzissmus in der Gesellschaft: Im Zuge der Brigitte-Aktion, auf Models zu verzichten, kamen neben positiven Rückmeldungen auch Kommentare von Frauen, dass sie sich jetzt noch mehr unter Druck sehen.

    Ihrer Meinung nach suggerieren die toll aussehenden, „normalen“ Frauen in den Fotostrecken eine Machbarkeit und Möglichkeit, die einfach nicht existiert. Dass man darüber einen Selbstekel bekommen kann, ist durchaus nachvollziehbar.

  8. Gaga Nielsen meint:

    Kann man aus dem Buch was Praktisches für’s Leben lernen, was noch nicht bekannt ist? Ich bin sehr lernwillig!

  9. malte meint:

    @Gaga
    Ein paar unpraktische Dinge kann man in jedem Fall lernen.

  10. Gaga Nielsen meint:

    Hmm. Unpraktische Dinge, die anstrengend sind, keinen Spaß machen und andere ärgern? Schon super irgendwie! Streiten finde ich lustig, wenn man schlimme Kraftausdrücke benutzt und sich dabei gegenseitig übertrumpft und dann lachen muss. Aber das ist mehr so ein Sport. Weiß gar nicht wie das geht, das andere. Vorher gehe ich wahrscheinlich immer, ich Angsthase. Und Fingerhakeln und Armdrücken gefällt mir auch gut. Muss man aber auch lachen. Mist, ich kann nicht mitreden, merke ich gerade.

  11. Gesche Clasen (Yael) meint:

    ich bin oft unbeherrscht und schrecklich zu meinem partner, verhagele mir aber letztlich selber den tag damit. es stimmt aber: auf der anderen seite hab ich eine geduld mit ihm, für die andere mich bewundern.
    obwohl ich dachte, ich sei mit allen beziehungs-büchern durch und wollte nun wirklich keins mehr lesen, da ich mich ja doch nicht ändere (obwohl: stimmt das eigentlich?), werde ich dieses gleich auf meinen wunschzettel tun. mich macht besonders der aspekt des selbstekels neugierig.

  12. Richard meint:

    schon vor jahren wurde mir in einem seminar nahe gebracht: modells bzw. bilder in vogue, elle, madame u.d.g. werden von den betrachterinnen im normalfall als unerreichbar, nicht erstrebenswert empfunden. jedoch in brigitte, freundin o.d.g. sind die modelle in einer bandbreite dargestellt, daß ein großer prozentsatz der betrachterinnen diese vorbilder als erstrebenswert und auch erreichbar erachtet. wenn, ja wenn sie nur ein bisschen weniger ….. oder etwas mehr …….. tun würden. diese unzufriedenheit schafft nachfrage und das ist das hauptzielbe in einer saturierten wirtschaftswelt.
    bedarfsweckung ist mehr als nur bedarfsdeckung

  13. walküre meint:

    Der auch von Richard angesprochene Aspekt lässt mir keine Ruhe. Unter diesem Blickwinkel habe ich die ganzen Nicht-Hochglanz-Zeitschriften (die Hochglanzmagazine agieren ja tatsächlich mit nicht nur für mich in der Tat unerreichbaren Vorgaben, denn weder werde ich je Größe 36 tragen noch mich in Chanel/Dior/DKNY usw. kleiden) noch nie betrachtet. Es beginnt bei den scheinbar an den Durchschnitt gerichteten Mädchenzeitschriften, geht weiter bei Brigitte & Co., um schließlich bei der Silbernen Post mit ihren Bildern agiler, rüstiger Pensionistinnen, die bei bester Gesundheit ein hohes Alter erreichen (wenn die Figur an Bedeutung verliert, muss die Gesundheit einspringen) zu enden.

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