Journal Montag, 10. Februar 2014 – Gastarbeiterinnenwaisen

Dienstag, 11. Februar 2014 um 6:20

Crosstrainerstrampeln am frühen Morgen. Wie meist sah ich dabei dem Hausmeister des Gebäudes gegenüber beim Arbeitsbeginn zu. Sein Kellerbüro möchte ich nicht eintauschen, doch ich neide ihm den blauen Hausmeisterkittel.

Nachgedacht über Gastarbeiterwaisen, weil ich auf den zweiten gestoßen bin. Die erste, die ich kennenlernte, war Suna, nun hatte das SZ-Magazin einen portraitiert – allerdings nicht deshalb:

Die Polizei, dein Freund und Vater
Zwei Mal hatte der Kriminalhauptmeister Carlos Benede mit Jungs zu tun, deren Mütter ermordet wurden – von den Vätern der Kinder. Zwei Mal fasste er sich ein Herz und adoptierte sie.

Wie oft ist es damals wohl vorgekommen, dass Gastarbeiterinnen ungewollt schwanger wurden und ihre Kinder hier in Deutschland zurückließen? Sie wegen der Schande der unehelichen Geburt verschwiegen (die in den 60ern nicht nur in ihren Herkunftsländern groß war)?

§

Nicht dass das britische Klassensystem je verschwunden war – doch traurigerweise verdichten sich die Anzeichen, dass es wieder stärker wird: „Class back on the rise in UK“. Der Unterschied zu früher: Jetzt ist es nicht nur Erb-, sondern auch Geldadel, der oben sitzt.

The New Yorker schreibt über „The Cult of Overwork“, der allerdings möglicherweise zu Ende geht.

Thirty years ago, the best-paid workers in the U.S. were much less likely to work long days than low-paid workers were. By 2006, the best paid were twice as likely to work long hours as the poorly paid, and the trend seems to be accelerating. (…) Overwork has become a credential of prosperity.

Was mich zur Frage bringt: Was ist eigentlich fleißig? Und was nicht?
Und auf der Metaebene: Werde ich je ein Leben führen, dass mir nicht nur das Halten eines Hunds erlaubt, sondern auch die Lektüre jeder Ausgabe des New Yorkers?

die Kaltmamsell

20 Kommentare zu „Journal Montag, 10. Februar 2014 – Gastarbeiterinnenwaisen“

  1. Susann meint:

    Zum Cult of Overwork –
    mein persönlicher Held der Privatwirtschaft hatte unlängst mit einem nach Norwegen versetzten Kollegen ein Gespräch.
    Dem Kollegen wurde dort gleich am Anfang klargemacht, dass Freitag Nachmittag nicht länger als 14 Uhr gearbeitet wird, dann nach Hause, basta. Längere Anwesenheit am Freitagnachmittag nicht erwünscht.
    Natürlich klappt das dann auch und alles geht nach Hause.

    Also – wenn die Unternehmenskultur keinen Kult aus Overwork macht, wenn insb. die Vorgesetzten klar ansprechen, dass sie keinen Wert auf Demutsgesten à la „Wir halten so lange durch wie der Vorstand“ legen, dann hat der Kult keine Chance. Auch, übrigens, im deutschsprachigen Raum.

  2. Muyserin meint:

    Als langjährige Fast-Immer-Leserin MUSS ich fragen: Sie haben einen Hund? Ist mir da was entgangen?

  3. die Kaltmamsell meint:

    Dann müsste ich mich ja nicht mehr fragen, Muyserin, ob ich je ein solches Leben führen werde.

  4. Muyserin meint:

    Meiner Meinung nach KANN man Ihren Satz durchaus auch so interpretieren, dass Sie sich fragen, wann Ihr Leben, das Ihnen (bereits) das Halten eines Hundes erlaubt, (überdies) noch die regelmäßige New-Yorker-Lektüre gestattet.

  5. Sebastian meint:

    @muyserin Ich hab da auch erst einen Hinweis auf eine Überraschung vermutet, aber sehe es nun als ein Schillern der deutschen Sprache, das die Kaltmamsell so schön erzeugen kann. Denkt man sich das Leben eines Menschen im Singular (also ohne Wiedergeburten zu Lebzeiten bzw. mehrere „ein Leben“), versteht man es wie wir grad.

  6. Muyserin meint:

    Natürlich. Ich wollte der Kaltmamsell um Gottes Willen nicht mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache vorwerfen, nur darauf aufmerksam machen, dass eine Botschaft zwischen Schreiben und Lesen auch mal Bedeutungsänderungen durchlaufen kann.

    Was Anderes: der Text über den Papapolizisten war berührend. Danke dafür.

  7. Olga Fetisowa meint:

    Auch schlimm, wenn man in einer Firma arbeiten darf, wo von 20 MitarbeiterInnen nur Zwei den Mut aufbringen keine täglichen Überstunden zu leisten. Dank Hartz IV ist ein Druck- und Angstinstrument installiert worden, das genau solche Entwicklungen befördert. Duckmäusertum wird auch Dank der NSA/BND-Datensammelwut wieder Top-Aktuell.
    Übrigens hat Norwegen die geringste Burn-Out Quote. Manchmal ist schwarzer Humor für einige Leute einfach zu dunkel.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Na gut, die Herrschaften, der Satz war grammatikalisch zweideutig. Hier die Korrektur: Werde ich je ein Leben führen, das mir das Halten eines Hundes und die Lektüre jeder Ausgabe des New Yorkers erlaubt?

  9. Sebastian meint:

    Whateveri… ich finde, Du solltest einen Hund kriegen.

  10. Susann meint:

    @Olga

    Genau deshalb braucht es klare Worte seitens der Führung – sobald auch nur zwei Leute glauben, sich durch Gratismehrarbeit absichern zu können, beginnt die Spirale zu drehen und der Druck auf alle steigt. Da muss die Führungsetage – falls sie integer ist und ein bisschen auf ihre Human Resources schaut – klar definieren was sie will und was nicht.

    Aber die meisten Führungsetagen machen ja wohl eher auf nutznießen und schweigen, wenn sie nicht aktiv durch Hinweis auf Globalisierung/fleißige Chinesen/sonst was auf die Alternativlosigkeit von Gratismehrarbeit pochen.
    Seufz.

  11. Walküre (@maria_hofbauer) meint:

    Dem Begriff „fleißig“ begegne ich mit gebührender Vorsicht, da ihm nach meinem Gefühl 1. noch deutliche Züge schwarzer Pädagogik anhängen und er 2. vorwiegend fremddefiniert wird.

  12. Gaga Nielsen meint:

    Der blaue Hausmeisterkittel als Metapher für einen überschaubaren, autonomen Aufgabenbereich mit praktischem Schwerpunkt, im vertraglich geregelten Dauerauftragsverhältnis, ohne live Überwachung und kleinteilige Rechenschaftsberichterstattungsanforderung? Schon attraktiv.

  13. adelhaid meint:

    das beispiel der harry potter kinder auf der private school hinkt doch leider ein wenig: die konnten doch nicht auf eine normale schule gehen, wenn alle wussten, dass sie eigentlich in hogwarts sind. da hätte man vielleicht ein bisschen besser recherchieren können…
    Erst kürzlich gab es bei der bbc eine doku zu den grammar schools. so richtig richtig das gelbe vom ei waren die halt auch nur, wen man den länglichen schädel und die blasse haut der eingeborenen mitbringen konnte. aber letztlich bietet sich hier kein anderes bild als das der dt. gymnasien, die inzwischen dazu verdammt sind, 70% eines jahrgangs mit einer hochschulreife auszustatten (um die lieben kleinen dann dort scheitern zu lassen).

  14. mariong meint:

    Ist das Ihr Lebenswunsch?
    Hund haben und Zeitung lesen können?
    Worauf warten Sie noch?

    Ich habe mein neues verrücktes Lebensziel formuliert:
    Wechseljahre bedeutet nicht, dass ich mich von Frigitte
    verrückt machen lasse und einer Hormonkur mit Diät
    unterziehe, sondern ich werde meine Midlifecrisis voll
    ausleben und den Lebensstil wechseln: aufräumen,
    entrümpeln, Träume begraben wenn nötig oder aber
    endlich ausleben! Towanda!
    Machen Sie alle mit!
    ;-)

  15. die Kaltmamsell meint:

    Ich warte darauf, mariong, eine Quelle für Lebensunterhalt zu finden (aka Job), die mir das zahlen. Aber: Nein, es geht nicht um Zeitunglesen, das tue ich heute auch, allerdings mit Müh und Not meine tägliche Süddeutsche. Sondern um so viel Zeit, Muße, Ruhe, dass zum Lesen von Zeitung, Büchern, Web auch noch die für den wöchentlichen New Yorker kommt. Ich bestehe halt unter allen Umständen darauf, für meinen eigenen Lebensunterhalt aufzukommen.

  16. Tim meint:

    Adelhaid: Die Studienberechtigunsgquote liegt in Deutschland derzeit bei rund 50% eines Jahrgangs, nicht 70%. Was ist denn die Alternative? Zurück zu 20% wie vor 30 Jahren? Wie die Schweiz heute, die ohne die qualifizierten Fachkräfte aus dem Ausland nicht mehr auskommt? In der Branche in der ich tätig bin, sind sehr viele Unternehmen und Europazentralen in der Schweiz. Wir arbeiten viel mit den Unternehmen zusammen, ich habe bisher noch keinen Schweizer beruflich kennengelernt.

    Wobei wir natürlich bei dem schweizer Volksentscheid wären. Der nichts ändern wird, aber die Bürokratie erfreut. Nur ein kleiner Teil der ausländischen Fachkräfte lebt dauerhaft in der Schweiz, die Fluktuation ist in den Konzernen groß. Alle 2-3 Jahre neue Aufgaben und oft ein neuer Standort. Hier knüpfe ich an das posting an. Fleiß alleine wird nicht honoriert. Die Überstundenkultur kann nur gedeihen, wenn der Arbeitnehmer „entwurzelt“ ist – kein reales Leben auf ihn wartet (zu hart formuliert). Bei Unternehmen ist ab einer bestimmten Ebene niemand für sagen wir mal 10 Jahre Perspektive in einem Unternehmen, einem Job oder in einer Stadt.

  17. Trulla meint:

    Irre ich mich, oder ist Ihr Job nicht der – bewusst gewählte – einer Sekretärin, der Ihnen genau das erfüllen sollte, was Sie vermissen? Nine to five, oder?

    Und woran scheitert das? Als interessierte Beifallspenderin fragte ich mich schon gelegentlich, inwieweit Ihr Tun mit originärer Sekretärinnenarbeit vereinbar ist. Transportieren und Zusammenbasteln eines Schranks gehört sicher nicht dazu. Warum machen Sie es also?

    Kann es sein, dass Delegieren eines der wenigen Gebiete ist, das Ihnen nicht so liegt?

  18. die Kaltmamsell meint:

    Es ist, wie so oft, nicht so einfach, Trulla. Zum einen arbeite ich in einer Agentur, da sprechen wir schon mal statt von Nine to five von Nine to six: Es wird erwartet dass ich zwischen 9 und 18 Uhr verfügbar bin (darin theoretisch eine Stunde Mittagspause). Und das Deligieren ist nicht mein Problem, sondern das der Kolleginnen, wodurch ich viel zu wenig zu tun habe (ein Sieben-Leute-Laden braucht ja auch im Grunde keine Vollzeitsekretärin). Also suche ich mir Arbeit und Beschäftigung, um mich nützlich zu machen – darauf bin ich gepolt. Damit ich abends mindestens sieben Stunden in die Zeiterfassung berichten kann.

  19. Sebastian meint:

    Wieder einmal ein belebendes Gefühl, wie hier aus ein, zwei kleinen Sätzen ein Gespräch entsteht, das aus einer persönlichen Befindlichkeit heraus eine gesellschaftliche erklärt und den Blick dafür erweitert – dabei immer wieder mit Verankerung im persönlichen. Besser können Gespräche nicht sein, und Bloggen damit auch nicht.

    Frei heraus: Mit Interesse beobachte ich dabei die Versuche, auf simple Fragen (trulla! mariong!!) nicht mal einfach mit: Ja! zu antworten. Das wäre vielleicht ein Ziel, so vermessen das ist (doppeldeut!)?

    Und: Ist Billen das neue Bloggen?

  20. Tina meint:

    „Ich bestehe halt unter allen Umständen darauf, für meinen eigenen Lebensunterhalt aufzukommen.“

    Als Mitleserin seit über einem Jahr möchte ich mir trotzdem die Frage erlauben, ob es keine denkbare Alternative wäre, zumindest vorübergehend zu zweit vom Gehalt des Mitbewohners (aka Ehemann) zu leben? Und dann zu schauen, ob sich aus den vielen anderen Interessen, Fähig- und Fertigkeiten nicht z.B. eine freiberufliche Tätigkeit oder ein Halbtagsjob entwickeln könnte?
    Das ließe sich dann auch mit einem Hund vereinbaren.

    Auf Dauer macht es krank, gegen die eigenen Bedürfnisse zu leben, da spreche ich leider aus Erfahrung. Und, ebenfalls selbst erlebt: Hund tut gut!

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