Archiv für Februar 2018

Journal Mittwoch, 21. Februar 2018 – Sollten Jugendliche so früh wie möglich selbst Geld verdienen müssen?

Donnerstag, 22. Februar 2018

Seit einer Diskussion darüber vor wenigen Tagen auf Twitter denken einige in meinem Internet darüber nach (z.B. Nessy, dasnuf, Anne Schüßler), ob man Druck auf Jugendliche in Schule und Studium ausüben sollte, selbst Geld zu verdienen.

In meiner eigenen Jugend (1980er) war es sehr üblich, so früh wie möglich Geld zu verdienen, meine Peer Group verband das sogar mit Prestige: Wir konnten es kaum erwarten, endlich alt genug dafür zu sein. So verdiente ich mein erstes eigenes Geld mit Musikauftritten (Querflöte in einem Holzbläserquintett), mit 17 hatte ich den ersten Putzeinsatz in der Fabrik, einmal half ich bei einer Inventur im Kaufhaus, und sobald ich 18 war, verdiente ich Geld als Kellnerin in einer Kneipe.

Das Bedürfnis nach eigenem Geld war bei mir so groß, dass ich nicht sagen könnte, ob meine Eltern nachschoben. Ich bilde mir ein, dass sie meinen Wunsch als selbstverständlich ansahen und weiß, dass sie mir tatkräftig bei der Suche nach lukrativen Jobs halfen.

Nach meinem Zeitungs- und Rundfunksvolontariat verdiente ich im Studium Geld fast nur mit berufsnahen Tätigkeiten: Radiobeiträge, Urlaubsvertretung Zeitung, Hiwi an der Uni. Nur in einem Sommer hatte die Redaktion keinen Job für mich und ich ging wieder sechs Wochen in die Fabrik.

Selbstverständlich habe ich in allen Jobs eine Menge fürs spätere Leben gelernt – doch so empfand ich es nicht: In erster Linie erlebte ich ungeheuer Spannendes, Besonderes. Eine Fabrik von innen! Im Kaufhaus nach Öffnungszeiten! Die Bestellung „a Maß Goaß“ war kein Scherz, sowas gab es wirklich!

Doch ähnliche Abenteuer kann auch eine Jugendliche erleben, die auf eine Pfadfinder-Freizeit als Betreuerin mitfährt. Die sich mit ihrem Orchester über Monate auf eine Auslandsfahrt vorbereitet. Ich glaube nicht, dass man durchs frühe Geldverdienen etwas so Unersetzliches lernt, dass das jeder und jede tun müsste. Vor allem nicht gegen ihren Willen.

Und die Jugendlichen, die gar nichts davon machen, weil sie lieber den ganzen Tag Schmink-Tutorials auf YouTube und TV-Serien gucken, haben halt vermutlich kein Bedürfnis nach Abenteuern. Denn darum geht es: Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, auch wenn sie noch sehr jung sind.

Unmut und Leid hingegen bereitete mir Hausarbeit. Für Tätigkeiten im Haushalt gab es bei uns kein Geld, meine Mutter priorisierte den Aspekt, dass in einer Gemeinschaft jeder und jede seinen und ihren Teil beitragen muss. Dem stimme ich zu. Doch ich hasste jede dieser Pflichten leidenschaftlich (auch wenn ich selbstverständlich eine Menge dabei lernte), fühlte mich gezwungen und unterdrückt. Dabei hätte es eine Alternative gegeben, wie ich erst vor wenigen Tagen durch Lektüre bei Frau…äh…Mutti lernte:
In „Nähkästchenplauderei“ schildert sie, wie sie ihre drei Kinder zu Hilfe bei der Gartenarbeit erzog.

Wir gingen zusammen raus, arbeiteten gemeinsam und am Abend wurde gegrillt oder es gab Pizza vom Italiener.

Wenn ich mir vorstelle, meine Mutter hätte Hausputz als Gemeinschaftsprojekt aufgezogen (und darum ging es ihr ja eigentlich), 1. Was ist alles zu tun? 2. Du putzt das Bad, ich sauge Staub 3. Und dann belohnen wir uns – dann wäre das ganz sicher eine ganz andere Nummer geworden. Aber dann hätte es sich vielleicht nicht mehr nach verdienstvoller Pflichterfüllung angefühlt?

Das mit dem Geld: Ich bin halt schon mal mit einem überdurchschnittlich hohen Autarkiebedürfnis (SELBER!) auf die Welt gekommen, das machte frühes Verdienen eines eigenen Gelds besonders attraktiv. Und ich spüre, dass ich mich irrationalerweise bis heute ein wenig denen überlegen fühle, die sich auch noch zu Zeiten komplett von ihren Eltern durchfüttern ließen, als sie bereits Alternativen für Selbständigkeit gehabt hätten – was völlig bescheuert ist, den damit mache ich persönliche Autarkie zum absoluten Wert. Andere Leute sind anders und haben andere Bedürfnisse: Zum Beispiel lebten manche lieber genügsam, um sich weniger anstrengen zu müssen, oder sie zahlten für Muße den Preis, sich materiell stärker ihren Eltern unterordnen zu müssen.

Mein Jahr im Ausland hat wie kaum etwas Anderes zu positiven Seiten meiner Charakterentwicklung beigetragen – sehe ich das auch als verpflichtend an?

Das mit dem Job neben Schule und Studium gehört wahrscheinlich zu dem weiten Feld „Heute ist es anders als früher – muss es deshalb automatisch schlechter sein?“. Kinder spielen heute deutlich seltener unbeaufsichtigt draußen, sind deutlich weniger Gefahren ausgesetzt, und ich bin sicher, dass das einen Unterschied macht. Aber muss das ein Unterschied zum Schlechten sein? Gefährlich wird diese Haltung, wenn sie eigenes Leiden verherrlicht: „Mir hat’s auch nicht geschadet.“ Das kann zum einen Selbstbetrug sein (so neigen Menschen, die in ihrer Kindheit physische Gewalt erfahren haben, später belegbar selbst mehr zu Gewalt). Zum anderen haben Zwang und Leiden, Angst und Stress in frühen Jahren sicher Einfluss auf den Charakter – aber ich wäre sehr vorsichtig mit der Prognose, dass dieser Einfluss auch nur tendenziell positiv ist.

Schwierig waren allerdings schon immer Menschen, die alles zugleich haben wollten: Geld und Dinge, über die sie ungefragt verfügen können, gleichzeitig keine Anstrengung einsahen, sondern bedingungslose Wunscherfüllung beanspruchten – und die Zorn über die gefühlte Unfairness empfanden, wenn Bedingungen gestellt wurden. Doch ob sich solche Charakterfehler durch Zwangsarbeit als Jugendliche beheben lassen, bezweifle ich.

§

Eine US-amerikanische Lehrerin erzählt aus der Schule:

„The Teens Will Save Us“.

Every year, before I teach 1984 to my seniors, I run a simulation. Under the guise of “the common good,” I turn my classroom into a totalitarian regime; I become a dictator.

(…)

I’ve done this experiment numerous times, albeit not consecutively, and every year I have similar results. This year, however, the results were different. This year, a handful of students did fall in line as always. The majority of students, however, rebelled.

Klar ist das Loch in der Geschichte der Lehrerin, dass Klassen miteinander sprechen: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die aktuellen Schülerinnen und Schüler noch nie von dem Experiment gehört haben, das Dina Leygerman ja jedes Jahr an ihrer Schule durchführt. Und doch: Es wehren sich genau die jungen Leute, die unter Verdacht stehen, heutzutage durch Fürsorge und ohne Leiden im Gegensatz zu uns zu verweichlichen.

§

Allerletztens führt mich das zum generellen Nachdenken über die Verherrlichung von Leiden: Das Ideal des „Verlassens der eigenen Komfortzone“, sich in der Fastenzeit zielgerichtet Leid zuzufügen (hat jemand meine Idee mit dem täglichen Hammerschlag auf den eigenen Daumen umgesetzt?), mit „mir hat’s auch nicht geschadet“ vorauszusetzen, dass die Erfahrung von Leid einen zum besseren (wertvolleren? höherwertigen? gottgefälligeren?) Menschen macht – soll das so?

§

Jetzt aber noch echtes Tagebuch: Wetter weiter kalt, gestern zumindest mit Sonne. Als ich zwischen 17.45 und 18.15 Uhr zum Sport ging, war es noch nicht ganz dunkel. Sport war eine Runde Crosstrainer und Rudern, dann Hot Iron. Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell das restliche Hühnerfleisch als aserbaidschanisch-jüdisches Omelett mit Maroni drin: Sehr gut.

Journal Dienstag, 20. Februar 2018 – Feudales Nachtmahl

Mittwoch, 21. Februar 2018

Den ganzen Tag spazierten gelangweilte Schneeflocken an meinem Bürofenster vorbei. Dabei soll es laut Vorhersage jetzt erst so richtig kalt werden.

Das Abendessen hatte ich mal wieder Herrn Kaltmamsell überlassen – der anscheinend den ganzen Nachmittag in der Küche verbrachte: Es duftete bereits hinter der Wohnungstür mundwässernd.

Als Hauptspeise gab es Enchiladas aus dem Ofen mit einer Füllung aus gekochtem Hühnchenfleisch, Tomaten, grünen Paprika, Sauerrahm, scharf – köstlich und besser als alles, was ich je in einem TexMex-Laden bekommen habe. (Mit den Glasteller kommen Sie zurecht?)

Doch Herr Kaltmamsell wies mich auf den Dämpfer hin, der seit drei Stunden auf dem Herd köchelte: Er hatte Sussex Pond Pudding ausprobiert. Von dem Pudding hatte ich noch nie gehört, doch an Dew Ponds war ich beim Wandern in Südengland immer wieder vorbei gekommen. Jetzt erfuhr ich, dass sie einem sehr altmodischen (Erstbeleg 1672) britischen Nachtisch Pate gestanden hatten.

Außen suet crust, innen eine ganze Zitrone, Butter und brauner Zucker.

Schmeckte sehr exotisch, aber durchaus gut. (Herr Kaltmamsell hat dieses Rezept verwendet.)

§

Es hat sich herausgestellt, dass Mitglieder der Hilfsorganisation Oxfam im Haiti Hilfebedürftige sexuell missbraucht haben – und das ist nur der aktuellste solche Skandal. Mademoiselle Read on kennt aus eigenen Projekten die menschliche und gesellschaftliche Konstellation, die solchen Missbrauch erleichtert und nennt das Gegenmittel:
„Die Suche nach dem Korrektiv“.

§

Eine schöne Vermietergeschichte:
„Stiftung statt ErbschaftDer Fair-Mieter“.

In dem Moment, indem ein Unternehmen Vermieter an Privatpersonen ist, kann man die Hoffnung auf solch eine Haltung natürlich vergessen.

§

Das frage ich mich ja schon lang: Meine Generation, die mit Videospielen groß geworden ist (fragen Sie mal Herr Kaltmamsell nach seiner Jugend vorm Fernseher, am C64 und beim Rollenspielen), die das Web wenn nicht erfunden hat, dann aber gleich nach Erfindung intensiv genutzt: Wie handhaben die den Computer- und Netz-Umgang ihrer Kinder?
Eine Antwort findet man im immer noch guten Buch von Tanja und Johnny Häusler: Netzgemüse.
Weitere Antworten hat der Spiegel gesammelt:
„Wenn Eltern mit den Kindern zocken“.

via @dasnuf

Journal Montag, 19. Februar 2018 – Dublin-Tipps?

Dienstag, 20. Februar 2018

Kalter Tag, leider wurde auch das Büro nicht recht warm. Gegen Feierabend war mir so kalt, dass ich keine Lust auf den geplanten Einsatz meines Sportrucksacks hatte (Step-Aerobics). Statt dessen ging ich durch die Eiskristalle meines Atems nach Hause und drehte die Heizkörper in der Wohnung bis zum Anschlag auf.

Abends buchte ich eine Unterkunft für die Woche Dublin nach unserer Wanderung des Wicklow Way. Nach Recherche der Zimmerpreise in B&Bs und Hotels hatte ich ein paar Tage Erholungspause gebraucht und dann doch wieder AirBnB genommen. Dafür musste ich mir natürlich einen ersten Überblick über die Stadt verschaffen und war schon mal hoch erfreut. Jetzt sind wieder Sie dran, meine immer hilfreichen Leserinnen und Leser: Kennt hier jemand Dublin? Wo sollte ich essen und trinken? Wo sollte ich Lebensmittel einkaufen? Kann man noch traditionelles irisches Brot bekommen? Welche Ausblicke sind die schönsten? Ich freue mich über jeden Tipp.

Journal Sonntag, 18. Februar 2018 – Schneelauf und Black Panther

Montag, 19. Februar 2018

Eigentlich hatte ich Schwimmen geplant, aber es war draußen so schön verschneit wie bislang den ganzen Winter noch nicht: Ich wollte die möglicherweise einzige Chance auf einen Isarlauf in weißer Pracht nutzen.

Ich lief Intervall: Laufen – Fotografieren – Laufen – Laufen – Fotografieren etc. Das abschließende Bild machte ich mit Fremdhandy, als ich auf dem Südfriedhof eine Familie von weit her sah, die ihr kleines Kind und einander in allen möglichen Posen mit Schnee und verschneiten Grabsteinen festhielt: Die Herrschaften nahmen mein mit Gesten verdeutlichtes Angebot, alle drei zusammen zu fotografieren, begeistert an.

Es war aber zu und zu schön da draußen. Das wird hier natürlich festgehalten, da müssen Sie jetzt durch, wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Nachmittags erwischte ich im Cinema eine 2D-Vorstellung von Black Panther. Der Superhelden- und Marvel-Experte an meiner Seite hatte mich schon beim Erscheinen des ersten Trailers mit seinem Hintergrundwissen darauf vorbereitet, doch die ganz andere Ästhetik, die sich deutlich von allen bisherigen Superheldenfilmen unterschied, überraschte mich dann doch – und das aufs Beste: Die Welt von Wakanda ist liebevoll bis in viele Details ausgestaltet und ganz auf afrikanische Kulturen und Geschichte ausgerichtet. Große Freude auch über die vielen, verschiedenen und wichtigen Frauenfiguren des Films. Positiv überrascht war ich über den Humor, der oft unerwartet eingesetzt wird und unter anderem erleichternd die Heldenhaftigkeit der einen oder andere Szene bricht.

Auf dem Heimweg fragte Herr Kaltmamsell, ob beim Filmschauen wohl auffallen würde, dass fast ausschließlich schwarze Darstellerinnen und Darsteller zu sehen sind – wenn das nicht so stark thematisiert worden wäre. Mir vermutlich erst in dem Moment, in dem eine weiße Figur auftaucht, es gibt ja andere rein schwarz besetzte Filme, vergangenes Jahr zum Beispiel der Oscar-Gewinner Moonlight. Doch genug menschliche Vielfalt bietet Black Panther auch ohne diesen Hinweis.

Für die Süddeutsche analysiert Fritz Göttler den Film:
„Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream“.

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Christian Stöcker appelliert nochmal für ein Umdenken in der Mobilitätspolitik:
„Nahverkehr vs. Individualverkehr
Holen wir uns die Welt zurück!“

Darin auch viele Hinweise, warum das Kaufverhalten der Verbraucher nicht Maß der Politik sein darf.

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Weil wir schon mal dabei sind: Maxim Loick erzählt eine Karnevalgeschichte aus dem Bus.
„ÖPNV“.

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Elisabeth Ranks geht beim Umgang mit seelischen Veränderungen den Behördenweg:
„Antrag auf Verlängerung“.

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Ute Hamelmann (u.a. Schöpferin der Figur „Goldener Blogger“) hat Deutschlands politische Zukunft in ein Bild gefasst:
„Cartoon: Das Groko“.

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Eiskunstlauf hat ja gerade viele Freundinnen und Freunde (das deutsches Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko / Bruno Massot hat mit einer sensationellen Kür bei den derzeitigen olympischen Winterspielen in Südkorea gewonnen), vielleicht mag sich jemand eine Nummer von Sonja Henie aus dem Jahr 1945 ansehen (das Kostüm ginge heute noch super):

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/7sjnfkEOpsE

via @OnThisDayShe

Tweet von gestern:

On this day in 1932 Sonja Henie won her 6th straight World Women’s Figure Skating title. She was also an actress, one of the highest-paid stars in Hollywood, starring in a series of box-office hits such as Thin Ice (1937).

Journal Samstag, 17. Februar 2018 – Vereinssport: A whole new world

Sonntag, 18. Februar 2018

Nach Ausschlafen und Bloggen besuchte ich gestern zwei Vormittagsturnstunden am neuen Sportort. Vereinssport bewegt sich auf vielen Ebenen in einer ganz anderen Kultur als Fitnessstudiosport, und das finde ich gerade ungeheuer spannend.

In dieser Sportvereinskultur ist sehr wahrscheinlich der MTV nochmal etwas ganz Eigenes, der Geschichte und den Örtlichkeiten geschuldet:

Sie sollten die Turnstunden nach Mitgliedern des bayerischen Königshauses benennen: 45 min. Amalie, Sisi für Fortgeschrittene, Hot Max, Anfänger-Leopold, eine Runde Rudolfen etc.

(Was Anderes: Liest hier eine Steinmetzin oder ein Steinmetz mit, der den falschen Punkt nach 1909 beseitigen könnte?)

Gestern sah ich das Gebäude und den Ausblick aus dem Gymnastiksaal zu ersten Mal bei Tageslicht. Ich bewegte mich bei 45 Minuten „Move & Dance“, was heutzutage die letzten Reste von dem sind, was vor 40 Jahren als Aerobics angefangen hat. Der Schwerpunkt liegt auf tänzerischer Bewegung, nicht mehr auf exakt und mit Spannung ausgeführter Choreografie. Danach 45 Minuten „Bodystyling“, was in meiner persönlichen Sportgeschichte als ruhige, geführte Gymnastik mit möglichst vielen Wiederholungen begonnen hat, doch zumindest gestern aus sehr dynamischen und zum Teil raumgreifenden Übungen mit vereinzelten Sprüngen bestand, die ich mit der Erscheinung „Functional Training“ verband – allerdings bei Weitem nicht so belastend.

Überraschung und große Freude nach der Stunde, als mich eine Mitturnerin ansprach, die mein Blog kennt. Sie habe sich gefreut, dass ich zum MTV gewechselt sei und sich schon gedacht, dass wir einander dort früher oder später begegnen würden. Jetzt kenne ich also neben dem lang verflossenen Arbeitskollegen noch jemanden dort.

Und nun der Kulturwechsel: Ich ging heim, ohne zu duschen. Das hatte ich nämlich von Anfang an beobachtet: Dass nur eine Minderheit der Frauen die Umkleide geduscht verlässt. Einige Teilnehmerinnen an den Gymnastik- und Hüpfstunden gehen erst gar nicht in die Umkleide, sondern haben eine Tasche mit Turnschuhen und Handtuch dabei, die sie in eine Ecke des Gymnastiksaals stellen.

Die Duschen sind viele und ordentlich, im Gegensatz zu Nassbereichen von Fitnessstudios aber weit entfernt von aller einladender „Wellness“. Das allein konnte doch nicht der Grund sein.

Wie gut, dass ich einen langjährigen Vereinssportler in der Familie habe, den ich fragen konnte, ob meine Beobachtung überhaupt stimmt und ob er den Grund kennt: Meinen Bruder, Jugend-Basketballtrainer in einem Verein.

Er schätzte im gestrigen Telefonat den Anteil an Nichtduschern bei sich auf 50 Prozent – das sind schon mal 50 Prozent mehr als in einem Fitnessstudio, wo sich jede nach dem Sport duscht, vielleicht mit Ausnahme nach Yogastunden. Zum einen, erklärte mein Bruder, wohnten viele in der Nähe der Sportstätte, auch er zum Beispiel, und gingen deshalb lieber schnell nach Hause zum Duschen. Zum anderen, und diesen Verdacht hatte ich schon gehabt: Trainingsanzug.

Niemand will ja nassgeschwitzt in zivile Kleidung steigen. Doch während Trainingsanzüge in der Fitnessstudiokultur nahezu unbekannt sind, gehören sie laut meinem Bruder fast schon definitorisch zum Vereinssport. Schließlich seien alle Sportarten dort auf Wettkämpfe gegen andere Vereine ausgerichtet. So habe man zum einen auf Wettkämpfen das Bedürfnis, durch Vereinskleidung die Zugehörigkeit zum eigenen Verein zu zeigen – das könne man nicht durch Jeans und Pulli. Zum anderen gebe es in Wettkämpfen immer Pausen, in denen man sich etwas überziehen wolle, um nicht zu frösteln, nämlich einen Trainingsanzug (unverständlicherweise nahm er meinen Alternativvorschlag „Bademantel?“ nicht ernst und behauptete, der sehe da nicht gut aus).

Gestern hatte ich meine Winter-Laufkleidung über die Sportklamotten gezogen (plus Janker), in die schlüpfte ich also nach dem Sport für die zehn Minuten Heimweg. Wenn ich direkt nach der Arbeit zum Sport gehe, werde ich aber nicht ums Duschen rumkommen.

§

Wenn man nicht mehr raus muss, ist so ein Schneetag ja schon ganz schön. Ich verbrachte ihn mit Wäschewaschen und Lesen.

Letzteres versuchte ich mal in therapeutischer Haltung, um die immer noch zickende LWS-Bandscheibe zu entlasten. (Foto: Herr Kaltmamsell)

Abends – Herr Kaltmamsell war aushäusig – packte ich die jährliche Meldung von Blogposts bei der VG Wort an: Für 2017 gilt es über 170 Einträge einzeln aufzurufen und Überschrift sowie Text ins Online-Formular zu kopieren. Das dauert unter anderem deshalb so lange, weil ich beim Wiederlesen gerne mal an Einträgen hängen bleibe und mich erinnern lasse. So oder so: Die Ausschüttung war bislang immer so reichhaltig, dass sich die Mühe wirklich lohnt.

Journal Donnerstag/Freitag, 15./16. Februar 2018 – Ein Abend im Broeding

Samstag, 17. Februar 2018

Am Donnerstag schneite es den Nachmittag über, dann regnete es: Der Heimweg auf tauendem, vorher fest getretenem Schnee war unterm Regenschirm eine sehr rutschige und anstrengende Angelegenheit.

Zum einzelnen Nachtmahl (Herr Kaltmamsell war aushäusig) machte ich mir Feldsalat aus Ernteanteil und einen Teller Griesbrei.

§

Kräftiger Regen auch Freitagmorgen.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell im Lieblingsrestaurant Broeding verabredet, diesmal schmeckte es ganz besonders gut, und die Ausführungen von Sommelière Anna Flohr, zum Beispiel zur sich langsam etablierenden Terminologie bei orange wines in Österreich, waren ganz besonders interessant.

Der Gruß aus der Küche vorneweg war ein Lauchgemüse mit getrockneten Tomaten, Balsamico und Mozarella, das wunderbar nach einer wintrigen Caponata schmeckte. Als Aperitiv hatte ich mir ein Glas vom Belsazar Vermouth erbeten, den ich hinter der Theke im Regal erspät hatte: Den Rosé hatte ich noch nirgends in München gefunden. Schmeckte ausgesprochen gut.

Gegrillter Thunfisch und mariniertes Kalb mit besonders interessantem Szechuan-Krautsalat und frittierten Bananenblüten. Dazu im Glas: Ein Heinrich Welschriesling Freyheit, der mir allein etwas zu mostig war, mit dem Thunfisch und dem Kalb aber säure-fruchtig und voll wurde.

Pastinakensuppe mit schwarzen Walnüssen, das Grüne war ein Pistou aus Mairübchengrün. Sehr fein – wir machen ja auch seit Jahren Pastinakensuppe, doch die schmeckt dann immer sehr brachial nach der Wurzel und nie so schön mild. Der Wein dazu: Von Hirsch aus dem Kamptal ein Grüner Veltliner Lamm 2011, der im Holz gereift war – der interessanteste und intensivste Grüne Veltliner, an den ich mich erinnere. (Wenn ich daran denke, dass Grüner Veltliner für mich bis vor 15 Jahren dieser österreichische günstige Sommerwein vom Norma war…)

Fischgang: Loup de mer mit Fenchel und Brokkoligrün, der konventionellste Teller, aber sehr gut. Zum Wein erfuhr ich, dass der Steiermärker Tement seinen Sauvignon Blanc jetzt auch jenseits der Grenze anbaut, als Ciringa. Wir bekamen den Reserve, der überraschenderweise eine Säure-Bombe war, wie ich es von Sauvignon Blancs gar nicht gewohnt bin.

Die schöne Maishendlbrust mit gefüllter Zucchiniblüte und Blumenkohl-Couscous wurde begleitet von einem Wenzel Pinot Noir Kleiner Wald.

Als Käsegang ein Morlacco di Grappa mit Rosmaringelée und Walnussbrot, der die Textur eines Taleggio hatte, im Gegensatz zu diesem aber sehr aromatisch war. Der begleitende Wein war ein rasser Kikelet Tokaji Formint, den ich von einem früheren Besuch kannte und mochte.

Pre-Dessert (sowas gab’s ja früher nicht – vielleicht wird doch alles immer besser?): Mandarinengranité mit Praline.

Pralinenparfait-Bisquit-Törtchen mit Ananas. Fein fand ich vor allem Ananas und Äpfel (hinterm Törtchen) – ich bin weiterhin kein Fan solcher elaborierter Dessert-Teller und habe den Verdacht, dass es nichts gibt, was durch Bisquit besser wird. Weinbegleitung war eine Kracher Scheurebe Trockenbeerenauslese, die ich sehr mochte.

Ein abschließender Espresso, dann brachten wir einander heim. Ich freute mich besonders, dass Herr Kaltmamsell bis zuletzt wach und munter war: Er wird bei solchen ausgedehnten Mahlen oft von Wein und später Stunde schrecklich müde und barmt mich dann sehr in seinem Kampf dagegen.

§

Einmal im Jahr wird die Bloggeruhr ein paar Jahre zurückgedreht, und Frau Julie bloggt wie vor zehn Jahren – wenn auch für die LVZ. Dann ist nämlich Berlinale, und Julie blogt darüber aus ihrem Hinterstübchen. Auch dieses Jahr geht es mit dem Eröffnungsfilm los:
„Berlinale 2018 – Hunde, wollt ihr ewig leben?“.

(Ob sie vielleicht für uns Krückstock-schwingende Pleistozän-Blogleserinnen mal ein Update zu Töchtern, Mann, größeren Absurditäten schreibt?)

§

Leider immer noch und immer mehr Realität in Deutschland: Antisemitische Angriffe auf Juden. Ein paar der betroffenen Mitbürgerinnen und Mitbürger erzählen von ihrem Alltag.
„Verletzt in Berlin“.

§

Als Start ins Wochenende noch was fürs Auge: Supergeschmückte Lkw in Japan und ihre Geschichte.
„The Blinged-Out Work Trucks of Japan Photographed by Todd Antony“.

via @dtfdpr

Journal Mittwoch, 14. Februar 2018 – Neue Tasche

Donnerstag, 15. Februar 2018

Ein kalter sonniger Tag. Nach Feierabend Fußmarsch zum Sport, ein zweites Mal Langhanteltraining an neuem Ort. Da den Tag über meine doofe Bandscheibe immer wieder unangenehm auf Nerven gedrückt und Schmerzen verursacht hatte, wäre ich fast nicht gegangen; doch die Bewegung und die Übungen erwiesen sich als wohltuend.

Nicht zurecht kam ich wieder mit dem Umstand, dass bei Heimkehr um dreiviertel neun gerade mal noch Zeit für Abendessen bleibt.

Und für Umräumen: Daheim wartete frisch geliefert (gibt’s nicht im Offline-Handel weil lang vergangener Restposten) meine neue Arbeitstasche auf mich. Ihre Vorgängerin aus derselben Taschenserie war unrauchbar geworden: Abgestoßene und fransige Ecken, ausgebleichter Stoff, mehrere Flaschenbruch-, Milch- und Joghurtauslaufmalheure. Auch die neue fasst Unterlagen, Zeitung, Brotzeit sowie Büroschuhe und lässt Platz für Einkäufe auf dem Heimweg. Da ich gerne die Hände frei habe und trotzdem schnell in die Tasche greifen können will, trage ich sie am liebsten mit Querriemen. Eine lebendigere Farbe wäre mir lieber gewesen, doch es gibt sie nur in dieser – man kann nicht alles haben.

§

#Metoo und seine Folgen sowie die Diskussion darum gehen nicht weg, das freut mich sehr und gibt mir die Hoffnung, dass sich diesmal wirklich etwas ändern und bessern wird.
Gaby Hinsliff im Guardian:
„Carnality and consent: how to navigate sex in the modern world“.

Hinsliff sieht sich an, was sich in den vergangenen Monaten durch #metoo getan hat – und stellt fest, dass sich alte Stereotypen von der Jagd des Mannes nach der Frau und ihrem zögerlichen Nachgeben hartnäckig halten.

The old idea of courtship as a pursuit – in which men do all the chasing while women coyly resist, at least until there is some commitment on the table – has its downsides. It fosters an assumption that reluctance is normal and pushing is required; if a woman suddenly retreats or freezes, that is par for the course. Keep pestering for long enough and eventually a no might turn into a yes.

(…)

In a piece for GQ, the writer Justin Myers said men need to take a long, hard look at their behaviour. “We tell ourselves it’s a ‘grey area’, the rules around it so murky and undefined that all we can do is go for it and hope nobody gets sued,” he wrote. “Consent is seen as something to be tangibly and forcibly withheld, not asked for – we pretend men don’t have to check themselves or read the room; it’s up to his partner to stop them, tell them no, move away from them, leave if possible … Don’t pretend you haven’t noticed their body language just because it’s inconvenient for you to do so right now.”

Gleichzeitig hält sich die Haltung vieler Männer, dass sie einen Anspruch auf sexuelle Aufmerksamkeit von Frauen haben (siehe Pia Ziefles Geschichte „Das steht mir jetzt zu“). Dabei, und darauf läuft auch Hinsliffs Argumentation heraus, sorgt eine Kultur der Zustimmung statt Zwang für besseren Sex für alle:

Like generations of feminists before them, millennials have been accused of being puritanical killjoys or making it practically impossible to have sex at all. But, in some ways, the reverse is true: their whole point is that sex is meant to be fun, that being browbeaten into it is miserable and that more communication should mean better sex for everyone. That is the point where two halves of the millennial psyche – the #MeToo movement and a lusty, libidinous sex-positive movement seeking to reclaim the word “slut” as a joyful thing – come together.

§

Zum selben Thema wurde gestern in meinem Internet vielfach ein Interview mit einem Mann geteilt. Sebastian Schipper, heute Regisseur, hat als Schauspieler auch unter Dieter Wedel gearbeitet und geht mit dem System ins Gericht, einschließlich seiner eigenen Rolle darin:
„‚Wie kann Tukur sagen, dass er nichts bemerkt hat?'“

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von Privilegien sprechen: Gibt es also doch etwas, was Männer durch #MeToo zu verlieren haben?

Schipper: Was soll da bitte verloren gehen? Das Flirten? Was für eine Art von schützenswertem Flirt soll es sein, bei dem sich die andere Person mies fühlt? Oder der Humor? Dass man keinen anzüglichen Witz mehr machen darf? Dass Zoten über Assistentinnen oder Praktikantinnen nun als unangemessen gelten, kann man doch nicht als Verlust beklagen. Witze auf Kosten von Schwächeren sind eh keine Witze. Humor ist, wenn du erkennst, was für eine absurde Erscheinung du selbst bist. Jeder große Komödiant in Deutschland, von Karl Valentin über Loriot bis Anke Engelke, zieht seinen Humor daraus, dass er überfordert mit der Welt ist.


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