Journal Donnerstag, 11. Juli 2019 – Gutes Reha-Rotlicht, schlechte Humorklischees

Freitag, 12. Juli 2019 um 6:16

Wieder ein Morgen mit Durchstarten, damit ich mich auf dem Crosstrainer austoben konnte. Das klappte.

Duschen für die Rotlicht-Anwendung: Sie tat mir sehr gut, ich bildete mir ein zu spüren, wie in der Wärme eine der vergnazten und verspannten LWS-Muskeln schmolz. Danach ging es mir deutlich besser.

Nochmal eine Einheit Rückenschule, diesmal mit Tipps für Alltagsbewegungen im Haushalt und in der Freizeit.

Jetzt war ich dann aber doch genervt von den ständigen lustig gemeinten heteronormativen Geschlechterstereotypen, die als einzige Basis aller Scherze in den Therapiestunden herhalten müssen: Ob Tanzen, Krafttraining oder Wassergymnastik, es gibt ausschließlich Humor der Mario-Barth-Klasse. Paare bestehen nur aus Männern und Frauen, wobei die Frau die einzige ist, die etwas im Haushalt und in der Küche macht und die Kinder versorgt, der Mann der einzige, der für Handwerkliches zuständig ist, Frauen reden zu viel und wollen immer alles hübsch haben, Männer sind in einer Ehe die unterdrückten Hanswurste. Hahahaha. Ist das vielleicht der Preis, den man in diesem ehemaligen Zonenrandgebiet (meine Herrschaften, ich bin alt genug, dass ich mit der Schule noch auf Grenzlandfahrt gegangen bin, mir ist die Subventionsabhängigkeit dieser Gegend bis heute bewusst) fürs Naturidyll zahlt? Vor 35 Jahren habe ich in Schulstunden noch protestiert, wenn Themen, die im weitesten Sinne mit Haushalt zu tun hatten, als „für die Mädchen“ angekündigt wurden. Jetzt merkte ich, dass mir diese Energie leider abhanden gekommen ist, ich ärgere mich nur und bin sehr müde.

Wirbelsäulengymnastik fand diesemal mit Schwingstab statt, den ich schon zu Fitnessstudiozeiten fürchtete. Erforderte Konzentration, war anstrengend, fühlte sich durchaus nützlich an.

Kulinarisches Highlight am Mittagstisch: Es gab Linsen mit Spätzle! Anders als bei Geschlechterrollen weicht man hier beim Essen durchaus von Eingefahrenem ab (am Mittwoch wurde sogar Tsatsiki serviert).

Abschluss der Rückenschule war nachmittags eine Zusammenfassung des Erlernten im großen Vortragssaal.

Blöderweise meldete sich wieder Kopfweh, ich legte mich ein wenig zur Siesta.

Das zweite Mal Qi Gong gefiel mir wieder sehr gut, dazu trug auch bei, dass der große Turnsaal, in dem wir uns bewegten, eine Wand komplett aus Fenstern ins Grüne hat. Eine abschließende Übung mit Partnerin und Anfassen, lieber sind mir Bewegungen ohne zwischenmenschliche Komponente.

Apropos Zwischenmenschliches: In Unterhaltungen beim Warten auf die nächste Anwendung erfuhr ich Hochinteressantes von hinter Berufskulissen, weil ich eine Supermarktangestellte und eine Bekleidungsverkäuferin kennenlernte. Das sind spannende Geschichten!

Nach dem Abendessen wurde aus dem lediglich düsteren ein regnerischer Tag, es setzte leichter Regen ein.

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 11. Juli 2019 – Gutes Reha-Rotlicht, schlechte Humorklischees“

  1. Susanne meint:

    Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass dieses klischeehafte etwas mit dem Grenzland-Status zu tun hat. (Oder sage ich das jetzt, weil ich in so einer Gegend aufgewachsen bin?) Ich glaube, das ist einfach die stockkonservative Landbevölkerung in dünn besiedelten Gegenden….

  2. Sabine meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. Bobbie meint:

    Auch ich stelle die letzten Jahre rückläufige Tendenzen fest in Richtung Frau an Herd und Bügelbrett, Männer unters Auto zum Schrauben und ab in die Hobbywerkstatt. Ich bin etwa gleich alt und spüre auch Ermüdung und Erstaunen, wenn es um dieses Thema geht. Wenn ich in meine Grundschulklassen blicke, gibt es heute wieder mehr Mädchen Mädchen und mehr Jungen Jungen. Rosa und Blau. Ist das nur ein bayrisches Phänomen oder auch anderswo zu spüren?

  4. Andrea meint:

    Hätte diese Art von „Humor“ etwas mit Einwohnern dünn besiedelter Regionen zu tun, hätte Mario Barth kaum so großen Erfolg. Warum diese Art der Unterhaltung immer noch so großen Erfolg hat, ist mir allerdings ein Rätsel. Mir geht das wie Ihnen: Es macht mich wütend und müde.

  5. Ulla meint:

    Den Barth fand ich schon immer schrecklich.Bin noch einige Jahre
    älter, aber immer in dem Bewusstsein aufgewachsen und erzogen worden, dass Frau alles machen kann. In unserem Haushalt beherrsche ich Herd und Technik, die bessere Hälfte kümmert sich um saugen und Bad putzen u.a.

  6. Trulla meint:

    @ Ulla: …die bessere Hälfte? Bitte nicht übel nehmen, aber im Zusammenhang mit Barths Sprüchen nicht ohne Witz. Das haben wir älteren Semester sprachlich halt intus, nicht wahr?

  7. ingrid meint:

    ich wundere mich auch immer, worüber gelacht wird. im österreichischen fernsehen gibt es eine sendung diverser faschingsgilden. die witze sind fast ausschließlich sexistisch und bedienen uraltklischees. die kamera zeigt dann meist frauen, die darüber lachen. sehr seltsam.

  8. Christina meint:

    Schön, dass Sie zum Qigong gefunden haben, das liebe ich seit Jahren – Partnerübungen kenne ich allerdings nicht, vielleicht ist das eine Reha-Variante? Wird auch Feldenkrais angeboten? Das wäre ebenfalls ein tolles Gegengewicht zum „Höher, schneller, weiter“ bei anderen Bewegungsübungen.

  9. Ulla meint:

    @ Trulla sieht so aus ;-)

  10. Sandra meint:

    Ist im Rhein-Main-Gebiet nicht anders, aber finde ich auch nicht schlimm. Süß wird es, wenn mir eine 2-jährige im Eiskönigin-Nachthemd, das sie gern tagsüber tragen wollte, sagt:“Ich bin Harry Potter!“. Dann ist doch alles gut- ihr gefällt beides.
    Und Männerhobbies…mein Mann grillt gern, er braut ab und an mit Freunden Bier und kann ein Geländer in die Wand bohren. Alles Dinge, die ich nicht gern machen würde und auch nicht kann. Ich hasse Bohren. Lieber koche und backe ich. Was ist dabei? Wir tun, was wir mögen und was uns liegt und ergänzen uns dabei. Das hat nichts mit Rollen zu tun, es ergibt sich einfach so.

  11. Berit meint:

    Ich kenne die bessere Hälfte als generelle Bezeichnung für Ehepartner, also geschlechtsunabhängig. Was ist daran so schlimm?

  12. Die Toni meint:

    Nicht Zonenrandgebiet sondern München Stadtmitte, Kempinski, letzten Freitag, Fortbildung für Richter und Rechtsanwälte im Baurecht: Genau die gleichen Scherze:

    Immer ist es im Fallbeispiel die wankelmütige Ehefrau des Referenten, die die Baufirma in den Wahnsinn treibt, weil sie dauernd von Parkett zu Fliesen und zurück wechselt und sich nicht entscheiden kann. Und genauso immer kommt die Ehefrau natürlich grade vom Tennis- oder Golfplatz, während der arme Juristengatte mühsam das Geld verdient, das sie zum Fenster rauswirft. Und immer schallendes Gelächter in der weitgehend männlichen Zuhörerschaft.
    Also anderes Klientel, die selben Scherze. Ich bin der gleiche Jahrgang wie Sie, ich höre das also schon 20 Jahre. Und man lächelt müde, denn Frau, die nicht mitlacht ist natürlich humorlos und zickig.
    Ja müde und genervt.

  13. Trulla meint:

    @Berit: Schlimm? Nichts! Trifft auch sicher oft zu, dass mann/frau selbst (ich nehme mich da nicht aus) die jeweils andere Hälfte als besser empfindet, besonders wenn es um Ergänzung der fehlenden Fähigkeiten geht.
    Hier war mir dieser übliche Sprachgebrauch (sagen das auch jüngere Menschen?) nur im Zusammenhang mit dem Thema seltsamer Humor ala Mario Barth aufgefallen: seine klischeehafte Darstellung von Frauen, wonach implizit der Mann die Krone der Schöpfung darstellt, der gnädig mit den Augen rollt über die Macken der Weiblichkeit. Und da “besser“ nun mal eine Wertung ist, fand ich das witzig. Mehr nicht. Und ich glaube, Ulla hat das auch so verstanden.

  14. Die Toni meint:

    Und Sandra, schlimm ist es natürlich gar nicht, wenn Frauen gerne angebliche Frauendinge tun und Männer so genannte Männerdinge. (Wie es auch nicht schlimm ist, wenn das Gegenteil der Fall ist.)

    Aber schlimm ist das abwertende dieser Scherze, wenn es um die angeblich typischen Eigenschaften von weiblichen Verhaltensweisen geht. Und ja, es IST abwertend gemeint. Und es scheint so gar keine Entwicklung zu geben.

    Und übrigens wird genau so Mario-Barth-artig abwertend gelacht, wenn Männer sog. „Frauendinge“ machen. Ein weiteres Thema …

  15. lihabiboun meint:

    @Toni: Das ist das Gräßliche am Gendern bei kleinen Kindern: Die Mädchen dürfen blau anziehen, da sagt keiner was. Aber wehe wehe wehe, wenn man versucht, einem Jungen was rosafarbens anzudienen: da kommt dann sofort: Bäh, ich bin doch kein Mädchen. D.h., das, was als weiblich empfunden wird/konnotiert ist, ist minderwertig und bäh. Ich finde auch, dass das grade wieder schlimmer wird, als es schon mal war.

  16. die Kaltmamsell meint:

    Das sei Ihnen unbenommen, Sandra. Ich verwahre mich lediglich dagegen, dass automatisch davon ausgegangen wird, dass jede Partnerschaft so aussieht, zum Beispiel meine.

  17. Hauptschulblues meint:

    Das alles hat nichts mit Land- oder Stadt- oder Zonenrandgebietsbevölkerung zu tun.
    Das ist Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Rollbacks, auch auf diesem Gebiet.

  18. Sandra meint:

    @Trulla: meine Antwort oben bezog sich auf Bobbies Beitrag. Und auch @Kaltmamsell

  19. Die Toni meint:

    @lihabiboun:
    Als meine kleine Tochter recht heftig hinfiel und nicht weinte, sagten die Umstehenden: „Wie ein Junge!“
    Ein Junge der weint, „isch a Mädle“ hier im Schwäbischen.

    Und: Wir wissen alle, welche der Reaktionen ein Kompliment ist und welche nicht, richtig?

  20. Windgasse Jochen meint:

    Seltsam das alles, kann das am Millieu liegen? Bei uns ist dieser Mist wirklich weitgehend überwunden, meine Frau ist Wissenschaftlerin (Chemie) an der örtlichen TH, im Freundeskreis lauter Ärztinnen, Ingenieurinnen, Anwältinnen und Musikerinnen alle arbeiten vor sich hin der meiste Krempel wird so gut wie paritätisch erledigt ( bei uns tatsächlich 50/50 ) diesen Mario Barth – Stereotypenkram kenne ich echt nur noch aus diesem Internet … Okay, in der Schule bei der Elternarbeit sieht man doch mehr Frauen als Männer … so ganz überwunden ist es doch nicht. Verdammt!

  21. Lempel meint:

    Ich bin ein Kind der 70er Jahre und da wurden Kinder im Einheitsbraun-Nicki groß gezogen. Meine Eltern hatten gebaut und vererbten meine Klamotten erbarmungslos an meine Brüder. Da gab es keine Unterscheidung in rosa und blaue Kinderkleidung.
    @Windgasse Jochen: Wenn Sie sich da mal nicht irren. Ich kenne viele Elternpaare, bei denen ja alles angeblich soooo 50/50 geteilt wird. Und wenn man genau hinschaut, dann ist es doch immer die Mutter die die Elternbriefe unterschreibt, Geburtstagsgeschenke für die Party des Nachbarsjungen besorgt, den Kuchen für den Adventsnachmittag backt, zwischendurch die Bettbezüge abzieht, den Termin für die nächste U ausmacht und merkt, wenn die Hallensportschuhe zu klein werden. Mental load halt.

  22. Sandra meint:

    Ha ha, genau, bei den Akademikern ist das alles gaaaanz anders! Bei allen! CAVE: Ein Studium ist nicht unbedingt der einzige Grund, klug zu sein ;)
    @Jochen

  23. Berit meint:

    Ah, danke für die Klarstellung, der Kommentar las sich nur so bissig, aber so ist das eben manchmal wenn Mimik und Gestik zur Interpretation fehlen.

    :)

  24. Simone meint:

    Ich kann nur „pink stinks“ empfehlen. Eine Organisation, die sich explizit mit gender Marketing auseinander setzt und anderen Rollenklischees. Für alle, die nicht verstehen, warum es notwendig ist, dass nicht weiter in rosa/blau oder Mann/Frau Stereotypen gedacht werden sollte. Dort kann frau Material finden.

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