Journal Freitag, 1. November 2019 – Schlachthofviertel und Beifang aus dem Internetz

Samstag, 2. November 2019 um 10:24

Den Allerheiligen-Feiertag verbrachte ich auch dieses Jahr allein (Herr Kaltmamsell ist beim jährlichen Rollenspiel), umso mehr kam ich zum Denken und Schreiben.

Nach Ausschlafen (gut!), Bloggen und Kaffeetrinken machte ich aus den Meyer Lemons vom Vollcorner Curd nach Ankes Rezept (ich beschloss, dass die zwei Winzlinge als eine Zitrone zählten). Und wer behauptet, ich hätte vor lauter geschäftigem Abspülen und Aufräumen nicht genug aufgepasst, bekommt eben nichts von meinem köstlichen süßen Zitronenrührei ab! (So schlimm war es gar nicht, die Creme enthält halt ein paar gestockte Eiweißfetzen.)

Duschen und Anziehen, dann holte ich mir Semmeln – und stellte fest, dass ich unter dem kalten Hochnebel durchaus eine Mütze vertragen hätte. Ich frühstückte zwei Semmeln, eine mit Butter und letzter Ernteanteil-Tomate, eine mit Curd.

Einziges Vorhaben für den Tag war ein Spaziergang durchs Schlachthofviertel: Die Route des Bus‘ 62 hatte mich an interessanten Anblicken vorbeigetragen. Und so stromerte ich los.

Ich kam an der Alten Utting vorbei – ein Ausflugdampfer vom Ammersee, der jetzt ein zweites Leben als Kulturprojekt und Lokal auf einer Eisenbahnbrücke hat.

An der Lagerhausstraße.

Und schließlich an reichlich Street Art, die das eigentliche Ziel meines Spaziergangs gewesen war. Dort herrschte gerade Emsigkeit: Zwischen Dutzenden Spraydosen und Arbeitsmaterial standen Männer mit Mundschutz vor den Mauern und änderten oder erneuerten die Kunstwerke. Ich nehme an, dass sie zum Kulturprojekt Bahnwärter Thiel gehörten. Der Feiertags-ruhige Verkehr ermöglichte mir gute Fotografierpositionen von der Straße aus.

Eine weitere kleine Sammlung: Schlachthofviertel.

Steht leider leer – wo das doch der perfekte Ort für eine der derzeit angesagten Fleisch-Grillereien wäre.

Daheim aß ich das letzte Stück Engadiner Nusstorte. Zeitunglesen vorm Balkon (mit regelmäßiger Akrobatik-Einlage am Meisenknödel). Durch eine Nebenbemerkung im Lokalteil erfuhr ich, dass es das Lokal Walter & Benjamin seit August nicht mehr gibt – es bleibt die Weinhandlung gegenüber.

Ich setzte Rinderbrühe auf und machte es mir mit Bill Hayes` Insomniac City im Sessel bequem – kurz nach fünf war es bereits dunkel. Vor drei Jahre hatte ich Oliver Sacks Autobiografie On the move gelesen, das kurz vor seinem Tod mit 82 Jahren veröffentlicht worden war. Besonders berührt hatte mich, dass er nach lebenslangem Hadern mit seiner Homosexualität, nach Jahrzehnten der Einsamkeit, wenige Jahre vor seinem Tod die Liebe seines Lebens gefunden hatte: Eben diesen Bill Hayes, der sich in Insomniac City als feinfühliger, reflektierter und humorvoller Mensch zeigt – und für den wiederum Oliver Sacks die große Liebe war.

Ziemlich am Anfang fiel mir eine Passage auf (in meinem eBook sah ich, dass sie bereits von vielen anderen Leserinnen und Lesern markiert worden war):

I cannot take a subway without marvelling at the lottery logic that brings together a random sampling of humanity for one minute or two, testing us for kindness and compatibility.

Ich dachte sofort an den Hashtag #mitmir4, mit dem auf Twitter die Menschen einer Vierergruppe im Öffentlichen Nahverkehr geschildert werden.

Und mir fiel ein, wie ich vergangene Woche auf dem Weg zum Stachus einen Vierersitz mit zwei Frauen teilte, die eine etwas jünger als ich, zierlich und mit Hijab, die andere etwas älter, kräftig und mit sonnengegerbtem Gesicht. Der Moment von kindness and compatibility entstand, als der hörbar schlecht gelaunte Fahrer die Störung zwischen Sendlinger Tor und Kolumbusplatz durchsagte, offensichtlich nicht gewohnt, über Mikro frei zu sprechen, und die Info mit „do geht nix mehr!“ abkürzte: Wir sahen einander an und lachten einvernehmlich, eine murmelte „kann man so sagen“, die andere „Hauptsache Transparenz“.

Zum Abendessen kochte ich mir Ernteanteil-Spinat (im Topf vorher Knoblauch in Olivenöl angebraten, dann gewaschene, gründlich geschleuderte Spinatblätter dazu und umgerührt, Deckel drauf und bei mittlerer Hitze zusammenfallen lassen), aß die Ernteanteil-Radieserln geschnipselt mit Salz, anschließend ein wenig gekochtes Rindfleisch und alles Suppengrün.

Ich setzte Brotteig für Samstag an, guckte Tagesschau, der Restabend gehörte Insomniac City.

§

Neil Geiman schrieb 2017 seine kleine Ansprache zur Hochzeit zweier Freunde auf:
„Wedding thoughts: All I know about love“.

via Spreeblick-Newsletter, den man hier abonnieren kann (Empfehlung)

Gerade vergangene Woche waren mir Beziehungsweisheiten durch Kopf und Herz gegangen, nämlich nachdem ich bei Frau Nessy eine gelesen hatte, die Liebe langfristig nur mit „Arbeit“ für möglich hält. Das scheint allgemein akzeptiert zu sein, gruselt mich aber ein wenig. Doch genau deshalb gefällt mir Neil Geimans Ansprache, denn: Ich weiß es doch auch nicht. Frau Nessy mag den Begriff „Entscheidung“, auch das trifft zumindest für mich nicht zu. Je länger ich so durch die Gegend lebe, desto klarer wird mir: Jede Beziehung ist anders, es gibt kein Patentrezept. Die einzigen empfehlenswerten Elemente, die ich für über-individuell halte, sind gegenseitiges Wohlwollen (also dem Gegenüber Gutes zu wollen) und Respekt. Ich sehe zwar immer wieder Beziehungen, denen ganz offensichtlich eins von beidem oder beides fehlt, und sie funktionieren doch auf eine für mich sehr schräge Art und Weise – aber ich bezweifle, dass die Beteiligten sie als glückliche Beziehung bezeichnen würden.

Und dann las ich gesern bei Bill Hayes, wie er eines Abends den erkälteten Oliver Sacks mit Tabletten und Tee versorgt:

I: „What else can I do for you?“
O: „Exist.“

So geht es mir halt auch.

§

Die erfolgreichsten Websites 1996-2019 als dynamische Grafik. (Da ich ab ca. 1997 dabei war, krückstockfuchtelte sie, hatte ich einige „Ach richtig, die gab’s ja auch mal!“-Erlebnisse. Ich bin so lange im Web, dass ich mich an das Erscheinen von Google auf der Bildfläche erinnere – und wie sensationell dessen Geschwindkeit und Treffsicherheit war.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2Uj1A9AguFs

ebenfalls via Spreeblick-Newsletter

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Long-Read über Brot und Getreideanbau in UK.
„Flour power: meet the bread heads baking a better loaf“.

via @katha_esskultur

Denn es ist – mal wieder – kompliziert: Der industrielle Fortschritt in der Landwirtschaft hatte ja auch eine Menge positiver Folgen. Mehr Ertrag pro Hektar ist zum Beispiel per se nichts Schlechtes, oder?

We are only beginning to understand the importance of diversity and the complex systems that plants – and animals, and us – need to thrive. In an interview, Martin Wolfe once argued that value should be accounted not just according to the cash received for a crop, but to the effect of the plants on the soil and carbon sequestration, and wider effects “on mood, on beauty, on community”.

Nach der Lektüre weiß ich nicht nur viel mehr über Getreideanbau und Müllerei, sondern auch, warum das Mehl, das ich in der Hofbräumühle kaufe, eine verhältnismäßig kurze Haltbarkeit hat: Weil es besonders reichhaltiges und gutes Mehl ist.

§

Eine kleine Vorbereitung darauf, was fast jeder mal blüht: Den Nachlass der Eltern zu bewältigen.
„Was ich lernte, als mein Vater starb“.

ebefalls via @katha_esskultur

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Freitag, 1. November 2019 – Schlachthofviertel und Beifang aus dem Internetz“

  1. Friederike meint:

    Spaziergang – einfach so? Klingt, als ginge es der Hüfte gerade erfreulich gut – hoffentlich hält das an.
    Schönes Wochenende!

  2. Berit meint:

    Was für ein schönes Gedicht über Liebe

  3. Turtle meint:

    Achja, die Liebe. Ich glaube die Basis für lange Beziehungen bzw. Ehen ist zuvorderst Freundschaft, Kommunikation und Großzügigkeit dem anderen gegenüber. Es ist sicher nicht immer einfach mit einem Menschen zusammen zu sein, aber so lange es einfach ist, den anderen zu lieben, hat die Sache eine Chance.

  4. Trulla meint:

    Neil Gaiman: wunderschöne Poesie

    Der in einem Interview gelesenen Auffassung des Psychologen Michael Mary, dass Liebe sich im besten Falle wandelt in eine tiefe Freundschaft, kann ich recht viel abgewinnen.

    Das Wort Beziehungs“arbeit“ lässt unterschiedliche Definitionen zu. Deshalb will ich es nicht direkt ablehnen.

    Und einen schöneren Dialog als den zwischen Oliver Sacks und Partner kann ich mir auch kaum vorstellen. Da bin ich ganz bei Ihnen, liebe Frau Kaltmamsell

  5. pamela meint:

    ich lese gern und denke gern nach über gelingende lange beziehungen. ich mag das leise understatement, die kaum ironisch gebrochene dankbarkeit daran. vielleicht aber sollten wir lauter sein und dem romantisch-tragischen beziehungsmodell den status streitig machen.
    na egal. eigentlich wollte ich nur ein lied verlinken, das ich in der kitschigen version von peter gabriel in „scrubs“ gehört und lieben gelernt habe. mittlerweile gefällt mir die originalversion von magnetic fields aber fast besser: the book of love
    https://youtu.be/jkjXr9SrzQE

  6. Sabine meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  7. Pixelpu meint:

    Gestern nachgelesen, mich an die Meyer Zitronen im Vorrat erinnert und meinen ersten Lemon Curd zubereitet. Herrliches Zeug! Danke für die Inspiration!

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