Journal Samstag, 9. November 2019 – Start der Gänsebratensaison

Sonntag, 10. November 2019 um 10:42

Den Nachtschlaf störten böse Kopfschmerzen, ich nahm in den frühen Morgenstunden Ibu und schlief fast bis neun.

Zügiges Bloggen und Anziehen, die Pläne für eine kleine Einheit Crosstrainer (Frau Physio hatte mich zu einer Beschränkung auf 20 Minuten ermahnt, dafür aber täglich erlaubt) ließ ich fahren: Ich wollte dringender mit Herrn Kaltmamsell einkaufen – er muss an diesem Wochenende viel arbeiten, eine Stunde Einkäufe hatten wir als gemeinsame Quality Time vereinbart.

Erstes Ziel unter grauem Himmel (aber nicht sehr kalt) war der gewohnte Wild- und Geflügelhändler auf dem Viktualienmarkt – der umgezogen war, aber anhand der Fotos im Web konnte ich ihn lokalisieren: Ich hatte mir Gänsebraten gewünscht. Ich kaufte also für teuer Geld eine fünf Kilo schwere glückliche Bauerngans aus Niederbayern.

Dann liefen wir quer über den Gärnterplatz rüber zum Klenzemarkt. Beim Kreuzen der Fraunhoferstraße begutachtete ich die neue Verkehrssituation: Mir war nicht ersichtlich, woraus sich das komplette Halteverbot ableiten lässt, das die Anwohnenden in der Bürgerversammlung als unerträglich kritisiert hatten, ich fand kein Schild, das Halten zum Ein- und Ausladen, zum Ein- und Aussteigen verbot. Auch in der Straßenverkehrsordnung fand ich später keinen Passus, aus dem sich das ableiten ließe. Was übersehe ich?

Ausführlicher Käseeinkauf auf dem Klenzemarkt schon für Gäste am Montag. Am vertrauten Käsestand statt des gewohnten Herrn mittleren Alters zwei jüngere – von denen einer dem sonstigen Standler so ähnlich sah, dass ich sofort auf Sohn tippte (gefragt habe ich natürlich nicht). Nächste Station (Herr Kaltmamsell murrte bereits, weil wir die eingeräumte Stunde überschritten) Edeka (Sandwich-Toast für Schulunterricht – fragen Sie nicht), dann noch eine Runde durch den Basitsch (Wein, Rübenkraut, Milch).

Daheim setzte ich Hefeteig für Zwetschgendatschi an (die Zwetschgen hatten halbiert und entsteint im Gefrierschrank auf ihren Einsatz gewartet, da ich direkt nach der Ernte vom elterlichen Baum keine Zeit zur Verwertung gehabt hatte). Ich erinnerte Herrn Kaltmamsell daran durchzurechnen, wann die Gans in den Ofen musste: Unser erprobtes Rezept geht von vielen Stunden bei niedriger Temperatur aus.

Zum Frühstück unterwegs geholte Semmeln.

Erst als ich nach einer Stunde nach dem Geh-Stand meines Hefeteigs sah, fiel uns beiden der Denkfehler auf: Der Datschi benötigte denselben Ofen wie die bereits vor sich hin garende Gans. Lösung: Die Gans musste eine halbe Stunde Garpause einlegen, in der das Datschi-Blech ihren Platz einnahm.

Guter Datschi, es gab ihn Nachmittags mit Sahne.

Die Karriere der Gans, die sich als gut genährt und damit fett herausstellte.

Sie bekam eine Zwiebel-Apfel-Kürbis-Thymian-Füllung.

Garpause für Zwetschendatschi. Im Topf die Brühe zum regelmäßigen Übergießen.

Nach sechs Stunden bei 120 Grad (hätte noch eine halbe Stunde vertragen, Fleisch war noch nicht ganz so weich, wie es hätte sein können).

Gehungert hat’s sicher nicht, das Ganserl. (Dazu kam das Fett aus dem Bauchraum, das Herr Kaltmamsell vor dem Füllen entfernt hatte – auf dem ersten Foto zu sehen.)

Geschmack ausgezeichnet, die Füllung besonders köstlich. Und es blieb natürlich noch genügend für Sonntag.

§

„Germany Has Been Unified for 30 Years. Its Identity Still Is Not.“

„Strangers in their own land“, also Fremde im eigenen Land: Nationalistische Kräfte nehmen dieses Gefühl für weiße Menschen in Anspruch, deren Vorfahren alle in derselben deutschen Region lebten und Deutsch-Muttersprachler waren – und die mit dem Zuzug von Menschen aus anderen Gegenden der Welt und aus anderen Kulturen nicht zurecht kommen. Dieser Artikel der New York Times porträtiert anlässlich von 30 Jahren Mauerfall Menschen, die viel mehr Grund dazu haben, sich als Fremde im eigenen Land zu fühlen: Deutsche, die nicht weiß sind, die nicht auf mehrere Generationen von Deutsch-Muttersprachlern als Vorfahren zurückblicken – und die von anderen Deutschen ausgegrenzt werden. Gleich der Einstieg schneidet mir ins Herz:

Abenaa Adomako remembers the night the Berlin Wall fell. Joyous and curious like so many of her fellow West Germans, she had gone to the city center to greet East Germans who were pouring across the border for a first taste of freedom.

“Welcome,” she beamed at a disoriented-looking couple in the crowd, offering them sparkling wine.

But they would not take it.

“They spat at me and called me names,” recalled Ms. Adomako, whose family has been in Germany since the 1890s. “They were the foreigners in my country. But to them, as a black woman, I was the foreigner.’’

Übersetzung als Fußnote.1
(…)

Two decades after the country stopped defining citizenship exclusively by ancestral bloodline, the far right and others have started distinguishing between “passport Germans” and “bio-Germans.”

Eine sehr gute Statusaufnahme unseres Kampfs um deutsche Identität (inklusive sehenswerter Fotos). Ich beanspruche ja Deutschtum durchaus kämpferisch für mich (bemerkenswert, dass der Artikel alle Protagonisten und Protagonistinnen mit „identifies as…“ beschreibt – I identify as German), gerade weil es mir nicht angeboren ist (zur Erinnerung: spanischer Gastarbeitervater, meine Mutter ist Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin, die nach dem Krieg in Deutschland blieb, und war bis zu ihrer Heirat staatenlos, danach wie ihr Ehemann spanisch Staatsbürgerin, die Familie und somit ich bekamen 1977 die deutsche Staatsbürgerschaft, da war ich elf). Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Einwandererkinder (looking at you) aus Protest gegen ständige Ausgrenzung die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnen – und möchte gerade die so gerne anwerben als Schöffinnen und Schöffen, Wahlhelfende.

§

Die wundervolle Hannah Gadsby beantwortet in einer Talk Show Fragen über ihren Autismus und erklärt Details an konkreten Situationen, inklusiver der, in einer Talkshow zu sitzen.
via @DonnerBella

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https://youtu.be/PaT__mzkHbA

  1. Abenaa Adomako erinnert sich an die Nacht des Mauerfalls. Überglücklich und neugierig wie viele andere Westdeutsche war sie ins Berliner Stadtzentrum gefahren, um die Ostdeutschen zu begrüßen, die in Scharen über die Grenze kamen, um die neue Freiheit auszutesten.
    „Willkommen!“, rief sie einem orientierungslos wirkenden Paar zu und bot ihm Sekt an.
    Sie lehnten brüsk ab.
    „Sie bespuckten und beschimpften mich“, erinnert sich Adomako, deren Familie seit den 1890ern in Deutschland lebt. „Sie waren die Fremden in meinem Land. Doch weil ich schwarz bin, war ich für sie die Fremde.“ []
die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Samstag, 9. November 2019 – Start der Gänsebratensaison“

  1. Tine meint:

    zur Fraunhoferstraße:
    Könnte es sein, dass hier eine durchgezogene weiße Linie, die als Fahrbahnbegrenzung einen Sonderweg/gekennzeichneten Radweg abtrennt, entscheidend ist? Dass diese Linie nicht überfahren werden darf und damit das Halten dann nur explizit als Ausnahme durch Schilder erlaubt wäre?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Die weiße Linie muss doch auch nicht überfahren werden, Tine: Darf ein Auto auch nicht neben dem Radweg und seiner weißen Linie anhalten? Wie man es bei einem gemauerten Radweg mit Bordstein ja auch machen würde?

  3. Tine meint:

    Ich verstehe, was Sie meinen und kann den Unterschied zu einem Bordstein auch nicht erklären. Links von einer Fahrbahnbegrenzung, die einen Sonderweg abtrennt, darf, glaube ich, nicht gehalten werden.

  4. Ulla meint:

    Die Gans sieht toll aus, aber ich habe einfach nicht die Geduld sie 6-7 Std. zu braten. Abhilfe bei Gelüste, Gänsekeule von Dallmayr ;-)

  5. Christine meint:

    Ich kenne die Verkehrssituation vor Ort nicht. Aber wenn die Sraße als „Spielstraße“ gewidmet sein sollte, dann darf dort nur in ausgewiesenen Stellen geparkt werden und sonst nirgends. (Halten geht aber IMHO)

  6. die Kaltmamsell meint:

    Hahaha, Christine, damit hätte man die Anwohner verschrecken können: Dass diese viel befahrene Verbindung zur Reichenbachbrücke ja schließlich auch zur Spielstraße deklariert hätte werden können!

  7. Elisabeth meint:

    Was es manchmal für Zufälle gibt: den portraitierten Lehrer im NY-Times-Artikel kenne ich, wir waren auf derselben Schule und die klitzekleine Lokalpatriotin in mir freut sich, dass mein beschaulicher Schulort in der NY Times auftaucht.

    Die Frage „Woher kommst Du“ wird unseren SuS im ländlichen Raum leider auch immer wieder mal gestellt, ebenso wie es leider immer noch Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund gibt (als hätten wir den als Homo Sapiens nicht eh alle).

    Vielen Dank auch für den Link zum Gadsby-Video, made my Sunday:-).

  8. fxf meint:

    Der Radweg in der Frauenhoferstraße ist größtenteils ein sog. Radfahrstreifen (mit durchgezogenen Linien) und daher der Nutzung durch Radfahrer vorbehalten; andere Fahrzeuge dürfen ihn nicht (in Längsrichtung) überfahren und nutzen und damit auch nicht halten oder parken. Eine zusätzliche Beschilderung ist nicht erforderlich. Lediglich der Teil, der durch Schutzstreifen markiert ist (unterbrochene Linie), darf von anderen u.U.befahren werden (Parken verboten, Halten ist noch strittig). Rechts vom Radweg ist der Gehweg, also auch kein Platz zum Halten. Und links vom Radweg ist die Straße inkl. Straßenbahnschienen; auch hier ist das Halten verboten.
    Die Rechtsgrundlagen finden sich nicht direkt in der StVO, sondern im den Anlagen bzw. der Verwaltungsvorschrift zur StVO.

  9. fxf meint:

    Nachtrag: in der neuesten geplanten Novellierung der StVO wird das Halten auch auf Schutzstreifen explizit verboten bei kräftig erhöhten Bußgeldern, siehe https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Artikel/StV/stvo-novelle.html .

  10. Jessica meint:

    Ja, Sie übersehen etwas bei der Fraunhoferstraße. Auf beiden Seiten der Straße sind nun Fahrradwege, auf denen überhaupt nicht geparkt werden darf, auch nicht zum Aus/Einladen. Das ist insbesondere nahe der Isar schwierig, weil dort mehrere Läden wie z.B. Bäckereien, Restaurants und Geschäfte sind, die im Fall der Bäckereien täglich beliefert werden. Für diese Lieferwägen gibt es in der Straße jetzt keinerlei Parkmöglichkeit mehr, auch keine kurzfristigen zum Ent/Ausladen.

    Ich bin regelmäßig in der Straße unterwegs, sowohl zu Fuß wie auch per Tram und Auto. So sehr ich eine radfahrerfreundliche Stadt begrüße, aber das war ein unausgegorener Schnellschuß.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Der Punkt ist wohl tatsächlich, fxf, Jessica, dass man auch nicht neben dem Fahrradstreifen zum Be- und Entladen halten darf, anders als neben einem Radweg mit Bordstein – das war mir neu. (Völlig unausgegoren, das schrieb ich ja schon.)

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