Journal Sonntag, 5. April 2020 – Sonnenlesen auf dem Balkon

Montag, 6. April 2020 um 8:26

Dann doch mal wieder eine richtig schlechte Nacht – nicht mal wegen Schmerzen, ich konnte einfach nicht einschlafen, schlief dann leicht, wachte immer wieder auf. Aber nach einigen guten Nächten bekümmerte mich das nicht, ich ruhte mich halt einfach aus.

Die Wohnung putzt sich immer noch nicht von selbst. Mittlerweile habe ich aber das Ziel aufgegeben, immer alles auf einmal zu erledigen und dann eine richtig saubere Wohnung zu haben: Mir fiel ein, dass ich das im Grunde erst seit zwanzig Jahren kenne, nämlich durch den wöchentlichen Besuch der Putzmänner. In den 13 Jahren Alleinleben davor reichte meine Energie immer nur für einen Teilaspekt der Wohnugsreiningung, Ausnahme vielleicht noch vor Übernachtungsbesuch. Vergangene Woche hatte Herr Kaltmamsell durchgesaugt und gewischt, gestern putzte ich Bad und Küche gründlich (für meine Verhältnisse – halt die Art Bad- und Kücheputzen, die zusammen anderthalb Stunden dauert). Außerdem wusch ich Bettwäsche und Handtücher, aber das ist Routine.

Nach dem Putzsport strampelte ich ein bisschen weniger Crosstrainer als die Tage davor, es gab auch keine Kraftübungen (einmal aussetzen ist hoffentlich ok).

Frühstück um halb drei: Brot, Grapefruit mit Joghurt, Zitronenkuchen.

Dann tauchte ich in ein neues Buch ab: Volker Kutscher, Der nasse Fisch, also die Romanvorlage für Babylon Berlin (als E-Book, ich will wirklich, wirklich so wenige Papierbücher wie möglich dazubekommen). Das Wetter war so schön warm geworden, dass ich damit sogar zwei Stunden auf dem Balkon in der Sonne saß (Snack noch ein Stück Zitronenkuchen); ich genoss das sehr und fühlte mich privilegiert – im sonstigen sonnigen Draußen waren sicher wieder zu viele Menschen.

Leuchttulpen von der Gegenseite.

In der Abenddämmerung wieder eine Fledermaus gesehen.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Carbonara gewünscht – Herr Kaltmamsell servierte.

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Die zweite Coronawoche von Carolin Emcke:
„Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise“.

Bitte lesen Sie im Eintrag von Freitag, 3. April, den Absatz der beginnt mit „Es gibt eine Aufnahme eines legendären Konzerts der portugiesischen Pianistin Maria João Pires“ – wundervolle Geschichte, gutes Gleichnis.

Emckes Beschreibung ihrer Freundschaft mit diesem Polizisten erinnerte mich daran, dass ich als Schöffin in mittlerweile sechs Verhandlungen gelernt habe: Polizeibeamte und -beamtinnen sind sehr unterschiedlich. Das ist nicht trivial, und wie bei so Vielem, was lerne, schäme ich mich, dass es mir vorher nicht bewusst war.

Alle, die ich im Gerichtssaal kennenlernte, waren jung, alle erlebte ich als Zeuginnen und Zeugen. Und da gab es die Technikbegeisterten, es gab kleingeistig in Stereotypen denkende, es gab mütterliche/väterliche, denen der Angeklagte ganz offensichtlich ans Herz ging, es gab die Bürokraten, es gab die selbstherrlichen. Bis dahin kannte ich halt nur einen Menschen aus diesem Beruf näher: Den Bereitschaftspolizisten, der in meiner Volontariatszeit in einer Lokalredaktion die Fotoabzüge unserer Negative machte, dafür am frühen Nachmittag vorbeikam und die entwickelten Filme mitnahm, später die Abzüge brachte. Es waren die Zeiten von Wackersdorf, wo er regelmäßig eingesetzt wurde. Sehr wahrscheinlich war er einer der vielen Polizisten, der dort am Zaun mit den Demonstrierenden diskutierte, denn er brachte seinem kleinen Sohn das Lied bei: „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, dein Vater ist in Wackerland, Wackerland ist abgebrannt…“

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Sehr lustiges TikTok der Filmregisseurin Alina Polichuk.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Sonntag, 5. April 2020 – Sonnenlesen auf dem Balkon“

  1. Steffi meint:

    Danke fürs Teilen des TikToks, das könnte ich mir dauernd angucken :D Und Putzen ist ja wohl eindeutig Sport, da haben Sie vollkommen recht!

  2. Frau Klugscheisser meint:

    bilmiş = Klugscheißer, hihi.
    Heute meinen türkischen Namen vom obig verlinkten Artikel gelernt.
    das Tagebuch eines Klugscheißers, bir bilmişin günlüğü

    und hier das Video zur Geschichte der Pianistin:
    https://youtu.be/fS64pb0XnbI?t=42

  3. Sabine meint:

    So putze ich auch. Mal hier, mal da, gestern die Küche auf Hochglanz gebracht, heute den Sohn zum Reinigen des Bades animiert (das macht der sehr schön und ohne Protest, wir wollen nicht klagen).

    Maria João Pires in diesem Video ist ein Wunder. Und das d-moll Konzert auch. Übrigens kann ich den Beethoven-Sonaten-Podcast von Igor Levit allerwärmstens empfehlen, der ist zeitlos und coronafrei und man muss von Beethoven überhaupt gar nichts verstehen noch ihn besonders mögen, um wirklich viel davon zu haben, wie Levit mit dem befreundeten Musikproduzenten Anselm Cybinski (was für ein Name!) das Erarbeiten und Erschließen dieser Werke erhellt und begleitet. Sehr cool. Werd ich noch zur Beethoven-Respektiererin in dieser Krise!

    https://www.br.de/mediathek/podcast/igor-levits-klavierpodcast-32-x-beethoven/826


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