Archiv für November 2020

Journal Montag, 23. November 2020 – Die Rückkehr der Lendenwirbelsäule

Dienstag, 24. November 2020

Während ich es durchaus kenne, dass körperliche Beschwerden im Wartezimmer eines Arztes oder einer Ärztin verschwinden, saß ich diesmal innerlich wimmernd im Wartezimmer des Orthopäden (OP-Heilungs-Checktermin vor Wochen vereinbart) weil mein Bein von Leiste über Adduktoren, Oberschenkel und Knie bis Schienbein so arg schmerzte.

Nach kurzem Gespräch mit dem Arzt: Alles auf Anfang. Es ist nicht die Hüfte, sondern die vorgefallene Bandscheibe in der Lendenwirbelsäule, die den Ischiasnerv reizt. Das Argument von Dr. Orth.: Die Beschreibung meiner Beschwerden glich fast aufs Wort der vor einem Jahr, minus Hüfte.

Also Spritze an die gereizte Nervenwurzel, auch wenn ihre Vorgängerinnen allesamt nichts gebracht haben. Fast gravottisch wurde ich aber, als er mich schon wieder eindringlich aufforderte, Bankstütz und Seitstütz zu üben, die Lendenwirbelsäule brauche einen stabilen Rumpf. Beteuern etwa alle Patientinnen, dass sie echt ehrlich seit Jahren mit Krafttraining genau dafür sorgen – und lügen alle außer mir?

Anscheinend ist also eines der pessimistischen Szenarien eingetreten, die ich in den Monaten vor der OP vor Augen hatte hatte: Dass nämlich die Geschichte mit Ersatz des entzündeten und arthrotischen Hüftgelenks nicht zu Ende ist. Schließlich ist mein Problem mit der schiefen und verwachsenen LWS seit Jahren da und dokumentiert. Was allerdings nicht erklärt, warum ich nach der OP ein paar Wochen Ruhe hatte und lediglich OP-bedingte Schmerzen.

Bevor ich jetzt abwäge und weitere Schritte plane, muss ich erst mal eine Runde verzweifeln.

Ein Besuch bei den Freunden mit viel Platz zur Putzmannflucht lenkte mich zwar angenehmst für zwei Stunden ab, außerdem bekam ich köstlichen Waldviertler Mohnkuchen nach Plachutta, das verschob den Verzweiflungsausbruch allerdings lediglich. Als ich anschließend mit großen Schmerzen zu einer kleinen Einkaufsrunde hinkte, war ich sehr niedergeschlagen.

Daheim nahm ich umgehend Ibu, das zum Glück schnell half. Ich genehmigte mir trotzdem eine Runde Heulen und Zähneknirschen, wollte bockig nie wieder etwas essen und trinken (ist sowas Ähnliches wie sich auf den Boden werfen, kreischen und strampeln, aber dafür ist der Boden halt nur bei Kleinkindern nah genug). Bis der Magen mit Knurren und Schmerzen Futter verlangte, dann gab es halt ein paar Haferflocken und die Chips, die Herr Kaltmamsell gerade aus dem restlichen Grünkohl gebacken hatte.

Im Bett mit hochgelegten Beinen las ich John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy aus. Ich hatte schon lange etwas von le Carré lesen wollen, dieser Roman gilt als einer seiner besten und als einer der besten Spionageromane überhaupt (die Verfilmung von 2011 hatte ich im Kino gesehen, erinnerte mich aber an nichts, hatte damals den prä-Sherlock Benedict Cumberbatch nicht mal wahrgenommen). Na ja, zum einen war ich halt genervt von dem Befindlichkeis-Rumgezicke als Hauptmotivation allen Handelns, politische Haltungen erscheinen in diesem Rahmen lediglich wie eine beliebige weitere männliche Befindlichkeit. Außerdem spielt die Handlung noch nah genug an der Gegenwart, dass mich die Umständlichkeit der Technik im Kalten Krieg ermüdete (wenn sie noch länger entfernt spielt, finde ich sie schon wieder historisch interessant) – sie brachte mich lediglich zur Frage, ob das Internet möglicherweise diesen bunten Spionage-Zirkus nachhaltiger zerstört hat als das Ende des Kalten Kriegs: Es braucht keine toten Briefkästen mehr, kein physisches Einschleichen in Gebäude, keinen albernen Austausch von vorher vereinbarten Sätzen bei persönlichen Treffen zur Identifikation. Ist überhaupt noch irgendeine Art von Offline-Spionage übrig geblieben?

Dann suchte ich in Mediatheken nach Ablenkung, Verdrängung ist, was uns über Wasser hält. Bei der Zeitungslektüre am Morgen hatte ich mir den BBC/ORF-Dreiteiler Vienna Blood eingemerkt, jetzt startete ich die erste Folge.

Ab der ersten Einstellung ist klar, dass der Kinofilm Sherlock Holmes als Vorbild genommen wurde: Die Farben, die Kameraperspektiven, vor allem die Musik (Vorbild von Hans Zimmer, hier nachgemacht von Roman Kariolou) – wobei das charakteristische Hackbrett sehr viel besser nach Wien mit seinen böhmischen Einwanderern passt als nach London. Auch sonst erinnerte einiges an das Universum, das Arthur Conan Doyle mit Sherlock Holmes geschaffen hat und funktionierte. Ich fühlte mich gut unterhalten.

Zum Abendessen wärmten wir uns den restlichen Grünkohl-Eintopf auf, danach Schokolade.

Im Bett begann ich die nächste Lektüre für unsere Leserunde: Alina Bronsky, Der Zopf meiner Großmutter.

Journa Sonntag, 22. November 2020 – Stollenbacken und kulturell verbindende Geschmacksabneigungen

Montag, 23. November 2020

Lang geschlafen, damit die nächtliche Schwitz- und Wälzpause ausgeglichen. Die Sonne ging zu einem frostigen Morgen auf.

Vormittags startete ich die ersten Thüringer Weihnachtsstollen der Saison.

Als ich Zitronat und Orangeat (bio und 1A Qualität) hackte und in den dabei entstehenden Düften schwelgte, dachte ich über kulturell bedingte kulinarische Abneigungen nach: Bei uns ist gesetzt, dass man Zitronat und Orangeat supereklig finden kann – auch wenn es sich um die kandierten Schalen von gewohnten Zitrusfrüchten handelt, auch wenn man Orangen- und Zitronengeschmack eigentlich mag, auch wenn es sich keineswegs um extreme Geschmacksnoten handelt. U.a. gibt es Stollenrezepte, die die Abwesenheit von Zitronat und Orangeat herausstreichen. Das ist außerhalb unseres kulinarischen Kulturkreises erklärungsbedürftig.

Ich wiederum war verblüfft, als mir in Großbritannien immer wieder Menschen erklärten, dass sie custard nicht mögen, also Vanillesoße oder -pudding – das hatte ich im deutschsprachigen Kulinarikgebiet noch nie gehört, bei uns ist die Ablehnung von Vanillesoße kein Gruppenmerkmal. (Zusammen mit meinen englischen Freundinnen kam ich zu dem Schluss, dass das mit englischem Schulessen zu tun hat, in dem custard Standard war und zu dem man sich identitätsstiftend in Verhältnis setzte.) Spanische Kontakte hingegen kann ich damit erheitern, dass viele Deutsche Meeresfrüchte nicht mögen – man erklärte mir, das sei so befremdlich, als möge jemand keine Nudeln.

Dann wiederum: Die ersten Vegetarierinnen, die ich vor 35 Jahren kennenlernte, mochten einfach kein Fleisch, sie lehnten den Geschmack ab – und hatten es sehr schwer, denn das war damals bei uns unerhört. (Eine der ersten in meinem Bekanntenkreis war auch noch Metzgerstochter.)

Während der Stollenteig ging, bewegte ich mich noch in Schlumpfklamotten mit ein bisschen Mobilisations- und Dehnübungen für die operierte Hüfte, dann Duschen, Anziehen. Während die beiden Stollen diesmal deutlich mehr Backzeit brauchten, werkelte ich am letzten Schritt des Projekts Neue Ablage: Druckvorlagen recherchiert, auf der Hersteller-Website Etiketten erstellt, als PDFs runtergeladen, Herrn Kaltmamsell zum Ausdrucken geschickt (die Druckerverbindung zickt derzeit auf meinem Rechner).

Stollen bebuttert und gezuckert, jetzt konnte ich endlich Semmelholen gehen. Der kurze Weg zum Bäcker machte mir deutlich, dass ich mich noch eine Weile mit den neuen Schmerzen werde beschäftigen müssen. Und ich noch eine ganze Weile die Sportklamottenwerbung, die mir anscheinend alle Medien in Massen entgegenhalten, als Verhöhnung empfinden.

Nach dem Frühstück kurz vor drei (Herr Kaltmamsell hatte eine Variante seiner immer überdurchschnittlich guten Guacamole gemacht) beklebte ich die neu sortierten Ablageordner: Zehn Stück stehen jetzt (mittel)sauber beschriftet (in der Arbeit hätte ich deutlich höhere Maßstäbe angelegt, Sekretärinnenehre und so) und damit hoffentlich einfach fortzuführen im Regal.

Zweites Heimprojekt ist Sichten und Sortieren von Briefen/Karten aus möglicherweise 40 Jahren. Vor 27 Jahren ließ ich mir zu Weihnachten eine Korbkiste schenken, um darin die bis dahin erhaltenen Briefe und Karten aufzubewahren (ich war eine eifrige Briefschreiberin und erhielt entsprechend viele), mit Platz für künftige. Auch wenn die Kiste durch die Umstellung auf elektronische Korrespondenz erst vor wenigen Jahren ganz voll war und seither der Deckel immer verzweifelter die zusätzlichen Stapel am Ausreißen hindert: Da ist eine Menge Zeug und Geschichte drin. Ich werde mich dem Projekt vorsichtig nähern und erst mal antesten, ob ich die damit verbundenen Emotionswellen derzeit verkrafte.

Brav und artig widerstand ich meiner Sehnsucht nach draußen (es blieb sonnig), setzte mich schonend aufs Bett mit Füßehoch und las auf Bildschirm und Papier. Ich bekam mit, wie Herr Kaltmamsell zur Koordination seines Unterrichts kommende Woche erst mal herausfinden musste, welche Klassen/Kurse in Quarantände geschickt wurden und welchen Unterricht er folglich für Präsenz, welchen für Distanz planen muss. (Das wird wohl erst mal Lehreralltag bleiben.)

Bei Dunkelheit gabe es noch Mandarinen und Trauben, zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch nahöstliche Linsen mit Bandnudeln nach Immer schon vegan.

Zum Nachtisch noch ein Stückl Apfelstrudel vom Samstag.

Während im Fernsehen Solo: A Star Wars Story lief (soll keiner sagen, dass ich dem Star Wars-Universum keine Chance gebe, aber jeder Versuch erinnert mich lediglich daran, warum ich damit nichts anfangen kann und mir vages Wissen zur Einordnung von Anspielungen genügt – zumindest schlug ich nach, woher ich die Hauptdarstellerin kannte, Emilia Clark, nämlich aus Last Christmas), puderzuckerte ich die Stollen und packte sie in Alufolie.

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Beeindruckendes Interview der Tagesthemen mit dem letzten lebenden Chefankläger der Nürnberger Prozesse, in denen ab 1945 die Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs vor Gericht gestellt wurden, Benjamin Ferencz.
„‚Sie bereuten nichts'“.

tagesthemen: Wie haben Sie letztendlich entschieden, wen Sie anklagen würden?

Ferencz: Zum einen auf der Grundlage ihres Dienstgrads. Es waren beispielsweise einige SS-Generäle darunter. Ein weiteres Auswahlkriterium war ihr Bildungsgrad. Es sollten Menschen sein, die in der Lage waren zu verstehen, was sie tun. Einige von ihnen hatten einen Doktortitel, manche sogar zwei.

Fast habe ich den Eindruck, dass mittlerweile vergessen ist, was zu den größten gesellschaftlichen Erschütterungen der Nazi-Gräuel gehörte: Dass sie belegten, wie wenig zivilisatorischer Fortschritt (oder eben Rückschritt) mit Faktenwissen und Bildung zu tun hat. Jedesmal wieder, wenn als Mittel gegen menschenverachtenden Rechtsruck Bildung und Wissensvermittlung in Schulen angeführt wird (und zwar Bildung in jeder der verschiedenen Definitionen, derer sich die Ideegebenden meist nicht bewusst sind), denke ich pessimistisch an die Verursachenden der größten systematisierten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts: An Bildung und Wissen fehlte es den wenigsten.

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Mein Internet ist weiterhin toll: Seit ein paar Wochen folge ich auf instagram Helen Rebanks – ihre Stories und Fotos machen mich sehr dankbar dafür, dass sie mich an ihrem Leben ein wenig teilhaben lässt und ich so Alltag einer Landwirtin im nordenglischen Lake District miterleben darf. Da mögen sich Feuilletonisten noch so oft über das Mitmach-Web lustig machen: Ich finde sogar aufregend zu erfahren, dass Helen für die Familie asiatischen stir fried rice mit „whatever vegetables are available“ zum Abendessen kocht.

Journal Samstag, 21. November 2020 – Erster Frost und Grünkohleintopf

Sonntag, 22. November 2020

Ausgeschlafen, zu hell werdendem Himmel aufgewacht. In der Morgensonne sah ich den ersten Frost der Saison auf Dächern und Wiesen, in den Bäumen vorm Balkon jagten einander gleich vier Eichhörnchen (drei dunkelbraune, ein rotes), außerdem gab es dort Baumläufer, Buchfinken, Kohlmeisen, Amseln, vielleicht einen Zilpzalp (diese ganz kleinen, unauffällig graubraunen Vögelchen kann ich immer noch nicht auseinander halten, ein Zaunkönig war es aber sicher nicht, die kenne ich inzwischen am Schachbrettmuster).

Nach Bloggen, ein paar Mobilisationsübungen für die Hüfte, Duschen machte ich mich auf einen kurzen Einkaufsgang (Herr Kaltmamsell hatte alles Schwere auf der gemeinsamen Einkaufsliste an sich gerissen), draußen war es sonnig und kalt.

Zum Früstück Granatapfel und Papaya mit Joghurt, ein Butterbrot aus dem letzten selbst gebackenen.

Ich machte weiter mit meiner Neuen Ablage. Unter anderem waren die Unterlagen zum Rosenfest im Mai 2019 dran (neuer Ordner „Projekte“, in dem ich auch alles zur Neuen Küche vor sechs Jahren abheftete) – und ich war SO FROH, dass wir das wirklich, wirklich gemacht haben. Und aufs Neue geflasht, DASS DIESE MENSCHEN WIRKLICH GEKOMMEN SIND!

In knapp drei Stunden hatte ich die eigentliche Sortierung und Ablage zu Ende gebracht. Jetzt fehlen nur noch ordentliche Aufkleber für die Ordnerrücken. (Bedruckbare Aufkleber habe ich, muss aber unter anderem noch eine Formatvorlage finden).

Nachmittags verarbeitete Herr Kaltmamsell die letzten Äpfel (Boskop) aus familiärem Eigenbau zu Apfelstrudel – das in diesem Haushalt einzig gültige Rezept stammt von Frau Schwiegermutter, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es möglichst viele der begehrten Strudelenden produziert und kann laut Herrn Kaltmamsell nur von ihm umgesetzt werden. Der warme Strudel war genau das Richtige für den späten Nachmittag, als gerade das letzte Tageslicht verschwand.

Ich las auf dem Bett Wochenendzeitung, telefonierte mit meinem Vater, der seine letzten Tage in der Klinik verbringt, bevor er die Reha-Phase antritt.

Zum Abendessen war Grünkohleintopf (Ernteanteil) geplant, angelehnt an dieses Rezept.

Dieses Prachtexemplar kam am Donnerstag als Ernteanteil von unserer Kartoffelkombinat-Gärtnerei bei Mammendorf zu uns, wurde umgehend unter in die Dusche gesteckt, weil ein Infoschreiben vor dem Befall mit weißer Fliege gewarnt hatte.

Nachmittags hatte ich gestern bereits aus einem Stück Rindfleisch und den gesammelten Gemüseresten aus dem Gefrierschrank eine Brühe gekocht (in der untersten Schublade unseres Gefrierschranks wohnt eine Plastiktüte, in der wir Reste vom Gemüseputzen sammeln, von Karottenschalen über Petersilienstengel, Sellerieabschnitte, die von Pastinaken, sonstigen Rüben – eher nicht Kartoffelschalen oder Kohlreste, dafür Parmesanrinde wegen seines Glutamats, das umami macht; wenn die Tüte voll ist, wird aus dem Inhalt Brühe gekocht). Den eigentlichen Eintopf kochten Herr Kaltmamsell und ich gemeinschaftlich – ein seltenes Ereignis.

Neben dem Suppenfleisch kamen Debreziner in den Eintopf, statt Brot (oder wie im nordspanischen caldo gallego weißen Bohnen) separat gekochte Graupen, die noch da waren.

Schmeckte sehr gut. Nachtisch Schokolade.

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Als eine von vielen verlinkte ich im Juni das Video eine jungen nigerianischen Balletttänzers Anthony Mmmesoma Madu. Gestern erfuhr ich: Es brachte ihm ein Stipendium am American Ballet Theater in New York ein.

Journal Freitag, 20. November 2020 – Erzwungene Ruhe

Samstag, 21. November 2020

Sieht so aus, als sei der Genesungsprozess tatsächlich irgendwo falsch abgebogen. In der Nacht auf gestern war aus dem zeitweiligen Schmerz plagender Dauerschmerz in Leiste und Bein geworden. Im Morgendunkel humpelte ich zu meinem Physio-Termin um 7.15 Uhr (aber: U-Bahn wundervoll leer), wies Frau Anfasserin nochmal auf die weitere Verschlechterung hin. Sie führte das jetzt auf „Entzündung des Gewebes“ zurück, riet von Kraftübungen und Belastung ab, empfahl Übungen zur Mobilisierung und Ausdauer. Die 20-Minuten-Einheit Physio war dann auch nur Massage (aua!).

In der anschließenden Runde Reha-Sport konnte ich keine der Übungen, die Stehen auf dem operierten Bein erforderten. (Aber selbstverständlich probierte ich sie bis Tränen in den Augen.)

Jetzt also ernsthaft: Ruhe. Mit ein bisschen Hausverlassen. Und ich werde das schlechte Gewissen, das ich IMMER bei Untätigkeit ohne kompletten K.o. habe, aushalten: Ja, ich bin ein faules Schmarotzerschwein und völlig wertlos – Pech gehabt.

Daheim duschte ich nur, kleidete mich an und zog mich nach einem frühen Mittagessen (Kürbiscurry vom Vorabend) aufs Bett zurück, mit Zeitung und Laptop. Keine Einkäufe fürs Stollenbacken, kein Abstecher in einen neuen interessanten Weinladen ums Eck, auch die Einkaufsliste fürs Wochenende überließ ich Herrn Kaltmamsell (wo er doch eh schon so überarbeitet ist!).

Statt dessen las ich: Erst Zeitung, dann das SZ-Magazin. Der persönliche Essay darin über die Bescheuertheit des Hübsch-und-dünn-sein-Diktats (€) enthielt nichts Neues, machte mich nur traurig, weil er seit Jahrzehnten immer und immer wieder geschrieben werden muss – doch die Illustrationen, für die Jeff Muhs Beton in beengende Kleidung gegossen hat sind sensationell (am besten gefiel mir die auf der TItelseite). Ebenfalls empfehlenswert: Eine Geschichte über eine Firma, die Farbpigmente herstellt – €).

Vorm Fenster strahlender Sonnenschein, über meinen Beinen eine antike Decke, die Herr Kaltmamsell in den gemeinsamen Hausstand gebracht hat.

Außerdem las ich Twitter und verlinkte Artikel, dann John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy (möglicherweise finde ich klassische Spionageromane doof, wenn sie im Grunde nur elaboriertes und höchst formalisiertes Befindlichkeitsgezicke zwischen ganz vielen Männern erzählen). Als Nachmittagssnack gab es Papaya, Orange, Maracuja mit Joghurt und Honig.

Herr Kaltmamsell servierte als Abendessen Rehrücken vom Viktualienmarkt mit Pakchoi aus Ernteanteil.

Journal Donnerstag, 19. November 2020 – Kalter Regen und ein neuer Nachbarschafts-Supermarkt

Freitag, 20. November 2020

Nach längerem mal wieder eine schlechte Nacht mit mehreren Stunden Wälzen und Schwitzen. Ich fühlte mich beim Weckerklingeln trotzdem ausgeschlafen.

Vormittags eine Runde heimischer Reha-Sport, eine Übung mit Theraband geht derzeit leider wegen Schmerzen gar nicht mehr.

Zum mittäglichen Frühstück gab es aufgetautes selbstgebackenes Brot mit mitgebrachter polnischer Schinkenkrakauer, außerdem Birne, Apfel, Orange.

Zwei Stunden am Projekt Neue Ablage gewerkelt; ich hörte auf, als ich merkte, dass ich überdrüssig und unachtsam wurde. Pressiert ja nicht, mache ich ein ander Mal weiter.

Das Wetter war immer düsterer geworden, jetzt regnete es. Ich wollte trotzdem raus an die berühmte frische Luft. Zum Anlass nahm ich Einkäufe: Ich hatte an Plakaten gesehen, dass im Südlichen Bahnhofsviertel ein neuer Supermarkt eröffnen würde, der tatsächlich eine geografische Lücke schloss; den wollte ich testen. Beim Näherkommen erschrak ich kurz über die Schlange vorm Eingang – die aber gar nicht in den Supermarkt führte, sondern in die ebenfalls gestern dort im Erdgeschoß frisch eröffneten Bäckerei Sultan, die ich ja seit vielen Jahren zwei Häuser weiter kenne (ich nehme an, dass der alte, ziemlich durchgenudelte Standort jetzt schließt). Ich bekam im Supermarkt alles, was ich brauchte, wünschte alles Gute zur Eröffnung.

Daheim hatte ich wieder Hunger, gegen den es ein Marmeladebrot und Dickmilch mit dem Bodensatz Lemon Curd gab. Den restlichen Nachmittag verbrachte ich auf dem Bett mit Füßehoch und Lesen.

Herr Kaltmamsell hatte den Ernteanteil geholt. Wir wussten, dass dazu ein Kürbis gehörte, aus dem sollte Kürbiscurry aus Katharina Seisers Immer schon vegan werden. Das Schlachten des schönen und saftigen Butternut übernahm ich, das Kochen Herr Kaltmamsell – das Curry schmeckte wunderbar.

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Monika Scheele Knight überlegt, was man aus dem Umgang mit AIDS in den 1980ern für die momentane Pandemie lernen könnte:
„gedanken zu aids und covid-19.“

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Ein Zeichen meines Alterns: Tiefer werdendes Misstrauen gegenüber „Sprachkolumnen“, da ich sie über die Jahre als Hort von bräsigen, besserwisserischen und veränderungsfeindlichen Zivilisationsuntergangsbeschwörungen zu fürchten gelernt habe. Zum Glück gibt es Ausnahmen: Eigentlich ist es nämlich ein großes Vergnügen, die Entwicklungen unserer Alltagssprache zu beobachten und zu analysieren (das im Gegensatz zu Kolumnisten – absichtlich gegendert – Menschen in der Sprachwissenschaft kennen und genießen). Ein solches Vergnügen hat auch Leo Fischer in der Zeit:
„‚Perfekt!'“

Dabei klingt „perfekt“ eindeutig edler als das lieblose „in Ordnung“, das unverbindliche „abgemacht“, das vertrocknete „freilich“ oder das martialische „jawohl“. Wer „perfekt“ sagt, hat Ansprüche – an sich selbst und an andere. „Okay“ ist McDonald’s, „perfekt“ ist Manufactum!

via @luzilla

Journal Mittwoch, 18. November 2020 – Langweiliger Buß- und Bettag

Donnerstag, 19. November 2020

Am Vormittag energisches Pulli-Rausschmeißen: Nachdem ich bereits vor Jahren die Säcke voll (!) „Renovier-Klamotten“ aus dem Keller weggeworfen hatte (sollte ich jemals wieder renovieren oder malern, greife ich halt zu den runtergerocktesten meiner Sport-Klamotten), waren mir jetzt die zahlreichen Pullis der Sorte „Hat seit Jahren einen Schaden oder nicht beseitigbaren Fleck, kann ich nur noch daheim tragen“ aufgefallen. Und dass ich diese höchstens einmal im Jahr rausziehe. Weg damit.

Draußen strahlte die Sonne, ich genehmigte mir einen kurzen Einkaufsgang für Büromaterial, das ich fürs Ablageprojekt brauche. Es war wundervoll warm.

Herr Kaltmamsell arbeitete daheim: Er hatte drei Fachsitzungen per Video-Konferenz. Denn nur nochmal erzählt, damit diese herrliche Absurdheit nicht in Vergessenheit gerät: Der Buß- und Bettag wurde nach der Wiedervereinigung 1990 bundesweiter Feiertag, 1995 unter anderem in Bayern als solcher abgeschafft. Auf Druck der evangelischen Kirche blieb der Tag allerdings schulfrei. Damit aber Lehrerinnen und Lehrer dadurch nicht etwa einen freien Tag mehr bekommen, müssen sie auch ohne Unterricht arbeiten; an vielen Schulen wird ein „Pädagogischer Tag“ in unterschiedlichsten Ausformungen veranstaltet.

Zwischen zwei dieser Fachsitzungen servierte ich uns Frühstück: Porridge mit Joghurt, Nüssen und Quittenkompott. Dann saß ich wieder mit Lesematerial in verschiedenen Medienformen auf meinem Bett, Beine hochgelegt, und versuchte Heilen.

Nachmittags Reha-Sport; halb vier ist eine gute Zeit sowohl für die Anfahrt als auch fürs Training: Beruhigend wenig Betrieb. Die Übungen gingen ganz gut, problematisch und schmerzhaft ist weiterhin Gehen.

Daheim Telefonat mit Mutter, die den halben Dienstag beim Zahnarzt verbracht hatte (der Körper ist eine Baustelle).

Zum Abendessen war Lieferpizza geplant. Da sie mir in den vergangenen Jahren dort am besten geschmeckt hatte, bestellte ich über Lieferando bei The Italien Shot.

Nicht ganz so gut wie frisch vor Ort, aber immer noch sehr gut. Dann ein wenig Schokolade.
Nachtrag für die Chronik: Abends die Balkonpflanzen reingeholt, ab Freitag ist auch in der Münchner Innenstadt Frost angekündigt.

Journal Dienstag, 17. November 2020 – Heilen in Ruhe, Polar-Doku

Mittwoch, 18. November 2020

Nach der eindeutigen Zustandsverschlechterung war der Vorsatz gestern also: Möglichst wenig bewegen, vielleicht sogar außer zum bereits vereinbarten Physio-Termin das Haus gar nicht verlassen.

Was gleich mal von meinem Frühstückshunger torpediert wurde. Ich wollte mir Porridge kochen und stellte fest, dass keine Haferflocken im Haus waren – eigentlich als Notfallessen fester Bestandteil des Vorratsschranks. Dann konnte ich ja gleich Semmeln holen. Und bei der Gelegenheit ein paar Lebensmitteleinkäufe erledigen.

So lernte ich, dass ich das mit dem Gehen wirklich erst mal lassen sollte, selbst nach dieser kleinen Runde daheim hinkte ich zum Gottserbarmen. Nach Semmelfrühstück setzte ich mich aufs Bett zum Zeitunglesen, mit hochgelegten Beinen ließen die Schmerzen (Stechen in Leiste, Ausstrahlen über Knie bis Schienbein) langsam nach.

Am frühen Nachmittag nach ich die U-Bahn zur Physio. Obwohl ich Frau Anfasserin auf meine Probleme hingewiesen hatte, machte sie Übungen mit mir, die sehr anstrengten und schmerzten – „zehn Minuten geht schon“. Jetzt weiß ich auch nicht. Den Reha-Sport verschob ich dennoch auf Mittwoch, auch wenn das zwei zusätzliche U-Bahn-Fahren mit Menschenkontakt bedeutet.

Daheim Video-Telefonat über Whatsapp mit meinem Vater im Krankenhaus, er machte einen guten Eindruck. Ich gräme mich dennoch, dass ich ihn wegen der Pandemie-Einschränkungen weder dort noch anschließend in der Reha-Klinik besuchen kann.

Zurück aufs Bett. Ich guckte die weithin empfohlene Doku Expedition Arktis: Ein Jahr MOSAiC-Expedition des Forschungsschiffs Polarstern, die zum ersten Mal überhaupt ein Jahr lang durchgehend Daten aus dem Polareis und -meer erhob. Die sprunghafte Erderwärmung machte das laut Forscherinnen und Forschern zur möglicherweise letzten Chance, ein durchgehendes Jahr Eis zu beobachten.

Ich war gefesselt und begeistert, unter anderem von: Kleinen roten Quallen aus Polarmeerwasser, einer Erklärung, was wir eigentlich riechen, wenn wir „das Meer“ riechen (nein, nicht das Salz), allein all den Jobbezeichnungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler! Außerdem lernte ich Köche und Bäckerin des Schiffs kennen, das Hubschrauberpersonal, Eisbärwächter. Aus all dem Material hätte man locker eine mehrteilige Serie machen können. Hier in der ARD-Mediathek nachguckbar und hiermit sehr empfohlen.

Während ich am eigenen Rechner bastelte (weiteres Umschichten von Dateien, neues Betriebssystem installieren), startete ich auch mal wieder den Arbeitsrechner, damit er Updates laden konnte. In mein Postfach dort gucke ich ohnehin alle paar Tage – ich erhoffe mir, dass ich so beim Wiedereinstieg nicht völlig überrollt werde.

Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Mexikanisches: Tomaten-Salsa, darin verlorene Eier, außerdem Guacamole, frische Paprika, Tomaten, Koriander, Weizentortillas. Dazu wollten wir Tequila trinken, doch das Norgerl in der Flasche gab gerade mal zwei Stamperl her.

§

Sehr ausführliches Interview in The Atlantic mit Barack Obama über seine Memoiren, u.a. wie er die Spaltung der USA erklärt und warum ihn überrascht hat, auf welchen Populisten die Rechte schließlich reingefallen ist:
„Why Obama Fears for Our Democracy“.

Zum Beispiel skizziert Obama die heute fehlende Funktion kleiner lokaler Medien:

What happens is that they see you through the dominant filters and news sources, and those news sources have changed. Even as late as 2008, typically when I went into a small town, there’s a small-town newspaper, and the owner or editor is a conservative guy with a crew cut, maybe, and a bow tie, and he’s been a Republican for years. He doesn’t have a lot of patience for tax-and-spend liberals, but he’ll take a meeting with me, and he’ll write an editorial that says, “He’s a liberal Chicago lawyer, but he seems like a decent enough guy, had some good ideas”; and the local TV station will cover me straight. But you go into those communities today and the newspapers are gone. If Fox News isn’t on every television in every barbershop and VFW hall, then it might be a Sinclair-owned station, and the presuppositions that exist there, about who I am and what I believe, are so fundamentally different, have changed so much, that it’s difficult to break through.

I come out of this book very worried about the degree to which we do not have a common baseline of fact and a common story.


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