Journal Sonntag, 2. Juli 2023 – Cotswold Way 6, Wotton under Edge nach Old Sodbury / Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück
Montag, 3. Juli 2023Nach guter Nacht überredete ich mich wieder zu Frühstück: Toast mit Butter und Marmelade, Joghurt. Aber diesmal lag es mir beschwerlich im Magen, vielleicht nicht immer eine gute Idee?
Gestern als sechste unseres Cotswold Ways nochmal eine kürzere Etappe mit knapp 22 Kilometern in sechs Stunden – dabei hatten wir im letzten Drittel extra getrödelt, um nicht zu früh an unserem B&B anzukommen. Doch uns erwischten beide dann doch Blasen an den Füßen – ohne dass eine Druckstelle im Stiefel zu identifizieren war. In meinem Fall ist es eine kleine Blase an der linken großen Zehe links neben dem Zehennagel, da war aber in all den Tagen nichts außer der Nebenzehe, ich checkte gestern beim ersten Zwicken extra nochmal auf Falten im Socken. Aber ich hatte in der Vergangenheit ja auch schon Blasen an der Unterseite von Zehen vom schieren Druck des Gehens, auf so lange Strecken an so vielen Tagen hintereinander sind meine Prinzessinnenfüßchen halt nicht ausgelegt.
Das Wetter wurde prima: Anfangs hatte ich noch gefröstelt und war in meine Jacke geschlüpft, doch schon nach dem ersten Aufstieg brauchte ich sie nicht mehr. Wie angekündigt wurde es gestern recht windig, doch die meiste Zeit wärmten sonnige Abschnitte.
Abschied von unserer Unterkunft in Wotton under Edge.
(Foto: Herr Kaltmamsell)
In die Kirche, in der ich beim letzten Besuch die vielfältigen Knie-Kissen fotografiert hatte, linsten wir nur kurz rein, wurden sofort von der Sonntagsgemeinde darin eingeladen, dankten herzlich und flohen.
Argument gegen kurze Hosen – und Zeichen, dass so viele Leute dann doch wieder nicht auf dem Cotswold Way unterwegs sind, sonst könnten die Wege nicht derart zuwachsen. Am gestrigen Sonntag begegneten wir besonders vielen Spaziergänger*innen, die meisten mit Hund unterwegs, aber auch jugendlichen Wandergruppen mit Übernachtungsmatten an ihren Rucksäcken, auch am Samstag waren uns schon solche entgegen gekommen (Ferienaktionen?).
Das hier sind genau die Wegabschnitte auf Straßen, vor denen ich mich fürchte: Wenn mir hier ein SUV begegnet, ist praktisch kein Platz zum Ausweichen. Was ein Radler wie der auf dem Foto machte, kann ich mir gar nicht vorstellen.
Monument für einen Robert Edward Somerset (?).
Schicke Häuser hier.
Weil wir so schnell gewesen waren, machten wir schon um halb zwei Brotzeitpause in dieser windgeschützten Senke. Es gab die Sandwiches aus dem Lunchpaket, das wir in der Unterkunft bekommen hatten, und die sich als ausgezeichnet herausstellten: Dicke Scheiben brown bread, darauf einmal dick Schinken und Käse sowie Pickle, einmal dick Käse und Zwiebelmarmelade – wir teilten uns beide. Davor je ein Apfel, danach Ingwerkekse.
Zum Trödeln sahen wir uns die Kirche und den Kirchhof von Little Sodbury an (19. Jahrhundert, aber exakt im Stil der tausendjährigen Kirchen). Darin viel Geschichte zum Ersten Weltkrieg, der in England deutlich lebendiger gehalten wird als in Deutschland. Das Besondere in Little Sodbury, “Thankful Village”: Alle sechs Dorfbewohner, die in den Krieg zogen, kehrten lebend zurück.
Unsere Unterkunft für die Nacht.
Ein gutes Zimmer. Die Kriterien:
1) Platz für offenen Koffer (bei täglichem Wechsel wird nicht ausgepackt)
2) Schreibtisch
3) Aussicht
4) Badewanne (nicht im Bild)
Ordentliches WLAN gab’s auch, großartig.
Wir nutzten beide die Badewanne, eine las, einer guckte englisches Fernsehen (“Das perfekte Dinner” auf Englisch: Hier sind die Ansprüche an die Gerichte deutlich niedriger, dafür wird mehr über die menschliche Seite gesprochen, und es werden party games gespielt).
Fürs Abendessen war im örtlichen Pub reserviert.
Ich hatte mich auf die lamb shanks gefreut, bei all den Schafen auf den Weiden hatte ich ungeheuer Lust auf Lammfleisch bekommen (ich fürchte, “wie kann man diese niedlichen Tiere töten und essen?” hat bei mir noch nie funktioniert, auch nicht zu Kinderzeiten). Schmeckte hervorragend, auch wenn ich keine Illusionen habe, dass es sich um lokales Lamm handelte, war aber zu viel. Davor ein Pint Guiness, das ich sehr genoss, das mich aber recht betrunken machte.
§
Samstagabend hatte ich Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück ausgelesen, von Anfang an gefesselt (auch auf unangenehme Art), sehr interessiert, aber durchgehend irritiert von der Einsortierung “Roman” auf dem Buchtitel, also Fiktion. Dieser Roman also erzählt aus der Perspektive einer Frau, die fast alle biografischen Eckdaten mit der Autorin teilt, vom Aufwachsen in einer ostdeutschen Seestadt als jemand, die wenige Jahre vor dem Fall der Mauer geboren wurde, als jemand, die aus einer stramm linientreuen DDR-Familie stammt. Außerdem erzählt er von der Suche nach der Biografie des geliebten Großvaters, vor allem nach seiner Rolle im Nazi- und im SED-Regime.
Klar kann die ganze Geschichte ausgedacht sein, doch in der Danksagung (ja, ich lese Bücher wirklich von ganz vorne bis ganz hinten) dankt Rabe Archivaren und Archivarinnen, und sie hat genau beschrieben, unter welchen Voraussetzungen man Einsicht in biografische Details von Verstorbenen wie den Romanfiguren nehmen darf: als nahe Angehörige.
Also entscheide ich hiermit, dass weitgehend Nicht-Erfundenes erzählt wird, wenn auch Vieles anonymisiert (mich würde sehr interessieren, wie es zum Verkaufen als “Roman” kam), und dann ist das Buch besonders lesenswert: Ich lernte eine Menge über diese Generation von Menschen aus Ostdeutschland, wie, womit und mit wem sie nach der Wende Schulunterricht hatten, wie vormals kadertreue Menschengruppen die neue Welt wahrnahmen.
Und ich kam durch Rabes Schilderung der Härte bis Brutalität ihrer Mutter, ihrer eigenen bodenlosen Einsamkeit dabei, mal wieder ins Nachdenken darüber, wie unterschiedlich die Sicht auf Kindergroßziehen und Erziehung aus Elternperspektive (vor allem Mutter-) und aus der Perspektive der betroffenen Kinder ist. Wie entsetzlich Maßnahmen und Haltungen angekommen sein können, die aus Elternsicht wohlüberlegt, das Allerbeste und wunderbar waren. Mich gruselt deshalb manchmal, wenn ich Eltern erzählen höre oder lese, wie großartig sie das mit ihren Kindern machen, und ich frage mich, was diese Kinder wohl in 20 bis 30 Jahren darüber erzählen.












































































































































