Wandern

Journal Sonntag, 2. Juli 2023 – Cotswold Way 6, Wotton under Edge nach Old Sodbury / Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück

Montag, 3. Juli 2023

Nach guter Nacht überredete ich mich wieder zu Frühstück: Toast mit Butter und Marmelade, Joghurt. Aber diesmal lag es mir beschwerlich im Magen, vielleicht nicht immer eine gute Idee?

Gestern als sechste unseres Cotswold Ways nochmal eine kürzere Etappe mit knapp 22 Kilometern in sechs Stunden – dabei hatten wir im letzten Drittel extra getrödelt, um nicht zu früh an unserem B&B anzukommen. Doch uns erwischten beide dann doch Blasen an den Füßen – ohne dass eine Druckstelle im Stiefel zu identifizieren war. In meinem Fall ist es eine kleine Blase an der linken großen Zehe links neben dem Zehennagel, da war aber in all den Tagen nichts außer der Nebenzehe, ich checkte gestern beim ersten Zwicken extra nochmal auf Falten im Socken. Aber ich hatte in der Vergangenheit ja auch schon Blasen an der Unterseite von Zehen vom schieren Druck des Gehens, auf so lange Strecken an so vielen Tagen hintereinander sind meine Prinzessinnenfüßchen halt nicht ausgelegt.

Das Wetter wurde prima: Anfangs hatte ich noch gefröstelt und war in meine Jacke geschlüpft, doch schon nach dem ersten Aufstieg brauchte ich sie nicht mehr. Wie angekündigt wurde es gestern recht windig, doch die meiste Zeit wärmten sonnige Abschnitte.

Abschied von unserer Unterkunft in Wotton under Edge.

(Foto: Herr Kaltmamsell)

In die Kirche, in der ich beim letzten Besuch die vielfältigen Knie-Kissen fotografiert hatte, linsten wir nur kurz rein, wurden sofort von der Sonntagsgemeinde darin eingeladen, dankten herzlich und flohen.

Argument gegen kurze Hosen – und Zeichen, dass so viele Leute dann doch wieder nicht auf dem Cotswold Way unterwegs sind, sonst könnten die Wege nicht derart zuwachsen. Am gestrigen Sonntag begegneten wir besonders vielen Spaziergänger*innen, die meisten mit Hund unterwegs, aber auch jugendlichen Wandergruppen mit Übernachtungsmatten an ihren Rucksäcken, auch am Samstag waren uns schon solche entgegen gekommen (Ferienaktionen?).

Das hier sind genau die Wegabschnitte auf Straßen, vor denen ich mich fürchte: Wenn mir hier ein SUV begegnet, ist praktisch kein Platz zum Ausweichen. Was ein Radler wie der auf dem Foto machte, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Monument für einen Robert Edward Somerset (?).

Schicke Häuser hier.

Weil wir so schnell gewesen waren, machten wir schon um halb zwei Brotzeitpause in dieser windgeschützten Senke. Es gab die Sandwiches aus dem Lunchpaket, das wir in der Unterkunft bekommen hatten, und die sich als ausgezeichnet herausstellten: Dicke Scheiben brown bread, darauf einmal dick Schinken und Käse sowie Pickle, einmal dick Käse und Zwiebelmarmelade – wir teilten uns beide. Davor je ein Apfel, danach Ingwerkekse.

Zum Trödeln sahen wir uns die Kirche und den Kirchhof von Little Sodbury an (19. Jahrhundert, aber exakt im Stil der tausendjährigen Kirchen). Darin viel Geschichte zum Ersten Weltkrieg, der in England deutlich lebendiger gehalten wird als in Deutschland. Das Besondere in Little Sodbury, “Thankful Village”: Alle sechs Dorfbewohner, die in den Krieg zogen, kehrten lebend zurück.

Unsere Unterkunft für die Nacht.

Ein gutes Zimmer. Die Kriterien:
1) Platz für offenen Koffer (bei täglichem Wechsel wird nicht ausgepackt)
2) Schreibtisch
3) Aussicht
4) Badewanne (nicht im Bild)
Ordentliches WLAN gab’s auch, großartig.

Wir nutzten beide die Badewanne, eine las, einer guckte englisches Fernsehen (“Das perfekte Dinner” auf Englisch: Hier sind die Ansprüche an die Gerichte deutlich niedriger, dafür wird mehr über die menschliche Seite gesprochen, und es werden party games gespielt).

Fürs Abendessen war im örtlichen Pub reserviert.

Ich hatte mich auf die lamb shanks gefreut, bei all den Schafen auf den Weiden hatte ich ungeheuer Lust auf Lammfleisch bekommen (ich fürchte, “wie kann man diese niedlichen Tiere töten und essen?” hat bei mir noch nie funktioniert, auch nicht zu Kinderzeiten). Schmeckte hervorragend, auch wenn ich keine Illusionen habe, dass es sich um lokales Lamm handelte, war aber zu viel. Davor ein Pint Guiness, das ich sehr genoss, das mich aber recht betrunken machte.

§

Samstagabend hatte ich Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück ausgelesen, von Anfang an gefesselt (auch auf unangenehme Art), sehr interessiert, aber durchgehend irritiert von der Einsortierung “Roman” auf dem Buchtitel, also Fiktion. Dieser Roman also erzählt aus der Perspektive einer Frau, die fast alle biografischen Eckdaten mit der Autorin teilt, vom Aufwachsen in einer ostdeutschen Seestadt als jemand, die wenige Jahre vor dem Fall der Mauer geboren wurde, als jemand, die aus einer stramm linientreuen DDR-Familie stammt. Außerdem erzählt er von der Suche nach der Biografie des geliebten Großvaters, vor allem nach seiner Rolle im Nazi- und im SED-Regime.

Klar kann die ganze Geschichte ausgedacht sein, doch in der Danksagung (ja, ich lese Bücher wirklich von ganz vorne bis ganz hinten) dankt Rabe Archivaren und Archivarinnen, und sie hat genau beschrieben, unter welchen Voraussetzungen man Einsicht in biografische Details von Verstorbenen wie den Romanfiguren nehmen darf: als nahe Angehörige.

Also entscheide ich hiermit, dass weitgehend Nicht-Erfundenes erzählt wird, wenn auch Vieles anonymisiert (mich würde sehr interessieren, wie es zum Verkaufen als “Roman” kam), und dann ist das Buch besonders lesenswert: Ich lernte eine Menge über diese Generation von Menschen aus Ostdeutschland, wie, womit und mit wem sie nach der Wende Schulunterricht hatten, wie vormals kadertreue Menschengruppen die neue Welt wahrnahmen.

Und ich kam durch Rabes Schilderung der Härte bis Brutalität ihrer Mutter, ihrer eigenen bodenlosen Einsamkeit dabei, mal wieder ins Nachdenken darüber, wie unterschiedlich die Sicht auf Kindergroßziehen und Erziehung aus Elternperspektive (vor allem Mutter-) und aus der Perspektive der betroffenen Kinder ist. Wie entsetzlich Maßnahmen und Haltungen angekommen sein können, die aus Elternsicht wohlüberlegt, das Allerbeste und wunderbar waren. Mich gruselt deshalb manchmal, wenn ich Eltern erzählen höre oder lese, wie großartig sie das mit ihren Kindern machen, und ich frage mich, was diese Kinder wohl in 20 bis 30 Jahren darüber erzählen.

Jounal Samstag, 1. Juli 2023 – Cotswold Way 5, Leonard Stanley nach Wotton under Edge

Sonntag, 2. Juli 2023

Eine gute Nacht, doch morgens gab es kein warmes Wasser in der Dusche. Ich kalkulierte durchaus ein, dass wir uns beide mit diesem schon wieder neuen Armaturen-Konstrukt gleich blöd anstellten, doch beim Frühstück hörte ich einen anderen Hotelgast auf dasselbe Problem hinweisen.

Seit dem Vorabend hatte ich mich darauf vorbereitet, an diesem Morgen etwas zu essen, ein bisschen was würde doch wohl gehen. Dass dieser Plan auf das mit Abstand liebloseste Frühstücksangebot unseres ganzen bisherigen Aufenthalts traf, war halt Pech (wie überhaupt diese Unterkunft Lieblosigkeit atmete – was mich vor allem in der Gastronomie und Hotelerie richtig runterziehen kann): Das Buffet-Angebot bestand vor allem aus aufgerissenen Packungen Gastro-Großgebinde, die Breakfast-Lady war mit dem kleinen, sich jetzt aber schnell füllenden Frühstücksraum komplett überfordert. Herr Kaltmamsell wagte sich dennoch ans Full English: “War ok.”

Ich aß zwei Scheiben Toast mit Butter und Marmelade, sowas wie Muesli (die Aufschrift auf dem Glas war fast nicht mehr zu lesen) mit sowas wie Pfirsich-Joghurt (wenn ein fettfreies Diät-Fabrikprodukt mit Pfirsich-Aroma diese Bezeichnung verdient). Das machte mich bis deutlich nach Mittag satt. Meinem Bauch geht’s wieder gut, er ist zurück bei der gewohnten Reiseverstopfung (Augenroll-Emoji).

Eigentlich hatten wir Lunch-Pakete gebucht, man hatte uns bei der Ankunft gesagt, wir sollten einfach die Breakfast Lady darauf ansprechen – doch wir wollten ihren Stress nicht noch vergrößern und verzichteten.

Abschied von Leonard Stanley.

Es war für den Tag Sonne angekündigt, zunächst merkten wir das vor allem an mehr Wärme. Angenieselt wurden wir trotzdem am Anfang. Doch dann wurde das Wetter tatsächlich besser, ich hatte die Sonnencreme nicht umsonst aufgetragen. Obwohl es gestern sehr oft auf und ab ging, fühlte ich mich fit und gelassen, das Frühstück mag wirklich eine gute Idee sein.

Archäologie-Schilder-Archäologie.

Und echte Archäologie: Das eisenzeitliche Grab Nympsfield.

So viele verschiedene Blumen!

Nach knapp drei Stunden kamen wir ins Städtchen Dursley.

Auch in England gibt’s Friseurhumor. Wir spazierten durch die Fußgängerzone, blieben besonders lang vor der Auslage einer Metzgerei stehen – an einem Samstag besonders reichhaltig (ein Schild bot auch Ziegenfleisch an).

In einem empfohlenen Pub trank Herr Kaltmamsell ein Pint Bitter, Tee gab’s dort nicht, also sah ich ihm nur zu.

Blick zurück auf Dursley.

Auf Stinchcombe Hill, hauptsächlich als Golfplatz genutzt, gab’s sogar ein steinernes Schutzhäuschen.

Im Hintergrund der Turm ist Tyndale Monument, dort gingen wir hin.

Angekommen. Schon seit fast zwei Stunden hatten wir es gehört, jetzt sahen wir es auch (rechts unten): Nibley Festival, mit Musik, Commedy, Familienvergnügen, Camping.

Hier machten wir gegen halb drei Brotzeit, jetzt hatte ich wieder Hunger: Gemischte Nüsse, getrocknete Feigen.

Auf dem letzten Stück bis Wotton under Edge wurden wir immer wieder von Joggern mit Wettkampfschildchen überholt, offensichtlich fand auf dem Cotswold Way ein Rennen statt.

An dieses eigentümliche Denkmal mit eingezäunten Kiefern erinnerte ich mich noch gut von 2016. Seit gestern Mittag sind wir ja auf der Südhälfte des Cotswold Way, die wir schon kennen, gleichen immer wieder unsere Erinnerungen ab.

Hier das 2022 erneuerte Erklärungschildchen.

Nach knapp 25 Kilometern in gut sieben Stunden und über 150 Stockwerken auf und ab kamen wir an unserem Ziel an. Vor Beziehen der Unterkunft besorgten wir in einem mittelgroßen Coop-Supermarkt Abendessen.

Unterkunft diesmal von der aufmerksamen, liebevollen Sorte, sogar unsere Koffer waren bereits in das Dachzimmer des schön renovierten, sehr alten Inn getragen worden. Dass es klein ist und ohne Schreibtisch, war da unwichtig. Nach unseren Lunchpakt-Wünschen wurden wir bereits beim Einchecken gefragt, das stimmte mich zuversichtlich.

Füße hoch. Weil ich mich klebrig verschwitzt auf dem frischen Hotelbett seltsam fühlte, ging ich unter die Dusche. Sie tat richtig gut: Sauberes, geschmackvolles Bad, warmes Wasser, wohlriechendes Shampoo und Shower Gel.

Nachtmahl: Hummus mit Schnitzen von gelber Paprika als Löffel, Nudelsalat mit Spinat und Pinienkernen, englische Erdbeeren, Schokolade. Dabei lief im Fernsehen, BBC Sport, Frauen-Cricket – ich war sehr enttäuscht über das Fehlen der weißen Pullunder mit V-Ausschnitt. (Mal wieder tiefer innerer Dank an Helene, die Engländerin, die mir während meines Auslandsstudienjahrs die Grundzüge von Cricket nahebrachte, sich aller Absurditäten bewusst, und die betonte: “It’s not that boring to watch Cricket. It’s more boring to watch paint dry!”)

§

Wundervolle Seite Drei in der Wochenend-Süddeutschen:
“Danke, stimmt so”.

Kaum jemand weiß, dass die Bundesrepublik ein Spendenkonto hat. Wer will, kann dem Staat Geld schenken, damit der seine Schulden tilgen kann. Die Frage ist nur: Wer macht denn so was – und warum? Eine Fahndung.

Am Tonfall merkt man, dass die Autoren Boris Herrmann und Cornelius Pollmer einen Heidenspaß daran hatten.

(Bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal den Knopf “Artikel verschenken” auf der Website – OHO! Dahinter steckt Folgendes:

Verschenken Sie Artikel aus unseren digitalen Projekten über den „Artikel Schenken”-Button am Anfang des Artikels. Sie erhalten pro Artikel und Empfänger einen exklusiven Geschenk-Link und können diesen ganz einfach per E-Mail, Text-Nachricht oder Social Media teilen.

Empfängerinnen und Empfänger des Geschenk-Links können den Artikel nach einer kurzen Registrierung lesen – so oft und so lange wie gewünscht. Über den Geschenk-Link kann der Artikel immer wieder aufgerufen werden.

Sie wollen den Artikel mehreren Freunden schenken? Kein Problem – Sie können so viele Geschenk-Links generieren wie Sie möchten. Beachten Sie aber, dass ein Geschenk-Link immer nur von einer Person eingelöst werden kann und nicht an mehrere Personen gleichzeitig geschickt werden sollte.

Ein Anfang, hurra! Das mit der “kurzen Registrierung” geht vielleicht noch technisch weg, ebenfalls die Vereinzelung – dann klappt das irgendwann auch mit dem Verschenken über mein Blog! Wofür ich, Sie erinnern sich, auch bereitwillig zahlen würde.

Bis dahin: Wenn Sie den Artikel lesen möchten, e-mailen Sie mir doch an die Kontaktadresse links, dann schicke ich Ihnen einen Geschenk-Link.)

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Martin Parr hat beim Glastonbury-Festival 2023 fotografiert, wie immer sehenswert.

Journal Freitag, 30. Juni 2023 – Cotswold Way 4, Birdlip nach Leonard Stanley im Trüben

Samstag, 1. Juli 2023

Sehr gut und tief geschlafen, hätten gerne mehr als die neun Stunden bis Weckerklingeln sein dürfen.

Am Vorabend hatte ich noch gehofft, dass das wenige Essen am Donnerstag zu Frühstücksappetit am Freitag führen würde – ich finde Frühstücksappetit großartig und denke immer wieder gerne an diesen einen Morgen in Sepúlveda beim Großfamilienurlaub zurück, wie herrlich Brot, Schinken, Kuchen schmeckten. Doch leider schüttelte es mich auch gestern Morgen allein beim Gedanken an nur einen Bissen. Schwarztee mit Milch und Zucker genoss ich aber.

Herr Kaltmamsell ließ sich auch in Birdlip ein Full English braten, aß es mit Genuss. Besonderes Feature hier: eine Rösti-Ecke.

Ein dunkelgrauer, kühler und windiger Tag, einige Male wurden wir auch heftig angenieselt. Dass ich zu wenig gegessen hatte, merkte ich dann doch beim Start unserer vierten Etappe Cotswold Way: Mir war schwach und schwindlig. Nach einer knappen Stunde zwang ich mich also zu einem Eiweißriegel, der half.

Gestern führte der Weg meist durch Wald. Es gab eher wenige Aussichten, die auch noch durch Regen verschleiert, das Ganze fühlte sich eher nach Sporteinheit an.

Unordentliche Vögel hier, die ihre Kleidung überall rumliegen lassen.

Nach drei Stunden Wanderung waren wir in Painswick, dem Start unserer Cotswold-Way-Wanderung 2016. Wir kehrten in einem Pub ein: Pint of Cider für Herrn Kaltmamsell, Tee für mich.

Und da hier so ziemlich der einzige Supermarkt auf dem Weg lag (nicht viel größer als ein Corner Shop), holten wir uns schon mal Abendessen.

Um halb drei auf einer der sehr raren Bänke und mit Aussicht Brotzeitpause, ich traute mich gemischte Nüsse und getrocknete Feigen. Bauch war nicht völlig einverstanden.

Am Ende dieser Weide mussten wir zwei Kühe freundlich bitten, das Gatter freizumachen, sie standen direkt davor, halb drin. Ich bin weiterhin für die großen Tiere zuständig und erledigte das, Sprechen reichte. (Herr Kaltmamsell beim Passieren: “Sie hat mich angeschnuppert!”)

Kurz vor Stroud der Weinberg, den wir vor sieben Jahren im Anfangsstadium passiert hatten.

Unterkunft diesmal eine halbe Fußstunde ab vom Cotswold Way in Leonard Stanley. Mein Tracker hatte gut 25 Kilometer in knapp acht Stunden gemessen. (Walking nine to five…)
Falls Sie sich (wie wir ein bisschen) wundern, dass wir so lange für diese Strecken brauchen: Es geht ganz schön rauf und runter. Mein Bewegungs-Tracker kann keine Höhenmeter, er zählt aber Treppenstufen: Das waren am Donnerstag und am Freitag jeweils über 100.

Herr Kaltmamsell bereitete mich darauf vor, dass die nächsten Tage ähnlich lang werden. Bis auf den siebten, den letzten Wandertag: Der wird noch länger. Allerdings hatte er während der Absprachen mit der Agentur schon früh angekündigt, dass wir uns mit dieser Wanderung, die die Strecke von neun Wandertagen in sieben unterbringt (es waren bei unserer eher kurzfristigen Buchung nicht mehr Unterkünfte zu bekommen), übernehmen. Eine Nebenwirkung: Wir halten uns nur kurz bei Sehenswürdigkeiten am Wegesrand auf. Herr Kaltmamsell liest vorher ein paar Informationen dazu vor, wir gucken kurz, dann schnell weiter.

Unterkunft in einem Guest House in einem gar nicht so kleinen Ort, alte Eigenheime, neue Eigenheime, sehr alte Kirche. Und null Infrastruktur: kein Laden, keine Wirtschaft, keine Arztpraxis. Das hatte Herr Kaltmamsell vorher recherchiert, deshalb ja der Einkauf unterwegs. Mein Nachtmahl war eine Salatgurke und ein großes Stück Cheddar (auf künftige Packlisten für Wanderurlaube setzen: Brotzeitbrettl, diesmal musste das Wanderbüchl als Unterlage fürs Schneiden herhalten), Nachtisch Schokolade. Die nächste Mahlzeit, die Genuss verspricht, ist auf Sonntagabend terminiert: Herr Kaltmamsell hat in einem Pub in Old Sodbury reserviert.

An englischen Hotelzimmern schätze ich ja die Zuverlässigkeit, mit der Wasserkocher, Teebeutel und Zucker bereitstehen: Die zwei Tassen Kamillentee taten der Körpertemperatur und dem Bauch gut. Ansonsten ein eher schraddliges Zimmer: Damit die Tür nicht bei jedem anderen Türöffnen auf dem Flur bumperte, mussten wir sie mit einem Hocker verkeilen.

Draußen regnete es inzwischen ausdauernd und windig, wir hatten mit unserem Wanderwetter Glück gehabt.

Journal Donnerstag, 29. Juni 2023 – Cotswolds Way 3 von Cleeve Hill nach Birdlip, und verschärfte Umstände

Freitag, 30. Juni 2023

Wieder deutlich zu früh aufgewacht. Aber wir hatten das Frühstück eh auf frühe 8 Uhr gelegt, um zeitig zu dieser langen Etappe loszukommen.

Herr Kaltmamsell bestellte auch hier zum Frühstück das Full English, war sehr zufrieden. Wie schon am Vortag bei der Anweisung, erstmal die Wanderschuhe im Stiefelraum auszuziehen, hatte die Unterkunft eine sachte Alpenverein-Note. Am Frühstücks-Buffet ebenfalls viele Anleitungen zum Selbermachen, auf dem Zimmer Anweisungen, sehr freundlich formuliert, für alles Mögliche inklusive fürs Lüften bei Abreise.

Ein ganzes Wanderhotel voller Memmen wie uns, die ihr Gepäck fahren ließen.

Aufbruch!

Blicke auf Cheltenham, das wir mit viel Mäandern und vor allem auf Höhenwegen an diesem Tag fast umrunden würden – wir sahen die Stadt nahezu von allen Seiten. Erstmal aber verließen wir das ausgedehnte Cleeve Common, nicht nur ein Naturschutzgebiet, sondern ein Rest des Allmende-Systems, das die englische Landwirtschaft einst prägte und von den enclosures beendet wurde.

Das Wetter war ganz wunderbar, mild mit viel Sonne, immer wieder gemischten Wolken, die Strecke war spannend, zudem sportlich lang. Dass sie besonders anstrengend wurde und ich nicht allzu viel davon mitbekam, lag aber an überraschender gesundheitlicher Unpässlichkeit.

Etwa zwei Stunden nach Aufbruch begannen meine Därme Samba zu tanzen und zu schmerzen, ich wünschte mir sehr innig ein Klo. Doch das lag ein ganzes Stück entfernt in einem Pub, es wurden dorthin die längsten 70 Wanderminuten meines Lebens. Im Schweinsgalopp.

Nach besuchtem Klo setzte ich mich in diesem Pub noch mit Herrn Kaltmamsell auf eine Tasse Schwarztee (er hatte ein Pint Cider), fühlte mich ganz schön wackelig. Doch vom Sitzenbleiben, so war ich sicher, würde mir auch nicht schneller besser, ging ich halt wackelig weiter.

Dazu kam: An Essen mochte ich dann nicht mal denken, die sportliche Anstrengung des Tages musste also ohne Nahrungsaufnahme auskommen (großen Dank für meinen nahezu unerschütterlichen Blutzuckerspiegel). So war ich bei all den schönen und immer wieder neuen Aussichten vor allem mit Durchhalten beschäftigt. Selbstverständlich bot der navigierende Herr Kaltmamsell Abkürzungen an, aber ich wollte doch den Cotswolds Way gehen! Das tat ich dann auch, ohne wirklich zu leiden.

Viper’s Bugloss (Gewöhnlicher Natternkopf?). Und Schmetterlinge gab’s gestern! So viele verschiedene und schöne!

Pferde-Ampel in Seven Springs, beachten Sie auch den Druckknopf auf Sattelhöhe.

Nach drei machten wir nochmal Pause am Crickley Hill Information Center.

Unbekannte Distel-Schönheit.

Nach exakt acht Stunden und knapp 26 Kilometern kamen wir an unserem Hotel im Zielort Birdlip an.

Dort fiel ich in unserem angenehm geräumigen Zimmer erst mal aufs Bett und rührte mich eine halbe Stunde nicht (davon hatte ich seit Stunden geträumt). Dann nutzte ich die überraschende Badewanne für ein Vollbad – und stellte am ablaufenden Wasser sowie am anschließend nicht mehr blütenweißen Handtuch fest, dass die Wanderung mich ganz schön dreckig gemacht hatte.

Gegen das Hungerzwicken im Bauch versuchte ich es mit Essen und packte das Lunchpaket aus, dass wir morgens vom Hotel bekommen hatten: Apfel, Käse-Gurken-Sandwich (eher trocken), Eiweißriegel. Der Bauch rumpelte nur wenig, und ich wurde satt.

Ich versuchte mich bis nach neun wach zu halten (um längeren Nachtschlaf wahrscheinlicher zu machen), unter anderem durch Bloggen. Herr Kaltmamsell guckte auf BBC Four eine sehr spannende Doku über die filmische Begleitung der britischen Kohleförderung ab den 1950ern, “The Mining Review”.

Journal Mittwoch, 28. Juni 2023 – Cotswolds Way 2 von Stanton nach Cleeve Hill, und Entschuldigungskulturen

Donnerstag, 29. Juni 2023

Wegen zu frühen Aufwachens nicht genug Schlaf bekommen, etwas benommener Start in den Tag.

Die ehemalige Feuerstelle im Frühstücksraum.

Unsere B&B-Gastgeberin entschuldigte sich immer wieder für ihren Fauxpas bei unserer Ankunft, als sie unser Klingeln nicht gehört und ihr Handy auf Lautlos gestellt hatte. Mein Hauptproblem war ja erstmal gewesen, dass ich wusste: Im Englischen gebietet die Höflichkeit, auf jede Entschuldigungen mit Gegen-Entschuldigung zu reagieren, auch wenn die Verfehlung ganz eindeutig nur auf einer Seite liegt. Doch mir fiel in der Situation einfach keine ein, ich bin halt deutsch. Erst am nächsten Tag kam mir die Idee: “Sorry for all the trouble.” Das geht ja eigentlich immer. Erst beim Abschied konnte ich diese Gegen-Entschuldigung endlich anbringen.

Wir waren am Dienstag auf der Straße von Nachbarn darauf angesprochen worden, dass wir ja wohl Schwierigkeiten gehabt hätten, unsere Landlady erzählte, dass das ganze Dorf Bescheid wisse. Lustig, denn in der Situation selbst hatte uns niemand angesprochen oder gar Hilfe angeboten, auch nicht diese Nachbarn, die am Montag an uns vorbeigegangen waren.

Wir verabschiedeten uns sehr herzlich, bekamen als weitere Entschuldigung eine Schachtel edler Pralinen geschenkt.

Wieder mussten wir Taxi fahren, um an das Ziel der Vortags, den Start unserer nächsten Etappe in Stanton zu gelangen. Aber ab jetzt werden wir jeden Tag von der einen Unterkunft zur nächsten wandern.

In Stanton Pärchen-Selfie zum Start. Das Wetter war wieder trübe, doch im Gegensatz zum Vortag warm-schwül. Ich brauchte auf der ganzen Etappe keine Jacke.

Durchs malerische Stanton hinaus in eine Landschaft, die eher nach Park als nach Landwirtschaft aussah.

Diese seltsamen Wellen sind ploughing humps.

Zweimal ging es gestern recht lang, aber sacht bergauf, ich kam in der Schwüle ziemlich ins Schwitzen.

Aber es ging auch wieder runter.

Im Eingangsportal der Kirche von Hailes machten wir nach gut zwei Stunden zum ersten Mal Pause, ruhten uns eher pflichtgemäß aus.

Keine Stunde später kamen wir ins lebendige Örtchen Winchcombe und kehrten in einem Pub ein. Herr Kaltmamsell probierte Ciders, ich bekam meinen Mittagscappuccino.

Englischer Humor, im Schaufenster eines Hardware Stores in Winchcombe.

Um zu zeigen, dass nicht alle Wege des Cotswolds Way supermalerisch sind (aber die allermeisten).

Blick zurück nach Winchcombe.

Eine Schaukel! In freier Wildbahn!

(Foto: Herr Kaltmamsell) Bisschen kurz, aber jede Schaukel ist besser als keine Schaukel.

Sehenswürdigkeit am Weg: Belas Knap, ein Hügelgrab.

Dem brummenden Strom der Hochspannungsleitung spielte ich ein bisschen “Ohm, sweet Ohm” von Kraftwerk vor.

Eine der vielen kissing gates, die wir gestern passierten, immer die Gelegenheit für einen Kuss wahrnehmend.

Nach einem kleinen Abstieg machten wir gegen drei im Wald auf einem Baumstamm Brotzeitpause, ich aß Apfel, Eiweißriegel, gemischte Nüsse. Beim Aufstehen nach der Pause bemerkte ich eine schmerzhafte Stelle am Schienbein, obwohl nichts am Schaft der neuen Stiefel dort drücken konnte. Ich beschloss gleich mal, am nächsten Tag in die alten Stiefeln zu wechseln.

In der letzten Wanderstunde in der Nähe von Cheltenham (das wir immer wieder unter uns sahen) stießen wir nicht nur immer wieder auf Pferde, sondern auch auf viele Kaninchen.

Unsere Unterkunft in Cleeve Hill. Das waren insgesamt gemessene 21 Kilometer in gut sechs Stunden mit drei Pausen.

Wir wurde erstmal in den Stiefelraum geführt, wo wir unsere Wanderschuhe lassen mussten, dann zu unserem Zimmer für die Nacht – ohne Kissenberge auf dem Bett, aber arg klein und ohne Schreibtisch (ich tippte auf dem Bett sitzend). Dafür mit neckischer Aussicht auf den grünen Hügel direkt hinterm Hotel mit reichlich Schafen. Und direkt neben dem Zimmerfenster ist wohl ein Schwalbennest, das immer wieder angeflogen wird.

Nach Ausruhen mit dann halt doch Bloggen (keine Garantie für die nächsten Tage mit deutlich längeren Wanderungen!) wusch ich mir notdürftig den Wanderschweiß ab, um zum Abendessen auszugehen: Herr Kaltmamsell hatte im Pub ums Eck reserviert, genauer im einzigen Pub am Ort. Es gehörte zur Green-King-Kette, bot entsprechend nichts Einheimisches oder Saisonales an.

Doch ich freute mich an Kürbis-Rote-Beete-Ravioli (Herr Kaltmamsell hatte Halloumi-Sticks zur Vorspeise).

Ganz besonders am großen Salat mit Halloumi (gegenüber gab es chicken pie mit chips. Und auf den Alkohol (Pinot noir) hatte ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Zum Nachtisch gab es im Hotelzimmer die Pralinen aus Broadway.

Journal Montag/Dienstag, 26./27. Juni 2023 – Cotswolds-Wanderung bis Stanton, und die Deko-Kissen-Frage

Mittwoch, 28. Juni 2023

Reisekleidung und Koffer für den Wanderteil des Urlaubs.

Koffer für den Brighton-Teil, allerdings musste hier noch der gemeinsame Kulturbeutel Platz finden.

Dass die Anreise zu unserer Unterkunft in den westenglischen Cotswolds komplex sein würde, wussten wir, sie legte dann aber auch noch unerwartete Komplexität drauf.

Erstmal aber pünktliche S-Bahn durch frühe Sommerhitze und -sonne zum Münchner Flughafen.

Pünktlicher Start.

Pünktliche Landung in London Heathrow. Heathrow Express zum Bahnhof Paddington, dort machte ich um halb drei Ortszeit Brotzeit mit einer frischen Cornish Pasty – schrecklich heiß, was gemein war, denn ich hatte solchen Hunger. Anderthalb Stunden Fahrt mit dem Regionalzug nach Moreton-in-Marsh – und dann standen wir erstmal da.

Denn ein Taxi zum zehn Kilometer entfernten Ort Broadway, in dem unsere Unterkunft lag, war keines zu bekommen, da konnte Herr Kaltmamsell die Liste mit Taxi-Anbietern im Fenster des Bahnhofsgebäudes noch so gründlich abtelefonieren: Die Nummern gab es nicht, oder es ging nur der AB dran, und der eine echte Mensch, mit dem wir sprachen, informierte uns, dass erst in anderthalb Stunden wieder ein Fahrer frei sein würde. Ein junger Einheimischer, der mit uns eingetroffen war, nahm uns jede Hoffnung: “Welcome to the English countryside!” Also entschieden wir uns für den einen Bus am Tag, der uns nach nur einer Stunde Warten fahren würde.

Nächste Komplexität: In unserem B&B öffnete niemand auf unser Klingeln. Herr Kaltmamsell telefonierte vergeblich, irgendwann auch mit der organisierenden Agentur – doch letztendlich erreichten wir nach einer halben Stunde unsere Gastgeberin, weil Herr Kaltmamsell einen Hintereingang zum Garten des Hauses fand, in dem sie fröhlich mit Gästen saß. Jetzt endlich konnten wir daran arbeiten, die Reise-Anspannung loszuwerden.

Fürs Abendessen gingen wir die Hauptstraße Broadways entlang an schmucken Häusern und vielen (durchgehend weißen) Touristen vorbei in den vorher recherchierten Supermarkt des Ortes, ich aß zurück auf unserem Zimmer einen Wrap mit Bohnen-Käse-Füllung und Coleslaw, zum Nachtisch Brownies.

Über Broadway Mauersegler und Schwalben, mittendrin viele Dohlen (deutlich hörbar), ein Rotkehlchen mit Würmern im Schnabel, das sich so nah an einem Zaunpfosten vor mir niederließ, als wollte es mit den Würmern mich füttern.

Unser B&B-Bett mit mächtigen Kissenbergen und Schmuck-Plaid, das ist ja ein durchaus üblicher Deko-Stil für Gästebetten. Dass jemand diesen Anblick gemütlich findet, kann ich akzeptieren – aber was machen Gäste, wenn sie in diesem Bett schlafen wollen? Gibt es einen designierten Platz in Hotelzimmern für Deko-Kissenberge und -Plaid bei Nacht?

Wir waren noch weit vor Nachtdunkelheit bettmüde, doch im Urlaub darf man so früh Schlafen gehen, wie man will.

§

Tiefer und guter Schlaf, ich las morgens noch ein wenig Internet vor dem Frühstück.

DIE bisherige Entdeckung in unserer Unterkunft: Die einfachste Bedienung einer Hoteldusche der westlichen Welt – ein An/Aus-Knopf für den Wasserfluss (mittlerer Druck), Temperaturregler, fertig.

Frühstücksraum unserer Unterkunft, wir setzten uns ans Fenster. Dass das Haus aus dem 16. Jahrhundert stammen soll, wird durch den Steinboden und die riesige Feuerstelle links an der Wand glaubwürdig. Herr Kaltmamsell bediente sich ausgiebig an den zahlreichen liebevollen frischen Frühstücksgerichten (u.a. selbst gemachtes Kompott mit Joghurt, verschiedene selbstgebackene Kuchen, selbst gemixter Smoothie), die Hausherrin unterstrich bei den Zutaten die lokale Herkunft, und er ließ sich englisches Frühstück braten.

Bei mir wollte sich trotz Urlaub keinerlei Frühstücks-Appetit einstellen, ich musste mich wortreich dafür entschuldigen, dass ich nur ein Kännchen Tee bestellte.

An unserem Zimmerfenster ritt jemand auf einem weißen Pferd vorbei, und die Regeln für Telefonieren auf Pferd sind wahrscheinlich laxer als die für Telefonieren am Steuer.

Dann wurde es wieder etwas umständlich. Weder am Start unserer Wanderung noch am gestrigen Zielort hatte es noch Übernachtungsmöglichkeiten gegeben, deswegen hatte die Agentur uns für zwei Nächte dazwischen untergebracht. Das bedeutete aber, dass uns ein Taxi zum Wanderstart bringen musste, abends vom Wanderziel abholen – alles von der Agentur organisiert.

Start des Cotswold Ways ist Chipping Campden, ein ausgesprochen reizender Ort.

Links die alte Markthalle.

Markthalle von innen.

Das Wetter war deutlich auf der düsteren Seite, wir sahen den ganzen Tag fast keinen Sonnenstrahl. Dafür tröpfelte es immer wieder, ich trug die meiste Zeit meine Wanderjacke. Das trübte zwar die zahlreichen großartig weiten Blicke, war als Wanderwetter aber super. Als schlecht erwies sich, dass ich mich für eine kurze Hose entschieden hatte: Die Wege waren oft dicht zugewachsen, meine Beine machten unangenehme Bekanntschaft mit Brennnesseln und Brombeerranken.

Andere Wander*innen trafen wir immer wieder, irgendwann wurde ich entspannter mit der Dynamik, dass man einander mehrfach überholt/begegnet, weil mal die anderen, mal man selbst zum Gucken oder für Pausen anhält. Aus “Hello” wird halt irgendwann “Hello again”. ABER! Keinerlei Radler*innen, null, nada, weder Touren-, noch Wander- oder Mountain-.

Hier sind Strohdächer typisch, wir kamen an frischer Strohdeckerei vorbei.

Blick zurück nach Chipping Campden.

Auf diesem schönen Weg spazierte ein paar hundert Meter lang ein Rebhuhn vor uns her.

Immer wieder kreuzten wir Schafweiden, begegneten der regionaltypischen Rasse Cotswolds Lion in verschiedenen Stadien der Rasur von dick bewollt bis eben geschoren. Sonstige spannende Tiere vor allem Greifvögel in der Luft: Hauptsächlich Milane, hin und wieder ein Bussard. Und die Türkentauben sind hier groß! Mal sehen, ob ich irgendwo Taubenbrüste auf der Speisekarte sehe.

Erklärtafeln und das von der Agentur mitgelieferte Wanderbüchl halfen uns, einige der vielen saisonalen Wiesenblumen zu identifizieren.

Spotted orchid (Fuchs’ Knabenkraut?).

Pyramidal orchid (Pyramiden-Hundswurz?). Wir sahen auch erfreulich viele Schmetterlinge, in den Wiesen und Wäldern summte und brummte es.

Ehemaliger Steinbruch mit Brocken des typischen Kalksteins der Gegend. Herr Kaltmamsell brachte mir den Begriff Oolith bei (Sedimentgestein, das aus kleinen Mineralkügelchen – Ooiden – besteht, diese Kügelchen sah ich auch bei genauerer Betrachtung).

Broadway Tower. Wegen trüber Aussicht reizte uns der Aufstieg nicht, der außerdem Geld gekostet hätte. Im dazugehörigen schönen Café am Parkplatz (von dem uns andere Wanderer an einem Aussichtspunkt beim Smalltalk erzählt hatten) machten wir kurz nach zwölf Kaffeepause.

Blick auf Broadway, das wir durchquerten.

Rechts unser B&B.

Auf einer Wiese machten wir kurz vor drei Brotzeitpause, ich aß vernünftig einen Apfel und einige Mischnüsse.

Unser Zielort Stanton, ganz viel Cotswolds-Idyll.

Das waren in sehr gemütlichen fünfeinhalb Stunden 16 Kilometer Wanderung gewesen. Da das der kürzeste und einfachste Abschnitt war, hatte ich meine neuen Wanderschuhe getragen – sie machten sich ganz hervorragend.

St. Michael’s, 1000 Jahre alt.

Unsere Taxifahrerin wartete schon auf uns, auf der Fahrt zurück zu unserem B&B in Broadway erzählte sie, dass sie in siebter Generation in den Cotswolds lebe.

Weil wir schon kurz nach vier zurück im B&B waren, schrieb ich Blogpost und bearbeitete die Fotos dazu. Nach diesen zwei Stunden war ich sehr hungrig und ging mit Herrn Kaltmamsell raus zum Abendessen.

Wir hakten Fish’n chips von unserer Englandliste ab, bemerkenswert hier waren die crushed peas mit Minze. Ich aß alles auf.

Wieder früh ins Bett.

Journal Samstag, 3. Juni 2023 – Sonnenwandern: Zu Fuß von Starnberg nach Pasing

Sonntag, 4. Juni 2023

Der viele Wein vom Vorabend beeinträchtigte meinen Schlaf kaum, ich wachte ausgeruht und nur ganz wenig verkatert auf.

Für gestern hatten Herr Kaltmamsell und ich uns eine Wanderung vorgenommen, ich hatte gezielt eine längere Strecke ausgesucht, um uns endlich auf die Ganztages-Etappen des diesjährigen Fernwanderwegs Cotswold Way vorzubereiten: Ca. 23 Kilometer die Würm entlang von Starnberg nach Pasing.

Das angekündigte Wetter war mit Sonne und 24 Grad ideal, wir kannten die Route bereits in die andere Richtung. Ich hatte die Gegenrichtung zum einen zur Abwechslung vorgeschlagen, zum anderen würden wir beim Wandern nach Norden die Sonne im Rücken haben. Ich trug trotz der leichten Strecke mit sehr bequemen Wegen meine Wanderstiefel: Test, ob eine lange Strecke in warmen Temperaturen automatisch roten Ausschlag (“Wanderkrätze”) erzeugen würde.

Und so genossen wir tatsächlich ideales Wanderwetter mit leichtem Wind, in schattigen Abschnitten war es sogar für nackte Schultern etwas zu frisch. Was wir für die mindestens so langen Etappen in England übten: regelmäßige Pausen. Und zwar nicht erst bei Ausruh-Bedürfnis, sondern stur alle zwei Stunden, damit erst gar kein echtes Ausruh-Bedürfnis entsteht.

Die Ausblicke und Anblicke im Leutstettener Moos und an der Würm waren märchenhaft, ich sah zum ersten Mal im Leben Wasseramseln – allerdings sah ich sie nicht tauchen, das konnte ich bei erster Begegnung aber nicht gleich erwarten. Zumindest konnte ich sie lang genug beobachten, um ihre lustigen Kniebeugen zu sehen.

Allerdings erwischten wir eine nicht optimale Streckenführung: Etwa ein Drittel des Wegs (zwischen Gauting und Planegg) führte Straßen entlang, wir mühten uns vergeblich immer wieder in Flussnähe zu kommen. Womit wir gerechnet hatten: Viele Radler*innen, die Route ist als Fahrradwanderung ausgeschildert – mit dem hohen Straßenanteil wahrscheinlich dafür wirklich besser geeignet. Alle Beteiligten kamen gut miteinander aus.

Erster Hinweis auf unser Wanderthema, hier noch minus Idylle.

Start des Idylls im Leutstettener Moos.

Blick zurück von Leutstetten zum Starnberger See.

Mühltal.

Endlich an der Würm – sie stand in voller Blüte.

Um halb zwei Brotzeitpause nach gut zwei Stunden Wandern (Glockenapfel vom Vollcorner, ich hatte mich sehr gefreut, auf diese Sorte zu stoßen).

Vor Gauting “Roter Flieder” oder wie ich dieses Jahr Herrn Kaltmamsell beibrachte, dass Kastanien nicht unbedingt weiß blühen (und die rot blühenden unanfällig für die Miniermotte sind, möglicherweise mittlerweile bevorzugt gepflanzt werden).

Diesen Pfad an der Würm abseits der Straße hatte Herr Kaltmamsell bei einer Wanderung in die Gegenrichtung entdeckt, er ersparte uns einen Kilometer Straße – ließ uns auf herrliche Grundstücke auf der anderen Seite sehen und war abenteuerlich wild.

Herrliche deutsche Sprache – hier in Stockdorf.

St. Margaret in Krailling.

In Planegg gab es um vier eine zweite Pause. Ein wenig Sorge bereitete mir, dass Herr Kaltmamsell mit seinen vertrauten Wanderschuhen kämpfte, sie drückten ihn. Er betonte, dass er einfach seine Einlagen vergessen habe, ich hoffe, das war wirklich die Ursache. Selbst lief ich völlig unbeschwert, das darf in England gern so bleiben. Daheim sah ich: Wanderkrätze nur ganz leicht.

Am Pasinger S-Bahn-Gleis trafen wir nach gut sechs Stunden Wanderung auf Bekannte – und freuten uns, dass wir auf ihre Frage “Wo kommt ihr denn her?” antworteten: “Aus Starnberg.”

Problemlose Fahrt an den Stachus, auf dem letzten Abschnitt nach Hause kaufte ich am Standl noch Erdbeeren für den Abend.

Daheim füllten wir auf dem Balkon das viel genutzte Wasserschälchen nach: Zu unserer großen Freude trauen sich dieses Jahr auch die Distelfinken aus den Bäumen davor ran.

Räumen und Ausruhen, dann briet Herr Kaltmamsell uns Würste zum Nachtmahl, dazu aus Ernteanteil Grelos (Stängelkohl). Ich hatte sogar Lust auf ein Glas Weißwein dazu. Danach gab es große Mengen Erdbeeren (jetzt sind die heimischen richtig gut), noch ein wenig Schokolade.

Im Bett den nächsten Roman angefangen und mich von ihm nach China mitnehmen lassen: Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Weiches Begräbnis.

§

Ein Text von Friederike Gräff in der taz, der mir nahe geht. Auch mich bestürzt es immer wieder, wenn Menschen die Nachricht vom Tod eines sehr alten Menschen mit “na ja, er war doch schon alt” abtun: Für Nahestehende, für Angehörige und Freunde, ist dieser Tod ein schmerzlicher Verlust, der durch die Länge der gemeinsam verbrachten Lebensjahre sicher nicht geringer wird.
“Trauer ist alterslos”.