Wandern

Journal Freitag, 22. September 2023 – Oktoberfestflucht mit Bergknappenweg und Nachdenken über Frisurzwänge nach Altersgruppen

Samstag, 23. September 2023

Etwas zerstückelte Nacht, weil mich immer wieder Stechmücken-Surren wach hielt: Das Vieh / die Viecher ließen sich auch nicht durch nachträgliche Ganzkörper-Besprühung mit Anti-Brumm fernhalten. (So bekam ich auch nächtliches Regentröpfeln mit.) Doch ich bin ja im Urlaub, nach Aufwachen um sechs schlief ich nochmal anderthalb Stunden tief.

Ich hatte endlich ein Normalnull an Wohnungsgeruch hergestellt: Als ich aus dem Flur ins Wohnzimmer kam, roch ich lediglich meinen Morgenkaffee – ahhhh!

Für diesen als kühl und regnerisch angekündigten Tag hatte ich die kürzeste der vier recherchierten Touren geplant, den Bergknappen-Weg. Ich ließ mir Zeit mit dem Fertigmachen, turnte eine Runde Yoga-Gymnastik (Vorwärmen des Wohnzimmers mit Heizlüfter ermöglichte mir das sogar ohne Socken und Sweatshirt).

In voller Wandermontour ging ich auch erstmal auf einen Cappuccino; von meinem Aufenthalt vor vier Jahren erinnerte ich mich, dass der in der örtlichen Eisdiele gut gewesen war.

Eine kurze Wanderung war genau das Richtige für gestern, ich spürte die lange Strecke vom Vortag. Anfangs wurde ich ein wenig angetröpfelt, dagegen klappte ich die Kapuze über den Kopf. Richtig vergnügt machte mich, dass es auf halber Strecke kurz so richtig regnete: Ich war gerade im Wander-Flow und freute mich, dass meine Superduper-Wanderjacke die Tropfen so zuverlässig von mir abhielt, dass mir der Regen überhaupt nichts ausmachte.

Wieder hatte ich die gesamte Wanderung über die Wege für mich, begegnete nur um (Hundegassi) und in Siedlungen anderen Menschen.

Düsterer Himmel.

Thierbach mit der derzeit dominierenden Straßenlaternen-Deko.

Übrigens sehen die Apfelbäume hier wirklich ganz anders aus als bei uns in Oberbayern, sie sind voll der herrlichsten Früchte – hier vor der Thierbacher Mühle.

Über Naila. Wäre Donnerstag der Schlechtwettertag gewesen, hätte ich den Wochenmarkt in Naila mitgenommen: Das Städtchen ist größer und hat deutlich mehr Leben und Infrastruktur als Bad Steben. Inklusive einem Freibad, in dessen 50-Meter-Becken ich vor vier Jahren zweimal ausgiebig schwamm.

Der Bergknappen-Weg führte einmal quer durch Naila. Erstmal natürlich durch das neueste Einfamilienhaus-Gebiet, jedes Haus versehen mit einem weiteren halb so großen Haus – für die Autos.

Mein Blick blieb am Friedhof an einem Denkmal hängen.

“Den Opfern der Kriege”. Wie nah das durch den russischen Überfall auf die Ukraine wieder ist. Auch weil ich morgens diesen Theaterbericht von @Herzbruch gelesen hatte, der mich mitnahm: “CN-Krieg”. (Kurze Erinnerung, dass ich diese Nähe nur durch die geografische Nähe fühle, weltweit waren diese Kriege nie weg.)

Jetzt war es kurz nach eins, die Straßen und Bushaltestellen Nailas voller Schüler*innen. Und wieder fiel mir etwas an der aktuellen, aber schon seit Jahren bestehenden Mode auf. Es wird ja regelmäßig behauptet, das Styling von älteren und alten Frauen sei besonderen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen.1 Zum Beispiel würden an alten Frauen lange Haare als unangemessen angesehen. (Wann ist eigentlich der Oma-Dutt aus den Stereotypen verschwunden?) Meine Beobachtungen, unter anderem dieses Jahr in Brighton hingegen ergeben: Es sind junge Mädchen und Frauen, die einem viel größeren Druck ausgesetzt sind, nämlich ihr Haar unbedingt lang zu tragen. Seit vielen Jahren sehe ich einen erheblich höheren Variantenreichtum in der Haartracht junger Burschen und Männer: Die tragen ihr Haar mal lang, mal kurz, mal halblang, mal teilrasiert, mal lustig ins Gesicht frisiert. Mädchen und junge Frauen hingegen: Langes Haar, stufenlos lang, egal welches Haar, und fast immer in der Mitte gescheitelt. Die seltenen Abweichungen, zum Beispiel auf Schulfotos, die Herr Kaltmamsell heimbringt, fallen extrem auf.

Regen im Froschgrüner Park von Naila.

Solche Räuberhöhlen-Unterführungen liebe ich.

Kurz vor zwei, der Regen hatte aufgehört, machte ich im Selbitz-Tal auf dieser Bank Brotzeit: Apfel, Pumpernickel mit Frischkäse, der Keks, der mit dem Cappuccino serviert worden war. Untermalt vom geliebten Rauschen der Silberpappeln am Bach.

Hinter Marxgrün bei der Modelsmühle mehr prächtig tragende Apfelbäume.

In Hölle folgte ich der Empfehlung des Wanderführers, einen Abstecher zum Mineralbrunnen der Höllenquelle zu machen.

Ich kostete auch brav: Yep, schmeckte genau so greislich metallisch, wie ich auch das Heilwasser in Bad Steben in Erinnerung hatte.

Der letzte Abschnitt folgte der Alten Bad Stebener Straße, die für den Autoverkehr gesperrt wurde.

Der lag auf der Straße, echt ehrlich! Und schmeckte so sensationell, dass ich umkehrte und versuchte, den Baum durch Astschütteln dazu zu bringen, weitere von sich zu werfen – vergebens.

Nach 16 Kilometern in gut vier Stunden war ich zurück am Startpunkt, das reichte aber auch für gestern. Kurzer Einkauf im Edeka.

Zurück in der Ferienwohnung stellte ich fest, dass die Heizung in Betrieb genommen worden war, hurra.

Als Abendessen gab’s Linsen (aus der Dose) mit angebratenem Knoblauch und mitgebratener roter Paprika. Schmeckte leider bei Weitem nicht so gut wie die kalte Version (ich hatte mir bei dieser Kälte was Warmes gewünscht). Wie gut, dass ich im Supermarkt heimische Elisenlebkuchen gekauft hatte, mit den haselnussigen aß ich mich satt.

Abendunterhaltung Lesen, Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God fast fertig.

§

Never gets old: Die Aufregung, wenn ich herausfinde, dass eines meiner Internet-Idole weiß, dass es mich gibt.

§

Wie ein Tierfilmer einen rennenden Hamster filmt, und das Ergebnis in Zeitlupe. Doch, das wollen Sie sehen.

  1. Manchmal halte ich es für möglich, dass ich persönlich so furchterregend wirke, dass sich niemand mir gegenüber blöde Bemerkungen zu Alkoholfreiheit/Kinderlosigkeit/Altern-ohne-Würde erlaubt. Oder ich gehe einfach wenig genug unter Leute? []

Journal Donnerstag, 21. September 2023 – Oktoberfestflucht mit den fränkischen Attraktionen Humboldtweg und Schäufele

Freitag, 22. September 2023

Lang geschlafen, auch ohne Ohrstöpsel und obwohl nachts erst Sirenen heulten, außerdem das Regionalbähnla in jeder Kurve mit Pfiff vor sich warnte.

Kunstduftquellen in der Ferienwohnung so weit wie möglich reduziert. Und so dachte ich: Wenn ich jetzt noch die Badtür konsequent schließe und so oft wie möglich Fenster öffne, könnte es allmählich einfach sauber riechen und nicht mehr wie eine Drogerieabteilung.

Die Vermieterin, die gleich nebenan wohnt, brachte einen Heizlüfter vorbei, weil doch am Freitag das Wetter kalt werden soll – und scheuchte mich mit ihrem Klingeln gerade vom Duschen abgetrocknet in die nächstbeste Kleidung zum Türöffnen. Ich hoffe, die Heizkraft macht das wett.

Ich kam ein wenig später los zu meiner Wanderung, weil Kleidungsverunsicherung. Erst war ich in kurzen Ärmeln startklar, doch in der Wohnung fror ich damit so, dass ich dann doch in meine Jacke schlüpfte. Gleich vor der Haustür lag die Außentemperatur aber deutlich über Wohnungskälte, durchaus T-Shirt-geeignet, also zog ich die Jacke wieder aus und verstaute sie im Rucksack.

Für gestern, den Tag mit dem schönsten Wetter, hatte ich als Wanderung die längste meiner Oktoberfestflucht ausgesucht: den Humboldtweg. Wieder war der GPS-Track besonders hilfreich, zumal ich allen Empfehlungen für Extra-Abstecher folgte. Einmal verlief ich mich trotzdem, weil ich eine Wegmarkierung falsch interpretiert hatte. Ein Routine-Check zehn Minuten nach der Abzweigung erwies meinen Irrtum, ich kehrte um.

Das Wetter superherrlich, die Strecke abwechslungsreich (wenn auch für meinen Geschmack zu viele Straßenabschnitte drin waren). Eine erste Pause machte ich recht früh, da meine Wanderschuhe reichlich Pflanzenfragmente eingesammelt hatten und ich eine Bank für Schuhe-Ausleeren und ein wenig Ausruhen nutzte.

Gestern hatte ich sogar Gesellschaft und begegnete einer anderen Wanderin, außerdem ein paar Radler*innen (einem ausgerechnet beim ein Mal Pinkeln – nicht weit ab vom Weg, weil ich davor anderthalb Stunden lang überhaupt niemanden gesehen hatte).

Ich fühlte mich munter und fit, genoss die Bewegung und die Ausblicke sehr, kam bei Steigungen ins Schwitzen und freute mich über meine Körpertüchtigkeit, die sie mir ermöglichte, sah interessante Gesteine (u.a. Diabas – Geolog*innen haben einfach die besten Wörter), außerdem wieder viele Eichelhäher, aber auch Bussarde, Falken, einen Rotmilan, ein Eichhörnchen mitten im Wald. Und einmal erschreckte ich ein Reheinen Hirschen – und dieser mich, als gefühlt nur einen Meter links von mir im Unterholz ein sehr großes Tier Fluchtgeräusche machte.

Vom Bad Stebener Bahnhof aus Richtung Hölle – ich bin mir sicher, dass jeder, wirklich jeder Witz mit diesem Ortsnamen bereits gemacht ist.

Wetterchen!

Ich verlottere im Alleinurlaub völlig und schminke mich nicht mal.

Abstecher 1: Rundweg zur Schutzhütte Wolfsbauer.

Oben Aussicht.

Unten Hölle. Dann ging’s fast eine Dreiviertel-Stunde auf einem Rad- und Fußweg eine Laster-befahrene Straße entlang.

Und zwar nach Issigau, berühmt für den Typografie-Unfall am Ortseingang (vielleicht) und eine ganz besondere Dorfkirche (sicher).

Abstecher 2: Die Kassettendecke von St. Simon und Judas aus dem 17. Jahrhundert zeigt 66 Bibelszenen.

Blick über Kemlas hinweg wieder auf viel toten Wald.

Abstecher 3: Wiedeturm, leider wegen Vandalismus geschlossen.

Hier machte ich um halb zwei Brotzeit: Ein Apfel, eine Nektarine, wenig Pumpernickel mit Frischkäse – das war gerade recht.

Manche toten Fichten können nicht ganz gefällt werden, weil sie eine Zusatzfunktion als Halterung für Wegmarkierung erfüllen.

Blankenstein, ich befand mich in einer historischen Bergbaugegend.

Den Lohbach entlang nach Lichtenberg hinauf.

Bitteschön: Diabas (es stand ein Schild davor). Ich schmeiß mich immer weg bei den Geologie-Erklärungen auf Wikipedia, die aus lauter Begriffen bestehen, die ich auch erstmal erklärt bräuchte.

Oben: Lichtenberg.

Mit Aussicht.

Der Ort Lichtenberg selbst ist auch sehr schmuck.

Die letzte Stunde der Wanderung ging ich direkt gegen die herbstlich tiefe Sonne und guckte eher auf den Meter Boden vor mir.

Nach Bad Steben kam ich aus einem ungewohnten Winkel zurück.

Wenn schon, denn schon: Abschließender Abstecher zum Humboldthaus.

Das waren dann 25 Kilometer in sechseinhalb Stunden mit einer kleinen und einer großen Pause. Dann doch anstrengend, zumal die Strecke einige knackige Auf- und Abstiege verlangt hatte. Wenn man am Ende einer Wanderung aus Sicherheitsgründen noch fit genug für eine weitere Stunde sein soll – hätte ich das gestern nur mit ordentlichem Zusammennehmen hinbekommen.

Die Haustür öffnete ich wieder in einen Kühlschrank, schlüpfte umgehend in mein Sweatshirt. Und jetzt entfernte ich auch die Duftbombe aus der Kloschüssel, die mittlerweile den Gesamtgeruch dominierte, und sicherte sie in einer Tüte auf der Terrasse (muss ich ja vor Auszug alles re-installieren). Ich kalkuliere durchaus die Möglichkeit ein, dass ich mich lediglich anstelle und eine Prinzessin-auf-der-Erbse-Nase habe, denn schließlich sehe ich doch an der Fernsehwerbung, dass künstliche Wohnungsbeduftung Mainstream ist.

Als Abendessen wünschte ich mir Schäufele, wenn schon Franken (auch wenn ich weiterhin verdorben bin durch das selbst gemachte Schäufele aus fränkischer Freundeshand). Was sich bei der Recherche als gar nicht so einfach herausstellte, das Lokal sollte ja fußläufig sein: Die seriöse Gastronomie hier ist vor allem italienisch, das Wirtshaus, in dem ich vor vier Jahren Schäufele gegessen hatte (so lala), gibt es nicht mehr, viele Gasthäuser öffnen unter Woche nicht. Laut deren Website servierte aber das Restaurant des Hotels Panorama das Gericht, nach einer Stunde Ausruhen spazierte ich dort hin.

Das Schäufele war sogar besonders gut: Zartes, saftiges Fleisch, resch-leichte Kruste (über Beilagen und Sauce reden wir einfach nicht). Dazu gab es ein besonders gutes alkoholfreies Weißbier. Um mich herum wenig Gäste, fast durchwegs Halbpension des Hotels.

Zurück in der Ferienwohnung passte nur noch wenig Schokolade zum Nachtisch rein.

Respekt: Der Heizlüfter tat seinen Job wirklich gut, ich schaltete ihn nur zweimal für wenige Minuten an, das reichte und ich brauchte keine Flauschdecke um die Schultern.

§

Auf instagram gesehen, dass es Rachel Roddys A to Z of Pasta jetzt auch auf Deutsch gibt:
Pasta von Alfabeto bis Ziti.
(Wenn Ulrike Becker die Übersetzung nicht verkackt hat: Empfehlung.)

Journal Mittwoch, 20. September 2023 – Oktoberfestflucht: Frankenwald-Steigla Grenzer-Weg mit verschwindendem Frankenwald

Donnerstag, 21. September 2023

Nachtschlaf ganz ok, ich verstopfte irgendwann dann doch meine Ohren, weil mich bei aller Draußen-Ruhe die Hausgeräusche nervten und sich in meine Träume schlichen (vermutlich müsste ich mir Schlaf ohne Ohropax erst wieder mühsam antrainieren). Irritierend beim Einschlafen ein weiterer künstlicher Duft, wahrscheinlich ein weiterer Weichspüler in den Bettüberzügen, ich imaginierte sogar eine Minz-Note.

Nach gemütlichem Morgen mit Bloggen, Milchkaffee, Internetlesen war ich um zehn startklar. Wetter wie angekündigt sonnig und immer wärmer.

Externe Wasserflasche, weil ich diesmal ja allein unterwegs war und niemanden regelmäßig bitten konnte, mir die Flasche in der Seitentasche des Rucksacks zu reichen. Und nicht ständig den Rucksack abnehmen wollte.

Vertrauter Anblick in Bad Steben.

Ich hatte mir für gestern den Frankenwald-Steigla Grenzer-Weg ausgesucht, stellte unterwegs fest, dass ich zumindest Teile davon vor vier Jahren schonmal gegangen sein musste. (Check ergab: Richtig, genau den war ich mit Herrn Kaltmamsell bei seinem Besuch gewandert.) Das Wetter war wundervoll, schon bald legte ich meine Wanderjacke ab und ging in kurzen Ärmeln.

Der Start der Strecke lag im Bad Stebener Ortsteil Carlsgrün, zu dem ich eine halbe Stunde spazierte. Schon jetzt zeigte mir der Ausblick auf die Gegend, in der ich wandern würde, dass auch der Frankenwald heftig unter Borkenkäfer und Trockenheit gelitten hatte – nicht ganz bis zur Mondlandschaft, die ich im Harz gesehen hatte, aber die reinen Nadelwaldabschnitte sahen schlimm aus.

Auf der gesamten Strecke begegnete ich weder Wanders- noch Radelleuten (nur einmal sah ich zwei Wanderer weit hinter mir, doch die folgten wohl einem anderen Weg), die einzigen Menschen waren Waldarbeiter, die tote Bäume fällten, schnitten, stapelten, transportierten – das allerdings an vielen Stellen.

Am Anfang der Route sah ich oft Vögel auffliegen, an deren markanten Farben ich zumindest festmachen konnte, dass ich sie nicht kannte. Später hörte ich ein paar Mal Mäusebussarde und sah sie auch am Himmel kreisen. Viele Eichelhäher waren unterwegs.

Eine Nacht in der Garderobe mit Kunstpfirsich-Beduftung hatten gereicht, um meine Wanderkleidung durchzuriechen: Zwischen dem Geruch des Springkrauts, der Sonne auf dem Weg oder der Rinde frisch gefällter Bäume stieg mir immer wieder eine Pfirsichnote in die Nase. Ich musste dringend alle Kunstduftquellen in der Wohnung wegbringen.

Gerade am Anfang der Strecke war ich dankbar für den GPS-Track, den ich mir aufs Smartphone geladen hatte, denn die Wegmarken der Beschreibung (Sportplatz, Bächlein) hatten nichts mit dem ausgeschilderten Weg zu tun. Außerdem war der Wald oft nicht mehr da, von dem in den Beschreibungen die Rede war. Die Ausschilderung war den größten Teil der Strecke sehr hilfreich, doch eben bei den Zweifelsfällen konnte ich den GPS-Track zu Hilfe nehmen.

Hinunter an die Muschwitz.

Nach zwei Stunden die erste Pause. Ich hatte in meiner Wander-Thermoskanne Milchkaffee dabei – und stellte fest, dass der mich nicht freute.

Im Wald kurz vor Schlegel – mit zeitgenössischem Hinweis.

Der Baum hat das Schild weitergefressen, siehe vor vier Jahren.

Im Ort Schlegel fiel mir diese ChrysanthemenDahlien-Pracht auf. Dahinter saß ein Mann, der meinen Blick auffing und mit dem ich ins Gespräch kam (spätestens an seinem Dialekt wurde mir bewusst, dass ich jetzt in Thüringen war).

Auf den Marienberg.

Blick auf Seibis – und weiteren Ex-Wald.

Zurück entlang der Muschwitz.

Kurz nach zwei machte ich in diesem Häusl an der Krötenmühle Brotzeit: eine Nektarine, Pumpernickel mit Frischkäse. War wohl zu viel, ich fühlte mich überfressen und sehr müde.

Von dort war es aber nicht mal mehr eine Stunde Wanderung. Insgesamt gemessene 19 Kilometer in fünfeinhalb Stunden mit zwei Pausen. Abschließend machte ich einen Abstecher in den Edeka, Roibuschteekauf.

Bei der Rückkehr in die kalte Wohnung gleich mal in dicke Socken und Sweatshirt geschlüpft, um leicht schweißfeucht nicht zu frieren. Doch ich konnte mich sogar noch ein halbes Stündchen auf die kleine Terrasse der Ferienwohnung in die wärmende Sonne setzen. Auf die Terrasse stellte ich auch die Kunstpfirsich-Geruchsbombe aus der Garderobe.

Als die Sonne von der Terrasse verschwand, nutzte ich meine Wander-Thermoskanne für heißen Tee, Wärmen funktionierte damit hervorragend.

Eine Runde Yoga-Gymnastik. Zum Nachtmahl gab’s Tomaten, Gurke, Paprika, Knoblauch mit Joghurt, frisch gekochte Nudeln untergemischt.

Was auf keinen Fall Nudelsalat war, denn Nudelsalat mag ich ja nicht. Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung waren zwei weitere Folgen This is going to hurt, Freude über das Wiedersehen mit Harriet Walter, die sich mir als Fanny Ferrars Dashwood in der Sense and Sensibility-Verfilmung von 1995 unvergesslich gemacht hatte. Hier spielt sie die Mutter der Hauptfigur.

Journal Samstag, 16. September 2023 – Ausflug nach Landsberg: Der Keiler und ich

Sonntag, 17. September 2023

Paarmal war ich nachts aufgewacht, schlief nach Herablassen des Rollladens aber bis nach sieben. Das Wetter draußen durch und durch sonnig, aber morgenkalt.

Herr Kaltmamsell war am Freitag auf einem Betriebausflug nach Landsberg und ins dortige Wildgehege gekommen. Das hatte ihm mit seinen omnipräsenten Rehen und Hirschen so gut gefallen (Beweisstück ein Gruppenfoto mit Kolleg*innen, in dessen Hintergrund nur wenige Meter entfernt ohne Zaun gemütlich ein Reh graste), dazu eine Suhle voller Wildschweine samt Frischlingen, dass er es mir zeigen wollte: Er schlug diesen Spaziergang als Samstagsunternehmung vor. Also ließ ich meine Laufpläne möglichst weit weg vom Oktoberfestausbruch fahren und fuhr mit ihm nach Landsberg – ebenfalls schön weit weg vom Oktoberfest.

Wir gingen gegen den Strom von Bayern-Cosplayer*innen in Billigstverkleidung zum Bahnhof, mit einmal Umsteigen in Kaufering kamen wir problemlos und pünktlich nach Landsberg – das sich gleich beim Einbiegen von der Bahnhofsstraße in schönster Pracht zeigte.

Rätselhafte Übersetzung ins Englische – ein hochspezieller Fachterminus oder einfach der nächstbeste Begriff aus dem Wörterbuch?

Wir bogen in den Lechweg gen Süden und Richtung Wildgehege. Vom zugehörigen Parkplatz strömten allerdings so viele Familien mit Hunden und lauten Kindern, dass Herr Kaltmamsell alle Hoffnung auf gelassene Reh- oder Hirschbegegnungen fahren ließ.

Doch wir genossen die herrliche Spätsommersonne, das Licht durch Mischwald. Die vielen Familien verstreuten sich nach einer Weile, und am Wildschweingehege kamen wir dann doch auf unsere Kosten.

Von Herrn Kaltmamsell eine Aufnahme: Der Keiler und ich.

Im weiteren Verlauf des Spaziergangs wurden die Wege noch ruhiger – und ich bekam mein erstes Reh zu sehen.

Herr Kaltmamsell steuerte die Wirtschaft Teufelsküche an; mit Blick auf den Lech, hier übrraschend weitläufig, bekam ich meinen Mittagscappuccino. (Das ebenfalls bestellte alkoholfreie Weißbier gegen Durst allerdings nicht – wir waren mitten in die Mittagessenszeit geraten, es war viel los, da geht schon mal was durcheinander.)

Ein Blick auf mein Smartphone zeigte, dass mehrfach dieselbe unbekannten Nummer angerufen hatte. Ich erwartete keinen Anruf (Arzt, Friseur, Spedition), schon gar nicht am Wochenende, da musste sich jemand verwählt haben. Aber offensichtlich handelte es sich um ein dringendes Anliegen, also rief ich zurück um Bescheid zu geben. Es meldete sich jemand sehr erleichtert, “dass wir endlich zusammenkommen”, doch der Name sagte mir nichts. Nach einer Weile (in solch einem Fall weigere ich mich, meinen Namen zu nennen) stellte sich heraus: Das war die Vermieterin meiner Ferienwohnung für den Wanderurlaub, die auf diesem Weg meine Ankunftszeit nächste Woche erfahren wollte. Ich vertröstete sie auf eine E-Mail nach Möglichkeit, diese Zeit nachzuschlagen (“ich bin unterwegs” – d’uh!), wehrte Ansinnen ab, mich am Bahnhof abzuholen (meine Recherchen hatten zehn Minuten Fußweg ergeben).

Was für eine Aufregung, zumal ich mich gleich im Anschluss grämte, weil ich so unfreundlich gewesen war. Es wird Zeit, zumindest an meinem privaten Handy die Anrufbeantworter-Ansage meiner Träume einzurichten: “Bitte legen Sie auf und schreiben Sie mir eine Nachricht.”

Wir waren noch nicht ausspaziert, die Sonne schien weiter aufs Herrlichste und mittlerweile auch sommerlich heiß. Also gingen wir noch den Lech-Zufluss Teufelsküche hoch, oben weiter bis zum nächsten Ort Pöring.

Auf dem Lech mehrere Dutzend Schwäne, die hin und wieder auch flogen.

Schloss Pöring mit leider geschlossener Schlosskirche Maria von der Versöhnung (da frage ich mich ja schon: Was hatte sie denn ausgefressen?) (und ob es wohl den spanischen Frauennamen Maria del Reconcilio gibt? “Reco” gerufen?).

Schloss von unten, denn jetzt gingen wir hinunter an den Lech und zunächst dort entlang zurück nach Landsberg, machten aber wieder die Schleife übers Wildgehege – und diesmal begegneten wir vielen Rehen.

Bis zur Rückfahrt des Zugs war noch Zeit für ein bisschen Umschaun in Landsberg, Herr Kaltmamsell gab weiter, was er am Vortag über das Städtchen erfahren hatte.

Es herrschte eine sympathische und sehr lebendige Atmosphäre, besonders gefiel mir das Leben am Fluss – ich bin ja in Ingolstadt mit einem ausgegrenzten Fluss großgeworden, habe studiert in einer Stadt, die sogar zwei Flüsse nicht wirklich ins Leben einbindet, nämlich Augsburg.

Beim Warten auf die Rückfahrt aß ich um halb vier dann doch mal was, auch wenn ich weiter keinen Appetit hatte, nämlich einen mitgebrachten Apfel (aber sicher bin ich essgestört, allerdings nur minimal mehr als die Mehrheit unserer Gesellschaft). Reibungslose Heimreise mit einmal Umsteigen, wir trafen in München noch vor größeren Oktoberfestausschreitungen ein.

Zeitunglesen auf dem Balkon, eine Runde Yoga-Gymnastik, erstmals Ansetzen der legendären Frühstücksbrötchen von @melaniegywer.

Während Herr Kaltmamsell den ersten Ernteanteil-Blumenkohl der Saison in ein sahniges Curry verwandelte, machte ich uns als Aperitif Gin Tonics.

Im Hintergrund Oktoberfest-Rückkehrende.

Das Curry schmeckte mir gut, auch wenn Aloo Gobi mein Favorit bleibt. Dazu ein geschenkter Rosé-Winzersekt, der mir mit Rosenparfum und Himbeerkaugummi zu künstlich schmeckte. Zum Nachtisch probierte ich endlich den Zwetschgenkuchen.

Gut! Und Schokolade.

Im Bett Endspurt des Besoffen-Buchs von Eva Biringer. Sie schildert, wie viele negative Charaktereigenschaften an ihr verschwanden, als sie nüchtern wurde – die ich fast durchwegs an mir wiedererkannte, nur dass ich sie leider nicht einfach durch Alkoholaufgabe ausschalten kann.

Journal Montag, 14. August 2023 – Dritter St. Brück des Jahres mit Hochsommerwanderung

Dienstag, 15. August 2023

Auch an diesem Brückentag (yay!) vorm bayerischen Feiertag Mariä Himmelfahrt1 ließ ich mich von Weckerklingeln wecken: Wir wollten mal wieder von Tutzing nach Herrsching am Ammersee wandern und möglichst noch vor der Hitze los. Ich hatte mir diesen Werktag zum Wandern erbeten, weil ich auf wenig weitere Wanderer hoffte, vor allem aber auch möglichst wenige Radler*innen, die mittlerweile zu weit über der Hälfte mit Elektro-Antrieb diese Strecke (durchaus als Radstrecke ausgewiesen) durchrasen.

Nochmal Balkonkaffee, ich habe etwas nachzuholen.

Und ich wollte vorher noch auf den Viktualienmarkt, weil ich auf instagram Blaubeer-Erntebilder gesehen hatte: Vielleicht hatten sie es dort an einen der Pilz- und Beerenstandln geschafft.

Unterwegs eine sensationelle Entdeckung: Gleich am Anfang der Sendlinger Straße wird ein Madam-Chutney-Imbiss eröffnen! Jetzt gegen 9 Uhr zeigte das Thermometer am Juwelier Fridrich noch 23 Grad an (die nächtlichen Gewitter hatten gut abgekühlt), ich drehte meine kleine Einkaufsrunde sehr entspannt.

Erfolg auf dem Viktualienmarkt: Es gab an einem Stand wunderbar frische Wildheidelbeeren; das Kistl was so klein, dass sie sehr wahrscheinlich eine Stunde später bereits weg gewesen wären. Im Supermarkt besorgte ich gleich noch Sahne dazu. Bestätigung am heimischen Briefkasten: wieder keine Zeitung.

Ordentlich sonnengecremt, Rucksack mit zwei Wasserflaschen, Brotzeit und Wanderjacke (wegen evtl. Gewitter) gefüllt, ab in einen Zug an den Starnberger See.

Auf die Schicht Sonnencreme kam kurz nach Start in Tutzing eine dichte Schicht Anti-Brumm, das Wander-Erlebnis von vor zwei Jahren wollte ich wirklich, wirklich nicht wiederholen.

Die Temperatur war auch jetzt noch angenehm, Boden und Straßen waren noch nass vom nächtlichen Regen und kühlten. Es wurde eine schöne Wanderung, mit Tiersichtungen (unter anderem ein Reh weit vor uns auf dem Weg, das Büsche knabberte, zwei Frösche in einer der vielen Pfützen im Wald, eine besonders schön gezeichnete Mönchsgrasmücke, Schwalben, Kühe verschiedener Rassen), an meinem Körper muckten nur ein wenig die hinteren Oberschenkel. Erst das letzte Drittel des Wegs wurde hochsommerlich warm, doch es gab immer Schatten. Und meine Rechnung ging auf: Wir begegneten gar keinem anderen Wandersvolk und nur sehr wenigen Radler*innen, diese zwar mit E-Antrieb, aber gemütlich unterwegs.

Blick zurück auf den Starnberger See.

Auch dieses Mal mussten wir uns die Umrundung der Deixlfurter Seen erkämpfen, der auf der GPS-Karte eingezeichnete Weg war ein kaum sichtbarer Pfad durch alle möglichen Arten von dichter Vegetation. Eine halbe Stunde lang bereute ich die kurze Wanderhose eh, dann führte der letzte Abschnitt auch noch alternativlos durch ein Brennnesselfeld. Jetzt kenne ich die Folgen: Meine Beine bitzelten den ganzen Tag wie aufwachende eingeschlafene Füße. (Auch die Stellen an den Armen, die ich nicht ganz aus dem Weg brachte.)

Kein Einkehren in Gut Kerschlach, das Lokal Tagesbar war (wie erwartet) geschlossen. In den Liegestühlen davor machten wir kurz nach eins die erste Pause, ich frühstückte Apfel, Vollkornbreze, Pfirsiche. Doch ich vermisste eine Trinkwasserquelle, das tat ich aber auf der ganzen Strecke: Schon jetzt hätte ich gerne Wasser nachgefüllt, gestern wurde ein Tag mit knapp fünf Litern Wasserbedarf.

Lassen Sie sich nicht von der geringen Größe der Hütte täuschen: Sie war randvoller Kühe.

Am Kloster Andechs kamen wir nach drei an, machten im Schatten nochmal Pause.

Die restlichen anderthalb Stunden der Tour führten uns durch schattigen Wald an den Ammersee, den wir ein schönes Stück entlang gingen. Der See war hitzedunstig verhangen, an den Kiesbuchten lag viel Badevolk. In Herrsching besorgten wir nach 21 Kilometern Wanderung Getränke-Nachschub (dem Seewasser hatte ich dann doch nicht genug getraut).

Fahrt zurück mit einmal Umsteigen, weil derzeit die S-Bahn-Stammstrecke zwischen Pasing und Ostbahnhof wegen Bauarbeiten gesperrt ist (irgendwann müssen die halt sein).

Daheim meine derzeit tägliche Yoga-Folge, dann gründliches Abduschen der Sonnencreme-Mückenspray-Schweißschicht. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell morgens aus gesammelten Gemüseresten und Parmesanrinde aus Gefriere Brühe gekocht, darin gab es ein Mitbringsel eines gebürtig Ulmer Freundes: Maultaschen vom Bunk in Ulm.

Hervorragend. Zum Nachtisch servierte ich Blaubeeren mit halb geschlagener Sahne, Schokolade passte aber auch noch hinterher.

Gestern Abend blieb die Hitze in der Stadt: Als ich zu Bett ging, ließ ich Fenster und Balkontüren der Wohnung noch geschlossen.

  1. Nehmen Sie diesen Feiertag nicht auf die leichte Schulter, hier ein wenig Bildungsbloggen, wenn ich schon als Ungläubige davon profitiere: Der katholischen Kirche (der offiziellen – die einzelnen Katholik*innen legen sich ihre Glaubensinhalte erfahrungsgemäß ja ganz individuell und unverbindlich zurecht) ist die Himmelfahrt Mariens, wenn auch nirgends in der Bibel erwähnt, sogar eines der seltenen Dogmen wert:

    Die römisch-katholische Kirche hat in der Frage der leiblichen Auferstehung ein Dogma, also eine unfehlbare Entscheidung des Papstes für die römisch-katholische Glaubenslehre, erlassen. 1950 erklärte Papst Pius XII. die “leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel” zum verbindlichen Glaubensinhalt.

    Quelle und mehr Hintergrund []

Journal Montag, 10. Juli 2023 – Brighton 7 mit Ausflug in die South Downs und spannendem Gemüse

Dienstag, 11. Juli 2023

Ultragenervt und erledigt aufgewacht nach wüsten Träumen: Mein Hirn hatte sich eine hochkomplexe Fernseh-Spielshow ausgedacht (W!T!F!), die bei Nacht im Wasser stattfand und in der auch das Studio-Publikum mitspielen durfte, ich war zuständig für die Orga des ganzen und entsprechend hochgradig angespannt.

Das Draußen eher düster, jeder Sonnenstrahl machte umgehend heiß. Meine Reaktion auf das kontinuierliche Möwen-Geplärr war gerade gereizt, das schwankt bei diesem ausgedehnten Brighton-Aufenthalt immer wieder.

Als Tagesprogramm hatte ich eine kleine Wanderung in den South Downs angeregt (laut Vorhersage schönstes Wetter unserer restlichen Urlaubstage), bevor wir abends bei unserer Reservierung in einem immer großartigen Restaurant testen würden, ob es auch diesmal so großartig war.

Herr Kaltmamsell suchte in unserem abgeschraddelten Wanderbüchl (richtig, einst wanderten wir nach Büchl) eine der Standard-Runden mit Start in Southease aus, das sich bequem in einer halben Stunde vom Brightoner Bahnhof aus mit einem Bummelzug erreichen ließ. Vorher nahmen wir einen weiteren Abschied vom einstigen Lieblings-Café Redroaster, das sich auch diesmal nicht wundersamerweise von der schicken Edel-Bruncheria ins Nachbarschafts-Café für Hippies und Hundegassiführer*innen zurückverwandelt hatte.

Nachdem nicht mal mehr der Cappuccino (einst der beste meiner Welt) nach meinem Geschmack war (zu sauer), sollte ich wirklich, wirklich einen Haken daran setzen.

Zug nach Southease, hier hatte sich nicht viel verändert. Unterwegs las ich Süddeutsche – und musste bei der Seite Drei zu den anstehenden Parlamentswahlen in Spanien (€) wieder heftig den Kopf schütteln.

Lange dachte man, in Spanien hätten rechte Populisten keine Chance.

Nee, Frau Madrid-Korrespondentin Janker, das dachten eigenartigerweise die deutschen Spanien-Korrespondent*innen, noch dazu mit dieser seltsamen Begründung:

Spanien galt lange als immun gegen Rechtspopulismus. Man hätte denken können, das Land hat aus dem Franquismus gelernt.

Man sieht doch an Deutschland, dass selbst die allerschlimmsten Erfahrungen mit einer Nazi-Diktatur nicht immunisieren. Und in Spanien gab es bis heute keinerlei Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit, die Nation ist sich nicht mal darüber einig, dass es sich um eine Diktatur handelte.
Ich kann mir diese Realitäts-ferne Sicht nur damit erklären, dass niemand mit spanischen Politolog*innen, Historiker*innen, Politikjournalist*innen gesprochen hat. (Oder auch nur mit meiner überzeugten Franco-Anhängerin tía Luci, aber die zählt zurecht nicht.)

In herrlichem Sonnenschein (gegen den, wie sich am Ende des Tages herausstellte, mein Eincremen nicht genug schützte) und in leichtem Wind gingen wir drei Stündchen über die Hügel der South Downs, sahen unter anderem Kühe, Schafe, Falken, Dohlen, Krähen, Feldlerchen, Spatzen, am Fluss Ouse Bachstelzen, Graureiher, Silberreiher, Kormoran. Gegen zwei machten wir Brotzeitpause mit Aussicht, ich aß zwei Eiweißriegel und einige Nüsse.

Der Brightoner Bahnhof mit Eisenkonstruktion.

Der Halt in Southease immer noch mit komplizierter Gebrauchsanweisung.

Das Weingut Breaky Bottom.

Saltdean und Rottingdean im Sommerdunst.

Kurz vor Ende unserer Wanderrunde rief das Lokal mit der abendlichen Reservierung an: Es habe ein Gasleck gegeben, sie könnten leider nicht öffnen.
Selbstverständlich hatte ich Verständnis, vor allem bedauerte ich den anrufenden Wirt wegen des Schlamassels. Aber ich war tief enttäuscht, hatte beim Wandern schon überlegt, welche spannenden Weine mir wohl diesmal empfohlen würden (hier hatte ich unter anderem den spanischen Gewürztraminer Enate entdeckt, beim letzten Besuch einen kroatischen Rotwein), welche Überraschungen die Speisekarte bieten würde.

Während der halben Stunde Warten auf unseren Zug zurück nach Brighton fiel mir aber eine Alternative ein, auf die ich bei meinen Recherchen für unseren Urlaub gestoßen war: The Flint House, das ein interessantes Chef’s Menu mit Weinbegleitung anbot.

In der Ferienwohnung Ausruhen und Lesen, bis wir uns für den Abend frisch machten – und der ganz hervorragend ausfiel.

Wir ließen uns an der Theke zur offenen Küche platzieren, denn das alternative Angebot war ein Tisch auf der Dachterrasse – dafür war es mir deutlich zu frisch (mir graut immer mehr vor der Bruthitze in München bei unserer Rückkehr).

Das Chef’s Menu bestand in jedem Gang aus mehreren kleinen Tellern zum Teilen und war zu meiner großen Freude deutlich Gemüse-lastig.

Es ging los mit Thunfisch-Tartare mit Tomaten und Nori, außerdem mit Ofensellerie-Scheiben und Apfel auf einer sensationellen Haselnusscreme. Aperitif war ein Schaumwein mit Lavendel-Gin, sehr gut.

Zweiter Gang: Gruyere-Schinken-Kroketten mit Safran-Majo, Mais-Fritters auf Pfeffer-Ajoli. Wein dazu ein frischer Vinho Verde.

Dann gab es Rote (gekochte) und Gelbe (knackige) Bete mit Miso-Dressing und Dill – diese Kombi war großartig. Außerdem gebratene Makrele mit gewürztem Birnenpüree und besonders gutem rohem Sellerie-Salat.

Der Wein dazu ein Rosé Languedoc-Roussillon.

Drei Hauptgänge (von unten): Zucchini a la plancha mit Labneh, Minze und Sumac (wundervolle Kombi), confierte Kartoffelblätter mit Pfeffer-Aioli, langsam gegarter und gebratener Schweinbauch mit roter Zwiebel und Pickle. Dazu mein Lieblingswein des Abends, ein überraschend leichter Boheme Primitivo Salento aus Apulien.

Dessert: Erdbeer-Sahne-Parfait mit Hollerblüten-Zitronen-Creme, außerdem weißer Schokoladen-Fudge mit Salz und Pistazie. Dazu trank Herr Kaltmamsell einen süßen Sherry, ich ließ mir abschließend noch einen Espresso-Martini mixen.

Umsorgt wurden wir von einem zauberhaften Herrn mit sehr eigenem Humor, Unterhaltung während des Essens waren vor allem die Abläufe in der Küche vor uns, die wir durch die unsichtbare vierte Wand (das Personal ignorierte uns natürlich) intensiv verfolgten.

Im Bett begann ich eine neue Lektüre, frisch aus der Stadtbibliothek heruntergeladen: Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit – auch der las sich trotz “Roman” gleich mal sehr autobiografisch.

Journal Montag, 3. Juli 2023 – Cotswold Way 7 von Old Sodbury nach Bath, mit Pub-Kultur-Erschütterung

Dienstag, 4. Juli 2023

Ich will ehrlich sein: Die eigentliche Überraschung war gestern nicht, dass wir dann doch auf über 30 Kilometer Wanderung kamen (Herr Kaltmamsell hatte 28 angekündigt) und knapp 130 Stockwerke. Sondern wie locker ich das schaffte. Da ich echt nichts dafür kann, weil Veranlagung und in meinem Alter einfach Glückssache, klopfe ich meinem 56-jährigen Körper hiermit erstaunt auf die Schulter: Respekt, vor allem wenn ich daran denke, wie zerschlagen er sich manchmal schon nach 100 Minuten Joggen an der Isar anfühlt.

Unsere letzte Etappe Cotswold Way war so lang, weil sie zwei zusammenfasste, dazwischen hatten wir keine Unterkunft mehr bekommen – was übrigens nicht nur an unserer überstürzt späten Buchung im April lag: Der Landlord unserer Unterkunft in Old Sodbury erzählte, dass sich die Zahl von Zimmern auf der Strecke über die Corona-Zeit halbiert habe, von etwas über zweistellig auf deutlich einstellig.

Das mit dem Frühstück ließ ich Appetit-gemäß wieder bleiben, Herr Kaltmamsell orderte Full English – die Köchin hatte freundlich darauf hingewiesen, dass alles nach seinen Wünschen zubereitet werde, er möge also nur bestellen, was er wirklich essen wolle. Es war ohnehin ein sehr erfrischender und aufschlussreicher Plausch mit den Gastgeber*innen.

Wir brachen eine halbe Stunde früher auf als sonst, wir hatten schließlich Einiges vor uns – nämlich nicht nur die Doppeletappe, sondern auch eine Schlossbesichtigung. Gestern erst, am Ende unserer Wanderung, stellte sich bei mir endlich der Augenblicksgenuss des Wanderns ein; aus wahrscheinlich teuflischen Gründen war ich an den Tagen davor nie richtig aus dem Modus des (durchaus freudigen) Hinter-mich-bringens gekommen.

Old Sodbury.

Eingang zu Dodington Park. Hier machte der Besitzer James Dyson (ja, genau der) sehr klar, noch viel klarer als vor sechs Jahren, nämlich mit massiven Zäunen samt Stacheldraht und vielen bösen Schildern: Ich muss Sie aus rechtlichen Gründen durchlassen, aber ich möchte Sie hier wirklich, wirklich nicht haben.

Während der halben Stunde, die wir wie im Käfig durch sein Anwesen wanderten, stellte ich mir vor, wie man mit so einem public footway durchs eigene Gelände auch umgehen könnte, zum Beispiel freundlich und willkommend, bei eh viel Geld zum Beispiel mit Personal, das statt Stacheldraht aufs Gelände aufpasst, und mit Bewirtschaftung der Flächen – der Park sah mittlerweile sehr steril aus (ordentlich durchgesaugt, was?).

Fasane hörten wir auf der ersten Hälfte unseres Wegs gestern immer wieder, sahen aber keinen einzigen.

Wir machten Halt bei Dyrham Park. Vor sieben Jahren hatten wir nur die Außenanlagen ausgiebig besichtigt, diesmal konnten wir rein.

Da wir bis zur Öffnung des Schlosses um halb zwölf noch ein wenig warten mussten, machten wir im schönen tea room Rast mit Tee und Cappuccino.

Interessante Art des Informationsangebots auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Medien: Pro Raum eine Porzellantafel (Delfter Porzellan war ein Hauptthema) mit dem Allernötigsten, ein Pult mit einer Tafel, die mehr Info-Text lieferte, dazu Materialien aus dem Raum zum Anfassen, im Pult eine Mappe “Room Book”, das Zeichnungen und ganz tiefe Infos zu Details lieferte. In einigen Räumen standen auch Personen, die bereitwillig Dinge erklärten – oder Spinett mit Musik aus der Zeit spielten.

Der Schwerpunkt der Erzählung lag zum einen auf der Person des Erbauers um die Wende 17./18. Jahrhundert William Blathwayt, seiner damalige Rolle in Gesellschaft und Politik. Zum anderen wurden historische Hintergründe und zeitgenössische Bewertungen genannt.

Küche aus dem frühen 19. Jahrhundert mit der vielfältigen Nutzung einer einzigen Hitzequelle. Besonders gefiel mir auch ein Raum, in dem die Renovierungs- und Wartungsarbeiten am und im Haus erklärt wurden.

Während unserer Schlossbesichtigung hatte es geregnet, wir warteten den letzten Ausläufer des Schauers ab. Im Folgenden regnete es noch das eine oder anderem Mal sehr kurz, sonst war das Wetter des Tages geprägt von starkem Wind, der uns auch große Äste über den Weg geworfen hatte.

In Cold Ashton hatte diese Etappe 2016 geendet, gestern wanderten wir weiter.

Kurz nach drei machten wir auf dieser raren Bank Brotzeitpause – recht windumtost, aber bequemes Sitzen mit Lehne war uns das wert. Ich aß aus dem Lunchpaket eine Banane, eine Vollkornsemmel mit Schinken und eine mit Käse.

Herr Kaltmamsell hatte nicht so viel Glück mit seinem Körper wie ich: Ihn plagte ein Fuß, er wechselte hier in Turnschuhe, die er vorsichtshalber eingesteckt hatte. (Mit Fitness hatte aber auch er keinerlei Probleme.)

Selfie vor den letzten Meilen, Bath bereits im Hintergrund.

Gegen 17 Uhr meldete sich unsere Unterkunft in Bath telefonisch bei Herrn Kaltmamsell, wann wir denn nun kämen. Da hatten wir aber noch eine gute Stunde vor uns.

Dass es selbst nach Überschreiten der Stadtgrenze von Bath nochmal ordentlich bergauf und -ab ging, nahm ich dann aber persönlich (jajaja, alternativ hätten wir wahrscheinlich Straßen langgehen müssen, was ich noch viel weniger mag).

Vor der Kathedrale in Bath der offizielle Endpunkt des Cotswold Ways – 160 Kilometer geschafft! (Kommen wir jetzt in den Himmel? Ich war auf dem Weg eh ständig versucht, entgegenkommenden Wander*innen “buen camino!” zuzurufen.)

Über den Avon spazierten wir zu unserem zentral gelegenen B&B in wunderschönem historischen Haus, ruhten uns aber nur kurz aus.

Denn Hunger hatten wir jetzt sehr, wir spazierten zehn Minuten in den Pub, den wir auf Empfehlung auch vor sieben Jahren besucht hatten: The Salamander.

Hier bestätigte sich, was wir mehrfach in der vergangene Woche erlebt hatten, eine erschütternde Veränderung in der britischen Pub-Kultur (also Kultur): Man zahlt im Pub nicht mehr gleich beim Bestellen an der Theke, man bekommt auch Getränke an den Tisch serviert. Auch gestern wurde ich beim Bestellen von Bier und Essen gefragt: „Shall I leave that open?“ Ich konnte also abschließend alles zusammen bezahlen.
(Das hätt‘s unter der Queen nicht gegeben.)

An Bier ließ ich mir erst ein helles Stout empfehlen (Prognose der Chefin: wird man diesen Sommer noch öfter sehen), außerdem ein IPA (ich hatte um etwas Hopfiges, Bitteres gebeten) mit deutlichen Hollerblüten-Anklängen. Herr Kaltmamsell schloss sich jeweils an.

Zu Essen gab es Lamb Pie mit Gemüse und chips für den Herrn, ich hatte Auberginenröllchen mit Tofu-Füllung bestellt (deren Geschmack in der eingekochten Tomatensauce leider unterging) – zu meiner Freude auch als kleine Portion angeboten, denn ich wollte unbedingt noch Dessert schaffen.

Herr Kaltmamsell bekam frittierte Pudding-Schnitten mit Rhabarber-Dip, ich hatte Banana STP (Sticky Toffee Pudding), genauso knallsüß wie erhofft.

Ordentlich angetrunken und satt spazierten wir in unsere Unterkunft, bei mir passte noch ein wenig Schokolade hinterher.