Journal Sonntag, 17. Dezember 2023 – Adventspaziergang durch die Zuloaga-Ausstellung

Montag, 18. Dezember 2023 um 6:25

Früh aufgewacht, das war praktisch: Ich wollte zwischen Bloggen und Eintreffen der Familie für den Adventspaziergang die Wohnung noch gästefreundlich machen.

Draußen wurde zum angekündigten Sonnentag hell. Kurz vor zehn klingelte die Krankheits-dezimierte Familie: nur Eltern und Bruder, alle aber mit noch ausklingenden Atemwegsinfekten, wir blieben lieber auf körperlicher Distanz (haben wir ja in der Hochphase der Corona-Pandemie gelernt).

Wir bummelten zusammen durch erwachende Christkindlmarktstände zur Hypo-Kunsthalle.

Unterwegs große Freude über die beharrlich existierende eine Spatzenkolonie der Münchner Innenstadt am Marienhof. (Wie die Berliner*innen sich immer wundern, dass ich bei ihnen so gerne die omnipräsenten Spatzen gucke.)

Ich hatte mein bisheriges Wissen über Ignacio Zuloaga und zum Ausstellungskonzept “Mythos Spanien” aus Führung und dem Ausstellungskatalog zusammengefasst und zwang die Familie, im Eingangsbereich mein Kurzreferat zur Einführung anzuhören. Dann gingen wir einzeln durch die thematisch gegliederten Räume.

Meine Mutter begegnet zum ersten Mal den Mujeres de Sepúlveda (die, wie ich jetzt weiß, vor über hundert Jahren schonmal in München ausgestellt wurden).

Diesmal hatte ich auch Zeit, im kleinen Vorführraum den Film über den Künstler anzusehen, eine spanische Produktion (deutsche und englische Untertitel), die auch seine Kehrtwende von sozialistischen Idealen zum Vorzeigemaler der Franco-Diktatur thematisiert. Unterdrücktes Hallo der Kaltmamsell-Familie, als der Film Orte in Kastilien zeigte, die wir sehr gut kennen, vor allem Sepúlveda.

Bei diesem zweiten Ausstellungsbesuch wurde mir die Doppelbödigkeit vieler Werke von Zuloaga klarer, die zwar Spanien-Klischees bedienen, aber oft bis ins Groteske verzerrt (die Schminke seiner Kusinen, die Fehl-Platzierung andalusischer Kleidung an den Rand eines baskischen Stierkampfs, ein scheinbar klassisches Kreuzigungsmotiv – doch der Gekreuzigte ist eine lebensgroße Holzfigur und die kastilische Landschaft im Hintergrund eine Studiowand).

Das Foyer bot Gelegenheit zu Albernheit (Foto: Bruder).

Vielleicht wird ja jedes Gesamtwerk eines Künstlers oder einer Künstlerin bei näherer Betrachtung bemerkenswert, und ich bin emotional viel zu involviert für eine belastbare Meinung. Doch mir scheint durchaus, dass Ignacio Zuloaga einen Ausstellungsbesuch wert ist, hier eine kleine Einführung des Kurators.

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https://youtu.be/VZnjfqEtpAc?si=U9QPotQ8oNQ-AVt7

Fürs Mittagessen hatte ich einen Tisch im Ratskeller reserviert. Wir wurden im gut besetzten Gastraum freundlich aufgenommen, es gab gutes Essen. Ich hatte auf der Speisekarte bereits eine Bratwurstplatte mit Sauerkraut und Kartoffelpü entdeckt, auf die hatte ich große Lust und aß sie zu einem alkoholfreien Weißbier.

Leider wurde meinem Vater unwohl. Er bestand dennoch auf dem geplanten Spaziergang, wir gingen zum Hofgarten, von dort übers Platzl zu uns nach Hause – meinem Vater war nach einem Schluck Wasser (gar nicht so einfach, an einem Dezembersonntag unterwegs zu finden) besser. Das herrliche Sonnenwetter war genau meine Kragenweite für Weihnachten, ich bin mir aber bewusst, dass ich damit zu einer Minderheit gehöre.

Bei meinen Eltern findet der anschließende Adventkaffee immer in wundervoll weihnachtlicher Dekoration statt, ich hatte zumindest weihnachtliche Tisch-Sets. Auf denen gab es Plätzchen, Stollen, Früchtebrot, dazu Glühwein, Tee, Espresso (ich brauchte nur ein paar Gläser Wasser). Zusammen schrieben wir Weihnachtskarten nach Kastilien.

Im letzten Tageslicht verabschiedete sich die Familie zurück nach Ingolstadt.

Ich räumte, las, turnte eine Folge Yoga-Gymnastik.

Für Abendessen hatte ich sogar wieder Appetit: Herr Kaltmamsell hatte die restliche riesige Sellerieknolle aus Ernteanteil zu Waldorf-Salat verarbeitet, davon aß ich. Herr Kaltmamsell nahm eine Scheibe selbstgebackenes Brot. Ich wiederum holte zum Nachtisch Orange und Plätzchen nach.

Kein Aufräumen der Wohnung nötig: Unsere Putzmänner kommen erst wieder im neuen Jahr nach Heilig Dreikönig.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 16. Dezember 2023 – Gut gefüllter Sonnensamstag

Sonntag, 17. Dezember 2023 um 7:07

Gut und lang geschlafen, das war schön.

Erst mal die nächsten Handgriffe Brotbacken, es sollte einen 7-Pfünder geben.

Gemütliches Bloggen mit Milchkaffee, Wasser, Tee, dazwischen kümmerte ich mich um das Brot. Das Holen aus dem Ofen überließ ich Herrn Kaltmamsell, sonst wäre es mir zu spät für meine Schwimmrunde geworden.

Das Wetter war trocken und mild, sogar mit blauen Flecken am Himmel, ich freute mich über eine Radlfahrt raus zum Olympiabad.

Jetzt besichtigte ich die Abholzungsarbeiten bei Tageslicht (hier nochmal der Vergleich): Die wunderschöne Hainbuche war kurz vorm Boden abgesägt worden, dabei hatte ich hier am Hinterhof nicht mal Schneebruch gesehen – anders als im Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Schwimmen im Olympiabad lief auf wenig frequentierten Becken hervorragend ab dem ersten Zug, ich genoss es von der ersten Bahn an – und wurde sofort misstrauisch: War das ein Stimmungshoch, aus dem ich spätestens auf den letzten tausend Metern stürzen würde? Doch ich freute mich bis zum letzten Meter, musste nur zweimal kurze Krampfversuche bekämpfen.

Auf der Tonspur bitte zum Grundrauschen vereinzeltes Sprungbrett-Dengeln vorstellen.

Heimfahrt über die Maxvorstadt, wo ich Espressobohnen, Semmeln, Lebensmittel einkaufte.

Ich kreuzte mal wieder den Stachus und fragte mich zum genauso vielten Mal, wie wohl eine Fuß- und Radlverkehr-freundliche Variante dieses siebten Mobilitäts-Höllenkreises aussähe.

Das Brot sah ganz hervorragend aus.

Frühstück um halb drei: Eine Semmel mit Avocado, eine mit Butter und Honig.

Es folgte das diesjährige große Weihnachtsbasteln, vulgo Geschenkeeinpacken, auf dem sonnenbeschienenen Wohnzimmerboden. Ich erinnerte mich an die Lehre aus den vergangenen beiden Jahren: Erst mal die einfachen Geschenke, zum Üben und Warmwerden, dann die mühsamen (instinktiv neige ich dazu, erst mal das Schlimmste hinter mich zu bringen). Letztere gab es nicht mal, ich kam ohne auch nur eine Spur von Verzweiflung durch.

Auf den Ohren hatte ich die Zulieferung einer bezaubernden Münchnerin: Die Weihnachtsgeschichten Der Engel mit der Pudelmütze von Ottfried Preußler, gelesen von ihm selbst.

Nach nicht mal anderthalb Stunden: Fertig! (Auch diesmal der Hinweis, dass alle meine Weihnachtsgeschenke selbstgebastelt sind. Weil handverpackt.)

So hatte ich Zeit für eine Runde Bügeln.

Telefonat mit meiner Mutter für letzte Absprachen: Am Sonntag ist der alljährliche Adventspaziergang mit Familie angesetzt, diesmal treffen wir uns (wegen Krankheitsausfällen auf fast die Hälfte dezimiert) in München, um gemeinsam in die Zuloaga-Ausstellung zu gehen, zu spazieren, im Ratskeller zu Mittag zu essen, bei uns daheim decken wir eine Adventskaffeetafel.

Diese jährliche Verabredung führte meine Mutter ein, als ich fast gleich nach der Schulzeit an Weihnachten gerne mal unterwegs war: Berufliche Termine, Auslandsreisen. Damit es dennoch ein Familientreffen gab, luden meine Eltern an einem Adventsonntag zu einem Spaziergang ein, Ziel ein Gasthaus für Mittagessen, der Ort wurde eigentlich immer erst bei Abfahrt bekannt gegeben. Das setzte sich fort, als auch mein Bruder das Elternhaus verließ, Familie gründete.

Jetzt bekam dieses Treffen eine weitere Funktion: Da seine Kinder mit der Geschichte vom Christkind, das die Geschenke bringt, groß wurden, mussten die Geschenke an Heilig Abend alle unterm Christbaum liegen, nachträgliche Übergaben ausgeschlossen. Und so wurde der Adventspaziergang der Termin für Geschenkeaustausch – und diese Deadline deutlich vor Weihnachten sorgte für entspannte Tage vor Heilig Abend.

Gestern hatte ich noch Lust auf Yoga und turnte eine weitere schöne Runde mit Jessica Richburg.

Herr Kaltmamsell (er hustet schon weniger) hatte den Nachmittag bei seinen Eltern verbracht – und kam mit einer Änderung der Abendessenspläne nach Hause. Statt dem Kürbis aus Ernteanteil bereitete er die mitgebrachten Entenlebern zu, mit Apfel und Reis.

Ich hatte davor Cosmopolitans gemixt, als Nachtisch gab es die von Schwiegers mitgebrachten Plätzchen.

Früh ins Bett zum Lesen, ich erfuhr unter anderem, warum Alan Rickman 1994 The Hudsucker Proxy und Forrest Gump schlecht fand (meine Güte, sind die Filme schon so lang her?) – aber Positives notierte er damals eigentlich eh nur über Theater-Inszenierungen und darin auftretende Schauspieler*innen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 15. Dezember 2023 – Tageshelle überbewertet

Samstag, 16. Dezember 2023 um 9:16

Wieder so ein Datum, das ein leises Klingeln im Hinterkopf auslöst: Ist da was? War da was?

Der erkältete Herr Kaltmamsell griff zum Äußersten: Er meldete sich krank, das erste Mal seit seiner Corona-Erkrankung im Sommer 2021. Leider konnte ich nichts weiter tun, als zu viel Ruhe und Flüssigkeitsaufnahme zu raten, ein grippaler Infekt vulgo Schnupfen braucht halt seine Woche.

Fußmarsch in die Arbeit in Milde deutlich über Null. Ich begegnete zahlreichen Krähenschwärmen in verschiedener Größe – und bilde mir ein, dass diese Winterkrähen eine andere Sprache sprechen als die im Sommer vertrauten, vermutlich sind es Zugvögel aus dem Norden.

Der Tag gab sich gar nicht erst mit richtigem Hellwerden ab – für die paar Stunden?! Das Deckenlicht konnte ich im Büro nur zwischen 11 und 14 Uhr abschalten.

Mittagscappuccino bei Nachbars, Mittagessen Apfel, eingeweichtes Muesli mit Joghurt. Meine Mittagspause wurde unterbrochen von einem Querschuss, der mich ein paar Stunden Arbeit kostete (völlig ok).

Pünktlicher Feierabend. Ich nahm eine U-Bahn zum Odeonsplatz, Einkäufe im Hofbräuhausmühlenladen und im Supermarkt fürs Wochenende.

Daheim empfing mich Herr Kaltmamsell mit der Nachricht, dass der alljährliche Adventspaziergang mit Gesamtfamilie, dieses Jahr am morgigen 3. Advent, durch Krankheit dezimiert sein würde.

Häuslichkeiten, dann nahm ich mir doch die Zeit für eine Runde Yoga-Gymnastik: Bis zum nächsten 30-Tage-Programm von Adriene ab Januar (es heißt “Flow”, das verspricht Bewegung und nicht nur Schnaufen mit Besinnlichkeit) (wenn Sie Yoga genau wegen Schaufen und Besinnlichkeit schätzen: super!) turne ich mal wieder mit anderen Vorturnerinnen auf YouTube, gestern mit Jessica Richburg.

Wochenende! Nur Herr Kaltmamsell hatte Lust auf einen Cocktail, ich rührte ihm einen Negroni. Selbst schenkte ich mir gleich einen empfohlenen Weißwein ein: Einen Calalenta Pecorino Fantini 2022, autochthone Traube aus den Abruzzen, den es derezeit bei Aldi gibt. Schon nett, aber er schmeckte mir nicht so gut, dass ich nachkaufen werden, da mag ich andere Weißweine lieber.

Herr Kaltmamsell hatte den größten Teil einer riesigen Sellerieknolle aus Ernteanteil zum inzwischen Klassiker Sellerie-Lasagne verarbeitet, schmeckte wieder sehr gut. Nachtisch Schokolade.

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Die Shooting Stars der Zauberszene Siegfried & Joy machen Schule. Auf der ganzen Welt lassen Menschen nach ihrem Vorbild Dinge und andere Menschen verschwinden – viele sogar echte Tiere!

(Ich freue mich ja am meisten darüber, dass sie immer wieder echte Zaubertricks in ihren Blödeleien verstecken – die fast niemand mitkriegt, weil alle mit Lachen abgelenkt sind – zum Beispiel hier ganz am Ende.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 14. Dezember 2023 – Weihnachtsgeschenkbesorgung abgeschlossen

Freitag, 15. Dezember 2023 um 6:33

Schon beim Heimkommen am Mittwochabend hatte ich gesehen: Die fällen die mächtige Lärche vor unserem Haus! Da der Innenhof davor aber noch voller Gerät und Menschen stand, besichtigte ich den Schauplatz erst gestern Morgen (aber auch das bei Dunkelheit, erst am Wochenende bin ich bei Tageslicht daheim): Nicht nur die Lärche ist dran, sondern offensichtlich auch die riesigen Eiben davor. Warum nur? (Ehrliche Frage.) Die ohnehin Grün-arme Großstadt München muss sich auf den Klimawandel einstellen, und die einzigen Bäume auf dem Grundstück des Hauses werden beseitigt?

Trübsinniger Marsch in die Arbeit unter dunkeltrübem Himmel.

Meine Kanne Kräutertee trank ich im Büro aus einer neuen Tasse (Urlaubs-Mitbringsel einer Kollegin), mal ein bisschen PEPP in den Arbeitsalltag gebracht!

Mittagscappuccino bei Nachbars, Mittagessen Apfel, hartgekochte Eier (mussten weg), Hüttenkäse.

Pünktlicher Feierabend für Erledigungen. Im Einkaufszentrum Forum Schwanthaler Höhe bekam ich weitere Weihnachtsgeschenke und Lebensmittel. Daheim packte ich nur kurz aus und ging nochmal auf eine Einkaufsrunde. Bei meiner Rückkehr konnte ich mit einem herzhaften “SO!” das Kapitel Weihnachtsgeschenke abschließen. Fehlt nur noch das Verpacken. “Nur”, hahaha.

Der arme Herr Kaltmamsell siechte weiter erkältet, er klang und sah erbärmlich aus (behauptete aber, es sei gar nicht so schlimm). Zum Abendessen hatte er bereits nachgereifte Crowdfarming-Avocados zu Guacamole verarbeitet, ich richtete sie mit einem Teller Käse an.

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben ausgelesen. Veröffentlicht 2014 erzählt der kurze Roman die Lebensgeschichte eines Mannes in einem Alpendorf, gelebt durch den größten Teil des 20. Jahrhunderts, einfach und doch so selbstbestimmt, wie es die Umstände zulassen (unehelich geboren, im Krieg eingezogen, immer wieder Opfer von Naturkatastrophen), nichts Besonderes, dennoch so interessant wie viele einfache Leben, schlicht geschrieben, unaufgeregt und geradeaus aus seiner personalen Perspektive. Schon gut gemacht und erzählt, doch das “tiefe Berührtsein”, das die Rezensionen dominiert, hat mich nicht erfasst (muss ja auch nicht).

Im Bett die nächste Lektüre gestartet – eher zufällig ausgewählt, als ich meine Leseliste englischsprachiger Bücher mit dem Angebot “OverDrive” der englischprachigen E-Medien in der Münchner Stadtbibliothek abglich: Vorhanden und verfügbar war Alan Taylor (ed.), Madly, Deeply. The Alan Rickman Diaries.

§

Aktuelles zur Mobilität in München, Artikel in der Süddeutschen:
“Münchner Stadtrat beschließt Trambahn durch den Englischen Garten”.

Lars Mentrup (SPD) erklärte, dass sich zentral wohnende Münchner künftig nicht mehr sicher sein könnten, ob es für ihr privates Auto überhaupt noch einen Stellplatz geben werde. Es sollen dort nur noch Menschen ein Auto besitzen, die es wirklich brauchten.

Sie werden ihn lynchen.
(Blogkommentare “Aber auf dem Land geht’s nunmal nicht ohne eigenes Auto” in 3, 2, 1…)

§

*SEUFZ*
Dann neben X, Mastodon und Bluesky halt auch noch Threads:
https://www.threads.net/@kaltmamsell
Wirklich aktiv bin ich aber weiterhin nur auf Mastodon (https://fnordon.de/@kaltmamsell).

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. Dezember 2023 – Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 14. Dezember 2023 um 6:24

Das Dezemberdatum bereits deutlich zweistellig, den kriegen wir auch noch rum.

Beim Kreuzen der Theresienwiese in wieder milder Luft begegnete ich dem großen Krähenschwarm vom Dienstagmorgen; doch während er am Dienstag gerade eingeflogen kam, den dunklen Himmel weiter verdunkelte, saßen die Vögel jetzt aufgereiht auf den Spannseilen der Tollwood-Zelte.

Amselgeflöte um halb acht, auf den vorherigen Heimwegen hatte ich es auch gegen 18 Uhr gehört, die spinnen.

Mittags raus in die Düsternis, für eine Runde Bewegung in der Dezemberluft zu einem Cappuccino, beides tat gut.

Mittagessen am Schreibtisch: Pumpernickel mit Butter, Joghurt mit Quark und Maracuja.

Ein eher ruhiger Arbeitstag, viel Jahrezeitliches.

Nachmittags regnete es kräftig, doch zu Feierabend hatte es aufgehört. Ich ging über Drogeriemarkt-Besorgungen heim. Dort saß ein rotzender und hustender Herr Kaltmamsell und jammerte: “Kümmere dich um mich!” Es genügte ihm aber, von mir Ibu und Nasenspray angereicht zu bekommen, ich machte ehrlich mitfühlende Laute dazu.

Wie vereinbart gab es zum Abendessen Sushi (Ernteanteil war aufgebraucht), ich bestellte eine bunte Mischung (und Spinat-Sesam-Salat). Ich hatte mich gerade nach einer Yoga-Runde umgezogen, als der Sushi-Bote auch schon klingelte.

Schmeckte gut!

Früh ins Bett zum Lesen.

Post im Briefkasten: Die Stadt München hatte mich angeschrieben, Betreff “Vollzug des Bundesmeldegesetzes (BMG)”. “Nach einer Mitteilung des Wahlamtes”, so heißt es in dem Schreiben, solle ich nicht mehr da wohnen, wo ich wohne. Mit Bitte, den Sachverhalt aufzuklären.
Mache ich natürlich ohne weitere Umstände, aber what? Und warum Wahlamt?

§

Eine Analyse von Matthias Quent, Professor für Soziologie und Vorstands­vorsitzender des Instituts für demokratische Kultur an der Hochschule Magdeburg-Stendal, in republik.ch:
“Deutschland kippt nach rechts”.

Die Ohnmacht und eine gewisse Resignation vor dem Druck von rechts aussen ist in der demokratischen (Noch-)Mehrheit in Ost­deutschland überall zu spüren. Es scheint, als litten in der gegenwärtigen Vielfach­krise und unter rechts­extremem Dauer­beschuss grosse Teile der Zivil­gesellschaft unter einem kollektiven Burn-out.

(…)

Auch wenn der Verfassungs­schutz mit seiner jüngsten Entscheidung zu Sachsen nun schon den dritten Landes­verband der AfD als gesichert rechts­extremistisch eingestuft hat: Angst vor dem Inland­geheimdienst hat die AfD nicht mehr. Ihre Kooperationen mit Neonazis, staats­feindlichen Reichs­bürgerinnen und Über­schneidungen zum rechts­terroristischen Untergrund sind gut dokumentiert, empören aber immer weniger. Während­dessen versuchen die Rechten, ganz nach dem Vorbild Donald Trumps, die Polarisierung weiter voran­zutreiben. Die Botschaft lautet: Wir werden von denen angegriffen, weil wir für euch einstehen. Auf Telegram heisst es auf dem Kanal von Björn Höcke: «Vergesst nicht: Sie sind gegen Höcke, weil er für euch ist! 2024 wird unser Jahr.»

(…)

Weil die Gesellschaft sich immer weiter ausdifferenziert, während die Bindungs­kraft gemeinsamer Wert­vorstellungen abnimmt, ist eine politische Legitimations­krise entstanden. Und diese wird in den sozialen Netzwerken verstärkt. Viele Menschen reagieren, indem sie eigene, mitunter von Fakten und guten Argumenten losgelöste Welt­deutungen oder gar Verschwörungs­theorien entwickeln. So werden auch gesellschaftliche Institutionen infrage gestellt, was von rechts aussen planvoll befeuert wird. Aus den Trümmern der liberalen Demokratie soll eine neue autoritäre Ordnung entstehen, für die die anti­demokratischen Entwicklungen in Viktor Orbáns Ungarn die Blaupause bilden.

§

Maximilian Buddenbohm sieht sich mal wieder um und konstatiert:
“Hinnehmendes Abwarten in bröckelnden Kulissen.”

§

Wie man lustiges Multimedia-Erzählen auch machen kann und dabei nicht nach Journalistikschule aussieht, zeigt The Verge mit:
“The year Twitter died”.

§

Was archäologische “Blockbergungen” sind, habe ich im Museum für Vorgeschichte in Halle gelernt, dessen Werkstatt dafür berühmt ist. Hier erklärt sie Museumsdirektor Harald Meller samt einigen Beispielen (das Massengrab von Lützen habe ich damals in der Ausstellung “Krieg” gesehen):

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https://youtu.be/oEQlgllwdAk?si=9eXx7kmzTW1Rn1OK

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. Dezember 2023 – Grete Weil, Der Weg zur Grenze

Mittwoch, 13. Dezember 2023 um 6:23

Grete Weils Roman Der Weg zur Grenze, geschrieben 1944/45 im niederländischen Versteck/Exil, erstveröffentlicht erst 2022, also 23 Jahre nach Weils Tod, hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht.
(Dass Weil – hier ein schönes Altersfoto – darin auch eigene Erlebnisse verarbeitet, halte ich für den literarischen Wert für irrelevant, er gehört ganz klar nicht zum Genre Autofiktion. Ich finde es deshalb auch schlecht, dass ein Foto der Autorin für den Titel verwendet wurde.)

Er erzählt die Geschichte von Monika Merton, einer Münchnerin, die sich als junges Mädchen nach dem Ersten Weltkrieg in ihren gleichaltrigen Cousin Klaus verliebt. Die Geschichte dieser Liebe ist auch die von Monikas politischem Bewusstwerden, die Geschichte der historischen Ereignisse bis ins Dritte Reich – die dazu führen, dass die Jüdin Monika mit Skiern über die Grenze nach Österreich fliehen muss.

Allein schon die Rahmengeschichte dieser Flucht nahm mich für den Roman ein: Monika, Anfang 30, begegnet im Zug in die Berge dem jungen Lyriker Andreas, die beiden sind flüchtig bekannt. Da er seine Skikameraden verloren hat und sie ihm ihre Pläne erzählt, schließt er sich ihr an – und ist körperlich komplett überfordert. Die gut trainierte, kräftige Monika muss ihn geradezu zu ihrer Skihütte tragen. Wie in vielen anderen Details des Romans lässt die Erzählstimme nicht erkennen, dass sie sich des Stereotypenbruchs bewusst wäre. Diesem naiven Andreas erzählt sie auf der Hütte die eigentliche Romangeschichte.

Doch der Romantitel ist auch Metapher: Er beschreibt den Weg zur Grenze des unmenschlichen nationalsozialistischen Terror-Regimes, auch das Überschreiten dieser Grenze. Schauplätze von Monikas Erwachsenwerden und ihrer Beziehung zu Klaus sind unter anderem München, das Voralpenland, Berlin – Weil schafft es immer wieder, mit wenigen Sätzen Atmosphäre und Zeit lebendig zu machen.

In immer neue Gegenden nahm mich der Roman mit, einmal für einige Seiten in ein Südfrankreich, das es – wie natürlich alles andere in dem Roman – längst nicht mehr gibt.
Wieder ein paar Pinselstriche Hintergrund: Sommer, das Paar in kurzen grauen Hosen, der gut ausgestattete Weinkeller des einfachen Landhotels, die Überraschung über den “täglichen Capucine, einen besonders hellen Kaffee, mit schaumig geschlagener Milch”.

Was mich überraschte: Es werden gesellschaftliche Themen besprochen, mit denen wir bis heute ringen, wir gerne als woke beschimpften. Zum Beispiel die Privilegiertheit der Hauptperson, derer sie sich zwar bewusst ist (eine so begüterte Studentin, dass sie in Berlin ohne nachzudenken Taxis herbeiwinkt), die dennoch in einer Szene detailiert analysiert wird von einem eng befreundeten Kommilitonen, der sich aus der väterlichen Schmiede in Abendkursen zum Abitur und Studium kämpfen musste.

Die Zeitgebundenheit zeigt sich dann wieder zum Beispiel in als Fakt genommenen Juden-Stereotypen: In der Welt des Romans sieht man Menschen ihr Judentum an Nase oder Teint an. Oder die Verwendung von “Rasse” als unhinterfragtes Konzept.

Gut nachvollziehbar fand ich – wie bei vielen ähnlichen Geschichten -, wie Juden in Deutschland die Flucht ein ums andere Mal aus subjektiv bestens nachvollziehbaren Gründen verschoben. Weil das alles doch einfach lächerlich war und nicht sein konnte. Bis die Flucht nicht mehr möglich war, weil das halt doch sein konnte. Überraschend fand ich hier, dass die Erzählstimme sich deshalb Vorwürfe macht: In der Rahmenhandlung betont Monika, sie (und viele andere Juden sowie andere politisch Engagierte) habe selbst Schuld an ihrer heiklen Situation, sie habe so viele Möglichkeiten zur Flucht gehabt, zum Auswandern, habe aber die Katastrophe einfach nicht wahrhaben wollen, sei blind gewesen.

Ebenfalls treffend beschrieben: Wie der Mensch sich auch im Wissen um entsetzliches Leid bei lieben Menschen und um Bedrohung an Schönem und an Kleinigkeiten freuen kann.

Indirekt wird auch erzählt, wie weit die Assimilierung der meisten deutschen Juden damals war: In der Handlung kommt kein Judentum außer der Nennung vor. Die Familie Merton feiert keine jüdischen Feiertage, keinen Sabbath, kein Rosh Hashana, dafür Weihnachten, und der Münchner Fasching spielt eine große Rolle in ihrem Leben.

Was ich glaubte, dem Roman anzusehen: dass er vor dem Ende des Dritten Reichs geschrieben wurde. Grete Weil wusste beim Verfassen nichts vom Ausmaß der Grauen des Holocausts.

Die editorische Notiz und das ausführliche Nachwort von Manuskript-Entdeckerin (eigentlich Typoskript) und Herausgeberin Ingvild Richardsen betonen, dass die teilweise sehr eigenwillige Sprache des Original-Manuskripts erhalten werden sollte. Das begrüße ich, doch wie bereits erwähnt wünsche ich mir eine Zeitreise zur lebenden Grete Weil, um mit ihr den Roman nochmal lektorierend durchzugehen. So manche der schwülstig gefühligen Passagen hätte ich abgemildert, sie passen nicht in die Reflektiertheit, die aus dem Rest spricht. Und einige bis zur Hölzernheit antiquierte Sprache (vor allem im Vergleich zu Zeitgenoss*innen wie Vicki Baum oder Thomas Mann) hätte ich versucht ihr auszureden: “Als ihm Zustimmung geworden war” passt nicht zum Rest.

Ich würde das Buch sehr gerne mit einer Leserunde gelesen haben, es war ein Erlebnis und ich habe das seltene Bedürfnis, darüber zu reden.

Hier ein Interview mit Herausgeberin Richardsen über die Veröffentlichungsgeschichte, meiner Ansicht nach interessanter als ihr Nachwort (Vorsicht Spoiler).
“Einzigartig und hellsichtig”.

(Einmerker: Beim nächsten Wandern auf dem Tegernseer Höhenweg das Grab von Grete Weil in Rottach-Egern besuchen, vielleicht auch ihr Elternhaus finden.)

§

Eine Nacht mit richtig gutem Schlaf, das Weckerklingeln störte ihn. Draußen gemischter Himmel Richtung düster, die Luft weiter deutlich über Null mild.

In der Arbeit weihnachtsnahe Stimmung, gespiegelt im allgemeinen Motivationsniveau.

Mittags verließ ich das Haus für einen Mittagscappuccino, wieder in erster Linie um der Bewegung willen.

Kurz nach meiner Rückkehr ins Büro begann es zu regnen, jetzt hatte der Tag endgültig Dezemberbeleuchtung.

Mittagessen Pumpernickel mit Butter, Mango mit Joghurt.

Sowas wie Tageslicht gab es eh nur bis ca. drei Uhr.

Nicht zu später Feierabendend, mit dem Büroschubladenschirm raus in den Regen. Einkäufe fürs Abendessen.

Zu Hause Yoga-Gymnastik, wieder mit Überspringen der ersten Minuten Besinnlichkeit. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Chinakohl aus Ernteanteil als unser Standard-Nudelgericht mit Räucherlachs, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung: Die Graham Norton Show vom 1. Dezember mit Cher UND Julia Roberts UND Tom Hanks UND Timothée Chalamet (Letzterer definitiv keine Talkshow-Naturbegabung, die anderen hinreißend).

Sowohl Herr Kaltmamsell als auch ich bemerken dieses Jahre eine Heilig-Abend-Paralyse: Weder bei ihm noch bei mir regen sich Wünsche oder Ideen. Ich habe bereits angeboten, dass wir ihn dieses Jahr auch einfach ausfallen lassen können, nächstes Jahr gibt’s schließlich schon wieder einen. Doch das möchte Herr Kaltmamsell dann doch nicht. Mittlerweile habe ich sogar eine Idee.

Neue Lektüre im Bett: Robert Seethaler, Ein ganzes Leben.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. Dezember 2023 – Was soll an einem Montag schon sein?

Dienstag, 12. Dezember 2023 um 6:20

Beim nächtlichen Klogang durch einen deutlich spürbaren Spinnweb-Faden gegangen.
Mindestens eine der paar sonst regungslos an Wand oder Decke sitzenden Spinnen in der Wohnung wird anscheinend nachts aktiv. Nein, die anderen sind auch nicht tot: Als ich sie kürzlich in einem hausfraulichen Anfall mit Handbesen wegwischte, bewegten sie sich mit deutlicher Empörung, und zwar auf genau den Punkt zurück, von dem ich sie weggewischt hatte (war vermutlich noch warmgesessen).

Düsterer Himmel, milde Luft, auf dem Weg in die Arbeit sah ich ergraute Scheehaufen nur an den Rändern und musste über keine mehr klettern.

Gut geheiztes Büro, montägliche Emsigkeit. Dazu gehörte auch der Start meiner Queste, an eine Bildschirmbrille zu gelangen. Ich dachte ja, ich hätte durch die Gleitsichtbrille langfristig mit Zweitbrillen abgeschlossen, doch irgendwann merkte ich, dass ich auf meinen (ergonomisch perfekt nach allen Regeln der Arbeitsmedizin eingestellten) Bildschirm mit in den Nacken gelegtem Kopf sah. Grund nach nochmaliger Überprüfung aller arbeitsmedizischen Parameter: Nur so sah ich scharf, nämlich durch den unteren Bereich meiner Gleitsichtbrille. Nicht gut, zumal ich ja eh mit Nackenverspannungen kämpfe.

Bei solch einer Bildschirmbrille, so wusste ich, zahlt der Arbeitgeber zu. Eher aus Spieltrieb stürzte ich mich in den dazu nötigen byzantinischen Prozess, gestern absolvierte ich einige Schritte davon. Mal sehen, ob ich ihn bis zum Ende durchspiele – oder er mir irgendwann zu albern wird und ich lieber alles selbst zahle.

Wieder keine Lust auf Cappuccino (vielleicht ändert sich gerade etwas Grundlegendes), Mittagessen Pumpernickel mit Butter, Mango mit Sojajoghurt. Draußen Regen.

Der Regen legte sich aber bis Feierabend, ich ging ohne Schirm und in milder Luft auf meine Besorgungsrunde: Weinkauf, unterm Stachus Bodyshop-Körperpflege, in einem Drogeriemarkt holte ich Fotoabzüge ab und kaufte Drogerie-Zeug.

Zu Hause gönnte ich mir nach dem Auspacken eine Yoga-Runde, mit Adrienes Home bin ich fast durch.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den kleinen Ernteanteil-Kürbis (Butternut) zu einem köstlichen und sehr sättigendem Polentagericht verarbeitet.

Nachtisch Weihnachtssüßigkeiten.

Früh ins Bett zum Auslesen von Grete Weil, Der Weg zur Grenze inklusive ausführlichem Nachwort. Besprechung folgt.

die Kaltmamsell