Journal Sonntag, 10. Dezember 2023 – Plätzchenbiografie

Montag, 11. Dezember 2023 um 6:16

Früh und erfrischt aufgewacht. Am Himmel eine ganz schmale Mondsichel unterm Morgenstern.

Nach dem Bloggen Fortsetzung der Geschäftigkeit: Spitzbuben ausstechen, dabei Freude über Körpererinnerung wie das Stippen/Drehen des Ausstecherles in Mehl, damit es nicht anklebt, und schneller Griff zur Teigkarte für die Beförderung der ausgestochenen Teiglinge aufs Backblech, Teigreste kurz ausschütteln, damit nicht zu viel zusätzliches Mehl mitkommt, rasches Verkneten und Kühlstellen für die nächste Runde.

Plätzchenbacken habe ich tatsächlich von meiner Mutter gelernt. Während ich ansonsten nicht von ihren vielen Kochfertigkeiten profitierte (bockige Tochter trifft auf ungeduldige, reizbare Mutter), war bei der Weihnachtsbäckerei alles anders: Das zelebrierte meine Mutter (während sonstige Haushaltstätigkeiten Arbeit und Pflicht waren, es regierten Effizienz und Perfektion) mit Fröhlichkeit und Geduld. Sie erklärte uns Kindern viele Einzelschritte, gab Tipps, ließ uns machen. Wir waren zum Butterplätzchenausstechen abgestellt, während sie die empfindlicheren Sorten wie Vanillekipferl und Zimtsterne zubereitete, das Spritzgebäck (mit Fleischwolf) machte sie ganz allein (leider weiß sie nicht mehr, nach welchem Rezept, es bestand aus reinem Butterteig ohne Nüsse oder Mandeln, bekam kuvertierte Enden und schmeckte hinreißend).

So begann meine eigene Back-Karriere im Teenageralter auch mit Plätzchen, und zwar mit dem Plätzchen-Backbuch von Olli Leeb (hatte meine Mutter es geschenkt bekommen oder bei Erscheinen 1983 auf einen Tipp hin gekauft?), das ich gründlich durcharbeitete.

Zu Meisterschaft brachte ich es im Plätzchenbacken allerdings nie, meine Produkte sahen immer rustikal aus (schmeckten aber): Dafür war der Bastelanteil am Plätzchenbacken zu hoch, und Basteln kann ich wirklich, wirklich nicht.

Gestern nutzte ich die Backofenhitze noch für die Haselnuss-Orangen-Plätzchen – ich kämpfte beim Formen der Kugeln mit einem sehr bröseligen Teig, der beim Backen auch noch auseinander lief.

Vielleicht funktioniert das Rezept nur mit den empfohlenen Ersatz-Zutaten wie Reismehl und Erythrit (ich war überrascht, dass die Autorin die Gelegenheit ungenutzt ließ, auch die Haselnüsse durch irgendwas Synthetisches zu ersetzen).

Jetzt war die Waschmaschine mit Bettwäsche durch, ich verteilte sie über die Wohnung. Eine große Tasse Tee, noch ein Glas Wasser. Von Ferne hörte ich immer wieder das Tuten der Weihnachtsdampflok.

Große Lust auf eine Laufrunde an der Isar: Wo würde ich wohl die belaufbarsten Wege finden? Ich entschied mich für die südliche Strecke ab Thalkirchen und nahm eine U-Bahn dorthin.

Es war dann ein rechtes Gesuppe und Geschlidder auf festgetretenem Schnee und in Matsch. Aber wenn der Laufschuh mal ordentlich geflutet wurde, sind weitere Tiefpfütz-Tritte egal, zumal es mild war. In ein paar wenigen Abschnitten kam ich sogar ins ruhige Traben.

Hier ist noch kein Hochwasser hergeschmolzen.

So viel Schneebruch!

Doch insgesamt war der Laufspaß gering, ich beließ es bei ca. 80 Minuten und bestelle hiermit für meinen Heilig-Abend-Lauf (die voraussichtlich nächste Gelegenheit) entweder freie Wege oder frisch gefallenen Schnee.

Zurück daheim blieb ich erstmal in der verschwitzten Sportkleidung und holte endlich den Balkonteppich rein, inklusive grober Balkon- und etwas gründlicherer Teppichreinigung.

Nach dem Duschen stellte ich die Tahini-Plätzchen fertig (ohne Salz, weil für den Plätzchenteller).

Frühstück kurz vor zwei: Ein Schüsselchen Sesamreste, außerdem Semmeln, die ich in Thalkirchen eingekauft hatte – und ein Test-Tahini-Plätzchen, das gut und nach Tahini schmeckte.

Internetlesen, dann die Wochenend-Süddeutsche noch bei Tageslicht. Als das verschwunden war, stellte ich die Spitzbuben fertig (mit Johannisbeer-Gelee, weil vorrätig).

Bettüberziehen, Romanlesen (Grete Weil, Der Weg zur Grenze: Wie verhängnisvoll es schon in den 1930ern war, dass so viele die Nazis zunächst in erster Linie als lächerliche, groteske Figuren wahrnahmen), Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell ein Lamm-Curry mit Gewürzmischung eines Familienfreunds in den USA, die Spielanleitung sah Obst, Erdnüsse und gehackte Tomaten als Beilagen vor (seine Geschichte).

Insgesamt ein deutlich ruhigerer Wochenendtag als der Samstag, noch insgesamter ein schönes Wochenende.

Vielen Dank für Ihre zahlreichen Tipps zum Aufbrauchen von viel Sesam! Wir haben jetzt eine Liste, die wir abarbeiten.

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Im National Geographic ein Artikel über die Hintergründe und Geschichte deutscher Weihnachtsmärkte – nicht nur glitzernd:
“Weihnachtsmärkte in Deutschland: Helle Lichter, dunkle Geschichte”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 9. Dezember 2023 – Randvoller Geschäftigkeitssamstag

Sonntag, 10. Dezember 2023 um 7:26

Na gut, ich hatte mir für gestern ein wenig zu viel vorgenommen. Aber ein Wochenende ist rar und besteht nunmal nur aus zwei Tagen.

Schwimmen, Wäschewaschen, Plätzchenbacken, Milchreiskochen, Friseurtermin fühlten sich in der Planung auch gar nicht nach viel an.

Lang geschlafen, eigentlich auch gut, aber doof geträumt.
Möglicherweise lag der Haken der Tagesplanung ja im Ausschlafen, denn wer erst um halb acht aus dem Bett kommt, startet ihre Schwimmrunde nach gemütlichem Bloggen und Mastodonlesen an Milchkaffee, Wasser, Tee, nach Waschmaschinefüllen und nach Anfahrt mit U-Bahn (keine Lust zu heldinnenhaftem Radeln auf Split, Schnee- und Eisresten) erst um 11:27 Uhr im großen Becken des Olympiabads.

Schwimmspaß auf mäßig genutzten Bahnen. Da ich von Anfang an meine Schultern spürte (Arbeitshypothese mega-verspannter Nacken), wäre ich bereit gewesen, nach den fünf Wochen Schwimmpause nicht auf den gesamten 3.000 Metern zu bestehen (who am I actually kidding?), doch sie gingen dann selbstverständlich schadlos, ohne Frieren und mit Vergnügen im sonnenbeschienenen (IENENEN, man muss Deutsch einfach lieben) Wasser.

Meine Haut reagierte auf den langen Wasser-Aufenthalt mit ungewöhnlichem Körper-Creme-Hunger (immer wieder interessant, wie unterschiedlich der nach Duschen oder Schwimmen ist, ich konnte noch kein Muster erkennen), ich muss am Montag Nachschub im Bodyshop besorgen.

Auf der Rückfahrt mit der U-Bahn stieg ich bereits am Marienplatz aus, mit Menschenmassen, durch weitere Menschenmassen spazierte ich nach Hause, besorgte unterwegs Semmeln.

Zu Hause war das Paket Avocados von meinem adoptierten Crowdfarming-Baum eingetroffen, ich ließ es bis zum Abend unsortiert liegen, weil andere Schwerpunkte. Zum Beispiel den Inhalt der eben durchgelaufenen Waschmaschine aufzuhängen.

Kurz vor drei frühstückte ich Semmeln, dann ging es an die nächsten Programmpunkte, chopchop weil Friseurtermin um fünf.

Der Arroz con leche war diesmal sehr Vanille-lastig: Ich hatte ein frisches Glas Vanillezucker angsetzt (ausgekratzte Vanilleschoten, deren Mark für ein Rezept verwendet wurde, in ein Glas mit Zucker schließen), das vorherige enthielt noch zahlreiche ausgelaugte, die ich in die Milch warf.

Während der Milchreis köchelte, knetete ich Teig für vegane Spitzbuben und stellte ihn kalt, und ich buk Schneeflocken nach Frau Mutti. Nachdem kürzlich ihr Rezept auf instagram vorübergehend verschwunden war, nutzte ich das Wiederauftauchen zum Abschreiben.

Ein wenig Haushaltswurschteln, dann ab zum Friseurtermin – dem einzigen, den ich beim Anruf vergangene Woche außerhalb meiner Arbeitszeiten vor Weihnachten bekommen konnte. Angenehmes Stündchen mit fast reinem Geschnippel, sonst Schweigen, unterbrochen nur von Friseurfragen wie “Soll ich die Seiten länger lassen?”.

Das Draußen war gestern weiterhin mild, ich kann mir Hoffnungen machen, dass die Schneereste in wenigen Tagen verschwunden sind.

Zurück daheim knetete ich noch die Teige für die beiden weiteren geplanten veganen Plätzchen: Haselnusskugeln und Sesamplätzchen. Von den im zweiten Rezept angegebenen je 100 Gramm weißem und schwarzen Sesam blieb fast alles übrig – haben sie damit schon mal gebacken (oder gekocht) und können mir Rezepttipps zum Aufbrauchen geben?

Jetzt sortierte ich die Avocados: Ein paar zum schnellen Nachreifen in den Obstkorb, den Rest lagerte ich im Kühlschrank.

Das Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell: Er hatte gerade einen bake (nicht ganz deckungsgleich mit unserem Auflauf) aus Kartoffel und Karotten (Ernteanteil) mit Kräutersaitlingen, Fenchelsamen und Petersilie in den Ofen geschoben, später mit Fontina überbacken, ich öffnete eine Flasche Prosecco dazu, auf die ich sehr Lust hatte.

Wunderbares Winteressen, zum Nachtisch gab es erst Obstsalat mit scharfem Gewürz aus den USA (Herrn Kaltmamsells Geschichte), dann Arroz con leche.

Dass der Tag sich so voll angefühlt hatte, mag auch daran liegen, dass für mich Abendessen der Abschluss des Tages ist, danach erledige ich nichts Größeres mehr.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 8. Dezember 2023 – Die unschönen Ansichten des Dezembers

Samstag, 9. Dezember 2023 um 9:04

Guter Schlaf bis zum Klogang gegen drei, dann Unruhe wegen einer Schräglage in der Arbeit, die ich nicht verursacht habe, für deren Behebung mir aber auch nichts Befriedigendes einfiel. Beim Weckerklingeln weiterhin Kopfweh, ließ sich aber durch Ibu schnell vertreiben.

Weg in die Arbeit auf festem Eis, Temperatur mit wenig unter Gefrierpunkt gut erträglich. Wie schon in den vorhergehenden Tagen sah ich deutlich mehr Radfahrende auf den Straßen, als ich bei diesem Wetter erwartet hatte (seit Samstag auch durch Schneewehen kämpfend): Radeln als alltägliche innerstädtische Fortbewegung ist ernsthaft gestiegen.

Blick zurück von Theresienhöhe auf Theresienwiese.

Im Büro hatte ich lediglich ein wenig Nacharbeit der Weihnachtsfeier erwartet, doch mich hielten Querschüsse auf Trab. Die Schräglage rückte gerade.

Auf einen Mittagscappuccino ging ich raus, weniger wegen Cappuccino-Gelüsts, sondern aus Bewegungsdrang – im Winter fühle ich mich meist eingesperrt. Es regnete leicht.

Die unschöne Seite des Dezembers.

Auf dem Rückweg kaufte ich fürs Mittagessen ein: Ich hatte von der Weihnachtsfeier übrig gebliebene Mandarinen einkalkuliert, doch die waren über Nacht verschwunden. Und so gab es später im Büro neben Pumpernickel mit Butter nach vielen, vielen Jahren mal wieder einen aromatisierten Joghurt, ich hatte Lust auf einen Müsli-Joghurt von Bauer gehabt, ganz früher regelmäßig gekauft, Geschmacksrichtung Banane-Apfel. Doch der erinnerte mich daran, wie unangenehm mir künstliches Bananenaroma schmeckt. Machte trotzdem satt.

Früher Feierabend, beladener Heimweg, nur kurzer Milchkauf im Vollcorner. Es regnete wieder, ich profitierte von der Kapuze meiner Winterjacke (so viel praktischer als Regenschirm, vielleicht lege ich mir doch noch einen Regenmantel zu). Daheim lud ich nur kurz meine Einkäufe ab, ich nutzte den frühen Feierabend für die Besorgung von Weihnachtsgeschenken.

Regen von oben, dunkler Himmel, auf den Straßen dick Rollsplit, dazwischen graue Schneehaufen und große Flächen festgetretener dunkelgrauer Schnee, die Fußgängerzone hatte wenig Festliches. Doch ich bekam alles von meiner Liste – inklusive wirklich angenehmer Einkaufserlebnisse (es gibt sie noch im Offline-Handel, die Leute, die immer noch ein Schippchen Service drauflegen). Womit man, glaube ich, Personal in großen Läden ohne Fenster immer eine kleine Freude machen kann: Infos über das aktuelle Wetter draußen.

Daheim musste ich mich um Pediküre kümmern (gna), dann war schon Zeit für Freitagabend-Drinks, Herr Kaltmamsell wünschte sich Negronis.

Als Nachtmahl servierte er Schmorfleisch: Ochsenschwanz und ein Stück Ochsenbacke, dazu Nudeln, ich machte den Postelein aus Ernteanteil an.

Wein dazu ein französischer Chardonnay Delmas Limoux. Schmeckte alles ganz wunderbar. Zum Nachtisch zu viel Weihnachtsgebäck und Schokolade.

Abendunterhaltung auf 3sat: Die ersten beiden Folgen des Sechsteilers Eldorado KaDeWe.

Zunächst rollte ich wieder mal Augen über die a-historischen Dialoge, die vorgeblich im Berlin der 1920er spielten, doch die Außenaufnahmen ließen im Hintergrund die Berliner Gegenwart durchfahren und -laufen, heutige Autos, Passanten, Graffiti auf den Hauswänden – ein origineller künstlerischer Kniff, dann war’s ok.

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Wenn Corona für Sie gefährlich sein könnte, passen Sie bitte auf sich auf: Die Abwasser-Analyse zeigen einen steilen Anstieg an Infektionen an.

Und die innige Bitte, wenn sie gerade irgendeine akute Infektion haben: Tragen Sie unter Menschen eine FFP2-Maske, um die anderen zu schützen.

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Auf Eis schliddernde Tiger (ich liebe es, wenn sonst majestätische Tiere tollpatschen, siehe Schwäne außerhalb Wasser).
Originalquelle Heilongjiang Siberia Tiger Park

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 7. Dezember 2023 – Weihnachtsgefeiert

Freitag, 8. Dezember 2023 um 6:34

Zu früh aufgewacht, wegen Unruhe nicht mehr eingeschlafen: Die Weihnachtsfeier-Orga stresste mich zwar eigentlich gar nicht, doch mein Halbschlaf-Hirn produzierte die Sorge, ob aus den vielen Steckdosen, die ich am (eigentlich stillgelegten) Party-Ort entdeckt hatte, überhaupt Strom floss.

Der Morgen wurde wolkenlos hell, der Schnee verschwand weiter langsam, ich genoss meinen Marsch in die Arbeit bei angenehmer Winterkälte.

Steckdosen-Check in der Arbeit mithilfe Handy-Ladekabel und Handy (ich hätte daheim schon auch einen Phasenprüfer gehabt, hielt den Einsatz aber für unverhältnismäßig): War Strom drauf.

Vormittags einiges weggearbeitet, mit Kollegin Getränke-Lieferung entgegengenommen.

Mittags (wo ist mein Cappuccino-Gelüst geblieben?) gab es Pumpernickel mit Butter, Banane.

Und dann begann ich, für die Weihnachtsfeier aufzubauen. Nachmittags bis abends war Weihnachtsfeier, es ging praktisch alles glatt. Das Aufräumen dauerte ein bisschen länger als berechnet, ich kam erst kurz vor der Gebäudesperrstunde um acht raus.

Da ich schwerst bepackt mit Mitgebrachtem der Vortage war, schleifte ich mich nur zur Bushaltestelle und ließ mich mit dem 62er (problemlos) heimfahren.

Herr Kaltmamsell hatte mit dem Abendessen auf mich gewartet, er servierte ein Risotto mit dem eben geholten Ernteanteil-Lauch. Nachtisch Schokolade, und jetzt hatte auch ich Lust auf Lebkuchen.

Mit Kopfweh und emotional völlig betäubt früh ins Bett zum Lesen, weiterhin gefesselt von Grete Weils Der Weg zur Grenze: Der Roman hätte zwar dringend noch lektoriert werden müssen (aber das Werk wurde lang nach Weils Tod zum ersten Mal veröffentlicht, und eine tote Autorin lässt sich halt nicht wirklich lektorieren), aber in ihm werden unter anderem Themen diskutiert, die ich für sehr heutig gehalten hatte.

Auch mal loben: Das am Montag in die Schweiz abgeschickte Geburtstagsgeschenk traf gestern pünktlich ein.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 6. Dezember 2023 – Christkindl-Nachtmahl

Donnerstag, 7. Dezember 2023 um 6:31

Herrn Kaltmamsell sah ich auch gestern Morgen nur sehr kurz vor seiner Jagd nach Fahrt in die Arbeit – aber er hatte genug Zeit gefunden, mir einen Schokoladen-Nikolaus vor die Tür zu stellen. <3

Das Draußen suppte und schmolz. Wieder bepackt für Weihnachtsfeier stellte ich schnell fest, dass die am besten geräumten Gehsteige die glattesten waren: Auf ihnen war der nächtliche Eisregen noch nicht ganz fortgeschmolzen. Ich hielt mich an Sulzschneeflächen mit erkennbaren Splitt-Punkten.

Im Klinikviertel standen wieder Verdi-Zelte, ich fand allerdings keine Nachrichten über Warnstreiks.

Die innere Dezember-Düsternis macht mir mal wieder klar, dass ich noch so sehr äußerlich das Hochleisten aufgegeben haben mag: Das schlechte Gewissen, weil ich ja offensichtlich so viel mehr könnte und eine einzige wandelnde Vergeudung bin, aber halt einfach nicht mehr mag, kriege ich in diesem Leben nicht mehr weg.

Nach einem emsigen Vormittag hatte ich halbwegs Lust auf Mittagscappuccino, ich ging dafür rüber zu Nachbars, die Jacke konnte unterwegs offen bleiben.

Die Bürotemperatur war gestern auf dem hohen Prä-Corona-Stand, als ich ganze Winter lang in Bluse arbeiten konnte. Im Wollpulli war mir jetzt zu warm, nur Unterzieh-Shirt reichte aber nicht. (Irgendwas ist immer. Aber nur bei echtem Frieren und hilflosem Schwitzen werde ich böse.)

Mittagessen Pumpernickel mit Butter, eine Banane, die letzte der ersten zehn Kilo Crowdfarming-Orangen.

Auch den Nachmittag rumgebracht. Auf dem Heimweg wieder ein Einkaufsstopp: Beim Vollcorner besorgte ich Zutaten für die am Wochenende geplante vegane Plätzchenbäckerei (für die Familien-Adventskaffeetafel am Folgewochenende).

Daheim wurschtelte ich nur kurz, zum Abendessen ging es wieder auf den Christkindlmarkt am Sendlinger Tor. Diesmal war der erste Gang eine Käsekrainer.

Hier sehr gut erkennbar, warum sie auch “Eitrige” heißt. War genau auf den Punkt gebraten (ich weiß doch, warum Christkindlmarkt für mich vor allem gute Bratwurscht bedeutet), schmeckte hervorragend. Zweiter Gang Pommes (dieses Jahr vermisste ich am Sendlinger Tor den gewohnten reinen Pommes-Stand mit großer Saucen-Auswahl) vom Bratwurschtstand, wenig Rot, viel Weiß.

Nachtisch in Form vom Schokolade gab’s daheim.

Früh ins Bett zum Lesen. Grete Weil, Der Weg zur Grenze nahm mich mit ins München zwischen den Kriegen (also wieder in die Zeit von Menschen im Hotel), in einen Jugendsommer an der Prinzregentenstraße, in eine gebildete und weltläufige Familie – ich konnte mich schwer losreißen.

Gute Tagesfrage:

– Die vor einem Jahr gekauften Drucke von @giselle_dekel von Tel Aviver Bauhaus-Ansichten rahmen lassen. Mache ich sicher nicht jetzt im Weihnachtsgeschäft, auf Januar verschoben.
(Haben Sie schon hierüber gelacht?)
– Vierwöchige Reise per Bahn nach Sizilien (Stop-over in Neapel). Zugunsten innig gewünschtem Großfamilienurlaub nach Spanien gecancelt. Vielleicht nach Renteneintritt (weil mit Lehrer Herrn Kaltmamsell vier Wochen Reisen am Stück nur in den Sommerferien möglich sind, da ist mir Sizilien zu heiß und voll).

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Nochmal zum immer noch nicht überwundenen Öffi-Fiasko nach dem samstäglichen Schneefall in München. Ein heimischer Tram-Nerd über die einzig verbliebene Schneeräum-Tram. Aus dem Jahr 1926 (in Worten Neunzehnhundertsechsundzwanzig).
“Das notwendige Alte in einem zeitgemäßen Betrieb”.

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Eine Techniktagebuchgeschichte über mobilen Obst- und Gemüseverkauf:
“Der Live-Standort des Traktors”.
Sie berührte mich, weil sie eine Kindheitserinnerung wachrief: Eine Handglocke und den Ruf “Katoffe giiibt’s! Katofeeeee!” Das habe ich in Ingolstadt noch erlebt, zumindest im ersten Wohnblock, in dem ich bis sieben wohnte. Ein ortsansässiger Landwirt oder eine Landwirtin fuhren ihren Traktor mit Anhänger durch die Straßen und verkauften, genau: Kartoffeln. Meiner Erinnerung nach wurde das Angebot von den Wohnblockbewohnerinnen gerne angenommen, auch von meiner Mutter.

Heute, nehme ich an, würde das Angebot schon deshalb ins Leere laufen, weil tagsüber niemand daheim ist?

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 5. Dezember 2023 – Vicki Baum, Menschen im Hotel / Weiterhin Winternotfall

Mittwoch, 6. Dezember 2023 um 6:29

In Vicki Baums Roman von 1929 ist genau das drin, was drauf steht: Menschen im Hotel. Er erzählt zum einen Geschichten die ganze Hierarchie der Angestellten durch, vom kleinsten Pagen bis zum Hotelleiter, nimmt sie alle ernst.

Zum anderen die Geschichten der Gäste, im Mittelpunkt steht aber nicht etwa eine der mondänen Gestalten: Herr Kringelein ist die am reichsten ausgebaute Figur (für die es auch am besten ausgeht). Der kleine Buchhalter aus der Provinz weiß, dass er nicht mehr lang zu leben hat und möchte von seinen Ersparnissen, die er bald eh nicht mehr braucht, “endlich leben”. Der Roman lässt ihn viel erleben und lernen, neckt ihn zwar hin und wieder, macht sich aber nie über ihn lustig.

Einen richtigen Bösewicht gibt es unter all den Menschen nicht, mit jedem und jeder hat die Erzählung Erbarmen – freut sich an der Vielschichtigkeit und den Widersprüchen von Charakteren.
Ich mochte auch die vergnügte Opulenz der Sprache, die sich nach einer Erzählstimme las, die niemandem irgendwas beweisen muss.

Durch die Szenerie der Handlung lernte ich zudem viel über längst vergangenen Alltag, seine Mechanik (Hotels mit Schreibzimmer, der Luxus von fließend warmem Wasser, nachmittäglicher Tanztee) und seine Technik (u.a. Aufzüge mit Fahrer, neu installierte elektrische Außenbeleuchtung).

Richtig gut gemachte Unterhaltung ist selten – und eine, die sich auch fast hundert Jahre später noch verkauft, muss eine erst mal schreiben.

§

Als mein Wecker gestern wie gewöhnlich um 5:45 Uhr klingelte, war Herr Kaltmamsell schon aus dem Haus und auf der Jagd nach einer Fahrt in die Arbeit (die dann deutlich zügiger klappte als am Montag).

Meinen Arbeitsweg wiederum trat ich ordentlich beladen mit Hardware für die Weihnachtsfeier an. Zum Glück hatte es in Münchens Mitte kein neues Eis durch Eisregen gegeben, die festgetretenen, aber zum Großteil gestreuten Wege waren nicht rutschiger als am Montag, ich kam gut voran.

Der Morgen graute hell, vormittags auf der Tonspur vorm Büro das Tropfen schmelzenden Schnees.

Die Beschwernisse des Münchner Öffentlichen Verkehrs hielten an, es taten sich immer mehr Abgründe auf:

Nachdem Gleis- Räumfahrzeuge entgleist sind, müssen Mitarbeiter der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) die Rillen der Trambahnschienen jetzt mühsam per Hand von Schnee und Eis befreien.

Hieß es in den BR-Nachrichten.

Mehr Hintergrunddetails hatte die Abendzeitung:
“Schneechaos in München: Ein Oldtimer räumt die Tramgleise für die MVG”.
via @CucinaCasalinga

Laut Pro Bahn waren bei der Tram früher bei Schneefall die älteren und unempfindlicheren Hochflurstraßenbahnen die ganze Nacht im Einsatz, um ein Einfrieren der Infrastruktur zu vermeiden. Die früher üblichen Schneepflüge vor Trambahnen sind demnach verkauft oder verschrottet, die Ersatzkonzepte mit Unimog führten nicht zu geräumten Strecken.

In diesem Artikel auch interessant: Nach welcher Priorität der Räum- und Streudienst des Baureferats seine Dienstleister in Einsätze schickt.

Dann wiederum erfreute mich ein unverwechselbarer Pfiff vorm Bürofenster: Die Weihnachtslok war unterwegs!

Mittags eine weitere und jetzt wohl letzte Einkaufsrunde für die Weihnachtsfeier. Beim Verlassen des Hauses sah ich eine mittelgroße Ratte im Gebüsch kruschen und beobachtete sie eine Weile. Beim Zurückgehen durch die U-Bahn-Unterführung sah ich dann ein kugeliges Mäuslein huschen – so niedlich!

Mittagessen eingeweichtes Müesli mit Joghurt, Orangen.

Emsiger Nachmittag, überschattet von Kreuz-/Unterleibsschmerzen.

Auf dem Heimweg war es weiterhin tauend mild, ich ging über Süßigkeiten-Einkäufe beim Edeka. Zu Hause saß Herr Kaltmamsell in einem Elternsprechabend: Anders als der Unterricht war dieser Termin wegen der Witterungsbedingungen auf online umgewidmet worden.

Ich machte derweil Yoga-Gymnastik: Nachdem ich gemerkt hatte, dass die nächste Folge nur aus Schnaufen und Liegen mit besinnlichem Geplapper bestand (mittlerweile verschaffe ich mir vorsichtshalber immer vorher einen Überblick), übersprang ich sie und turnte eine Folge mit Bewegung.

Herr Kaltmamsell war fertig mit Elternsprechen, er kochte uns schnelle Muschelnudeln mit scharfer Tomatensauce, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Meine neue Lektüre gab’s diesmal wieder in der Stadtbücherei: Grete Weil, Der Weg zur Grenze.

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“‘Der Trend zur Autofiktion ist eine Antwort auf die Macht der Verlage'”.

Erfolgreiche Romane sind zunehmend das Ergebnis großer Teams. Der Literaturwissenschaftler Dan Sinykin erklärt, wie Verlagskonzerne derzeit den Buchmarkt verändern.

Hochgradig spannend in meinen Augen, wie nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der schreibenden Marktmechanismen den Wert bestimmen. Und interessant, dass sich die Literaturwissenschaft damit beschäftigt.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 4. Dezember 2023 – Tag 3 der Schneeentschleunigung

Dienstag, 5. Dezember 2023 um 6:15

Das Draußen war zum Glück nicht so zweistellig böse frostig wie vorhergesagt, die meisten Wege konnte ich mit meinen Schneeschuhen gut gehen.

Als schmerzhaft empfand ich lediglich die vielen unter der Schneelast abgebrochenen Äste, die zum Teil sogar das Räumen von Gehwegen verhindert hatten.

Kaiser-Ludwig-Platz.

Theresienwiese. Jajaja: Schön.

Das Büro war gestern erfreulich warm, zumindest äußerlich war entspanntes Arbeiten möglich.

Mittags wieder keine Lust auf Cappuccino, also lediglich weitere Einkäufe für die Weihnachtsfeier.

Einiges weggearbeitet, es breitet sich immer mehr Egalität aus.

Nach Feierabend war es weiterhin erträglich kalt draußen. Ich erledigte einige Einkäufe für mich und Recherchen für die Weihnachtsfeier im Forum Schwanthalerhöhe.

Zu Hause Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung – wir sind fast durch mit den ersten zehn Kilo Crowdfarming-Orangen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell restlichen Wirsing und Kartoffelbrei vom Vorabend, wieder mit Bremer Pinkel und Bregenwurst (das hatte ich für Sonntag falsch notiert), also mit einer wirklich schmackhaften Grützwurst (meine innere Kerndlfresserin freut sich ja immer über sowas Körniges zum Beißen, und Bremer Pinkel besteht tatsächlich nur aus Speck und Grütze) und einer Mettwurst, die ebenfalls sehr gut schmeckte.

Nachtisch Panettone.

Herr Kaltmamsell bestellte den Morgenmilchkaffee für Dienstagmorgen ab, er muss bereits um halb sechs das Haus verlassen, um halbwegs wahrscheinlich zur ersten Schulstunde am Arbeitsplatz zu sein. Denn Öffentlicher Nahverkehr und Zugverkehr in und um München sind auch morgen immer noch nicht mal ansatzweise wieder hergestellt, er machte sich auf nochmal zwei Stunden für 30 Kilometer Anreise gefasst wie am Montag. Und nachdem ich bis eben recht energisch auf die absolute Ausnahmsweise der Wetterlage verwies und die verantwortlichen Stellen verteidigte – frage ich mich nach Tag 3 schon, ob das der erste Winter ist, der hier einschlägt, und werde ungehalten. Unter anderem nachdem ich auch viel frequentierte Kreuzungen nur mit Überklettern von Schneebergen passieren kann.

§

Boris Schumatsky schreibt in der NZZ über seinen Antisemitismus:
“Als ich Juden nicht riechen konnte”.

(Zur Sicherheit: Ich sehe das furchtbare Leid der Bevölkerung in Gaza. Hamas muss weg.)

die Kaltmamsell