Journal Mittwoch, 6. März 2024 – Kalter Regentag, Pizzaabend

Donnerstag, 7. März 2024 um 6:23

Weckerklingeln zu Regengeräuschen.

Fußmarsch in die Arbeit unterm Regenschirm. Den Hauptteil des Vormittags verbrachte ich in einer internen Informationsveranstaltung an anderem Ort, zu dem ich unterm Schirm zu Fuß marschierte (Frischluft!). Nach viel Gelerntem marschierte ich auch zurück, war nur wenige Minuten nach den Kolleg*innen im Büro, die den Bus-Shuttle genutzt hatten.

In meiner Abwesenheit war überraschend viel aufgelaufen, das ackerte ich erstmal weg.

Spätes Mittagessen: eine Portion Eintopf vom Vorabend, ein wenig Weißkraut-Kimchi.

Büronachmittag mit emsigem Abarbeiten, darunter Angst wegen Anfragen, zu denen mir nicht sofort eine Lösung einfiel. Eine musste ich nach ein paar Rechercher-Runden absagen, aber das ist ja auch eine Lösung – am schlechtesten ertrage ich es, in der Luft zu hängen.

Dazwischen Abendessen-Abstimmungen mit Herrn Kaltmamsell: Ernteanteil war weggegessen, schon am Dienstag wälzten wir die Idee, aushäusig Pizza zu essen. Die Wunsch-Pizzeria war bereits ausgebucht, wir würden also einfach mal drauf losgehen. (In München muss man bereits seit Jahren selbst für Kaffee-Verabredungen reservieren, mal sehen, wann nicht mal Döner mehr spontan geht.)

Auf dem Heimweg brauchte ich keinen Schirm mehr, es war ohne Regen kalt und ungemütlich. Lebensmitteleinkäufe bei Edeka und im Süpermarket Verdi. Zu Hause hängte ich nur noch schnell Wäsche aus der programmierten Maschine auf und goss Pflanzen, dann spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell Richtung Hauptbahnhof zum Ca D’oro, wo wir vor Jahren schonmal gute Pizza bekommen hatten.

Der Teig schmeckte mir sehr gut, der Belag schon auch – aber die Hälfte davon hätte gereicht. Ich schaffte die Pizza ohne Überfressung, doch es ging keinerlei Schokolade mehr. Dafür gab’s bis zum Einschlafen Basilikum-Rülpserchen.

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Auf Mastodon fand ich einige Hinweise auf diesen Deutschlandfunk-Beitrag von Andi Hörmann:
“Gefallener Engel
Marieluise Fleißer und ihre Heimat Ingolstadt”.

Sehr schön gemacht. Man hört Fleißer auch selbst, aber vor allem viele Menschen, die im heutigen Ingolstadt mit ihr und ihrem Werk zu tun haben. (Nebenbei erfuhr ich, dass die Buchhandlung Gerd Stiebert, an der ich seinerzeit lernte, dass es auch kleine Buchläden gibt, nicht mehr vom Namensgeber geführt wird. Wo hat die Fleißer wohl davor in Ingolstadt ihre Bücher gekauft?)

Das freute mich besonders, weil ich in letzter Zeit oft an die Fleißer denke. Eigentlich seit Jahren jedesmal, wenn die Lebensgeschichte von Künstler*innen erzählt wird, die sich gegen ungeheure Widerstände durchsetzten, “an sich glaubten” und damit Erfolg hatten. Marieluise Fleißer ist die Patronin all derer, die sich irgendwann nicht mehr gegen die Widerstände stemmten, sondern nicht mehr konnten und wollten, die aufgaben. Deren Geschichte wird halt nur sonst nie erzählt. Erst aus diesem Hörstück lernte ich, dass der Fleißer-Preis genau zu diesem Thema ausgeschrieben ist: “Der Marieluise-Fleißer-Preis wird an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, in deren Werk wie bei Fleißer der ‘Konflikt zwischen unerfüllten Glücksansprüchen und alltäglichen Lebenswelten’ zentrales Thema ist.”

Ich seh sie dann immer vor mir, wie sie im Tabakladen ihres Ehemanns mitarbeitet, bis er endlich stirbt und sie sich zu ihren eigenen Interessen zurückziehen kann. Wenn ich mein Ingolstadt erklären möchte, verweise ich immer noch auf Fleißers Theaterstück Der starke Stamm und auf ihren einzigen Roman Eine Zierde für den Verein.

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Gestern Abend erfuhr ich, dass es für “Dankbarkeiten” im kleinsten Theater Münchens eine zusätzliche Aufführung gibt, eine Matinee um 15 Uhr am Ostersonntag, 31. März: Vielleicht bekommen Sie hier noch Karten dafür.

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Man sieht nur mit dem Herzen gut? Uoah – das Herz hat dazu auch eine Meinung.

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https://youtu.be/_i72tIEvFaE?si=fgAPB-dcTvEwedh4

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 5. März 2024 – Filmguck-Anstrengung vs. Lese-Anstrengung

Mittwoch, 6. März 2024 um 6:29

Ereignislose Nacht, besonders genoss ich, nach Aufwachen um fünf nochmal einzuschlafen.

Das Wetter verlegte sich wieder auf grau, feuchtkalt und neblig.

Nach emsigem Vormittag marschierte ich auf einen Mittagscappuccino raus ins Westend, trotz verschiedener Schattierungen von Grau am Himmel war mir nach Bewegung. Taten dann auch gut, sowohl Cappuccino als auch Bewegung.

Blühende Bäume helfen auch gegen Grau.

Zu Mittag gab es Pumpernickel mit Butter, Äpfelchen, die letzte Orange der Crowdfarming-Kiste, nach zwei Wochen war sie geschafft. (Eine Kiste kommt noch, aber erst im April.)

Vormittags hatte ich selbst im Winterpulli mit Drunter-Shirt kalte Hände, nachmittags wurde das Büro endlich warm.

Heimweg über einen größeren Umweg, weil ich einen bestimmten Wein kaufte. Ich brauchte bald meinen Notschirm, denn es begann zu regnen.

Zu Hause die abschließende Folge des diesjährigen 30-Tage-Yoga-Programms von Adriene, wie jede Abschlussfolge ohne Ansage, dafür mit der Aufforderung, sich selbst Bewegungen auszusuchen. Diesmal kam ich zu einer Mischung aus 50 Prozent Nachmachen, was ich auf dem Fernseh-Bildschirm sah, und 50 Prozent Bewegungen, die ich mir selbst wünschte.

Als Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell aus dem restlichen Ernteanteil (Lauch, Kartoffeln, Karotten, Kohlrabi) mit dicken Bohnen und Räuchertofu einen Eintopf, ich steuerte die Einbrenn bei.

Wohlschmeckend und wärmend. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, Naomi Aldermans Science-Fiction-Roman The Future freute mich sehr.

Darüber nachgedacht, warum ich keine Aufmerksamkeit mehr für Filme/Serien im Fernsehen aufbringe (vor allem abends, aber inzwischen eigentlich immer), aber auch noch so müde zum Lesen. Eine Möglichkeit: Filmgucken bedeutet für mich vor allem Wahrnehmung, was sich andere ausgedacht haben. Also die Verarbeitung von ganz vielen visuellen und auditiven Sinneswahrnehmungen: Menschen, Kleidung, Bewegung, Dialoge, sonstige Interaktion, Musik, bedeutungstragende Ausstattung, Kameraperspektive.
Lesen hingegen bedeutet, Buchstaben in meinem eigenen Kopf in Bilder umzusetzen, in Menschen, Kleidung, Bewegung, Dialoge, Musik, Ausstattung, Landschaft, Licht – das ist gleichzeitig reicher und wenig mühsamer für mich.

Wahrnehmungsverarbeitung kostet mich wohl mehr Energie als selbst Bilder zu erzeugen.

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Eine Stunde Gespräch mit Josef Hader in Sternstunde Philosophie des SFR: “Was bewirkt Satire?”

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https://youtu.be/W1QcSJF_GDs?si=JnO4-Z3nDl4g2xhR

Hader wirkt wie ein sehr kluger, reflekterter Mensch. Mich freute besonders, dass Platon-Lektüre im jugendlichen Alter auf ihn ähnliche Auswirkungen hatte wie damals auf mich.

Auch bedenkenswert: Seine Erklärung für den Erfolg von Populismus. Und seine Beobachtungen über die heutigen Alten, die einst als junge antraten, das Althergebrachte wegzuwischen – und heute die Deutungshohenheit nicht mehr hergeben wollen: “Jetzt sitzt dieselbe Generation wehleidig in ihrem Ohrsessel und sagt: ‘Das darf man nicht mehr sagen, und ich bin so arm, weil ich mit 75 jetzt bei der großen Fernseh-Show abtreten muss.’ Das ist eine Generation, die hat nie Regeln beachtet – und möchte Deutungshoheit bis ins Grab.”

die Kaltmamsell

Journal Montag, 4. März 2024 – Nur Arbeitsmontag

Dienstag, 5. März 2024 um 6:23

Schlafunruhe im Mittelteil der Nacht, nachdem mich ein sehr lauter, englischsprachiger Streit vorm Schlafzimmerfenster geweckt hatte: Ich schlief lang nicht wieder ein.

Herrn Kaltmamsell stattete ich mit Keksdosen, Taschen und Tablett in allen Händen aus und schickte ihn so in die Arbeit.

Marsch in meine Arbeit unter unentschlossenem Himmel, er entschied sich kurz darauf für einheitliches Grau. Es wurde kalt neblig. In der Beethovenstraße haben sich einige Bäume als Schlafstätten für Krähenschwärme etabliert, die Kot-Schicht auf dem Gehweg darunter ist inzwischen fast geschlossen.

Die Magnolien machten wacker weiter mit Blüh-Vorbereitung.

Kurz getakteter Arbeitsvormittag, aber ich kam zu meinem Mittagscappuccino bei Nachbars.

Mittagessen: Ein Rest Rote-Bete-Linsen vom Samstag, Orange.

Mein gefürchteter Jourdienst sorgte für so viel Unruhe (Anfragen, Anrufe), dass ich irgendwann den Versuch konzentrierten Arbeitens bleiben ließ und nur Kleinscheiß erledigte.

Nach Feierabend in unangenehm klammer Kälte über Lebensmittel- und Drogerie-Einkäufe nach Hause. Dort hatte ich richtig Lust auf Yoga-Gymnastik und turnte die Adriene-Folge von vergangenem Donnerstag nochmal – tat rundum gut.

Das Nachtmahl bestand aus Resten: Sehr guter kalter Braten vom Sonntag, dazu Meerrettich, Käsereste, Selleriesalate, eine rote Paprika hatte ich aus Bedürfnis nach etwas Frischem dazugekauft (schmeckte nach nichts, gerechte Strafe für unsaisonale Gelüste). Nachtisch Süßigkeiten.

Herr Kaltmamsell erzählte Spannendes von der neuen Schule, das Gebäck hatte geschmeckt. Früh ins Bett zum Lesen, sehr müde.

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Der Virologe Prof. Thomas Mertens verlässt die Ständige Impfkomission. Ein Interview in der taz (seltsame Überschrift, ich unterstelle ein unrealistisches Wissenschaftsbild):
“‘Es war nie mein Ziel, erkannt zu werden'”.

Ich habe noch selbst gegen Pocken geimpft und schon als junger Professor Vorlesungen in Immunologie gehalten. Das Thema Impfungen lag mir ganz nah. Ich bin überzeugt davon, dass Impfungen eine der genialsten Errungenschaften der Medizin sind. Bei meiner Abschiedsvorlesung habe ich aber auch gesagt, dass der große Erfolg der Impfungen zugleich ihr Problem ist. Menschen in Deutschland kennen keine Diphtherie, Kinderlähmung oder Pocken mehr. Krankheiten, die menschheitsgeschichtlich eine immense Bedeutung hatten, sind durch Impfung so zurückgedrängt, dass sie im gesellschaftlichen Bewusstsein keine Rolle mehr spielen.

(…)

Was mich tatsächlich erstaunt und erschreckt hat, ist das tiefe Misstrauen mancher Menschen gegenüber Fachleuten. Es wird einem unterstellt, dass man nicht primär aus inhaltlichen Gründen auf der Grundlage von Daten agiert, sondern aus unlauteren Beweggründen. Wo kommt das her? Ist das die Lebenserfahrung dieser Menschen oder handeln sie selbst so?

(…)

Welche Lehren sollten wir in Sachen Kommunikation ziehen?
Der einfachste Grundsatz ist, dass ich nichts sage, wenn ich nicht Bescheid weiß.

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Tumbleweed als Sinnbild für komplette Ödnis? Nächstes Mal vielleicht überdenken.
“‘Tumblemageddon’: thousands of tumbleweeds roll into Utah towns”.

via @sauer_lauwarm

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 3. März 2024 – Kurze Laufhosen, Sonntagsbraten

Montag, 4. März 2024 um 6:28

Guter Nachtschlaf, um vier unterbrochen von lauten Menschen vorm Fenster. Ich schloss das Fenster gleich mal gegen aufbrandenden Vogellärm.

Der Tag brach mit blauem Himmel an. Nach Bloggen mit Milchkaffee und Wasser gab es eine Kanne Lapsang Souchong: Ich hatte einen frischen Wasserfilter eingebaut. Wieder Mal Neid auf Gebiete mit weichem Wasser, die ihren Tee immer so gut bekommen wie ich nur einmal im Monat.

Frühling unterm Küchenbalkon.

Vor Fertigmachen für Laufrunde knetete ich Teig für Kleckerkuchen, die Streusel hatte ich schon am Vorabend zubereitet.

Zur Sonne waren richtig warme Temperaturen angekündigt, ich schlüpfte zum ersten Mal im Jahr in kürzere Laufhosen, ließ Mütze und Handschuhe daheim.

Mit der U-Bahn nach Thalkirchen, zwischen vielen Kinderwagen und Kindern, offensichtlich auf dem Weg in den Tierpark.

Es wurde ein wunderbarer Lauf, nach der ersten halben Stunde wurden meine Beine immer leichter, und der Rückweg von Pullach fühlte sich an, als liefe ich durchwegs bergab.

Blick von der Großhesseloher Brücke, unten Espressowagerl.

Pullach

Nach den Meeren von KrokusWinterlingSchneeglöckchen in den vergangenen Wochen sah ich schon die Blüh-Nachfolger.

Huflattich

Leberblümchen

Neu lernte ich die Alpen-Pestwurz kennen (ein “Schuttüberkriecher”, wie bezaubernd!).

Am Ende meiner gut anderthalb Stunden besorgte ich in Thalkirchen noch Frühstückssemmeln.

Daheim bereitete ich erstmal die Füllungen für den Kleckerkuchen vor, dann erst duschte ich. Zum Frühstück um halb zwei gab es Semmeln und Orangen (bald bin ich durch mit der Kiste).

Kleckerkuchenkleckern und -backen.

Für Herrn Kaltmamsells neue Kolleg*innen, er hatte gestern zudem Wedges of decadence gemacht.

Nochmal raus in den massiven Frühling: Wahrscheinlich werde ich mir nämlich noch einen Übergangsmantel kaufen. Der Kapuzen-Parka ist für manche Übergangstemperatur zu dünn, außerdem habe ich mir sagen lassen, dass es völlig normal ist, von einer Sorte Mantel mehrere Exemplare zu besitzen, bei Durchwechseln halten die ja auch länger. Und am Samstag hatte ich nach Kauf des Kapuzenmantels beim Vorbeigehen ein interessantes Exemplar in einem Schaufenster gesehen, das ich Montag nach der Arbeit kaufen könnte.

Es erwies sich: Nein, lieber nicht. Zum einen nicht so schön wie aus dem Augenwinkel, zum anderen mir viel zu teuer.

Dafür holte ich mir im Nußbaumpark nochmal die volle Ladung Krokus.

Zeitunglesen. Fürs Abendessen machte ich zum Schweinsbraten, den ich mir gewünscht hatte, aus dem Ernteanteil-Sellerie Salat (gekocht, gewürfelt, größten Teil mit Vinaigrette, kleineren mit restlicher Majonaise vom Freitag).

Gutes Sonntagsessen! (Auch wenn Herr Kaltmamsell darauf hinwies, dass Sonntagsbraten zu Mittag serviert wird, nicht zu Abend.) Nachtisch Schokolade.

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Rebecca Kelber recherchiert für Krautreporter zur Ungleichheit zwischen Reich und Arm in Deutschland. Ihre Serie beginnt sie mit sieben Grafiken (und Erklärung des Hintergrunds) zur Verteilung von Einkommen und Vermögen, nicht alle davon erwartbar. Diesen Artikel darf ich Ihnen schenken:
“Diese sieben Grafiken zeigen, wie ungleich Deutschland ist”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 2. März 2024 – Echter Frühling, Manteljagd

Sonntag, 3. März 2024 um 8:31

Gut und lang geschlafen, das war schön.

Der Tag startete trüb, hellte aber bald auf.

Nach dem Morgenprogramm mit Bloggen, Milchkaffee, Wasser, Tee, bereitete ich den Teig für Chocolate Chip Cookies vor: An diesem Wochenende wird für Herrn Kaltmamsells montägliches Kuchen-für-neue-Kolleg*innen-Mitbringen gebacken. Und da Herr Studiendirektor ja wochenends vor allem arbeitet, übernehme ich den Großteil.

Aufs Radl für meine Schwimmrunde im Olympiabad. Unterwegs begnete ich zu meiner Überraschung immer wieder Gruppen junger Leute in Oktoberfest-Verkleidung – dann fiel mir ein, dass Starkbierzeit ist, für Treffen dazu in Wirtshäusern wird sich ja mittlerweile auch verkleidet.

Schwimmen in rege beschwommenen Bahnen, aber mit vernünftigem Umgang. Doch leider auch mit vielfältigen Schmerzen: Die linke Schulter meldete sich wieder gleich zu Anfang, doch diesmal wurde der Schmerz stärker, verbreitete sich über Arm und Nacken, das störte. Dazu kam mal Zwicken links im Kreuz, mal rechts, ständig drohten Krämpfe in den Waden. Leider diesmal kein Schwimmgenuss, trotz Sonne durch die riesigen Fenster der Olympiahalle.

Danach erfreute mich aber, wie schnell das Trockenföhnen der kurz geschnittenen Haare ging. Rückfahrt über Semmel- und Weinkauf, zweimal musste ich schnell vom Rad springen, um mir gegen sehr nahes Martinhorn die Ohren zuzuhalten und gegenzusummen.

Zu Hause kümmerte ich mich erst mal ums Backen der Cookies, zwischen den vier Blechen packte ich aus und frühstückte zwei Semmeln (die Butter vom Käsestand des Donnerstagmarkts schmeckte besonders gut).

Plan für den Nachmittag war ein Einkauf: Mein 20 Jahre alter billiger Wildledermantel verabschiedet sich (von H&M, würde ich mir heute und die vergangenen Jahre aus ethischen Gründen nicht mehr kaufen, doch weil ich ihn halt schon mal hatte, wollte ich ihn zumindest so lang wie möglich tragen): Das zerschlissene Futter, das ich schon einmal für teuer Geld erneuern hatte lassen, ist wieder völlig zerschlissen, das Wildleder an einigen Stellen speckig, Nähte lösen sich.

Draußen wundervoll milde Frühlingssonne, es wurden bereits die Sommerkleider ausgepackt; um drei zeigte das Thermometer im Schatten beim Juwelier Fridrich 13 Grad an.

Nachdem ich mich so über die Kapuze meiner Winterjacke als Schirmersatz gefreut hatte, träumte ich von einem Übergangsmantel mit ebensolcher. Allerdings hatte ich bemerkt, dass seit ca. zwei Jahren leichte Mäntel (die Bezeichnung “Übergangsmantel” ist ausgestorben) praktisch ausschließlich in Form von Trenchcoats angeboten werden, und das auch noch praktisch ausschließlich in Beige. Wollte ich nicht. Zumindest entdeckte ich beim systematischen Abklappern der Bekleidungsläden (Other Stories, COS, Mango, Zara) Trenchcoat-Varianten in Schnitt und Farbe, bei Massimo Dutti aber auch einen Kapuzenmantel. Den kaufte ich.

Es war viel los in der Fußgängerzone, Besucher*innen, aber auch viele Bekehrungskundgebungen: In der Sendlingerstraße ganz klassisch Bekehrung zu Jesus (junger Mann mit Mikrofon: “Ich habe geweint, als ich erfahren habe, was Jesus für mich getan hat.”), aber Richtung Marienplatz auch gegen den Kommunismus in China oder für die Proteste im Iran.

In den Bekleidungsgeschäften, in denen ich gezielt suchte, sah ich faszinierende Menschen vielerlei Alters, für mich am interessantesten die originell und sorgfältig gestylten älteren Frauen (also in meinem Alter und ein wenig drüber). Ich empfehle ein samstägliches Schlendern durch Bekleidungsgeschäfte für Leutegucken – und zur Erforschung der Frage, warum all die Männer, die mit leerem Blick oder gelangweiltem Smartphonelesen irgendwo in diesen Geschäften unbeteiligt rumsitzen, eigentlich mitgekommen sind (ich erlebte durchaus auch sehr engagierte männliche Begleitungen von einkaufenden Frauen: “Sieht gut aus – weil an dir halt alles gut aussieht”, ganz nüchtern geäußert).

Abschließender Edeka-Einkauf restlicher Wochenend-Lebensmittel, dabei Begegnung mit einer besonders entzückenden Kassenangestellten.

Daheim machte ich mich unwillig ans Bügeln, aber wenn ich das jetzt nicht erledigte, würde der Berg unangenehm deutlich höher als eine Stunde. Dabei hörte ich nach Langem mal wieder Musik, über den Mix der Bruderfamilie stieß ich auf die Band Elbow, hörte interessiert das Album “The Seldom Seen Kid” durch.

Mein Körper fühlte sich an, als täte ihm eine Wiederholung der sportlichen Yoga-Folge vom Donnerstag nicht gut. Also ließ ich gestern Yoga bleiben.

Zum Abendessen machte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch die Ernteanteil-Rote-Bete zu einem Linsengericht, als Topping gebratene Champignons und Petersilie. Dazu ein spontanvergorener Blaufränkisch aus dem Burgenland: Andert-Wein Ke(c)k – schmeckte mir, machte aber nichts mit den Beten und den Linsen. Nachtisch Schokolade.

Start einer neuen Lektüre: The Future, der neue Roman von Naomi Alderman.

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Pah, heute wird Musik ja nur noch von Computern gemacht. FRÜHER! Mit, äh, Nadeldruckern.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 1. März 2024 – Kurze Haare und Ursula Krechel, Landgericht

Samstag, 2. März 2024 um 8:41

Bis drei gut geschlafen, nach Klogang dann nicht mehr so.

Das Schlafzimmerfenster schloss ich morgens zu mitteldickem Nebel, keine guten Aussichten aufs Tageswetter.

Bei der Morgentoilette säuberte ich meine Ohren innen und außen besonders sorgfältig: Ich hatte abends einen Friseurtermin, hoffte auf freigeschnittene Ohren und wollte nicht, dass der Friseur sich grausen musste.

Also wieder ein hochneblig kalter Start, Büroarbeit im Wolljanker. Zumindest war der Aufgabendruck nicht mehr so hoch wie in den Tagen zuvor, kein Stress.

Mittagscappuccino im Westend, unterwegs eine unerwartete Begegnung.

Erneute Trauer und Wehmut um das Fräulein. Wie konnte etwas, jemand sich nur so furchtbar verirren. Diese schreckliche Vergeudung von Begabung für so Vieles.

Mittagessen zurück am Schreibtisch: Pumpernickel mit Butter, Orangen.

Pünktlicher Feierabend weil Friseurtermin. Dieser Herr, dem ich freie Hand ließ (“alles außer Farbe”), gab sich besonders viel Mühe, die Haaransätze im Nacken und vor den Ohren verschwinden zu lassen, “da sieht man nicht, wo das Haar anfängt”.

Ich war mit dem Ergebnis zufrieden.

Freitäglich festliches Nachtmahl: Guacamole aus den restlichen Crowdfarming-Avacados (Herr Kaltmamsell), riesige Artischocken mit Knoblauchmajo (von mir), dazu zwei verschiedene Weißbrote aus der Balkanbäckerei (ein besonders schweres, saftiges Fladenbrot sowie ein klassischer heller Laib, ebenfalls besonders saftig – beide sehr gut), als Wein italienischer Pecorino. Wir aßen sehr gut, Nachtisch Süßigkeiten.

Oktoberfestflucht nach Mallorca endgültig gebucht, jetzt geht’s an An- und Abreise.

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Ursula Krechel, Landgericht. Im Mittelpunkt des 2012 erschienenen Romans steht Richard Kornitzer. Er kehrt 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurück, war von den Nazis als Jude von seinem Beruf als Richter in Berlin ausgeschlossen worden. Am Bodensee trifft er sich nach zehn Jahren Trennung mit seiner Frau Claire, sucht nach einem neuen Leben, das ihn zu einem neuen Richteramt in Mainz bringt. Das Buch schildert, wie sehr nichts wiedergutzumachen ist.

Von Anfang an faszinierten mich die Sprache und der Duktus des Romans: Sie lesen sich aus der Zeit gefallen, aber in die Zeit, in der die Handlung spielt. Sehr heutige Perspektiven und Erkenntnisse in einer Sprache, die ich von Romanen der 1920er und 1930er kenne (z.B. von Grete Weil). Diese Mischung gefiel mir ganz ausgezeichnet.

Claire und Richard Kornitzer hatten Meinungen und Vorstellungen ausgetauscht, die sich entwickelt hatten in der Zeit ohne den Ehepartner, sie waren besorgt, wenn diese sich nicht miteinander in Übereinstimmung bringen ließen. Sie hatten mit Empfindungen und Worten wie mit Schneckenfühlern aufeinander zu getastet, und wenn die Worte sich nicht erreichten, schwiegen sie, um den jeweils anderen nicht zu verletzen.

Als die Handlung sich nach Mainz verlagert, fand ich seltsam, dass ich noch nie eine so detaillierte Schilderung einer zerbombten Stadt gelesen hatte. Die zeitgenössischen Geschichte, ich denke an Heinrich Böll, gingen wohl davon aus, dass jeder eh die Details zerbombter Städte vor Augen hatte.

Nur der Satz “Es sah aus wie die Kulisse eines Filmes, der morgen im hellen Licht gedreht werden würde.” verrät die Sicht der Erzählinstanz aus dem Abstand vieler Jahrzehnte (in denen man solche Szenerien nur aus Filmen kennt).1

Gegen Ende der ersten Buchhälfte wechselt der Roman in eine Außenschilderung des Paares Anfang der 1930er, also vor der Machtergreifung, vor Richards Berufsverbot als Jurist. Und jetzt zieht die Erzählstimme explizite Vergleiche zu späteren Ereignissen, bis in die 1990er. Danach erfahren wir die Geschichte von Kornitzers Exil in Kuba, farbig und lebendig. Was Claire in dieser Zeit in Deutschland widerfahren ist, ergibt sich nur vage und indirekt aus Bruchstücken.

Im letzten Viertel wechselt Krechel dann das Genre: Aus dem Roman wird historisches Feuilleton. Ich ging einem Verdacht nach: Ja, die Geschichte des Buches basiert auf einer realen Akte eines realen Landgerichtsrats, die Krechel gefunden hat (Quelle) – soll sein, soll sein. Doch gegen Ende besteht die Handlung hauptsächlich aus Zitaten schriftlicher Quellen, aus Briefen, Aktenvermerken, Amtsberichten. Diese werden verknüpft durch spekulatives Psychologisieren darüber, was im Protagonisten vorgegangen sein mag, was ihn wohl zu diesen Schriftwechseln motivierte.

Es bleibt das Bild eines Menschen, der sich als junger alles gefallen ließ und jetzt im Alter verbissen und unnachgiebig mit den Waffen der Bürokratie und des Gesetzes kämpft, eine erbärmliche Gestalt.

Insgesamt gefiel mir Krechels Mischung von imagnierter Handlung und staubiger Bürokratie: Sie macht eine bestimmte Zeit deutscher Geschichte auf eigenwillige Weise lebendig.

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Chris Kurbjuhn erinnert sich an seine erste Berühung mit aktiver Politik in den 1970ern und an die Erkenntnisse, die ihn bis heute prägen:
“Kopfwäsche von Herrn Flach”.

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Eine gute Nachricht, die mir fast durchgerutscht wäre:
“Forscher: Dürre hat sich bundesweit aufgelöst”.

  1. Herr Kaltmamsell wies mich auf die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert hin, für die das Szenario der zerbomten Stadt und der Kriegs- und Nachkriegsnot in Deutschland typisch ist, zum Beispiel “Nachts schlafen die Ratten doch” – mein Eindruck ist wahrscheinlich einfach Unkenntnis geschuldet. []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 29. Februar 2024 – Hauptsächlich Arbeit, aber auch Beifang aus dem Internetz

Freitag, 1. März 2024 um 6:25

Gut geschlafen, hätte aber mehr als die knapp acht Stunden sein dürfen.

Auch dieser Tag zeigte sich erstmal mit kaltem Hochnebel. Im Büro ging es gleich mal volle Pulle los. Nicht nur die reichliche Arbeit diese Woche führte dazu, dass ich mich durch und durch nach Freitag fühlte (was allein schon der Anblick von Kolleginnen auf dem Flur korrigierte, die freitags nie da sind): Diese und nächste Woche bin ich zusätzlich dran mit einem durchwechselnden Angst-Job, zum Glück war noch nichts Stressiges.

Und dann ist wieder mal Frier-Woche im Büro: Auch mit Thermo-Rolli brauchte ich am Schreibtisch meinen Woll-Janker, um bis in die eisigen Finger warm zu werden.

Irgendwann konnte ich mich endlich in einen hochkonzentrierten Job vertiefen. Nach einem Absatz schubste ich mich dennoch nach draußen (musste zum Weiterarbeiten eh etwas recherchieren): Mittagscappuccino bei Nachbars, Käse-Einkauf auf dem Markt.

Später Mittagessen am Schreibtisch (ich brauchte eine Orangenpause): Apfel, Birne (auch zwei Wochen nach Kauf nicht nachgereift, geschmacksneutrales Knurpseln), Pumpernickel mit Butter. Bald darauf wurde es zu meiner großen Freude endlich hell draußen, ich sah blauen Himmel und Sonne.

Nach spätem Feierabend stellte ich allerdings fest, dass die Tageshelle nicht gewärmt hatte, ich war weiterhin froh um Mütze und Handschuhe. Auf dem Heimweg besorgte ich beim Süpermarket Verdi schon mal Artischocken fürs Freitagabendessen. Über der Ecke Goethestraße/Pettenkoferstraße sah ich einen Falken fliegen (immer ein Highlight).

Zu Hause Yoga-Gymnastik, Fingernägelschneiden (gnarf), Brotzeitvorbereitung. Ernteanteilsalat liegt noch in weiter Ferne, zum Nachtmahl briet Herr Kaltmamsell Rösti, dazu gab’s sein selbst gemachtes Kimchi, diesmal aus Weißkraut (SO! SUPER!) und viel Käse. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Gegen Ende wird Landgericht von Ursula Krechel leider holprig.

§

Danke, İlker Çatak, für den Protest, weil Sie mit Ihrem Namen als Oscar-Nominierter nicht als Vertreter Deutschlands akzeptiert werden.
“‘Ich habe vor Wut geweint'”.

Als wir letztes Jahr beim Deutschen Filmpreis mit “Das Lehrerzimmer” abgeräumt haben, hat sich die Laudatorin Iris Berben auf der Bühne bei meinem Namen versprochen. Gut, kann passieren, muss man nicht überdramatisieren – aber es geht auch anders. Nach der Oscar-Nominierung habe ich von der amerikanischen Filmakademie eine Mail bekommen, in der sie mich gebeten haben, ihnen eine Audiodatei zu schicken, wie man meinen Namen ausspricht, damit sie es richtig machen können. Diese Feinfühligkeit würde ich mir für unser Land auch wünschen.

Wie gut ich sein bisheriges Sich-halt-nicht-anstellen nachvollziehen kann – das er jetzt als schädlich erkannt hat. Erst kürzlich fühlte ich mich wieder zickig, weil ich bei jemandem, mit dem ich seit Jahren beruflich zu tun habe, dann doch mal darauf beharrte, dass er meinen Vornamen korrekt ausspricht.

§

“Terrible news for pedants as Merriam-Webster relaxes the rules of English”.

It’s fine to end a sentence with a preposition, according to a shock ruling from the American dictionary publisher. But is it OK to recklessly split infinitives?

Ganz, ganz entzückende Hinweise. Ich habe mich damit abgefunden, dass deutschsprachige Grammatik- und Rechtschreib-Hausmeister (m/w/d) nie diesen leichten, humorvollen Ton treffen werden. Dafür können wir echt lange Wörter.
Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzschulung.

§

Rausschmeißermusik.

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https://youtu.be/lI4fy4XrfvY?si=HXE0FgUNuR85SCMD

via @hannaengelmeier

die Kaltmamsell