Journal Mittwoch, 26. September 2023 – Berlin mit Schloss Charlottenburg, Jugendstil, georgischem Essen

Donnerstag, 28. September 2023 um 9:15

Richtig gut geschlafen, sogar nachdem ich beim nächtlichen Klogang das rechte Schienbein brutal am Bettrahmen angeschlagen hatte.

Ausgeschlafen, zu Spatzentschilpen aus dem Patio des Hauses Milchkaffee getrunken und gebloggt.

Richtiggehend dankbar war ich für eine Ferienwohnungsdusche mit (offensichtlich neuem) Duschvorhang statt schicker Glaswand: Ich kann es immer noch nicht als zivilisatorischen Fortschritt ansehen, dass ich fürs Abziehen der Dusche nach dem Duschen mindestens so lang brauche wie für die Körperreinigung (gleich lang mit Haarewaschen, länger ohne). Ist die Materialforschung zefix immer noch nicht bei wirklich Kalk-abweisenden Oberflächen?

Vor Aufbruch noch eine Runde Erwachsensein: Ich vereinbarte für nächste Woche telefonisch einen Haarschneidetermin.

Mein Plan für gestern war ausführliche Besichtigung von Schloss Charlottenburg, Mittagscappuccino, Bröhan-Museum (Landsmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus, im Vorbeigehen entdeckt, sofort eingeplant), irgendwas essen, in der Ferienwohnung rumgammeln bis zur Abendverabredung. Ging fast auf.

Charlottenburg in Sommermorgensonne.

Der Besuch des Schlosses bereicherte mich sehr, auch wenn es sich nach nahezu vollständiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg im Grunde um einen Neubau handelt (na, das kenne ich Münchnerin ja von der Innenstadt inklusive Residenz). Ich verwendete den gut gemachten Audio Guide, bekam zu den Räumen nützliche Informationen.

Zwei Bilder aus der Einführungsanimation zur Geschichte des Schlosses.

Im Schloss gab es viele, viele Spiegel.

Eine thematischer Leitfaden “Schlösser. Preußen. Kolonial.” wies an einigen Stellen auf Rassismus und Herabwürdigung in den damaligen Darstellungen anderer Kulturen.

Manche Teile wie diese Zimmerdecke waren so restauriert, dass man die vorherigen Beschädigungen sichtbar ließ – sowas mag ich besonders gern (muss ich aber nicht durchgehend haben).

Erwähnte ich die vielen Spiegel?

Der Neue Flügel des Schlosses wurde ebenfalls 1943 durch Bomben zerstört. Hier nutzte man die Gelegenheit, die Räume in unterschiedlichen Stilrichtungen ihrer Vergangenheit zu restaurieren, je nach bester Quellenlage. Sie wurden also nicht alle in den Zustand direkt vor ihrer Zerstörung gebracht. Das fand ich eine ausgezeichnete Idee.

Vom Audio Guide zu diesem Schlossbereich erfuhr ich zudem viel über die Geschichte der Hohenzollern und Preußens. Zeitgenössische Aspekte dabei: Die Hinterfragung allgemeiner Annahmen, u.a. Verweis auf den Einfluss, den Friedrich der Große durch autobiografische Veröffentlichungen auf das Bild von ihm nahm.

Hier verfälscht das Foto die Farben: Es gab keinerlei Grün im Original, sondern nur Rosé-Töne.

Abschließender Blick nach oben ins Treppenhaus: Zwei Deckengemälde des Neuen Flügels, für deren Rekonstruktion man keine Quellen hatte, wurden in den 1970ern von Hann Trier zeitgenössisch erstellt. Unter enormem Protest (alles Augsburger*innen?).

Am Ende (Mausoleum und Neuen Pavillon hätte ich mit meinem Gesamtticket auch noch ansehen können) war es schon eins, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich spazierte zu einem nahen Cappuccino-Ort, bestellte dann aber auch gleich Frühstück zum Cappuccino, ein Muesli Bircher Art.

Das war möglicherweise zu viel auf einmal, resultierte in Fresskoma. Wasser- und Ausruh-Päuschen in der Ferienwohnung ums Eck.

Nächster Programmpunkt: Bröhan-Museum.

Zunächst stieg ich zu einer Sonderausstellung in den dritten Stock:
“HAËL. Margarete Heymann-Loebenstein und ihre Werkstätten für künstlerische Keramik 1923–1934”.

Bis 1934, weil sie dann von der Nazi-Regierung zum Verkauf ihrer Werkstätten gezwungen wurde: “Die junge Keramikerin Hedwig Bollhagen eröffnete dort die bis heute erfolgreichen HB-Werkstätten.” Daher kommt die wundervolle Vase, die wir zum Rosenfest geschenkt bekamen.

Eine großartige Ausstellung. Die vielen Vermerke “aus Privatsammlung” vermittelten mir eine Ahnung, wie aufwändig das Kuratieren gewesen sein muss.

Während ich im großen Ausstellungsraum mit Galerie zeitgenössische Filmaufnahmen der Werkstatt von Margarete Heymann-Loebenstein ansah, kam eine Gruppe Kinder herein: Das Museum hat viel Programm für sie, gestern erklärte ihnen ein Mitarbeiter anhand einer Originalkiste, wie Ausstellungsstücke ins Museum kommen.

Einer von Margarete Heymann-Loebensteins berühmtesten Entwürfen.

Raucher- und Schreib-Ausstattung, nicht nur im Design historisch.

Die Künstlerin als coole Socke.

Dass ich selbst bzw. meine Kleidung auf allen Aufnahmen zu sehen ist, verbuche ich unter Festhalten zeitgenössischen Designs.

Weiter durch die ständige Ausstellung, die teilweise in Räumen präsentiert wird (“Period Rooms”), teilweise in Lager-artigen Regalen, diese nur zum Teil thematisch zusammengefasst – ich hatte den Eindruck, dass die Sammlung noch nach einer Präsentation sucht. Ich fand sie interessant und stieß nur auf wenige Aspekte, die mich vor einiger Zeit dem Stilgebiet Art nouveau, Art deco, Jugendstil etwas entfremdeten – nämlich seit mir die Kirche des Wiener Zentralfriedhofs und die Basílica im kastilischen Valle de los Caídos klargemacht hatten, wie kurz der Weg von dort zum totalitären Kunst-Stil des Faschismus und des Stalinismus war.

Bis zur Abendverabredung war ich mit Aufschreiben beschäftigt, turnte auch eine längere Runde Yoga-Gymnastik.

Der Zufall hatte den Luxemburger Freund Joël gleichzeitig mit mir nach Berlin gebracht, das nutzten wir zu einem Treffen bei gregorianischem Essen (Joël gestand gleich nach der ersten Umarmung diesen Versprecher bei einem vorhergehenden Telefonat – und der ist so großartig, dass ich die Bezeichnung beibehalten werde). Der empfohlene Georgier Salhino lag sogar in Charlottenburg, ich konnte zu Fuß gehen – bislang waren all meine Berliner Ziele so nah an der Ferienwohnung, dass ich kaum Bewegung bekommen habe.

Was mich in Berlin immer wieder überwältigt: Der Platz und die Weite.

Passend zur vormittäglichen Besichtigung.

Diese Handschrift kenne ich auch von Münchner Wänden/Brücken.

Diese allerdings nicht. Charlottenburg gefiel mir weiterhin sehr gut, hat eine bunt-gemütliche und gleichzeitig lebendige Ausstrahlung.

Mit Joël stürzte ich mich sehr schnell tief in lange vermissten Austausch (und in den georgischen Weißwein Tsinandali), sodass ich vergaß, unser Essen zu fotografieren.

Hier ein paar Teile davon (wir saßen draußen in kurzen Ärmeln ohne zu frieren). Es schmeckte hervorragend und ließ mich mal wieder ein gutes georgisches Restaurant in München vermissen – was ich dem herzlichen und freundlichen Kellner beim Abschied auch sagte und ihn bat, diese Lücke weiterzugeben, vielleicht wisse er jemanden, der sie schließen könne.
(Selfie vom Treffen bei Joël.)

Rückweg ebenfalls zu Fuß in milder Nachtluft, ich genoss ihn.

§

“Es ist alles gesagt”.

Mely Kiyak hat fertig. Undiplomatisch und einfach mal nicht konstruktiv rechnet sie mit den vergangenen ca. 15 Jahren ab, in denen sie vorm Aufstieg des Faschismus in ihrer Heimat Deutschland warnte. Und jetzt will sie nicht mehr politisch schreiben, und zieht sich in ein Wir und Ihr zurück, “ich habe mich (…) innerlich von euch abgevolkt”.

Schaut: Mein Kanackendaddy hat noch nicht einmal Wahlrecht, um euch die Pest an den Hals zu wählen, so wie eure Leute uns die Pest an den Hals wählen. Hier in Berlin dürfen demnächst minderjährige Kinder wählen, also eure Geschwister, aber unsere Eltern immer noch nicht. Mein Kanackendaddy hat mit seinen Steuern euer BAföG bezahlt, eure staatlich geförderte Eigenheimzulage. Wenn mein Daddy mich besucht, verteilen sich fünf Erwachsene auf zwei schmale Çekyats und ich schlafe auf dem Boden. Es sind Eure Leute, die das alles machen, nicht meine.

Früher haben meine Ossifreunde immer gelacht, wenn ich gesagt habe, vergesst nicht, die Mauer ging auf und wir dachten, ihr Ossis kommt, um uns auf den Mund zu küssen. Aber ihr habt euch bewaffnet und unsere Leute abgeknallt. Eure Leute waren in der Polizei und haben uns unhöflich behandelt. Und eure Leute sind es, die diese Mörder jetzt frühzeitig aus der Haft entlassen, weil sie glaubwürdig versichert hätten, nicht mehr so schlimm zu sein. Stimmt ja auch. Es gibt jetzt noch viel schlimmere Nazis, die sind in Freiheit und nehmen gerade an Abstimmungen im Parlament teil.

Ich stimme Kiyak nicht in allem zu. Aber ich kann sie in allem verstehen. (Wenn wir vielleicht mal Leute wie sie zu verstehen versuchen und nicht immer und immer wieder AfD-Wähler*innen?)

Mely Kiyak kopiert unter diesen Text ihre letzte “Deutschstunde”, die politische Kolumne, die sie seit zehn Jahren für Die Zeit schreibt, schrieb.

Wenn man, egal wo man auf der Welt lebt, von seiner Gesellschaft als Feind betrachtet wird, dann erkennt man schneller, wenn die Luft dünn wird. Man ist wie Kranich, Pfau und Pirol, ein Vogel, der die Wetterveränderung in der Atmosphäre spürt und seinen Gesang ändert. Wir frühen politischen Kolumnistinnen haben diesen Temperaturwechsel schon Jahrzehnte vorher registriert und mit Regenrufen die Wetterverschlechterung gezwitschert. Ich denke hier vor allem an Autorinnen wie Hilal Sezgin. Ich denke auch an die ersten Autorinnen, Theatermacherinnen, Dichterinnen, die vor mir schrieben. Jede von uns hatte ihre Zeit.

§

Das hier schreibt Mely Kiyak statt dessen, und auch darin verstehe ich sie ganz.
“Gute Momente”.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 26. September 2023 – Fahrt zurück in den Sommer nach Berlin

Mittwoch, 27. September 2023 um 7:39

Eigentlich eine gute Nacht, nur gab es Unruhe beim Einschlafen (Fenster zu, weil draußen eine Frauenstimme ausdauernd zwei Namen rief, nicht sehr aufgeregt, eher Katzensuchen als verlorene Kinder) und in der Endphase (ich schnarchte heftig und wachte immer wieder ein wenig davon auf).

Weckerklingeln für Kaffeetrinken mit (na ja, jede*r am eigenen Rechner) und Verabschieden von Herrn Kaltmamsell, der erst langsam wieder eine Schuljahresroutine aufbaut. Draußen ein weiterer Strahlemorgen, am Himmel zur Deko ein paar Federwolken.

Mein Zug nach Berlin fuhr erst am späten Vormittag ab, ich konnte mir mit allem Zeit lassen und den Urlaubstag genießen.

Unter anderem briefwählte ich Landtag Bayern und Bezirkstag Oberbayern – vor allem weil ich am Wahltag selbst als Wahlhelferin im Einsatz bin, doch die beiden Zweitstimmen-Riesenlappen werden in den Wahlkabinen sicher zu Verzögerungen führen. (Auf allen vier Zetteln aber jeweils nur ein Kreuz – hurra, das werde ich mit unterdrücktem Kichern sicher wieder oft sagen können!)

Am Bahnhof war ich so zeitig, dass ich mir noch einen vorgezogenen Mittagscappuccino holte und ihn im ICE trank. Im ICE, der kurz hinter Pasing bereits wieder stand und immer wieder stückchenweise langsam fuhr: “Grund dafür ist ein eingleisiger Betrieb in der Strecke vor uns”, hieß es über Lautsprecher. Ich weiß schon, warum ich am Ankunftstag einer Bahnfernreise keine Verabredungen vereinbare. (Bei diesem Berlinbesuch bedrückt mich ohnehin wieder, wie viele liebe Menschen ich nicht treffen kann.)

Tatsächlich verlief die Reise dann aber problemlos, ich las die Süddeutsche des Tages ausführlich, guckte viel aus dem Fenster in die sonnige Landschaft weiterhin fast ohne verfärbtes Laub, frühstückte gegen zwei Apfel, Orange sowie Pumpernickel mit Butter. Ich kam in Berlin im Sommer an, die Menschen am Hauptbahnhof waren in Sommerkleidung inklusive Sandalen unterwegs, ich schlüpfte bald aus meiner Jeansjacke.

Diesmal hatte ich eine Ferienwohnung in Charlottenburg gebucht: Ich hatte mir alten Westen gewünscht, und in Charlottenburg war ich noch nie gewesen. Die App der Berliner Verkehrsbetriebe schickte mich mit einer Regionalbahn nach Jungfernheide, dort sollte ich in einen Bus umsteigen zur Wohnung beim Schloss Charlottenburg (von dem ich bis zur Beschreibung der Ferienwohnung nie gehört hatte, wie peinlich). Doch ich fand die Bushaltestelle nicht auf Anhieb, dafür bereits Schilder, die zum Schloss wiesen. Ein Check von Google Maps ergab lediglich gut 20 Fußminuten dorthin – na, die ging ich doch!

Den Spaziergang genoss ich sehr, gelangte auch problemlos in die winzige (diesmal war ich geizig gewesen) Ferienwohnung, in die Herr Kaltmamsell am Freitag nachkommen wird.

Ausblick vom Ferienwohnungshaus.

Auspacken, Check des Küchenbestands – doch vor Einkäufen lockte mich bei diesem Prachtwetter der Schlosspark, den ich passiert hatte. Meine dicke Jeans, die einzige Hose, die ich dabei habe, wurde mir bald zu warm – wer rechnet denn bitte Ende September mit Sommer?

Der Park wurde rege genutzt zu Yoga, Tai Chi, zum Lesen auf Bänken, Sonnenbaden, Blicke auf die Spree, für Joggingrunden allein und zu zweit – ohne überlaufen zu wirken.

Schafe im Park! Mir wurde ganz englischergartenlich.

Eine Besichtigung des Schlosses hatte ich ohnehin geplant, beim Umrunden entdeckte ich weitere Programmpunkte für den Besichtigungstag.

Nach der herrlichen Spaziergangsstunde ging ich auf Lebensmitteleinkäufe in einen Edeka, diesmal aber nur für Morgenkaffee und das eine Abendessen, die anderen Abende war ich auswärtig zum Essen verabredet.

Zurück in der Ferienwohnung klappte ich meine Reiseyogamatte auf (so viel Platz war dann doch) und turnte eine Einheit. Unerwartet: Es wird in Berlin spürbar später dunkel als in München, nicht nur die Nebelkrähen (noch keine gesehen) beweisen die Östlichkeit der Stadt.

Als Abendessen kochte ich mir Nicht-Nudelsalat mit Tomaten, Paprika, Ruccola, frisch gekochten Nudeln und Joghurtdressing. Süßigkeiten für Nachtisch hatte ich ebenfalls reichlich besorgt (darunter das erste Stollen-Konfekt der Saison, schmeckt mir immer noch nahezu unaufhörbar gut).

§

In all seinen Einzelheiten bedrückend (und halt exakt das, was die Wissenschaft prognostiziert hat). Der Bayerische Rundfunk recherchiert zu
“Aufgeheizte Alpen: Folgen der Klimakrise für den Bergtourismus”.

Nirgendwo ist der Klimawandel so stark messbar wie in den Alpen. Gletscher schmelzen, auch der Permafrost taut auf. Die Folge: Berggipfel werden instabil, Steinschläge und Muren nehmen zu. Und auch das Fundament von so mancher Hütte bröckelt.

§

Ausführliches und überraschend interessantes Interview von Simon Hattenstone für den Guardian mit der 90jährigen Joan Collins:
“Joan Collins on love, loss and lust at 90: ‘You have to eat life or life will eat you!’”

Außerdem könnte eine Erklärung drinstecken, warum nicht alle Maskenbildner, mit denen sie zusammengearbeitet hat, gute Erfahrungen mit ihr machten.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 25. September 2023 – Zwischen den Oktoberfestfluchten

Dienstag, 26. September 2023 um 7:43

Recht gute Nacht. Ich stand früh mit Herrn Kaltmamsell auf, um uns vor seinem Abschied in die Arbeit Milchkaffee zu machen. Draußen wurde es hell zu einem wolkenlos sonnigen Tag.

Ich machte mich früh fertig zum Aufbruch, weil der Putzmann sich für früher als sonst am Montag angekündigt hatte – die Kunden, bei denen er am Montag vor uns putzt, fliehen das Oktoberfest gesamt. Er kam dann allerdings noch früher als erwartet, ich hatte Gelegenheit zu einem Plausch, verließ das Haus kurz nach neun.

Mein Ziel war das Dantebad, ich nahm die U-Bahn. Unterwegs rief mich jemand auf dem Handy an, ich ging ganz erwachsen und normal ran: Der Wahlvorsteher des Wahllokals, in dem ich bei der Landtagswahl am 8. Oktober helfen werde, meldete sich zur Absprache. Ich verließ die U-Bahn am nächsten Halt, um halbwegs in Ruhe telefonieren zu können. Als ich auflegte (sagt man das noch? oder was stattdessen?), wandte sich eine Frau an mich, die mich das ganze Telefonat über angeschaut hatte: Sie bat um Hilfe, denn sie hatte ihre Tasche auf einer Bank in diesem U-Bahnhof vergessen, war nach einer Station Fahrt mit der U-Bahn umgekehrt – doch da war diese Tasche mit Handy, Geldbeutel, Wohnungsschlüssel schon weg.

Ich rief für sie beim Fundbüro der Münchner Verkehrgesellschaft an, und als ich endlich aus der Warteschlange durchkam, konnte man ihr nur raten, sich bei der Polizei zu melden und den Verlust anzugeben: Dieses Fundbüro ist nur zuständig für Gegenstände, die in den Fahrzeugen selbst gefunden werden. Also und wegen weiterer Details, die mir die Taschenverliererin berichtete, recherchierte ich und beschrieb der Frau den Weg zur nächsten Polizeistation, schickte sie mit vielen Mitgefühlsbekundungen in die entsprechende Richtung (nur ein Halt weit mit der U-Bahn).

Welche Aufregung, und auf der weiteren Fahrt haderte ich dann mit dem schlechten Gewissen, ob ich die Frau nicht hätte begleiten sollen – sie war ziemlich durch den Wind und sprach nicht gut Deutsch. (Doch die Polizeistation war leicht zu finden, und ich konnte doch wirklich nichts weiter beisteuern?)

Bis ich im (winterbetrieblich sehr warmen) Wasser des Dantebads war, hatte ich den Vorfall genug verdrängt, um mich zu beruhigen. Es wurde ein herrlicher Schwumm meiner gewohnten 3.000 Meter auf mal kaum, mal wenig besetzer Bahn in durchgehendem Sonnenschein. Als ich das Bad verließ, war es noch nicht mal zwölf.

Seit vielen Jahren fahren ich mit der Tram (derzeit Linie 16) und meist zum Isarlauf an einem kleinen Frauenbekleidungsladen in der Thierschstraße vorbei, Nähe Isartor, und fast jedes Mal denke ich beim Blick auf die Schaufensterauslage: “Das sind aber schöne Sachen!” Nachdem ich gestern so früh mit meinem Sportprogramm durch war, dass Frühstücksappetit noch weit entfernt lag, fuhr ich endlich mal hin.

Ich sichtete das gesamte Sortiment, ließ mich zu einem Rock und einem Kleid beraten, die mir besonders gefielen, probierte – und verließ den Laden mit drei besonders erfreulichen neuen Stücken für Herbst und Winter. (Ich setze darauf, dass mit öffentlichen Geldern finanzierte Büros heuer besser geheizt werden dürfen als im Frier-Winter 2022/2023 und meine Bürokleidung nicht wieder in erster Linie wärmen muss.)

Durch herrliche und mittlerweile auch wärmende Sonne spazierte ich zum Viktualienmarkt, kaufte unterwegs Frühstückssemmeln – und erlebte den bislang rätselhaftesten Einsatz künstlichen Raumdufts: In einer Bäckerei. Beim Betreten roch es nicht nach Brot und Gebäck, sondern durchdringend nach Zimmerparfum.

Auf dem Viktualienmarkt ließ ich mir seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder frisch gemachten Saft einschenken. Ich hatte an meinen Liebling Karotte-Apfel-Rote Bete gedacht, doch beim Anstehen fiel mein Blick auf diesen Krug.

Spinat-Avocado-Gurke-Limette-Orange. Abgefahren, das probierte ich. (Hmja, schmeckte eigentlich nur nach Limette und Orange.)

Frühstück daheim kurz nach zwei mit Semmeln.

Verbummelter Nachmittag mit Lesen (Zeitung, Internet, Roman) auf dem Balkon und dem Sofa, einer Runde Yoga-Gymnastik.

Auch wenn aus dem Ernteanteil noch Zucchini übrig waren, konnte ich Herrn Kaltmamsell zu Auswärtsessen überreden: Wir gingen ums Eck zu Servus Habibi und aßen Mezze kalt und warm.

Daheim noch Schokolade zum Nachtisch.

Für die fünf Tage Berlinurlaub galt es Kleidungsentscheidungen zu treffen (Wetter, Ausgehen, Familienfeier – evtl. kalte Wohnung!) – hach, wie herrlich einfach war da das Packen fürs Wandern.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 24. September 2023 – Zurück in München, Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God

Montag, 25. September 2023 um 7:40

Eher gute Nacht, diesmal hatte ich vor dem Lichtaus (nach Anti-Brumm-Einsprühen) nach der Quelle des Mosquito-Summens gesucht und mindestens eine erschlagen. Nur einmal von einem weiteren Summen direkt an meinem Ohr wach geworden.

Gepackt hatte ich schon am Abend davor, jetzt brachte ich die Ferienwohnung auf Ankunftszustand zurück, hinterließ im Küchenschrank Salz, Zucker, Roibuschtee.

Als ich in der Morgensonne vor die Tür trat, war es noch sehr frisch, ich genoss die strahlenden zehn Minuten Weg zum Bahnhof.

Abschied vom Wanderurlaub.

Die Zugfahrt (Umsteigen nur in Hof) verlief komplett reibungslos, ab Regensburg stiegen wie erwartet junge Bayern-Cosplayer*innen mit Bierflaschen in der Hand zu. Wir erreichten München pünktlich kurz vor halb zwei. Am Bahnhof besorgte ich Frühstück.

Herzen und Küssen des vermissten Herrn Kaltmamsell, Kofferauspacken, Wäschewaschen. Um halb drei gab es Frühstück.

Butterbreze, die Oktoberfest-Version. Zu meiner Überraschung passte sogar noch eine Zwetschgennudel dahinter, die Herr Kaltmamsell von einem Besuch bei seinen Eltern mitgebracht hatte.

Ruhiger Nachmittag mit Räumen und Lektüre. Unter anderem las ich meine Oktoberfestflucht vor fünf Jahren nach, beginnend mit der Anreise in den Westerwald. Bei einigen Posts erinnerte ich mich deutlich daran, was ich alles nicht geschrieben hatte – vor allem Menschliches, weil das zwar echt gute Geschichten waren, die Beteiligten aber erkennbar.

Heikles Thema Ferienwohnungbewertungen: Ich versuche ja für andere Interessenten hilfreiche Informationen einzubauen, ohne negativ zu klingen (gelernt beim Schreiben von Arbeitszeugnissen). Zum Beispiel 2022 über das Frieren in der Wohnung in San Sebastián: “Vermieterin stellte reichlich Decken für niedrige Temperaturen zur Verfügung” (Fingerzeig: die Heizung ließ sich nicht anschalten). Und jetzt über die Wanderwohnung: “Alle Räume der Wohnung supersauber bis in den letzten Winkel und mit Raumdüften versehen”. Ich hoffe, so nachfolgenden Mieter*innen die Möglichkeit zu geben, um Entfernung der Düfte zu bitten.

Abends eine Einheit Yoga-Gymnastik, sehr ruhig.

Herr Kaltmamsell sorgte für Abendessen: Gegrillte Maiskolben – hatten wir schon ewig nicht mehr gehabt. Und ein Stück Entrecôte. Ich mixte davor als Aperitif Negroni spagliato, aber mit mehr Prosecco – schmeckte mir besser.

Zum Essen machte ich einen spanischen Wein aus Navarra auf, Domaine Lupier, El Terroir 2017 – der schlecht geworden sein musste. Was auch immer damit passiert war (ich zog einen einwandfreien Naturkorken): Er schmeckte durchdringend nach Plastik, konnte man nicht wirklich trinken.

Nachtisch gab es auch: Herr Kaltmamsell hatte ein vor Monaten eingefrorenes Pastinaken-Püree in einen Parsnip Pie verwandelt.

Serviert mit Clotted Cream und Golden Sirup, schmeckte sehr nach Pastinake.

§

Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God behauptet nicht mal, “a novel” zu sein, ein Roman. Wieder eine autobiografische Geschichte, aber erzählt auf literarisch sehr hohem Niveau und mit einer ganz besonderen Stimme, zudem einer besonders präsenten Erzählstimme. Das brachte mich auf neue Gedanken über autofiktionales Erzählen: Es heißt ja, dass gute Geschichten nur denen passieren, die sie erzählen können; das bedeutet aber auch zu erkennen, was überhaupt eine gute Geschichte ist. Und wenn jemand Autorin ist, Schreiberin, Erzählerin – sieht sie es natürlich, wenn ihre eigene Biografie oder ihr eigener familiärer Hintergrund eine gute Geschichte ist. Wie im Fall eines Vaters mit chinesisch-panamaischen Wurzeln, als Kind mit der chinesischen Familienseite in die Vereinigten Staaten eingewandert, der als GI und Teil der Besatzungsmacht in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg an eine deutsche Frau geriet, mit ihr Kinder hatte und sie mit in die Vereinigten Staaten nahm.

Nunez erzählt diese Geschichte ihrer Familie in vier inhaltlich miteinander verwobenen Kapiteln, die jeweils als eigene Geschichten tragen; die ersten beiden, “Chang” über ihren Vater (der nie richtig Englisch lernte, mit zwei Jobs nie zu Hause war, dessen Hintergrund sie erst nach seinem frühen Tod erfragte), “Christa” über ihre Mutter (die sich sehr über ihr Deutschtum definierte, kreuzunglücklich in den USA und in ihrer Ehe war), erschienen zunächst auch als eigenständige Werke. Das dritte Kapitel “A Feather on the Breath of God” dreht sich dann um die Kindheit der Erzählerin, darin im Mittelpunkt ihre Zeit mit Ballettleidenschaft. Im vierten Kapitel “Immigrant Love” beschreibt Nunez ihr Verhältnis zu Männern am Beispiel der Affäre mit einem ihrer erwachsenen Englischschüler, einem verheirateten Russen, sehr weit weg von ihren sonstigen Lebensumständen.

Meine Ausgabe beginnt mit einer “Introduction” von Susan Choi, die ich wohlweislich erst nach der restlichen Lektüre las – eine gute Idee, denn sie ist auch erst danach sinnvoll. Choi schreibt unter anderem über ihr Leseerlebnis und wie wichtig es für sie war, jemanden mit ähnlicher Herkunft literarisch zu erleben.

Womit ich mich wiederum indentifizierte, war die Freiheit des Nirgends-dazugehören-müssens, die aus der Erzählstimme spricht: Eine vielfältig bunte Herkunft, in Nunez’ Fall beim Vater sogar ein wenig unklar, bietet die Möglichkeit, alle Community-Angebote abzulehnen. Während sonst das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, fast immer als Schmerz, Mangel, Sehnsucht beschrieben wird, kenne ich es seit meiner Kindheit als etwas Positives, als Erleichterung – die ich hier bei Nunez zum ersten Mal auch literarisch reflektiert lese.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 23. September 2023 – Oktoberfestflucht mit Jungbrunnen-Weg und Folgen unterlaufener Urlaubsgegenden

Sonntag, 24. September 2023 um 7:18

Gestern musste ich mich mehrfach daran erinnern, dass Samstag war – diesen Grad der Verurlaubung hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr erreicht, ich weiß IMMER, welcher Wochentag ist.

Nacht wieder mit Mosquito-Unruhe, obwohl ich mich diesmal bereits vor dem Zu-Bett-Gehen flächendeckend mit Anti Brumm eingesprüht hatte. Und gestochen hat mich mindestens ein Vieh auch!

Ab sechs Angst und Sorgen (all die Details, die ich noch für den Berlin-Aufenthalt regeln musste!) (in Wirklichkeit genau ein Kontakt zur Ferienwohnungs-Vermieterin), ich stand lieber auf.

Für den Tag war trockenes Wetter angekündigt, allerdings ein paar Grad niedrigere Temperatur (einstellig) als in der mittelfristigen Vorhersage. Ich zog lieber zwei Shirts unter meine Wanderjacke, startete kurz vor zehn eine wieder längere Tour, nämlich den Jungbrunnen-Weg.

Er führte vor allem baumlose Höhen entlang, was immer wieder weite Ausblicke ermöglichte, allerings pfiff mir dabei auch ein unangenehm schneidender Wind um die Ohren. Die Wege waren schön und abwechslungsreich, ich kam durch Ortschaften mit samstäglicher Umtriebigkeit, wurde herzlich gegrüßt.

Überraschung: Schon zu meiner ersten geplanten Pause um zwölf hatte ich derart Hunger, dass ich mein erstes Pumpernickelbrot mit Frischkäse aß – gestern hatte ich zum Glück zwei dabei. Mein Körper spielte hervorragend mit, nicht mal der Nagel des linken kleinen Zehs, der am Vorabend vor Schmerzen getobt hatte (Ursache rätselhaft, in den Wanderschuhen hat er doch sogar besonders viel Platz), muckte auf.

Nach Pausen musste ich mich jeweils durch eine Weile zackiges Marschieren aufwärmen, erst gegen Ende des Wegs hatte die Sonne wirkliche Wärmkraft. Wirkung des kalten Winds: Zurück in der Wohnung glühte mein Gesicht noch Stunden nach. Na gut, ein bisschen bin ich bereit für Herbst.
(AUF DEM FELD
DIE KÜRBEN)

Viele Greifvögel gestern am Himmel, ich sah immer wieder Falken, einmal sogar drei gleichzeitig. Und ein paar Krähen auf einem kahlen Baum gegen den Himmel als Scherenschnitte – so gehört sich das. Außerdem wie schon in den Tagen davor: Schmetterlinge, ganz viele! (Vielleicht sogar ein Trauermantel.)

Aufbruch im Düsteren, Blick zurück auf Bad Steben.

Doch die ersten blauen Flecken zwischen den Wolken zeigten sich bald.

Auch gestern viel toter Wald. Wir können halt Romantik.

Im Hintergrund vor den Windrädern ein dominanter Solarpark.

Auf der Frankenwarte war ich ebenfalls schon vor vier Jahren gewesen.

Ich passierte aber auch lebendigen Fichtenwald.

Auf diesem Bankerl über Bobengrün (wenn die Grüns auch noch mit dir verwandt sind, Sabine, solltest du unbedingt mal vorbeischaun) machte ich um halb drei richtig Brotzeit mit Apfel und Pumpernickel. Auch hier schnitt der Wind unangenehm, ich zog zum Schutz die Kapuze hoch.

Brotzeitblick.

Auch gestern: SO VIELE ÄPFEL!

Herrlich federndes Moos unter den Stiefeln. Nach 21 Kilometern in gut sechs Stunden mit zwei Pausen war ich zurück in der Ferienwohnung – und kam zum ersten Mal nicht ins Kalte: Die Heizung hatte ich nur auf niedrigster Stufe angelassen, möglicherweise wärmten die umliegenden, ebenfalls geheizten Wohnungen? Diesmal hätte ich eine weitere Stunde Wandern gut geschafft – war dennoch froh ums Hinsetzen und Schuhe-Ausziehen.

Zum Abendessen brauchte ich Reste auf. Und lernte unter anderem, dass in Rührei mit Käse gar nicht beliebig viel Käse passt. Schwedenspeise freestyle erledigte restliche Milch, Joghurt, Frischkäse – na gut, Puddingpulver musste ich extra kaufen, irgendwas ist ja immer.

Abendunterhaltung: Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God ausgelesen (wunderbar geschrieben und etwas ganz Besonderes, dass ich unwillig über schon wieder unerwartet Autofiktion statt wirklich Erfundenes war, ist nun wirklich kein fachlicher Kritikpunkt), eine weitere Folge This is going to hurt (and hurt it did – ich identifiziere mich ungenehm mit Adams autodestruktivem Beziehungsverhalten). Im Bett begann ich neue Lektüre: Für Patrick deWitt, The Librarianist hatte ich mich in der Stadtbibliothek auf die Warteliste eingetragen, jetzt stand es zur Verfügung. Und jetzt aber wirklich völlig Ausgedachtes.

Fazit von vier Tagen Wandern um Bad Steben: Das hier ist eine wirklich schöne Gegend und für Wanderfreudige großartig. Auch am gestrigen Samstag (Wochenende!) begegnete ich keinen anderen Wandersleuten – wenn ich mal die kleine und die große Gruppe ganz am Anfang ausnehme, die aber andere Routen liefen. Das ist ein deutlicher Gegensatz zu den Wandergegenden südlich von München oder zum Bayerischen Wald, in denen ich zudem ständige Radler*innen ausweichen muss. Große Empfehlung für Menschen, die von überlaufenen Wandergebieten genervt sind. Zumal der gute Bahn-Anschluss weitere verlockende Gegenden in der Nähe auch ohne Autofahrten erschließt.

Allerdings haben diese Ruhe und dieses Für-sich-sein einen Preis (wie ich ihn auch vor fünf Jahren auf dem herrlich einsamen und wunderschönen Westerwaldsteig zahlte): Abwesenheit von Gastronomie, vor allem unterwegs. Am Wochenende mag man noch Glück haben, dass Gaststätten in durchwanderten Orten geöffnet sind, wenn überhaupt vorhanden. Doch an Werktagen keine Chance: Ausflugslokale lohnen sich halt erst ab einem gewissen Grad der Überlaufenheit. Wenn man in einem Kurort wie Bad Steben unterkommt, ist zumindest abends für anständiges Essen gesorgt, kulinarische Offenbarungen (oder auch nur saisonale, lokale Zutaten) sollte man aber nicht erwarten.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 22. September 2023 – Oktoberfestflucht mit Bergknappenweg und Nachdenken über Frisurzwänge nach Altersgruppen

Samstag, 23. September 2023 um 8:00

Etwas zerstückelte Nacht, weil mich immer wieder Stechmücken-Surren wach hielt: Das Vieh / die Viecher ließen sich auch nicht durch nachträgliche Ganzkörper-Besprühung mit Anti-Brumm fernhalten. (So bekam ich auch nächtliches Regentröpfeln mit.) Doch ich bin ja im Urlaub, nach Aufwachen um sechs schlief ich nochmal anderthalb Stunden tief.

Ich hatte endlich ein Normalnull an Wohnungsgeruch hergestellt: Als ich aus dem Flur ins Wohnzimmer kam, roch ich lediglich meinen Morgenkaffee – ahhhh!

Für diesen als kühl und regnerisch angekündigten Tag hatte ich die kürzeste der vier recherchierten Touren geplant, den Bergknappen-Weg. Ich ließ mir Zeit mit dem Fertigmachen, turnte eine Runde Yoga-Gymnastik (Vorwärmen des Wohnzimmers mit Heizlüfter ermöglichte mir das sogar ohne Socken und Sweatshirt).

In voller Wandermontour ging ich auch erstmal auf einen Cappuccino; von meinem Aufenthalt vor vier Jahren erinnerte ich mich, dass der in der örtlichen Eisdiele gut gewesen war.

Eine kurze Wanderung war genau das Richtige für gestern, ich spürte die lange Strecke vom Vortag. Anfangs wurde ich ein wenig angetröpfelt, dagegen klappte ich die Kapuze über den Kopf. Richtig vergnügt machte mich, dass es auf halber Strecke kurz so richtig regnete: Ich war gerade im Wander-Flow und freute mich, dass meine Superduper-Wanderjacke die Tropfen so zuverlässig von mir abhielt, dass mir der Regen überhaupt nichts ausmachte.

Wieder hatte ich die gesamte Wanderung über die Wege für mich, begegnete nur um (Hundegassi) und in Siedlungen anderen Menschen.

Düsterer Himmel.

Thierbach mit der derzeit dominierenden Straßenlaternen-Deko.

Übrigens sehen die Apfelbäume hier wirklich ganz anders aus als bei uns in Oberbayern, sie sind voll der herrlichsten Früchte – hier vor der Thierbacher Mühle.

Über Naila. Wäre Donnerstag der Schlechtwettertag gewesen, hätte ich den Wochenmarkt in Naila mitgenommen: Das Städtchen ist größer und hat deutlich mehr Leben und Infrastruktur als Bad Steben. Inklusive einem Freibad, in dessen 50-Meter-Becken ich vor vier Jahren zweimal ausgiebig schwamm.

Der Bergknappen-Weg führte einmal quer durch Naila. Erstmal natürlich durch das neueste Einfamilienhaus-Gebiet, jedes Haus versehen mit einem weiteren halb so großen Haus – für die Autos.

Mein Blick blieb am Friedhof an einem Denkmal hängen.

“Den Opfern der Kriege”. Wie nah das durch den russischen Überfall auf die Ukraine wieder ist. Auch weil ich morgens diesen Theaterbericht von @Herzbruch gelesen hatte, der mich mitnahm: “CN-Krieg”. (Kurze Erinnerung, dass ich diese Nähe nur durch die geografische Nähe fühle, weltweit waren diese Kriege nie weg.)

Jetzt war es kurz nach eins, die Straßen und Bushaltestellen Nailas voller Schüler*innen. Und wieder fiel mir etwas an der aktuellen, aber schon seit Jahren bestehenden Mode auf. Es wird ja regelmäßig behauptet, das Styling von älteren und alten Frauen sei besonderen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen.1 Zum Beispiel würden an alten Frauen lange Haare als unangemessen angesehen. (Wann ist eigentlich der Oma-Dutt aus den Stereotypen verschwunden?) Meine Beobachtungen, unter anderem dieses Jahr in Brighton hingegen ergeben: Es sind junge Mädchen und Frauen, die einem viel größeren Druck ausgesetzt sind, nämlich ihr Haar unbedingt lang zu tragen. Seit vielen Jahren sehe ich einen erheblich höheren Variantenreichtum in der Haartracht junger Burschen und Männer: Die tragen ihr Haar mal lang, mal kurz, mal halblang, mal teilrasiert, mal lustig ins Gesicht frisiert. Mädchen und junge Frauen hingegen: Langes Haar, stufenlos lang, egal welches Haar, und fast immer in der Mitte gescheitelt. Die seltenen Abweichungen, zum Beispiel auf Schulfotos, die Herr Kaltmamsell heimbringt, fallen extrem auf.

Regen im Froschgrüner Park von Naila.

Solche Räuberhöhlen-Unterführungen liebe ich.

Kurz vor zwei, der Regen hatte aufgehört, machte ich im Selbitz-Tal auf dieser Bank Brotzeit: Apfel, Pumpernickel mit Frischkäse, der Keks, der mit dem Cappuccino serviert worden war. Untermalt vom geliebten Rauschen der Silberpappeln am Bach.

Hinter Marxgrün bei der Modelsmühle mehr prächtig tragende Apfelbäume.

In Hölle folgte ich der Empfehlung des Wanderführers, einen Abstecher zum Mineralbrunnen der Höllenquelle zu machen.

Ich kostete auch brav: Yep, schmeckte genau so greislich metallisch, wie ich auch das Heilwasser in Bad Steben in Erinnerung hatte.

Der letzte Abschnitt folgte der Alten Bad Stebener Straße, die für den Autoverkehr gesperrt wurde.

Der lag auf der Straße, echt ehrlich! Und schmeckte so sensationell, dass ich umkehrte und versuchte, den Baum durch Astschütteln dazu zu bringen, weitere von sich zu werfen – vergebens.

Nach 16 Kilometern in gut vier Stunden war ich zurück am Startpunkt, das reichte aber auch für gestern. Kurzer Einkauf im Edeka.

Zurück in der Ferienwohnung stellte ich fest, dass die Heizung in Betrieb genommen worden war, hurra.

Als Abendessen gab’s Linsen (aus der Dose) mit angebratenem Knoblauch und mitgebratener roter Paprika. Schmeckte leider bei Weitem nicht so gut wie die kalte Version (ich hatte mir bei dieser Kälte was Warmes gewünscht). Wie gut, dass ich im Supermarkt heimische Elisenlebkuchen gekauft hatte, mit den haselnussigen aß ich mich satt.

Abendunterhaltung Lesen, Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God fast fertig.

§

Never gets old: Die Aufregung, wenn ich herausfinde, dass eines meiner Internet-Idole weiß, dass es mich gibt.

§

Wie ein Tierfilmer einen rennenden Hamster filmt, und das Ergebnis in Zeitlupe. Doch, das wollen Sie sehen.

  1. Manchmal halte ich es für möglich, dass ich persönlich so furchterregend wirke, dass sich niemand mir gegenüber blöde Bemerkungen zu Alkoholfreiheit/Kinderlosigkeit/Altern-ohne-Würde erlaubt. Oder ich gehe einfach wenig genug unter Leute? []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 21. September 2023 – Oktoberfestflucht mit den fränkischen Attraktionen Humboldtweg und Schäufele

Freitag, 22. September 2023 um 8:55

Lang geschlafen, auch ohne Ohrstöpsel und obwohl nachts erst Sirenen heulten, außerdem das Regionalbähnla in jeder Kurve mit Pfiff vor sich warnte.

Kunstduftquellen in der Ferienwohnung so weit wie möglich reduziert. Und so dachte ich: Wenn ich jetzt noch die Badtür konsequent schließe und so oft wie möglich Fenster öffne, könnte es allmählich einfach sauber riechen und nicht mehr wie eine Drogerieabteilung.

Die Vermieterin, die gleich nebenan wohnt, brachte einen Heizlüfter vorbei, weil doch am Freitag das Wetter kalt werden soll – und scheuchte mich mit ihrem Klingeln gerade vom Duschen abgetrocknet in die nächstbeste Kleidung zum Türöffnen. Ich hoffe, die Heizkraft macht das wett.

Ich kam ein wenig später los zu meiner Wanderung, weil Kleidungsverunsicherung. Erst war ich in kurzen Ärmeln startklar, doch in der Wohnung fror ich damit so, dass ich dann doch in meine Jacke schlüpfte. Gleich vor der Haustür lag die Außentemperatur aber deutlich über Wohnungskälte, durchaus T-Shirt-geeignet, also zog ich die Jacke wieder aus und verstaute sie im Rucksack.

Für gestern, den Tag mit dem schönsten Wetter, hatte ich als Wanderung die längste meiner Oktoberfestflucht ausgesucht: den Humboldtweg. Wieder war der GPS-Track besonders hilfreich, zumal ich allen Empfehlungen für Extra-Abstecher folgte. Einmal verlief ich mich trotzdem, weil ich eine Wegmarkierung falsch interpretiert hatte. Ein Routine-Check zehn Minuten nach der Abzweigung erwies meinen Irrtum, ich kehrte um.

Das Wetter superherrlich, die Strecke abwechslungsreich (wenn auch für meinen Geschmack zu viele Straßenabschnitte drin waren). Eine erste Pause machte ich recht früh, da meine Wanderschuhe reichlich Pflanzenfragmente eingesammelt hatten und ich eine Bank für Schuhe-Ausleeren und ein wenig Ausruhen nutzte.

Gestern hatte ich sogar Gesellschaft und begegnete einer anderen Wanderin, außerdem ein paar Radler*innen (einem ausgerechnet beim ein Mal Pinkeln – nicht weit ab vom Weg, weil ich davor anderthalb Stunden lang überhaupt niemanden gesehen hatte).

Ich fühlte mich munter und fit, genoss die Bewegung und die Ausblicke sehr, kam bei Steigungen ins Schwitzen und freute mich über meine Körpertüchtigkeit, die sie mir ermöglichte, sah interessante Gesteine (u.a. Diabas – Geolog*innen haben einfach die besten Wörter), außerdem wieder viele Eichelhäher, aber auch Bussarde, Falken, einen Rotmilan, ein Eichhörnchen mitten im Wald. Und einmal erschreckte ich ein Reheinen Hirschen – und dieser mich, als gefühlt nur einen Meter links von mir im Unterholz ein sehr großes Tier Fluchtgeräusche machte.

Vom Bad Stebener Bahnhof aus Richtung Hölle – ich bin mir sicher, dass jeder, wirklich jeder Witz mit diesem Ortsnamen bereits gemacht ist.

Wetterchen!

Ich verlottere im Alleinurlaub völlig und schminke mich nicht mal.

Abstecher 1: Rundweg zur Schutzhütte Wolfsbauer.

Oben Aussicht.

Unten Hölle. Dann ging’s fast eine Dreiviertel-Stunde auf einem Rad- und Fußweg eine Laster-befahrene Straße entlang.

Und zwar nach Issigau, berühmt für den Typografie-Unfall am Ortseingang (vielleicht) und eine ganz besondere Dorfkirche (sicher).

Abstecher 2: Die Kassettendecke von St. Simon und Judas aus dem 17. Jahrhundert zeigt 66 Bibelszenen.

Blick über Kemlas hinweg wieder auf viel toten Wald.

Abstecher 3: Wiedeturm, leider wegen Vandalismus geschlossen.

Hier machte ich um halb zwei Brotzeit: Ein Apfel, eine Nektarine, wenig Pumpernickel mit Frischkäse – das war gerade recht.

Manche toten Fichten können nicht ganz gefällt werden, weil sie eine Zusatzfunktion als Halterung für Wegmarkierung erfüllen.

Blankenstein, ich befand mich in einer historischen Bergbaugegend.

Den Lohbach entlang nach Lichtenberg hinauf.

Bitteschön: Diabas (es stand ein Schild davor). Ich schmeiß mich immer weg bei den Geologie-Erklärungen auf Wikipedia, die aus lauter Begriffen bestehen, die ich auch erstmal erklärt bräuchte.

Oben: Lichtenberg.

Mit Aussicht.

Der Ort Lichtenberg selbst ist auch sehr schmuck.

Die letzte Stunde der Wanderung ging ich direkt gegen die herbstlich tiefe Sonne und guckte eher auf den Meter Boden vor mir.

Nach Bad Steben kam ich aus einem ungewohnten Winkel zurück.

Wenn schon, denn schon: Abschließender Abstecher zum Humboldthaus.

Das waren dann 25 Kilometer in sechseinhalb Stunden mit einer kleinen und einer großen Pause. Dann doch anstrengend, zumal die Strecke einige knackige Auf- und Abstiege verlangt hatte. Wenn man am Ende einer Wanderung aus Sicherheitsgründen noch fit genug für eine weitere Stunde sein soll – hätte ich das gestern nur mit ordentlichem Zusammennehmen hinbekommen.

Die Haustür öffnete ich wieder in einen Kühlschrank, schlüpfte umgehend in mein Sweatshirt. Und jetzt entfernte ich auch die Duftbombe aus der Kloschüssel, die mittlerweile den Gesamtgeruch dominierte, und sicherte sie in einer Tüte auf der Terrasse (muss ich ja vor Auszug alles re-installieren). Ich kalkuliere durchaus die Möglichkeit ein, dass ich mich lediglich anstelle und eine Prinzessin-auf-der-Erbse-Nase habe, denn schließlich sehe ich doch an der Fernsehwerbung, dass künstliche Wohnungsbeduftung Mainstream ist.

Als Abendessen wünschte ich mir Schäufele, wenn schon Franken (auch wenn ich weiterhin verdorben bin durch das selbst gemachte Schäufele aus fränkischer Freundeshand). Was sich bei der Recherche als gar nicht so einfach herausstellte, das Lokal sollte ja fußläufig sein: Die seriöse Gastronomie hier ist vor allem italienisch, das Wirtshaus, in dem ich vor vier Jahren Schäufele gegessen hatte (so lala), gibt es nicht mehr, viele Gasthäuser öffnen unter Woche nicht. Laut deren Website servierte aber das Restaurant des Hotels Panorama das Gericht, nach einer Stunde Ausruhen spazierte ich dort hin.

Das Schäufele war sogar besonders gut: Zartes, saftiges Fleisch, resch-leichte Kruste (über Beilagen und Sauce reden wir einfach nicht). Dazu gab es ein besonders gutes alkoholfreies Weißbier. Um mich herum wenig Gäste, fast durchwegs Halbpension des Hotels.

Zurück in der Ferienwohnung passte nur noch wenig Schokolade zum Nachtisch rein.

Respekt: Der Heizlüfter tat seinen Job wirklich gut, ich schaltete ihn nur zweimal für wenige Minuten an, das reichte und ich brauchte keine Flauschdecke um die Schultern.

§

Auf instagram gesehen, dass es Rachel Roddys A to Z of Pasta jetzt auch auf Deutsch gibt:
Pasta von Alfabeto bis Ziti.
(Wenn Ulrike Becker die Übersetzung nicht verkackt hat: Empfehlung.)

die Kaltmamsell