Journal Freitag, 3. November 2023 – Kleinkunstkonzert / eine vertraute Stimme aus Israel

Samstag, 4. November 2023 um 9:38

Wieder eine Nacht mit dreimal Aufwachen – nicht wirklich belastend, aber zweimal weniger wären mir lieber.

Der Regen hatte aufgehört, auf dem Weg in die Arbeit war es nur noch grau und kalt (Mütze, Handschuhe).

Wieder ein Frier-Tag im Büro, ich beginne zu verstehen, warum die Kolleginnen auf dieser Seite des Gebäudes immer schon mit Teppich-artigen Umhängen hantierten. Jetzt kapitulierte ich dann doch, wir sind ja noch nicht mal im richtigen Winter, und bestellte einen Thermo-Rolli. Wenn der passt und sich gut anfühlt, bestelle ich in anderen Farben nach. Und ich werde Lust an und Freude über schöne Kleidung fürs Büro verlieren.

Um die Mittagszeit regnete es energisch, das macht weitere Wege zum Mittagscappuccino unattraktiv: Ich ging nur rüber zu Nachbars. Mittagessen: Je ein Apfel Nicoter und Pinowa, Quark mit Joghurt.

Pünktlicher Feierabend, denn ich hatte Pläne: In Ingolstadt gab es ein Konzert mit Familienbeteiligung, dafür hatte ich Herrn Kaltmamsell und mir Karten zurücklegen lassen.

Vom Hauptbahnhof nahmen wir im Regentröpfeln einen Bus in die Ingolstädter Innenstadt. Wir hatten uns für kurzes Abendessen vorm Konzert ein indisches Lokal empfehlen lassen, das Chai Roti in der Dollstraße, das bereits seit Jahren “Urban Food” anbietet. Es stellte sich als Volltreffer heraus: Einrichtung und Speisekarte weit entfernt vom Durchschnitts-Inder.

Ich bestellte auch hier das bei Madam Chutney in München entdeckte Pav Bhaji, bekam besonders schmackhaftes Gemüse, Herr Kaltmamsell hatte von den südindischen Spezialitäten Masala Dosa, einen gefüllten Reis-Pfannkuchen mit scharfer Gemüsesuppe (Samber) und Kokos-Chutney – hervorragend (wir tauschten nach der Hälfte Teller). Dazu zwei untypische Brote.

Wir spazierten zur Kleinkunstbühne Neue Welt, in meiner Jugend und bis 2016 eine Kleinkunstkneipe (dann mochte Wirt Walter „Woidl“ Haber nach 33 Jahren nicht mehr) – vermutlich die Wirtschaft, in die ich am häufigsten ausging (im cooleren Mo fühlte ich mich nie heimisch, außerdem gab’s in der Neuen Welt für erinnerte 5 Mark ein überbackenes Schinken-Käse-Brot auf der Basis einer mächtigen Scheibe vom Roggen-Laib, von dem man gut satt wurde).

Großes Hurra beim Wiedersehen mit gesamter Bruderfamilie (da die Kinder darin erwachsen werden und eigene Wege gehen, ist ihre Beteiligung nicht selbstverständlich) und meiner Mutter.

Das Konzert dauerte recht lang, wir standen erst deutlich nach halb elf wieder auf der Straße. Zum Glück checkte Herr Kaltmamsell die Zugverbindung, die ich für die Rückfahrt recherchiert hatte: Diese Regionalbahn um 23:36 Uhr, die letzte Deutschland-Ticket-Möglichkeit des Abends, war nämlich jetzt gestrichen. Wir besorgten rasch Karten für den kurz davor abfahrenden ICE und marschierten zackig zum Hauptbahnhof. Ich freute mich über die kalte frische Luft ohne Regen, am Hauptbahnhof hörten wir, dass der Grund für den plötzlichen Zugausfall “Reparaturen am Zug” waren – so wird das echt nichts mit der Verkehrswende.

Aber für mehr Geld kamen wir sogar früher in München an, Schlafengehen noch vor eins.

§

Wenn Sie Lila, die vor Jahrzehnten nach Israel ausgewanderte Jülicherin, wie ich über ihr Blog Rungholt kennengelernt haben, möchten Sie vermutlich ihr aktuelles Lebenszeichen lesen. Und von ihrem 7. Oktober.
“Guten Morgen, ihr Lieben,”

(Das war der Moment, in dem ich dann doch weinen musste.)

Lila war es, die mir vor über 15 Jahren den Kassam-Ticker im Web zeigte, an dem ich sehen konnte, wie viele der Boden-Boden-Raketen aus den Palästinensergebieten auf israelisches Territorium geschossen wurden, oft über lange Zeit täglich, fast immer mit Schäden für die Zivilbevölkerung bis zu Todesfällen. Deutsche Medien erwähnten sie nur, wenn Israel die Abschussrampen angriff – und das eigentlich nur indirekt, weil sie von “Vergeltungsschlägen für Raketenangriffe” sprachen und schrieben. Fast normale News-Mechanik, denn tägliche Kleinigkeiten sind halt uninteressant, das größere Abwehrereignis interessanter. Ich erinnere mich auch an Lilas Erleichterung, als das Abwehrsystem Iron Dome endlich griff.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 2. November 2023 – Ampel-Kybernetik und Karsten Dusse, Achtsam morden

Freitag, 3. November 2023 um 6:37

Die Nacht ein wenig zerstückelt, außerdem war der Schlaf zu früh zu Ende.

Auf dem Weg in die Arbeit (trocken, kühl, aber nicht kalt) fiel mir wieder auf, dass ich in letzter Zeit im Stadtverkehr auf vertrauten Strecken besonders viel renne: Um Grünphasen von Fußgängerampeln zu erwischen, von denen ich weiß, dass sie besonders kurz sind, die Rotphasen dazwischen aber besonders lang. Auch ein Symptom von Auto-zentrierter Verkehrsplanung – zumal ich den Verdacht habe (Prüfen durch Forschung erwünscht), dass dieser Rhythmus Fußgänger*innen verstärkt dazu verführt, einfach bei Rot zu kreuzen (es sind alles Übergänge mit reichlich Lücken im Autoverkehr). Weiterer Gedankengang: Worauf basieren die unterschiedlichen Konzepte von Fußgänger-Grün an Straßenkreuzungen? Ich kenne unter anderem aus England die Version, dass alle Fußgängerampeln einer Kreuzung gleichzeitig Grün anzeigen, das habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Liest hier eine Ampel-Kybernetikerin mit?

Über den Tag sehr unangenehme Kreuzschmerzen, eigentlich im ganzen Unterleib, gern bemühtes Bild: Das Gefühl, mittendurch zu brechen. (Wenn die Gyn fragt, ob mir mein beachtlich großes Myom Probleme bereitet: “Woher soll ich wissen, ob die Unterleibschmerzen von den LWS-Bandscheiben, von der Hüfte, von Blähungen oder vom Myom herrühren?”)

Mittags holte ich wieder Äpfel auf dem Markt am Georg-Freundorfer-Platz, neben den saftigen Nicoter von der Vorwoche einige Pinova: Dunkles Fruchtfleisch, würzigere Süße – kann ich mir auch gut im Kuchen vorstellen. Mittagessen: Pumpernickel mit Butter, Granatapfelkerne mit Joghurt.

Nach Feierabend nahm ich für Besorgungen eine U-Bahn in die Innenstadt. Ich hatte mich auf einen Spaziergang und Schaufenstergucken gefreut, doch es regnete heftig und ich sah unterm Regenschirm beim Pfützenslalom wenig. Kaufhaus, Eataly, Norma.

Ich kam in eine leere Wohnung heim, Herr Kaltmamsell war verabredet. Häuslichkeiten, Yoga-Gymnastik. Als Abendessen machte ich den frisch geholten Postelein aus Ernteanteil an, wärmte den Rest Linsen mit Pasta vom Vorabend auf. Nachtisch Schokolade.

Achtsam morden von Karsten Dusse ausgelesen – was übrigens physisch ein bisschen anstrengend war: Die aus der Bibliothek heruntergeladene Datei war kaputt, zum einen zeigte sie keinen Lesefortschritt an (blieb immer auf 0%), zum anderen ging sie beim Öffnen nicht auf die zuletzt gelesene Stelle, sondern sprang immer zurück auf die Titelseite. Im musste mir also immer gut merken, welches das zuletzt gelesene Kapitel gewesen war; zum Glück gab es überhaupt Kapitel, diese zum Glück mit gut merkbaren Überschriften, und es gab anfangs ein Inhaltsverzeichnis, von dem aus ich in Kapitel springen konnte.

Bis zuletzt gefiel mir diese mindestens so gut perfide literarische Umsetzung der Achtsamkeits-Mechanismen und -Sprache wie die Tatortreiniger-Folge “Sind Sie sicher?”. Ein Anwalt, der in der Kanzlei, in der er arbeitet, mit großem Aufwand den Mafia-Mandanten betreut, wird von seiner genervten Ehefrau und Mutter seiner kleinen Tochter zum Achtsamkeits-Coach geschickt – und wendet das Gelernte auf seinen Beruf an. Mit tödlichem Ausgang für den Mandanten.

Vom Twitter-originellen Humor der Krimi-Komödie habe ich ja bereits geschwärmt, ich prustete immer wieder unvermittelt. Außerdem macht sich Dusse mit der Stimme seiner Hauptfigur Björn zwar über viele aktuelle gesellschaftliche Erscheinungen in Deutschland lustig, doch ohne sich darüber zu erheben: Der Erzähler ist Teil dieses Blödsinns.

Und ich mochte sehr, wie Figuren beschrieben werden. Zwar gibt es schon auch Klischees, doch dann tauchen auch solche Leute auf:

Sascha war neunundzwanzig Jahre alt. Er war nicht sonderlich groß, aber drahtig gebaut. Er wirkte verschmitzt, verschlagen und immer einen Tacken ungepflegt. Nicht dreckig, aber so, als sei er vor zehn Minuten aus dem Bett gesprungen, würde unter seiner Kleidung noch einen Superhelden-Schlafanzug tragen und müsste sich noch kämmen und die Zähne putzen.

Und ich weiß sofort, was er meint.

Zudem habe ich noch nie eine Folterszene mit so guter komischer Wendung gelesen. Einen gelungenen Auftritt haben auch: Der Schweigefuchs beim Mobster-Treffen, nützliche Drohnen und Kindergartenplätze als die wirkungsvollste Schwarzmarktwährung seit Zigaretten auf dem Berliner Alexanderplatz 1946.

Ich habe schon sehr lang keine so gelungene Unterhaltungsliteratur mehr gelesen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 1. November 2023 – Allerheiligen überm Tegernsee

Donnerstag, 2. November 2023 um 6:16

Yep, das war zu viel Alkohol am Vorabend gewesen, ich wachte trotz reichlich begleitendem Wasser mit Kopfweh und Kater auf. Und das wird wieder passieren: Wenn ich dann mal wirklich Lust auf Alkohol habe und die Gelegenheit, viele spannende Weine kennenzulernen, dann möchte ich das auch nutzen.

Für gestern hatten Herr Kaltmamsell und ich eine Wanderung geplant, weil erstens beide Zeit (das ist bei einem Vollzeit arbeitendem Lehrer an einem Feiertag nicht selbstverständlich), zweitens schönes Wetter angekündigt. Ausgesucht hatte ich den südlichen Tegernseer Höhenweg, weil der nicht allzu lang ist und wir ihn noch nicht im Herbst gegangen waren.

Wir nahmen einen Zug nach Tegernsee um elf, der sehr gut gefüllt war, manche mussten stehen. In Tegernsee ließen wir den Strom an Wanderer*innen vor, setzten uns erst noch auf einen Cappuccino in ein Café. Der tat mir wirklich gut: Nach starker Müdigkeit auf der Fahrt (der Kater) wurde ich jetzt munter. Die Landschaft war in diesem Licht und zu dieser Jahreszeit ein Genuss.

Blick nach Bad Wiessee und auf die Klinik, die mich nach der Hüft-TEP Reha-versorgt hatte.

Blick nach Rottach-Egern.

Eine Herde kleiner, sehr langzotteliger Rinder mit langen Hörnern, von denen einige die Hörner aneinander ausprobierten.

Kurz nach zwei Brotzeit in Rottach-Egern auf einem Bankerl an der Rottach: Ein Apfel und die Quarktasche, die ich frisch am Bahnhof gekauft hatte. Obwohl die erste Mahlzeit des Tages, war das zu viel gewesen, ich fühlte mich überfressen.

Gut zwölf Kilometer in gut drei Stunden.

Der Zug zurück nach München war schon 15 Minuten vor Abfahrt knallvoll, wir waren froh um bequeme und stabile Stehplätze. Doch ich hatte ja meine aktuelle Lektüre dabei, Achtsam morden von Karsten Dusse, und freute mich über die Gelegenheit, darin länger am Stück zu lesen. Ich bin immer noch ausgesprochen angetan, bei dieser Art Humor hätte man noch vor wenigen Jahren anerkennend gefragt: “Der ist doch bei Twitter!” Weil zumindest in meiner Timeline diese (vorgebliche) Weltsicht und Scherze typisch waren.

Daheim Häuslichkeiten und eine Runde Yoga-Gymnastik. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch LINSEN, diesmal Beluga-Linsen mit Pasta.

Ganz köstlich. Nachtisch mit Herzen-Sterne-Brezen – die gehen ja nur in Dreier-Einheiten.

§

Mayim Bialik versucht zu vermitteln, wie sie sich als Jüdin seit dem 7. Oktober fühlt, wie sich wahrscheinlich sehr viele Juden in den USA (und auf der ganzen Welt) fühlen, die erleben müssen, dass nach dem Hamas-Massaker Tausende Menschen in ihrer Heimat und an ihren Heimat-Universitäten die Auslöschung des jüdischen Volks fordern. Ich mag mir nicht ansatzweise vorstellen, wie das ist.
Hier ihr Video auf instagram.

via @eliyahhavemann

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 31. NovemberOktober 2023 – Trigonometrie mit Weinbegleitung

Mittwoch, 1. November 2023 um 9:21

Zu früh aufgewacht, ich nutzte die Zusatzzeit zum Nägellackieren.

Auch bei Regen freue ich mich am Ausblick aus unserer Wohnung. Unterm Schirm in die Arbeit.

Im Büro nach Langem mal wieder eine Tätigkeit, die mich in genau dem richtigen Maß forderte. Ich war so konzentriert, dass ich mich zum weiter entfernten Mittagscappuccino überreden musste, auch zum Mittagessen (Auberginenröllchen, Pumpernickel mit Butter, Granatapfelkerne – die in dieser Crowdfarming-Lieferung deutlich leichter zu pulen sind als in den vergangenen Jahren). Am Nachmittag war ich durch, fühlte mich wie nach einer besonders guten Sporteinheit.

Nach Feierabend marschierte ich auf direktem Weg nach Hause (und merkte, dass ich die Lieblingstweets/-tröts für Oktober vergessen hatte – wird halt Ende November eine Doppelfolge): Ich war mit Herrn Kaltmamsell zu feinem Abendessen auswärts verabredet, vorher wollte ich gerne noch eine Runde Yoga-Gymnastik turnen. Das klappte.

Ich hatte vor zehn Tagen einen Tisch im Pure reserviert: Stand auf meiner Liste mal zu probierender Restaurants, und auf die griff ich zurück, weil die Lokale, auf die wir eigentlich Lust gehabt hätten, für den Abend vorm Allerheiligen-Feiertag alle bereits ausgebucht waren.

Eine U-Bahn brachte uns schnell hin, wir sahen überraschend viele Halloween-Maschkerer.

Die Wirtsleute begrüßten uns herzlich, wir bestellten das 5-Gang-Menü aus der Chef’s Choice mit Weinbegleitung. Zum Einstieg gab’s ein Glas extrem trockenen Cava, die nächsten Stunden schlemmten wir.

Nachdem wir einander über die Ereignisse des Tages informiert hatten, inklusive Hintergrund aus den Tagen zuvor, sprachen wir lange über Mathematik. Mal wieder bedauerte ich, dass ich mich in der gymnasialen Unterstufe nicht ausreichend ins Üben und Lernen gehängt hatte, denn diese Grundwerkzeuge des Rechnens fehlten mir später, um in Mathe wirklich Spaß zu haben (ich war interessiert und hatte mittelgute Noten, scheiterte aber immer wieder daran, meinen Lösungsweg auch durchzurechnen). Und so wünschte ich mir spätestens zur Berentung eine*n Personal Trainer*in für Mathe: Jemand, die mir dieses Werkzeug draufschaffte und eintrainierte, um dann nochmal die spannensten Seiten der Trigonometrie und Algebra mit mir durchzuspielen. So weit entfernt zur Berentung kann ich mir auch vormachen, dass ich heute eher zu der geistigen Anstrengung bereit bin, die das kostet, als zu Schulzeiten.
(Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich daran, wie auf meinem ersten Flug in die USA 1992 ein US-amerikanischer Professor mir über ca. zwei Stunden die Chaostheorie erklärte, das muss ich mal genauer erzählen.)

Gruß aus der Küche war ein Bällchen Käse-Brandteig Gougères – wie auch viele andere Details von der servierenden Claudia De Luca liebevoll erklärt.

Zur geflämmten Lachsforelle mit Apfel, Kohlrabi, Radieschen, Buttermilch Dashi, Dill gab’s einen überraschend hellen und frischen Burgunder: Cardonnay „Les Saussots” Domaine Chavy-Chouet.

Die Entenbrust mit zweierlei Mais und fermentierten Pflaumen wurde begleitet von einem katalanischen Garnacha Familia Nin Ortiz – der sich als genau so untypisch herausstellte, wie er uns von Patrick Fischbacher angekündigt worden war: Ich hätte ihn blind eher vom Neusiedler See vermutet.

Mittlerweile erklärte mir Herr Kaltmamsell, der ein wenig beleidigt war, dass ich nicht ihn als Personal Mathe-Trainer engagieren wollte, Grundzüge und Nutzen der Trigonometrie, die Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger nutzend. Übergang zu Kurvendiskussion via Sinus und Kosinus.

Zu Roggen-Schlutzkrapfen mit Spitzkrautfüllung, Fonduta, Spinat und Sultaninen bekamen wir aus der Magnum-Flasche einen ungewöhnlichen Italiener eingeschenkt: Die Cuvée 2016 Riné Cantrina aus der Lombardei bestand nämlich hauptsächlich aus Riesling, der den Geschmack auch dominierte.

Der Weinknaller des Abends hatte zum Hauptgang seinen Auftritt: Aus Kampanien kam Primalaterra von Azienda Agricola Salvatore Magnoni. So dicht und gleichzeitig leicht mit Kirsche, Lorbeer, Wacholder, Pfeffer und einem Blumenmeer in der Nase und am Gaumen (ich erinnere mich noch bis zum Schreiben jetzt an Geschmacksdetails) hatte ich schon lang nichts mehr getrunken.

Und er machte sich ganz ausgezeichnet zur geschmorten Lammkeule und Merguez mit Kürbiscreme, grünen Bohnen, Kumquat (super Kombi), Harissa-Jus.

Schon beim Reinkommen hatte ich die Vitrine mit hochinteressant aussehendem Käse registriert; zum Abschluss entschieden wir uns folglich für einen Käseteller mit Birnen-Chutney und Pain d’Espice (sehr würzig).

Im Glas dazu ein elsässischer Gewürztraminer Steingrubler, der sich in Kombination mit dem Käse wunderbar entfaltete.

Herr Kaltmamsell kämpfte bereits seit einiger Zeit mit schweren Augenlidern, wir schafften es aber noch gut zurück zur U-Bahn und nach Hause.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 30. Oktober 2023 – Ruhiger Montag, Regen

Dienstag, 31. Oktober 2023 um 6:26

Die Nacht war ein wenig unruhig, doch zum Weckerklingeln wachte ich munter auf. Es war weiterhin mild genug für einen barhäuptigen Marsch in die Arbeit.

Den Mond in den Feierabend entlassen.

Frieren musste ich dann wieder im Büro, langes Baumwoll-Shirt und leichter Blazer drüber waren nicht genug, von den Heizkörpern ging keinerlei Wärme aus.

Zwischen Besprechungen verließ ich das Haus kurz für einen Mittagscappuccino bei Nachbars, der Himmel war dunkeldüster geworden. Mittagessen: Scharfer Karottensalat, Dickmilch.

Zu Feierabend war es nach Zeitumstellung schon dunkel. So bekam ich nicht mit, dass es zu regnen angefangen hatte, und feuchtelte auf dem Heimweg (kurzer Abstecher zum Vollcorner und zur Bank für Bargeld) langsam durch.

Daheim Yoga-Gymnastik, ich begann nochmal Adrienes 30-Tage-Programm Home – vor ca. vier Jahren mein Einstieg ins Zuhause-Yoga. Brotzeitvorbereitungen, dann servierte Herr Kaltmamsell ein feudales Nachtmahl: Erster Gang Lauch-Käse-Suppe (Lauch aus Ernteanteil), für uns ein erstes Mal mit diesem deutschen Klassiker, überraschend köstlich.

Zweiter Gang: Georgische Auberginenröllchen mit Walnuss-Kräuter-Füllung aus Immer schon vegan von Katha Seiser. Rezept auch hier zu finden. Schmeckten ausgezeichnet, wie beim Georgier, doch hätte ich nie rausgeschmeckt, dass auch Korianderblätter verarbeitet waren: Sie gingen unter.

Der Nachtisch kam von mir: Ich hatte schon am Vorabend eine heimische Quitte im Ofen gebacken (hätte es eigentlich schon am Sonntag geben sollen, doch ich hatte zu spät ans Backen gedacht, und die brauchen halt doch über eine Stunde und müssen dann noch eine Weile abkühlen), servierte sie mit Joghurt und Wabenhonig. Danach ging nur noch wenig Schokolade.

Abendunterhaltung war eine Tierdoku auf 3sat:
“Geheimnisvolle Eichhörnchen”.

Saublöder Titel, aber viele niedliche Tierbilder. Neues gelernt habe ich nicht über Eichhörnchen, sondern über Kleiber.

Vielen Dank für Ihre Reaktionen auf meinen Gastgeben-Text (auf vielerlei Plattformen). Ich lerne daraus, dass mein Verhalten wohl nicht Mainstream ist – unter anderem daraus, dass die Schilderung erheblich weniger Beiträge zum Thema auslöste, als ich erwartet hatte. Leute einladen scheint doch eher ein Nischenhobby zu sein.

§

Ich lasse endgültig die Illusion fahren, Politiker*innen handelten Fakten-basiert. Sie handeln gemäß Wähler*innenstimmung und -gefühlen – und verstärken die in ihrem eigenen populistischen Interesse. Zum Beispiel mit der Unterstellung, Asylbewerber würden durch staatliche Unterstützung besser gestellt als Menschen, die auf Bürgergeld angewiesen sind.
Umso wichtiger, dass Journalist*innen ihre Aussagen überprüfen. Hier zum Beispiel der Bayerische Rundfunk:
“Asylbewerber: Welche Leistungen sie wirklich bekommen”.

Aber auch das wird nicht bei Menschen ankommen, die sich irgendwie benachteiligt fühlen und sich ihre Stimmungen und Vorurteile nicht durch Fakten nehmen lassen.

§

Ich wiederum nehme hiermit zurück, dass es bei der Lösungsfindung im derzeit eskalierten Nah-Ost-Konflikt nicht hilft, historisch zu argumentieren. Wer die Hamas-Massaker damit rechtfertigt, Israel sei eine Kolonialmacht, und die israelische Bekämpfung der Hamas als “Genozid” bezeichnet – beides offensichtlicht eine im Westen verbreitete Argumentationslinie -, sitzt einer gefährlichen und belegbar falschen Informationen auf. Deshalb wichtige Lektüre dieses Essays von Simon Debag Montefiore im Atlantic:
“The Decolonization Narrative Is Dangerous and False”.

The Israel-Palestine conflict is desperately difficult to solve, and decolonization rhetoric makes even less likely the negotiated compromise that is the only way out.

via @antjeschrupp

(Kann man sich auch von z.B. Google übersetzen lassen.)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 29. Oktober 2023 – Herbstbunt und geschäftig

Montag, 30. Oktober 2023 um 6:26

Schön lang geschlafen. Zu meiner Überraschung musste ich nach dem Wechsel auf Normal-(=Winter-)zeit vier Uhren in der Wohnung manuell korrigieren: die an Mikrowelle und Backofen, die Regal-Uhr im Bad und den Wecker neben meinem Bett, der seine Funk-Tauglichkeit schon vor Jahren verloren hat. Das ist nicht die Zukunft, die ich bestellt hatte.

Ich sah der rosenfingrigen Eos zu, bis sie Feierabend machte.

Herr Kaltmamsell kündigte seine Rückkehr für einen Tag früher an – nicht mal 48 Stunden Stroh-Single-Wohnen kamen dieses Jahr für sein Monsterkämpfen zusammen. Und ich empfing ihn besorgt: “Bis du etwa tot?!” War er nicht, dieses Jahr wurde halt nur ein kurzes Abenteuer gespielt.

Ich ging raus zum Laufen, wieder in kurzen Ärmeln und Dreiviertel-Hosen, weil warm. (Aber diesmal mit Weste.) Meine Strecke führte gestern über den Alten Südfriedhof nach Thalkirchen, um den Hinterbrühler See und zurück: Ging ganz gut (seltsamer Druck im linken Sitzbeinhöcker, der sich mit der Zeit ins ganze Bein zog), bot viele schöne Anblicke.

Das Wetter zog besonders viele alte Leute (also: wirklich alt) mit Fotoapparaten um den Hals ins Draußen. <3

Gymnastik auf Flaucher-Kiesbank rechts. In meinem Kopf formulierte ich weiter an dem Text übers Gastgeben, an dem ich seit Freitagabend geschrieben hatte.

Frühstück kurz nach eins: Selbstgebackenes Brot, Granatapfelkerne mit Sojajoghurt.

Das Fresskoma zog mich zu einer kurzen Siesta ins Bett, dann Bügeln im sonnigen Wohnzimmer. Dazu hörte ich einen FAZ Bücher-Podcast von der Frankfurter Buchmesse: Andrea Diener spricht mit Bov Bjerg über seinen neuen Roman Der Vorweiner.

Ich finde Autor*innen-Aussagen zu ihrem Werk ja eher irrelevant, das wird allerdings in dem Moment schwer, in dem ich sie persönlich kenne. Ist ein hörenswertes Gespräch, unter anderem korrigiert Bov ein paar Irrtümer, die ich in Rezensionen gelesen habe, und erzählt die Entstehung des Romans.

Es war genug Bügelns, um noch einen offenen Tab abzuarbeiten. Bellvue di Monaco ist ja die Seite Münchens, die man da draußen nicht so kennt; die eingetragene Sozialgenossenschaft hat unter anderem die Veranstaltung gegen Rechts vor der Landtagswahl auf dem Odeonsplatz organisiert. Angefangen hat das Ganze 2013 mit dem satirischen Immobilienprojekt Goldgrund. Auf der re:publica 2015 erzählte Alex Rühle, was die Macher bis dahin hochgezogen hatten. Empfehlung, wenn Sie mal was Positives, Schabernackiges über München sehen wollen und ein bisschen Stadtpolitik lernen.

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https://youtu.be/jZXp6wnN_mo?si=vYXH_XzWM0XePK6P

Krautsalat fertiggestellt, es gab ihn diesmal wieder mit Speck, dann Karotten für Montagsbrotzeit gekocht.

Ich turnte die Schlussfolge von Adrienes Yoga Camp, freute mich auf ein neues Programm. Karottensalat fertiggestellt.

Abendessen war nahezu German Abendbrot: Krautsalat, selbstgebackenes Brot, kroatischer Pressack, Käse. Zum Nachtisch gab’s Pralinen aus der Westend-Schokoladerei.

Dass ich um eine Stunde verschoben ins Bett ging, merkte ich nicht – zu meiner Erleichterung, denn das ist für mich die einzige nervige Folge der Zeitumstellung: Die Phase, in der ich innerlich noch umrechne.

§

Hier ein charmantes Museum des Internets, unter anderem mit dem ersten Smiley und dem ersten LOL:
“Internet artifacts”.

Dass mein Arbeitgeber beim Artefact “First mp3” nicht genannt wird, schmerzt allerdings – Brandenburg forschte ja weder allein noch in seinem Hobbykeller (deutsche Steuergelder!).

die Kaltmamsell

Vom Gastgeben

Sonntag, 29. Oktober 2023 um 13:41

Angestoßen hat das Erinnern an mein Gastgeben der Roman Kochen im falschen Jahrhundert von Teresa Präauer. Darin hat ein Hetero-Paar jenseits der 40 in einer österreichischen Großstadt zum ersten Mal Gäste zum Abendessen. Das wird in mehreren Versionen erzählt, in einer Mischung von personalem und auktorialem Erzähler, mit unterschiedlicher zeitlicher Abfolge. Immer wieder fragt diese Erzählstimme “Erinnerst du dich daran” – und das mag mein Erinnern ausgelöst haben.

Die Gäste des Romans bleiben in allen Versionen gleich, das sind immer ein Ehepaar mit recht frischem Baby und ein Schweizer Freund. Es wird schnell klar: Das soll keine realistische Schilderung sein, sondern ein Sittengemälde mit bestimmten gesellschaftlichen Typen (es gibt keine einzige wirklich charakterisierte Figur, sie haben nicht einmal Namen). Das allerdings in meinen Augen nur offene Türen einrennt, die Instagramisierung des Lebens samt Hashtags, zeitgenössische Distinktion mit Statussymbolen und Markennamen etc. etc. (Warum sich die Gastgeberin “im falschen Jahrhundert” dabei fühlt, wurde mir allerdings nicht klar, dazu hätte sie eine Persönlichkeit gebraucht.) Daniela Strigl nennt den Roman in der FAZ “ein Stück Popliteratur und dessen satirische Verfremdung”, damit trifft sie am ehesten.

Doch selbst für Freude an der Satire muss ich die Prämissen nachvollziehen können, muss ich einen Bezug zum Satirisierten haben. Der fehlt mir in diesem Fall völlig, ich kenne die Umstände, die verzerrt werden, nur aus zweiter Hand, nämlich aus der Fiktion und aus Feuilleton-Essays darüber. Möglicherweise erklärt sich eine Minderheit, die zufällig besonders häufig Was Mit Medien arbeitet, für repräsentativ – und ist es in Wirklichkeit gar nicht?

Das beginnt mit dem Umstand, dass jemand jenseits der 40 zum ersten Mal Abendessensgäste hat, das erwähnte ich bereits. Oder die Haltung: Den guten Crémant trinkt das einladende Paar voher selbst, die Gäste bekommen den aus dem Supermarkt.

Auf die Gefahr, kitschig zu klingen (ich gehöre zu den von Max Scharnigg geschmähten Münchner Hausmeisterinnen, unten im Text): Ich kenne das halt anders herum. Wenn man etwas besonders Gutes hat, lädt man sich dazu Gäste ein, eine besonders edle Flasche oder aus dem Urlaub mitgebrachte, ferne Spezialitäten lässt man Freunde mitkosten. So kenne ich es von daheim, so kennt es Herr Kaltmamsell.

Hier also mein Gastgeben – das sich sicher ebenso satirisieren lässt, nur kommen darin keine für den Pop-Roman so essenziellen Markennamen vor.

Zum Attrakivsten an der eigenen Wohnung gehörte bei meinem Auszug aus dem Elternhaus mit 19 Jahren: Leute einladen zu können.

Unter anderem lud ich schon als Volontärin die drei Kolleg*innen und den Chef der Lokalredaktion in die mitbenutzte Wohnküche meine Dachkämmerchens in Eichstätt ein. Ich kochte zum ersten Mal selbst spanischen Cocido und erinnere mich vage an ein furchtbares Gemetzel mit dem gekochten Huhn, da ich a) noch keine Geflügelschere besaß und b) sehr wahrscheinlich noch nie Geflügel zerteilt hatte.

Es kamen ja alle auf meine Einladung – wie hätte ich denn herausfinden sollen, dass daran irgendwas nicht angemessen war? Wie überhaupt praktisch immer fast alle kamen, die ich einlud. Rückblickend wird mir klar, wie unkonventionell so manche meiner Einladungen gewesen sein muss. Doch dann geriet ich mit 25 Jahren auch noch an einen Partner (den heutigen Herrn Kaltmamsell), der mich darin unterstützte und eine ähnliche Auffassung vom Gastgeben hat. Auch lernte ich sehr spät, dass es unter Erwachsenen wohl eine Gesamtrechnung an Einladung und Gegen-Einladung gab, die zumindest mittelfristig ausgeglichen sein musste, sonst schlechtes Benehmen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass meine Gäste von einer Verpflichtung zur Gegeneinladung ausgehen könnten. (Dass ich auch in vieler anderer Hinsicht überhaupt kein Gespür für Menschliches habe, wurde mir erst Jahrzehnte später klar.)

Selbst rückblickend irrelevant waren solche Mechanismen zu Studienzeiten: Ich lud immer wieder Freunde und Freundinnen zu mir zum Essen ein – bei welcher Gelegenheit hätte ich sonst spannende neue Rezepte ausprobieren sollen? Oder mich mal an einen ganzen großen frischen Fisch wagen? (Den man mir am Augsburger Stadtmarkt ungeschuppt verkauft hatte, was ich erst nach dem Garen merkte, es war ein sehr fieseliges und anstrengendes Essen.)

Dazu kamen ausgedehnte und reichhaltige Frühstücke, Essenkochen für und mit Übernachtungsbesuch, Partys. Ich lehnte jedes Angebot ab, Speisen beizusteuern – war das doch wieder eine Gelegenheit, ganz Vieles auszuprobieren oder thematische Buffets zu gestalten, ich erinnere mich an ein rotes Buffet zum Roten Fest und an eines, für das ich ein neu erworbenes israelisches Kochbuch durchkochte. Zu anderer Leut’ Partys brachte ich aber gerne etwas mit, wenn gewünscht.

Und zwischendurch zum Geburtstag open house, das ich einmal wegen akuten Geldmangels mit großen Mengen frisch gekochter Maiskolben bestritt – es wurden alle satt. Wie ich ohnehin seit Auszug von Elterns meine Vorratshaltung in erster Linie daran bemaß, dass ich vier Überraschungsgäste damit satt bekam. Inklusive Wein und Saft.

Meine wilde Studienzeit (war überhaupt nicht wild und) fand nicht in Kneipen und Discos statt (oder hießen die schon damals Clubs?), sondern in den Wohnungen meiner Freundinnen und Freunde. Von Frank lernte ich die westerwälder Küche seiner Großmutter, Gisi konnte besonders gut Fleischgerichte und servierte köstliches Boeuf Bourguignon und Chili con carne (Fleisch in winzigen Stücken, mit Schokolade abgeschmeckt), bei Lisa (Eltern mit Gemüsegarten) aß ich meine erste Kürbissuppe und stellte fest, dass ich Rhabarber wirklich, wirklich scheußlich finde, bei Max machte ich erste Bekanntschaft mit Fenchel, Andrea brachte mir nach ihrem Thailand-Urlaub Tom Kha Gai bei, in Annes Lindenstraßen-WG wurde Besuch immer herzlich mitverköstigt (u.a. mit Sahne-Chicoree mit Kartoffeln). So sah meine kulinarische Bildung vor Einstieg ins Berufsleben aus. Wir trafen uns natürlich nicht nur zum Essen, sondern auch zum Filmschauen, Spielespielen – oder einfach so. Unter anderem, weil wir alle wenig Geld hatten und Ausgehen teuer war.

Ich bekam schon mit, dass manche nie zu sich einluden, doch ich ging davon aus, dass das denen halt nicht so viel Spaß machte wie mir oder sie nicht autark genug wohnten.

Zuletzt lebte ich solch einen großen und wohl unkonventionellen Einladungs-Impuls aus, als ich 2007 einen Job in der Zentrale eines Dax-Unternehmens antrat und mich dort sofort sehr wohl fühlte: Ich lud alle ca. 20 Kolleginnen und Kollegen der Abteilung samt Chef zu mir zum Essen ein, stückelte einen großen Esstisch zusammen, lieh mir bei Nachbarn Stühle aus, es gab mit großer Unterstützung von Herrn Kaltmamsell Spanisches in mehreren Gängen, über Tage vorbereitet.

Was ich bei aller Blindheit für Menschliches nur wenig zu spät bemerkte: Manche Gäste fühlten sich durch den Aufwand eingeschüchtert, in den ich mich gerne für Einladungen warf – nach Eintritt in die freie Wirtschaft gesteigert durch neue finanzielle Freiräume. Mangels Talent versuchte ich mich zwar nie an Tisch-Deko, doch anständig gedeckt war die Tafel bei mir auch zu Studienzeiten (frische und gleiche Teller für jeden Gang, passendes Besteck, passende Gläser, Servietten), und besonders elaborierte Speisenfolgen schrieb ich schon auch mal auf Karten für den Tisch. Um dann einmal besonders deutlich zu merken, wie zwei erstmalige Gäste völlig verschüchtert und steif auf ihren Stühlen saßen. Großen Aufwand gibt es seither nur für vertrautere Gäste und mit deren vorherigem Einverständnis.

Aber spätestens seit der Lektüre von Kochen im falschen Jahrhundert bin ich auf der Hut: Vielleicht ist, was ich für Gastfreundschaft hielt, ja doch nur Habitus und Distinktion und ich vergesse lediglich, die Hersteller von Geschirr und Tischwäsche zu nennen.

Illustrierende Fotos habe ich in meinen Alben nur zwei gefunden. Damals wurde halt fast nie fotografiert – ich kann das nicht besser finden als den heutigen Foto-Schatz, der mir zu praktisch jeder Erinnerung zur Verfügung steht, aus mir wird nie eine Feuilletonistin.

Das Album vermerkt lediglich:
“November ’92
Essen bei mir”
Das im Vordergrund bin ich, das um mich herum ist meine geliebte Wohnung am Augsburger Elias-Holl-Platz, im Hintergrund das Fenster zur Küche, die wohl einst eine Räucherkammer war.

Israelisches Buffet zu meiner riesigen Geburtstagsfeier 1995, für die ich eine Schnitzeljagd durch Augsburg organisiert hatte. Das Foto ist praktisch der Gegenschuss zum vorherigen, es zeigt eben diese Küche. (Und ich bin sehr froh darüber, erinnere mich dadurch an viele längst vergessene Ausstattungsdetails und Werkzeuge.)

die Kaltmamsell