Journal Samstag, 28. Oktober 2023 – Sonne, Olympiabad, Brot

Sonntag, 29. Oktober 2023 um 7:40

Nach einer guten Nacht wachte ich noch vor sieben auf. Eigentlich hätte ich gerne noch weitergeschlafen, doch dann wäre es für meine Pläne des Tages knapp geworden.

Also beschloss ich munter zu sein, zog mein Bett ab und startete eine Maschine Wäsche, knetete den Teig für das Brot des Tages: Geiersthaler Sonne (doppelte Menge für einen Laib zum Verschenken, außerdem mit Butter- statt Schweineschmalz). Die Sonne ging zu einem freundlichen Tag auf.

Brotbacken hat für mich immer noch was von Zauberei.

Zum Schwimmen steuerte ich jetzt wieder das Olympiabad an, die Wintersaison ist endgültig eröffnet. Beim Hinradeln brauchte ich trotz Sonne noch Handschuhe, nutzte vorher im Fahrradkeller (eigentlich: offizielle Radl-Unterstell-Möglichkeit in der Gerätekammer des Hausmeisterdienstes) die große Luftpumpe, auf die mich eine Nachbarin hingewiesen hatte: Die habe sie für alle Nachbarinnen und Nachbarn dort abgestellt, sei doch praktischer so. <3

Im Olympiabad ich freute mich über die Wassertemperatur, kam auf meinen 3.000 Metern nicht mal ins Frösteln. Ein Hoch auf die laut Bundenetzagentur wohl gefüllten Gasvorräte.

Doch ich wunderte mich über die offensichtlich gelockerte Kleiderordnung: Auf meiner Bahn schwamm jemand in Jeans-Shorts und langärmeligem Baumwoll-Shirt, mit wechselndem Schwimm-Spielzeug. Ich war bislang von Schwimmkleidungspflicht ausgegangen, aber ich bin ja so alt, dass ich mich noch an Taucherflossenverbote erinnere. Spätere Recherche ergab: “Die Entscheidung, ob eine Badebekleidung den Anforderungen entspricht, obliegt dem Personal.”
Haus- und Badeordnung für die Badeanlagen (HuBO) der Stadtwerke München GmbH (SWM)

Ich finde es immer noch wunderschön.

Frühstück um zwei: Rote-Bete-Salat aus Ernteanteil, zwei Scheiben frisch gebackenes Brot. Eine davon mit Butter und Ernteanteil-Tomate, eine mit Wabenhonig.

Ge-imkert von Vater einer Kollegin, mein erster Wabenhonig, die Wabe einfach aufs Brot gestrichen – schmeckte sehr gut!

Ich nahm eine U-Bahn nach Neuhausen, um ein Probiererl SoLawi-Olivenöl aus Lesbos und eines der Brote abzugeben und ein Treffen zu vereinbaren, spazierte von dort unter langsam zuziehendem Himmel zu Fuß nach Hause und genoss die Wärme.

Lektüre der Wochenend-Süddeutschen, dann machte ich aus dem Ernteanteil-Weißkraut Krautsalat. Ich turnte die vorletzte Folge des 30-Tage-Programms Yoga Camp, bin froh, wenn ich es durch habe.

Zum Abendessen bereitete ich die mächtige Fenchelknolle aus Ernteanteil zu, schlicht gedünstet mit Butter, wie zu Studentinnentagen (damals allerdings nicht mit Butter, weil ich ja Kalorien zählte, sondern höchstens mit einem Schuss Sahne). Davor ein wenig Rote-Bete-Salat, danach Süßigkeiten.

Leider dann doch kein Blick auf die partielle Mondfinsternis, die Wolken hielten sich nicht an die Wettervorhersage von Freitag.

Im Bett Start einer neuen Lektüre aus der Münchner Stadtbibliothek: Karsten Dusse, Achtsam morden. Ließ sich sehr gut an; ich hatte erwartbare Launigkeit befürchtet, doch ich bekam eine wirklich originelle Stimme.

§

Jajaja, confirmation bias (bei mir).
Eine Studie hat untersucht, wie sich gestrichene Parkplätze vor Geschäften aufs Geschäft auswirken.
“Parkplätze vor der Ladentür sind schlecht fürs Geschäft”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. Oktober 2023 – Beifang aus dem Internetz

Samstag, 28. Oktober 2023 um 8:55

Etwas unruhige Nacht, aber zehn Minuten vor dem Wecker frisch aufgewacht.

Draußen ausdauernder Regen, ich gab meine Rock-Pläne auf und ließ mir ein anderes Outfit einfallen, das mich freuen würde. Unterm Schirm spazierte ich in die Arbeit (aber weder Mütze noch Handschuhe nötig).

Emsiger Vormittag inklusive Menschlichem (irgendwann diszipliniere ich mich zu echtem Smalltalk). Mittags drohte der Himmel zwischen blauen Löchern immer noch mit dunklen Wolken, doch der Regen hatte aufgehört. Ich ging auf meinen Mittagscappuccino zu einem Schokoladenladen, den ich unterwegs gesehen hatte, und nahm gleich mal Pralinen mit.

Eine regelmäßige Anlaufstelle für Cappuccino wird das aber vorerst nicht: Er hatte mir zwar gut geschmeckt, kann aber nur draußen getrunken werden.

Ruhiger Nachmittag. Ich machte pünktlich Feierabend, um Herrn Kaltmamsell noch daheim anzutreffen: Er brach gestern zum jährlichen Allerheiligenferien-Rollenspiel Call of Cthulhu auf.

Unterwegs noch Lebensmitteleinkäufe, daheim kurzer Austausch mit Herrn Kaltmamsell, bevor ich meine Yoga-Matte ausrollte und er zum Monstertöten verschwand.

Das bedeutete auch, dass ich Hauptaufesserin des dieswöchigen Ernteanteils war. Gestern machte ich aus einem Teil der am Vorabend gekochten Roten Bete sowie einem Rest bayerischem Quinoa (musste weg) und einem Rest Sahne (musste weg) mit Knoblauch und Thymian mein Abendessen.

Vorteil Rote Bete: Sie färbt unansehnlichen Pompf zumindest rosa. Schmeckte aber gut. Zum Nachtisch war reichlich Schokolade im Haus.

Als Abendunterhaltung startete ich einen lange eingemerkten empfohlenen deutschen Fernsehfilm, doch auch dieser fesselte mich nicht über die erste halbe Stunde hinaus. (Zumindest konnte ich diesen Tab jetzt schließen.)

Statt dessen las ich Teresa Präauer, Kochen im falschen Jahrhundert aus – das zwar in praktisch allen Prämissen an mir vorbei ging (unter anderem: mit Mitte 30 das erste Mal zum Abendessen in die eigene Wohnung einladen? einfach eine andere Generation? doch ich konnte mir das Buch gut als Theaterstück in drei Akten vorstellen, die jeweils dasselbe in verschiedenen Versionen erzählen), aber zumindest Erinnerungen an mein eigenes, komplett anderes Gastgeberinnentum wachrief, die ich vielleicht später mal erzähle.

§

Das gestrige SZ-Magazin enthält ein (nur gegen Geld zu lesendes) Interview mit der Meister-Schauspielerin Sandra Hüller – in dem auf ein Titel-Feature der September-Ausgabe vom Hollywood Reporter hingewiesen wird. Kostenlos zu lesen:
“Sandra Hüller, Actress of the Year?”.

Es freut mich einfach so, wenn eine Frau Erfolg hat, deren Können wirklich außergewöhnlich ist – und die nicht den Vorstellungen ihrer Branche entspricht.

“You have to take me as I am. With my groceries, my dog,” says the 45-year-old German actress, smiling. “I admire my American colleagues who can really perform in interviews, who can flip a switch and turn it on, but I just don’t have that skill.”

Interessante Beobachtung des Autors Scott Roxborough:

German stage acting is notoriously hard. Members of state ensembles are full-time employees, expected to work day and night, seven days a week, in often mentally taxing and physically demanding performances.

“German theater is pretty extreme; they seem to have naked people screaming onstage all the time,” says Frauke Finsterwalder, who has directed Hüller in two films: 2013’s Finsterworld and Sissi & I, which premiered at Berlin this year. “I always try to work with German theater actors because they are fearless, they are used to pushing the boundaries.”

Für mich weniger überraschend:

Clearly, Hüller is not a sharer, at least not with the media. She mentions a daughter but won’t give her name. The same goes for her dog, who makes an appearance in The Zone of Interest. “She’s called Dilla in the film — that’s all you need to know,” she says wryly. “Listen, it’s not my job to show people in my work how I really am, and it’s not their job to find out who I really am. If someone wants to find out about the real me, they can write me a letter and we’ll go out for a drink.”

(Ich fühlte mich an Christoph Waltz erinnert – ähnlich meisterliche Schauspielkunst, ähnliche Abwehr von Einblicken abseits seines Berufs.) (Haben Hüller und Waltz schonmal zusammen auf einer Bühne oder einem Set gestanden?)

§

Als Vielleserin erkennt man ab einem bestimmten Alter die ungefähre Veröffentlichungszeit von Büchern anhand typischer Titelillustrationen. Es rührt mich tief, dass die aktuell typischen Titel von jemandem gestaltet werden, die ich kenne. Und die damit Geschichte schreibt:
Tina Berning.

Vielleicht mögen Sie ihr auf instagram folgen.

§

Deutschland und Einwanderung ist ein ganz trauriges Thema. Wer bis vor Kurzem darauf beharrte, dass wiR KeIN eINwaNdErunGsLaND sInD, schafft auch keine nützlichen Regeln und Prozesse für Einwanderung – und muss mit den unerfreulichen Folgen leben. Wie im Fall der palästinensischen Einwanderung nach West-Berlin:
“Debatte um Berliner Sonnenallee:
Hausgemachte Probleme”.

Jahrzehntelang wurden Palästinenser in Berlin gezielt von Arbeit und Teilhabe ausgeschlossen. Linke und arabische Stimmen warnten früh vor den Folgen.

(Mal wieder: Ich hatte ja keine Ahnung)

§

Die politische Bewegung westlicher Nationen nach rechts wurde bislang als populistische Welle interpretiert: Nur gut gestellte Schichten, so ein breiter Konsens, können sich die Werte der offenen Gesellschaft leisten, die breiten Massen fühlen sich davon ausgeschlossen, leiden unter Immigration und Globalisierung und wählen deshalb gegen die liberale Demokratie und rechts. Die jüngsten Parlamentswahlen in Polen haben aber genau das Gegenteil bewirkt. Jan-Werner Mueller meint: “It should now be clear that the problem all along has been elites, not ‘the people’.”
“Mainstreaming the Far Right”.

Will auch heißen: Behauptungen wie die, dass an jeder Misere eine gefühlt zu hohe Zahl an Einwanderern schuld ist, entstehen nicht am Stammtisch; sie werden von führenden Politikern vorgegeben und am Stammtisch aufgegriffen (wo sie bereits vorhandene Resentiments bestätigen). Und die Bereitschaft demokratischer Parteien, mit Demokratie-feindlichen zusammenzuarbeiten, öffnet diesen den Weg in den Mainstream.

§

Wenn Sie Samstagnacht noch nichts vorhaben:
Es gibt eine partielle Mondfinsternis zu sehen, und die Wetteraussichten für München sind gut.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 26. Oktober 2023 – Das Vermustern von Erinnerungen

Freitag, 27. Oktober 2023 um 6:29

Ich hätte mir eine halbe Stunde späteres Wecken gegönnt, wachte allerdings nur wenig nach meiner üblichen Zeit auf, unausgeschlafen. In die Arbeit brach ich dennoch eine halbe Stunde später als sonst auf, weil ich mir noch die Zeit fürs Verbloggen des Theaterbesuchs nahm.

Draußen erwischte mich nach 100 Metern der Regen, den ich in der schrägen Morgensonne nicht hatte kommen sehen, ich erreichte das Büro ordentlich durchgefeuchtet. Aber es war ja mild, ich trocknete schnell wieder.

Emsiger Vormittag, zu Mittag ging ich unterm Regenschirm raus auf einen Cappuccino bei Nachbars, dann auf den Westend-Markt, dort kaufte ich Äpfel (die vergangene Woche probierte Sorte Nicoter) und Käse.

Mittagessen zurück am Schreibtisch: Nicoter-Apfel (der mir so gut schmeckte, dass ich am liebsten weitere gegessen hätte, doch es musste ja auch andere Brotzeit weg), Pumpernickel mit Butter, Granatapfelkerne.

Der Nachmittag war dann ruhiger, ich kam zur geplanten Zeit aus dem Gebäude, denn ich war mit Herrn Kaltmamsell zum Einkaufen verabredet. Beim Radeln zum Gericht hatte ich nämlich in der Blutenburgstraße einen Laden namens Donosti gesehen; Online-Recherche hatte meinen Verdacht bestätigt, dass dort auch Baskisches angeboten wird (San Sebastián heißt auf Baskisch Donostia). Und tatsächlich gab es in dem kleinen Geschäft nicht nur einen Txakoli (dieser junge Weißwein, der uns letztes Jahr in San Sebastián so gut geschmeckt hatte), sondern drei verschiedene, die Ladenbesitzerin wusste zu jedem etwas zu erzählen. Nahmen wir alle zum Probieren mit. Außerdem aus dem Anbaugebiet Madrid einen Rotwein sowie Café torrefacto – das war sehr wahrscheinlich nicht der letzte Einkauf dort.

Mit der U-Bahn nach Hause, dort Häuslichkeiten. Zum Nachtmahl machte ich den Ernteanteil-Salat mit einer Knoblauch-Zitronen-Vinaigrette an, ein paar letzte Tomaten aus Ernteanteil kamen auch rein (die Tomatenpflanzen in den Gewächshäusern haben laut Newsletter Kartoffeldruck mittlerweile den Winterkulturen Feldsalat und Asiasalat Platz gemacht). Außerdem gab es Käse, unter anderem einen Crowdfarming-Manchego, der in Olivenöl eingelegt war – wir waren beide nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, denn er schmeckte seifig. Zum Nachtisch Süßigkeiten.

§

Dann mache ich doch nochmal einen Anlauf bei meiner ehemaligen Hausärztin, die seit 2022 nur noch privat bezahlt behandelt und deren Personal mir meine Patientenakte nur als Papierkopie und das nur gegen Geld geben wollte.
“Urteil des EuGH
Erste Kopie der Patientenakte ist kostenlos”.

§

Katatonik ist nach Berlin gereist und erinnert sich an vergangene Berlin-Aufenthalte:
“Wechselseitiges Auftauchen, erinnert (oder auch nicht)”.

M. tauchte zu Silvester in Wien auf, es war ja nicht so, dass ich nur in Berlin auftauchte; es gab vielmehr eine Kultur des wechselseitigen Auftauchens.

Dass das eine Kultur war, ein Muster – das ergibt doch eigentlich erst die Erinnerung daran. Und war einer zur Ereigniszeit vielleicht gar nicht bewusst?

Ich stelle hiermit die These vom Vermustern bei Erinnerungen auf, abgeleitet im weitesten Sinn aus Gestaltpsychologie (von der man gar nicht mehr viel hört, wie mag’s ihr gehen? war das nur eine Mode?), nach der die menschliche Wahrnehmung Muster und Sinn sucht. Rückblickend formen wir aus Einzelbegebenheiten, eigentlich aus der Erinnerung daran (was zwei verschiedene Dinge sind) eine Gewohnheit, ein Muster. Symptome sind beim Erzählen: “Bei uns wurde immer”, “Zu Weihnachten haben wir bei uns” (und es hatte immer Schnee), “In meiner Kindheit wurde” – wobei ich mehr als einmal herausfand, dass es sich belegbar lediglich um zwei oder drei Mal handelte.
(Und ich erinnere mich an das Gelächter an der Festtafel, als ein 17-jähriges Familienmitglied anhub: “In meiner Kindheit haben wir immer…”)

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 25. Oktober 2023 – Start in die Kammerspiel-Saison mit Im Menschen muss alles herrlich sein von Sasha Marianna Salzmann

Donnerstag, 26. Oktober 2023 um 7:03

Vom Wecker aus dem Schlaf gerissen worden, dabei war der bis dahin reichlich und gut gewesen. Ich stand müde auf (kommt selten vor), der Gedanke an den bevorstehenden langen Tag machte mich noch müder.

Der Regen hatte aufgehört, der Morgen wurde sogar sonnig und nahm diesen Sonnenschein in den Tag mit.

Nur eine kleine Alternativabzweigung auf meinem Weg in die Arbeit, und schon kam ich in der Ligsalzstraße im Westend an einem interessanten wegen Haus vorbei.

Auch dieses Jahr spendierte mein Arbeitgeber Grippe-Impf, und ich hatte mich schnell genug angemeldet. Diesmal hatte ich sogar an meinen Impfpass gedacht, seit gestern Vormittag ziert ihn ein frisches Einkleberchen.

Zu Mittag gab es Pumpernickel mit Butter, Kerne von zwei Crowdfarming-Granatäpfeln. Auch diesmal enthielt das Paket aus Spanien neben der bestellten Sorte zwei süße Granatäpfel; die kenne ich seit ein paar Jahren, habe sie damals auch gleich verkostet: Schmecken nur süßlich und nicht nach Granatapfel, meiner Meinung nach eine Fehlentwicklung. Für die gestrige Brotzeit mischte ich helle, süße Kerne unter die dunklen aromatischen.

Ich machte Feierabend mit Unterstunden, denn gestern Abend startete meine neue Kammerspiel-Saison – und ich weiß seit ein paar Jahren, dass ich mich nicht ins Theater aufraffe, wenn ich den Tag voll gearbeitet habe. In weiterhin schönem und mildem Wetter (bald legte ich mein Halstuch ab, kurz darauf öffnete ich den Mantel) spazierte ich für Besorgungen in die Fußgängerzone.

Die Sightseeing-Motive nicht den Auswärtigen überlassen.

Unter anderem im Kaufhaus (ich liebe Kaufäuser) eine Ein-Personen-Cafetera besorgt: Herr Kaltmamsell wird übers Wochenende verreisen, und die alte kleine Alu-Cafetera ist nicht Induktionsherd-tauglich, mit Zwischenboden kocht sie nicht verlässlich.

Daheim war noch Zeit für Yoga-Gymnastik (wieder zu lang), Brotzeit-Herrichten, dann servierte Herr Kaltmamsell Orecchiette mit Butter und Salbei, gleich darauf brach ich ins Theater auf. Wirkliche Vorfreude empfand ich nicht, allein schon weil die Stücklänge mit 3 Stunden 20 angekündigt war. Aber wieder machte ich mir klar, dass der Theaterbesuch mir gut tun würde, eine Bereicherung sein – so wie halt andere sich zum Sporttreiben überreden. (Ich erwähnte glaube ich schonmal, dass es neben Fitness- auch Kulturtracker geben sollte, die eine*n daran erinnern, wenn man auf diesem Gebiet zu wenig für sich getan hat.)

Da ich in hohen Schuhen unterwegs war, nahm ich die U-Bahn für eine Station Richtung Kammerspiele. Aufgeführt wurde Im Menschen muss alles herrlich sein nach einem Roman von Sasha Marianna Salzmann, Theaterfassung von Jan Bosse und Viola Hasselberg.

Und sieh an: Die fast dreieinhalb Stunden mit einer Pause wurden mir gar nicht lang. Denn nachdem ich mich in den vergangenen 20 Jahren daran gewöhnte, dass zeitgenössische Theateraufführungen bildende Kunst sind, keine erzählende, wurde mir gestern überraschenderweise eine Geschichte erzählt. In nur einem Bühnenbild (Bühne: Stéphane Laimé), eine Art Kneipenraum, das über den Abend nur wenig verändert wurde, erzählte mir der Abend am Leben zweier Frauen aus der Ukraine von den Umbrüchen durch die Auflösung der Sowjetunion, von Familien, in denen keine echten Gespräche stattfinden, vom Auswandern, von Freundschaften, Verlust, Liebe. Das interessierte mich, das wollte ich wirklich wissen.

Ich freute mich über Wiebke Puls in der Rolle einer dieser beiden Frauen, lernte begeistert Johanna Eiworth in der Rolle der anderen kennen. Die Töchter dieser beiden wurden mit beachtlicher Schauspiel- (und Sportleistung) von Edith Saldhana und Maren Solty gespielt.

Die Inszenierung enthielt viel Musik live auf der Bühne, ich befürchtete auf dem Heimweg, die drei Gitarrenakkorde, die praktisch durchgehend im Hintergrund gespielt wurden, nie wieder aus dem Hirn zu bekommen. Ebenfalls auf der Bühne fand Kostümwechsel statt (allerdings nicht jeder, Kostüme: Kathrin Plath), die Garderobenhaken an der Kneipenwand wurden genutzt.

In der Pause spazierte ich ein wenig durch die Foyers. Der Zuschauerraum war zu ca. 2/3 besetzt. (Mir als Theater-Abonnentin mit Provinz-Abstammung, die jetzt auf die 60 zugeht, müsste doch langsam eine silberne Häkelstola wachsen?)

Nach dem lang anhaltenden Schlussapplaus war ich nicht mal besonders müde, ich kürzte meinen Heimweg dennoch mit einer U-Bahnfahrt ab. Sehr spät ins Bett, ich freute mich darauf, am nächsten Tag Rezensionen zu dem eben gesehenen Stück zu recherchieren.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 24. Oktober 2023 – Right now

Mittwoch, 25. Oktober 2023 um 6:27

Kleine Serie, hier begonnen, vom Erfinder ganz anders gemeint, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013 und 2014 fortgesetzt. 2015 musste ich offline nehmen, 2016 hatte ich keine Lust. 2017 zum ersten Mal abends erfasst, 2018 und 2022 wieder.

Ich lese… praktisch den ganzen Tag. Im zeitlichen Verlauf Web, E-Mails, Pressepiegel, Chat, Unterlagen, Zeitung, E-Mails, Agenden, Hintergrundinfos, Web, Roman.

Ich trage… weiterhin keine Winterkleidung, es ist wie im vergangenen Oktober zu warm für die Jahreszeit.

Ich habe… endlich keine Halsschmerzen mehr.

Ich höre… sehr gut, manchmal zu gut, zum Beispiel Martinshörner. Mittlerweile habe ich Hemmungen Fahrrad zu fahren, weil ich mir dabei nicht ganz schnell die Ohren zuhalten kann.

Ich trinke… über den Tag Milchkaffee, Wasser, Tee (schwarz und Kräuter-), Wasser, ein bis zweimal die Woche Cocktails/Wein.

Ich esse… erst ab Mittag, und seit einiger Zeit habe ich keine Lust auf Snacks, auch nicht auf den im Kolleginnenkreis mitgebrachten Kuchen. Am meisten freue ich mich über das Abendessen und die abschließende Schokolade.

Ich stehe… stark und fest, freue mich über die Kraft darin.

Ich gehe… schnell und kraftvoll, genieße sehr, dass mein Körper mir das ermöglicht. (Und habe immer seltener Verwendung für Schuhe, in denen das nicht funktioniert.)

Ich lache… zu meiner Erleichterung regelmäßig und verhältnismäßig gnädig über mich selbst.

Ich sehe… immer schlechter, fürchte ich. Oder ich brauche dann doch eine Bildschirmbrille zusätzlich zu meiner Gleichtsicht-?

Ich mag… Veränderung. (Aber nicht jede.)

Ich schreibe… so alltäglich, selbstverständlich und gern wie andere Leute fernsehen.

Ich weiß… wenig hundertprozentig sicher. Ich neige eher zur Verwendung von fundierten Wahrscheinlichkeiten.

Ich möchte… meist in Ruhe gelassen werden.

§

Gestern regnete es hin und wieder, ein grauer Tag. Reichlich emsige Arbeit, Mittagscappuccino im Westend, Mittagessen Apfel, Laugenzöpferl, Mango mit Sojajoghurt.
Nach Feierabend ließ ich meine Beine wachsenthaaren, ist mir inzwischen wirklich lieber als Rasieren. Lebensmitteleinkäufe im Edeka.
Ich kam zu spät für Yoga-Gymnastik heim, bedauerte das aber nicht allzu sehr.
Nachtmahl restliches Süßkartoffel-Curry, zu dem Herr Kaltmamsell zweierlei indisches Pfannenbrot gemachte hatte: Vor allem das blättrige Vollkorn-/Nichtvollkorn-Butterschmalzbrot war der Hit.
Nachtisch Vanillepudding und Schokolade.
Im Bett Start einer neuen Lektüre: Teresa Präauer, Kochen im falschen Jahrhundert – las sich wie eine ausgearbeitete Magazin-Kolumne.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 23. Oktober 2023 – Vortrag? Welcher Vortrag?

Dienstag, 24. Oktober 2023 um 6:26

Nur wenig durch Angst gestörte Nacht, aber ich wachte eine Stunde zu früh auf.

Durch milde Luft in die Arbeit spaziert, dort ordentlich was weggearbeitet.

Den Angst-Vortrag vorgetragen. Weniger peinlo, eher gähn, meine Interaktionsideen zündeten nicht. Aber rum ist rum, ab jetzt einfach nie wieder daran denken. (Außer an den großen Spaß bei der Vorbereitung: Den festhalten als Erinnerung, sollte ich wieder mal gefragt werden.)

Der erwartete Antriebs-Abfall nach Hochspannung kam diesmal nicht plötzlich, auf Adrenalin arbeitete ich noch mit Turbo den Schreibtisch nahezu leer.

Mittagessen: zwei Äpfel, ein Stück Mangold-Kuchen vom Samstagabend, der auch kalt sehr gut schmeckte. Erst danach wich langsam die Luft aus mir, ich wurde steinmüde.

Dennoch produktiver Nachmittag. Nach Feierabend spazierte ich über ein paar Lebensmitteleinkäufe nach Hause, dort Maniküre (GNA), eine Runde Yoga-Gymnastik (in Adrienes Yoga-Camp von 2016 sind die Folgen zwischen 30 und über 40 Minuten lang, damit im Schnitt zehn Minuten länger als ihre 30-Tages-Programme, die ich bislang kannte – das zieht sich manchmal so, dass ich fast die Lust verliere).

Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die Süßkartoffeln aus Ernteanteil. Ich mag Süßkartoffeln und hatte auf Mastodon um Rezeptempfehlungen gebeten, freundlicherweise hatte ich daraufhin zahlreiche Tipps bekommen. Die Wahl fiel auf Süßkartoffel-Curry mit Spinat und Kokosmilch, Herr Kaltmamsell kochte, die optionalen Kichererbsen erbat ich auch.

Schmeckte gut, doch der Süßkartoffel-Geschmack kam mir nicht genug raus. Nachtisch restliche Mohnrolle und Schokolade.

§

Tobi Müller schreibt auf republik.ch:
“Tschüssikowski, Berlin”.

Sie sei over, hört man alle paar Jahre über Europas Hauptstadt der Kreativen. Nur gilt jetzt zum ersten Mal: Es könnte tatsächlich stimmen.

Mit interessanten Hintergründen aus der mir so fremden Club-Szene und dem Schlüssel-Satz:

Vorbei ist Berlin immer nur für die, die es sich nicht mehr leisten können.

§

Aus meiner Serie Schöne Alte Frauen: Isabella Rossellini – unretouchiert auf dem Cover der Vogue Italia.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 22. Oktober 2023 – Sonntag mit allen Eltern

Montag, 23. Oktober 2023 um 6:19

Nacht mit viel Schlaf und vielen unruhigen Träumen, wie vorhergesehen geprägt von der aufziehenden Vortrags-Katastrophe am Montag.

Am Vorabend und nachts hatte es ein wenig geregnet, doch die Luft, die durch die zum Lüften geöffneten Fenster ins Schlafzimmer kam, war weiterhin mild.

Also bekam die neue Kürbis-Bluse einen Auftritt in der Kombination, für die ich sie mir ursprünglich gekauft hatte. (In einem Hallhuber-Räumungsverkauf in der Kaufingerstraße; gestern las ich, dass die Firma wohl nicht aus der Insolvenz gerettet werden kann.)

Wir waren bei Schwiegers in bei Augsburg zum Sonntagsbraten eingeladen, also gemütlicher Regionalzug nach Augsburg, draußen immer schöneres Wetter, im Gepäck unter anderem die Mousse au chocolat zum Nachtisch. Tram hinaus nach Haunstetten, wo bei Schwiegers bereits meine Eltern eingetroffen waren. Hocherfreutes Wiedersehen, zum Aperitif ein Limoncello Spritz (holla!) und unter anderem eine Guacamole (in dieser Familie legendär) mit neuem Twist: ein wenig Räucherspeck, der sich ausgezeichnet machte.

Klassischer Sonntagsbraten: Schweinernes (mit sensationeller Kruste), Kartoffelknödel, Blaukraut. Dazu Austausch von Hausschlachtungsgeschichten, von Schwarzschlachtungen direkt nach dem Krieg bis zur Schlachtung, die ich seinerzeit in meinem Rundfunkvolontariat 1987/88 zu einer Radioreportage genutzt hatte.

Nachtisch Mousse au chocolat, die gelungen schmeckte. Nach einer kleinen Weile gab’s auch noch KaffeeundKuchen, meine Mutter hatte dazu Kiachal gebacken und mitgebracht (in München heißen sie Auszog’ne) – ich blieb beim Tee.

Zurück nach München ging es mit neuem Quittengelee im Gepäck und mit Quitten. Unterwegs las ich die Wochenend-Süddeutsche aus und versuchte, die Angst vor Montag beiseite zu schieben.

Daheim bat ich Herrn Kaltmamsell sofort, sich als Testpublikum für einen Durchlauf meines Vortrags zur Verfügung zu stellen – nicht den komplett wörtlichen interaktiven (der genaue Ablauf der zwei Stunden hängt vom Publikum ab), sondern für ein Vorzeigen mit Nennung der Einzelschritte und Folienklicken. Das beruhigte mich endlich.

Eine Runde Yoga-Gymnastik. Zum Abendessen hatte ich Lust auf den restlichen Endiviensalat aus Ernteanteil und machte ihn mit einem Haselnussmus-Dressing an (Herr Kaltmamsell knabberte nur ein wenig daran), zum Nachtisch Mohnrolle.

Nur dass ich an diesem Wochenende nicht zum Bügeln gekommen bin, was ich allerdings lediglich mit Blick auf die vier offenen Tabs mit Podcasts in meinem Browser bedaure.

§

Wie ein ganz normaler, Internet-typischer Arbeits-Seufzer auf Mastodon der Start zu einem wahrscheinlich Charts-brechenden Hit wurde.

die Kaltmamsell