Journal Samstag, 21. Oktober 2023 – Grüner Oktober in kurzen Ärmeln, Technikschwärmen

Sonntag, 22. Oktober 2023 um 8:31

Der durcheinandere Alkohol vom Freitagabend strafte mich mit einer unruhigen Nacht und Kopfschmerzen, die erst nach Stunden und Bekämpfung mit Ibu und Koffein wichen. Selber schuld.

Den Morgen startete ich wie geplant mit dem Backen einer Mohnrolle; vergangene Woche war mir die Packung Graumohn in die Hände gefallen, die ich vor etwa einem Jahr gekauft hatte und dann gründlich vergessen (passiert mir selten), so hatte ich auch das Mindesthaltbarkeitsdatum im Mai nicht durchrauschen gehört.

Der Hefeteig ließ sich diesmal recht bitten, aber wie Bäckerstochter Novemberregen einst ihren Vater zitierte: Irgendwann kommt er schon, man muss ihm halt Zeit geben. (Weswegen ich Hefeteig immer noch für den einfachsten halte, aber er verträgt sich nicht mit Backen nach Zeitplan.) Gestern hatte ich die Zeit, nach zwei Stunden Gehen stellte ich endlich die eindeutige Vergrößerung fest. Da mir Mohn in den vergangenen Jahren nur in 200-Gramm-Packungen begegnet, nahm ich statt der im Rezept angegebenen 250 Gramm weniger: Auch das kein Problem.

Gelang sehr gut.

Das Wetter sah gemischt schön aus, ich freute mich auf einen Isarlauf. Bereits in Sportkleidung ging ich zu einer nahen Änderungsschneiderei (Rock fertig geändert, aber Chefin erkrankt und kein Preis vermerkt – ich muss nochmal kommen, macht echt nichts) und stellte fest, dass es gegen elf selbst für eine Windjacke zu warm war. Also zog ich in Caprihose und kurzen Ärmeln los. Für Anfahrt per U-Bahn, Fotos unterwegs, Schrittzählen und abschließenden Semmelkauf musste ich nur mein Smartphone mitnehmen: Öffi-Ticket drauf, Fotoapparat, Fitness-Tracker, Kartenzahlung. TECHNIK IST SO SUPER!
(Plus Wohnungsschlüssel, na gut, halte ich aber für lediglich eine Frage der Zeit, entsprechende Technik gibt’s ja schon.) via @dentaku.

Ich lief meine gewohnte Strecke von Odeonsplatz über Hofgarten, Englischen Garten zum Tivoli, dann isarabwärts nach Norden und zum Tivoli zurück. Das fühlte sich wunderbar an, die Luft roch herbstlich, aber mild.

Weil ich gerade beim Technikschwärmen bin: Dass mein Handy solche Bilder macht! Fotoapparate und frühe digitale Geräte wären überfordert gewesen, sowohl die strahlende Theatinerkirche als auch die beschatteten Menschen im Vordergrund richtig zu beleuchten. Die Technik HDR (High Dynamic Range) macht mehrere Aufnahmen gleichzeitig und legt sie übereinandern – blitzschnell. Wie halt das menschliche Auge im Zusammenspiel mit der Bildverarbeitung im menschlichen Gehirn, deshalb sieht das Fotos aus wie der Anblick, den ich sah. Es kommt nur noch selten vor, dass die Aufnahme zu viel verbessert und deshalb nicht das zeigt, was ich eigentlich fotografieren will; auch das wird wohl bald Vergangenheit.

Auch vier Wochen nach dem letzten Versuch: Weiterlaufmöglichkeit gesperrt, auf beiden Seiten der Isar. Und Recherche ergibt: Das ist nur der Anfang, ich muss mich wohl noch auf Jahre nach einer anderen Strecke umsehen, es wird ja gleich eine ganz neue Brücke gebaut. (Aber toll, wie viele Infos heutzutage zu Bauprojekten online zur Verfügung stehen. Jetzt bin ich noch trauriger, dass ich als Fußgängerin nicht näher komme, weil: Brückenbau! Behelfsbrücke! Pfähle in die Isar!) Diesmal sah ich von Klettereien ab und bog nach links Richtung Aumeister. Der Lohn: Neue Ansichten.

Und wieder zurück.

Zurück vom Tivoli mit der Tram, die gleichzeitig mit mir an der Haltestelle eintraf. Dehnen also wieder in der fahrenden Bahn. Vor der Wohnungstür wartete die erste 5-Kilo-Lieferung Granatäpfel von meinem adoptierten Crowdfarming-Baum (den ich übrigens “Graná” getauft habe, mit liebevollen Gedanken an die andalusische Freundin mit schwerem andalusischen Dialekt, die mir erst glaubte, dass das Obst “granada” heißt und nicht “graná”, als ich ihr den Wörterbucheintrag zeigte).

Frühstück kurz nach zwei: Ein weiterer Teil Endiviensalat, dieser mit Zitrus-Vinaigrette, dann reichlich Mohnrolle (köstlich). Jetzt war ich sehr müde. Ich wartete noch die laufende Waschmaschine ab, nach dem Wäscheaufhängen legte ich mich zum Nachholen des Nachtschlafs auf eine Siesta hin.

Am Sonntag sind wir mit meinen Eltern bei Schwiegers eingeladen, ich darf den Nachtisch beisteuern und machte Mousse au chocolat.

Wie schon die letzen Male wurde die Mousse grieslig. Zumindest kann ich jetzt ausschließen, dass es am Kakaogehalt der Schokolade liegt: Ich verwendete nicht die 70-prozentige der vergangenen Male, sonder 55-prozentige wie in meiner Jugend.

Aber meine Laune war eh am Kippen, der Vortrag am Montag belastete mich immer mehr, ich begann mich klassisch verrückt zu machen. Das ist reine Stoffwechselsache (die Beruhigungsargumente und -mantren kenne ich alle, mein Kopf ist nicht das Problem – und vor 20 Jahren war ich noch komplett anders), ich werde in der realen Situation so zittrig und aufgeregt sein, dass ich all die tollen Ideen vergesse oder vermassle, das Publikum wird nichts mit meiner Präsentationsform anfangen können, ich werde die zwei Stunden irgendwie rumbringen und danach viel Energie dafür aufbringen müssen, nie wieder daran zu denken. Ich werde keinen wirklichen Schaden angerichtet haben, nur enthält die streng verschlossene Peinlichkeitskammer einen Vorfall mehr.

Eine Runde Yoga-Gymnastik, dann servierte Herr Kaltmamsell das Nachtmahl: Der Ernteanteil-Mangold wurde eine Coca de verdura, eigentlich sowas Ähnliches (kein Schmalz, sondern nur Olivenöl, halb so viel Mangold, und Mozzarella war auch noch da).

Sehr, sehr köstlich. Nachtisch Mohnrolle und Schokolade.

§

Gute Nachrichten:
“Blitz-Aktion
IG Metall ist drin bei Tesla”.

“Das nächste Ziel ist die Wahl eines echten Betriebsrats.”

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Was macht Simone Biles wohl in ihrer Freizeit? Ich stelle mir sowas vor.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 20. Oktober 2023 – Gesetzesentwicklung in der Praxis

Samstag, 21. Oktober 2023 um 8:43

Wieder vom Wecker aus tiefem Schlaf gerissen worden, Vorfreude auf das wochenendliche Ausschlafen.

In der ersten Desorientierung musste ich die allgemeine Lage überlegen: Da der gestrige Freitag einen Gerichtstermin und eine Deadline enthielt, fühlte er sich nicht sich freitäglich erleichtert wie sonst an, der Vortrag am Montag und zu Organisierendes am Wochenende wirkten nicht recht wochenendlich frei.

Wegen Gerichtstermin fuhr ich mit dem Rad in die Arbeit, es war angenehm mild.

Den Vormittag arbeitete ich so intensiv durch wie schon lang nicht mehr, allein schon wegen der zeitlichen Begrenzung bis Mittag: Ich kann’s also noch.

Schneller Mittagscappuccino in der Nachbar-Cafeteria, die Aussicht auf einen In-house-Nachfolger hat sich mittlerweile auf Februar verschoben. Als Mittagessen gab’s zwei Äpfelchen, außerdem drei hartgekochte Eier, die dringend wegmussten, also Appel und Ei.

Rüberradeln durch sonnig-gemischtes Wetter ans Justizzentrum; ich brauchte weder Mütze noch Handschuhe, den Ledermantel knöpfte ich nur zu, weil er sonst störend aufgeflattert wäre.

Den Nachmittag verbrachte ich in einem Sitzungssaal des Amtsgerichts an der Richterbank, Fortsetzung der Verhandlung von vor zwei Wochen. Das Resultat war eine empfindliche Haftstrafe für etwas, das vor der Reform des Sexualstrafrechts 2016 nicht mal eine Straftat gewesen wäre (Strafmaß lag unter dem Antrag Staatsanwaltschaft, Verteidigung plädierte auf Freispruch).

Ich bin wirklich, wirklich froh, dass die aktuelle Gesetzgebung die Schuldumkehr beendete, also dass die Schuld des Täters für eine Straftat dem Opfer zugeschrieben wurde. Sie kennen sicher auch die unsäglichen Kommentare (kein Bezug zum gestern verhandelten Fall): “sie hätte halt besser aufpassen müssen”, “hätte sie sich halt nicht so angezogen”, “hätte sie halt nicht so viel getrunken” – dass nichts davon ein Sexualdelikt rechtfertigt oder gar entschuldigt, ist seit 2016 auch gesetzlich festgelegt.

Diese dreieinhalb Stunden waren sehr anstrengend gewesen, körperlich wie seelisch. Dennoch hatte meine Aufmerksamkeit genug Kapazitäten frei, wieder die eigentümliche Sprachverwendung in dieser Umgebung zu registrieren: Dass die Stellungnahme des Angeklagten “Einlassung” heißt, dass statt informieren meist “vorhalten” gesagt wurde (z.B. “Die Fotos und die Aussage des Zeugen wurden der Geschädigten vorgehalten.” = ihr gezeigt und vorgelesen).

Mit diesem Jahr endet meine Zeit als Schöffin: Ich habe für die nächsten fünf Jahre keine der Berufungen erhalten, die im September versendet wurden. Das bedauere ich, doch zum einen konnte ich aus diesen vergangenen Jahren bereits sehr viel mitnehmen, zum anderen haben die Info- und Werbekampagnen zum Schöffenamt wohl in München gefruchtet und sehr viele Bewerbungen ausgelöst: Das freut mich wirklich von Herzen.

Ich musste nochmal ins Büro, dort nach ein paar Angelegenheiten sehen, Rechner einpacken, um mich auf den Vortrag am Montag final vorzubereiten. Für Freitag war das ein eher später Feierabend, auf dem Heimweg radelte ich durch immer noch milde Luft am Vollcorner vorbei, letzte Lebensmittel für wochenendliche Koch- und Backpläne.

So spät hatte ich daheim keine Lust mehr auf Yoga-Gymnastik, viel mehr auf den Freitagabend-Drink. Erst mal erledigte ich meinen Teil der Abendessens-Vorbereitung.

Ich befasste mich mit diesem Riesen-Exemplar Endivie aus unserem Ernteanteil. Ein Drittel davon ergab eine große Schüssel Salat mit Tahini-Dressing. Dann aber endlich Drinks.

Nach Langem gab’s wieder Cosmopolitans, ich hatte Zutaten auf dem Heimweg besorgt. Und weil ich den Cranberry-Muttersaft nur in einer großen Flasche bekommen hatte, wird’s jetzt wohl häufiger Cosmopolitans geben.

Zu Essen hatte ich mir gepfefferte Rinderleber gewünscht (Rezept nach Delia Smith), Herr Kaltmamsell servierte sie mit Spinat aus Ernteanteil (beides hervorragend). Im Glas ein spanischer Rotwein Dehesa la Granja, passte gut.

Zum Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell Vanillepudding gekocht, dazu probierten wir den Rumtopf mit Trockenfrüchten, den ich Ende August angesetzt hatte. Zu unserer Überraschung waren die Früchte noch nicht weichgezogen, vielleicht mische ich auch zusätzlichen Zucker drunter.

§

Ich schenke Ihnen wieder einen Artikel von Krautreporter: Tabea Berger hat recherchiert, welche Folgen die Umstellung von ALG II, vulgo “Hartz 4”, auf Bürgergeld bislang hatte.
“Bürgergeld: Immerhin droht einem das Jobcenter nicht mehr”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 19. Oktober 2023 – Sendlinger Abschied

Freitag, 20. Oktober 2023 um 6:29

Tiefer, guter Nachtschlaf – und beim Aufwachen in die Desorientiertheit stellte ich gleich mal fest: Halsweh viel geringer, Nebenhöhlen frei, Augen nur minimal versandet. Hurra!

Die Luft war milder geworden, auf meinem Marsch in die Arbeit hätte es nicht mehr unbedingt Mütze und Handschuhe gebraucht.

Mittags ging ich in der neuen Milde auf einen Cappuccino bei Nachbars, dann zum Markt um Äpfel zu kaufen. Zwei aß ich gleich zu Mittag (SO! gut – ich hatte auch eine andere Sorte als Rubinette ausprobiert, irgendwas mit N, schmeckte ganz anders, weniger dicht, war dafür aber saftiger – kaufe ich nächste Woche wieder), außerdem Muesli und Haferflocken in Wasser eingeweicht mit Sojajoghurt.

Ich bereite derzeit nach Jahren mal wieder einen Vortrag vor. Für mein Timing diese Woche war es praktisch, dass ich mich noch gut an die Einordnung meiner Gefühle erinnerte:
Gefühlt fast fertig: Braucht noch einen Arbeitstag bis fertig.
Fertig, nur nochmal drüberschauen: Drüberschauen = ein Arbeitstag.
Von da bis zur tatsächlichen, sicheren Vortragbarkeit: halber Arbeitstag
(Am Montag muss ich allerdings verifizieren, ob ich nicht einen zeitraubenden Arbeitsschritt dazwischen vergessen habe.)

Als ich mich wunderte, was denn so viele Krähen ganz oben am Nachbar-Hochhaus machen, war die Antwort auch diesmal: Die Falken ärgern. Ich nutzte die Gelegenheit, die Szene dem Nachwuchs zu zeigen, daran konnte man schön die Silhouette eines Falken lernen.

Meine Styling Appreciation Group erfüllte ihre Aufgabe gestern nicht: Die schöne neue Bluse wurde weder bemerkt noch kommentiert. Ich musste in ein Büro gehen und soufflieren: “Du musst sagen: ‘Was hast du da für eine schöne neue Bluse!’.”

Das Klofoto wird dem Styling nicht gerecht, Sie müssen mir einfach glauben, dass das super aussah.

Nach Feierabend war ich mit Herrn Kaltmamsell eingeladen: Einer seiner langjährigen Freunde verlässt München und zieht weg, zum Abschied sammelte er in einem Sendlinger Wirtshaus Vertraute um sich.

Unter regendrohendem Himmel, aber in milder Luft spazierte ich über den Westpark dorthin (ein Blick auf die Route hatte mich damit überrascht, wie Westend und dieser Teil Sendlings zueinander liegen) und genoss das.

Ich freute mich über das Wiedersehen, erfuhr die spannende Geschichte eines ganz besonderen Immobilienerwerbs (solch erwachsene Dinge!). Von der attraktiven Speisekarte des Wirtshauses Wöllinger (man beachte den worst case des Website-Zugangs, von dem die Homepage spricht) aß ich Kalbfleischpflanzerl, die ganz hervorragend waren; der Gastgeber berichtete von der angeschlossenen und benachbarten Metzgerei, die hier das Fleisch zuliefert.

Für einen Arbeitstag spät zurück, Betthupferl Schokolade.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 18. Oktober 2023 – Return of the Halsschmerzen

Donnerstag, 19. Oktober 2023 um 6:43

Die Erkältung versucht, originell zu sein: Ich wachte wieder mit Halsschmerzen auf. Wo die Nebenhöhlen doch noch gar nicht mit Schmerzen aufgehört hatten.

Von Sandalen-Kurzärmel-Spaziergang zu Mantel, Schal, Mütze, Handschuhe für den Weg in die Arbeit innerhalb einer Woche – ich hatte Ohrenschutz schon am Dienstagmorgen vermisst, aber dafür nicht umkehren wollen.

Wieder herbstlicher Nebel, der sich den Vormittag über hielt, auch auf dem Weg zum Mittagscappuccino brauchte ich Mütze und Handschuhe.

Mittagessen: ein wenig Brot, viel Crowdfarming-Papaya mit Sojajoghurt.

Emsiger Arbeitstag, ich hoffe, es reicht für ein gemütliches Einhalten einer größerer Deadline am Montag.

Fast pünktlicher Feierabend, den ich wollte vor der Abendessensverabredung mit Herrn Kaltmamsell noch Yoga-Gymnastik turnen; das klappte auch.

Eigentlich hatten wir bei Madame Chutney essen wollen, doch das geräumige Lokal war bereits am Dienstagmittag für Mittwochabend ausgebucht gewesen. Wir probierten es statt dessen in einem weiteren Restaurant, das “Indian Street Food” anbietet: Bindaas am Reichenbachplatz. (Und fragten uns, ob das eigentlich auch in anderen Städten a thing geworden ist, versuchten die Kriterien für die typische Klientel zu finden, auch in Abgrenzung zur Kundschaft herkömmlicher indischer Restaurants, die ja eher nicht typisch großstädtisch sind.)

Unterwegs kamen wir am beleuchteten Sportplatz auf dem Dach des Bellevue di Monaco vorbei.

Wir erwischten den richtigen Moment und bekamen auch ohne Reservierung einen Tisch im Bindaas, nach uns mussten die Leute recht lang warten. Pav Bhaji wurde auch hier angeboten, schmeckte uns als Vorspeise nicht ganz so gut wie beim ersten Mal. Dann aßen wir ein Kichererbsen-Curry Chana Massala und Bharta (Püree aus gegrillter, geräucherter Aubergine), beides gut. Das Naan-Brot beim Bindaas fand ich sogar besonders gut.

Heimweg in überraschendem Regen, zu Hause gab’s zum Nachtisch Schokolade.

Ich hatte eine Bestätigungsmail meiner Kündigung erhalten: Nachdem ich meine Sportvereinsmitgliedschaft so konsequent nicht nutze (Sport treibe ich halt im Wohnzimmer, im Schwimmbad, an der Isar), zahle ich für den Beitrag nach knapp fünf Jahren lieber Physio und Bäderkarte.

Die Halsschmerzen waren über den Tag trotz Lutschtabletten schlimmer geworden, ich spürte Nebenhöhlen und Luftröhre schmerzhaft. Das zog mich ganz schön runter, mir als Somatopsychikerin schlagen körperliche Beschwerden ja fast immer aufs Gemüt.

§

Ein weiteres Kapitel in Novemberregens pragmatischer Sicht auf das Großziehen von Nachwuchs, diesmal auf Teenager-Leichtsinn.
“17. Oktober 2023”.
(Allerdings denke ich mir auch hier, dass sie möglicherweise schlicht das passende Kind dazu hat und ihr Vorgehen, ihre Erfahrungen nicht pauschalisierbar sind.)

Ich bin unsicher, ob „Leichtsinn“ hier das passende Wort ist, vielleicht würde ich eher sagen, das Teenager in ihren Risikoeinschätzungen oft noch etwas unterkomplex denken. Es ist nicht so, dass sie das Risiko sehen und sich aktiv dafür entscheiden, es einzugehen. Sie sehen es schlicht nicht oder nicht in derselben Ausprägung wie Menschen mit mehr Lebenserfahrung. Vielleicht erkennen sie an dieser Formulierung schon meinen recht milden Blick. Absolut wichtig finde ich den Schutz von Leib und Leben, der Rest ist mehr oder weniger verhandelbar. Deshalb ist es wichtig, es den Teenagern ganz leicht zu machen, weniger Risiken einzugehen. Das können ganz einfache Dinge sein wie ein Badezimmerschrank mit Kondomvorräten, an denen sich auch Gastteenies gerne bedienen dürfen oder eine Taxiapp auf dem Handy, die automatisch über das Konto der Eltern bucht und so in Notfällen immer für einen sicheren Heimweg zur Verfügung steht, das kann die Abmachung sein, auf ein bestimmtes Signal hin das Kind anzurufen und streng nach Hause zu beordern, damit es in unangenehmen Situation gehen kann ohne Gesicht zu verlieren, das kann die Abmachung sein, immer alle Softdrinkrechnungen zu übernehmen. Im Idealfall schafft man es noch, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen so dass sie wissen, dass sie jederzeit anrufen können und es wird geholfen ohne Fragen zu stellen, oft funkt dann aber dazwischen, dass das Kind die eigenen Eltern vor Sorgen schützen möchte und dann doch nicht anruft, es kann also sinnvoll sein, dafür eine emotional etwas weiter entfernte Person zu finden. Ich bin diese Person für einige Freund*innen von M, für M wiederum ist es jemand anders.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 16.17. Oktober 2023 – Erster Herbstnebel, Bahn-Tränen

Mittwoch, 18. Oktober 2023 um 6:33

In der letzten Schlafphase vor Weckerklingeln geträumt, ich hätte einer Citroën-2CV-Fahrerin, die eine Zeit lang vergeblich versuchte, den Motor zu starten, das Auto angelassen. Hach, Erinnerungen: Das waren ein paar wirklich schöne Fahrten mit meiner hellblauen Ente, ich bin meinem Bruder, der sie mir schenkte, tief dankbar dafür.

Draußen Nebel, der erste dieser Saison in der Münchner Innenstadt.

In der Arbeit an einer Aufgabe gesessen, die mir wirklich Spaß machte, ich hatte auch noch Ideen dazu, was den Spaß vergrößerte.

Vor allem war dieser Tag wieder gefüllt mit Besprechungen – eigentlich ungewöhnlich für mein Aufgabengebiet.

Ich kam nicht mal zu meinem Mittagscappuccino – aber es zog mich eh nicht sehr aus dem Haus, das Draußen blieb den ganzen Tag grau. Mittagessen: Apfel, Birne, Quark mit Joghurt.

Geschäftiger Nachmittag, Querschüsse gegen Feierabend. Auf dem Heimweg (kalt!) besorgte ich Brot fürs Abendessen, schaute in einer Apotheke vorbei.

Daheim Haushaltliches, eine kurze Runde Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitungen.

Weil es Salbei aufzubrauchen gab, machte Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl Saltimbocca.

Schmeckte sehr gut (Fleisch mitten unter der Woche!). Nachtisch Vanillepudding mit Grenadine, dann Schokolade.

Ich buchte nun auch die Bahnreise für den Berlin-Trip zwischen Weihnachten und Silvester, die 4-Stunden-Direktverbindung kostete als Supersparpreis für zwei, hin und zurück inklusive Platzreservierung 244,20 Euro. Wir DB-Routiniers wissen, dass es die gebuchten ICEs in gut zwei Monaten sehr wahrscheinlich eh nicht mehr gibt, siehe unten, und sind schon gespannt, auf welchen Wegen wir dann tatsächlich zwischen München und Berlin reisen.

Beim Fernsehen stolperte ich in die Serie München Mord. Ich stolpere ja auch hin und wieder in die Dreharbeiten dazu – vielleicht frage ich das nächste Mal jemanden vom Team, ob es eine Spendenkasse für bessere Dialogschreiber*innen gibt: Das war ja schier nicht auszuhalten, die armen Schauspieler*innen. (Herr Kaltmamsell schlug vor, dass das auch nicht schlechter war als alles andere. “Wir schauen einfach zu selten deutsches Fernsehen.”)

§

Jeder Tropfen Alkohol ist schädlich, aus.

“Neue Empfehlungen zum Alkoholkonsum
Schädlich ab dem ersten Tropfen”.

Studien für einzelne Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme und bestimmte Krebsarten zeigen laut DHS “eine lineare Beziehung zwischen dem Ausmaß von Alkoholkonsum und Sterbewahrscheinlichkeiten. Sie sind am geringsten, wenn kein Alkohol getrunken wird. Sie sind umso höher, je mehr Alkohol Menschen trinken.” Das gilt insbesondere für bluthochdruckbedingte Herzerkrankungen, Herz-Rhythmusstörungen, Schlaganfall sowie sieben Krebserkrankungen, unter anderen der oberen Atem- und Verdauungswege, der weiblichen Brust und der Leber.

(…)

Mediziner sagen: Alkohol ist krebserregend und zwar in jeder Dosierung.

Ich trinke dennoch regelmäßig Alkohol. So wie ich fast täglich Dinge tue, die nicht gesund sind (Geräuchertes essen, hohe Schuhe tragen, mich sonnen, auch dann zum Laufen gehen, wenn ich eine Erkältung noch nicht ganz auskuriert habe u.v.m.), weil ich dabei andere Aspekte als Gesundheitsförderung priorisiere – im Fall von Alkohol den geschmacklichen Genuss inklusive entspannende, erheiternde Wirkung der Droge Alkohol. Aber ich rede ihn mir nicht gesund.

§

Da ich seit Jahrzehnten große Bahn-Freundin bin, bilde ich mir ein beurteilen zu können, was reflexhaftes und typisch deutsches Bahn-Genöle ist und was Ausdruck eines echten Missstands. Und leider, herzschmerzend leider, führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es mit der einst so inspirierend schnuckeligen Deutschen Bahn in den vergangenen Jahren steil und messbar bergab geht. Das war letzthin den britischen Guardian eine ausführliche Statusbeschreibung wert.
“‘It’s the same daily misery’: Germany’s terrible trains are no joke for a nation built on efficiency”.

Bei dieser Gelegenheit schauen wir uns mal an, wer in den vergangenen 30 Jahren Verkehrsminister (in verschiedenen Ministeriumszuschnitten) war. Was hat Zugreisen der CSU bitte getan, um diese Verachtung auszulösen?

Beliebiges Beispiel von Herzbruch:
“16.10.2023”

Liebe Deutsche Bahn. Ich bin 100%ig bereit. Bitte fahrt mal, dann fahre ich mit, aber nur, wenn ich das vorab planen kann. Mit so etwas wie einem Fahrplan.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 16. Oktober 2023 – Frier-Angst

Dienstag, 17. Oktober 2023 um 6:20

Nach guter Nacht zu früh aufgewacht. Die Augenentzündung schien endlich langsam abzuklingen, ich ließ Make-up aber nochmal bleiben. Zusätzlich zu den Augentropfen hatte ich seit Errötung des zweiten Auges endlich wirklich auf Hygiene geachtet, Hände viel gewaschen, mir nie in die Augen gefasst, selbst fürs Abtrocknen nach dem Duschen einzelne Papiertücher verwendet, die ich wegwarf – ich schiebe die Besserung darauf.

Knackig kalter Marsch in die Arbeit: Ich sah meinen Atem vor mir, das war dann wirklich der letzte Einsatz der Jeansjacke.

Richtig hell wurde es erst, als ich schon im Büro saß, das aber sonnig und wolkenlos. Mit sinkendem Herzen stellte ich fest, dass die Büroheizung nicht heizte – Langarm-Shirt und Kashmirpulli reichten also nicht, mit kalten Fingern schlüpfte ich schon nach einer Stunde zurück in die Jeansjacke. Angst vor einem weiteren Frier-Winter.

Nach Besprechungs- und Arbeits-reichem Vormittag ging ich mittags zur U-Bahn: Ich hatte einen Arzttermin in der Nähe des Marienplatzes, fuhr bis Odeonsplatz, marschierte durch die kalte Sonne (und erstaunlich viele Menschen) die Theatinerstraße runter. Die Rückfahrt wurde kompliziert, in diese Richtung hielt die U-Bahn nämlich wegen Bauarbeiten nicht am Odeonsplatz: Ich musste einen Umweg fahren.

Zurück in der Arbeit erhitzte ich als Mittagessen Grünkohl-Eintopf vom Vorabend in der Mikrowelle, danach aß ich reife, süße Birnen. Als ich vom Geschirr-Wegräumen zurück in mein Büro kam, bemerkte ich eine unerwünschte Folge von warmem Mittagessen am Schreibtisch: Es roch deutlich nach dem Eintopf. Werde ich also weiterhin die absolute Ausnahme sein lassen.

Als ich nach Feierabend das Haus verließ, knöpfte ich schnell meine Jacke zu: Es war bei allem Sonnenschein saukalt. Einkäufe im Forum Schwanthalerhöhe: Lidl (wie erhofft verlässlich: ich bekam Stollenkonfekt, das ich in anderen Supermärkten vergeblich unter den Weihnachtssüßigkeiten gesucht hatte), Drogeriemarkt (u.a. Nachschub an Nasenduschensalz), Vollcorner (vor allem Milch und Milchprodukte).

Ich kam heim in eine wunderbar warme Wohnung, Sonne und große Fenster hatten geheizt. Eine Runde Yoga-Gymnastik, dann servierte Herr Kaltmamsell zum Abendessen (Ernteanteil ist schon aufgegessen) Udonsuppe mit Gemüsebrühe, Gemüse und Tofu.

Nachtisch Vanillepudding mit Grenadine, Süßigkeiten (s.o.).

Aus gegebenem Anlass: Wenn medizinisches Personal, egal ob MTA, Ärztin oder Pflegerin, bitte Kommentare über den nackten Körper der Patientin unterlassen würde, die keine medizinische Relevanz haben?
Bis ich vor lauter Cringe den Satz “das war jetzt unangemessen” auch nur im Kopf formuliert hatte, stand ich längst wieder auf der Straße. (In Wirklichkeit brauchte meine Gefühlspolizei gestern fast zwei Stunden, bis sie das “Ewww!” zuließ und dass sich diese Bemerkungen wirklich, wirklich unangenehm anfühlten, ich mich also nicht bloß anstellte: Bin ich ein Pferd, das zum Verkauf steht?!)

§

Herbst 2023

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 15. Oktober 2023 – Erster Isarlauf nach Herbsteinbruch

Montag, 16. Oktober 2023 um 6:23

Gute Nacht, aber beim Aufwachen wieder schleimverklebte Augen. Draußen war es genau so saukalt geworden wie angekündigt, jetzt vergaß ich sicher nicht mehr, nach dem Lüften die Fenster zu schließen.

Es war auch Regen angekündigt, und ein Blick auf den Regenradar zeigte mir, dass das Gebiet genau während meiner geplanten Laufrunde über München niedergehen würde. Doch ich konnte mich nicht zum Umplanen aufraffen, war also erst um halb elf startklar. Ich hoffte, dass die Laufrunde überhaupt funktionieren würde, denn es zwickte mich mal wieder unangenehm im Kreuz, ganz klar muskulär, ich versuchte alle möglichen Drehungen und Dehnungen dagegen. Erfolg hatte ich dann mit Kopfkreisen, wie ich es beim Yoga gelernt hatte: Es knackte in Halswirbelsäule, und das Zwicken im linken Kreuz war weg (wtf?).

U-Bahn nach Thalkirchen – und am Ausgang mit vielen anderen erstmal zehn Minuten den stärksten Regenguss abgewartet. Als ich dann nach Süden Richtung Pullach lostrabte, regnete es mal weniger (Kapuze runter), mal mehr (Kapuze rauf), doch nach der Hälfte meiner geplanten Strecke sah ich sogar blauen Himmel – der Regen war vorbei.

Über dem Isarwerkkanal hingen Dunst-Fetzen – das Wasser war nach dem Temperatursturz vermutlich wärmer als die Luft.

Weichzeichner nasse Linse.

Viele Nicht-Läufer*innen behaupten ja, sie hätten noch nie eine lächelnde Joggerin erlebt. Na gut: Laufselig dämlich grinsen ist ja auch nicht lächeln.

Das waren dann 95 Laufminuten, nach den regnerischen ersten 30 so-lala Minuten einfach wundervoll, ich hatte das Laufen und seine Seelen-sortierende Wirkung vermisst.

Bei Ankunft am U-Bahnhof Thalkirchen erwischte ich sofort eine U-Bahn zurück, dehnte also in der fahrenden Bahn (Tiefenmuskulatur!).

Daheim nahm ich das erste Vollbad des Jahres, vor allem um das Restl Tetesept Muskelentspannung aufzubrauchen (prä Hüft-OP), das ich im hintersten Eck des Waschtisch-Unterschranks hinter der Nasendusche entdeckt hatte. Offensichtlich habe ich immer seltener Lust auf Vollbäder.

Zum Frühstück um zwei hatte Herr Kaltmamsell Hefeblätterteig mit selbstgemachtem cabello de angel (Kürbismarmelade) gefüllt.

Außer Knack&Back-Croissants scheint es keinen fertigen Hefeblätterteig zu geben – oder haben wir einen übersehen? Auch die Backangaben auf der Packung waren unzuverlässig, das Ergebnis zu dunkel. Schmeckte aber gut, ich bat um Wiederholung. Zweiter Gang: Nachgereifte Crowdfarming-Papaya (hervorragend) mit Joghurt.

Nachmittag mit Zeitung- und Romanlesen, es brauchte Heizung und dicke Socken im Wohnzimmer. Eine Einheit Yoga-Gymnastik.

Herr Kaltmamsell mühte sich mit dem Abendessen: Unserer Induktionsherd spinnt immer noch (Herr Siemens bringt nächsten Freitag hoffentlich das richtige Ersatzteil und wechselt es aus), fürs Kochen des Grünkohl-Eintopfs (mit Kartoffeln, weißen Bohnen, altem Brot, Kabanossi) wechselte er zwischen Herdplatte und Ofen.

Das Resultat war köstlich, der Grünkohl erwies sich als überraschend aromatisch. Nachtisch Schokolade.

§

Den bayerischen AfD-Wähler*innen ist das ja egal (und sie betonen gerne, nur weil man AfD-wähle, sei man noch lang kein Nazi), oder sie unterstützen es dann doch, wir anderen dürfen auf keinen Fall wegschauen.
“Neue AfD-Fraktion: Junge Hardcore-Rechte im Landtag”.

Aus allen Regierungsbezirken ziehen Kandidaten in den Bayerischen Landtag, die dem völkischen Netzwerk des formell aufgelösten “Flügels” um den Rechtsextremen Björn Höcke zugerechnet werden. 19 der 32 AfD-Abgeordneten stehen dem radikalen Lager nah und dürften die Linie der Fraktion vorgeben.

§

Den Abschied ihrer Vorgängerin als Korrespondentin hatte ich hier verlinkt, jetzt floh nach vier Jahren taz-Korrespondentin Judith Poppe aus Israel:
“Das Ende der Sicherheit”.

die Kaltmamsell