Journal Freitag, 19. Mai 2023 – Rückkehr ins Dantebad zu St. Brück

Samstag, 20. Mai 2023 um 8:12

(Ich nehme als selbstverständlich an, dass der katholische Patron der Brückentage ebenfalls Nepomuk ist.)

Das Wetter probierte nochmal das mit dem Grau Und Kalt.

Nächsten Sonntag ist Rosentag, ich spazierte morgens zum vertrauten Blumenladen am Stephansplatz, um dafür die größten erhältlichen roten Rosen zu bestellen. Und erfuhr, dass meine Befürchtungen zum Grund der veränderten Öffnungszeiten vergangenes Jahr zutrafen: Schon an Ostern 2021 ist der legendäre Inhaber von Blumen Ruf verstorben. 60 Jahre lang hatte er den Laden laut seinem Nachfolger (den ich seit vielen Jahren als seinen Mitarbeiter kannte) geführt. Ich machte ein Foto vom Erinnerungsbild hinter der Theke, ließ mir ein wenig Geschichte des Geschäfts, der Inhaberfamilie sowie des Hauses (in Kirchenbesitz) erzählen und war traurig.

Es war wirklich wieder kalt, fürs Radeln zum Dantebad schlüpfte ich in Handschuhe.

So leer kannte ich die Fahrradständer vorm Bad nicht. Offensichtlich hatten noch nicht viele mitbekommen, dass das Bad wieder offen war (bis zur Schließung zum Energiesparen vergangenen Herbst war dieses Freibad ja ganzjährig geöffnet), weder im Sprudelbecken noch auf den Schwimmbahnen war viel los. Doch schon in der Dusche fühlte ich mich zurückgeholt, als zwei Damen smalltalkten:
„Bei uns im Haus hat si oana umbracht. Dabei war des a ganz a Netta.“
Typische Themen in dieser Community.

Schwimmen lief mittelgut, schon nach gut 1.000 Metern begann ich zu frösteln. Doch ich hielt ohne große Mühe durch, wärmte mich anschließend unter der heißen Dusche.

Nach der Schwimmrunde ging ich direkt auf Einkaufstour, aber diesmal nicht für Lebensmittel, die ich sehr gern einkaufe, sondern für Erledigungen, die ich zum Teil seit Monaten vor mir her schob.

1. Unterwäsche. In diesem Fall war der Beleg, den ich für Brauchen-vs.-bloß-Habenwollen benötigte, dass ich nicht nur einmal eine Waschmaschine nur zu zwei Dritteln ausgelastet gestartet hatte, weil ich keine saubere Unterwäsche in Hell oder in Dunkel mehr hatte. Mit der Beratung von Katrin Jänicke ging das im Torso wieder flott, unter anderem besitze ich jetzt zum ersten Mal im Leben einen BH mit albernen bunten Streublümchen – ich bin schon auch Design-offen (solange es super sitzt).

2. Cappuccino im San Lucas. Espresso von dort war eh wieder fällig (unter Berücksichtigung von Gelegenheiten, in den kommenden Wochen diesen Laden zu Öffnungszeiten zu erreichen), und diesmal passten alle Parameter, damit ich auch mal deren Cappuccino probieren konnte.

War ok (wie immer: für meinen! Geschmack), aber ich werde mich nicht arg grämen, dass es nicht so schnell eine Gelegenheit für eine Wiederholung geben wird.

Gegenüber beim Wimmer Frühstückssemmeln zählt nicht als Erledigung.

3. Capri-Laufhose. Ich hatte mir nach gründlicher Überlegung eine neue genehmigt, obwohl ich noch zwei alte (ca. zwölf und ca. sechs Jahre alt) besitze, die zwar zu groß sind, die ich aber durch ein eng geknotetes Bändel im Bund vom Rutschen abhalten kann. Der Genehmigungsfaktor: Handy-Tasche. Ich wünschte mir wirklich, wirklich eine integrierte Handy-Tasche für die Jahreszeit, in der ich keine Jacke mit Tasche trage. Das spätere Telefonat mit meinem sehr breit Sport-interessierten und sportlichen Bruder ergab: Andere Jogger*innen brauchen die nicht, weil sie ihr Smartphone ohne Jacke z.B. in Armbändern tragen – weil sie es nur zum Tracken oder als Abspielgerät verwenden, nicht wie ich fürs Fotografieren.

Kürzlich hatte ich entdeckt, dass es gegenüber vom Hauptbahnhof eine Filiale des Sport-Discounters Decathlon gibt, dorthin radelte ich – und fand eine solche Jogging-Caprihose. Nach einem bestimmten Schwimmbrillen-Modell mit verdunkelter/verspiegelter Front für Sonnenschwumm im Freien suchte ich auch, doch dieser Hersteller war nicht im Sortiment, und da ich keine beliebige Schwimmbrille kaufen wollte (ich hatte im Leben zu viele nicht sitzende), beschloss ich, dass ich auch diesen Sommer ohne auskommen werde.

Von wegen Radeln: Das war gestern ein besonders wüster Albtraum. Schon auf dem Weg zum Dantebad standen an den roten Ampeln bis zu 20 Radler*innen inklusive Lastenrädern, da reichte dann schon mal eine Grünphase nicht für alle. Und das letzte Stück Heimweg auf der Schillerstraße fühlte sich geradezu weltstädtisch an (also: Weltstadt ca. 1975): Die vielen Baustellen links und rechts trieben die Fußgänger*innen auf die Straße, auf der bereits Autos wegen einmündenden Verkehrs gut verkeilt nicht mehr weiterkamen. Durch diese Knäuel hob und schob ich mein Fahrrad, um überhaupt voran zu kommen.

Zum Frühstück gab es kurz nach drei eine Körnersemmel sowie Mango mit Sojajoghurt.

Dann gleich die letzte Erledigung für den Tag: Eine Reise-Yogamatte. Ich wusste einen Yoga-Laden im Glockenbachviertel, der mir eine Bestellung im Internet ersparen sollte. Nur dass der nach vielen Jahren just jetzt dicht gemacht hatte. Also dann doch online bestellt.

Zurück daheim setzte ich die Tüchtigkeit fort und nähte die neue Wanderhose etwas enger, die ich auf der Himmelfahrtswanderung erstmals getragen hatte: Kleine Abnäher im Bund auf beiden Seiten stabilisierten sie in der Taille.

Um fünf war ich mit meinem Bruder zu einem Telefonat verabredet, erfuhr aktuelles Leben.

Eine Runde Yoga-Gymnastik, die Folge 14 in Adrienes “Move” war erst die zweite ruhige.

Zum Nachtmahl servierte Herrn Kaltmamsell Mafaldine mit scharfer Tomatensauce und Ricotta, dazu gab es Ernteanteil-Salat mit Ernteanteil-Kresse von mir. Und kein Fernsehen, weil anscheinend der Kabelanschluss im Haus kaputt war. Zumindest für die Tagesschau um 20 Uhr behalfen wir uns mit Internet. Nachtrag: Nachtisch ein wenig Eiscreme sowie Schokolade.

Abschließende Tüchtigkeit: Sehr wahrscheinlich tat ich die letzten Schritte, damit ich ab Juni ein Deutschlandticket in Form eines verbilligten Jobtickets bekomme. Sicher kann ich mir erst Ende Mai sein, wenn es auf mein Handy runterladbar ist.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 18. Mai 2023 – Kalte Himmelfahrtswanderung am Starnberger See um Berg

Freitag, 19. Mai 2023 um 8:04

Lang geschlafen, das war schön.

Das Draußen verblüffte mit Sonnenschein. Doch es war saukalt, und schon ab vormittags waren dichte Wolken angekündigt.

Dennoch hielten Herr Kaltmamsell und ich an unserem Wanderplan fest: Wir wollten die Runde am Standberger See wiederholen, die wir im April vor vier Jahren schön gefunden hatten, von Starnberg aus um Berg. Hintergrund-Infos und wichtige Ansichten finden Sie in diesem Blogpost.

Die gestrige Runde war mindestens so schön, an die meisten Passagen konnte ich mich gar nicht erinnern. Allerdings war es halt kalt, ich wechselte meine leichte Fleece-Jacke überm Shirt nach wenigen hundert Metern gegen eine windabweisende Wanderjacke, und die Himmelfahrts-Spaziergänger*innen, denen wir begegneten, trugen dicke Anoraks und Wintermäntel, viele Mütze.

Sonnige Abschnitte erlebten wir nur eine Stunde lang, sonst grauen Himmel, gegen Ende unserer Runde immer düsterer. Doch wir sahen Haubentaucher, Gänseküken, Rotkehlchen, Hühner, über den Starnberger See flitzten Schwalben und Mauersegler, auf den Weiden standen Kühe, Schafe, Pferde. Und in der Luft um den See wieder viele, viele, viele Mückenschwärme.

Zeitgenössischer Brückenheiliger Nepomuk.

Schafe in Leoni.

Neben einem von mehreren interessanten und leeren alten Sommerfrische-Häusern, die in Leoni offensichtlich kurz vor der Renovierung stehen, verließen wir den Starnberger See und stiegen hinauf.

Auch beim zweiten Besuch eine besondere historische Absurdität: einer der 174 noch erhaltenen Bismarcktürme.

Schon 1881 diese grässliche Manager-Angewohnheit, Sprachen zu vermischen.
(Wenn’s Volk aber kurzfristiges commodum priorisiert?)

Mai-Farben.

In einem windschützenden Bushäuschen vor Sibichhausen machten wir um halb drei Brotzeit: Äpfelchen, Eierlikörkuchen.

Beim Fortsetzen der Wanderung hielten wir vergeblich Ausschau nach der kleinen Kapelle, in der wir vier Jahre zuvor Rast gemacht hatten. Spätere Recherche ergab: Die nebenstehende Linde hat sie bei einem Sturm im August vergangenen Jahres zerstört.

Ein wirklich schöner Fußballplatz.

Nach (unzuverlässig gemessenen) 18 Kilometern und knapp fünf Stunden kehrten wir in Starnberg in den Tutzinger Hof ein (offiziell Wirtshaus im Tutzinger Hof, sonst findet Google es nicht).

Auf das Brotzeitbrettl hatte ich mich schon gefreut, ich schaffte es fast ganz zu meinen beiden alkoholfreien hellen Bieren (die mir gestern ganz besonders schmeckten).

Mit der Rückfahrt hatten wir Glück: S-Bahnen fuhren wegen einer Stellwerkstörung gar keine, doch eine Regionalbahn von Weilheim hielt in Starnberg und nahm uns nach München mit. Auch dort war es kalt, daheim drehte ich erstmal die Heizung auf. Noch ein wenig Schokolade zum Nachtisch.

Im Bett begann ich die Lektüre des Granta 163, Best of Young British Novelists 5. Gleich die erste Geschichte war spannend – wenn auch anstrengend zu lesen: Der Schotte Graeme Armstrong schreibt seinen Text über eine Jugend in Gangs und mit Drogen in schottischem Dialekt, “The Cloud Factory”.

§

Maximilian Buddenbohm hat seinen Schwiegervater verloren und schreibt einen Nachruf auf diesen ungewöhnlichen Menschen:
“Es bleiben Rätsel übrig”.

Wie schade, wenn man interessante, faszinierende Menschen erst durch Nachrufe kennenlernt. Doch zu seinen Lebzeiten hätte Maximilian halt kein Portrait von Buddenbohms Willi bloggen können, er hätte es ebensowenig verantworten können, ihn textlich in die Öffentlichkeit zu schieben wie mit einem Foto – wobei ein Einverständnis bei einem Foto ja noch viel einfacher einzuholen ist.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 17. Mai 2023 – Mein Problem mit manchen Autobiografien: Jennette McCurdy, I’m Glad My Mom Died

Donnerstag, 18. Mai 2023 um 9:56

Auch eine Drei-Tage-Woche (ich darf am Freitag wieder St. Brück huldigen) kann sich ganz schön ziehen. Beim Aufwachen kurz vor Weckerklingeln (nach gutem Schlaf, allerdings wieder mit verschlungenen Träumen) freute ich mich sehr aufs Ausschlafen an den vier freien Tagen.

Es regnete nicht mehr, auf dem Weg in die Arbeit sah ich sogar fahles Sonnenlicht, dafür war es nochmal ein wenig kälter geworden.

Im Büro brauchte ich meine Strickjacke überm Pulli: Auf dieser Seite des Gebäudes wärmt Sonne nicht mal, wenn sie scheint. (Was werde ich mich im brüllheißen Hochsommer noch freuen!)

Unter weiteren blauen Flecken am Himmel und in weiterhin unangenehmer Kälte ging ich auf einen Mittagscappuccino in die Gollierstraße.

Mittagessen war später Mango (ich hatte eine harte, unreife erwischt) mit Sojajoghurt und Bananen.

Vorfreude auf die vier freien Tage um Christi Himmelfahrt wollte sich vorläufig nicht einstellen, weil ich ja am (für mich späten) Abend noch eine Verpflichtung hatte: Tanzkurs.

Daheim aromatisierte ich für danach Weißwein mit Waldmeister, turnte Yoga-Gymnastik, aß einen kleinen Eiweißriegel und schlug dann halt eine Stunde mit Lesen hier und da tot, bis endlich Zeit zum Aufbruch war. (Dieser Kurs war unsere letzte Gelegenheit für Block C, da danach unsere bereits gezahlten 10er Kurskarte verfallen wären.)

Diesmal lernten wir im Lindy Hop nach dem Jig Walks von vergangener Woche den 8-count Charleston. Tatsächlich ein wenig komplexer, wir verbrachten die längste Zeit mit Üben dieses Grundschritts in wechselnder Paar-Kombination. Und mit wechselndem Erfolg.

Als wir um halb zehn nach Hause kamen, goss ich uns Waldmeister-Bowle ein, Herr Kaltmamsell wärmte die Reste des Currys Butter Chickpeas vom Vorabend auf, immer noch besonders gut. Zum Nachtisch gab es Eierlikörkuchen.

Das neue Granta war endlich eingetroffen: Die Ausgabe 136 ist die fünfte “Best of You Bristish Novelists”. Auf die hatte ich mich besondes gefreut und besonders gebangt, ob sie es durch die Post-Brexit-Komplikationen zu mir schaffen würde. Am Absender-Aufkleber lernte ich, dass der Verlag den Aussand jetzt über einen deutschen Partner abwickelt, der alle für Deutschland bestimmten Exemplare gesammelt bekommt und dann einzeln adressiert in die Post gibt (den Mechanismus nutze ich beruflich zum Portosparen z.B. für Großaussände an österreichische Adressen). Künftig bange ich also weniger.

§

Jennette McCurdy, I’m Glad My Mom Died

Erst beim Lesen wurde mir klar, dass das kein Roman, sondern eine Autobiografie ist – wahrscheinlich hätte ich mir mit diesem Vorwissen die Buch-Datei nicht bei der Münchner Stadtbibliothek ausgeliehen. Zum einen lese ich lieber gut erfundene und erzählte Geschichten, gerne auch nicht realistische oder nicht realistisch erzählte, zum anderen fühle ich mich ein wenig gemein, wenn ich an wirklich so erinnerte Lebensgeschichten von Laien-Autorinnen dieselben Maßstäbe für literarische Mittel anlege wie an Romane.

Diese konkrete Erinnerung ist die einer jungen Frau an ihre Vergangenheit als Kinderschauspielerin in Hollywood, an die absurden Details der Branche, vor allem aber an ihre psychisch offensichtlich schwer kranke Mutter, die sie zu dieser Karriere trieb. Und genau in dieser Mutter-Darstellung liegt mein Problem mit der Erzähltechnik: Die ganze Geschichte wird post-therapeutisch erzählt, McCurdy beschreibt sich als Kind inklusive Analyse, wie sie damals wodurch von ihrer Mutter manipuliert wurde, was also ihre eigentliche Motivation für ihr Verhalten war. Und sie beschreibt auch die zum Teil furchtbaren Zustände in ihrer Familie, wie sie diese als Erwachsene erkannt hat – nur relativiert durch regelmäßige Hinweise, dass sie diese als Kind als nicht ungewöhnlich wahrnahm. Das macht das ganze Buch im Grunde zu einer großen Therapie-Erzählung, in der sie den Ursachen und Mechanismen ihrer lebensgefährlichen Essstörungen und ihres Alkoholismus nachgeht.

So las ich interessiert, aber mit einem gewissen Unwohlsein, weil ich mich zu Voyeurismus gedrängt sah, wie dieses Kind auf jede Regung ihrer launischen und tyrannischen Mutter achtet, um ihr entgegenzukommen, wie es sich zum Schauspielen überreden lässt, bald die gesamte vielköpfige Familie mit ihrem Einkommen finanziert, wie sich das junge Mädchen von seiner Mutter gezielt zur Anorexie erziehen lässt, wie es sexuelle Gewalt erfährt, als junge Frau in einen immer stärkeren Sog der Selbstzerstörung gerät, wie sie langsam lernt, sich davon zu befreien (aus dieser Erwachsenenzeit gut und realistisch geschildert, wie sie als Essgestörte Essen und Nahrungsmittel wahrnimmt).

Selbst wenn ich das Buch nur innerhalb seines Genres Hollywood-Autobiografien betrachte und z.B. mit You’ll Never Eat Lunch in This Town Again von Julia Phillips vergleiche oder mit Postcards from the Edge von Carrie Fisher, kommt es sprachlich und erzähltechnisch nur mittelgut weg.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 16. Mai 2023 – Regen jetzt wieder strömend

Mittwoch, 17. Mai 2023 um 6:36

Guter Nachtschlaf, diesmal auch mit echter Munterkeit in den Tag hinein. Wetter weiterhin grau, dafür noch ein wenig kälter, zumindest kam ich wirklich trocken in die Arbeit.

Dort war mein Arbeitsplatz umgezogen worden, das beschäftigte mich erst mal. Dann aber geplantes Vormittagsprogramm (ich mag so Veränderungen wie Umzüge auch, weil sich dann eine Weile selbst Routinearbeiten ein bisschen neu anfühlen).

Mittagessen Sahnequark mit Joghurt, Banane.

Immer noch Erkältungsgefühl, aber nicht wirklich belastend, nur ein bisschen nervig.

Aus dem dunkelgrauen Himmel wurde immer wieder Regen, mal mehr, mal weniger, ein Gewitter war auch dabei, dann wieder ausdauern und kräftig – schlechtes Wetter kann so abwechslungsreich sein! Und ich habe das Geräusch von Regenprasseln gründlich satt.

Der Arbeitstag hatte durchaus ein paar Umdrehungen Irrsinn, doch solange ich’s noch merke, bin ich nicht vollständig assimiliert. Heimweg in strömendem Regen unterm Schirm, zumindest nicht so heftig, dass ich von unten richtig nass wurde. Abstecher in den Vollcorner für Milchprodukte.

Daheim rührte ich erst mal den Kuchen für die nächsten Tage und zwar meinen Liebling Eierlikör-Rührkuchen. Obwohl das ein Standard-Rezept ist, hielt ich diesmal mein Vorgehen in der Rezepte-Abteilung des Blogs fest. Diesmal gelernt: Bio-Rapsöl ist nicht ideal für diesen Kuchen, es schmeckt vor.

Während der Kuchen im Ofen war, turnte ich eine weitere Folge Yoga-Gymnastik, diese sehr flott und recht anstrengend.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell ein besonders köstliches Curry: Er hatte den Klassiker Butter Chicken gemacht, nur mit Kichererbsen statt Hühnchen. Dazu Brokkoli, weil er “was Grünes” dazu wollte (passte hervorragend) und Reis mit Pandanblatt gedämpft, das noch vom Sri-Lanka-Curry übrig war (ganz leichte Aromatisierung).

Zum Nachtisch gab’s warmen Eierlikörkuchen und Schokolade.

§

Alte Fotos!

Vor zehn Jahren:

Ganz erstaunlich, welche Fortschritte die Digitalfotografie seither gemacht hat, ich bin immer noch überwältigt, wie gute Aufnahmen mein Handy heutzutage macht.

Vom Mai 2003 habe ich keines gefunden (aus diesem Jahr gibt es überhaupt auffallend wenige Fotos).

Aber vor 30 Jahren machte ich im Mai Urlaub in Swansea und besuchte die Freundinnen, die ich ein Jahr zuvor während meines Auslandsstudiums kennengelernt hatte.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 15. Mai 2023 – Mit Grau und Regen durch den Mai

Dienstag, 16. Mai 2023 um 6:30

Eigentlich gut geschlafen (wenn auch mit verquasten und eher unangenehmen Träumen), dennoch fühlte ich mich auf dem Fußweg in die Arbeit (grauer Himmel, leises Tröpfeln) komplett erschlagen.

Der Arbeitsvormittag verlief sportlich, aber machbar.

Immer noch erschlagen marschierte ich auf einen Mittags-Cappuccino – die Arbeits-Cafeteria ist ja bis auf Weiteres geschlossen, und die Münz-Vollautomaten auf jedem Stockwerk erzeugen eine Qualität auf dem Niveau von Hallenbad-Automaten – Nostalgie wiegt nicht alles auf. Ich fühlte mich weiter kränklich, jetzt deutlich Richtung erkältet.

Auf dem Weg immer wieder blaue Flecken am Himmel, ein wenig Sonne auf dem Boden, überm Westend flitzten schreiend die Mauersegler.

Mittagessen, während draußen Gewitter niederregneten: Ein Stück Roggenschrotbrot (vielleicht mag ich den groben Roggenschrot sogar lieber als den mittleren, ich beiße sehr gern auf die gequollenen Körndln), aromatische Mango mit Sojajoghurt (diese Kombination schmeckt mir derzeit besonders gut).

Der Nachmittag im Büro war nicht mehr ganz so kurz getaktet. Ich machte früher als geplant Feierabend, weil ich jetzt doch endlich umgezogen werden sollte in ein Büro auf der anderen Gebäudeseite.

Auf dem Heimweg wurde ich ein paar Mal angetröpfelt, mein Schirm kam zum Einsatz. Einkaufsabstecher in den Edeka, ich will endlich mal wieder Kuchen backen und kaufte unter anderem Zutaten dafür ein.

Zu Hause Yoga-Gymnastik: nochmal die sportliche Folge vom Sonntag, die wieder richtig warm machte.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil Rote-Bete-Gemüse aus dem Klosterkochbuch, wieder ohne Sauerkraut, wieder köstlich. Diesmal hatte er anweisungsgemäß die Rüben nicht geschält, selbst bei der Lagerware machte das keinen Unterschied.

Dieses Im-Moment-Sein.
Im Alltag habe ich mich damit abgefunden, dass ich das nicht kann, mein Hirn ist dafür zu aktiv. Selbst bei der gelassensten Yoga-Gymnastik kann ich im besten Fall nur ohne Selbsthass zulassen, dass eine Ebene meines Hirns sich immer mit dem befasst, was ich danach tun werde.
Doch gerade jetzt, wo ich mich so auf den Urlaub in Brighton freue, werde ich traurig bei der Gewissheit, wie unwahrscheinlich es ist, dass ich dort den Moment genießen werde. Ein paar Minuten am Tag vom Palace Pier aufs Meer gucken, ohne dass mein Hirn vorauseilt, würden mir ja schon genügen.

Verdacht: Ein Wochenende reicht nicht für all die Dinge, zu denen ich unter der Arbeitswoche nicht komme UND für Erholung. Bin ab sofort für die 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich.

§

In meinem Internet wurde dieser Tage mehrfach ein Interview weitergereicht, dass Anja Burri und Ladina Triaca für die NZZ am Sonntag mit dem Psychologen und Männeraktivisten Markus Theunert geführt haben. Theunert weist aus männlicher Sicht auf einen Fehler hin, den viele Feministinnen seit langer Zeit unterstreichen: Dass Gleichstellung von Mann und Frau von Anfang an daran ausgerichtet war, Frauen Zugang zum scheinbar Besseren, dem Männlichen zu ermöglichen.
“‘Man tut so, als wäre es erstrebenswert, Mann zu sein'”.

Man tut so, als sei es total erstrebenswert, Mann zu sein. Für jede einzelne Frau mag es erstrebenswert sein, gleich viel zu verdienen, im gleichen Ausmass Karriere zu machen und all das. Aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive kann es aber nicht erstrebenswert sein, wenn Gleichstellung bloss heisst, dass Frauen sich auf gleiche Weise problematisch verhalten dürfen, wie das bislang den Männern vorbehalten war.

(…)

Männer wachsen auf in der Gewissheit, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein, der Massstab. Deshalb ist es für viele Männer solch eine Provokation, wenn von ihnen eine Auseinandersetzung mit ihren Privilegien eingefordert wird. Ausgerechnet der Gleichstellungsbereich macht ironischerweise dasselbe: Er setzt die Männer als unhinterfragte Norm und will die «mindergestellten Frauen» dort hinaufschieben. Aber das funktioniert halt so nicht. Die Lohnungleichheit bleibt, trotz vielen Massnahmen, die unbezahlte Arbeit ist nach wie vor sehr ungleich verteilt. Kurz: Mit den gleichstellungspolitischen Instrumenten, die wir heute benutzen, kommen wir nicht ans Ziel.

(…)

Die Evidenz liegt klar auf meiner Seite. Nach traditionellen Männlichkeitsvorstellungen leben heisst: früher, unglücklicher und einsamer sterben. Natürlich gibt es Männer, die gerne über ihren Ressourcen leben. Aber die Lust an Selbstschädigung kann nicht die Leitlinie staatlichen Handelns sein.

(Dieser letzte Satz passt wunderbar für viele weitere aktuelle Themen, zum Beispiel Klima-, Gesundheits- und Mobilitätspolitik.)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 14. Mai 2023 – Linsen mit Spätzle im Münchner Wirtshaus

Montag, 15. Mai 2023 um 6:38

Gut geschlafen, in der letzten Phase aber blöd geträumt, dass ich in der Arbeit einen doofen Fehler gemacht hatte, dann halbwach angestrengt nachgedacht, wie ich den wieder gut machen kann.

Wieder wachte ich zu einem dunkelgrauen Tag auf, dessen Wolken jederzeit mit Regen drohten. Dennoch nahm ich das Rad zum Schwimmen, trug Ledermantel und Handschuhe. Ich kam trocken an.

Die Bahnen im Olympiabad waren recht voll, doch man arrangierte sich. Ich schwamm meine 3.000 Meter ohne Probleme mit Körper oder Stimmung weg, die Wassertemperatur erschien mir sogar ein wenig zu warm (!).

Sehr wahrscheinlich war das der Abschied von diesem Schwimmbecken für die nächsten Monate: Am heutigen Montag öffnete das Dantebad, ab jetzt kann ich meine Bahnen wieder unter freiem Himmel ziehen.

Auch nach Hause kam ich unter gleichbleibend dunkelgrauem Himmel trocken.

Frühstück um zwei: eine Dicke Scheibe Roggenschrotbrot, die Hälfte mit ein wenig Pressack, die andere mit Butter und Zuckerrübensirup, außerdem eine Mango mit Sojajoghurt. Das machte mich wieder sehr müde, aber gestern legte ich mich zu einer Siesta hin.

Der Himmel hatte überraschend aufgerissen, und ich freute mich sehr daran, dass ich mein Bett an genau diese Stelle und mit diesem Ausblick gestellt hatte.

Gemütlicher Sonntagnachmittag mit Romanlesen auf dem Sofa, einer Runde Yoga-Gymnastik. Zum Abendessen war ich in der Maxvorstadt verabredet. Dem Gastro-Stadtmagazin “Mit Vergnügen München” hatte ich entnommen, dass man im Obacht an der Schellingstraße Linsen mit Spätzle serviert – für mich neben Grie Soß die exotische Entdeckung in heimischer Küche meines Erwachsenenlebens. Und so traf ich mich mit einer seit Monaten nicht gesehenen Freundin dort. Hier die ohnehin recht interessante Speisekarte, als nächstes möchte ich den ebenfalls raren Gaisburger Marsch probieren (und wenn jetzt noch das Brotzeitbrettl Presssack umfasste…).

Dass das in meinen Augen keine Spätzle sind (aus persönlicher Familiengeschichte, also weil bei meiner polnischen Oma so gewohnt, die das auf einem schwäbischen Bauernhof als Zwangsarbeiterin so beigebracht bekommen hatte, akzeptiere ich nur die Knopfform), dafür kann das Obacht wirklich nichts, die Linsen mit Spätzle schmeckten hervorragend – so gut wie in der Augsburger MAN-Kantine, wo ich sie kennengelernt habe. Dazu trank ich alkoholfreie Weißbiere.

Angeregte Unterhaltung, viele Neuigkeiten erfreulicher und betrüblicher Art. Ich freute mich sehr, dass der Wiedersehenstermin praktisch schon feststeht, und zwar bald und noch vor meinem Englandurlaub.

Wie schon dorthin ging ich auch nach Hause zu Fuß, genoss die frische, aber nicht zu kalte Luft. Daheim Räumen und Vorbereitung der Wohnung für den Putzmann-Einsatz am Montag, ich kam später als gewohnt ins Bett.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 13. Mai 2023 – Düsterer Isarlauf bei Hochwasser, Rebecca Makkai, I have some questions for you

Sonntag, 14. Mai 2023 um 8:30

Unruhige Nacht mit mehrfachem Aufwachen, einmal wegen Krämpfen. Am besten schlief ich nach dem Aufwachen um halb fünf bis kurz vor acht.

Das Draußen weiter dunkelgrau und kalt. Ich zerteilte das Roggenschrotbrot, fror zwei Viertel ein.

Man sieht schon, dass der Teig nicht ganz homogen war.

Als ich nach elf zu einem Isarlauf (Winterhose, über Shirt eine Windjacke mit Kapuze, Schirmmütze) aufs Radl stieg, wurde ich gleich mal angetröpfelt. Das war’s dann aber zum Glück mit Regen. Ich fuhr zum Friedensengel und lief nach Norden.

Die Isar stand sehr hoch, doch kein Weg war auch nur annähernd überflutet. (Hier eine Isar-Webcam, über die man den aktuellen Stand in Thalkirchen sieht.) Ich war genau richtig gekleidet, hatte zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, den Reißverschluss meiner Jacke zu öffnen. Gut anderthalb Stunden Lauf, immer wieder kamen meine Gedanken ins Wandern – schön.

Nach Langem mal wieder gesehen: Die Schafherde des nördlichen Englischen Gartens.

Neue Kunst unterm Friedensengel.

Blick von der Luitpoldbrücke.

Frühstück kurz vor drei: Zwei dicke Scheiben Roggenschrotbrot, eine mit Pressack (Herr Kaltmamsell hatte auf meinen Wunsch roten und weißen besorgt), eine mit Butter. Das war zu viel, ich wurde sehr müde.

Auf dem Sofa las ich die Wochenend-Süddeutsche (wenn Sie Zugriff haben, empfehle ich die Seite-Drei-Geschichte über unseren Müll und einen Münchner Wertstoffhof). Wieder hatte ich die Heizung hochgedreht, ich hatte auch gestern keine Lust auf Frieren trotz dicker Socken und dicker Strickjacke.

Zum Nachtmahl setzte Herr Kaltmamell ein Rezept um, das ich im Foodblog Nimmersatt gefunden und erbeten hatte: Hühnchen-Curry aus Sri Lanka. Es schmeckte ganz hervorragend (auch ohne Reis). Gemüse dazu: Gebratener Pakchoi aus Ernteanteil. Nachtisch Schokolade.

Ich ging früh ins Bett, begann die nächste Lektüre (wieder ein E-Book aus der Münchner Stadtbibliothek): Jennette McCurdy, I’m Glad My Mom Died.

§

Rebecca Makkai, I have some questions for you

Der Roman dreht sich um eine Krimigeschichte (als Krimi würde ich ihn nicht einordnen). Ich-Erzählerin Bodie Kane lebt gut von ihren True-Crime-Podcasts und Lehraufträgen als Film-Dozentin. Sie hat zwei kleine Kinder, ihre Ehe mit einem Künstler löst sich gerade auf. Als Dozentin kommt Bodie zurück an ihre frühere Highschool, das Internat Granby in New Hampshire. Sie hat den Auftrag unter anderem deshalb angenommen, um Details eines True Crimes nachzugehen, dessen Zeugin sie selbst während ihrer Schulzeit wurde: Ihre Zimmergenossin Thalia Keith war eines Morgens erschlagen im Swimming Pool der Schule aufgefunden worden. Für den Mord verurteilt wurde vor 20 Jahren der Sporttrainer der Schule, doch Bodie sind über die Jahre immer mehr Zweifel an seiner Schuld gekommen.

Deutlich zu lang ist das Buch meiner Meinung auf jeden Fall, doch es gibt Vieles, was es gut macht, und vor allem ist es so leicht und realistisch in der Gegenwart verwurzelt wie kein Roman, den ich bislang gelesen habe: Twitter und die Dynamik von Social Media spielen eine große Rolle, inklusive der Themen, die diese Dynamik in dem vergangenen zehn Jahren befeuerte (u.a.: der Ehemann der Protagonistin wird von einer früheren und deutlich jüngeren Kollegin des sexuellen Missbrauchs beschuldigt). Der zweite Teil des Romans spielt in der Corona-Pandemie, in der Handlung kommen FFP2-Masken und Abstandsgebote vor. Der Markt der True Crime Podcasts ist ein wichtiger und handlungstreibender Hintergrund, ebenso sind es die grotesken Seiten des US-amerikanischen Justizsystems, und die Figuren des Romans und die Settings sind anschaulich und nachzuvollziehbar.

Ein besonderer Kniff: Die Protagonistin spricht in erster Person jemanden an (der “you” des Romantitels), der ganze Roman wird einem konkreten Gegenüber erzählt – einem ihrer damaligen Lehrer an der Granby School, der auch die Theatergruppe leitete, nach deren Vorstellung Thalia (autsch, die Namenswahl ist arg cringe) ermordet wurde. Er steht im Mittelpunkt eines weiteren zentralen Themas des Buchs: Sexueller Machtmissbrauch durch Männer. Zudem liefert diese Ansprache eine Motivation fürs Erzählen.

Warum also zog sich die Lektüre für mich, was nervte mich durchgehend? Es war der Hintergrund Highschool-Soziologie, die ich nur aus der Fiktion kenne, als Topos in erster Linie aus US-Fernsehserien und -Filmen. Und diese Highschool-Gesellschaft setzt immer Lord of the flies-artige Mechanismem voraus, mit Bandenbildung, Unterdrückung von Außenseiter*innen, Hauen und Stechen um Attraktivität und Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts, nur Sportskanonen oder Kinder reicher Leute haben etwas zu sagen. Das ist als Realität offensichtlich so gesetzt wie Ebbe und Flut, niemand hinterfragt, warum es eigentlich keine Highschool-Geschichten mit freundlichen Kindern und Jugendlichen gibt.

Ich weiß durchaus, dass ich nie gut im Wahrnehmen solcher zwischenmenschlicher Mechanismen war, doch die Ausschließlichkeit von Gemeinheit und Unterdrückung in den US-Oberschulen erscheint mir unwahrscheinlich.

Weiterer Topos, der mich inzwischen müde machte: Erzählt wird mit zeitlichem Abstand (hier 20 Jahre, im zweiten Teil 25 Jahre) immer aus der Sicht der Gemobbten – von der sich dann herausstellt, dass in Wirklichkeit alle vor ihr Angst hatten. (Siehe diese Klassentreffen-Szene aus 30 Rock, die nur deshalb funktioniert.)

§

Michael Blume schreibt auf spektrum.de über
“Aber hier regnet es doch! Der häufigste Bestätigungsfehler in der Klimakrise”.

Schon den Einstiegssatz möchte ich auswendig lernen, um ihn bei vielen, vielen Gelegenheiten (“aber bei mir hat’s geholfen!”) einzusetzen.

So genial unser Säugetiergehirn auch ist – seine Mustererkennung ist fehleranfällig.

Der Artikel erklärt klimatische Zusammenhänge und zeigt auch Maßnahmen auf, mit ihnen umzugehen, Stichwort “Schwammstadt”.

die Kaltmamsell