TW: Angstpatient*innen lieber NICHT weiterlesen!

Die Fotoidee sah umgesetzt nicht so gut aus wie in meinem Kopf, das Bild soll hier nur Platz zwischen Lesewarnung und Text schaffen.
Gestern Morgen lernte ich, wie sehr ich nicht mag,
– wenn die geschätzte Zahnärztin beim Anblick der Problemstelle aufstöhnt,
– dass ich meine liebe Zahnärztin trösten muss, weil sie am letzten Tag vor ihrem Urlaub einen sonst rundum gesunden Backenzahn ziehen muss, der mittendurch in zwei Teile gespalten ist.
Beim Verlassen des Hauses für den 8-Uhr-Termin in Schwabing hatte ich mich noch von Herrn Kaltmamsell damit verabschiedet, dass ich ungefähr so sehr fürchtete, von der Zahnärztin wieder ausgelacht zu werden (nicht dass sie das je getan hätte, statt dessen hatte sie erklärend beruhigt), wie dass es etwas Schlimmes ist.
Nach dem ersten Blick zeigte mit die Ärztin den Grund ihres Stöhnens per Zahnfernsehen (winzige Kamera, die Aufnahmen aus meinem Mund auf den Bildschirm über dem Behandlungsstuhl überträgt): Der hinterste Backenzahn rechts oben hatte einen großen Spalt mittendurch. Es war sofort klar, dass er raus musste. Die Röntgenaufnahme von vergangenem Dezember, die ebenfalls auf dem Bildschirm vor mir zugeschaltet war, ließ mich zumindest hoffen, dass das einfach gehen würde (drei gerade Wurzeln).
Ich war natürlich völlig übertöpelt, doch da gab’s nichts zu diskutieren oder zu erläutern. Während wir die Wirkung der Spritze abwarteten, sprach ich Ersatz/Implantat an: Nein, beim hintersten Zahn sei das nicht üblich. Aber ich solle mal sehen, wie ich zurechtkomme.
Unerwarteter Zwischenschritt nach (tatsächlich schnellem) Zahnziehen: Nase zuhalten und mit geschlossenem Mund pusten – um auszuschließen, dass es eine Verbindung zu den Nebenhöhlen gab.
Als die Wunde genäht war, besah ich die beiden Zahnhälften auf dem Tablett vor mir: sauber gespalten, sonst tadellos. Ich dankte dem Zahn für all die Jahre Unterstützung und verabschiedete mich. (Bis zu welchem Alter sind Zahnfeen zuständig?)
Keine halbe Stunde nach Termin war ich bereits auf dem Weg in die Arbeit, tief erschüttert.
Zahnärztlich vermutete Ursache: Mein brutales nächtliches Knirschen (ich habe seit vielen Jahren eine Schiene, trage sie jede Nacht), das einen Sprung im Zahn hinterließ. Und auf der Heimreise von England gab ihm wohl das Beißen auf eine (sehr gute!) Salznuss, dessen Krachen mir aufgefallen war, den Rest.
Mittlerweile frage ich mich, ob der eine Problemzahn meines Lebens (denn an sich habe ich echt gute Zähne), der ja vor 13 Jahren ebenfalls an einem Sprung verendete, durch den Bakterien eindrangen (und durch ein Implantat ersetzt wurde), vielleicht prä-Knirschschiene ebenfalls schlicht kaputtgeknirscht war.
Die Zahnärztin gab mir ein Blatt “Verhaltensregeln nach einem operativen Eingriff” mit. Diese stellten mich vor ein paar Probleme.
– “Zur Verminderung einer Schwellung nach dem Eingriff sind häufige kühle Umschläge bis zur Folgenacht sehr hilfreich.” Eine Angestellte hatte mir zwar ein Scheckkarten-großes Kühl-Pack mitgegeben, aber das war bereits beim Erreichen des Bürohauses körperwarm. Ich legte es in den Teeküchen-Kühlschrank und sah mich um: In der nächsten Stunde legte ich abwechselnd ein leeres Wasserglas und eine leere Tasse auf die schwell-gefährdete Stelle. Wenn ich meine Hände gerade nicht auf der Tastatur hatte.
– “In den nächsten 24 Stunden sollten Sie weder Alkohol, Bohnenkaffee, Cola oder schwarzen Tee trinken.” 12 Stunden waren ja wohl hoffentlich sowas Ähnliches wie 24 Stunden, wenn ich abends Lust auf meinen Freitags-Alkohol hatte?
– “Für die nächsten Tage weiche, nicht zu heiße Kost”. Nichts an der Essensplanung der nächsten Tage passte dazu. Na, ich würde an den eingesteckte Feigen, Tomaten, Nektarinen zum Mittagessen testen, was ging. “Schonen Sie beim Kauen möglichst die behandelte Seite” hatte ich ja schon über eine Woche geübt.
Am einfachsten konnte ich die auch mündlich mitgegebene Anweisung einhalten, erst drei Stunden nach dem Eingriff etwas zu trinken. Bei einer vorherigen zahnärztlichen Betäubung vor vielen, vielen Jahren hatte ich erfragt, dass der Hintergrund die Verletzungsgefahr bei gefühllosen Stellen im und um den Mund ist. Und auch diesmal erwies sich, dass meine Zahnärztin das Anästhetikum hervorragend dosiert hatte, schon nach einer Stunde war nichts mehr taub. Ich hielt mich brav dennoch an die Drei-Stunden-Frist. Durst hätte ich allerdings deutlich früher gehabt.
– “In der ersten Woche nach dem Eingriff sollten Sie körperliche Anstrengungen vermeiden.” Na komm, nach ein paar Tagen probieren kann ich’s doch?
Fettnapf: Der einzige gestern anwesende Kollege, an den ich meine Erschütterung einfach hinreden MUSSTE, stellte sich als Angstpatient heraus und als eigentlich genau vor solchen Geschichten zu schützen. /o\
Meine Durch-den-Windigkeit trübte die Arbeitsfähigkeit erheblich, zum Glück stand nur wenig Dringendes an. (Mit Vorbereitung auf den Eingriff hätte ich wahrscheinlich um Krankschreibung gebeten, aber nun war ich schon mal da.)
Mittags nahm ich mir die Zeit für einen Marsch um die Blöcke, der vor allem meinem durchgewirbelten Gemüt gut tat. Mittagessen Feigen, Tomaten, Nektarinen – alles problemlos auf der Gegenseite der Wunde zu kauen, danach spülte ich gründlich mit Wasser. Essenspläne der nächsten Tage also nur geringfügig betroffen.
Nachmittags beruhigte sich meine Gemütsaufruhr, ich konnte mich wieder konzentrieren und bekam noch einiges weggearbeitet. Draußen setzte der dringend notwendige Flächenregen ein und blieb auch erstmal. Schmerzen vom Zahnziehen blieben auch weit nach Ende der Betäubung ebenso aus wie jegliche Schwellung, sehr erleichternd (aber verstehen tue ich meinen Körper so echt nicht). Abfallende Anspannung hieß aber auch steigende Müdigkeit.
Als es auf meinen Feierabend zu ging, zog der Regen an Heftigkeit an. Ich blieb noch ein bisschen, bis die Tropfen an der Fensterscheibe nicht mehr wie eine Maschinengewehrsalve klangen, und nahm dann die U-Bahn nach Hause.
Dort warf ich mich Herrn Kaltmamsell an die Brust und ließ mich nochmal ein paar Sekunden in die Jämmerlichkeit fallen, ging dann aber die Wochenend-Abstimmung an.
Beim Alkohol (OH DOCH – vielleicht wäre eine wirksame abendliche Entspannung gegen Zähneknirschen im Schlaf ein Glasl Wein?) entschieden wir uns für den Rotwein, den uns die kastilische Familie mitgegeben hatte, natürlich aus der dortigen Region, ein Ribera del Duero.

Ein junger Roter mit reichlich Tannin, der sich mit der Luft interessant entwickelte.
Vorher aber noch Yoga: Ich wusste, dass eine reine Schnauf-, Dehn- und Ruhefolge dran war. Mal wieder hatte Adrienes “Notice how you feel” seinen Effekt: Ich bemerkte dann doch Schmerzen in der Zahnlücke und nahm anschließend lieber Ibu.
Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell vereinbarungsgemäß Salade niçoise und erfreute mich sehr.

Aus Ernteanteil: Grüner Salat, Tomaten, Kartoffeln.
Kauen war kein Problem, gutes Essen hellte mich mal wieder auf. Und der Wein entspannte mich aufs Angenehmste. Nachtisch Eiscreme, dann weitere Süßigkeiten.
Früh ins Bett wegen sehr müde und Wochenendplänen, ich schaffte nicht mal mehr Lesen – aber das hole ich Samstag und Sonntag auf vielen Stunden Bahnfahrt nach. 
die Kaltmamsell