Journal Freitag, 15. August 2025 – Mariä Himmelfahrt mit großer Hitze

Samstag, 16. August 2025 um 7:48

Diesmal hatte ich in der Arbeit daran gedacht, für den gestrigen nur saarländischen und bayerischen Feiertag (und das nur in überwiegend katholischen Gemeinden) eine Abwesenheitsnachricht zu hinterlassen: Mit dem rechnet im Rest der Welt nun wirklich niemand, der Anlass zur Feier ist ähnlich schwer vermittelbar wie Fronleichnam.

Nach dem Aufstehen erstmal Geschäftigkeit: Ich knetete den Teig fürs Roggenmischbrot mit Vollkorn.

Dann aber Milchkaffee. Ein angenehm frischer Morgen, es saß sich sehr gut auf dem Balkon.

Das Brot gelang problemlos.

Ich traute mich per Radl ins Dantebad – an einem Feiertag würde mich auf der Strecke über Nymphenburger Straße und Gern schon kein LALÜ! erwischen. Das klappte, doch überraschend hatten sich die Ampeln die Schaltung der Schleißheimerstraße abgeschaut: Alle bei Ankunft rot, ich hoppelte stückchenweise und war genervt.

Am Dantebad ergossen sich die Fahrräder bereits 100 Meter von den Ständern die Straße entlang (während, wie so oft, an den offiziellen Ständern durchaus noch Lücken waren; ich ließ mein Radl in einer davon), an der Kasse stand die Schlage kurz vor elf bereits bis auf den Gehweg – die ich mit meiner Bäderkarte lässig überholte.

Das Schwimmen lief schonmal besser: Ich fühlte mich wegen regelmäßigem Überholbedarf gehetzt, kam nicht recht in den Fluss. Zudem wehte kontinuierlich vom Kiosk unangenehmer Frittenfettdunst herüber. Die zusätzlichen 300 zu meinen 3000 Standardmetern schwamm ich im Grunde aus Trotz (“wenn’s schon keinen rechten Spaß macht” – dochdoch, das ist logisch).

Ein Stündchen Sonnenbaden mit Musik, um mich herum reichlich Freibadvolk. Dann wollte ich aber wirklich ins Kühlere, packte zusammen und radelte über die Dachauer Straße nach Hause – wieder fast nur von roter Ampel zu roter Ampel.

Frühstück kurz vor drei: Drei Scheiben frisches Roggenbrot (mit sommerlich großer Porung – eigentlich hätte ich das Wetter zum Backen von Weizensauerteigbrot nutzen sollen, hohe Wahrscheinlichkeit, dass es so mediterran gelungen wäre wie gedacht), zwei mit Butter und Tomate (SO GUT!), eins mit Butter und Hagebuttenmarmelade.

Zweites Backen des Tages: Zwetschgenkuchen mit Nussboden. Zum Glück hatte ich beim Einkaufen am Vortag die Menge Zwetschgen sehr großzügig aufgerundet: Seither waren so viele schimmlig geworden, dass sie genau reichten.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und einer Runde Pilates; mittlerweile war die Hitze in einem Maß in die Wohnung gedrungen (Schlafzimmer 25 Grad), dass ich mich sehr auf den angekündigten Wetterumschwung in der Nacht freute.

Zum Abendessen verarbeitete ich den großen Kopf Salat aus Ernteanteil mit Joghurtdressing, dazu gab es gekochte Eier, Käse, Brot.

Ich öffnete die Flasche griechischen Weißwein, den ich vor ein paar Wochen zum Einstieg in griechische Weine gekauft hatte: Novus A Priori Mantinia, mit viel Säure, kräutrig zitronig – schmeckte uns sehr gut, die Rebsorte Moschofilero hatte man mir als typisch für die Region Peloponnes erklärt.
Nachtisch Zwetschgenkuchen, Schokolade.

Abendunterhaltung: Zwei Folgen Mad Men, ich bin immer noch überraschend gefesselt (wo ich doch in den vergangenen Jahren nie Fernsehserien durchgehalten hatte). Was mir unter anderem bislang besonders gut gefällt: Zum einen die Maske – der fettige Strähnen-Pony und das selten gewaschene (der Aufwand damals!), aber ondulierte Haar von Peggy samt ihrer schreienden Ungeschminktheit in dieser ersten Staffel fallen mit immer wieder als glaubwürdig auf (außerdem spielt Elisabeth Moss sensationell). Zum anderen die Rolle/Bedeutung der Sekretärinnen: Sehr glaubwürdig, da hat sich heute eigentlich nur die Technik geändert (no, you shouldn’t have told her).

Zu Bett mit geschlossenen Fenstern wegen immer noch sehr warmer Außenluft, am Himmel aber bereits vereinzelt Blitz und Donner.

§

Maximilien Buddenbohm beobachtet Nichtstun und macht sich Gedanken darüber:
“Die Stunden zwischen Hotel und Bahnhof”.

Ja, das bemerke ich auch schon seit Längerem: Ich weiß nicht, wo mein Nichtstun hin ist. Jede Minute muss gefüllt und genutzt sein, und wenn es dafür keine Möglichkeit gibt, ändere ich die Situation. Das ist sicher auch ein Grund, warum ich an Tagen am See oder im Freibad nichts Attraktives finden kann: Weil ich die Fähigkeit zum dafür nötigen Blödschaun ohne Beschäftigung verloren habe.

Am ehesten komme ich beim Zugfahren ins reine Schauen und Denken – aber da ist ja die Erledigung schon durch die Reisetätigkeit abgedeckt, dazu kommt Schauen in wechselnde Umgebung. Kein echtes Nichtstun. Ich bin ja schon stolz auf mich, wenn ich auf U-Bahn-Fahrten nichts lese, sondern einfach nur schaue. Also zum Beispiel während der sieben Minuten zwischen Heimeranplatz und Odeonsplatz. (Ist das krank!)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 14. August 2025 – Ein Sommerabendtraum

Freitag, 15. August 2025 um 9:01

Unruhige Nacht mit größter Unruhe, als gegen halb zwei ein Auto vor meinem Schlafzimmerfenster anhielt (also kurz vor der Straßensperre zum Klinikgelände), das bei offenem Fahrerfenster die Wummermusik so laut gestellt hatte, dass die Hausmauern davon schier bebten. Das riss mich aus so tiefem Schlaf, dass ich zwar erstmal mein Fenster schloss, aber mir detailliert vorstellte, wie ich im Nachthemd vors Haus ging und den Mann am Lenkrad fragte, was ihn wohl zu diesem Verhalten bewegte (eher neugierig als aufgebracht).

Dennoch fühlte ich mich beim Aufwachen vor dem Wecker halbwegs erfrischt, frisch war auch der Morgen.

Nochmal Balkonkaffee auf dem Küchenbalkon, ich nutzte für den angekündigten Hitzetag eine weitere Chance, ein diesen Sommer noch ungetragenes Kleid anzuziehen – nicht nur ärmellos, sondern gleich ein Trägerkleid!

Die Morgenfrische nutzte ich im Büro für Durchzug und Temperierung: Funktionierte wunderbar, ich musst den ganzen Tag weder schwitzen noch frieren.

Mittagscappuccino bei Nachbars, Mittagseinkäufe auf dem Markt am Georg-Freundorfer-Platz. Leider macht der von mir bevorzugte Bodensee-Stand wohl gerade Sommerpause, ich musste die gewünschten Zwetschgen am gestern einzigen Obst- und Gemüsestand mit entsprechend langer Schlange besorgen. Lufttemperatur gut erträglich, der immer noch leicht kühle Wind half – aber in der Sonne wollte ich wirklich nicht sein.

Mittagessen: Eingeweichtes Muesli mit Joghurt, dann Feigen und eine (gute!) Aprikose.

Nachmittags hatte ich einiges zu tun, leider machte mein Kreislauf Sperenzchen.

Heimweg in der größten Hitze des Tages, ich ging lieber langsam. Im Vollcorner besorgte ich die restlichen Posten auf der elektronischen Einkaufsliste, die Herr Kaltmamsell noch nicht erledigt hatte.

Daheim schnelles Auspacken, fürs Brotbacken am Freitag setzte ich den Roggensauerteig an.

“Abgedeckt 12-14 Stunden von 30 Grad auf Raumtemperatur fallend reifen lassen” erledigte ich gestern einfach per Draußen, die Temperaturkurve sollte stimmen.

Fürs Auskosten des Sommerabends hatte ich in der Rustikeria im Müller’schen Volksbad reserviert: Ich wollte Herrn Kaltmamsell die dortige florentiner Spezialität Schiacciata vorführen, reich belegtes Fladenbrot. Wir nahmen eine Straßenbahn zum Deutschen Museum, für rasches Gehen oder Radeln war es mir zu heiß.

Wieder beobachtete ich Fächereinsatz in freier Wildbahn (unter anderem an einem Herrn einen besonders eleganten schwarzen Fächer), mir fiel auf: Hiesige Fächernutzer*innen neigen dazu, ihn nicht ganz aufgeklappt zu fächeln, also eher in Form eines großen Tortenstücks denn als Halbkreis. Das geht natürlich nur, wenn man ihn nicht so hält, wie ich es in Spanien gelernt habe, also nicht mit Daumen nach vorn, Fächerunterseite in der Handfläche – sondern eher in den Fingerspitzen.

Das Müller’sche Volksbad ist immer noch eingerüstet, die Gemütlichkeit des schönen Vorhofs leidet natürlich darunter: Dennoch ließ ich mich gern mit Herrn Kaltmamsell dort nieder. (Reservierung war eine gute Idee gewesen, alle Tische besetzt.)

Nach einem Hugo zum Einstieg ins lange Wochenende gab es Kochschinken u.a. mit scharfer Sauce bei mir, bei Herrn Kaltmamsell vor allem gegrilltes Gemüse als Füllung – die Hauptrolle spielt aber das herrliche Brot. Dann noch ein Glas toskanischen Weißwein Fumaio, abschließend für mich Tiramisu, für Herrn Kaltmamsell einen Cynar Spritz.

Dazu wurden wir umwölkt von Rauch aus kleinen Alutöpfchen, die am Boden standen: gegen die Wespen, wie die Bedienung erklärte. Die waren reichlich unterwegs: Wir achteten darauf, nie ohne hinzusehen von unserer Schiacciata abzubeißen.

Die Hitze war jetzt verschwunden, in der Abenddämmerung herrschten aber weiterhin sommerliche Temperaturen. Wir bummelten so lang wie möglich entlang der Isar nach Hause, zwischen vielen, vielen anderen, die den Sommerabend auskosteten.

Die Boazn unter der Ludwigsbrücke.

Die bronzene Bukolika (im Volksmund “Isarnixe”) von Martin Mayer hat eine gemalte Schwester im Fußgängertunnel bekommen.

Noch ein Monsterchen! Dieses unter der Corneliusbrücke.

An der Reichenbachbrücke bogen wir in die Fraunhoferstraße: Menschentrauben vor jedem der vielen Lokale entlang der Straße, die Luft glitzerte vor Geselligkeit.

Dennoch war ich froh, zurück in die deutlich kühlere Wohnung heimzukommen. Noch eine Runde Schokolade als Dessert 2, bei geschlossenen Fenstern und Türen ins Bett.

§

T. Kingfisher, Nettle and Bone

Dass wir uns in einer nicht-realistischen Erzählung befinden, verrät schon das Titelbild meiner Ausgabe des Romans von 2022. Dass darin eine Ich-Erzählerin, Marra, jemanden umbringen will, bekommen wir ebenfalls schnell mit, in der deutschen Übersetzung bereits durch den Titel Wie man einen Prinzen tötet. Diese Erzählerin ist eine Prinzessin in einer unbestimmten Elektrik-freien Vergangenheit (in der meinem Gefühl nach auch Grimms Märchen spielen), und durch sie erfahren wir, dass mit dem Prinzessinnentum zwar eine Menge Privilegien verbunden sind (aufwachsen ohne Arbeitszwang, und jeden Tag wird Fleisch serviert!), aber auch eine Menge Zwänge: U.a. politische Ehe, Fortpflanzungsdruck. Eine Schwester der Erzählerin hat es besonders schlimm erwischt, und der will Marra zu Hilfe kommen: mit Mord.

Überirdische Kräfte spielen dabei eine große Rolle, allerdings auf eine Art und Weise, die ich als unkonventionell empfand und sehr mochte: Die Zauberinnen sind sich ihrer Seltsamkeit bewusst und der Komik, die darin steckt – die Art Komik, die ich bei Terry Pratchet immer schätzte. Mit ähnlich reflektierter Perspektive werden Themen wie Heldentum und Macht eingebaut. Zeitgemäß wirkten auf mich das Zulassen von Grauzonen und der Respekt vor Vielfalt sowie persönlicher Entscheidung (wieder assoziierte ich Terry Pratchett). Schöner Roman, wenn man sich auf das nicht-realistische Setting einlassen kann.

Vermutlich bin ich durch die Kurzrezension von Kathrin Passig auf Goodreads draufgekommen: “Angenehm unglamouröse Heldinnen (zwei sind alt und die dritte ist meistens ratlos)”. Empfehlenswert auch die längere Besprechung auf NPR von Caitlyn Paxson:
“‘Nettle & Bone’ creates a once-upon-a-time that is familiar, yet original”.

Nettle & Bone rounds up all the secondary (and let’s face it, more interesting) characters of fantasy lore and gives them the chance to save the day on their own terms.

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Interessante Ansätze aus der Verhaltensforschung vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Ralph Hertwig und Stephan Lewandowsky schreiben über
“Das Paradox des Erfolgs der Demokratie”.

Warum wir Warnsignale für die Autokratisierung übersehen und Katastrophen nicht einschätzen können.

Die Zusammenfassung:

  • Persönliche Erfahrungen: Individuelle Erlebnisse beeinflussen die Wahrnehmung von Risiken, was dazu führt, dass seltene, katastrophale Ereignisse als unwahrscheinlich angesehen werden.
  • Kollektive Gleichgültigkeit: Aufgrund stabiler Demokratien in Westeuropa seit 70 Jahren haben Bürgerinnen und Bürger keine Erfahrungen mit autokratischen Regimen, was zu einer gefährlichen Skepsis führt.
  • Simulation von Erfahrungen: Um das Bewusstsein für die Gefahren autokratischer Regime zu schärfen, könnten Simulationen und Erfahrungsberichte von Betroffenen hilfreich sein.

Ich empfehle aber die Lektüre des ganzen Aufsatzes.

Einen einmaligen Konventionsbruch durch Spitzenpolitiker und -politikerinnen wird die Öffentlichkeit in der Regel nicht als demokratiegefährdend wahrnehmen. Wenn jedoch toleriert wird, dass demokratische Normen wiederholt durch die politische Führungsschicht verletzt werden, wenn rhetorische Grenzüberschreitungen eskalieren, wenn eine Flut von Lügen und manipulativen Behauptungen zur „Normalität“ wird und die Öffentlichkeit versäumt, die frühen Anzeichen eines solchen Verhaltens an der Wahlurne abzustrafen, kann dies drastische Folgen haben. Ähnlich wie der Betrieb eines Atomkraftwerks so lange als sicher gilt, bis das letzte Sicherheitsventil ausfällt, können auch Demokratien den Anschein von Stabilität bis zu dem Zeitpunkt aufrechterhalten, an dem die Schwelle zur Autokratie überschritten wird.

§

Und nochmal das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:
“Demokratie in den Play-offs”.

Etablierte Demokratien geraten zunehmend unter Druck – und erodieren. Erst langsam, unbemerkt und mit einem Mal rasend schnell. Welche Effekte besonders fatal wirken und wie eine Gesellschaft der Entwicklung begegnen kann.

Schockierende Entwicklung:

Mittlerweile leben viel mehr Menschen in Autokratien als in Demokratien – und zwar 72 Prozent der Weltbevölkerung.

Das hat das V-Dem (Varieties of Democracy) Institut in Göteborg für die Saison 2024 ermittelt.

Besonders spannend finde ich die Untersuchungen von Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität, zu Social Media:

Dass etablierte Demokratien mit dem Aufkommen sozialer Medien vor 15 Jahren zunehmend unter Druck stehen, ist für Verhaltensforscher kein Zufall. Bereits 2022 hat ein Team um Ralph Hertwig gezeigt, wie die Nutzung digitaler Medien – vom Post auf X und Co. bis zum Kommentar unter einem Online-Artikel – und wichtige Dimensionen liberaler Demokratien zusammenhängen. „In Autokratien und sich entwickelnden Demokratien kann der Austausch im Internet durchaus positive Effekte haben, etwa für politische Teilhabe und Zugang zu Informationen“, berichtet Politikwissenschaftlerin Lisa Oswald, Forscherin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die mit Hertwig rund 500 Forschungsarbeiten ausgewertet hatte.

„In etablierten Demokratien zeigen sich indes auch diverse Gefahren. Viele Studien finden Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und geringem Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen, stärkerer Polarisierung und Zustimmung für populistische Akteure“, sagt Oswald. 2025 überprüften – replizierten, wie es im Fachjargon heißt – andere Forschende diese Effekte auch in Studien, die bis 2024 veröffentlicht wurden, und bestätigten sie. Polarisierende Beiträge erzeugen typischerweise größere Reichweiten durch ein Geschäftsmodell, das Aufmerksamkeit belohnt und monetarisiert. „Zusätzlich wird die Mehrheit politischer Inhalte in sozialen Medien von einer kleinen, aber hochaktiven Minderheit erzeugt – die aber sehr sichtbar ist“, erklärt Lisa Oswald. So können Räume von Gleichgesinnten entstehen, die sich gegenseitig verstärken und mehr und öfter Inhalte produzieren als die moderate Mitte, die eher schweigt.

(…)

„Wir beobachten eine erschöpfte Gesellschaft“, sagt Hertwig. Eine beträchtliche Anzahl von Menschen ignoriert Fakten, boykottiert Qualitätsmedien und bezieht politische Informationen allein aus den sozialen Medien. „Unsere Fähigkeit, kritisch zu denken und zu hinterfragen, gerät durch die Flut an Nachrichten, Krisen und Regelbrüchen an ihre Grenze.“ Hertwig untersucht Wege, unsere begrenzten kognitiven Ressourcen besser einzusetzen. Er verwendet den Begriff des „citizen choice architect“, wonach jeder Mensch Architektin oder Architekt der eigenen unmittelbaren Umwelt ist – gerade und vor allem im Digitalen. „Es gibt eine Menge von kleinen, aber wirkungsvollen Änderungen, die wir vornehmen können, um uns zum Beispiel vor Falschinformation, Manipulation und der Enteignung unserer Aufmerksamkeit im Internet schützen können.“

§

Bislang habe ich meine Speicher- und Back-up-Routine (heimisches NAS, zwei externe Festplatten) immer ein wenig verschämt damit erklärt, dass ich “Cloud”-Speichern (also Firmen-Servern, die irgendwo anders stehen) einfach nicht traue. Jetzt weiß ich: UND ich spare eine Menge Strom.
Miriam Vollmer erklärt das in einem Thread auf Bluesky anlässlich der offiziellen Bitte in UK, wegen der aktuellen Dürre Fotos aus Clouds zu löschen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. August 2025 – Letzte Lerche

Donnerstag, 14. August 2025 um 6:23

Saufrüher Wecker für den letzten Lerchenlauf der Saison: Nächste Woche, in der es bei wolkenlosem Wetter noch hell genug sein könnte, geht nicht wegen Besuch und Urlaubsvorbereitungen, und nach der Woche Wien-Urlaub ist es ganz sicher zu dunkel.

Gestern bekam ich noch reichlich geboten in milder und nur wenig morgenkühler Luft. Das Laufen fiel mir leicht, meine Gedanken flossen.

Erst nach fast der Hälfte meiner Runde schaffte es die Sonne über die Baumwipfel.

Der Abgasgestank von Verbrennungsmotoren stört mich im Stadtverkehr immer mehr; gestern kam ich auf den letzten hundert Metern um die Lindwurmstraße mit Luftanhalten kaum mehr hinterher. Ich als Atmerin bin sehr für ein Aussperren von Verbrennungsmotoren aus der Innenstadt. Pauschal alle. Wenn Parkgebühren Ländersache sind – könnte die CSU ihre erprobte Verbotskompetenz nicht auch hier ausleben?

Daheim zackige Säuberung und Pflege, Ersteinsatz heuer dieses Sommerkleids.

Für den Weg ins Büro nutzte ich wieder U-Bahn-Beschleunigung ab Theresienwiese.

Mein Hüftgürtel samt LWS nahmen mir die Laufrunde am Morgen allerdings ein bisschen übel und schmerzten den Rest des Tages (höhenverstellbarer Schreibtisch FTW).

Mittagscappuccino im Westend, jetzt war mir die Hitze in der Sonne bereits deutlich unangenehm.

Später gab es zu Mittag Kimchi (aus Ernteanteil-Chinakohl, von Herrn Kaltmamsell zubereitet), Bananen, eine Hand voll Nüsse, Mirabellen.

Emsiger Nachmittag, Beweis: Es war bereits kurz vor vier, als ich Gelegenheit zur Lektüre von Maximilian Buddenbohms morgend/tlichen1 Blogpost hatte.

Den Heimweg ging ich langsam, es war heiß. Durch die Gemächlichkeit kam ich ohne Überhitzung an, konnte recht direkt eine Rund Pilates antreten.

Als Vorspeise buk Herr Kaltmamsell den reichlichen Salbei aus Ernteanteil in Teig aus, dann gab es auf Bestellung eines meiner Lieblingsgerichte: Glasnudelsalat nach Jamie Oliver mit Soja-Hack und Garnelen (und viel Limettensaft).

Wieder brauchte ich einige Disziplin, um micht nicht zu überfressen.

Nachtisch Schokolade.

Im Bett las ich mit Vergnügen Nettle an Bone von T. Kingfisher aus, eine runde Sache.

§

In den Medien häufen sich Artikel, wie sich vor allem Städte in Deutschland auf die steigenden Temperaturen des Klimawandels einstellen sollten – doch es passiert wenig. Frankreich hat bereits nach dem Hitzesommer 2003 damit begonnen, Sophie Fichtner schreibt in der taz:
“Liberté, Egalité, Hitzevorsorgé”.

§

Eine ausführliche Recherche von Marcin Wichary über die Schriftart, die Sie und ich vermutlich am allerhäufigsten anschauen – ohne uns dessen bewusst zu sein: die Buchstaben auf Tastaturen. Sie heißt (wenn man ihr überhaupt einen Namen gibt) Gorton.
“The hardest working font in Manhattan”.

via @daszeiserl

Sehr ausführlich und über viele Jahre ging er unter anderem der Frage nach: Wie kommt es zu den ganz besonderen Eigenschaften (wenn man sie einmal erkannt hat) dieser Zeichen?

At one point someone explained to me Gorton must have been a routing font, meant to be carved out by a milling machine rather than painted on top or impressed with an inked press.

Und es stellt sich heraus, dass sie sehr alt sind.

  1. Die Schreibung werde ich mir nie merken können, ich nehme ab jetzt beides. []
die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. August 2025 – #12von12 mit Sommer

Mittwoch, 13. August 2025 um 5:39

Am 12. des Monats gibt es das Spiel, den Tag mit 12 Fotos zu erzählen. Gesammelt werden die Geschichten von “Draußen nur Kännchen” hier.

Der Morgen war so frisch, dass ich für meinen Balkonkaffee in eine Strickjacke schlüpfte.

1 von 12 – Balkonkaffee.

Beim Finalisieren des Blogposts schreckte ich hoch von einem lauten, langen Vogelschrei, ähnlich einer Möwe. Doch im Blick hatte ich einen Falken, der gerade aufs Dach des Nebengebäudes flog. Kann ein Falke fast wie eine Möwe schreien?

2 von 12 – Sommerkleidung.

Irgendwann in den vorherigen 24 Stunden hatte mich eine Mücke erwischt und herzhaft in den Rücken gestochen. Der Riemen meines Handybands lief genau drüber.

Auf dem Weg in die Arbeit sorgte die wolkenlose Sonne dafür, dass mir die kalten Zehen in den Sandalen nichts ausmachten.

3 von 12 – Sommerliche Nussbaumstraße, leergefegt wie immer in den mittleren beiden Augustwochen.

4 von 12 – Wackeres Blümelein im Gehweg der Lessingstraße.

5 von 12 – Idiotensymptom an der Pettenkoferstraße.

Am Schreibtisch gereiztes Wegarbeiten unter Augenrollen: Die Welt weigerte sich schon wieder, so zu sein, wie ich sie (zu unser aller Bestem!!!) gerne gehabt hätte. Ibu gegen Ärger-Kopfweh noch vor zehn.

Mittagscappuccino im Westend – erstmal ausgebremst: Mein angesteuertes Ziel machte Sommerpause. Ich ging ein paar Schritte weiter zu einem Dean & David.

6 von 12 – Vollautomat (die verräterischen zwei dunklen Punkte im Milchschaum) statt Siebträger, schmeckte dann auch nach Automatenkaffee.

Jetzt waren die Temperaturen in der Sonne wirklich hochsommerlich, im Schatten mit dem gestrigen Wind aber weiterhin auf der angenehmen Seite.

Zu Mittag gab es später Banane, Hüttekäse, Mirabellen (sehr gut – und ich schaffte, vor Ende des halben Kilos aufzuhören).

7 von 12 – Zweites Treppentraining des Tages. Wer genau hinsieht, erkennt die Bauarbeiten am S-Bahnhof Heimeranplatz, die natürlich zu Umstellungen beim Umsteigen führen. Eigentlich sehr gut ausgeschildert, doch jeden Tag sammle ich wieder Verirrte ein und drehe sie in die richtige Richtung.

Am Nachmittag war ich für die Arbeit viel unterwegs durch die verschiedenen Temperaturzonen des Bürohauses; am angenehmsten kühl war es im Atrium, zu dem die Tür meines Büros aufgeht -> ich ließ sie offen.

Nach Feierabend marschierte ich über nur einen kurzen Einkaufsstopp heim (Feigen, Auberginencreme, Dahlien). Ich brachte die Dahlien ins Wasser, packte Tischdecke und Geschirr ein. Herr Kaltmamsell hatte bereits das Abendessen im Rucksack, zusammen radelten wir durch die Isarauen zum Flaucher-Biergarten.

8 von 12 – Das Essen in diesem Biergarten hatte mich bei den Versuchen vergangenes Jahr traurig gemacht, das hatte wir also mitgebracht. Dazu holte ich zwei Radlerhalbe und eine Riesenbreze.

Für Nicht-Bayer*innen: Das ist der Kern der hiesigen Biergartenkultur, historisch bedingt, dass man die Speisen mitbringen darf – urspünglich sogar musste. Hier ein wenig Hintergrund.

9 von 12 – Es gab Tomaten, Obatzten und Liptauer (hatte ich mal gegeneinander verkosten wollen – zu meiner Überraschung schmeckte mir der Liptauer sogar besser), die Auberginencreme, die sich als so kräuterlastig herausstellte, dass die Aubergine verschwand (aber super!).

10 von 12 – So sah das auf dem Teller aus: Gutes Abendessen in wundervollem Abendlicht.

11 von 12 – Zum Abschied vergoldete die Abendsonne die Baumwipfel. Den Flaucher-Biergarten mag ich unter anderem deshalb gern, weil man ihn nicht mit dem Auto erreicht, nur zu Fuß (U-Bahnhof Thalkirchen 10 Minuten entfernt) oder mit dem Radl.

Daheim gab es zum Nachtisch noch Eiscreme.

12 von 12 – Die schönen Dahlien freuten mich sehr – ich sollte sie nicht die letzten sein lassen.

§

Michael McIntyre’s Midnight Gameshow.

via @klugscheisser

WEHE! die Ferienwohnung in Brighton hat kein echtes, lineares Boomer-Fernsehen mehr! Das einzige, was mich über den Brexit minimal hinwegtröstet, ist britisches Fernsehen.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. August 2025 – Mehr Sommerfrische

Dienstag, 12. August 2025 um 6:28

Etwas zerstückelte Nacht, und ich stand auf mit ausgesprochenem Widerwillen, in die Arbeit zu gehen. Zumindest hatte mir das mehrmalige Aufwachen in der Nacht die Chance verschafft, durch gründliches Fenster- und Türenöffnen kühle Nachtluft durch die Wohnung wehen zu lassen; beim Aufstehen war es draußen kälter als erwartet.

Morgenkaffee dennoch auf dem Balkon (so lang es geht!), diesmal zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Erfrischender Marsch ins Büro, dort gesteigerte Emsigkeit, weil halt Arbeitsleben und meine Jobbeschreibung. (Tiefe Verbindung zu Frau Brüllens Arbeitsschilderungen, als man sich pressierig mit der Suche nach Hintergrundinformationen an mich wandte, und ich diese zwar nicht auswendig wusste, aber auf der Basis meiner Erinnerung und sorgfältiger Ablage mit zwei Handgriffen nachschlagen und liefern konnte. Inklusive zweier Dokumente zum Hintergrund des Hintergrunds, den ich damals halt wissen wollte und ohne Auftrag recherchiert sowie abgelegt hatte.)

Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, dafür später noch auf eine Einkaufsrunde. Die Temoperatur immer noch angenehm, zumal ein kühler Wind wehte. Dennoch stimmungsgebeutelt.

Zu Mittag gab es eine Banane, eine Kiwi, außerdem Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag noch einige Querschüsse aufgefangen, immer wieder hob ich den Blick in den wundervollen Sonnentag. Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, keine Spur der angekündigten “Hitzewelle” (die ohnehin schon am Donnerstag enden soll, also eher Hitzeplätschern), es war sonnig und warm mit schönem Wind – perfektes Sommerwetter für meinen Geschmack.

Zu Hause traf ich Herrn Kaltmamsell lesend auf dem Balkon an, er stand ihm gut. Parallel kümmerte er sich ums Nachtmahl. Nach meiner Einheit Pilates (diesmal im Zentrum Mobilisierung, tat sehr gut) servierte er den Kopf Stangensellerie aus Ernteanteil als Congee, also herzhaften Reisbrei.

Dazu traditionell verschiedene Toppings: Frittierte Zwiebeln, gebratener Knoblauch, eingelegte Pilze, geröstete Mandelblätter mit Thymian, eingelegter Sellerie – letzterer mein Favorit, weil sehr überraschend aromatisch. Nachtisch Schokolade. Dazu Abstimmung mit Herrn Kaltmamsell, wie wir die kostbaren Sommersonnentage noch auskosten. (Heute: Biergarten.)

Wie schon am Sonntagabend wurde der Abend schnell kühl, ich konnte beruhigt Fenster und Balkontüren öffnen.

Mehr Lektüre von Nettle and Bones, gut gemachte Unterhaltungsliteratur ist einfach ein Genuss. Ich lese mit großem Vergnügen in einer Zauberwelt herum und freue mich an dem größten Zauber: dass schlichte Buchstaben Welten hervorbringen können.

§

Spanien überrascht mich immer wieder. Jetzt zum Beispiel mit dem Umstand, dass in keinem Land die Bereitschaft zur Organspende so hoch ist. Patrick Illinger ist dem für die Süddeutsche nachgegangen (€):
“Warum Spanier so viele Organe spenden”.

Bei dieser Gelegenheit: Wenn Sie eigentlich organspendewillig sind, aber keinen Organspendeausweis bei sich tragen, geben Sie sich doch einen Ruck. Hier können Sie einen Organspendeausweise online ausfüllen oder bestellen (nimmt wirklich nicht viel Raum im Geldbeutel ein), und hier ist der Link zum Organspende-Register, mit dem Sie das absichern können.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. August 2025 – Laufen und Schwimmen an einem Sonnensonntag

Montag, 11. August 2025 um 6:29

Wieder reichlich und guter Schlaf, wieder Balkonkaffee an einem frischen Sommermorgen.

Gestern auch Balkontee.

Zu meinem geplanten Isarlauf brach ich nur wenig früher als im Durchschnitt auf, ich radelte zum Friedensengel. Unterwegs sah ich (möglicherweise zum ersten Mal) einen richtigen, wunderschönen Sonnenschirm in alltäglicher Verwendung: Weiße Häkelspitze beschattete eine Frau beim Spazierengehen.

Jetzt war es durchaus schon wärmer, als ich es ideal gern gehabt hätte, aber ich mied die Sonne und wurde immer wieder durch leichten Wind gekühlt. Die gut 100 Minuten lief ich leicht und freute mich durch und durch an den Sommerfarben.

Sagen Sie: Diese Westen/Rucksäcke, die ich seit ein paar wenigen Jahren an Jogger*innen sehe – ist das die aktuelle Lösung für Wassertransport beim Laufen? Heute sah ich zum ersten Mal jemanden damit, die an einem Schlauch saugte, der oben vorne aus ihrer Weste kam.

Ich mag diese schmalen, gut gedämpften Wege direkt am Isarufer sehr, allerdings gestern beeinträchtigt vom Bewusstsein, dass dieser ein Zeckensommer ist und die Viecher genau hier lauern. (Nix mitgenommen.)

Zu Hause duschte ich nur kurz, packte dann meinen Sportrucksack mit Freibad-Dingen: Ich hatte mit Herrn Kaltmamsell einen Besuch des Einzelbads1 vereinbart. Wir radelten auf der schattigen West-Seite der Isar dorthin, breiteten unsere Handtücher auf dem Platz aus, den ich vor Jahren als “unseren” beschlossen habe. (Erstaunlich, wie wenig flexibel ich darin bin: Auch im Dante- oder Schyrenbad käme ich nie auf die Idee, mich an einem anderen als dem anfangs als ideal bestimmten niederzulassen. Ich führe das auf meine Baggersee-Kindheit zurück, in der es selbstverständlich nur die eine Stelle am Ufer gab, an der die Familie ihre Badetage verbrachte, legendäre Geschichten erzählend, wo man einst an völlig anderer Stelle mit welcher Freundin lag.)

Zweimal ließ ich mich den eisigen Isarkanal heruntertreiben (mit ein wenig Gegenschwimmen), zwischen sehr viel anderem Badevolk (voller als einem heißen, sonnigen Augustsonntag wird ein Münchner Freibad wohl nicht), trocknete und döste dazwischen in der Sonne. Frühstück um halb zwei: Gurke, Hüttenkäse, Schrumpelpfirsiche, Renekloden.

Nach zwei Stunden waren wir durch mit Freibad – die Zeiten, in denen mir ein Hitze-Tag im Freibad oder am See erstrebenswerter schien als einer in der kühlen Wohnung oder auf dem bequemen Balkon, sind wohl rum. Aber solche Ausflüge mag ich, und der Kanal im Einzelbad ist einfach unvergleichlich.

Daheim reinigte ich mich jetzt gründlich. Die Pilates-Einheit diesmal ungestört, sie tat gut.

Die beiden Kohlrabis aus Ernteanteil verarbeitete Herr Kaltmamsell zu einem köstlichen Pastagericht mit Pesto (Basilikum aus Ernteanteil der Vorwoche). Nachtisch Vanillepudding mit Zwetschgenröster, Schokolade.

Eine weitere Folge Mad Men, früh ins Bett zum Lesen: Nettle and Bones macht sich sehr gut, diese Prinzessin-in-magischer-Welt-schwimmt-sich-frei-Geschichte ist so erzählt, dass sie sogar mich Fantasy-Allergikerin anspricht – man kann halt in jedem Genre gut und schlecht schreiben (eine Besprechung auf Goodreads hat mich draufgebracht, glaube ich).

§

“Vom Verschwinden des 10. August”.

Vor 50 Jahren jagten mehrere hundert Menschen algerische Vertragsarbeiter durch Erfurt – doch aus dem öffentlichen Bewusstsein ist das wie ausradiert. Was erzählen die Männer, die sich damals wehrten?

Was? Wie? Natürlich hatte auch ich nie davon gehört.

§

Was macht eine türkische Rhythmusmaschine aus den 70ern in ihrer Freizeit? (Nein, die kann keinen Lambada.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/58H5_tTRs4Y?si=vdFu7MQEW9g2lJ56

via @giardino

Was mir erst gestern bewusst wurde: Wie lang und laut die Glocken der evangelischen Kirche St. Matthäus an einem Sonntag zwischen 7:30 und 8:30 läuten, zusammen sicher mehr als 20 Minuten. Ich saß nämlich auf dem Balkon, als ich dieses spannende YouTube-Stück ansah – und musste jeweils so lange unterbrechen, den um über die Glocken irgendwas zu verstehen, hätte ich brutal laut stellen müssen.

  1. Naturbad Maria Einsiedel – seit hier in den Kommentaren jemand erzählte, dass die Kinder daraus “Einzelbad” machten, haben wir das übernommen. []
die Kaltmamsell

Journal Samstag, 9. August 2025 – Jenny Erpenbeck, Heimsuchung

Sonntag, 10. August 2025 um 7:41

BEVOR MIR NOCH MEHR ALS DIE BISHERIGEN FÜNF ERST-KOMMENTATOR*INNEN DEN TIPP GEBEN, DASS MAN KI-ERGEBNISSE BEI GOOGLE MIT “-AI” AUSSCHALTEN KANN: DAS HATTE ICH BEREITS VOR WOCHEN HIER IM BLOG EMPFOHLEN. VERSUCHEN SIE BITTE HINZUNEHMEN, DASS ICH EINFACH DAS PHÄNOMEN KI-BLINDNESS BESCHRIEB. SIE SCHAFFEN DAS.
(*macht Fettung rückgängig*)

§

Jenny Erpenbeck, Heimsuchung von 2008.

Ein Stück Land im Osten Deutschlands und sein Schicksal im 20. Jahrhundert, inklusive Vorgeschichte, inklusive beteiligten Menschen, inklusive seiner Bearbeitung und Bebauung, vor allem mit einem markanten Haus – so die geniale Grundidee für diesen Roman. Und dann der geniale Titel, der die großen Themen vorgibt: Heimsuchung sowohl aus Gesuchten-, als auch aus Heimsuchenden-Perspektive, dazu das grundmenschliche Suchen eines Heims.

Erzählt wird chronologisch in Kapiteln um je eine Protagonistin, einen Protagonisten. Die historischen Ereignisse im Osten Deutschlands des 20. Jahrhunderts stehen mal angedeutet im Hintergrund, mal weit vorne. Wir erfahren die Geschichte der einstigen Besitzerin dieses Grundstücks am See, dann die des Architekten, der es mit einem sehr besonderen Haus bebaut, ganz nach den kreativen Wünschen seiner deutlich jüngeren Frau. Diese Frau steht im Mittelpunkt eines Kapitels, das die Einladungen und Feste dieses Paars in den 1930ern schildert, ich war sofort drin. Auch das Haus samt seinem sich wandelnden Garten und Ufer wird im Fortlauf der Erzählung immer deutlicher und lebendiger.

Immer wieder war ich sehr angerührt, am meisten von dem Kapitel “Die Besucherin”, das die Gedanken einer alten Frau wiedergibt, Flüchtling, die sich unter anderem ums Fremdsein drehen.

Nur eine Figur kehrt als Kapitelzentrum immer wieder: Der Gärtner, der dadurch immer mehr eine mythologische Figur wird. Als ich mich schon fragte, ob er wohl nie alterte, brach er sich ein Bein und wurde fast schlagartig ein alter Mann.

Die Sprache ist vordergründig einfach. Viele Kapitel enthalten Wortschleifen, sich wiederholende Formulierungen – doch die haben in jedem Kapitel eine andere Funktion: mal imitieren sie Rituale und Gewohnheiten, mal spiegeln sie realistsch Gedankenschleifen, mal lesen sie sich formelhaft und Litanei-artig wie alte Epen.

Immer wieder wechseln die Kapitel fein ihre Erzählmittel, immer aber in Begleitung einer starken impliziten Erzählstimme bei personaler Perspektive. Nur den Gärtner lernen wir nie von innen kennen, konsequenterweise verschwindet er auch irgendwann einfach.

Ich fände interessant, den Interpretationsansatz durchzuspielen, ob wir Deutschen nicht vielleicht gesamt seit der zivilisatorischen Komplettkatastrophe des Dritten Reichs auf der Suche nach einem Heim sind – geografisch (Reisenation Nr. 1), in unserer Zusammensetzung mit vielen Migrant*innen aus unterschiedlichsten Beweggründen, in unserer Selbstdefinition. (Gut möglich, dass das Ergbenis ist: Nee, funktioniert nicht.)

Heimsuchung ist seit 2024 Pflichtlektüre in der gymnasialen Oberstufe (in allen Bundesländern, die am länderübergreifenden Abitur teilnehmen). Ich halte den Roman für ausgesprochen geeignet dafür – doch da in Deutschland unverhandelbar gesetzt ist, dass man jedes literarische Werk hasst, das man in der Schule lesen musste, bedaure ich das auch.

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Neun Stunden guter Nachtschlaf, ein wertvolles Geschenk. Draußen der angekündigte Sommermorgen, noch recht frisch. Die nassen Wochen davor waren so kalt, dass ich mich jetzt energisch ermahnen musste, die aufziehende Hitze mit Rollladen und geschlossenen Fenstern auszusperren, noch löste sie in erster Line wohliges Schnurren aus.

Balkonkaffee! Mit wiedererwachender Hakenlilie und Miniermotten-zerfressenen Kastanien.

Als ich nach Bloggen mit Milchkaffee, Wasserfiltertausch, Kanne Schwarztee, Aufhängen frisch gewaschene Bettwäsche, Morgentoilette spezial fertig war für meine Schwimmrunde im Dantebad, entschied ich mich für Öffis statt Rad: Mittlerweile fürchte ich mich richtig vor den losplärrenden Martinshörnern im Stadtverkehr (zur Sicherheit: Das Problem bin ich, irgendeine Verdrahtung ist in meinem Gehör verrutscht, so heftig reagiert sonst fast niemand darauf; ich kenne nur eine Person, die Ähnliches beschreibt – und das interessanterweise auf Wechseljahre zurückführt), die mich bis ins Mark erschrecken, vom Rad fegen, ruckartig Ohren zuhalten und aufschreien lassen.

Ausgang U-Bahnhof Westfriedhof.

Sehr angenehmes Schwimmen, alle vertrugen sich auf der Bahn, ich fühlte mich stark und zog 3.300 Meter schmerzfrei durch.

Nach Abbrausen, Bikiniwechsel, neu Sonnencremen legte ich mich auf die jetzt wieder saftig grüne Liegewiese. Allerdings ohne Musik auf den Ohren: Meine Kopfhörer zeigten wieder den Trick Spontanentladung-nach-Aufladen-über Nacht. Machte nichts. Zum einen wollte ich eh nicht zu lange in der Sonne bleiben, zum anderen lauschte ich dösend in leisem Wind den Gesprächen um mich herum. Und erfuhr: dass weiter in Torremolinos Urlaub gemacht wird / dass unter manchen jungen Frauen die Tiefe der Bräune noch als Qualitätskriterium eines Urlaubs gilt wie in den 1980ern / dass hispano-hablante Müncher*innen vom Dantebad “en pleno invierno”, also mitten im Winter schwärmen.

Heimfahrt über Semmelkauf, das Thermometer der Marien-Apotheke am Sendlinger Torplatz zeigte im Schatten deutlich über 30 Grad an.

Kurz vor drei gab es als Frühstück eine Dinkelseele mit Butter und Tomate, eine Körnersemmel mit Butter und Hagebuttenmark, Schrumpelpfirsiche (Trocknen statt Nachreifen, es bleibt Glücksspiel).

Herr Kaltmamsell kam seiner erbetenen Pflicht nach, mich an zwei Dinge zu erinnern: Tischreservierung in der Wiener Meierei Ende August (check), ETA für Wanderurlaub in England. Mein erster ETA-Versuch (Electronic Travel Authorisation, nicht etwa Euskadi Ta Askatasuna) war am Scan meines Ausweises gescheitert, diesmal nahm ich wie angewiesen (LESEN!) meinen Reisepass. Fisselig war hier das Einlesen des Chips im Reisepass, nach sechs Versuchen schaffte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell auch das. Antrag durchgestanden (Bayern-ID härtet ab), die ETA bekam ich innerhalb von Sekunden per Mail. Und brauche jetzt nichts weiter als meinen Reisepass, alles andere ist laut dieser Mail hinterlegt. In der auch stand “To help us improve the ETA application process, tell us what you thought at: $URL”
“Bloody idiots! You Brexit morons!”, wäre ehrlich, aber unhöflich gewesen und hätte vermutlich nicht als konstruktives Feedback gegolten.

Nachmittag in der angenehm kühlen Wohnung (ab jetzt ist das Hitze-Aussperren wieder organisch – allerdings klemmt seit gestern der Rolladen von Herrn Kaltmamsells Zimmer nach Westen; ich befürchte ein schlimmes Hitze-Einfallstor) mit Zeitunglesen. Besonder gut gefielen mir das Buch zwei über eine Reisegruppe, die in Berlin ihre Bundestagsabgeordnete besucht (“‘Huhu, wie is et?'” – €) und auf der Medienseite das Interview mit ARD-Vorsitzendem Florian Hager über ein Thema, das auch mich seit einigen Jahren umtreibt: Wie die Öffentlich-rechtlichen Medien ihrem Auftrag in einer sich existenziell verändernden Medienwelt nachkommen können (auf der re:publica schon lange eine Dauerbrenner) – “‘Was wir sehen, ist das Ende der Massenmedien'” (€).

Als Zwischenspiel vor dem nächsten 30-Tage-Programm Yoga begann ich wieder eine Pilates-Woche – die gestrige Folge leider beeinträchtigt durch Kreislauf-Turbulenzen inklusive Schweißausbruch.

Besoners köstliches Nachtmahl: Herr Kaltmamsell seriverte die Ernteanteil-Zucchini auf Ricotta mit Haselnüssen. Dazu tranken wir Gin Tonics. Nachtisch Schokolade.

Im Bett die nächste Lektüre: T. Kingfisher, Nettle and Bone – was komplett Anderes, eine nicht-realistische Geschichte in einer magischen Welt.

die Kaltmamsell