Journal Sonntag, 13. September 2020 – Sommersonntag im September

Montag, 14. September 2020 um 6:03

Wieder endete die Nacht kurz nach vier. Ich wälzte mich noch bis halb sechs und gab dann das Warten auf Schlaf auf.

Erst mal las ich bockig noch ein Kapitel Nineteen Eighty-Four, dann erklärte ich den Morgen für begonnen (Milchkaffee, Bloggen). Aber so hatte ich halt um neun bereits die Twitter-Timeline ausgelesen, Bettzeug abgezogen, gewaschen, aufgehängt, Zwetschgenkuchen gebacken und saß auf dem Rad Richtung Olympiabad. (Ich hatte mich wieder vergeblich um eine Anmeldung zum Freibadschwumm im Schyrenbad bemüht.)

Den leichten Pulli hätte ich nicht mal gebraucht, es war schon jetzt Kurzärmel-warm. Schwimmen leider nicht erfreulich: Erst zickte die kaputte Hüfte, und gerade als ich in Fluss gekommen war und das ignorieren konnte, wurde die Schwimmbahn von einer zehnköpfigen Rotte älterer Kinder gekapert, die mit allem Spielzeug ausgestattet waren, das das Sportmarketing hergibt (Bretter, Polster, Flossen, Paddel) und immer im Pulk losschwammen – gerne genau dann, wenn ich gewendet hatte. Ich brach ab, nicht ohne hiermit wissenschaftlich zu dokumentieren, dass einem auch in Chlorwasser vor Wut Rauch aus den Ohren steigen kann.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln, die gab’s daheim. Danach war ich zu meiner Erleichterung Siesta-schwer und konnte anderthalb Stunden Schlaf nachholen.

Ich setzte mich auf den Balkon (nicht zu warm, nicht zu kalt), las Nineteen Eigty-Four aus, aß Zwetschgenkuchen mit Sahne. Jetzt trieb es mich doch nochmal raus, ich spazierte über den Südfriedhof und ein Stück die Isar entlang.


Der Südfriedhof noch ohne Herbstanzeichen.


Die Isar eifrig bebadet. (Abstand? Welcher Abstand?)

Zurück daheim packte ich den Bügelstapel an, unwillig – ich hängte mir die Karotte vor die Nase, dass ich dabei endlich das Netzpolitik-Interview mit Zoë Beck anhören konnte:
„Zoe Beck: Netzpolitische Krimis“.

Ich wurde reichlich für die Bügelanstrengung entschädigt. Hatte ich schon lange den Verdacht gehabt, dass Zoë Beck eine besonders kluge Frau ist, fand ich mich jetzt bestätigt: Ob es um die Verlagswelt ging, um das Leben überhaupt oder um die Konstruktion ihrer Romane – zu allem waren ihre Gedanken erhellend (u.a. warum man im Erzählen des 19. Jahrhunderts noch viel beschreiben musste, heute aber nicht). Bitter auch ihr Bericht, wie frühere Verlage ihr Frauen als Zielgruppe erklärten und wie sie folglich über welche Themen schreiben sollte. Ich habe gute Lust, zu einer Unterschriftenliste von viellesenden Frauen aufzurufen, die gerne Geschichten mit viel Technik und viel Politik mögen (das interessiert uns nämlich laut diesen Verlagen nicht).

Der erste Kürbis der Saison bekam wieder die Ehre, gebacken mit Äpfeln, Pilzen, Ruccola und Käse als Salat serviert zu werden.

Im Bett neues Buch für die Leserunde angefangen: Karosh Taha, Im Bauch der Königin.

§

Langer, sehr lustiger Twitter-Faden zur Lage UK-Brexit, damit geht er los:

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 12. September 2020 – Rebellische Haltungen

Sonntag, 13. September 2020 um 7:15

(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu spät.)

Mit Kopfweh aufgewacht – das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zurück ins Bett trieb, weil migränoid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden.

Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen.

Auf dem Weg zum Bahnhof entdeckte ich in der Goethestraße eine mir unbekannte Hausentkernungstechnik und bat Herrn Kaltmamsell, ein Foto zu machen (mein Handy steckte im Rucksack):

Bisher war ich riesige, verstärkte Plastikschläuche gewohnt, durch die Bauschutt nach unten in einen Müllcontainer geleitet wird; hier hing nun der Container direkt am Fenster bei den Schuttarbeiten.

Am Münchner Hauptbahnhof viel Polizei: Gestern war eine Großdemo gegen Corona-Maßnahmen angekündigt, zumindest war die Kundgebung am Odeonsplatz untersagt (und damit vor der historisch belasteten Feldherrnhalle) und auf die Theresienwiese verlegt worden.

Bei Schwiegers Wiedersehensfreude und Austausch von OP-Geschichten, manche Eingriffe werden dann doch kompliziert. Außerdem köstliches Mittagessen: Vorspeisensalat, dann geschmorte Ochsenbackerl mit Spätzle und Gemüse, nachmittags Zwetschgendatschi mit Sahne.

Schwiegers sind schon früh ziemlich rumgekommen. (Ich liebe diesen Zeichenstil, den ich aus Illustrationen von Romanen der 1950er kenne.)

Ich lieh mir für die eigene OP die Greifzange aus, die ich laut Klinik-Checkliste mitbringen soll – auch wenn sie laut den beiden OP-Veteranen nicht wirklich benötigt wird.

Zurück in München setzte ich mich auf den Balkon in die warme Luft, von der Theresienwiese schallte noch bis in die Abenddämmerung das Blaffen der Redner gegen Corona-Maßnahmen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Karottensalat mit Gewürzjoghurt und Kräutern, außerdem ein wenig Blattsalat. Nachtisch Schokolade.

Ich las weiter in Nineteen Eighty-Four. In den Zitaten des „Book“ und in den Folterszenen wird deutlich die Methode der totalitären Volksentmachtung nachgezeichnet, erst theoretisch, dann praktisch: Wie man leider an der Politik Donald Trumps erlebt, geht es eben nicht darum, eine konsequente Lüge aufzubauen, sondern eine ständig wechselnde Realität zu behaupten, bis das Volk das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung aufgibt – also in einem Moment das eine auszusagen, im nächsten das Gegenteil, als hätte es die vorherige Aussage nie gegeben.

§

Hilmar Klute macht sich in der Wochenend-SZ Gedanken über die rebellische Haltung, die viele der Demonstrierenden gegen Coronamaßnahmen (oder auch hier gegen selbst erfundene Regelungen) verbindet (€):
„Die Maßlosen“.

Zum Vorabend der Studentenrevolte, am 5. Mai 1967, hielt der Schriftsteller Peter Schneider eine Ansprache, die später als „Rasenrede“ in die jüngere Kulturgeschichte des Zorns eingehen sollte – und mit der eine gezielte Regelverletzung gewissermaßen den Durchstoß zur Wahrheit bringen sollte. Man wisse ja, sagte Schneider damals vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, dass dem Spießerdeutschen die Gräuel des Vietnamkrieges herzlich egal seien, wohingegen „wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen“. Am darauf folgenden Tag wurden Studenten dabei beobachtet, wie sie, zitternd vor Kühnheit, über den Campus-Rasen der FU latschten.

Von heute aus betrachtet, kommt einem diese wilde Übertretung erstens niedlich und zweitens beinahe wie politischer Aberglaube vor: Indem ich meinen Fuß auf ein Stück Rasen setze, das von der bürgerlichen Mehrheit als schützenswert betrachtet wird, trete ich zugleich in den Kampf gegen jene imperialistischen Kräfte ein, die einem Teil der Welt Verderben und Untergang bescheren. Dieses eigentümliche Gemisch aus symbolischem Gefuchtel und der bräsigen Vorstellung, man bewege mit seinem patzigen kleinen Widerstand politisches Weltgeröll, hat sich bis heute gehalten. Aber das Image des Regelverletzers hat sich zusehends zu dessen Nachteil gewandelt.

Denn heute leben wir in einer liberalen Gesellschaft; in Jeans in die Oper zu gehen, als Paar unverheiratet zusammen zu leben, als Arztsohn Musiker zu werden, Rotwein zum Fisch zu trinken – das alles gilt nicht als Rebellentum, sondern als persönliche Entscheidung oder individueller Stil.

Die Regelverletzung ist die auf Abwege geratene Stiefschwester der Ordnung, ihre Auftritte in den Unruhephasen der Bundesrepublik haben sich ins Gedächtnis eingenistet. Die illustren Beispiele reichen von der Weigerung des Kommunarden Fritz Teufel, sich vor dem Berliner Landgericht zu erheben (einschließlich der die Autorität parodierenden Einlenkungsphrase: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient“), über den bizarren Einfall des radikalen Studenten Karl-Heinz Pawla, vor dem Schöffengericht Tiergarten zu defäkieren, bis hin zu Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen. Aber im Dezember 1985, als Fischer in Wiesbaden den Amtseid leistete, war diese Regelverletzung bereits ein fast musealer Anstrich an der Biografie eines Politikers, der sich längst der Regeltreue des Establishments verpflichtet hatte.

Als Vollendung der Umkehrung, in der Regelverletzung sich gegen Grundwerte richtet und nicht mehr gegen aufgesetzte Autorität, identifiziert Klute den Wahlsieg Donald Trumps:

Wie es aussieht, hat sich der Leumund des Regelverletzers in letzter Zeit zu dessen Ungunsten verändert. Und wenn man es weltgeschichtlich terminieren möchte, dann käme man womöglich auf den Herbst 2016, als Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde. Trump hat seine Politik, oder was er dafür hält, auf dem Prinzip der permanenten Regelverletzung begründet. Die Verabschiedung von globalen Übereinkünften, politischen Anstandsregeln und von der Achtung zivilgesellschaftlicher Normen war von Anfang an sein staatspolitisches Credo. Trump verletzt die Regeln derart brutal, konsequent und in solch monströser Zeigefreude, dass selbst dem größten Sympathisanten bizarrer Übertretungskultur die Lust an der Provokation vergehen muss. Wie rasch die programmatische Regelverletzung dazu führen kann, dass ein Land und seine Gesellschaft zugrunde gehen, war in Minneapolis, in Portland und überall dort zu beobachten, wo Menschen spüren, dass die Übereinkünfte der zivilen Welt von staatlicher Seite verhöhnt werden.

Aktuelle Ergänzung ist der britische Premier Boris Johnson, der beschlossen hat, dass ihm der mit der EU vereinbarte und bereits gültige Austrittsvertrag egal ist und UK jetzt einfach etwas anderes macht. Womit er in einer Weise gegen die Regeln verstößt, die Trump seit vier Jahren vormacht.

Unser derzeitiger geselleschaftlicher Konsens ist sogar darauf ausgerichtet, möglichst viel Individualismus und persönliche Entscheidung zuzulassen und nur dann einzugreifen, wenn das große Ganze beschädigt würde. Wie im aktuellen Fall einer Pandemie.

Die Verbindlichkeit der Regeln leuchtete den meisten Menschen bald ein, weil ihre Beherzigung womöglich schon den Weg in Richtung Aufhebung der Regeln vorzeichnen könnte. Irgendwann wurde es zur Pflicht, eine Atemschutzmaske zu tragen, und von dem Zeitpunkt an begann ein immer lauter werdender Chor damit, zur Regelverletzung aufzurufen. Mag sein, dass es der symbolische Nimbus der verschleiernden Maske war, möglicherweise auch ihr Sitz an einer so empfindlichen Stelle, dem Gesicht, das ja für Identität und individuelle Kenntlichmachung steht. Die Maske wurde den Regelkritikern zum Fetisch der Unfreiheit, was eigentlich unsinnig ist, denn mit der Maske vor der Nase hatte man sich ja den Passierschein für beinahe überallhin vor das Gesicht gebunden. Es gab auch gleich die große Palette an Farbreichtum, schickem Zuschnitt oder – für die ganz Korrekten – hygienischem Einmalgebrauch auf den Markt. Gegen die Angst, ein dumpf vor den Mund gepapptes Stück Stoff tragen zu müssen, bediente der Kapitalismus auch weiter die Nachfrage nach individueller Einzigartigkeit.

Aber sicher muss man wachsam bleiben und soll Regelungen hinterfragen, soll man Regeln weiterhin verletzten. Klute zitiert Habermas:

„Der Regelverletzer“, schreibt Habermas, „muss skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anmaßung entspringt.“

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 11. September 2020 – Wrack-Gefühle und mehr Sommer

Samstag, 12. September 2020 um 9:55

Die Nacht war um 4 Uhr vorbei, danach ruhte ich halt noch bis zum Sport-frühen Weckerklingeln. Auf dem Crosstrainer fühlte ich mich wie fast immer sehr munter, doch insgesamt geht mein Befinden recht sicher Richtung fix und fertig / am Zahnfleisch / kurz vor Zusammenbruch. (Was ich mir dann doch wieder nicht glaube, denn schließlich kann ich doch noch Crosstrainer, Radfahren und 9,5-Stunden-Tag.) Die Beschwerden durch die einseitige Belastung werden täglich mehr, jetzt schmerzt auch – aber anders – die linke Hüfte, der Fersensporn im linken Fuß meldet sich zurück.
Schbin ’n Wrack.

Kleidungswahl ist derzeit leicht neben der Spur: Ich war darauf ausgerichtet, die Sommerkleidung hinter mir zu lassen, und hatte sorgsam darauf geachtet, sie in einen gewaschenen (keine Motten beim Einlagern!) und gebügelten Zustand zu bringen. Jetzt legt die Wettervorhersage nahe, dass ich sie über dieses Wochenende hinaus brauche.

Als ich auf mein Rad stieg, sah ich ein rotes Eichhörnchen im Gebüsch verschwinden, und das rettete einiges.

Aber nicht alles: In der Arbeit war mein Geduldfaden kurz.

Mittags Tomaten mit Olivenöl, ein Laugenzöpferl.

Online einen Termin für Coronatest besorgt: Die operierende Klinik erwartet beim Einrücken eine aktuelle schriftliche Bescheinigung.

Mein Büronachmittag, fürchte ich, war nicht besonders produktiv. Nachmittagssnack getrocknete Aprikosen und halber Eiweißriegel.

Ein nochmal sommerlicher Tag, beim frühen Heimkommen setzte ich mich erst mal zum Lesen auf den Balkon.

Zum Nachtmahl gab’s Kuh auf Wiese: Herr Kaltmamsell hatte beim Hermannsdorfer Rib-Eye-Steak gekauft, das wir uns teilten, dazu Ernteanteil-Salat. Zur Feier des Wochenendes Aperol Spritz.

Mit Eiskugeln aus dem Eiskugelmacher, den mein Bruder mir geschenkt hat. (Und ja: Plastikstrohalme. Jemand in diesem Haushalt hat vor vielen Jahren eine so große Packung gekauft, dass wir wahrscheinlich noch bis zur Rente welche haben. Aber wegwerfen ja wohl lieber nach Benutzung.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 10. September 2020 – Weitere OP-Countdown-Schritte

Freitag, 11. September 2020 um 6:16

Viel geschlafen in der Nacht, immer wieder aufgeweckt zur Abwechlung nicht nur von Schmerzen, sondern auch von zu kalt und zu warm (bei identischer Decke -> Wechseljahrhormone?).

Ein schöner, sonniger Tag. In der Arbeit viel Arbeit, viel Unterstützungsarbeit. Ich fange langsam an durchsickern zu lassen, dass ich ab in drei Wochen eine längere Weile weg sein werde („dann wirst du das alleine machen müssen!“) – durch die überwiegende Arbeit von daheim aus haben die wenigsten im Team meine Krankheit mitbekommen. Unter anderem schrieb ich weiter an der Liste mit Arbeitsanleitungen für die Tätigkeiten, die nur ich mache. (Ich träume ja davon, dass ich wiederkomme und sich die Hälfte meiner Tätigkeiten als überflüssig erwiesen hat.) Außerdem stellte ich Erkundigungen an, wie das im Detail für diese Zeit mit Krankschreibung und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen funktioniert: Woher kriegen, wem schicken etc.

Mittags ein Stück Quiche vom Vorabend, außerdem Quark mit Joghurt. Am späten Nachmittag ein Apfel und ein halber Eiweißriegel, ich brauchte eine Grundlage für Vorhaben nach der Arbeit.

Nämlich hatte ich einen Arzttermin, vorher radelte ich an den Josephsplatz, um ein bestelltes Buch abzuholen. Der Arzt war für die Augen und hat seine Praxis zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Wegen immer weiter reichender Bauarbeiten um den Bahnhof war es ziemlich kompliziert, die Adresse zu erreichen: Humpeln, Fahrradschieben und Eile ergaben zusammen sicher ein amüsantes Bild. Der Doktor machte einen verlässlichen und sympathischen Eindruck, und jetzt weiß ich, dass ich an sich keine neue Brille brauche: Der Fachmann stufte es als positiv ein, dass ich zum Lesen seit Jahren gar keine Brille brauche und meinte, es sei völlig in Ordnung, jetzt den Lesestoff zum Scharfstellen ein wenig weiter weg zu halten; Gleitsichtbrille sei noch nicht nötig. Wunderbar!

Nachtmahl war eine Schüssel Ernteanteilsalat mit Tomaten und Eiern, dazu ein kleines Glas Rosé, danach Schokolade.

§

Gestern war in Deutschland Warntag: Es wurde getestet, ob man bei Bedrohung zentral landesweit Alarm schlagen kann, egal mit welchen Mitteln. Und es stellte sich heraus: Nein, das funktioniert derzeit nicht. Militär-Experte Thomas Wiegold hat fürs Techniktagebuch kundig aufgeschrieben, wie wir da reingeraten sind.
„Viel Nichts um Lärm“.
(Die Überschrift hat Thomas sich zwar nur ausgeliehen, ich bejuble sie dennoch sehr.)

§

Als indirekten Nachtrag zum Zeitreisebuch retweetete @kathrinpassig konkrete Tipps von Cody Cassidy in Wired für eine attraktive Zeitreise-Destination.
„How to Escape From an Erupting Volcano
If you had been in Pompeii in 79 AD, you might have tried to hunker down or escape by sea. This would be a mistake. But there is a way to safety.“

Inklusive einem „Volcano Evacuation Plan 79 A.D.“ für Pompeji.

Unter anderem habe ich daraus gelernt, dass die heiße Lava selbst gar nicht so gefährlich ist:

Depending on its composition, lava ranges from 10,000 to 100 million times as viscous as water. This means even the runniest molten rock has the viscosity of room temperature honey. Unless you’re on a very steep slope, you can generally outrun it. Stationary objects like houses can be flattened by these fiery rivers, but “usually people can move out of the way,” says Stephen Self, a volcanologist at UC Berkeley.

Im Artikel auch viel Chemie, die erklärt, warum dieser Vulkanausbruch so besonders zerstörerisch war: U.a. weil der Vesuv auf Kalkstein sitzt.

Limestone (CaCO3) + heat results in the volcanically unfortunate combination of calcium oxide and CO2. In other words, standing in Pompeii places you in the hazard zone of carbonated magma.

Cody Cassidy empfiehlt, sich in Pompeji und später in Herculaneum nochmal mit Brotzeit einzudecken: Vor der Zeitreise also daran denken, örtlich und zeitlich passende Münzen zu besorgen.

§

Jan Jekal im Feuilleton der gestrigen Süddeutschen über Buster Keaton, der vor 100 Jahren seine ersten eigenen Filme drehte:
„Nicht witzig, aberwitzig“.

Abends guckte ich mir den erwähnte Film „One Week“ an.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/OecqIhA4Jxg

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 9. September 2020 – Käseabenteuer

Donnerstag, 10. September 2020 um 6:28

Besserer Schlaf. Ich freue mich ja schon, wenn ich überhaupt die eine oder andere Stunde am Stück tief schlafe.

Crosstrainer-Runde mit großer Dankbarkeit, dass mir die Schmerzen dieses Vergnügen noch erlauben.

Es dämmerte ein sonniger Tag, der klar blieb und warm wurde. Schönes Radeln in die Arbeit. Dort viel zu tun. (All die schmerzvollen Minuten, in denen mir Leute am Telefon erklären, dass sie mich nicht aufhalten wollen.)

Am Samstag hatte ich an der Kühltheke des Eataly zu einem Käse gegriffen, der besonders seltsam aussah, wie ein Schwamm. Er war auf der Verpackung als „Pannerone Lodigiano“ ausgezeichnet, und landete erst mal in unseren Kühlschrank. Als ich am Montag aus der Arbeit kam, erzählte Herr Kaltmamsell, er habe ihn probiert, und irgendwas stimme damit nicht: „Ich bin sicher, dass der nicht so schmecken soll.“ Auch ich probierte: Na ja, schon seltsam. Am Dienstag informierte mich Herr Kaltmamsell, dass er diesen Käse ganz sicher nicht essen werde, da sei irgendwas schief gegangen. Erstaunliche Vehemenz für jemanden, der wie ich bislang noch vor keinem noch so stinkigen oder gammlig aussehenden Käse zurückgeschreckt ist.

Meine Recherche führte mich zu diesem Artikel von 2016:
„Pannerone Lodigiano (Week 13)“.

Demnach ist der Käse eine norditalienische Rarität aus Lodi, es gibt es nur noch einen einzigen Produzenten, Slow Food bemüht sich um Erhalt (zumindest in den vergangenen vier Jahren offensichtlich erfolgreich). Aber, wie es ebenfalls in dem Text heißt, „an acquired taste“, man muss sich also erst mal dran gewöhnen. Der Artikel empfiehlt, ihn zusammen mit Obst zu essen, also schnitt ich mir fürs Mittagessen eine aromatische Nektarine dazu auf.

Passte gut, brachte mich auch drauf, was den Käse so gewöhnungbedürftig macht: er ist nicht salzig, aber dennoch leicht stinkig-seifig. Ich frage mich, mit welchem Wein er sich gut verstehen würde. Doch um das herauszufinden, müsste ich ihn nochmal kaufen – und ich weiß nicht, ob ich dazu bereit bin.

Dann mehr Arbeit, Bauchschmerzen. Ich blieb nicht bis spät.

Nach Feierabend Einkaufen im Kaufhaus: Für Krankenhaus und Reha noch ein Nachthemd, außerdem Sweatpants und Badelatschen. Um mich Menschen in Hochsommerkleidung, viele sehr urlaubsgebräunt.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell eine selbst erfundene Quiche mit Speck und Lauch. Den Mürbteig dafür hatte er fertig gekauft – und einen gesüßten erwischt. Schadete dem Genuss nicht wirklich.

Als Abendunterhaltung lief im Fernsehen mal wieder The Good Doctor, bei dem ich immer noch nicht recht weiß (zumindest habe ich nicht nach wenigen Minuten das dringende Bedürfnis wegzuschalten, was die Serie erträglicher macht als ca. 95 % aller anderen). Ich mag an Ärzteserien, einem Genre, das ich durch ER als sehr attraktiv entdeckt habe, halt am meisten das Medizinische. Und davon gab es mir gestern nicht genug.

§

@herdyshepherd1 im Guardian:
„Enough with ‚local‘ and ‚organic‘. We’ll begin to eat well when we farm well“.

What we choose to eat isn’t just a personal choice. The things we pick from the shelves as we shop (and how much we pay for them) add up to a world-shaping message that is broadcast across the fields and determines what farmers choose to grow and how they must do it.

(…)

We need to ask for “regenerative” agriculture, which means boosting soil health and encouraging biodiversity by working with natural processes as we grow food. More often than not, this means using grazing animals in “mixed” farming systems. Livestock, if well managed, repair soil, trample or eat crop residues and waste, provide fertiliser and control weeds. It means our uplands becoming patchworks of native habitats – meadows and pastures, woodland and bogs – and our lowlands working as rotational mosaics of fields.

Interessant ist, dass James Rebanks meinen Verdacht bestärkt, dass Viehwirtschaft ein integraler Bestandteil von nachhaltiger Landwirtschaft ist. (Selbstverständlich hat Massentierhaltung nichts damit zu tun.)

The difficult truth is that there’s no such thing as a one-size-fits-all global sustainable diet that will solve the ecological crisis at one fell swoop. We are all local to somewhere and owning, seeing and taking responsibility for our food and how it is grown is imperative.

§

Twitter-Sammlung: ‘women writers looking bored and holding a cigarette’

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 8. September 2020 – Es wird neblig

Mittwoch, 9. September 2020 um 5:50

Böse Nacht mit mindestens anderthalbstündiger Schlafpause. Aufwachen mit schlimmen Schmerzen.

Trotzdem ein wenig Bankstütz.

Erst Dienstag.

Dafür, dass gestern Wetteraufhellung angekündigt war, kam mir das Draußen um Sonnenaufgang herum reichlich düster vor. Stellte sich heraus: Erster Ansatz von Herbstnebel in der Münchner Innenstadt.

Emsige Arbeit, aber ohne Überforderung. Über den Tag wurde das Wetter immer sonniger und wärmer.

Mittags Tomaten (Ernteanteil) mit selbstgebackenem Brot, sehr gute Nektarine mit Feta (empfehlenswerte Kombination). Später Nachmittagssnack, der gut vorhalten musste: Hüttenkäse und getrocknete Aprikosen.

Nach Feierabend hatte ich nämlich erst mal einen Friseurtermin, auf den ich mich sehr freute: Ich bekam die Haare wieder ordentlich kurz. Heimradeln zwischen kurzärmligen Menschen.

Daheim waren die Unterlagen der Reha-Klinik am Tegernsee eingetroffen: Man rechnet dort bereits fünf Tage nach der OP mit mir – holla, die meinen das wirklich ernst mit der blutigen Entlassung.

Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl aus Grünkohl und Kartoffeln des Ernteanteils Eintopf gekocht, der sehr gut schmeckte.

Ich versuchte, meine Klinikausstattung (ein drittes Nachthemd, zwei weite Sporthosen, Badelatschen) bei Tchibo online zu komplettieren, aber alle Versuche scheiterten an der Fehlermeldung nach letztem Bestell-Klick: nicht alle Artikel verfügbar – ohne anzuzeigen, welche denn nun nicht (und warum sie mir dann vorher überhaupt als erwerbbar angezeigt worden waren). Also gehe ich halt doch wieder ins Kaufhaus.

Früh und mit Nebel überm Gemüt zu Bett.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 7. September 2020 – J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

Dienstag, 8. September 2020 um 6:46

Seltsame Nacht mit realistischen und umso bizarreren Träumen (vermutlich beeinflusst von der aktuellen Lektüre), tiefer und erholsamer Schlaf geht anders.

Der Wecker stand eh auf halb sechs, weil ich eine Runde Crosstrainer wollte. Das klappte auch und bereitete Freude.

Der nächtliche Regen hatte aufgehört, ich konnte trocken in die Arbeit radeln. Wo plötzlich so viele auf der Trick mit dem frühen Arbeitsanfang gekommen waren, dass ich erst nach einer halben Stunde auch nur dazu kam, mein Teewasser aufzusetzen.

Und ich glaube, vor der OP muss ich mir in dem ganzen Durchhalten, Aushalten und Verdrängen der Schmerzen nochmal eine Einheit Heulen, Zähneknirschen und Rumbrüllen nehmen, weil es so viel Kraft kostet. Und das, wo ich sogar noch selbst humpeln kann und aus eigener Kraft überall hin komme.

Mittags frische Feigen mit Feta. Gegen den Nachmittagshunger eine Scheibe selbstgebackenes Brot.

Meine Zahnärztin war zurück aus ihrem Urlaub, ich holte mir für nächste Woche einen Termin, um die bröselnden Schneidezähne richten zu lassen.

Viel zu tun, es wurde schon wieder spät.

Auf dem Heimweg erledigte ich die Lebensmitteleinkäufe für die nächsten Tage beim Vollcorner.

Kurzes Ausruhen daheim, bevor wir zum Treffen unserer Leserunde aufbrachen. In kleinerer Runde auf Abstand aßen wir Auberginen-Kartoffel-Auflauf (gut!) und Schokoladenkuchen, sprachen über J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup. Eine 1975 erschienene englisch Satire über eine Zuguck-Sporart, die mich überhaupt nicht interessiert: Fußball. Zumindest weiß ich genug über die Regeln und die Geschichte des Sports, um mitdenken zu können und die satirisierten Hintergründe zu erkennen. Außerdem ist J.L. Carr Meister der Erzählökonomie und braucht für die launige Geschichte der Dorfmannschaft, die mit Hilfe der kühlen Analyse eines ungarischen Intellektuellen eine Strategie für den englischen Pokalgewinn findet, nur 130 Seiten. Wirklich lustig fand ich die Seitenhiebe auf die Strukturen und Gemeinheiten im Landleben, weit weg von jedem Landliebe-Idyll, außerdem war ich überrascht, dass die Mechanismen von Kommerzialisierung und Medienausschlachtung des Fußballs offensichtlich vor 50 Jahren bereits dieselben wie heute waren. Und es gab einige schöne Wendungen entgegen der Lese-Erwartungen. Dennoch hat ein Fußballfan wahrscheinlich größeres Vergnügen an dem Roman (Christoph Becker überschlägt sich in der FAZ schier vor Begeisterung) und kann sich die beschriebenen Spiele besser vorstellen (im Roman als Lokalzeitungsberichte der sehr jungen, emsigen freien Mitarbeiterin Glinchy abgedruckt, die ich als Personal des Landlebens sofort wiedererkannte und mochte). Die anderen Mitlesenden waren durchwegs sehr angetan von dem Buch.

Heimradeln durch nur wenig kühle Nachtluft mit einer Ahnung von Herbst.

§

Herzbruch braucht ja gar keine Themenanregungen – jetzt hat sie so nachvollziehbar und informativ über Handball gebloggt, dass ich am liebsten noch mindestens ein Dutzend weiterer Sportarten so vermittelt haben möchte:
„Pulled to bits“.
Unter anderem gefällt mir der Vergleich mit Geigespielen: Den kann ich aus erster Hand nachvollziehen. Mein Wunsch Geige zu spielen hielt nämlich nur wenige Wochen an, in denen ich die schulische Leihgeige nur zu grauenvollen Geräuschen brachte und mir klar wurde, dass das so schnell auch nicht besser werden würde. Seither behaupte ich, ich sei zu hörempfindlich fürs Geigenlernen. (Sie erinnern sich? Martin-Horn tut mir so weh, dass ich sogar vom Fahrrad springe, um mir die Ohren ganz fest zuhalten zu können?)
Finden wir auch sportliche Zuordungen für Querflöte (funktioniert schnell irgendwie, selbst Mittelmaß ist mit durchschnittlicher Anstrengung erreichbar) und Klavier (Taste -> Ton, fertig, aber nur ganz wenige bringen es zu echter Musik)?

die Kaltmamsell

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