Lieblings-Breviloquia* vom Februar 2026

Samstag, 28. Februar 2026 um 17:04

Los geht’s mit daheim: Mastodon.

Seit dem Posten dieses Tröts sind wir allerdings einen Schritt weitergerückt.

Schönes von Bluesky (ich kann nichts dafür, dass @kirsten-fuchs einen nach dem anderen raushaut) (keine Sorge, sie IST schon auf der Bühne).

Auch Threads erfreute mich:

*siehe

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. Februar 2026 – Was Theater kann, Teil 2 dieser Woche: Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, Istanbul am Ingolstädter Stadttheater

Samstag, 28. Februar 2026 um 15:58

Nach dem zweiten Aufwachen kurz vor vier mit Verzögerung nochmal eingeschlafen, nur so tief, dass ich mich von Herzen darüber freuen konnte, im Traum der superschlauen und entzückenden Laurie Penny zu begegnen und mich mit ihr zu unterhalten.

Es tagte zu einem weiteren angesagten sonnigen Frühlingstag. Kurz überlegte ich, ob ich bei den auch weiterhin angekündigten milden Temperaturen auf den leichten Janker zurückgreifen sollte, merkte aber, dass ich innerlich noch bei offenen Mantelschößen bin. Es blieb beim Ledermantel. Ich genieße diese milden Frühlingstage wirklich sehr – es soll aber bitte nochmal kalt werden. Wegen Natur und so. Ansonsten ist die Wahl meiner Tops derzeit leider wieder von einer erneuten Stinkephase geprägt, ich greife bevorzugt zu locker Sitzendem.

Auf dem Weg hörte ich erst den Technologie-offenen Specht auf einer Peitschenlampe, sah dann diese Krokantenwiese in den Startlöchern.

Emsiger Arbeitsvormittag, bald hatte ich eigentlich keine Lust mehr. Musste ja.

Mittagscappuccino im Westend, ein Jogger kam mir in kurzen Hosen und mit nacktem Oberkörper entgegen – das ging mir nun wirklich zu schnell. Selbst beschränkte ich mich auf die geplanten wehenden Rockschöße und auf tiefe Atemzüge begleitet von Altfrauenseufzern.

Zu Mittag gab es eine Weile später Birnchen (überraschend schmackhaft), Apfel, außerdem Quark mit Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, zu dem ich immer wieder das Bürofenster öffnete, um sonnengewärmte Außenluft reinzulassen.

Pünktlicher Feierabend, ich spazierte zum Bahnhof, um dort Brotzeit einzukaufen und Herrn Kaltmamsell am Zug nach Ingolstadt zu treffen. Apfel und Käsesemmel gab es im Zug als Abendessen, dazu wachsende Unruhe, weil die Ankunft sich nach „verzögerter Bereitstellung“ immer weiter verzögerte. Doch wir erreichten Ingolstadt Hauptbahnhof dann doch rechtzeitig, um die 25 Minuten zum Theater zu Fuß zu gehen, unter anderem über die zeitweise legendäre dritte Donaubrücke.

Im Ingolstädter Stadttheater war ich seit vielen Jahren nicht mehr, möglicherweise seit Jahrzehnten. Doch das markante Brutalismus-Gebäude (hier schöne historische Fotos), mit dem ich groß wurde, das ich mit seinen vielen vor allem Innendetails liebe und das meinen Architekturgeschmack geprägt hat, ist gar nicht mehr die Spielstätte: Es muss dringend generalsaniert werden, und da die Stadt Ingolstadt das in derzeit angespannter Haushaltslage nicht priorisiert, ist völlig offen, ob und wann es je wieder bespielt wird.
In einem Bürgerentscheid hatten sich die Ingolstädter*innen zudem 2022 gegen den Bau eines Ausweichtheaters entschieden, das nach der Generalsanierung weiter genutzt worden wäre – in meinen Augen ein typisches Symptom der kleingeistigen Wohlstandsverwahrlosung, die ich mit Ingolstadt verbinde (not all Ingolstädters, schon klar). Denn die Geschichte zeigt: In schlimmen Zeiten echter Entbehrung hielten sich die Menschen seit jeher an Kunst und Kultur fest, nicht umgekehrt, fragen sie mal die Leute in Kiew.

Gestern erlebte ich in Ingolstadt also eine der Ausweich-Spielstätten und war sehr gespannt darauf, nämlich das Theater am Glacis (sogar die Grammatik ist nicht mehr dieselbe wie zu meiner Ingolstädter Kindheit und Jugend, damals war das die Glacis, “d’Glasí”).

Verortung in meiner persönlichen Geografie: Alter Volksfestplatz, wo das Hallenbad stand (das jetzige steht nebenan, wo das Eisstadion war – sehr verwirrend).

Im Foyer trafen wir auf Bruderfamilie (minus Nichte), meine Eltern, Freunde der Bruderfamilie, einige hatten das Stück, Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, bereits in der vorherigen Spielzeit auf der kleinen Bühne gesehen.

Mein Bruder wies uns auf die erste Überraschung hin: Stellwände im Foyer zeigten Fotos von Gastarbeitern in Ingolstadt, darunter einige von meinem Vater und seinem besten spanischen Freund.

Fotomotiv Bruder zeigt (auf meine Bitte) auf Zeitungsartikel über meinen Vater.

Auch vor anderen Stellwänden wurde fotografiert, eine Gruppe hatte den Vater aus der Türkei entdeckt.

Freie Platzwahl, doch wir schafften es ohne Kampf alle in dieselbe Reihe.

Und dann sahen wir zwei Stunden wundervolles Theater. In viel Musik (mehr, als ich erwartet hatte) war die Geschichte von Klaus Gruber aus Ingolstadt eingebettet, der Anfang der 1960er das Angebot der Türkei annimmt, als Gastarbeiter der heimischen wirtschaftlichen Not zu entkommen und in Istanbul auf dem Bau Geld zu verdienen. In dieser alternative history werden der Schmerz des Abschieds von Frau und Kind erzählt, die Erniedrigung der ärztlichen Untersuchungen, die Einsamkeit in einer fremden Kultur und Sprache. Doch wie schon in Play Auerbach! am Mittwoch zuvor schafft die nicht-realistische Form einen Rahmen, in der die (ohnehin großartige) Grundidee funktioniert: Auf der Bühne werden zur Illustration von Gefühlen und Umständen die Lieder von Sezen Aksu, einer sehr populären türkischen Pop-Sängerin und Komponistin, gespielt und vor allem gesungen. Allein die extreme Exotik, dass deutsche Schauspieler*innen (ganz wunderbar Ralf Lichtenberg und Sarah Horak) auf Türkisch singen, führte mehr über den Stand der deutschen Gesellschaft vor, als es jedes Essay hätte transportieren können. Dazu kam in der gestrigen Vorstellung als besondere Herzerfrischung: Teile des Publikums sangen mit! (Und lachten an Stellen, die ich nicht verstand.) In den weiteren Hauptrollen sehenswert: Berna Celebi, Okan Cömert, Manuel Karadeniz.

Das Nationaltheater Mannheim hat die Lieder als Playlist auf Spotify gestellt – was mich sehr freut, mir gefielen sie fast durchgängig. Stehend jubelnder Beifall am Ende, eine große Theaterfreude. Das Stück wird wohl auf einigen Bühnen gespielt, lässt sich ja problemlos auf viele westdeutsche Städte übertragen, ich empfehle einen Besuch blind überall. In der Ingolstädter Version mochte ich besonders einige klamaukige Einfälle der Requisite.

Anschließend im Foyer noch Austausch von Eindrücken, bei meinem Vater hatte das Stück durchaus Erinnerungen wachgerufen. Meine Eltern nahmen uns zur Übernachtung mit, Lichtaus nicht zu spät.

§

Sehen Sie: DAS ist die Art Connections, um die ich Leute beneide. Wenn man mit U-Bahn-Piloten befreundet ist, bekommt man auch mal eine
“Exklusive Ansage”.
(Erinnerung an den Neffen der markanten Frauenstimme, die zu meiner Augsburger Studienzeit die Straßenbahn-Ansagen einsprach, mit deutlichem lokalen Akzent. Und der sie dazu brachte, für Freund*innen Anrufbeantworter-Ansagen aufzunehmen.)

§

Niemand wundert sich weniger als ich: Es gibt Therapie-Meerschweine.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 26. Februar 2026 – Play Auerbach! von Avishai Milstein an den Münchner Kammerspielen

Freitag, 27. Februar 2026 um 6:17
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https://youtu.be/irCCimL1UFM?si=R-uS9Tl7qhKSVdza

“Revue” ist herrlich altmodisch, ich verbinde das zum einen mit dem Berlin der 1910er und 20er (hier unter Beteiligung besonders vieler jüdischer Künstler*innen), zum anderen mit dem Vaudeville in Großbritannien und der USA. (Und dem Friedrichstadtpalast, d’oh.) Als mir also die Münchner Kammerspiele in mein Abo ein Stück mit dem Untertitel “Eine Münchner Erinnerungsrevue” setzten, war ich gleich besonders interessiert. Zudem faszinierte mich die historische Figur des Philipp Auerbach – der den Blick wie so manche andere aktuelle literarische Verarbeitung des Dritten Reichs auf die bis dahin eher vernachlässigten Jahre direkt nach Kriegsende richtet.

Und das tut das Theaterstück Play Auerbach! von Avishai Milstein, das er als Auftragswerk für die Kammerspiele geschrieben hat, eben auch: Es geht um München in Trümmern, um den Wiederaufbau, den Umgang mit den Grauen der Shoah, quicklebendigen Antisemitismus – aber aus der Sicht der überlebenden Juden, die jetzt als diplaced persons zwar zunächst schon unter dem Schutz der US-Besatzer, aber halt doch wieder in Lagern lebten. Und irgendeine Form von Zukunft finden mussten. Das hätte man durchaus realistisch auf die Bühne bringen können, und jedes Moralisieren wäre gerechtfertigt gewesen, gerade an der schillernden Figur Philipp Auerbach. Dass statt dessen die nicht-realistische Form einer Revue mit viel Komik gewählt wurde, ermöglichte aber Dutzende zusätzlicher Ebenen, machte auch noch Spaß und konnte Tritte an Stellen setzen, an die Realismus gar nicht hinkommt.

Es ging schonmal damit los, dass die Handlung in der Zukunft angesetzt wird: Eine Laienschauspieltruppe probt öffentlich anlässlich 100 Jahren Kriegsende, also 2045, eine Auerbach-Gedenkrevue. Das erfahren wir von der Leiterin und Regisseurin Beate, die sich als Antisemitismusbeauftrage vorstellt, erfolgreiche Antisemitismusbeauftragte. Ohnehin erfahren wir als Publikum in diesem Stück viel explizit aus Erklärungen, oft vom Bühnenrand – wie man es aus einer Revue gewohnt ist. Ein berühmter Fernsehschauspieler gesellt sich hinzu (auch er wird uns vorgestellt), er schnappt sich die Rolle des Auerbach.

Revue heißt auch Musik, sie erinnerte mich oft an Kurt Weill. Die Lieder und Stücke waren manchmal boshaft wie politisches Kabarett, mal Balladen. Das Revue-Format erlaubte auch Poesie (einziges Kulissen-Element war der aufgehängte Rahmen eines Konzertflügels) und Provokation, die stärksten visuellen Akzente setzten teilweise extrem aufwändige Kostüme in beeindruckenden Choreografien, die Maske erinnerte an die Bühnen-Episoden im Film Cabaret von 1972. Und dieses Format ließ Raum für immer neue Ebenen an Anspielungen auf heutigen Antisemitismus, der Halbsatz “Dass gerade ein Volk, das den Holocaust erlebt hat…” musste gar nicht vervollständigt werden. Dazu kam aber auch (nur halb ernst, aber dann halt doch ernst) die Suche nach einem Platz für jüdisches Leben in Deutschland. Immer wieder kulminierten mäandernde Szenen in zugespitzten Erkenntnissen, zum Beispiel:

“Einen Juden zu spielen ist Kunst!
Ein Jude zu sein ist Provokation!”

Was mich vor allem begeisterte: Wie Wunder-voll und unersetzlich das Medium Theater hier funktionierte. Inklusive der wieder umwerfenden Darsteller*innen, darunter: Wiebke Puls kann eh fast alles, der Gast Samuel Finzi ging mir nahe, Annika Neugart ließ unter anderem Therese Giese wiederauferstehen.

Wenn DAS heutiges Theater ist, finde ich Theater weiterhin sehr super und gebe ihm eine große Zukunft.
Nach dem (langen, begeisterten) Schlussapplaus kam Mittwochabend Dramaturgin Viola Hasselberg auf die Bühne und lud ins Foyer zum Gespräch über das Stück ein – leider war ich um diese Zeit viel zu erledigt für sowas. (Und brauchte ohnehin erstmal Verarbeitung des Erlebten.)

Diese Besprechung von Sabine Leucht bei nachtkritik.de gefällt mir sehr gut:
“Fettnäpfchenwetthüpfen”.

§

Ich hatte den Wecker 15 Minuten später gestellt, schlief nach guter Nacht auch bis Klingeln. Draußen ganz eindeutiger Frühlingsvogelgesang, dominant dabei die Amsleriche, eher als Rhythmusbegleitung Finkenschlagen.

Herr Kaltmamsell kam eine halbe Stunde, nachdem er sich in die Arbeit verabschiedet hatte, schon wieder zurück: Seine U-Bahn fuhr nicht (Unfall, Störung). Da er den frühstmorgendlichen Teil seiner Aufgaben ohnehin auch von daheim erledigen konnte, tat er das.

Schöner Marsch in die Arbeit, der Nebel, zu dem ich aufgestanden war, hatte sich gesenkt, am blauen Himmel sah ich nur wenige Wolken.

Im Büro gleich durchgestartet, ich war unter Termindruck.

Uiuiui, so viel weniger hatte ich doch gar nicht geschlafen – nach den ersten beiden Stunden Hochgeschäftigkeit in der Arbeit fühlte ich mich steinmüde. Mittagscappuccino holte ich mir in der Cafeteria, spazierte dann aber raus in die Sonne und um ein paar Blöcke des Westends. Kurz vor Mittgessen (Apfel, letzte Orange, Restbrot, Trockenfeigen, Nüsse) bekam ich noch einen Stein weggearbeitet, der mir seit einer Woche auf der Brust saß, große Erleichterung.

Emsiger Nachmittag, aber ich kam noch bei deutlich Tageslicht raus in den Feierabend. Auf dem Heimweg gründlicher Nachkauf von Schokolade. UND! UND! Sichtung des blühenden Frühlings-Trios Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokus.

Daheim Pilates, da Herr Kaltmamsell den Abend aushäusig verbrachte, aß ich allein zu Abend: einen Rest Macaroni-and-cheese, aus frisch geholtem Ernteanteil Postelein-Salat. Nachtisch sehr viel Schokolade (aber noch vor Bauchweh aufgehört).

Eine Rechnung von Crowdfarming traf ein und ließ mich die Augen aufreißen: Der Käse vom adoptierten Schaf kostete in dieser Saison 107,66 Euro, nach 60,82 Euro im Vorjahr. Für 1,5 Kilo verschiedene Manchegos. Zwar wurde ich immer darauf hingewiesen, dass die saisonalen Preise variieren können, doch bei diesem Sprung fiel mir dann doch das Gesicht runter. So viel zahle ich nicht mal beim Dallmayr oder im Tölzer Kasladen für Käse. Zumal ich deutlich besseren Manchego kenne als den, den ich hier geliefert bekomme. Ich beendete die Adoption umgehend.

Kleidungs- und Pack-Überlegungen für den Freitag: Herr Kaltmamsell und ich lösen ein Weihnachtsgeschenk ein und fahren nach Ingolstadt ins Theater, um mit Familie und Freunden der Familie Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal anzusehen. Inklusive Übernachtung bei meinen Eltern, das wird alles sehr schön!

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Das neue Denkmal für die Familie Mann am Salvatorplatz hat bereits ein Eigenleben entwickelt.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 25. Februar 2026 – Vorläufiger Winterabschied

Donnerstag, 26. Februar 2026 um 6:43

Endlich mal wieder eine gute Nacht, die anbrandende Angstwelle nach nächtlichem Klogang bekam ich durch inneres Begehen meiner wundervollen Wohnung in Augsburg weg.

Wie angekündigt tagte es nahezu wolkenlos. Das führte zu verzauberten Ansichten auf meinem Marsch in die Arbeit.

Für das zweite Foto machte ich extra einen Schlenker über den Bavariapark, als ich die Nebelfetzen zwischen den kahlen Bäumen erahnte.

Im Büro ackerte ich wie geplant los, es gab zu räumen, zu sortieren und wegzuwerfen.

Außerdem hatte ich eine Aufgabe, die zwischen Basteln und Ingenieuren lag – eigentlich wieder eine klassische Sekretärinnensache, doch ich war unsicher und hätte mich gerne mit einer anderen Assistenz/Sekretärin beraten. Das bin ich seit einem halben Jahr als einzige für 60 Menschen, also griff ich zu einer Kollegin, die sowas bis zur jüngsten Umstrukturierung vor anderthalb Jahren gemacht hatte: Volltreffer, sie hatte Erfahrung mit exakt dieser Aufgabe.

Auf meinen Mittagscappuccino zog mich der Sonnenschein mit Macht hinaus ins Westend, ich atmete die milde Luft bis in alle Lungenbläschen.

Fokus-Varianten (langsam kommt Farbe zurück!).

Aber auch eine traurige Entdeckung: Der Blumenladen Las Flores am Heimeranplatz, wo ich in den vergangenen zehneinhalb Jahren immer wieder Berufs-, aber auch Privatblumen gekauft hatte, mit deren beiden Betreiberinnen ich oft geplaudert hatte (der Name des Ladens ist Resultat ihrer großen Cádiz-Liebe) – hat zugemacht.

Nach weiterem Gebastel im Büro gab es zu Mittag Apfel, Orange, Hüttenkäse mit Leinsamenschrot. Große Freude über das Geschenk einer Kollegin: Gurken eingelegt von bulgarischer Oma.

Emsiger, aber kurzer Nachmittag: Ich machte superpünktlich Feierabend, weil ich abends Theaterabo-Vorstellung hatte – Kneifen aus Unlust diesmal eh keine Option, weil ich Herrn Kaltmamsell fürs Mitkommen hatte interessieren können. Also verließ ich das Bürohaus nicht nur bei echtem Tageslicht, sondern auch in wunderbarer Sonne.

In der Apotheke ließ ich mir gegen die absurd zuschwellende Nase ein Spray mit Salz und Hyaluronsäure empfehlen, dann spazierte ich über die Theresienwiese.

Daheim räumte ich ein wenig, begann zwischen zwei Yoga-Programmen wieder eine Woche Pilates.

Zum Theater-bedingt vorgezogenen Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den letzten Bestandteil des Ernteanteils: Süßkartoffeln. Auf meinen Wunsch als Liebling Macaroni-and-cheese.

Spaziergang in dann doch noch winterlicher Luft zu den Kammerspielen. Gegeben wurde Avishai Milstein, Play Auerbach!, und mit dem Untertitel “Erinnerungsrevue” hatte ich Herrn Kaltmamsell gelockt.

Die Vorstellung war ausverkauft – und ich erlebte einen so großartigen Theaterabend wie seit vielen Jahren nicht mehr, genau dafür gibt es Theater, das halt kann, was nur Theater kann. Für Details möchte ich mir Zeit nehmen, Ausführlicheres lesen Sie hier morgen.

Ins Bett kam ich so mehr als eine Stunde später als sonst (hoffentlich erinnere ich mich dran, mein Abo auf Sonntag zu wechseln) (und aufs Resi).

§

Derzeit schreibe ich neben Bloggen noch etwas: Lebenserinnerungen. An einem Ort (in einer Datei), so die Idee, sammle ich, woran ich mich aus meiner Kindheit erinnere – also im Gegensatz zu einer Autobiografie, die meiner Ansicht nach mit Recherche, Nachprüfen von Fakten, Abgleich von Erinnerungen mit Geschichtsschreibung oder mit den Erinnerungen anderer Beteiligter einher geht. Bei allem Faible für Alltagsgeschichte weiß ich, dass mein Leben echt nicht genug für sowas hergibt. Aber Erinnerungen festzuhalten, stelle ich mir reizvoll vor, vielleicht sogar mipfleiß nicht gecheckt.

Ich war überzeugt, dass das Aufschreiben meiner eigenen Erinnerungen schnell gehen müsste, merke ich doch immer wieder, dass andere Mescnhen so viel mehr aus ihrer Kindheit aus erster Hand erzählen können. Ein Irrtum, denn das Bremsen und Strukturieren des Erinnerns durch Aufschreiben erzeugt bei mir genau die Geschwindigkeit, die das Gedächtnis fürs Verküpfen mit weiteren Erinnerungen braucht, an die ich sehr lange nicht gedacht hatte (die Hausmeisterin des Wohnblocks meiner Kindheit hieß Frau Kagerer, wäre mir auf direkte Frage nie eingefallen). Und es bereitet mir Freude auszusortieren, was ich zur Zeit des Erlebens wusste, was mir erzählt wurde (ich erinnere mich also an Erzähltes) und was erst viele Jahre oder Jahrzehnte später Wörter und Einordnung bekam. Chronologie, so der Vorsatz, ist dabei irrelevant, es dürfen sich Assoziationen in alle Richtungen ergeben.

Mal sehen, wie lange ich Spaß daran habe.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 24. Februar 2026 – Wärmerer Regen

Mittwoch, 25. Februar 2026 um 6:26

Bis kurz vor vier tief und fest geschlafen, doch dann war meine Nase wieder zugeschwollen, und mit Mundatmung konnte ich nicht wieder einschlafen. Dabei ging mir durch den Kopf, wie lange ich das mitmachen soll, bis ein Besuch beim Hausarzt sinnvoll wird (davor waren die Schleimhäute Sonntagnachmittag beim Filmgucken plötzlich komplett zugeschwollen). In der Nacht zum Dienstag halfen Aufstehen und Klogang, danach war ein Nasenloch frei genug. Erste vorsichtige Recherchen legen nahe, dass es sich schlicht um eine weitere Alterungserscheinung handelt. Vielleicht erstmal zur Apothekerin damit. (Altwerden ist schon eine Unverschämtheit.)

Ich stand zu energischem Regenprasseln auf. Die Prognosen zeigten eine Pause frühestens am Abend an, daran richtete ich meine Kleidungswahl aus, außerdem schlüpfte ich für den Arbeitsweg in Gummistiefel (ganz schön stolz darauf, dass ich zum wiederholten Mal daran gedacht hatte und mit trockenen Füßen im Büro eintraf).

Dass das die dritte schlechte Nacht in Folge gewesen war, merkte ich am Vormittag an großer Müdigkeit. Die Unlust, für meinen Mittagscappuccino das Haus zu verlassen, lag allerdings recht sicher an dem weiterhin energischen Regen. Ich holte mir einen in der Cafeteria, bekam ihn sogar heiß.

Zu Mittag gab es Äpfelchen, Orange, Quark mit Leinsamenschrot.

Weil ich auf der (neuen) Website meines Radl-Schraubers den Hinweis gefunden hatte, zur Reparatur könnten Fahrräder nur bis 16 Uhr abgegeben werden, Ausnahmen bitte telefonisch klären, rief ich dort für eine solche Ausnahme an. Um von einer Band-Ansage zu erfahren, dass der Laden bis 10. März geschlossen ist, diese Info hatte es nicht auf die Website geschafft. Ich werde für den Wahltag Herrn Kaltmamsell um sein Fahrrad bitten müssen.

Heftiger Arbeitsnachmittag, der mich völlig erledigt in den späten Feierabend entließ. Der Regen war deutlich schwächer geworden, für einige Abschnitte meines Heimwegs klappte ich den Schirm sogar zu.

Zu Hause turnte ich eine Abschlussfolge Yoga mit Adriene, also ohne Ansagen, nur mit Hinschauen. Ich genoss vor allem die Dehnungen.

Basis des Nachtmahls von Herrn Kaltmamsell waren Petersilienwurzeln aus Ernteanteil, es gab sie mit Chorizo (ganz klar: englisches Rezept) in einem Sherry-Sößchen.

Schmeckte sehr gut! Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung eine Doku aus der arte-Mediathek über Peter Falk als Columbo:
“Peter Falk versus Columbo”.

Viel gelernt, unter anderem über John Cassavetes und dass die Regie bei der ersten Serien-Folge Columbo (nicht die Pilotfolge) Steven Spielberg führte.

§

Mir ist klar, dass sich gefestigte Menschenbilder auch nicht durch Fakten aufweichen lassen, weise dennoch auf sie hin:
“Studie: Mythos vom ‘arbeitsunwilligen Arbeitslosen’ dient als Legitimation für Sozialkürzungen”.

Zugleich weisen große Teile der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten nach Darstellung der Forschenden strukturelle Vermittlungshemmnisse auf. 44 Prozent sind von mindestens einem statistisch erfassten Hemmnis betroffen, weitere 44 Prozent von mehreren gleichzeitig. Hierzu zählten Langzeitarbeitslosigkeit, fehlende Berufsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter oder familiäre Sorgeverpflichtungen.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 23. Februar 2026 – Üblicher Arbeitswochenstart, dieser mit Regen

Dienstag, 24. Februar 2026 um 6:24

Schwer eingeschlafen, aber dann recht gut geschlafen. Das leichte Aufwachen mit Angstwelle kam erst kurz vor dem Weckerklingeln, das passte.

Das Draußen regnerisch, doch ich erwischte für den Marsch ins Büro eine trockene Phase. Die Luft war mild, ich ging ohne Kopfbedeckung.

Arbeitsstart wieder mit großem Stress wegen Veränderungen, die sich am Wochenende ergeben hatten, daraus folgenden Umstände, die ich anderen machen musste.

Am späteren Vormittag beruhigte sich die Lage, ich fühlte mich gefasst genug für einen Mittagscappuccino und marschierte dafür raus ins Westend. Ohne Schirm, die Prognose des Regenradars traf ein.

Zu Mittag gab es vorgeschnittene Orangen (Endspurt in der Crowdfarming-Kiste) und eine Scheibe selbstgebackenes Brot.

Am Nachmittag konnte ich noch einiges wegschaffen – jetzt hatte ich Ruhe hergestellt bis zur nächsten Überraschung.

Auf dem Heimweg kurz Milch eingekauft, Bargeld geholt (zum zweiten Mal dieses Jahr). Zu Hause Yoga und Brotzeitvorbereitung. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell das restliche Orangenschwein vom Sonntag, garte den restlichen Kürbis aus Ernteanteil als Ofenschnitzen. Nachtisch Schokolade.

Huch! Mein Radl-Schrauber hat nach Jahrzehnten sein Website-Design aktualisiert. Jetzt ohne Frames, aber die vielen Schreibfehler weisen darauf hin, dass die Seite selbstgemacht ist – passt perfekt zu diesem winzigen Laden, auf gute Art (die müssen nicht schreiben können, nur schrauben). Aktuell brauche ich ihn, um mein plattes Fahrrad zu reparieren, ich werde es am Wahltag für die Fahrt zur Bezirksdirektion brauchen.

Gestern erreichte ich auch die letzte aus dem Wahlhilfe-Team (vor allem für Schichteinteilung). Sie erwähnte zwar eine absolvierte Schulung, fragte dann aber, ob sie beim Auszählen auch mitmachen müsse. Und das bei meinem Reflex, die Nachlässigkeit anderer überzukompensieren!

Den österreichischen Standard lese ich so oft und gern (siehe unten), dass ich endlich dafür zahlen wollte und ein Online-Abo abschließen. Doch zwei Versuche endeten nach Eingabe aller Daten mit “ein Fehler ist aufgetreten” – ja wenn die mein Geld nicht wollen, dann halt nicht. (Erstmal, bis ich Energie für einen weiteren Versuch habe.)

§

Es ist immer gut, über etablierte Bilder nachzudenken – noch besser, wenn sie systematisch erforscht werden, in diesem Fall am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien:
“Woher unser verzerrtes Bild der Roma und Sinti stammt”.

Für Holzer spiegeln die stereotypisierten Darstellungen die Verunsicherung der bürgerlichen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg wider. Viele sind versehrt aus dem Krieg zurückgekehrt, Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Probleme sind im Steigen begriffen, ebenso wie extreme politische Bewegungen. Um sich davon abzugrenzen, dienen das “Exotische”, “Fremde” und das suggerierte Antizivilisatorische als perfekte Projektionsflächen. In der Realität klaffen die Lebensumstände der Leserschaft und der Porträtierten in vielen Fällen wohl weit weniger auseinander, als es sich die Mehrheitsgesellschaft einreden möchte.

“In den 20er-Jahren, aber eigentlich schon um die Jahrhundertwende, war die Mehrheit der Roma und Sinti in Mitteleuropa bereits sesshaft. In Deutschland sind gut situierte Sinti-Familien dokumentiert, die bürgerlich gelebt haben und durch Musikaufführungen oder Pferdehandel reich wurden”, erklärt Holzer. Auch in Ungarn zählten manche Roma-Musiker zur bürgerlichen Elite. Die Roma-Musik wurde nicht nur offiziell anerkannt, sondern auch staatlich gefördert.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 22. Februar 2026 – Digitalisierung aus der Hölle, Sport in Wolle, Anatomie eines Falls

Montag, 23. Februar 2026 um 6:37

Schlecht geschlafen, weil meine Nase trotz Spray immer wieder zuschwoll, kurz nach sechs ließ ich es gut sein.

Aufgestanden zu Regen mit Wind. Ich bloggte gemütlich und las ausführlich Internet, denn ich wollte sehr gerne raus zu einem Lauf und hoffte auf ein Nachlassen des Regens.

Im dritten Anlauf (über Monate, zweimal aufgegeben) schaffte ich es, an meinen persönlichen Online-Bereich der Audi BKK ranzukommen. UX aus der Hölle, am schlimmsten: Dieselben Dinge werden verschieden bezeichnet, also z.B. mal als “PIN”, mal als “Sicherheitsnummer”. Zudem brauchte ich zwei Web- und zwei Handy-Apps, die aufeinander verwiesen.

Los ging es im November 2025 mit der Papier-Info, dass der Name der “Service-App” geändert werde (nu? Glückwunsch?), “Ihre bisherigen Zugangsdaten zur Service-App verlieren ihre Gültigkeit” – WTF?!

Wie sich gestern herausstellte, spielte beim Neu-Anlegen/Verifizieren/Mit-Funktionen-verknüpfen meines Bereichs ein Papier-Schreiben der Krankenkasse vom vergangenen August eine zentrale Rolle: Mit dem Betreff “PIN für Ihre elektronische Gesundheitskarte (eGK)” hatte ich eine PIN und eine PUK zum Freirubbeln bekommen. No na, ich nahm mir vor, das Schreiben zum nächsten Einsatz der Kassenkarte mitzunehmen, vielleicht musste ich ab jetzt eine PIN zum Einlesen angeben. (Musste ich nicht.)

Gestern erwies sich, dass die wohl überhaupt nichts mit irgendeiner Karte zu tun hat. DAS war nämlich die Nummer, auf die ich seit dem zweiten Versuch im Dezember wartete, als ich im Prozess bis an einen Punkt gekommen war, an dem es hieß: Jetzt fehlte nur noch die Bestätigung per Geheimzahl, die mir innerhalb der folgenden zwei Wochen zugeschickt würde. Doch dann kam nichts. Es war eine dieser Zahlen vom August, die an zwei Stellen des Online-Registrierprozesses eingegeben werden muss, einmal eben als “PIN”, einmal als “Sicherheitsnummer”. Erstmal hatte hatte ich natürlich andere Ziffern ausprobiert (die auch nicht “Sicherheitsnummer” hießen), auf der Kassenkarte stehen ja fünf verschiedenen Zahlenfolgen, zwei davon waren ebenfalls für den Registrier-Prozess relevant – unter anderen Bezeichnungen als auf der Karte, ich folgerte aus der Anzahl der Stellen.

Wenn mal wieder fehlende digitale Prozesse in deutschen Verwaltungsabläufen angeprangert werden, verweise ich neben Bayern-ID auf diesen der Audi BKK, der offensichtlich der aktiven Abschreckung dient. (Mittlerweile weiß ich, dass Barmer und Techniker ähnlich abschrecken, it’s not a bug, it’s a feature).

Jetzt war ich so geladen, dass ich wirklich Bewegung brauchte. Draußen war es mild, ich schlüpfte zum ersten Mal in ein neues Lauf-Shirt: Nachdem mir monatelang Online-Werbung leichte Woll-Shirts als körperfreundlich und geruchsarm für Sport angepriesen hatte (für eine Starkschwitzerin wie mich sehr attraktive Verkaufsargumente), nahm ich eine perönliche Empfehlung und ein Sonderangebot zum Anlass, ein solches zu bestellen. Drüber die Regenjacke.

Ich nehme vorweg: Bei meiner Rückkehr warf ich das Shirt also nicht in die Wäsche (waschen soll man das Woll-Shirt möglichst selten), sondern hängte es zum Trocknen auf. Und tatsächlich roch es abends nicht nach Schweiß.

Der Regen erwischte mich trotzdem, nur im Mittelteil meiner Runde hatte ich 45 Minuten ohne Kapuze. Meine Strecke legte ich über möglichst viele asphaltierte Wege in der Innenstadt, ich rechnete gestern mit Matsch und Pfützen. Der Körper spielte recht gut mit, aber bei dem Wetter war das Vergnügen überschaubar. Ich versuchte, mich auf den Genuss der Bewegung an der frischen Luft zu konzentrieren.

Na also, endlich Winterlinge (die Krokanten waren noch geschlossen).

Nu, besser als kein Lauf.

Nach dem Duschen lackierte ich meine Zehennägel – zum einen, weil ich sie dann lieber ansehe (Altern verändert auch Zehennägel, und nicht zum Schöneren), zum anderen weil mich Frau Pediküre Ende Dezember darauf hinwies, dass der rechte Zehennagel sich ablöst und eine neue Version nachwächst, mich warnte, dass ein vorzeitiges Wegfallen des alten das mögliche und schmerzhafte Einwachsen des neuen begünstigt; der Nagellack soll als Klebstoff fungieren.

Frühstück um zwei: Äpfelchen (aus jüngstem Ernteanteil und ganz besonders gut), zwei dicke Scheiben selbstgebackenes Brot.

Das Wetter blieb regnerisch, statt ins Kino zu gehen, sah ich mir einen Kinofilm von 2023 in der ARD-Mediathek an (Tab seit Wochen offen):
Anatomie eines Falls.
Obwohl ich praktisch alles über Film und Handlung wusste (ich hatte die Award-Saison 2024 mit Sandra Hüller sehr eng verfolgt), waren Drehbuch und Darsteller*innen so gut, dass er mich fesselte, das ist ein wirklich guter Film. Und ich konnte ihn unsynchronisiert mit Untertiteln ansehen: Dass in ihm Französisch und Englisch gesprochen wird, zu fast gleichen Teilen, spielt in vielen Szenen eine Rolle (die deutsche Version übersetzt beide Sprachen gleich, das finde ich schlecht).

Als Nachtmahl verwendete Herr Kaltmamsell einige Crowdfarming-Orangen für das Orangen-Schwein, das uns beim ersten Versuch sehr gut geschmeckt hatte.

Auch diesmal sehr gut.

Und zum Nachtisch servierte er gebackene Riesen-Marshmallows mit geschmolzener Schokolade zwischen Vollkorn-Keksen – davon hatte er lange geträumt. Ergab beim Essen eine rechte Sauerei. Dann noch etwas Schokolade.

die Kaltmamsell