Journal Sonntag, 12. Juni 2022 – #12von12 mit Familientreffen

Montag, 13. Juni 2022 um 6:30

Ein 12. des Monats, arbeitsfreier Sonntag, Zeit für ein #12von12 mit zwölf Fotos, die den Tag dokumentieren.

Während ich noch den Vortag wegbloggte, schlug ich meinen eigenen Rekord in der Corona-Warn-App: Es lief eine sechste Risikobegegnung ein.

1 – Selbsttest zu Glück weiter negativ, Bahn frei für ein lange befreutes Familientreffen – schließlich war Familienostern wegen Corona-Erkrankungen ausgefallen.

Ich hatte mir einen Wecker gestellt, um vor Abfahrt zur Familienfeier noch eine Runde Laufen gehen zu können. Dazu nahm ich das Fahrrad zur Isar und lief wirklich nur ein knappes Stündchen.

2 – Blick von der Wittelsbacherbrücke Richtung Süden. Isar gut gefüllt.

3 – Braunauer Eisenbahnbrücke.

Wunderbare Düfte, die Linden haben ihre Blüte gestartet. Die Temperatur war ideal, ich lief leicht und mit Genuss.

Komplikationen bei der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof: Der Bahnsteig für den Regionalzug nach Nürnberg war bereits sehr voll Menschen, als eine Durchsage ertönte, dass wegen Personen im Gleis der gesamte Zugverkehr zwischen Hauptbahnhof und Hackerbrücke (der nächste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof) gestoppt worden war. Herr Kaltmamsell an meiner Seite, erfahrener und geprüfter S-Bahn-Fahrer, raunte mir zu, dass sowas normalerweise eine Verzögerung von lediglich 10 bis 12 Minuten bedeute. Und da hatte er recht, dennoch brachte dieser Stopp natürlich alle Abläufe durcheinander. (Wieder mal hätte mich sehr die Umplanung dahinter interessiert, inklusive technischer Hilfsmittel.) Als er aufgehoben werden konnte, lotste uns eine weitere Durchsage zu einem weit enfernten Gleis, Völkerwanderung mit Kinderwagen, Koffern und Kegel. Da wir gut zu Fuß sind, gingen wir bis ganz vor zum ersten Wagen, ließen die Plätze in den hinteren Wagen den langsameren Reisenden.

4 – Ruhige Fahrt, der Zug musste unterwegs nur einmal für eine Zugüberholung durch Fernverkehr warten. Unterm Strich kamen wir in Ingolstadt mit nicht mal einer halben Stunde Verzögerung an.

Im elterlichen Garten herzerfrischendes Wiedersehen mit vielen vermissten Familienteilen. Einige Stunden erzählen (Berlin, re:publica), lachen, zuhören (Gardasee-Urlaub, Aktivismus, Abitur), mehr lachen, rumblödeln, diskutieren (Schlaf, Ally-tum), planen – und viel köstliches Essen. Die Sonne brannte heiß.

5 – Der Grillmeister.

6 – Bester Gazpacho aus Mutters Küche. Im Becher davor war eine “leichte Sangria” zur Begrüßung gewesen, also limonada.

7 – Der Garten meiner Eltern barst schier vor Blüten.

8 – Herrlichkeiten vom Grill: Schweinebauch, Aubergine, Zucchini, dazu Spargel – davor hatte es gegrillte Garnelen gegeben, danach wurden Lammkottelets, Kartoffelsalat, Tomatenhälften, Röstbrot, Hähnchenflügel serviert.

9 – Meine Mutter wies mehrfach betont dezent darauf hin, wie fotogen ihre Erdbeertorte sei. Hier vor Bruderbauch. (Ich war zu voll und musste bei Torte passen, nahm statt dessen Espresso und hundertjährigen spanischen Brandy.)

Irgendwann dann doch Aufbruch.

10 – Regionalbahnhofsästhetik. Ereignislose Rückfahrt.

Am Hauptbahnhof hatte ich wieder Automatenfotos für meine Serie aufnehmen wollen – doch beide Automaten waren ausgeschaltet. Zu Hause ein wenig Aufräumen.

11 – Ausgewogenes Abendessen. (Die Brausetrüffel von Sawade – unten – sind sehr super.)

12 – Bettblick mit fast vollem Mond. Neue Lektüre begonnen: Fabio Geda, Verena von Koskull (Übers.), Ein Sonntag mit Elena, mich davon nach Norditalien mitnehmen lassen.

§

Die frühere US-amerikanische Botschafterin in Dänemark, Carla Sands, twittert Blödsinn – und fängt sich sehr lustige Drukos ein.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 11. Juni 2022 – Heimfahrt in der Sonne, Warn-App-Rekord, Schnipsel

Sonntag, 12. Juni 2022 um 7:59

Unruhige Nacht, morgens genug Zeit zum Packen.

Wir waren früh am Berliner Hauptbahnhof, um uns noch zu einem Morgenkaffee setzen zu können. Was gar nicht einfach war, weil es sich ja um ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss handelt, Kaffeeläden zum Hinsetzen sind darin nicht wirklich vorgesehen (es wurde wieder das Einstein am Eingang). Als Reiseproviant besorgte ich uns meinen Berlin-Liebling Streuselschnecke (die keine Schnecke ist), die aß ich auf der Fahrt bei verhältnismäßig frühem Frühstückshunger um zwölf zu einem Apfel.

ICE kam pünktlich, diesmal war der Fensterplatz tatsächlich so einer, wir saßen in der 1. Klasse am Tischchen einander gegenüber.

Thüringen.

Autos. (Abends musste ich mal wieder den Fernseher anschreien, als mir die Werbung “ein neues vollelektrisches Fahrerlebnis” verkaufen wollte. ES IST EIN SCHEISS A U T O, IHR BESCHEUERTEN WERBENASEN! Ich lade euch aber gerne mal auf ein echtes vollelektrisches Fahrerlebnis ein. In die Münchner U-Bahn.)

Gut steht er da, der Hopfen.

Ankunft in München 14 Minuten später als geplant – doch bei einer Reisezeit von viereinhalb Stunden finde ich das nicht ernsthaft unpünktlich. (Lustigerweise begegnete ich beim Heimkommen einer Nachbarin, die beim Anblick unserer Koffer erzählte, wie lange sie am Vortrag wegen Verspätungen per Flugzeug zurück aus einem Urlaub in einer europäischen Hauptstadt unterwegs gewesen war. Wo wir doch alle wissen, dass es nur bei Bahnreisen Verzögerungen und Missstände gibt, hahahaha netter Versuch! Ernsthaft: Ich empfehle sich bewusst zu machen, dass Reisen mit so vielen Unwägbarkeiten verbunden ist, dass Abweichungen vom Plan normal sind.)

München war sonnig und warm. Ich stellte nur kurz den Koffer ab und erledigte ein paar Haushalts-Handgriffe. Während Herr Kaltmamsell den Erfolg des Bewässerungssystems mit Wasserkolben überprüfte (topp!) und sein Gepäck ausräumte, ging ich auf eine Einkaufsrunde für Lebensmittel. Unter anderem brachte ich Zutaten für Eiskaffee mit (auf der Basis von entkoffeiniertem Espresso):

Nach Räumen und Erledigungen nahm ich mir Zeit für Yoga, ich startete nochmal das 30-Tage-Programm “Home” von Adriene. Den Abend feierten wir mit den ersten Erdbeer-Gintonics der Saison.

Nachtmahl waren Spaghetti Carbonara (Herr Kaltmamsell) und eine große Schüssel grüner Salat (mit Zitronen-Knoblauch-Vinaigrette von mir), danach noch ein paar Erdbeeren und Schokolade.

Meine Corona-Warn-App zeigt derzeit einen persönlichen Rekord von fünf Risikobegegnungen in der vergangenen Woche an, ich befand mich also jeweils mehr als 15 Minuten in Risikonähe von fünf Personen, die seither mit PCR positiv auf Covid-19 getestet wurden – mindestens fünf, denn das sind nur die, die ebenfalls die Corona-Warn-App verwenden. Zwar trug ich die meiste Zeit unter Menschen meine FFP2-Maske (immer in Bahn und im Berliner Nahverkehr, fast immer in den re:publica-Sessions), aber halt nicht durchgehend (über längere Zeit drücken die Gummis hinter den Ohren halt doch unangenehm): z.B. nicht in den Außenbereichen der re:publica, oft nicht am ersten Tag der re:publica in Sessions, bis mir der dadurch verminderte Schutz von Risikogruppen klar wurde (diese Konferenz ist ja besonders inklusiv), natürlich auch nicht in Restaurants. Ich werde also mal besser ab sofort täglich selbsttesten. Zur Erinnerung: Corona ist nicht vorbei (und die Expert*innen sehen düster für den nächsten Herbst).

Noch ein paar nachgetragene Schnipsel:

  • In der ohnehin beeindruckenden Süßigkeiten-Abteilung der KaDeWe-Lebensmitteletage gab es einen großen Extra-Bereich für Lakritz.
  • Auf der re:publica hörte ich auf den Podien oft Gendern mit Glottis-Schlag (also das gesprochene Sternchen, wie es im Deutschen sonst in Wörtern wie Spiegelei verwendet wird), je jünger der Sprecher oder die Sprecherin, desto öfter.
  • Was mich an der re:publica mal wieder beeindruckte: Das vom Motto abgeleitete Design, diesmal mit der Anmutung Karaoke-Buchstabenverlauf. Mir wurde klar, wie viel Wertschätzung und Zuneigung gutes Design ausstrahlen kann, ich fühlte mich warm umarmt. Umso mehr, als die durchdachte und aufmerksame Orga dazu passte, überall freundliche Menschen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 10. Juni 2022 – Berlin 6, re:publica 3 und abendliches Show-Kochen

Samstag, 11. Juni 2022 um 12:00

(Geschrieben zur Hälfte am Samstagmorgen im Berliner Hauptbahnhof, Café Einstein – vielen Dank fürs freie WLAN!)
(Erschöpfender Kampf zur zweiten Hälfte mit Onlinestellen im löchrigen WLAN des ICE – danke für nur sehr wenig.)

Der Tag startete mit einem Schrecken: Der erste routinemäßige Coronatest zeigte ein seltsames Ergebnis.

Ich ließ mir einen zweiten von Herrn Kaltmamsell geben – der zum Glück eindeutig negativ war.

(Meine Nerven! Bei Infektion hätte ich ja am Samstag nicht zurück nach München fahren können, sondern eine Isolationsmöglichkeit für eine Woche in Berlin suchen müssen.)

Nach einem Morgen-Cappuccino im Café neben der Ferienwohnung – Empfehlung des Cappuccinos und der freundlichen Atmosphäre des Cafés Lekker – erledigten wir Einkäufe für den Abend: Eine Berliner Freundin hatte immer wieder mit ihren fehlenden Kochfertigkeiten gehadert, die ihr manchmal sogar den Zugang zu Rezepten verwehrten – weil sie bereits nicht wusste, wie sie zu den ersten dort genannten Schritten kam. Und so hatte ich angeboten, in ihrer Küche mit ihr ein Gericht ihrer Wahl zu kochen, mit Erklärungen zu jedem Schritt und Möglichkeit zu Nachfragen. Da Herr Kaltmamsell dabei war und ohnehin der bessere und routiniertere Koch ist, bat ich ihn um Unterstützung.

Den dritten Tag der re:publica (Hochsommerwetter) begann ich auch diesmal mit Gunter Dueck, diesmal nannte er seine freundlichen Gedanken “Look up! Mehrheiten-Mitnehmen ohne Utopie-Syndrom”. Er plädierte für Diskussionen ohne Polarisierung und aggressive Reflexe.

Anschließend ließ ich mir von Frederike Kaltheuner, Director Tech and Human Rights Division bei Human Rights Watch, auseinandernehmen: “Fake AI”. Sie erklärte, was an “Künstlicher Intelligenz” (Sie wissen: einer meiner Lieblings-Schimpfs) Hype ist, was geht (wenig) und was nicht (das meiste), was wirklich schlechte Programmierung ist und in welchen Fällen KI als Vorwand verwendet wird. Kaltheuners Fazit: Schlechtes Ingenieurtum und schlecht programmierte Algorithmen sind noch auf lange Sicht erheblich gefährlicher als alles, was Sorgenträger*innen von echter KI befürchten.

Über den Tag verteilt sah ich in drei Teilen: “El Hotzo fragt sich: Warum zur Hölle sind Menschen auf Twitter?” – satirische Schnipsel über das Phänomen Twitter. Wie so oft fand ich daran am interessantesen, den Menschen hinter einer Internet-Institution zu erleben: So sieht er also aus, so bewegt er sich, so redet er.

Zwischen den obigen Sessions bereits erfreuliche Treffen und Gespräche, vor allem mit Thomassen, die in meinem Internet die deutliche Mehrzahl darstellen. Weitere Treffen zwischen den weiteren Sessions.

Besonders viel zog ich aus der nächsten: “Angry Weather – understanding the impacts of climate change today”. Klimafroscherin Friederike Otto (Grantham Institute for Climate Change at Imperial College, eine Leitautorin des Sechsten Sachstandsberichtes des IPCCs) hat ein Buch über die Forschung geschrieben, die untersucht, wie stark konkrete Extremwetterereignisse mit dem Klimawandel zusammenhängen. Und präsentierte (für mich) überraschende Ergebnisse. Zum einen wird Klimawandel inzwischen als Ausrede für schlimme Auswirkungen von Naturkatastrophen verwendet, die in Wirklichkeit von lange bestehender sozialer Schieflage verursacht wurden (Madagaskar 2021), zum anderen hat sich gezeigt, dass ganz sicher extreme Hitzewellen in den vergangenen Jahren immer vom Klimawandel verursacht wurden (z.B. Nordamerika 2021). Und sie zeigte auf, dass wir in weiten Gebieten der Erde Extremwetter noch gar nicht wissenschaftlich erfassen, z.B. im größten Teil des afrikanischen Kontinents. Ihr Buch kam sofort auf meine Leseliste.

Ähnlich gruslig, aber ganz anders: Natascha Strobl, Annika Brockschmidt über “Strategien der Neo-Rechten”. Die beiden Faschismus-Expertinnen berichteten über aktuelle Entwicklungen: Alles weist darauf hin, dass rechtsextremistisches Gedankengut immer weiter in eigentlich konservative Kreise eindringt. Mich beeindruckte die souveräne Art des Vortrags: Keine Charts, die beiden redeten nur, offensichtlich gut vorbereitet und abgesprochen übergaben sie immer wieder das Wort der anderen, “da kennst du dich jetzt besser aus”. Natascha Strobl versuchte auf einer etwas optimistischen Note zu enden: Das sei alles nicht unvermeidlich, man könne durchaus noch gegenarbeiten.

Jetzt frühstückte ich an frischer Luft im Schatten des Tors zur Halle: Äpfel, Pumpernickel. Eine dringend nötige Dosis Spaß holte ich mir bei Aurel Mertz: „Wie Aurel Mertz der mächtigste Pferdeinfluencer der Welt wurde“. Der Mann ist wirklich lustig (zehn Minuten technische Probleme ohne Anstrengung überbrückt durch Geplänkel mit Nilz Bokelberg) und hatte einen Twitter-Streit (er hatte olympischen Pferdesport kritisiert und sich den Hass der deutschsprachigen Reit-Community zugezogen) zur Comedy-Nummer gemacht.

Draußen sah es nach Sommerferien aus.

Mein Abschluss der re:publica war eine Session auf Stage 6: Zu der ging man abenteuerlich über Treppen, Arkaden, mehr Treppen, querte eine andere Halle, ging eine weiteren Gang mit Glaswand – ganz wunderbar. Thema der Session: „Bis hierhin und nicht weiter – Community Management für eine bessere Zukunft“. Ich bin ja so alt, dass ich die Entstehung von sowas wie “Community Management” live mitverfolgt hatte, jetzt erfuhr ich, wie professionalisiert und organisiert es inzwischen ist – und nahm tatsächlich etwas für mein Berufsleben mit.

Schluss mit re:publica, ich war voll im Kopf und ordentlich erledigt (aber: das war es SO wert! GROSSARTIGE VERANSTALTUNG UNBEDINGT WIEDER!). In der Ferienwohnung packten wir unsere Einkäufe zusammen und nahmen eine S-Bahn nach Prenzlauer Berg. Ich freute mich sehr über das Wiedersehen mit der Freundin – und dann kochten wir los. Gewünscht waren: Salatdressing (es gab dickblättrigen Kopfsalat, die eine Hälfte mit Tahini-Dressing, die andere mit Joghurt-Schnittlauch-Dressing), außerdem unser klassisches Freitagabend-Steak: Entrecôte, dazu Ofengemüse (Kartoffeln, Karotten, Rote Bete) und cremige Polenta. Wir bekamen Cremant und zum Essen einen schönen Primitivo, Nachtisch Erdbeeren. Außerdem bin ich jetzt ein wenig auf dem neueren Stand zum Leben der Freundin – und habe eine echte Berliner Wohnung gesehen, samt Ausblick auf Dächer und Mauersegler.
Nachtrag: Hier Fotos vom Abend.

Lange hielten wir aber nicht durch, ich pflückte den schlafenden Herrn Kaltmamsell vom (sehr schönen) Sofa, wir fuhren zu unserer letzten Nacht in die Ferienwohnung.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 9. Juni 2022 – Berlin 5, re:publica 2 mit Besserung

Freitag, 10. Juni 2022 um 8:05

Sehr gut geschlafen, und zwar durch (!) bis sechs, dann nochmal ein Stündchen. Duschen, Bloggen, Morgen-Cappuccino in einem weiteren kleinen Nachbarschafts-Café, dieses mit deutlichem italienischen Einschlag.

Zurück in der Wohnung noch ein wenig lesen bis es Zeit war zum Aufbruch. Der Tag war kühler und düsterer als der Mittwoch, über den Tag regnete es immer wieder ein paar Tropfen. Ich fühlte mich deutlich besser, freute mich über einige Gespräche mit alten Internet-Bekannten.

Unabhängig voneinander steuerten Herr Kaltmamsell und ich als erste Session des Tages an: “Desinformation: Haben wir die gemeinsame Basis verloren? – Herausforderung für die Demokratie”. Die zentrale Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, Pia Lamberty, fiel zwar wegen Krankheit aus, doch von den anderen erfuhr ich Hochinteressantes über den derzeitigen Stand der Forschung zu Desinformation.

Meine Güte: We’ve come a long way. Ich erinnere mich noch an re:publica-Sessions, in denen dieses Internet-Phänomen – wie so manch andere, Hassrede zum Beispiel, anfangs noch “Trolltum” genannt – identifiziert und benannt wurde, wie in anderen Gegenmittel diskutiert wurden. Und jetzt gibt es Institutionen und seriöse Forschung dazu, die fundierte Daten liefern. (Ja, ich fühle mich dabei auch alt – mehr aber noch privilegiert, dass ich das alles in Echtzeit miterleben durfte und darf.)

Ich verabschiedete mich von Herrn Kaltmamsell, holte mir nochmal einen Cappuccino. Für mich gab es jetzt auf der großen Stage 1 “Das Coronavirus-Update – Wenn Wissenschaftsjournalismus auf einmal cool wird”: Die beiden Macherinnen des meistgehörten Podcasts während der Pandemie, Korinna Hennig und Katharina Mahrenholtz, ließen sich ausfragen und erzählten Hintergründe aus erster Hand. Gerade diese Infos aus erster Hand machen für mich immer wieder mein re:publica-Erlebnis aus.

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https://youtu.be/Yc8Q38dbOi8

Auf jeder re:publica profitiere ich von Sessions zu Themen, die mich überhaupt nicht interessieren. In die diesjährige zu Fernsehserien (die mich ja gar nicht interessieren) geriet ich durch ein Missverständnis: Weil ich die genaue Beschreibung nicht gelesen hatte, hielt ich “Expect the unexpected – Wie Serien improvisieren” für eine Session zu den Auswirkungen der Pandemie auf Serien-Drehbücher. Doch in Wirklichkeit ging es um drei aktuelle TV-Serien, die auf Improvisation statt klassischen Drehbüchern basieren – alle drei auf komplett unterschiedliche Weise. Vor allem das Rap-Musical Hype will ich jetzt unbedingt sehen (Laiendarsteller*innen aus Köln, die ihren Alltag spielen und sprechen), aber auch Das Begräbnis von Jan Georg Schütte (alter Mann, der seit 15 Jahren solche Impro-Sachen fürs Fernsehen macht) sieht sehr spannend aus. Extrem respektabel wirkte auf mich die Arbeit von Emil Belton: Die Discounter bei Amazon Prime. Die drei Macher*innen erzählten detailliert von ihrer Arbeit (Drehbuch, Casting, Drehen, Schnitt) – superinteressant.

Gestern kein Badewetter.

Die Session “Follow the dark Rabbit!” zu Science Fiction, die sich mit digitalen Zukunftswelten beschäftigte, war dann auch sehr interessant, unter anderem weil die Science Fiction schaffenden Podiumsdiskutant*innen partout nicht sagen wollte, was die Initiatorin und Moderatorin ihnen durch Fragen in den Mund legte. (Am Schluss sagte sie es dann halt selbst.)

Jetzt hatte ich richtig Hunger und aß mitgebrachten Apfel und Pumpernickel. Mittlerweile hatte Bundeskanzler Scholz irgendwas auf Stage 4 gesagt – ich war vor allem froh, dass die Security um die Anwesenheit von Spitzenpolitik diesmal nicht die gesamte Veranstaltung dominiert hatte.

Danach schaffte ich es nur noch zu einer Session: “Gesellschaft in der Dauerkrise: Carolin Emcke und Ottmar Edenhofer im Gespräch”. Da sich Ottmar Edenhofer verspätete, begannen Moderatorin Geraldine de Bastion (über die Jahre habe ich dieses re:publica-Urgestein als exzellent vorbereitete, umfassend gebildete und immer konstruktiv steuernde Moderatorin ungemein zu schätzen gelernt) und Caroline Emcke schon mal ohne – wie immer mit sehr klugen Gedanken. Doch Edenhofer war tatsächlich der interessante Inputgeber: Der Direktor und Klimaökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor für die Ökonomie und Politik des Klimawandels an der TU Berlin (unter anderem) konnte sehr präzise Aussagen machen zur Auswirkung des EU-Beschlusses gegen eine Erweiterung des Emissionshandels (verheerend) und zu nötigen weltweiten Kooperationen. Eigentlich wäre ich aus dieser Session völlig niedergeschlagen gekommen, wenn ich mich nicht daran festhalten hätte können, dass so jemand Superschlaue wie Caroline Emcke immer noch Licht am Horizont sieht.

Ich nahm eine S-Bahn zurück, erfuhr unterwegs, dass Herr Kaltmamsell erst eine Stunde nach mir in der Ferienwohnung eintreffen würde. Diese Zeit nutzte ich für eine Runde Yoga auf dem Küchenteppich aus Kunst-Bast, der dafür griffig genug war. Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich zu einem brasilianischen Restaurant in der Nähe, das online spannend ausgesehen hatte – aber geschlossen war (sah recht dauerhaft aus). Also aßen wir zu Abend in einer spanischen Tapas-Bar ums Eck und teilten uns: Boquerones (sehr gut), Patata Brava (eher Bratkartoffeln), Chipirones (gut), gebratenen Chorizo (gut!) mit Salätchen (hochwillkommen), dann noch einen großen Teller Lammbraten (sehr gut) mit Kartoffelgratin. Dazu ein Glas Rosé für mich und Bier für Herrn Kaltmamsell. Wir wurden sehr satt, waren aber auch sehr hungrig gewesen.

Abstimmungen für den Freitagabend: Wir werden bei einer Berliner Freundin Show-kochen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 8. Juni 2022 – Berlin 4 mit re:publica, abgetaucht

Donnerstag, 9. Juni 2022 um 8:12

Gelernt: Es ist eine schlechte Idee, am Abend vor re:publica besonders lang auszugehen und zu viel Wein zu trinken.

Nicht nur bekam ich zu wenig Schlaf und war morgens plus den halben Tag benommen, dieser Kater verstärkte auch meine derzeitige Stimmung: Auf der re:publica war ich zu keiner Geselligkeit fähig.

Neue Location Arena Berlin, neue An- und Ausblicke.

Alle Sessions, die mich interessierten, fanden im großen Saal statt, also Stage 1:
– Welcome back (worin der unsichere Weg zu dieser wiedererstandenen re:publica geschildert wurde und Johnny Häusler ankündigte, dass die ganze Sache auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit ist – noch unklar wie)

***Noch ein Cappuccino (nicht auf Stage 1) (aha: es gibt Hafermilch auch in Bitter)***

– Videobotschaft von Marina Weisband zur Lage in der Ukraine
– Hasnain Kazim liest Dialoge mit Absendern von Hassnachrichten und Morddrohungen an ihn
– “#MeToo Recherchen: Juliane Löffler berichtet” – hochinteressanter Einblick in die Arbeit hinter solchen großen Artikeln – journalistisch, rechtlich, menschlich

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https://youtu.be/_QRHt8ntkfc

– Markus Beckedahl fasste wieder zusammen: “Wie steht’s um die Digitalpolitik? Neue Regierung, neues Glück?” (tl;dr: Der Koalitionsvertrag verleitet sogar netzpolitik.org- und re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl zu zartem Optimismus.)

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https://youtu.be/pSTXj65pmX4

***Ein wenig Rumsitzen und Zeitunglesen auf dem Handy: Die neue Location war laut Selbsterklärung vor allem wegen dem vielen zusätzlichen Außenraum gewählt worden. Dem beim gestern herrlich sonnigen Wetter empfindlich an Schatten fehlte, ich suchte mir lieber einen Sitzplatz am Rand in der großen Halle.***

– Talk-Runde “Einige Menschen sind trans* – deal with it!” mit Henri Jakons und Tessa Ganserer

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https://youtu.be/8WmJBV2_lHI

– Vortrag “Die Maschen der Verschwörungsideologen” von Katharina Nocun, die zu diesem Thema bereits zwei Bücher veröffentlicht hat

Dann war ich fertig für den Tag und machte mich noch vor fünf auf den Weg zurück zur Ferienwohnung. Hunger hatte ich immer noch nicht recht, aß aber vernünftig einen mitgebrachten Apfel, außerdem einen unterwegs gekauften türkischen Sesamkringel.

In der Wohnung lang schon nötige Maniküre (nerv), Coronatest vom Morgen nachgeholt. Gegen sieben kam auch Herr Kaltmamsell zurück und hatte viel zu erzählen. Fürs Abendessen schlug ich einen ungewöhnlichen Pizzaladen vor, der mir beim Vorbeigehen bekannt vorgekommen war: Richtig, den Salami Social Club an der Frankfurter Allee hatte Mek mal in seinem Blog gelobt.

Wir saßen in den damals erwähnten neuen Räumen (der Pizzaofen steht in den alten, der bezaubernde Herr Bedienung eilte immer außenrum mit den fertigen Pizzen), Herr Kaltmamsell ließ sich als Bier ein fruchtiges IPA empfehlen (ich roch und probierte: sensationell; blieb aber selbst lieber beim Apfelschorle), wir aßen je eine halbe Pizza mit Blutwurst und eine mit Kartoffeln. Sie schmeckten uns hervorragend, nur dass Herr Kaltmamsell dünnere, knusprigere Pizzaböden mit weniger Belag bevorzugt (ich nicht).

Zum Nachtisch hatte ich auf dem Heimweg von der re:publica Erdbeeren besorgt und vor Verlassen der Wohnung Richtung Pizza geschnippelt und gezuckert.

Herr Kaltmamsell ging unter wiederholten Beteuerungen, er sei von seinem ersten Tag auf der re:publica nicht überfordert, keineswegs überfordert, sehr früh ins Bett.

§

Ein Kind ist nunmal kein Haustier, das man sich hält, damit seine Anwesenheit einem ein wohliges Gefühl verschafft.

Novemberregen schreibt immer wieder Dinge über Mutterschaft, die ich als extrem Kinderferne gut nachvollziehen kann. Hier über Alltag mit einer siebzehndreivierteljährigen Tochter:
“07062022”.

§

Herr Buddenbohm hat eine besondere Szene beobachtet, mit kleinen Geschwistern und einer Taube.
“Eine Dankespostkarte”.

§

(So sieht der Journaleintrag aus, wenn ich mir vornehme: Mir geht’s nicht gut, heute blogge ich bloß, dass ich untergetaucht bin.)

Abends gab’s bereits ein kleines Filmchen vom ersten Tag re:publica mit Eindrücken.

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https://youtu.be/Dy5bIsMBqlo

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 7. Juni 2022 – Berlin Tag 3 mit KaDeWe und Friedrichstadtpalast

Mittwoch, 8. Juni 2022 um 9:27

Ausgeruht aufgewacht. Während Herr Kaltmamsell noch schlief, duschte ich, zog mich an und ging auf einen ersten Cappuccino nach nebenan.

Als ich fertig war mit Bloggen, war Herr Kaltmamsell auch startklar, es ging nochmal nach nebenan zu einem zweiten Cappuccino und zu einem kleinen Frühstück für Herrn Kaltmamsell.

Programmpunkt 1 gestern: Die neue Feinkostetage des KaDeWe. Wir fuhren in die Richtung mit der U-Bahn, gingen noch ein Stück zu Fuß. Das KaDeWe hat auf dem Weg in die 6. Etage, Feinkost, natürlich noch mehr zu bieten, und so blieben wir erst mal gründlich in der Schreibwarenabteilung/Papeterie hängen. Herr Kaltmamsell korrigiert künftig mit besonders edler roter Tinte, ich besitze wieder ein paar schöne, neutrale Glückwunschkarten (wie ich sie sonst immer aus Brighton mitbrachte). In der Porzellan-Abteilung (interessanterweise ein wenig versteckt und nur über Beschilderung auffindbar) stieß ein re:publica-Teilnehmer aus Luxemburg zu uns, ich besah die aktuelle Ware hochklassiger Anbieter.

Gemeinsam fuhren wir in die Lebensmittelabteilung – und blieben dort ein paar Stunden, unterbrochen von einem Mittagessen der Herren im 7. Stock.

Abschließendes Urteil: Ein sehr gelungener Umbau, ich trauere der vorherigen Version der Köstlichkeitsabteilung nicht nach. Die Ware in sensationeller Vielfalt – wenn auch möglicherweise eher Mainstream: Dass ich so viele der sehr vielen angebotenen Weine kannte, bedeutet ziemlich sicher nicht, dass ich über Nacht zur Wein-Checkerin geworden bin. Wirklich außergewöhnlich fand ich den Bereich mit Pralinen und Schokoladen: An der riesigen Theke mit offener Ware gab es neben Mainstream (Godiva, Lauenstein) auch Abgefahrenes inklusive Fudge. Zum Abschluss Kaffeetrinken.

Programmpunkt 2: Check-in zur re:publica.

Reiher auf Lohmühlinsel.

Ich hatte mir bis hierhin verkniffen, Herrn Kaltmamsell Tipps zu geben; ich möchte ihm die Chance offen lassen, eine ganz eigene re:publica kennenzulernen, die ja vielleicht überhaupt nichts mit meiner zu tun hat. So halte ich es weiterhin: Ich werden auch nicht seinen Cicerone spielen, wie ihn/sie alle bei ihrer ersten Teilnahme brauchen: In der tiefen Überzeugung “oh Gott, das wird alles schrecklich, ich kenne mich nicht aus und ich kenne überhaupt NIEMANDEN!” sieht man dann nämlich endlich ein bekanntes Gesicht, stürzt sich auf den zugehörigen Menschen und lässt ihn für ca. einen halben Tag nicht mehr los. Idealerweise hat dieser Mensch bereits re:publica-Erfahrung, lässt sich vom Ertrinkenden umklammern und schleppt ihn ein Weilchen erklärend mit.

Fahrt in die Ferienwohnung, dort ein wenig Ausruhen, ich aß dann auch mal was, nämlich einen Apfel und den Rest Linsen, den ich am Sonntag als Reiseproviant eingesteckt hatte, Schokolade.

Progammpunkt 3: Nochmal die Show Arise im Friedrichstadtpalast. Der angereiste Luxemburger hatte sie gern sehen wollen, Herr Kaltmamsell und ich sahen sie sehr gerne nochmal. Ich hatte fast noch mehr Spaß als beim ersten Durchgang letzten September, weil ich mich schon auf bestimmte Höhepunkte vorfreute – und war wieder begeistert.

Wir spazierten noch zu einer Weinbar an der Spree, aßen ein wenig Käse, tranken Wein – und trafen nochmal auf die ungemein spontane @maske_katja, die auch an diesem Abend Dienst im Friedrichstadtpalast gehabt hatte und uns ihren Feierabend opferte – Spitzentreffen der Maskenbildnerei.

Es wurde spät, der joviale Herr Bedienung meinte es sehr gut mit unseren Weingläsern, ich war auf dem Rückweg froh darum, ein gutes Stück zu Fuß durch die wunderbar milde Sommernacht gehen zu können. Und sorgte mich ein wenig, ob ich bis zum Start der re:publica genug Schlaf bekommen würde. In der Ferienwohnung brauchte ich auch noch ein großes Stück Schokolade gegen Magenknurren.

die Kaltmamsell

Journal Pfingstmontag, 6. Juni 2022: Berlin Tag 2 in Stichworten Luisenstadt-Friedhof, Liebermann-Villa, Verwandtschaft

Dienstag, 7. Juni 2022 um 9:15
    • Etwas schwierige Suche nach akzeptablem Morgenkaffee, weil Feiertag auch in Berlin bedeutet, dass Cafés tendenziell erst um zehn öffnen. Frühstück für Herrn Kaltmamsell, über uns Mauersegler, Geräuschkulisse aber dominiert von Spatzen.

Fledermaus!

    • Wetter: gemischte Wolken, warm, richtig für ein langärmliges Sommerkleid.
    • U-Bahn zum Alten Luisenstädtischen Friedhof, ausgedehnter Spaziergang durch das wunderschöne Gelände mit vielen interessanten Grabmälern (allerdings deutlich weniger Informationen über die Verstorbenen darauf als auf dem Alten Südfriedhof in München), abschließendes Bankerlsitzen.
    • U- und S-Bahn zum Wannsee: Die Fahrt zog sich länger als geplant wegen S-Bahn-Ausfalls. Viele Leute unterwegs, aber nicht in beängstigendem Maß. (Wie immer in Berlin freue ich mich an all dem Platz: Straßen und Gehwege sind im Schnitt doppelt so breit wie in München – Radwege bezeichnenderweise nicht -, ich kann immer besser nachvollziehen, warum sich Besuch aus Berlin in der Münchner Innenstadt umgehend überrannt und eingeengt fühlt.)
    • Spaziergang vom Bahnhof Wannsee zur Liebermann-Villa. Sie hatte auf meiner ewigen Liste “in Berlin mal machen” gestanden, bei einem Check hatte ich zu meiner freudigen Überraschung entdeckt, dass sie dienstags und nicht wie sonst Museen montags geschlossen ist.
    • Bewunderung der Gartenanlage Liebermann-Villa und der kleinen Ausstellung, Kaffeepause auf der Terrasse mit Kakao. Auf dem Rückweg zum Bahnhof aß ich vernünftig auch einen mitgebrachten Apfel.
    • S-Bahn-Fahrt zur Berliner Verwandtschaft von Herrn Kaltmamsell, die in der Nähe wohnt, nämlich in Zehlendorf. Fröhliches Zusammentreffen mit ausgesprochen angenehmen Menschen, eine Verwandte aus dieser Generation war nach vielen Jahren Pause dabei. Währenddessen ging ein ausgedehnter Wolkenbruch nieder, der sich bereits einige Zeit lang mit dunklen Wolken angekündigt hatte.

Bahnhof Schlachtensee. In dieser Gegend denke ich immer mit schwerem Herzen an das Fräulein.

  • Öffi-Fahrt zurück nach Friedrichshain, Abendessen bei einem veganen Vietnamesen, ich hatte einen Limette-Zitronengras-Eistee (sehr super, die Kombi mal merken), Mangosalat als Vorspeise, gedämpfte Udon-Nudeln mit Gemüse und gebratenem Tofu als Hauptgericht (gut!).
  • Tagesabschluss sehr satt nahezu direkt ins Bett. Befinden weiterhin angespannt und belastet.

Schon am Vortag hatte ich die Ausgabe 158 des Literaturmagazins Granta ausgelesen – erstmals in diesem Jahrzehnte dauernden Abo hatte ich eine Ausgabe nicht gelesen, als die nächste eintraf. Recht gemischte Texte, aber einer hatte das ganze Buch gelohnt:
“The Picnic Pavilion” von Debbie Urbanski.
(Zu meiner großen Freude ganz online zur Verfügung.)

Eine Ich-Erzählerin stellt sich vor, wie sie sich mit drei verstorbenen Ahninnen trifft: Sie hat von ihnen die Veranlagung zu tödlichem Gebärmutterkrebs geerbt, an dem diese drei recht jung gestorben sind, hat bereits eine Totaloperation hinter sich, lässt sich bald die Brüste präventiv entfernen. Das Faszinierende an der Erzählung aber ist, dass die Stimme den Prozess des Erfindens und des Schreibens transparent macht, woher sie das Aussehen der Personen nimmt, warum sie ihr Verhalten genau so erfunden hat – ohne dass das die eigentliche Geschichte überlagert. Eine ungemein zur Zeit passende Technik, in der Unschuld und Naivität in Kreation und Kunst ihr Glaubwürdigkeit verloren hat.

die Kaltmamsell