Journal Dienstag, 8. März 2022 – Arztpraxis-GmbHs

Mittwoch, 9. März 2022 um 6:48

Etwas mehr Luft am Morgen für Bloggen und Herrichten, weil ich um acht erst mal zur nahe gelegenen Hausarztpraxis für mein Rezept spazierte (sonst gehe ich meist vor halb acht los in die Arbeit). Dort machte die Backoffice-Organisation schon mal einen guten Eindruck, die Angestellten wirkten sympathisch und fröhlich (alle mit FFP2-Masken statt der eigentlich nur vorgeschriebenen magisch antiviralen Plexiglas-Scheibe), einen der am Schild angeschriebenen Ärzte sah ich auf dem Gang vorbeilaufen (werden die immer jünger? bitte nicht antworten).

Die Praxis ist Teil einer GmbH, die sechs Praxen in München betreibt. Den ganzen Tag ging mir dieses eher neue System niedergelassener Ärzt*innen im Kopf herum. Mir als Laie erscheint das ausgesprochen praktisch, dass sich medizinisches Personal nicht mit Unternehmertum und wenig mit Verwaltung befassen muss, für das es nicht wirklich ausgebildet ist, sondern dass das zentral von einer Firma übernommen wird, die sich sehr wahrscheinlich auch um die Ausstattung der Praxen kümmert, inklusive Software und Wartung (diese konkreten Praxen haben eine wirklich geschickte Online-Terminverwaltung, die ich mir hatte erklären lassen), um Personalmanagement, Patientenorganisation etc. Dass sich das medizinische Personal auf die Medizin konzentrieren kann. Ärzt*innen müssen sich nicht zwischen einem Berufsweg in einem Krankenhaus (brutale Arbeitszeiten) und dem mühevollen Führen oder gar Aufbauen einer eigenen Praxis entscheiden, sondern können das Arbeiten in einer Praxis mit Anstellung kombinieren. Vielleicht ist das die eine positive Seite unserer sonst besorgniserregenden geschäftlichen Entwicklung im Gesundheitswesen? Allerdings kann ich mich nicht in die ärztliche Sicht auf dieses Konstrukt hineindenken. Privat kenne ich nur einen Kardiologen, der nach Jahrzehnten als Klinik-Arzt jetzt Teilzeit in solch einer Praxis arbeitet und das System super findet, weil es ihm so viel Freiheit gibt.

Durch weiterhin beißende Kälte marschierte ich ins Büro. Vormittags folgte eine Online-Besprechung auf die andere, dazwischen Live-Abstimmungen – ich kam nicht mal zu meinem Vormittags-Cappuccino.

Mittags schoss ich kurz raus, um mein Rezept einzulösen und bei der Gelegenheit weitere Medikamente zu besorgen – ich komme in das Alter, wo Apothekenbesuche unter “Shopping” fallen.

Bei dieser Gelegenheit ein kleines Kind getragen, war dann gar nicht schlimm. (Die Mutter kämpfte auf der U-Bahn-Treppe mit einem Kinderwagen, ich bot Hilfe an, sie drückte mir den Kinderwageninhalt in den Arm und trug den Wagen hoch.)

Zu essen gab es mittags Äpfel, außerdem ein Stück Kartoffel-Lauch-Quiche vom Vorabend.

Auch der Nachmittag im Büro hatte eine hohe Schlagzahl, ich musst mich zu Hochkonzentration und zum Durchhalten zwingen. Das geht schon mal, aber ich weiß, wie schnell und sehr es mich das als länger andauernder Zustand kaputt macht. Genauer: Gemacht hat, ein paar Mal zu oft davon gehörten zu den Faktoren, die mich zum Abbruch meines Berufswegs gebracht haben.

Heimweg nach Feierabend über einen ausführlichen Lebensmittel-Einkauf beim Vollcorner, es war etwas weniger kalt geworden. Daheim die letzte Folge Yoga des 30-Tage-Programms Move von Adriene, wie alle ihre letzten Folgen ohne Ansagen, nur mit Vormachen. Ging ganz gut, aber vom Asana Halbmond bin ich weiterhin weit entfernt.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl das Weißkraut aus Ernteanteil gebraten mit Nudeln, gut, warm und sättigend. Nachtisch Schokolade.

Die Buchung der Unterkunft in Berlin hatte nicht funktioniert, ich musste neu suchen. Hoffentlich klappt dieser zweite Versuch.

Abendunterhaltung eine weitere Folge Beforeigners. Ich merke, dass mein Interesse erlahmt; in der ersten Staffel war das für mich Spannendste das world bulding, also das geschickte Erzählen und Darlegen dieser fiktionalen Welt mit Zeitmigration. Das wird jetzt ja vorausgesetzt.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 7. März 2020 – Ärztliche Treulosigkeit, Beifang aus dem Internetz

Dienstag, 8. März 2022 um 6:46

Ordentliche Nacht, nur wenige Male aufgewacht.

Als Herr Kaltmamsell fast zeitgleich mit mir aus seinem Zimmer kam, winkte er mich herein und zeigte mir: In den Kastanien vorm Fenster übernachtete ein großer Krähenschwarm; er hatte ihn entdeckt, als gerade ein Dutzend wegflog.

Ein grauer Tag. Auf dem Weg in die Arbeit schwebte alle paar hundert Meter eine Schneeflocke herab, so langsam, dass sie in der Luft zu stehen schienen – es war KALT.

Vormittags eine unangenehme Überraschung: Meine langjährige und geschätzte Hausärztin hat ihre kassenärztliche Zulassung abgegeben und behandelt nur noch Privatpatient*innen und Selbstzahlende. Das erfuhr ich, als ich turnusmäßig in der Praxis anrief, um meinen Bedarf nach einem Rezept anzukündigen. Die Praxis-Website, auf die ich für Hintergründe verwiesen wurde, nennt einen allgemeinärztlichen Übernehmer der Patientenkartei, den ich gleich anrief: “Grüß Gott, mein Name ist Kaltmamsell, ich war bis vor zwei Minuten Patientin bei Frau Allgemeinärztin.” Dass die Angestellte am Telefon daraufhin lachte, macht diese Praxis ja schon mal sympathisch. Dienstagmorgen gehe ich hin, stimme der Übernahme meiner Daten zu und bekomme hoffentlich das Rezept (knapp kalkuliert, für Mittwoch habe ich schon nichts mehr – künftig rechne ich solche Verzögerungen zur Sicherheit ein).

Mittags gab’s Äpfel (aus Ernteanteil und besonders köstlich: mit Kirscharoma!) und eine Kürbiskernsemmel, die vom samstäglichen Frühstück übrig war.

Uuuuuund wieder lustiges Jacke-an-Jacke-aus/Fenster-auf-Fenster-zu-Ballett auf der klimakterischen Körpertemperatur-Achterbahn. Mein Körper gaslighted mich.

Über den Tag immer wieder Sonne, der Büroturm am Heimeranplatz entwickelt sich. (Und das Sheraton am Heimeranplatz gibt es wohl nicht mehr: Ich entdeckte schon vor Wochen, dass das stattliche rote Logo entfernt worden war, die Fenster sind dunkel.)

Der Heimweg war wieder beißend kalt, ich merke, dass ich langsam ungehalten werde über die Notwendigkeit von Wintermantel, dicker Mütze und dicken Handschuhen. Einkaufsabstecher im Drogeriemarkt.

Zu Hause sortierte ich mal wieder anderthalb Meter Bücher aus – so schön! Es gibt so viele Bücher, die ich noch lesen möchte, da ist es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass ich Märchenbücher aus Kinderzeit, die gesamten Dörrie-Romane und -Kurzgeschichten oder Dumas’ Graf von Monte Christo in der gebrauchten Buchclub-Ausgabe vom Flohmarkt vermissen werde.

Nochmal die Runde Yoga vom Sonntag, wieder interessant.

Herr Kaltmamsell hatte fürs Nachtmahl restliche Kartoffeln und Lauch aus Ernteanteil in eine wundervolle Quiche verwandelt.

Abendunterhaltung: Die zweite Staffel Beforeigners ist da, Herr Kaltmamsell hatte sie am Wochenende gleich mal gesichert. Wir guckten die erste Folge.

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CNN berichtet, wie die Redaktion Bilder und Videos von Social Media prüft, die angeblich aus dem Ukraine-Krieg kommen – an einem konkreten Beispiel (so machen das praktisch alle seriösen Redaktionen):
“How CNN geolocates and verifies social media footage from Ukraine”.

via @stedtenh0pp1A

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Simon Borowiak musste von 2000 bis 2005 um die Behandlung seiner Transiden­tität kämpfen. In der taz schreibt er drüber – ziemlich lustig und mit überraschenden Details.
“Aus dem Leben eines trans Mannes”.

via @vonhorst

Abgesehen von der extremen Erleichterung durch die körperliche Anpassung kann ich endlich tun, was mir bisher verwehrt wurde. Zum Beispiel zur Wahl bei „Deutschlands unbegehrtester Junggeselle“ antreten. Und: Transsein ist bewusstseinserweiternd. Weil ich jahrzehntelang im inner circle von Frauen lebte und mit diesem Geheimwissen nun im inner circle von Männern – da lernt man beiderlei interne Sozialgesetzgebung kennen und die jeweiligen Mätzchen zu durchschauen.

Man bekommt einen Röntgenblick auf den Geschlechterzirkus. Auch fit haltend: Es kommt vor, dass ich mit meinem Status quo ante und der jetzigen Außenwirkung inkongruent bin. Zum Beispiel verlor ich früher in Disputen gern die Geduld. Und war mein Gegenüber männlich und unsympathisch, beendete ich das Gespräch mit einem aggressiven: „Wollen wir vor die Tür?“

Das war schon ernst gemeint, aber ich konnte mich ja darauf verlassen, dass schlimmstenfalls gelacht wurde. Dieses alte Wutmuster ist mir jüngst noch mal unterlaufen; erst als sich mein schrankgroßes Gegenüber erhob, wurde mir klar, dass ich da etwas vergessen hatte.

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Mal ein ganz anderer Handwerker-Besuch, nämlich bei Gaga Nielsen:
“23. Februar 2022”.

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Ein herrliches Portrait der 90-jährigen Rita Moreno mit Interview:
“Rita Moreno is Just Getting Started”.

Achtung, West Side Story-Spoiler – aber die Fotos! Wieder ein schönes Beispiel, dass Jugendlichkeit keine Bedingung für Schönheit ist. Aber unbedingt auch die alten Life-Fotos anklicken.

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Der eigentliche Sündenfall. Naturwissenschaftlich betrachtet.

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https://youtu.be/TnLdO3PYZHM

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 6. März 2022 – Schwiegerfamilienzusammenkunft

Montag, 7. März 2022 um 6:23

Nach dem späten Vorabend zu früh aufgewacht, aber ich hatte zwischen einigen Aufwachen mehrere Stunden am Stück geschlafen.

Gemütlicher Morgen, draußen war es hell und trocken. Vormittags machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof: Wir waren wieder von Schwiegers in Augsburg eingeladen, diesmal mit allen ihren Söhnen und deren Familien.

Unterwegs entdeckte ich, dass das Münchner Bahnhofsviertel auch einen ortsspezifischen Fetisch bedient.

Wie diese Bedienung im Detail aussieht, mochte ich mir nicht ausmalen.

In Augsburg wurden wir wieder abgeholt und zum italienischen Restaurant vom Vorsonntag gefahren. Ich freute mich sehr, die Schwagerfamilien nach langer Corona-Pause mal wieder zu sehen, alle wohlauf.

Hier wird Respekt für Technik gezeigt: Die ausgemusterte Espressomaschine bekommt ihr Gnadenbrot als Deko im Keller des Restaurants.

Nach Aperitif (ein Erdbeer-Campari-Spritz) und sehr gutem Brot mit Olivenöl aß ich hausgemachte Ravioli mit Butter und Salbei. Bei den Schwiegers daheim gab’s Kaffeeundkuchen (ich beließ es bei Tee) zu mehr Spaß und Geschichten. Herr Schwieger drapierte alle aufs Sofa zu einem Gruppenfoto mit Selbstauslöser – eine sehr gute Idee, erfahrungsgemäß sind es genau diese Bilder, die später am häufigsten rumgereicht werden, die man gemeinsam ansieht.

Auch zur Rückfahrt wurden wir am späteren Nachmittag an den Bahnhof gefahren. Wir hatten noch ein wenig Zeit, bis unser Zug kam, und drehten eine kleine Runde durch den benachbarten Protestantischen Friedhof – historisch interessant (gegründet 1534, mit den Gräbern von Stadtwerkmeister Elias Holl, Angehörigen der Familien Schaezler, Riedinger, Klaucke, Firnhaber, den Eltern von Bert Brecht sowie von Anna Barbara von Stetten), aber bis heute für Beerdigungen genutzt. Es war weiterhin unangenehm kalt.

Zurück daheim in München stellte ich fest, dass einer der beiden neuen Ohrringe, die ich gestern zum ersten Mal getragen hatte, weg war – ich hatte ihn vermutlich bei einem Maskenaufsetzen oder -abnehmen erwischt. Ach Männo.

Geknickt absolvierte ich umfassende Pedi- und Maniküre (Augenroll-Emoji), damit hatte ich mir eine Runde Yoga verdient (diese vorletzte Folge der 30-Tage-Serie Move mache ich nochmal).

Fürs Abendessen hatte ich wieder genug Hunger, es gab gewurstetes Rührei und Käse, danach Süßigkeiten. Auf Fernsehen hatten wir beide keine Lust. Statt dessen buchte ich endlich eine Unterkunft in Berlin zur nächsten re:publica im Juni, daraus wird eine ganze Woche Berlin-Urlaub werden. Auf die ich mich ab sofort freuen kann!

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 5. März 2022 – #WMDEDGT mit Schrankaufbau und italienischem Restaurantessen

Sonntag, 6. März 2022 um 8:45

Frau Haxenbruch-beim-Skifahren Brüllen sammelt auch an diesem Fünften des Monats Tagebucheinträge, die ihre Frage “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”, #WMDEDGT, beantworten. Hier, bitteschön.

Extra beschissene Nacht. Nach dem Aufwachen um zwei schlief ich nicht mehr ein. Nach einer Stunde gab ich auf, zog meine Schlumpfklamotten an, las im Wohnzimmer eine Stunde lang und fühlte mich ein wenig jämmerlich. Danach weitere Dämmer-Wach-Phasen, zum Glück war Wochenende und ich konnte nach halb sechs anderthalb Stunden am Stück schlafen. Dann erwachte ich zu einem wundervoll sonnigen Morgen.

Die Corona-Warn-App hatte auf Rot gewechselt: Für vergangenen Sonntag gab sie eine Risikobegegnung an, das war ein Tag mit Zugfahrten und Restaurantbesuch gewesen. Der Schnelltest war aber negativ, Symptome hatte ich ja auch keine.

Bloggen und Räumen: Meine Eltern hatten sich bereit erklärt, beim Schrankbauen zu helfen, endlich sollte im Wohnzimmer die Wand mit Bücherschränken komplettiert werden. Ich schlüpfte nach dem Duschen in Sportklamotten, um fürs Handwerkenhelfen möglichst beweglich zu sein. Pünktlich um zehn klingelte es, und dann wurde zusammengebaut, geschraubt, gesteckt, mein Vater sägte in die Rückwand eine Aussparung für Steckdosenzugang, in die Seitenwand einen Ausgang für die Kabel. Gleichzeitig fädelte meine Mutter Gardinenhaken in zwei umgenähte Stoffe, die anschließend zu Schals links und rechts vom Arbeitszimmerfenster wurden.

Weil er schon mal da war, guckte mein Vater sich auch den wackelnden Wasserhahn in der Küche an – und zog von unten mit einigen Verrenkungen eine Schraubenmutter an. Noch sind wir um kompletten Auseinanderbau zum Entkalken oder gar um Auswechseln herumgekommen. Ich hielt, reichte an, schraubte, steckte, wischte Staub, wusste Werkzeugbezeichnungen (kann ich mir deutlich einfacher merken als Wörter für Deko- und Einrichtungsdinge).

Gegen eins hatten wir alles abgeschlossen, ich war SO dankbar für die Unterstützung.

In leicht diesiger Sonne hollte ich Semmeln (definitv Plusgrade, aber eine Mütze brauchte ich doch), die ich zu einem Apfel und einer Avocado frühstückte. Der volle Bauch verschaffte mir die nötige Bettschwere für eine Siesta, ich holte eine Stunde tiefen Schlaf nach.

Es hatte sich Bügelwäsche angesammelt, ich schaffte sie weg mit Podcast auf den Ohren: Aus der Serie ÜberMerkel – Vertraute erzählen hörte ich die Folge mit der langjährigen journalistischen Merkel-Biografin Evelyn Roll, “Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, kam sie mir vor wie eine verpanzerte Schildkröte”, und die mit Ursula von der Leyen, “Ich war davor, das Handtuch zu schmeißen”.

Ich gönnte mir wieder eine Folge Yoga, die allerdings bloß aus ein wenig Schnaufen und Dehnen bestand. Ansonsten werde ich an diesem Wochenende keine Gelegenheit für Sport haben. Aus den Yogaklamotten wechselte ich in Kleid und Strumpfhose, denn abends waren Herr Kaltmamsell und ich mit Freunden zum Essen verabredet, wir trafen uns bei deren Lieblingsitaliener Friulana. Der Abend brachte eine neue Bekanntschaft, Geschichten aus der zeitgenössischen Hotelerie, Berichte über sehr konkrete und handfeste Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine, zwei interessante Weine (Muzic Collio Ribolla Gialla 2020 aus dem Friaul / ein kalabresischer Patros Pietro Azienda Vinicola Malaspina) – und sehr viel gutes Essen.

Deutlich nach Mitternacht spazierten wir durch immer noch beißende Kälte nach Hause.

§

Maximilian Buddenbohm ist ja ein freundlicher und im Ton eher zurückhaltender Blogger. Damit er laut wird, muss schon einiges zusammenkommen.
“Okay”.

Ich lese die Timelines und frage mich unfreundliche Fragen, ob bei denen da auf dem Bildschirm denn die Lampen nicht an sind oder was, so wie die auf einmal nahtlos auf Heldenverehrung umschalten und auf eine netflixmäßige Plotentwicklung lauern, es ist alles kurz vor Abenteuerfilm mit dem ukrainischen Präsidenten in der sympathischen Hauptrolle. Nichts gegen diesen Präsidenten, versteht sich. Aber wie sie alle Filmchen und Bilder aus dem Kriegsgebiet teilen, ungeprüft, unkommentiert, hau raus, es passt schon. Süße Szenen, grauenvolle Szenen, Tränendrücker und Späßchen, immer her damit, auch jede Eilmeldung gleich weiterflanken. Und für die eigenen Kinder fordern sie dann wieder vehement Medienerziehung und -kompetenz, das sollen die Schulen bitte mal richten.

Und dann das Männlichkeitsbild, das Frauenbild, das Kriegsbild, der allgemeine Rüstungstaumel, die starken Entscheidungen starker Männer. Die Wehrpflicht, wie alt sind meine Söhne, na, da fehlt ja nicht viel. Heute am Morgen irgendwo die Schlagzeile: „Lindner hat Großes mit der Bundeswehr vor“, und ich denke da gleich an Therapie, nicht zuerst an die Weltpolitik. Das macht mein Alter, Sie müssen das entschuldigen. Friedensbewegung und so, AKW nee und all das, wir haben das ja ernst gemeint damals, auch die Abkehr von den Heldenmythen, das Postheroische, give peace a chance. Wir haben Elternzeit genommen und fanden das richtig, die Care-Arbeit, die neuen Rollen, Mental-Load-Debatten, neue Männer braucht das Land, es stand vereinzelt an Wänden, erinnern Sie sich. All die Diskurse, und jetzt, zack, wir spulen mal eben ein Jahrhundert zurück, ich ziehe in den Krieg, du ziehst die Kinder groß.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 4. März 2022 – Freitagabend allein, Drecksklimakterium

Samstag, 5. März 2022 um 8:44

Blöde Nacht mit fast stündlichem Aufwachen durch Glutattacken – einmal war ich so wütend über das Rausreißen aus dem Schlaf, dass ich eine Zeit lang wild stramplen musste (half auch nicht). Ich bin sehr kurz davor, mir doch ernsthafte Medikamente gegen diese Klimakteriumssymptome zu holen (bloß dass ich mich dann daran erinnere, wie ausgesprochen bösartig mein System bisher auf Eingriffe in seinen Hormonhaushalt reagierte, seinerzeit noch zur Schwangerschaftsverhütung). Nein, an den Einfluss pflanzlicher Mittel auf meinen Östrogen- und Gestagenspiegel kann ich nicht glauben – und der es ist ja, der die Beschwerden verursacht, das ist gut belegt.

Doch der Morgen war sehr schön: Jetzt beginnen die Tage wieder früh genug, dass unsere Wohnung bereits vor der Arbeit von Sonnenlicht durchflutet wird. (Die Fenster brauchen das Putzen.)

Zackiger Marsch in die Arbeit, denn es war weiter kalt.

Kaiser-Ludwig-Platz im Weitwinkelmodus.

Emsiger Arbeitstag, auch im Büro Glutattacken im Stundentakt.

Zu Mittag gabe es Pumpernickel mit Butter, einen Apfel, eine Orange. Ich ging kurz raus, um die Kleidungs-Retoure zu einer DHL-Annahmestelle in einem Back-Shop zu bringen. Vergeblich, “das Gerät ist kaputt”.

Ich fürchte, dass ich mittlereweile bei mehr Twitter-Kanälen, denen ich folge, die Retweets ausgeschaltet habe als angelassen: Zum Thema Ukraine-Krieg ertrage ich nur noch Infos von Leuten, die sich hauptberuflich damit befassen.

Nach ersehntem Feierabend nahm ich eine U-Bahn nach Schwabing: Ich war telefonisch imformiert worden, dass ein bestelltes Stück Unterwäsche eingetroffen war. Bei dieser Gelegenheit ließ ich mich zu weiteren BH-Käufen beraten – und kann die Empfehlung, die mich seinerzeit zu Torso Dessous gebracht hatte, nur wiederholen.

Unterwegs kam ich an einer weiteren DHL-Annahmestelle vorbei und wurde meine Retoure doch noch los.

In wunderschönem Abendlicht, aber weiterhin sehr kalter Luft spazierte ich Richtung Daheim.

Josephsplatz.

Am Königsplatz hatte ich keine Lust mehr auf Gehen, ich nahm die U-Bahn für die restliche Strecke.

Ganz neuer Hosen-Look.

Ich wiederholte die Yoga-Folge vom Donnerstag, wieder anstrengend. Aber mir wurde schön warm, die Temperatur-Achterbahn hatte mich vorher wieder in eine Frier-Phase gefahren.

Mein Abendessen musste ich mir selbst ausdenken, Herr Kaltmamsell war aushäusig (machte den Freitagabend ein wenig traurig). Ich kochte mir Berglinsen mit Lauch und Nudeln (die Nudeln mitgekocht, so konnten sie den Eintopf gleich ein wenig binden), schnitt eine Ingolstädter Bauernwurscht rein. Das schmeckte so gut (LINSEN! NUDELN!), dass ich sehr viel davon aß, es passte fast keine Schokolade mehr hinterher. Trotz Freitagabend hatte ich keine Lust auf Alkohol, ich bin wohl doch Geselligkeitssäuferin.

Eher früh ins Bett, um noch lange zu lesen. Zahnseideln mit blutigem Herpes-Mundwinkel ist übrigens noch weniger vergnüglich als eh schon.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 3. März 2022 – Frühlingsblumen, fortgesetzte Pandemie, Vorsicht vor Kriegsgeschichten

Freitag, 4. März 2022 um 6:39

Eher unruhige Nacht mit seltsamen Träumen, in einem war Christine Lagarde eine meiner Chefinnen.

Auf dem Weg in die Arbeit Frühlingsblumen in Vorgärten – sogar mit Schlüsselblumen.

Im Büro weitere, durchaus verzweifelte Anläufe, Probleme mit dem neuen IT-System zu lösen oder zumindest einen Work-around zu finden.

Mittags restlichen Chicoree-Orangen-Salat vom Vorabend, ein Laugenzöpferl.

Nachrichten von der Körper-Front: Derzeit kämpfe ich mit einer Herpesbläschen-Attacke von seit Jahrzehnten unbekannter Vehemenz. Sie begann blöderweise am Dienstag auf der Wanderung: Zwar habe ich als Fieberbläschen-Veteranin Handtasche, Büroschublade und die Hausapotheke daheim jederzeit mit der antiviralen Creme bestückt, nicht aber meine Wander-Ausrüstung. Also konnte ich sie nicht umgehend anwenden, sondern erst einige Stunden später. Seither breiten sich die Bläschen am Mundwinkel trotz kontinuierlicher Creme-Anwendung aus – und schmerzen überraschend heftig. Außerdem bilde ich mir ein, auch sonst nicht wirklich fit zu sein.

Wichtiger für Nachwelt (womit ich eigentlich immer mein späteres Ich meine): Die Corona-Pandemie tobt unvermindert, München vermeldete gestern eine 7-Tage-Inzidenz von 1156 – diese Größenordnung war noch vor wenigen Monaten komplett unvorstellbar.

Dennoch haben die Bundesländer die schrittweise, aber recht schnelle Aufhebung der meisten Pandemiemaßnahmen beschlossen. Wir sind nicht etwa in der ersehnten endemischen Phase gelandet, sondern haben als Gesellschaft akzeptiert, dass man jetzt halt Covid-19 bekommt, früher oder später. Mit wahrscheinlich schlimmen Folgen für Ungeimpfte, sehr wahrscheinlich nicht so schlimmen, wenn man gründlich geimpft ist. Mit dem Risiko von Long Covid, das dem chronischen Erschöpfungssyndrom ähnelt und bislang nicht heilbar ist (deswegen übrigens der Rat, einen positiven Schnelltest unbedingt durch PCR-Test bestätigen zu lassen, damit man im Fall von Long Covid den Zusammenhang mit der Infektion belegen kann).

Unerfreulicher Nachmittag in der Arbeit, der eine oder andere Erfolg wäre mal wieder schön.

Den Heimweg ging ich wieder direkt – und erlebte eine brennende Theresienwiese.

Daheim Yoga (anstrengende Folge 27 von Move, die mache ich nochmal) (vielleicht war sie ja nur wegen allgemeinen Kränklichkeitsgefühls anstrengend), dann probierte ich frisch gelieferte Kleidung an: Passte und stand mir fast alles, nur ein Sommerkleid muss ich wegen überraschender Sackigkeit zurückschicken, ein anderes Sommerkleid aber sieht noch besser aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Eine Hose bügelte ich gleich, um sie am Freitag zu tragen.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Ofenkartoffeln (Ernteanteil Vorwoche – wir hatten uns beide daran erinnert, dass Jacket Potatoes zur Zeit unserer Auslandsstudienjahre Anfang der 1990er in UK sehr angesagt waren und zum Standard Fast Food gehörten) mit Käse, Soja-Hack mit weißen Bohnen, Sauerrahm, dazu machte ich den Ernteanteil-Ruccola an. Gut! Abschließend wieder viel Süßigkeiten.

§

Die New York Times beschreibt an konkreten Beispielen, wie im Ukraine-Krieg auch offizielle Stellen Helden- und Opfergeschichten durch belegbar falsche Informationen erzählen:
“Fact and Mythmaking Blend in Ukraine’s Information War”.

§

Ilya Lozovsky übersetzt in einem Twitter-Thread eine Online-Sendung des russischen Bildungsministeriums für Kinder – zur Erklärung des Ukraine-Kriegs. (Hier seine zusätzliche Analyse und sein Faktencheck).

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 2. März 2022 – Ereignisloser Arbeitstag

Donnerstag, 3. März 2022 um 6:32

Die Nacht war ok, aufgewacht vor Weckerklingeln.

Der Tag startete wieder sonnig und knackig kalt, bewölkte sich bis zum Abend aber.

Im Büro traf ich auf die befürchtete Welle, weil viele meiner internen Schnittstellen die Betriebsferien Montag/Dienstag nicht freigenommen hatten, manche auch das Wochenende durchgearbeitet. Bis Mittag sah ich langsam Land.

Mittagessen war Karottensalat mit viel Koriander (uns fiel kein weiterer Einsatz in den nächsten Tagen ein, also kam der ganze kleine Bund rein) und Grapefruit.

Der Nachmittag war ebenfalls voll, ich beendete ihn spät und erschöpft.

Mir fiel absolut nichts einzukaufen ein, also ging ich nach Feierabend direkt nach Hause.

Eine Maschine Wäsche gefüllt und eingeschaltet, eine interessante Runde Yoga geturnt. Währenddessen gingen in München Zehntausende auf die Demo auf dem Königsplatz gegen den russischen Angriff auf die Ukraine.

Insgesamt waren für die Veranstaltung 17 Rednerinnen und Redner angekündigt, darunter die Generalkonsuln der Ukraine und der USA sowie Vertreter aller weiterer Parteien – außer der AfD.

Fürs Abendessen hatte ich mich zuständig gemacht. Am Vorabend hatte ich schon mal den Teig für ligurische Focaccia al formaggio zubereitet – und morgens festgestellt, dass das keine gute Idee war: Einiges des vielen eingearbeiteten Olivenöls war wieder ausgetreten. (Habe ich im Rezept festgehalten.)

Verarbeiten ließ sich der Teig zum Glück trotzdem gut, wurde aber beim Backen nicht so blättrig-mürbe wie gewohnt. Als Käse verwendete ich das letzte Stück Weichkäse aus dem über Crowdfarming erworbenen Paket Ziegenkäse von Aubagueta (derzeit kann man dort übrigens wieder einkaufen).

Dazu machte ich Chicoree-Orangen-Salat, der besonders gut schmeckte. Nachtisch viele Süßigkeiten.

die Kaltmamsell