Journal Donnerstag, 23. Dezember 2021 – Weihnachtsferien angeschwommen und die Zickigkeit der New Romantics

Freitag, 24. Dezember 2021 um 8:27

Schon vor dem Wecker um sechs nach mittelguter Nacht aufgewacht, ich konnte in aller Ruhe Herrn Kaltmamsell den Morgenkaffee servieren. Während ich schon Ferien hatte, musste er gestern nochmal ran.

In frostiger Luft gab Eos zum Morgenrosa alles.

Ich hatte beschlossen, das Infektionsrisiko einer Schwimmrunde im Winterfreibad Dantebad in Kauf zu nehmen. Um wenigstens auf dem Weg dorthin die Kontakte zu minimieren, nahm ich statt Tram das Fahrrad, trotz knackigem, wenn auch sonnigem Frost.

Die Fahrt war unangenehm, das Schwimmen im Becken unter Dampfschicht belohnte sie aber sehr.

Beim Atemhol-Blick Richtung Süden (also zur Liegewiesenseite) freute ich mich immer wieder am Bild der fahlen Sonne durch Wolkenschleier hinter den Ästen der kahlen Bäume. Das Becken war mittelfrequentiert, man kam gut miteinander aus. Auf den letzten 100 Metern meiner 3.000 packte mich dann doch noch ein Krampf im linken Unterschenkel und in den Zehen – vor Schreck, weil ich zum dritten Mal in eine Schwimmerin vor mir gedotzt war; sie schwamm so langsam auf dem Rücken (die sachten Bewegungen ihrer Gliedmaßen konnte ich keinem definierten Stil zuordnen), dass ich wieder zu schnell für eine rechtzeitige Sichtung auf sie zugekommen war.

Auf meinen Bahnen dachte ich gelassen nach über den Film vom Vorabend, Ich bin dein Mensch (gestern erfuhr ich, dass er für eine Oscar-Nominierung vorgeschlagen wurde), erinnerte mich an vergangene Weihnachtsferien-Reisen nach Nizza, Rom, Mallorca, Venedig, mit denen ich mir früher(pC) (prä Corona) den langen dunklen Winter verkürzte (den eigentlichen AAAAAAARGH!-Corona-Koller hatte ich aber erst nachtmittags, als ich auf instagram aktuelle Bilder aus Rom sah). Und mir ging eine sehr empfehlenswerte BBC-Doku im Kopf herum, die Joël verlinkt hatte, über die Musik- und Stilbewegung der New Romantics Anfang der 1980er. Mir war darin die (dezidiert schwule?) Zickigkeit einiger damaligen New Romatics aufgefallen, doch Joël wies darauf hin, dass auch die typisch für die Zeit war. War sie vielleicht eine Variante der rausgestreckten Punk-Zunge? Zickigkeit als Aussprechen der gehässigen Gedanken, der neidischen Gemeinheit, die ja doch jede und jeder hin und wieder empfindet, die aber in Bürgerlichkeit mit gutem Benehmen unterdrückt wird?

Das Heimradeln war überhaupt nicht mehr frostig, vor lauter Schwimm- und Duschhitze müsste eine Dampfwolke um mich gestanden sein. Ich hielt für Einkäufe in einem weitläufigen Edeka an, besorgte bei einem Bäcker Wimmer Frühstückssemmeln: Jetzt setzte Kontakt-Stopp bis Sonntag zur Familienfeier ein.

Diesmal dachte ich gleich beim Heimkommen an die Nasendusche und spülte meine Schleimhäute aus in der Hoffnung, den heftigen Chlorschnupfen vom letzten Mal abzuwenden. (Ich kam tatsächlich drumrum.)

Zum Frühstück gab es zwei Semmeln mit Butter und Marmelade, zwei Orangen.

Noch in Tageslicht buk ich die Schneeflocken.

Internet und Zeitung gelesen, Salzmandeln und Halbtrockenpflaumen gesnackt.

Körpertemperatur-Achterbahn zwischen viel zu heiß und Frieren mit eiskalten Händen, dazwischen eine Runde Kreislauf-Purzelbaum mit Schwindel und Schweißausbruch. Das Wetter schwang um, es wurde milder, windiger und begann zu regnen.

Erste Handgriffe für das Heilig-Abend-Festmahl: Ich knetete Teig für eine Brioche, der über Nacht gehen würde.

Zum Abendbrot gab es restlichen Schwarzkohleintopf, außerdem Käse, danach ein Stück Panettone.

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Auf Twitter bat eine britische Landwirtin um Unterstützung: Sie erzählte von einem Mädchen, dem gesagt wurde, Frauen könnten keinen Hof bewirtschaften – ob Landwirtinnen wohl zum Gegenbeweis Fotos von sich posten könnten und erzählen, was sie tun? Und wie sie das taten, es sammelten sich wundervolle Beiträge aus der ganzen Welt, mit Vieh, auf Maschinen, als Foto, Video, Tiktok, zum Teil von mehreren Generationen Frauen-geführter Höfe.

Das hier ist möglicherweise mein Favorit. Im Englischen ist es aber auch praktisch, dass es to farm als Verb gibt – das deutsche Gegenstück “Landwirtschaft treiben” (im Bayerischen “mia ham a Landwirtschaft”) ist recht unpraktisch.

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Aktuelle Nikolaus-Probleme.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 22. Dezember 2021 – Entspannung durch Filmerlebnis: Ich bin dein Mensch

Donnerstag, 23. Dezember 2021 um 7:09

Die Nacht war wieder um vier zu Ende, danach nur noch Dösen.

Draußen weiter knackige Kälte, die mir auf dem Weg ins Büro in die Wangen biss.

In der Arbeit versuchte ich, meinem 2022-Ich ein paar Gefallen zu tun. Denn in den ersten Tagen nach den Weihnachtsferien werde ich aus verschiedenen Gründen nicht zu viel kommen. Die Wintersonne wärmte mein Büro.

Mittags kurzer Abstecher in einen nahe gelegenen Discounter, Mittagessen waren Apfel, Avocado (super), Orangen.

Nachmittags wurde der Endspurt eher brutal, es dauerte deutlich länger als geplant, mit allem durchzukommen. Am Ende war mir die Vorfreude auf die Ferien flöten gegangen.

Auf dem Heimweg Weihnachtseinkäufe beim Süpermarket Verdi, das Angebot schien mir ausgedünnt (Lieferschwierigkeiten wegen Pandemie-Beschränkungen?). Zu Hause knetete ich erst mal Teig für die einzige Weihnachtsplätzchen-Bäckerei: Schneeflocken, damit es bei meinen Eltern zur Familienweihnacht auch eine vegane Variante gibt.

Herr Kaltmamsell war noch mit Schul-Website-Dingen beschäftigt, ich machte eine Einheit Yoga (gute Mischung von Dehnen und Kräftigung). Währenddessen wurde mir klar, dass ich Alkohol zur Entspannung brauchen würde, zumindest zur inneren Entwütung. Der Kühlschrank bot einen sächsischen Müller-Thurgau Steffen Loose, den schenkte ich uns ein, während Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl einen Eintopf aus Schwarzkohl, Kartoffeln (beides Ernteanteil) und Cabanossi kochte. Wein und Eintopf schmeckten gut, zum Nachtisch gab es viel Weihnachtssüßigkeiten.

Abendunterhaltung: Die ARD zeigte den deutschen Spielfilm Ich bin dein Mensch, den ich vergangenen Sommer zu meinem Bedauern im Kino verpasst hatte (hier in der Mediathek). Allein die Kombination des Topos Android als idealer Lebenspartner (im englischen Sprachraum immer wieder durchgespielt) und deutsche realistische Filmtradition fand ich ausgesprochen reizvoll, die Besprechungen waren durchwegs positiv überrascht gewesen. Und tatsächlich fand ich den Film dann weit überdurchschnittlich gut, schaute ihn konzentriert und mit zugeklapptem Rechner an (das Bedürfnis habe ich beim Fernsehen sonst fast ausschließlich bei Dokumentationen).

Das Drehbuch (Jan Schomburg, Marie Schrader, die auch Regie führte) ist ganz ausgezeichnet und schafft es, die Frage nach Menschlichkeit und dem Wesen von Gefühlen anhand seiner Nachahmungen mit neuen Aspekten zu versehen. Eine Programmierung, die zunächst von Wahrscheinlichkeiten ausgeht, stellt sich nach und nach auf einen individuellen Menschen ein – sehr viel anders funktioniert die Entwicklung einer Freundschaft oder Partnerschaft ja auch nicht. Und der Unterschied zwischen dem Vorsatz von Gefühlen und dem Empfinden dieser Gefühle kann ja wirklich verschwimmen. Mir gefiel auch sehr die Charakterzeichnung der Hauptfiguren (von Maren Eggert, Dan Stevens und Sandra Hüller – <3 – großartig gespielt): Sehr indirekt, zum Beispiel lernen wir Alma über ihre Interaktionen mit ihrem Vater, ihrem kleinen Neffen und als Chefin ganz anders kennen als allein mit Tom. Außerdem bieten die Dialoge ein paar richtig gute Roboter-Witze.

Auch Kathleen Hildebrand wird von dem Film in ihrer Besprechung für die Süddeutsche zum Weiterdenken von ein paar Aspekten gebracht:
“Wovon 93 Prozent der Frauen träumen”.

Das Filmerlebnis schaffte, was Yoga gar nicht und Alkohol nur wenig erreicht hatten: Ich war abgelenkt von mir selbst und kam in Ferienstimmung.

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Kerry Howley hat für das Ney York Magazine über drei Menschen recherchiert, die am 6. Januar 2021 das Capitol in Washington stürmten. Der Artikel versucht dahinter zu kommen, was diese konkreten Menschen dazu gebracht hat, beschreibt, wie ihr Leben und das ihrer Familien seither verlaufen ist. Und wie immer ist alles kompliziert.
“Gina. Rosanne. Guy. What do you do the day after you storm the Capitol?”

Gina Bisignano would lose her salon, Guy Reffitt would lose his freedom, and Rosanne Boyland would lose her life. None of them would be difficult to find. Many at the Capitol that day were motivated by profound distrust in the deep state and big tech, and it was true that Google would hand location data to the FBI and Facebook would deliver reams of messages, but the Capitol riot was among the most-filmed events in history not because the NSA was listening but because the rioters themselves obsessively documented all four hours of it.

In einer Nebenhandlung werden die Haftbedingungen in den USA geschildert, die jenseits aller Menschenrechte sind. (Und Menschenrechte, my friends, heißen so, weil sie für alle Menschen gelten, egal was sie angestellt haben, was sie denken, was sie möglicherweise noch anstellen werden.)

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Bilder in einem Twitter-Thread zeigen, wie es nach der Flutkatastrophe im Sommer derzeit an der Ahr aussieht.

Man lernt bei diesen Bildern das einfache wieder schätzen. Straßenbeleuchtung oder überhaupt Straßen zum Beispiel…

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 21. Dezember 2021 – Angestrengte Wintersonnwend

Mittwoch, 22. Dezember 2021 um 6:29

(Wieder ein so schönes Datum 21.12.2021.)

Guter Nachtschlaf mit zu frühem Ende. Draußen schien ganz hell der Gerade-nicht-mehr-Vollmond. Auf dem Weg in die Arbeit sah ich die Theresienwiese in seinem Licht und fahlem Frostweiß. Wintersonnwend, soso.

In der Arbeit viel Arbeit, ich musste mich angestrengt zusammennehmen. Draußen Sonnenschein, die Luft durch das immer wieder kurz gekippte Bürofenster roch energisch winterlich.

Zu Mittag gab’s die erste reife Crowdfarming-Avocado vom adoptierten Baum (mit ein wenig Balsamico und Salz – perfekt).

Diesmal war bei Lieferung am Samstag keine Avocado essreif, die beiden mit der bereits dunkelsten Schale packte ich zum schnelleren Reifen anweisungsgemäß in Papier. Nach drei Tagen konnte ich sie jetzt essen, eine gestern zu Mittag, zwei andere kleine abends verarbeitet. Die Hälfte des Kisteninhalts ist jetzt verteilt auf die Küche mit und ohne Papierbeschleuniger, die andere Hälfte wohnt im Kühlschrank, von wo ich sie nach Verzehr der ersten Hälfte nach und nach zum Nachreifen rausholen werde.

Nachmittags brachte ich den letzten Klops zu Ende, der wirklich vor Weihnachten abgearbeitet werden musste. Dann kehrte endlich Ruhe ein, ich konnte beginnen, mich zu sortieren und die erste Arbeitswoche nach den Ferien vorzubereiten.

Mittelpünktlicher Feierabend, draußen war es immer noch frostig. Auf dem Heimweg absolvierte ich im Vollcorner die erste große Runde Einkäufe für die Weihnachtstage.

Zu Hause ein bisschen Yoga mit Gleichgewichtsübungen, sprich viel Umfallen. Vorbereitung der letzten Brotzeit vor den Weihnachtsferien. Für das Nachtmahl sorgte wieder Herr Kaltmamsell.

Tacos mit Zeug, darunter Soja-Hack und Guacamole.

Im Bett ein neues Buch angefangen: Blai Bonet, Frank Henseleit (Übers.), Das Meer. Der Roman von 1958 spielt in und nach dem spanischen Bürgerkrieg auf Mallorca, recht expressionistisch erzählt, unter anderem mit unkonventioneller Zeichensetzung (es würde mich wundern, hätte Übersetzer Henseleit dieses Stilmittel nicht aus dem katalanischen Original übernommen).

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Laurie Penny lebt derzeit in ihrem Herkunftsland UK und trauert um das ausfallende Weihnachtsfest.
“The Actual War on Christmas”.

Penny bemerkt Parallelen der Situation zum Kriegszustand, vor allem in der Wortwahl.

Most of the time, when cultures speak in terms of sacrifice, when the young are asked to put their lives and futures on the line for the common good, we’re talking about war. That’s the only framework we have for sacrifice, at least for sacrifice that’s acknowledged and respected rather than simply assumed.

Mir kam derselbe Gedanke, als ich kürzlich eine lange nicht gesehene Bekannte traf und wir – wie immer derzeit bei solchen Begegnungen – erstmal KriegsPandemieschäden abklopften: Gibt es in der Familie Gefallene? Verwundete? (Also Todesopfer der Pandemie? Wegen Corona oder System-Überlastung? Erkrankte?) Steht der Betrieb / das Haus noch? (Wie hat sich die Pandemie auf die berufliche Situation ausgewirkt?)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 20. Dezember 2021 – Baumarktspaziergang

Dienstag, 21. Dezember 2021 um 6:24

Nach recht gutem Schlaf schwer geweckt worden. Noch drei Arbeitstage bis zweieinhalb Wochen Weihnachtsferien, die ich wohl arg brauche.

Draußen nasse Straßen und düsterer Himmel. Ich ließ meine morgendliche Bankstütz-/Seitstützroutine ausfallen, weil ich das Rumpftraining vom Sonntag in den Knochen spürte.

In der Arbeit gleich wieder Vollgas, der bevorstehende Ferienstart ist ja gleichzeitig Deadline.

Mittags Apfel, Hüttenkäse, Orangen (ich hatte sogar süße erwischt!). Das war zu viel, ich kämpfte mit Fresskoma.

Der Tag wurde ein wenig sonnig – beim Zurückbringen meiner Kaffeetasse in die Cafeteria entdeckte ich blaue Flecken am Himmel, die mir beim konzentrierten Kampf mit Datenbankbereinigung entgangen war.

Nach Feierabend machte ich einen Abstecher zum 15 Fußminuten entfernten Baumarkt für Ösenschrauben, mit denen ich das schmale, hohe Regal in meinem Schlafzimmer an der Wand befestigen wollte (Löcher und Dübel bereits vorhanden): Die speziellen Schrauben hätte man natürlich auch online bestellen können, aber das dauerte mir zu lange, dann hätte ich gleich bis Weihnachten warten und mir welche von meinem Vater geben lassen können. Doch ich wollte das Regal endlich einräumen können und eine der letzten Umzugskisten entpacken.

Auf dem Weg wartete ich an einer roten Fußgängerampel, als ich gegenüber einen Radler absteigen sah und mit breitem, glücklichen Lächeln ein Handyfoto die Straße runter machen. Ich folgte seinem Blick – und sah einen riesigen, vollen aufgehenden Mond direkt neben dem Büroturm an der Donnersbergerbrücke. Beim Kreuzen der Straße lachten der Fotografierer und ich uns in gemeinsamer Freude an. (Er hatte wahrscheinlich das bessere Handy, meines konnte den Anblick nicht einfangen.)

Im Baumarkt fand ich schnell die Ösenschrauben – und konnte mich wieder schwer von all den wunderbaren Dingen losreißen, die ich im Vorbeigehen sah; zum Beispiel gibt es solche Ösenschrauben ja sogar in Riesig mit 20 Zentimetern Länge! Dafür muss sich doch irgendein Einsatz in Wohnungseinrichtung finden.

Ich ging zu Fuß nach Hause und nahm die Landsberger Straße – sie ist zwar mehrspurig und vielbefahren, aber ich war hier schon lange nicht mehr und wollte nach Veränderungen gucken.

Daheim gönnte ich mir ein bisschen Yoga, übersprang einfach die vier Besinnlichkeitsminuten zu Anfang. Im E-Mail-Posteingang die fünfte Verschiebung des Liefertermins für den im Juni bestellten fünften Bücherschrank.

Nachtmahl: Restliche Pilze Wellington, die übrige Füllung hatte Herr Kaltmamsell mit Bechamel gestreckt und mit veganer Mozzarella überbacken, außerdem hatte er Postelein als Salat dazu besorgt.

Ich erledigte Haushaltsdinge, bevor ich mich zum Nachtisch Panettone nochmal setzte.

Im Bett Robert Galbraith, Lethal Withe ausgelesen, wurde rund zu Ende gebracht.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 19. Dezember 2021 – Weihnachtsprobekochen und Isarspaziergang

Montag, 20. Dezember 2021 um 6:27

Diesmal schlief ich lange Stücke durch, wachte nur ein bisschen zu früh für meinen Geschmack auf.

Nach Morgenkaffee und Bloggen machte ich mich ans Probekochen der veganen Alternative zur Weihnachtsgans: Es soll ja fürs Familien-Weihnachten nicht irgendwas Veganes geben, damit alle satt werden, sondern etwas Festliches. Diese Pilze Wellington probierte ich aus, Zubereitung schon morgens, damit die Füllung über den Tag fürs Abendessen fest werden konnte. Alles funktionierte gut, nur wunderte ich mich wie schon oft über die Zeitangabe im Rezept für die Zubereitung: Ich bin gewohnt, dass ich mindestens doppelt so lange brauche wie in praktisch allen Rezepten angegeben (und halte mich nicht für ungewöhnlich langsam), diesmal wurden aus Vorbereitungs- und Zubereitungszeit von 30 Minuten gleich dreimal so viel. Vielleicht startet die Zeitmessung ja nach der Zutatenliste, also wenn Zwiebeln, Knoblauch und Walnüsse bereits gehackt sind, Reis gekocht, Champignons geputzt und zerkleinert? Aber dann wäre die Zeitangabe ja komplett sinnlos.

Währenddessen war die Sonne herausgekommen und schien winterlich niedrig in die Küche und auf die Arbeitsflächen bis ganz hinten – das war durchaus hinderlich, aber durch Rollläden ausschließen wollte ich den Sonnenschein auch nicht.

Bei den letzten Handgriffen überlegte ich hin und her, ob ich meine Pläne für eine Runde Krafttraing mit Schwerpunkt Rumpf umsetzen sollte. Lust hatte ich keine rechte, doch schlussendlich überwog die Gewissheit, dass ich nach absolviertem Training einen Grund weniger für Selbsthass haben würde. Ging dann auch gut (dieses Programm), im sonnendurchschienenen Wohnzimmer.

Frühstück kurz nach dem Zwölf-Uhr-Läuten von St. Matthäus: Orangen mit Joghurt und einem Restl gekochtem Reis, die letzte Portion Seidentofu-Schokomousse.

Um zwei war ich zum Spazieren verabredet: Mit einer Freundin ging ich durch den Alten Südfriedhof zur Isar und den Fluß aufwärts. Es war noch voller als erwartet, wir mussten streckenweise in die Wiese ausweichen, weil auf dem Weg kein Platz blieb.

Zwei Stunden mit angenehmem und spannenden Austausch, diesmal besteht Hoffnung auf baldige Wiederholung noch in den Weihnachtsferien.

Daheim kam ich dann doch recht durchgefroren an, machte mir erst mal heißen Tee. Dann ein wenig Bügeln, unter anderem Seidentücher.

Halstücher oder Stoffschals trage ich eigentlich nie, doch vor Kurzem waren sie mir als Option wieder eingefallen. Und ich erinnerte mich an den Karton, in dem ich die Exemplare aus Zeiten aufbewahre, in denen ich sowas trug. Ich entdeckte lang vergessene Schätze aus dem vorigen Jahrtausend, unter anderem die Seidenmal-Werke einer Studienfreundin aus den frühen 90ern.

Hier hatte sie die Buchstaben meines Namens eingearbeitet.

Fertigstellung des Abendessens Pilze Wellington. Es blieb gut ein Viertel der Füllung übrig, für den Weihnachtseinsatz bereite ich also weniger davon zu – oder verwende zwei Packungen Blätterteig.

Rechts die übrige Füllung.

Schmeckte gut! Zum Nachtisch Panettone und Plätzchen.

Als Abendunterhaltung guckten wir gezielt den Münchner Tatort “Wunder gibt es immer wieder”, dessen schöne Bilder die SZ-Rezension gelobt hatte. Die Bilder (gedreht wurde im kürzlich aufgelösten Karmeliten-Kloster in Oberaudorf) spielten ein bisschen Name der Rose, doch sonst war die Geschichte reinstes Agatha-Christie-Material: Die Ermittler quartieren sich am Tatort ein, der Mörder ist immer der Gärtner, die Auflösung des Falls wird den versammelten Verdächtigen als Vortrag präsentiert. Nett.

Mal sehen, ab wann auch die Fiktion nicht mehr um die Pandemie rumkommt und jedes Szenario in den 2020ern ohne Maskentragen unglaubwürdig wird.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 18. Dezember 2021 – Weitere Wohnungseinrichtung

Sonntag, 19. Dezember 2021 um 8:22

Nicht so gute Nacht, und dann wachte ich auch noch viel zu früh endgültig auf.

Als der Tag sich als solcher zeigte, trug er das fahle Hochnebelgrau des Dezembers, er hätte es auch bleiben lassen können. Für den Vormittag waren meine Eltern angekündigt, die liebenswerterweise wieder beim Wohnungseinrichten halfen. Geplant war auch ein wenig Christkindlmarkt-Simulation, also holte ich nach Elternankunft schnell noch Semmeln für Rengschburger spezial.

Mein Elektrikervater brachte die vor Monaten gelieferte Lampe im Arbeitszimmer an, stellte dabei aber Inkompatibilität mit den Dimm-Schaltern fest (von der Vormietern übernommen, ich kann mich nicht erinnern, mir je Dimmer gewünscht zu haben). Das kam unvorhergesehen, also hatte er keine Ersatzschalter dabei; wir bekamen erst mal ein professionelles Provisorium.

Links an, rechts aus, mein Vater versicherte, dass wir uns keinen Schlag beim Ein- und Ausstecken holen konnten.

Ich gehe davon aus, dass ich an Weihnachten den Schalter in die Hand gedrückt bekomme zum Selbstmontieren (was ja nun wirklich kein Hexenwerk ist) (…lautet genau die Haltung, mit der ich schon viel kaputtgekriegt habe).

Eine weitere Lampe konnte er wie vorhergesehen nicht anbringen: Dafür muss erst auf Putz einen Leitung gelegt werden. Doch jetzt konnte er sehen, welches Material er dazu brauchen würde.

In meinem Schlafzimmer wurde eine Wand (fast) engültig, mit Bohrmaschinenlöchern (“Da ist überall Hohlraum!” – Herr Papa benötigte Holzdübel) für einen Spiegel, mehrere Bilder, ein Regal – das Regal wird allerding mit Haken befestigt, zu denen wir keine geschlossenen Haken als Gegenstück hatten; die werde ich besorgen müssen. Meine Mutter hatte sehr nützliche Ideen für ein Umstellen der Möbel im Arbeitszimmer; vielleicht werde ich das vorhandene und nie genutzte (weil ungemütliche) Sofa doch nicht loswerden müssen.

Dann waren wir für gestern schon durch. Herr Kaltmamsell hatte in der Zwischenzeit Regensburger halbiert und gebraten, die wurden in der Semmel mit süßem Senf, Meerrettich und Essiggurken zu Rengschburger spezial, er hatte außerdem Glühwein erhitzt. Fast hätte ich die gebrannten Mandeln vergessen, die ich zur Christkindlmarkt-Simulation besorgt hatte, aber auch hier war auf Herrn Kaltmamsell Verlass. Meine Eltern verabschiedeten sich mit den restlichen Weihnachtsgeschenken für die Familie.

Mitgebracht hatten sie auch zwei Klappstühle aus dem 1970ern, mit denen ich groß geworden war (sie hatten über Jahrzehnte im Häusl eines Kleingartens ihren Dienst getan, der Garten wurde jetzt aufgelöst).

Ich war verblüfft, wie hochwertig und solide damals selbst Klappstühle gefertigt worden waren. Die Stühle freuen mich sehr und werden das wohl noch lange tun.

Doch Alkohol mitten am Tag hatte ich schon lang nicht mehr – und entsprechend vergessen, wie unbrauchbar ich angetrunken bin. Nicht nur kann ich nichts erledigen, weil Konzentration fehlt, ich bin auch noch ausgesprochen unentspannt.

Über eine Runde Twitter-Nachlesen nüchterte ich aus, die Post brachte von Crowdfarming ein Kistlein Avocados und die nächste Kiste adoptierte Orangen. Herr Kaltmamsell erspähte einen (den?) Sperber vorm Balkon, die erste Sichtung aus der neuen Wohnung.

Gegen drei war ich wiederhergestellt. Ich brachte erst Lampenkartons ins Altpapier, kam beim Zerstückeln ins Schwitzen, dann brach ich zu einem Spaziergang auf. Ich marschierte über die Theresienwiese (einige Polizei-Kleinbusse, die Laufschrift “melden Sie Ansammlungen” wies auf die Erwartung von ungenehmigten Demos von Querdenkern gegen Corona-Maßnahmen und erfundene Diktatur hin) zum Westpark.

Winterbetrieb im Café Gans am Wasser, im Vordergrund streitende Blesshühner.

Die gute Stunde Fußmarsch tat mir gut, beseitigte aber nicht die allgemeine Wut auf alles.

So hatte ich daheim überhaupt keine Lust auf die geplante Essensvorbereitung für Sonntag und brach nach ersten Schritten ab. Aber eine weitere Runde Salzmandeln aus den andalusischen Crowdfarming-Mandeln bereitete ich zu.

Lektüre der Wochenend-Zeitung, Knabbern der noch warmen Salzmandeln (köstlich), bis Herr Kaltmamsell das Nachtmahl servierte: Pasta e fagioli (Eintopf aus weißen Bohnen und Nudeln) aus Rachel Roddys A-Z of Pasta.

Nicht schön, aber sehr gut, und für Jahreszeit und Wetter genau das Richtige. Nachtisch Orangen (immer noch nicht wirklich süß) und Weihnachtssüßigkeiten.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 17. Dezember 2021 – Letzte Weihnachtsgeschenke in Schwabing

Samstag, 18. Dezember 2021 um 7:49

Doch wieder eine zerstückelte Nacht mit Pause.

Ich war darauf gefasst, einen Tag mit Datenbankarbeiten zu verbringen, doch der Vormittag bestand ausschließlich aus Querschüssen. Draußen überraschender Sonnenschein, den keine Vorhersage angekündigt hatte; er wärmte mein Büro.

Spätes Mittagessen: Pumpernickel mit Butter, außerdem Orange und Maracuja mit Joghurt.

Nachmittags kam ich dann tatsächlich zur der blöden Datenbank, aufgelockert durch beeindruckenden Schwindel: Ich konnte nicht mal am hochgestellten Tisch im Stehen arbeiten und hatte sogar im Sitzen das Gefühl, mich festhalten zu müssen.

Zum Glück verschwand der Schwindel gegen Feierabend fast völlig, denn ich hatte Pläne für Geschenkeinkäufe. So konnte ich problemlos eine U-Bahn zur Münchner Freiheit nehmen und von dort losziehen. Zwar musste ich Zusatzschleifen laufen, weil Öffnungszeiten von Angaben auf Webseiten abwichen, doch im Endergebnis bekam ich alles – in der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses an der Münchner Freiheit sogar kanadischen Whiskey.

Straßenbahn vom Kurfürstenplatz nach Hause, dort zackig Maniküre, Geschenkeinpacken, telefonische Abstimmung mit Eltern, die am Samstag zum weiteren Wohnungseinrichten anreisen.

Herr Kaltmamsell hatte wieder für Abendessen gesorgt: Es gab Reh mit Dörrpflaumen (meine Lieferung Pruneaux d’Agen vom adoptierten Pflaumenbaum war vergangene Woche eingetroffen, hier wurden die mit Stein verwendet; ich bekam auch drei Pfundpackungen der besonders edlen, großen, entsteinten), dazu Kartoffelgratin aus Ernteanteilkartoffeln. Aperitif war Cosmopolitan, zum Reh gab es die halbe Flasche Rotwein, die vom Kochen übrig war. Als Dessert war noch vegane Schoko-Mousse da.

Früh ins Bett, Herr Kaltmamsell war bereits auf dem Wohnzimmer-Fußboden eingeschlafen.

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Ich bin ja auch Spider-Man-müde, aber auch im aktuellen Film No way home spielt Zendaya und ich bin ein bisschen in die Spider-Man-Zendaya verliebt. David Steinitz gibt seiner Müdigkeit in der Film-Rezension für die Süddeutsche Ausdruck:
“Pfui Spinne”.

Falls besagter Ö. aus dem Layout auch beim nächsten Spider-Man-Film keine Zeit hat, biete ich Herrn Kaltmamsell als Rezensenten an: Auch er versteht alle Querverweise im Film und kann ein Stück abliefern, das jeden davon in die Marvel-Genesis seit Adam und Eva einbindet (inklusive Kasten zu den verschiedenen Schreibweisen von Spider-Man und was man aus ihnen lesen kann – ja, auch diesen Vortrag habe ich mehr als einmal gehört, und er ist durchaus interessant), halten Sie besser schon mal fünf Spalten 250 frei. Plus Bild.

die Kaltmamsell