Journal Donnerstag, 23. Dezember 2021 – Weihnachtsferien angeschwommen und die Zickigkeit der New Romantics
Freitag, 24. Dezember 2021 um 8:27Schon vor dem Wecker um sechs nach mittelguter Nacht aufgewacht, ich konnte in aller Ruhe Herrn Kaltmamsell den Morgenkaffee servieren. Während ich schon Ferien hatte, musste er gestern nochmal ran.
In frostiger Luft gab Eos zum Morgenrosa alles.
Ich hatte beschlossen, das Infektionsrisiko einer Schwimmrunde im Winterfreibad Dantebad in Kauf zu nehmen. Um wenigstens auf dem Weg dorthin die Kontakte zu minimieren, nahm ich statt Tram das Fahrrad, trotz knackigem, wenn auch sonnigem Frost.
Die Fahrt war unangenehm, das Schwimmen im Becken unter Dampfschicht belohnte sie aber sehr.
Beim Atemhol-Blick Richtung Süden (also zur Liegewiesenseite) freute ich mich immer wieder am Bild der fahlen Sonne durch Wolkenschleier hinter den Ästen der kahlen Bäume. Das Becken war mittelfrequentiert, man kam gut miteinander aus. Auf den letzten 100 Metern meiner 3.000 packte mich dann doch noch ein Krampf im linken Unterschenkel und in den Zehen – vor Schreck, weil ich zum dritten Mal in eine Schwimmerin vor mir gedotzt war; sie schwamm so langsam auf dem Rücken (die sachten Bewegungen ihrer Gliedmaßen konnte ich keinem definierten Stil zuordnen), dass ich wieder zu schnell für eine rechtzeitige Sichtung auf sie zugekommen war.
Auf meinen Bahnen dachte ich gelassen nach über den Film vom Vorabend, Ich bin dein Mensch (gestern erfuhr ich, dass er für eine Oscar-Nominierung vorgeschlagen wurde), erinnerte mich an vergangene Weihnachtsferien-Reisen nach Nizza, Rom, Mallorca, Venedig, mit denen ich mir früher(pC) (prä Corona) den langen dunklen Winter verkürzte (den eigentlichen AAAAAAARGH!-Corona-Koller hatte ich aber erst nachtmittags, als ich auf instagram aktuelle Bilder aus Rom sah). Und mir ging eine sehr empfehlenswerte BBC-Doku im Kopf herum, die Joël verlinkt hatte, über die Musik- und Stilbewegung der New Romantics Anfang der 1980er. Mir war darin die (dezidiert schwule?) Zickigkeit einiger damaligen New Romatics aufgefallen, doch Joël wies darauf hin, dass auch die typisch für die Zeit war. War sie vielleicht eine Variante der rausgestreckten Punk-Zunge? Zickigkeit als Aussprechen der gehässigen Gedanken, der neidischen Gemeinheit, die ja doch jede und jeder hin und wieder empfindet, die aber in Bürgerlichkeit mit gutem Benehmen unterdrückt wird?
Das Heimradeln war überhaupt nicht mehr frostig, vor lauter Schwimm- und Duschhitze müsste eine Dampfwolke um mich gestanden sein. Ich hielt für Einkäufe in einem weitläufigen Edeka an, besorgte bei einem Bäcker Wimmer Frühstückssemmeln: Jetzt setzte Kontakt-Stopp bis Sonntag zur Familienfeier ein.
Diesmal dachte ich gleich beim Heimkommen an die Nasendusche und spülte meine Schleimhäute aus in der Hoffnung, den heftigen Chlorschnupfen vom letzten Mal abzuwenden. (Ich kam tatsächlich drumrum.)
Zum Frühstück gab es zwei Semmeln mit Butter und Marmelade, zwei Orangen.
Noch in Tageslicht buk ich die Schneeflocken.
Internet und Zeitung gelesen, Salzmandeln und Halbtrockenpflaumen gesnackt.
Körpertemperatur-Achterbahn zwischen viel zu heiß und Frieren mit eiskalten Händen, dazwischen eine Runde Kreislauf-Purzelbaum mit Schwindel und Schweißausbruch. Das Wetter schwang um, es wurde milder, windiger und begann zu regnen.
Erste Handgriffe für das Heilig-Abend-Festmahl: Ich knetete Teig für eine Brioche, der über Nacht gehen würde.
Zum Abendbrot gab es restlichen Schwarzkohleintopf, außerdem Käse, danach ein Stück Panettone.
§
Auf Twitter bat eine britische Landwirtin um Unterstützung: Sie erzählte von einem Mädchen, dem gesagt wurde, Frauen könnten keinen Hof bewirtschaften – ob Landwirtinnen wohl zum Gegenbeweis Fotos von sich posten könnten und erzählen, was sie tun? Und wie sie das taten, es sammelten sich wundervolle Beiträge aus der ganzen Welt, mit Vieh, auf Maschinen, als Foto, Video, Tiktok, zum Teil von mehreren Generationen Frauen-geführter Höfe.
Das hier ist möglicherweise mein Favorit. Im Englischen ist es aber auch praktisch, dass es to farm als Verb gibt – das deutsche Gegenstück “Landwirtschaft treiben” (im Bayerischen “mia ham a Landwirtschaft”) ist recht unpraktisch.
§
die Kaltmamsell

















