Bücher 2021

Donnerstag, 30. Dezember 2021 um 7:17

Ein dünnes Bücherjahr. Zum einen konnte ich wieder mehr Sport treiben statt zu lesen, zum zweiten gibt es die Leserunde nicht mehr, die immer wieder Anlass zu Buchlesen war, zum weiteren lese ich wirklich viel Internet – offensichtlich statt Büchern.
* kennzeichnet wieder meine Empfehlungen – was nicht heißen muss, dass ich die anderen Bücher schlecht fand. In Klammern setze ich Bücher, von denen ich aktiv abrate.

1 – Marieluise Fleißer, Erzählende Prosa

2 – China Miéville, The City & the City

3 – Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other*

Hier ausführlich besprochen.

4 – William Maxwell, So long, see you tomorrow

5 – Anna Stern, das alles, hier

6 – Dervla McTiernan, The Ruin*

Hier ausführlich besprochen.

7 – Peter Ustinov, Krumnagel

8 – Anke Stelling, Bodentiefe Fenster*

Hier unten ausführlich besprochen.

9 – Amitava Kumar, Immigrant, Montana

10 – Granta 154, I’ve Been Away for a While

11 – Sharon Dodua Otoo, Adas Raum

12 – Matthias Brandt, Blackbird

13 – Andreas Glumm, Geplant war Ewigkeit*

Hier ausführlich besprochen.

14 – Helen Slavin, The Extra Large Medium*

Hier unten ausführlich besprochen.

15 – Ruth Klüger, weiter leben: Eine Jugend*

Eines meiner Bücher des Jahres, hier unten ausführlich besprochen.

16 – Granta 155, The Best of Young Spanish Language Novelists*

Hier unten ausführlich besprochen.

17 – Dervla McTiernan, The Scholar

18 – Nicole Diekmann, Die Shitstorm-Republik

19 – Markus Ostermair, Der Sandler*

Mein zweites Buch des Jahres und meine Entdeckung des Jahres, hier ausführlich besprochen.

20 – Helen Macdonald, Vesper Flights*

Hier ausführlich besprochen.

21 – Britt Bennett, The Vanishing Half

(22 – Nora Bossong, Schutzzone)

23 – Zadie Smith, Grand Union

24 – Sigrid Nunez, The Friend

25 – Clemens J. Setz, Indigo*

Hier besprochen.

26 – Trezza Azzopardi, The Hiding Place*

Hier ausführlich besprochen.

27 – Christine Cazon, Lange Schatten über der Côte d’Azur

28 – Megan Abbott, Dare me

29 – Granta 156, Interiors

30 – Vanessa Giese, Die Frau, die den Himmel eroberte

31 – Christoph Hackelsberger, München und seine Isar-Brücken

32 – C Pam Zhang, How Much of These Hills is Gold*

Hire ausführlich besprochen.

33 – Gabriele Tergit, Effingers*

Hochgelobte Wiederentdeckung, auch ich fand das Familienepos, erstveröffentlicht 1951, ganz ausgezeichnet. Tergit zeichnet einen großen Bogen, und analysiert damit ausgesprochen hellsichtig indirekt bereits kurz nach der Katastrophe des “Dritten Reichs”, wie es zu ihr kommen konnte. Mir gefiel die Kunstfertigkeit, mit der sie in Zwischenkapiteln zu verschiedenen Zeiten die weltwirtschaftliche Situation in Zusammenhang mit dem Lebensrhythmus ihrer Protagonist*innen bringt, mir gefielen die schillernden Charakterzeichnungen, fast durchwegs fern von Stereotypen, mir gefiel, wie sie durch zahlreiche Alltagsdetails nachvollziehbar machte, dass die Krisen zwischen den Weltkriegen eine ganze Welt verschwinden hatten lassen.

34 – Matthias Lehmann, Parallel

35 – William Kotzwinkle, The Fan Man

36 – Robert Galbraith, Lethal Withe*

Wunderbare Mischung aus Nähe zu Ort (London) und Zeit (Olympische Spiele) sowie überzeitlichen Gesellschaftsfragen – wie schon in den Vorgängerkrimis spielt die britische Klassengesellschaft eine entlarvende Rolle. Auch der eigentliche Kriminalfall interessierte mich diesmal.

die Kaltmamsell

Journal Mitwoch, 29. Dezember 2021 – Urlaubstag mit Schwimmen und Gegendemo aus dem Fenster

Donnerstag, 30. Dezember 2021 um 7:04

Richtig lang geschlafen, bis nach sieben, das war schön.

Für zwischen 10 und 12 Uhr waren die Zusammenbauer unseres neuen Barschranks von Mycs angekündigt (nachdem wir nichts gefunden hatten, was unserer Vorstellung von Barschrank entsprach, auch nicht in Alt, stellten wir uns bei diesem Regalanbieter einen Schrank zusammen, der unserer Vorstellung nahe kam). Doch sie klingelten überraschend eine Stunde früher, wir waren noch ungeduscht und in Schlumpfklamotten, es wurde ein bisschen Slapstick.

Dabei hatte ich ohnehin geplant, bei Ankunft der Handwerker bereits fort zu sein, ich wollte schwimmen. In milder Luft radelte ich zum Dantebad, sah blaue Löcher am Himmel, doch der Wind warf mir auch ein paar Hände voll Regentropfen ins Gesicht.

Schwimmen war ok, ich spürte Muskelkater vom Oberkörper-Krafttraining am Vortrag. Auf den letzten von meinen 3×1.000 Meter wurde es sehr voll auf der Schwimmbahn, doch das waren hauptsächlich Intervall-Schwimmende, die mich zweimal voll Karacho überholten, um dann zehn Minuten am Beckenrand in Gruppe auszuruhen. Immer wieder kam die Sonne heraus, im Freien zu schwimmen ist schon besonders schön.

Das anschließende Umkleiden wurde in der ohnehin nicht besonders geräumigen Sammelumkleide des Dantebads ein wenig stressig, weil eine sechsköpfige Familie (natürlich) als Gruppe hereinkam, und Gruppen das Abstandhalten ohnehin immer schwierig machen, mit kleinen und daher unberechenbaren Kindern aber verschärft.

Auf der Rückfahrt Einkäufe beim Basitsch, ich teilte mir gestern mit Herr Kaltmamsell das Decken des Lebensmittelbedarfs für einschließlich Wochenende auf.

Daheim dachte ich wieder daran, gegen den Chlorschnupfen gleich nasenzuduschen, noch vor dem Frühstück (wurde auch mit Ausbleiben des Schnupfens belohnt). Frühstück gegen zwei bestand aus: Granatapfelkerne und Orange mit Joghurt und Mohn, ein paar halbgetrocknete Pflaumen dazugeworfen.

Raus auf eine Einkaufsrunde: Tee in der Sendlinger Straße, Mehle bei der Hofbräuhausmühle, Salat und Obst beim Basitsch am Viktualienmarkt. Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an ein Sonderangebot, das ich beim Vorbeigehen entdeckt hatte und kaufte neue Schneestiefel – zwar nicht nur zum Reinschlüpfen wie meine geliebten aktuellen zerfallenden, aber mit (innen gut vor Nässe gesichertem) Reißverschluss. Ich hoffe, das Thema ist jetzt wieder für 15 Jahre abgehakt. Zudem hatte DHL ein Päckchen gebracht, ich besitze jetzt wieder einen passenden Schwimmbikini (Online-Impulskauf bei Rabattaktion meines Lieblingsherstellers).

Zeitunglesen, dann bereitete ich die Brotzeit fürs Geschwisterwandern am Donnerstag vor (war mein Weihnachtsgeschenk für Herrn Bruder gewesen – hoffentlich hat das Wetter sein Briefing mit kein Regen, dafür mild bekommen).

Die organisierten sogenannten “Impfgegner” bewiesen gestern erneut, dass ihnen die demokratisch vereinbarten Regeln unserer Gesellschaft egal sind: Obwohl Protestaktionen untersagt waren (eine stationäre Demonstration mit bis zu 5.000 Teilnehmern hatte das Verwaltungsgericht kurzfristig sogar genehmigt, doch die Bedingungen kein Demonstrationszug, Abstand und FFP2-Masken wurden nicht akzeptiert), sammelten sie sich in der gesamten Innenstadt zu Demonstrationszügen (hier Berichte von der Nacht). Aufmerksam wurde ich darauf, als ich abends von Ferne Demo-Skandieren hörte – und dann zog eine dieser Gruppen auch noch direkt vor unserem Haus vorbei. Wenigstens hatte ich so Gelegenheit, eine Weile “BUUH!” aus dem Fenster zu rufen, Herr Kaltmamsell schloss sich an, unsere kleine Gegendemo.

Herr Kaltmamsell hatte für Nachtmahl gesorgt: Frittierte Teigröllchen mit Avocadofüllung, dazu ein süßsaurer Dip aus frischem Koriander und Limette, von mir gab’s Radicchio-Salat mit Balsamico-Dressing. Zum Nachtisch gab es den Rest Christmas Pudding aufgewärmt.

§

Kwame Anthony Appiah, Philosophie-Professor an der New York University, analysiert am Beispiel von Ghana, Nigeria und Namibia:
“Die andere Seite des Virus”.

Während sich der reiche Norden mit Lockdowns vor Corona schützt, haben solche Maßnahmen im Süden fatale Folgen: Wirtschaftssysteme kollabieren und Menschen leiden. Über zwei zeitgleiche, und doch grundverschiedene Pandemien

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 28. Dezember 2021 – Staub, Familie zum 4. Weihnachtsfeiertag, The French Dispatch

Mittwoch, 29. Dezember 2021 um 8:21

Sprechen wir über Staub.
Eine Folge der Maßnahmen gegen die ersten Corona-Welle im Frühling 2020 war, dass Herr Kaltmamsell und ich zwei Monate ohne Putzmänner wohnten und selbst putzen mussten. Beim verhassten Staubwischen der vielen, vielen, vielen Bücherregale fiel mir auf, welch kolossale Staubfänger die waren und wie mühsam das Sauberhalten. Deshalb ersetzten wir beim Umzug die Hälfte der offenen Buchregale durch Bücherschränke mit Glastüren. Erhofft hatte ich mir ein komplettes Ersetzen, nur dass in diese Bücherschränke von der Stange halt deutlich weniger Bücher passen als in deckenhohe offene Bücherregale.

In der neuen Wohnung fielen mir schon bald die Staubmäuse auf. Ich war es gewohnt, dass sie nur wuchsen, wenn die Putzmänner eine Woche aussetzten, also nach etwa zehn Tagen. Jetzt aber huschten sie bereits nach fünf Tagen in die Ecken des Flurs – und das, wo wir beim Einzug alle Gegenstände und Bücher gründlich entstaubt hatten. Waren die beiden Herrn etwa nachlässiger in ihrer Staubbeseitigung geworden?

Herr Kaltmamsell fand dann den Schlüssel zu dieser Erscheinung: Die Menge an Staub bleibt ja dieselbe. Und da wir so viel weniger Staubfänger haben, nämlich die offenen Bücherregale, musste er halt woanders hin: Er formte sich zu Staubmäusen. Ich dachte an meine spanische tía Luci in einem Vorort von Madrid, die den Fliesenboden ihres Reihenhauses mindestens zweimal am Tag feucht durchwischte: Da sie – u.a. zur Staubvermeidung – nur mit geschlossenen Schränken eingerichtet war (plus cositas, also dekorative Rumsteherle, die täglich abstaubt wurden), hätten sich sonst wahrscheinlich bereits nach einem Tag Staubmäuse gebildet.

§

Auch gestern wieder gut geschlafen, wieder zu früh und müde aufgewacht.

Spülmaschine ausgeräumt, Morgenkaffee getrunken und gebloggt, Über-Nacht-Waschmaschine ausgeräumt und Inhalt aufgehängt / in den Trockner geworfen.

Zu Mittag waren wir bei Schwiegers eingeladen, als 4. Weihnachtstag, ebenso meine Eltern. Vor der Zugfahrt hatte ich noch Zeit für eine Runde Krafttraining, Fitnessblender “Abs and Upper Body Workout”: Ging gut (in diesem übersichtlichen Umfang sind auch Klappmesser keine Mühe), tat gut. Auf der Zugfahrt durch graue, verregnete Landschaft las ich weiter liegengebliebene SZ-Magazine der vergangenen Monate (die Tageszeitung war wieder nicht gekommen).

Fröhliches Wiedersehen mit Schwiegers und Eltern. Nachdem diese viere dann doch in einem Alter sind, in dem die Bewirtung größerer Gesellschaften so viel Kraft kostet, dass es sich wie Mühe anfühlt, sie dennoch weiterhin gerne gastgeben, nachdem zudem die Freude der Familie an diesen Zusammenkünften unverändert hoch ist, wenn nicht sogar steigt – überlegten wir, wie wir sie künftig mit weniger Anstrengung für die Gastgebendenden ermöglichen können. Zum Beispiel wenn im nächsten Corona-Wellental wieder so richtig große Zusammenkünfte anstehen. Unsere Lösung für dieses nächste Mal: Herr Kaltmamsell und ich übernehmen die Küche der Schwiegers, bringen die Zutaten mit und alles Vorbereitbare bereits fertig (Dessert, Kuchen etc.), kochen den Rest vor Ort. Idealerweise übernehmen die Gastgeber dann nur Umräumen, Tischdecken, alkoholische Getränke, Abspülen.

Gestern aber hatten alles noch die Schwiegers selbst gemacht:
Vorspeise: gebeizter Lachs mit Avocado und Toast – ganz wunderbar, dazu ein württemberger Traminer.
Hauptspeise: verwandtschaftlich geschossenes, superzartes Rehfilet mit Spätzle, Rosenkohl, Blaukraut, dazu ein Lemberger “Wo der Hahn kräht” – der mir wie schon der letzte Lemberger ganz ausgezeichnet schmeckte, ich glaube, ich mag die Rebsorte. (Haben Sie Empfehlungen, welche Lemberger ich noch probieren sollte?)
Nachtisch: Bratapfel mit Marzipan-Amaretto-Sauce.
Espresso.

Meine Eltern brachten uns auf ihrem Rückweg zum Bahnhof. In München regnete es so richtig, wir waren dann doch froh um den sicherheitshalber eingesteckten Schirm.

Für den frühen Abend hatte ich Kinokarten gekauft: The French Dispatch von Wes Anderson, auf den ich mich lange gefreut hatte. Und der dann noch besser als erwartet war. So ideenreich hat sich Anderson wohl noch nie ausgetobt – angefangen von der Struktur der Episoden entlang der Magazinstruktur des titelgebenden French Dispatch, weiter mit filmischen Mitteln von Theater bis Zeichentrick oder das Spiel mit dem Französischen und der liebevolle Einsatz von Untertiteln für die Übersetzungen. Anderson macht das Gegenteil von Hollywood-Illusionskino, das auf die Erzeugung großer Gefühle setzt. Statt dessen erkennbare Künstlichkeit, eine Aneinanderreihung immer neuer und überraschender V-Effekte fast schon im Brecht’schen Sinn, nur halt nicht in der Pose der düsteren Revolution, sondern mit geradezu kindlichem Vergnügen. Ich werde noch eine Zeit brauchen, um alle (oder zumindest mehr) davon zu verarbeiten; unter anderem gefiel mir, wie in der Episode um den genialen Künstler Moses Rosenthaler in der Psychiatrie der jüngere Schauspieler, der die Jugend der Figur spielte, durch den Altersdarsteller Benicio del Toro ersetzt wurde: Indem der ältere dem jüngeren, sitzenden, der in die Kamera schaut, auf die Schulter klopft, woraufhin der aufsteht, sich umarmen lässt und weggeht, der ältere setzt sich und sieht in die Kamera. Nicht nur hier verwendet Anderson Stilmittel des Theaters zur Informationsvermittlung.

SWINTON war nie besser, McDormand liebte ich sehr, Owen Wilson spielte seine Rolle aus Midnight in Paris nochmal, bloß halt gar nicht, alle anderen Darsteller waren eh hinreißend. Und ich weiß jetzt endlich, dass Guillermo del Toro und Benicio del Toro zwei Menschen sind, der eine Regisseur, der andere ein Schauspieler.

Auch Herr Kaltmamsell hatte zwei Kinostunden mit aufgesperrten Mund verbracht, wir spazierten sehr vergnügt durch den leichten Regen heim. Dort aß ich zum Abendessen ein Stück Panettone, der auch Wochen nach dem Anschneiden noch saftig war.

§

Herzerfrischendes Interview mit der 78-jährigen Renate Schmidt, frühere SPD-Bundesfamilienministerin (€):
“Gesamt­fränkin und Bestim­men­wollerin”.

Woher nehmen Sie diese Energie? Sie wirken mit 78 Jahren so, als könnten Sie morgen wieder ein Ministerium übernehmen.

Das war früher schon so. Mit zehn Jahren habe ich mir das Coburger Tageblatt untern Arm geklemmt und bin in den Hofgarten gegangen, hab mich auf eine gut sichtbare Bank gesetzt und dort die Zeitung gelesen, weil ich wollte, dass die Menschen erkennen, was für eine wichtige Person ich bin.

Großartig!

die Kaltmamsell

Journal Montag, 27. Dezember 2021 – Beim Notar

Dienstag, 28. Dezember 2021 um 7:04

Sehr gut geschlafen, vom Wecker aus tiefem Schlaf gerissen worden. Wecker, weil 8-Uhr-Termin: Mit meinen Eltern und meinem Bruder bekam ich beim Notar einige letzte Dinge meiner Eltern erklärt und unterzeichnete notarielle Dokumente.

Der Notar mit prägnantem Namen war tatsächlich der Sohn des einzigen Menschen dieses Namens, dem ich davor begegnet war: Des Zahnarzts, der mir als 16-Jähriger die Weisheitszähne entfernt hatte. Ingolstadt ist halt doch diese Art von Stadt. Herr Notar Zahnarztson erklärte freundlich, flott und umfassend, ging auf alle Fragen ein.

Unter anderem ist meinem Bruder und mir ja schon lange bewusst, dass wir uns in Erbschaftsdingen gründlich und bösartigst verstreiten müssen, weil Naturgesetz. Von diesem Termin erhofften wir uns Beratung, bei welcher Gelegenheit wir am besten damit anfangen – oder ob dafür erst jemand gestorben sein muss? Der Notar war auch zu diesem Thema hilfreich, wir fanden ein Beispiel für einen Passus der Vorsorgevollmacht, das sich ganz offensichtlich für ein Zerwürfnis eignete, Herr Notar pflichtete uns bei. Man will sich ja auch beim Erbschaftsstreiten richtig benehmen.

Beim abschließenden Smalltalk erfuhren wir, dass die Wochen um Weihnachten in Notarkanzleien Hochbetrieb herrscht: Eben weil zu dieser Gelegenheit Kinder anreisen und ihre Eltern das gerne für die Regelung letzter Dinge nutzen. Für mich war das die erste notarielle Handlung, und ich fand durchaus interessant, dass eine Notarskanzlei aussieht wie eine Arztpraxis, mit Empfangstheke, Wartezimmer, PatientenMandantenklo.

Auch um neun war es nicht richtig hell geworden, es herrschte das vertraute Ingolstädter Nebelgrau.

Dass mir das iphone gerade diese Aufnahme ungeschärft hat, schmerzt mich besonders – ich fand den Anblick so markant, dass ich extra umgekehrt war, um ihn einzufangen. (Mit Magneten hantieren oder doch ein neues Smartphone kaufen?)

Ereignislose und menschenarme Zugfahrt nach München, abwechselnd durch Nebel und klare Sicht. Daheim küsste ich Herrn Kaltmamsell und packte nur schnell aus, zog dann auf die erste Einkaufsrunde. Mochte ich Kaufhäuser schon lang, erweisen sie sich derzeit als besonders praktisch, weil man nur einmal am Eingang Impfstatus und Identität belegen muss, dann verschiedenste Dinge einkaufen kann. Nochmal heim zum Abladen, zweite Einkaufsrunde zum Vollcorner für Lebensmittel, jetzt schien die Sonne von wolkenlosem Himmel durch klare Luft und wärmte, ich fand das herrlich.

Dann endlich Frühstück: Avocado, getoastete Brioche, Orangen, halbgetrocknete Zwetschgen, Tee Lapsan Souchong weil frischer Wasserfilter.

Herr Kaltmamsell hatte bereits in den Tagen davor einen Umbau im Arbeitszimmer begonnen: Auf Vorschlag meiner Mutter tauschen wir zwei Regale; ihre Beobachtung, dass wir danach das nie genutzte Sofa hier unterbringen würden und damit einen schönen Anblick vom Wohnzimmer aus erzeugen, überzeugte uns beide. Gestern baute Herr Kaltmamsell fertig, mir fiel lediglich die Aufgabe des Löcherbohrens zu. Und das Sofa mitzutragen. Das Ergebnis gefiel uns.

Nachmittags eine Runde Yoga. Zeitunglesen online über Herrn Kaltmamsells Zugang, meine Zeitung war mal wieder nicht gebracht worden.

Ich war für das Abendessen zuständig und verarbeitete die restliche selbstgemachte Majonese von Freitag (super Idee von @küechlatein fürs nächste Mal: gleich im Schraubglas zubereiten) zu Kartoffelsalat russischer Art aus der Lameng. Etwas Warmes sollte es aber auch geben: Herr Kaltmamsell erhitzte in der Mikrowelle zwei Portionen Christmas Pudding. Danach noch Schokolade. Das war definitiv zu viel, ich ärgerte mich.

Früh ins Bett, ich war sehr müde.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 26. Dezember 2021 – Familienweihnacht

Montag, 27. Dezember 2021 um 6:44

Nach guter Nacht wachte ich wieder um sechs auf, müde.

Ausführliches Packen, denn ich würde auch die Nacht auf Montag bei meinen Eltern verbringen.

Zur Sicherheit den guten Siemens-Selbsttest davor (sehr gut bewertet im Schnelltest-Test), mit Prokeln in der Nase bis ins Gehirn – wie im Schnelltest-Center (nicht in allen, ich war auch schon in einem, in dem mir erklärt wurde, dass der Abstrich absichtlich weiter vorne entnommen wird).

Gemütliche Stunden, bis es Zeit zur Fahrt nach Ingolstadt war. Es regnete.

In Ingolstadt regnete es nicht, dennoch waren wir froh, dass mein Vater uns mit dem Auto vom Bahhof abholte, wir waren ja recht bepackt: Füllung und Blätterteig für die Pilze Wellington, sechs Gläschen mit Seidentofu-Mousse-au-chocolat, Blaukraut für alle, leere Plätzchendose von Mamaplätzchen, volle Plätzchendose mit Schneeflocken.

Bei meinen Eltern das herbeigefreute Familienfest mit Sekt, lecker polnischer Steinpilzsuppe, glücklicher Gans plus Blaukraut und Rosenkohl und Knödel, für andere die Pilze Wellington, Wein, Rotweincreme oder Tofu-Schoko-Mousse, Schnäpsen, Espresso. Sogar Plätzchen passten noch rein.


Vor allem aber fröhliche Austausche mit allen. Mit Bruder für nächste Woche eine Wanderung geplant.

Am späten Nachmittag schickte ich Herrn Kaltmamsell allein zurück nach München, ich hatte Montagmorgen noch einen Termin in Ingolstadt. Abends gingen auch die anderen Gäste heim. Ich plauderte mit meinen Eltern, guckte mit meinem Vater im Fernsehen Jahresrückblick – abendessen konnte niemand mehr. Gemeinsam Tatort angefangen, aber meine Eltern gingen früh zu Bett.

§

Ja, sorry Maria Muttergottes, ich hätte auch so gerechnet:
“Mary one year later”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 25. Dezember 2021 – Weihnachts-Hiatus mit Isarlauf

Sonntag, 26. Dezember 2021 um 7:57

Die ordentliche Nacht endete zu früh um sechs Uhr, weil meine Nase wieder zugeschwollen war und das Atmen behinderte. Dazu die Nebenhöhlenschmerzen, die mich im Grunde seit vielen Monaten plagen – weist alles auf etwas Chronisches hin, aber derzeit will ich halt wirklich so wenig wie möglich Zeit in Arztpraxen verbringen. Im nächsten Wellental hole ich mir mal HNO-Expertise ein.

Spülmaschine ausgeräumt, Milchkaffee zubereitet, zumindest Herr Kaltmamsell schaffte es länger zu schlafen und kam noch eine ganze Weile nicht aus seinem Zimmer. Der Tag wurde nur wenig hell und sah regnerisch aus.

Familienweihnacht würde aus Koordinationsgründen erst am zweiten Feiertag stattfinden, deshalb hatte ich eine Runde Joggen geplant und setzte mit Weihnachten vorübergehend aus. Und weil ich schon kurz nach neun durch war mit Bloggen, Twitterlesen, Kücheräumen halt schon früh. Ich kramte die ganz warme Laufkleidung hervor (die Hose hielt, hurra), die sich später als ein wenig zu warm herausstellte – ich hatte die Weihnachtsmilde unterschätzt.

Von einer fast leeren U-Bahn ließ ich mich zum Odeonsplatz bringen und lief über den Hofgarten und Englischen Garten zum Tivoli und zur Isar. Die Wege und Wiesen waren herrlich menschenarm, die erste weitere Joggerin begegnete mir erst nach 20 Minuten Laufen. Ich fühlte mich an Samstagvormittage vor 15 Jahren erinnert. Zweimal bekam ich ein herzliches “Fröhliche Weihnachten!” von entgegenkommenden Menschen geschenkt, das ich gerne erwiderte. Ich lief anderthalb Stunden, am Anfang zwickte die neue Hüfte ein wenig, doch das gab sich. Vom längeren Joggen hielten mich wieder Waden und Achillessehnen ab, doch 90 Minuten sind ja schon ein Geschenk. Ein weiteres Geschenk war die lange Regenpause während meines Laufs, mit sogar ein paar Ahnungen blauen Himmels durch die Wolken: Vorhergesagt war eigentlich durchgehender Niederschlag.

Blick vom Monopteros, auf den ich mich besonders gefreut hatte. Hier waren ein paar Menschen, die einander fotografierten, darunter ein älteres Paar (also in etwa meinem Alter), und in der Hand des Herrn sah ich eine eigenwillig geformte Selbstgedrehte – in meiner Phantasie blühte sofort die Erklärung, dass hier eine Art Reenactment der eigenen Jugend durchgespielt wurde und die beiden davon Fotos für die Clique von damals machten.

An der Isar große Vogelschau. Ein ungewohnter Vogelruf von oben ließ mich nach dem Rufer suchen: Ein fliegender Reiher über dem Fluss – welche Sorte, konnte ich im Gegenlicht nicht erkennen. Auf dem Isarkanal winzige Enten, nur wenig größer als Finken, die immer wieder wegtauchten: braunes Gefieder, schwarze Kappe auf dem Kopf – bislang konnte ich sie nicht identifizieren. Ich sah den wellenförmigen Flug der Bachstelzen, sah Meisen, hörte Amseln, auf dem Wasser gab es Süßwassermöwen, Schwäne, Stockenten, Gänsesäger – und drei stattliche Kormorane um eine Kiesbank.

Die Baustelle an der Max-Joseph-Brücke verstellt auch nach zwei Jahren noch den Durchgang. Laut Baustellen-Website der Stadt baut hier die Münchner Stadtentwässerung einen neuen Betonkanal unter der Isar hindurch, und ja: Das wird noch bis Mitte 2023 dauern.

Nach Hause nahm ich eine wieder schön leere Tram, die Wartezeit darauf nutzte ich für ausführliches Dehnen. Daheim Duschen, Anziehen. Danach bereitete ich erst mal die vegane Schoko-Mousse für Familienweihnachten zu. Zum Frühstück um halb zwei gab’s getoastete Brioche mit Acovado – ultra-luxuriös. Und Orangen (erst Schoko-Mousse-Zubereitung, weil ich dafür geriebene Orangenschale brauchte, jetzt aß ich das geschälte Innere – so eine Füchsin!).

Dazu las ich Internet. Auf Twitter mitzuverfolgen, wie die einen von schlimmen Weihnachten ihrer Kindheit berichten und gleichzeitig andere dafür sorgen, dass auch ihre Kinder mal von solchen schlimmen Weihnachten berichten können – ist durchaus bizarr.

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich in der Küche mit Vorbereitung der Familienweihnacht: Blaukraut für zur Gans fertiggestellt, dann bereitete ich die Füllung für die Pilze Wellington zu (diesmal mit gerösteten Walnüssen): Es dauerte wieder zwei Stunden, bis sie geformt in Folie zum Kühlen auf dem Balkon lag.

Jetzt las ich die Wochenendzeitung aus, freute mich nochmal an diesem Hinweis im doppelseitigen Interview mit Prof. Drosten (den man ironischerweise online nur für den Preis eines Abos lesen kann):

Meine Rede seit so vielen Jahren: Nein, wir wollen doch gar nicht alles umsonst. Aber wir wollen nicht für jeden einzelnen Artikel ein Abo für die ganze Zeitung abschließen – in meinem Fall sogar zusätzlich zum Print-Abo. (Außer es wäre echt günstig: Die monatlich 7€ für die New York Times und die monatlich 6€ für den britischen Guardian zahle ich seit Jahren ohne Schmerz.)

Eine Runde Yoga tat meinem zwickenden Kreuz gut. Überbrückung bis Abendessen waren die letzten Plätzchen aus Mutters Kiste.

Das Nachtmahl bereitete ich zu: Ich hatte aus der Wellington-Füllung Zwiebeln, Champignons, Walnüsse abgezweigt, mit einem Restl Sahne gab es die als Spaghetti-Sauce, drüber Parmesan.

Nachtisch: Herr Kaltmamsell hatte vor zwei Wochen Christmas Pudding gemacht (nicht zum ersten Mal) und servierte ihn auf meine Bitte mit Brandy Butter (erstes Mal, links im Schüsselchen).

Schmeckte großartig, die kalte süße Butter zum warmen Pudding war eine echte Entdeckung, Herr Kaltmamsell war zufrieden, nahm sich nur gründlicheres Kleinhacken der Zutaten für nächstes Mal vor.

§

Diese Bilder erklären, warum Blaukraut das traditionelle Weihnachtsgemüse ist. (Und geben mir eine Vorstellung von meinem nächsten Küchenfliesen.)

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 24. Dezember 2021 – Heilig Abend in neuer Wohnung

Samstag, 25. Dezember 2021 um 8:05

Ausgeschlafen bis NACH sechs!

Erst mal die erste Maschine mit Bettwäsche und später die zweite mit Handtüchern gefüllt und gestartet.

Der Sonnenaufgang haute sich nochmal rein. Dann aber setzte Regen ein, der den ganzen Tag anhielt.

Den Teig für die Brioche hatte ich morgens gleich mal aus der Kälte geholt, verarbeitete ihn aber erst nach zwei Stunden weiter. Selbst dann brauchte der geformte Teig nochmal gut zwei Stunden, bis er bis zum Rezept-Ziel “bis unter Rand der Form” gegangen war – Hefeteig ist nichts für straffe Zeitpläne.

Den Riesling-Sekt von Buhl, der nicht Champagner heißen darf, obwohl nach Champagner-Methode hergestellt, hatte ich auf den Balkon zum Vorkühlen gestellt. Und jedesmal wenn ich ihn im Vorbeigehen sah, freute ich mich auf ihn. Hätte ich nicht gewusst, wie schlecht mir Alkohol am Tag tut, hätte ich gleich ein Glas getrunken. Aus mir wird in diesem Leben keine Trinkerin mehr.

Ich turnte nochmal die Runde Yoga vom Mittwoch, vormittags machte sie deutlich mehr Spaß als an einem gestressten Feierabend. Zum Frühstück gab es Apfel, Avocado, Dickmilch mit Orangen. Bettüberziehen, ein wenig Zeitungslektüre, bis ich schon mal das Blaukraut fürs Kochen am Samstag vorbereitete, das Rezept von Petra “Chili und Ciabatta” ist immer noch mein Favorit.

Zwischen drei und vier liegt mittlerweile immer der Start zum Spaziergang “Wir suchen das Christkind”. Freundlicherweise machte der Regen gerade Pause, erst auf dem letzten Stück nach Hause wurde aus den vereinzelten Tropfen echter Regen. Im Südfriedhof sah ich traurig in die leere Ecke, in der ohne Pandemie um diese Zeit Blechbläser Weihnachslieder spielen. Doch es war wieder sehr schön, in den Wohnhäusern im sich herabsenkenden Abend die leuchtenden Christbäume hinter den Fenstern zu sehen. Hinter einem entdeckte ich die gleiche Wohnzimmerlampe, die wir gerade im Arbeitszimmer angebracht haben – sie ist aber auch schön.

Dieses Wetter, mild und regnerisch, ist für mich inzwischen typisch Heiliger Abend – deswegen hatte mich der strenge Frost an den Tagen davor auch eher befremdet.

Neue Kunst unter der Corneliusbrücke.

Mir war sehr bewusst, dass ich die beiden vergangenen Heiligen Abende wegen kaputter respektive frisch operierter Hüfte deutlich weniger flott unterwegs gewesen war – ich genoss die zurückgekehrte Mobilität.

Daheim machte ich nach Langem wieder mal selbst Majonese, nach dem bewährten Idiotenrezept von Nicky Stich. Ich hatte vergessen, die Zutaten rechtzeitig aus dem Kühlschrank zu holen, damit sie Zimmertemperatur annehmen konnten, und arbeitete waghalsig mit untemperierten – kein Problem.

Kurzes Frischmachen und Umziehen, kein Christbaum, keine Weihnachtsdeko – aber Festmenü, das lautete:

Eggnog.
1. Speckdatteln und Guacamole.
Champagner (der nicht so heißen darf)
2. Vom Dallmayr Foie gras von glücklichen Enten1 mit hervorragend passendem Weingelee zu Brioche. (Sein’S mir nicht bös: Ist Brioche vielleicht einfach ein glorifizierter Hefezopf?)
3. Artischocken mit Aioli.
4. Dosenpfirsiche.
Spanischer turrón und Brandy.

Beim Champagneröffnen ergab sich eine Situation:

Er ließ sich nämlich nicht öffnen. Herr Kaltmamsell prokelte so lange am Korken herum, bis das obere Stück abbrach und er den Rest mit dem Korkenzieher herausbekam.

Die Dosenpfirsiche und der Brandy passten letztlich leider nicht mehr rein.
Irgendwann ließen wir dazu Sissi von 1955 laufen und stellten fest: Da passiert aber nicht viel.

Geschenke gab es auch: Zuschuss zur neuen Wohnungseinrichtung, Sitzkissen für unsere neuen Stühle, edles Olivenöl aus Florenz. Herr Kaltmamsell hielt sogar bis nach zehn durch, doch als mein Bruder zum Heilig-Abend-Telefonat anrief, hatte er bereits die Zahnbürste im Mund. Ich räumte noch ein wenig, las im Bett eine Runde.

  1. Hatte ich schon Anfang Dezember besorgt, vor dem großen Andrang beim Dallmayr, und bis vorgestern eingefroren – kein Qualitätsverlust. []
die Kaltmamsell