Journal Sonntag, 21. Juni 2020 – Mit spanischer Küche

Montag, 22. Juni 2020 um 6:11

Wohlig ausgeschlafen.

Auf dem Balkon roch es herrlich nach mildem Sommermorgen, ich versuchte meine Traurigkeit zu kanalisieren in die Hoffnung, dass ich im Sommer 2021 wieder wandern kann.

Nachdem auch alle weiteren Suchen nach Filmen, die ich gerne sehen würde, erfolglos waren, Netflix gekündigt. Das ging überraschend einfach, selbst der Tonfall der Kündigungsbestätigung war sympathisch.

Am Montag soll unsere neue Balkonbank geliefert werden. Nachdem ich am Samstag getönt hatte, dass ich dann ja wohl am Sonntag den Balkon dafür putzen werde, konnte ich Herrn Kaltmamsell manipulieren, dass er das tat (und verschwand währenddessen in die andere Ecke der Wohnung auf den Crosstrainer, um seine Plagen nicht mitansehen zu müssen) (weil ein schlechtes Gewissen hatte ich schon).

Zum Frühstück Lievito-Madre-Brot aus der Gefriere, Schokerdbeeren und Kirschen. Das Draußen war eher düster und wenig einladend, ich verbrachte den Nachmittag auf der Innenseite der Balkontür, las und sah den Vögeln am Meisenknödel zu.

Statt Sonntagskuchen kochte ich nach langem mal wieder spanischen Milchreis wie von Yaya, arroz con leche.

Parallel bereitete Herr Kaltmamsell schon mal das Abendessen vor: Kutteln nach Madrilener Art, callos a la Madrileña. Die etwas exotischen Zutaten wie die würzige Blutwurst morcillla hatte ich in der Woche davor in Mittemeer bekommen.

Neben Internetlesen ließen wir den Poirot-Film Das Böse unter der Sonne von 1982 laufen.

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Mit dieser Geschichte hat die 80-jährige Helga Schubert den diesjährigen Bachmannpreise errungen. Das kann ich nachvollziehen – und erst dadurch wurde mir klar, dass sie mit ihrer Stimme eine Alterslücke füllte:
“Vom Aufstehen”. (pdf)

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Frau … äh … Mutti hat nach zwei Jahren Imkerei zum esten Mal Honig geschleudert und das wunderbarerweise mit viel interessantem Inkereiwissen in ihrem Blog festgehalten:
“20. Juni 2020”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 20. Juni 2020 – Mittsommer in der Acetaia

Sonntag, 21. Juni 2020 um 9:06

Unruhige Nacht, trotz kühler Temperaturen hatten die Hinterhausnachbarn wieder Balkongäste. Deren Spaß direkt unter meinem Schlafzimmerfenster (Abschied?) weckte mich um zwei trotz Ohropax, dann schlief ich ziemlich lang nicht wieder ein.

Aufwachen noch vor sieben, gelassener und gemütlicher Morgen zu grauem Himmel. Ausführliche Gymnastik, ausführliches Crosstrainerstrampeln.

Als ich zu einer kleinen Besorgungsrunde aufbrach, wurde der Himmel gerade dunkelgrau. Ich schaffte es aber, alle Vorhaben mit dem Auf- und Abschwellen des zugehörigen Wolkenbruchs abzustimmen.

Vor ein paar Wochen war mir ja eine lange Perlenkette gerissen. Einer der vielen Gründe, aus denen ich gerne in der Großstadt lebe: Mir fielen sofort zwei Läden in der Innenstadt ein, die wahrscheinlich Perlenketten knüpfen – oder zumindest einen Kontakt dafür haben. Gleich beim ersten hatte ich Glück – und der freundliche Herr mit stahlgrauer Mähne, ebensofarbigem Schnauzer und in Hippie-goes-Guerilla-Kleidung fing sofort mit der Reparatur an.

In diesen Laden war ich in genau dem Moment gebogen, als es zu schütten begann. Mir fiel ein, dass ich meine nächste Station über eine überdachte Einkaufspassage (Hofstatt) erreichen konnte. Also wartete ich nur wenige Minuten auf ein leichtes Nachlassen des Regengusses und schnellhumpelte über die Straße zur Passage. Ich schlängelte mich durch die vielen Menschen, die hier Schutz gesucht hatten, am anderen Ende der Passage wartete ich wieder kurz auf weiteres Regenabklingen und hoppelte zum Schuhgeschäft. Hier musste ich zwar warten, bis eine Höchtzahlkundin Platz für mich machen würde, wurde aber schon mal in den trockenen Eingangsbereich gebeten.

Im Laden holte ich lediglich etwas ab: Der Schuhersteller Ecco bietet die Möglichkeit, Produkte online zu bestellen und an ein Geschäft eigener Wahl liefern zu lassen. Das hatte ich mit roten Sandalen gemacht, denn von Ecco haben mir bislang alle Sandalenmodelle gepasst – und andernfalls hätte ich sie nicht nehmen müssen. Doch auch diesmal passten die Schuhe, ich kaufte.

Lebensmitteleinkäufe hatte ich eigentlich weiter entfernt geplant, doch in der Passage gab’s ja auch einen Supermarkt. Ich kehrte durch den jetzt sanften Regen zurück, besorgte Lebensmittel und Frühstückssemmeln. In der jetzigen Tröpfelstärke wurde ich auf dem Heimweg nur wenig nass.

Bei Frühstückbesorgungen hatte mich Unvernunft überwältigt: Eigentlich kaufe ich seit Jahren keine Marmelade mehr, denn wir bekommen so viel geschenkt (oder kochen selbst ein, nämlich Orangemarmelade), dass erst mal die wegmuss. Was bei unserem sehr geringen Marmeladenverbrauch sehr lange dauert. So hatte ich seit Jahren kein Pflaumenmus mehr bekommen, das ich eigentlich besonders gerne esse; gestern hatte ich trotzig eines gekauft – und genoss meine Semmeln damit sehr.

Nachmittags statt Kuchenbacken: Erdbeerschokolieren. Eigentlich hätte es die wie jedes Jahr um die Zeit auf der Geburtstagsfeier meines Bruders gegeben, doch wegen SITUATION keine Feier. Nach vielen Jahren machte ich sie also mal wieder selbst und dachte innig an meinen Bruder.

Zeitunglesen bis zu meiner Abendverabredung: Ich hatte zur Sonnwend einen Tisch in einem der schönsten Gastgärten Münchens reserviert, in der Acetaia. Nur dass halt wirklich kein Draußenwetter war, ich dieses Jahr um das Erleben der Dämmerung am längsten Tag unter freiem Himmel gebracht wurde.

Gegessen haben wir dennoch ausgezeichnet, und der Innenraum der Acetaia ist ja auch besonders schön – vor allem der Terrazzoboden entzückt mich jedes Mal.

Es gab ein Glas Franciacorta vorab (Ca’del Bosco – wunderbar), und dann, begleitet von einem Verdicchio dei Castelli di Jesi Stefano Antonucci 2017:

Rindertatar mit Fenchel für uns beide (Erkenntnis: ist mir lieber als Carpaccio).

Frische Schafskäseravioli mit Butter, Majoran und Aceto Balsamico Tradizionale – nahmen wir auch beide, jeweils eine halbe Portion.

Wolfsbarsch für mich, Steinbutt für den Herrn.

Nach Dessert war uns nicht, wir begnügten uns mit einem guten Espresso als Abschluss.

Als wir gegen halb zehn zurück zur U-Bahn-Station Rotkreuzplatz spazierten, war es noch hell.

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Katha Seiser erklärt im ORF die Vielfalt von Kohlrabi – und ich lernte gleich mal drei Dinge: Was Kohlrabi holzig macht, warum auch im Newsletter unseres Kartoffelkombinats immer darauf hingewiesen wird, man solle den Kohlrabi ohne Blätter lagern, und was man mit diesen Blättern machen kann.
“Lebensmittelkunde Kohlrabi”.

Nachtrag: Auf instagram hat Katha aufgeschrieben, wie sie die Blätter gefüllt hat.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 19. Juni 2020 – Zahnpflege, Pralinen und Wild

Samstag, 20. Juni 2020 um 8:23

Gestern war komplett sportfrei, weil ich um halb acht einen Termin bei der Zahnärztin hatte (Zahnreinigung und jährlicher Check) – Aufstehen um fünf ist selbst mir als Preis zu hoch (den würde ich nur für eine hochsommerliche Laufrunde an der Isar vor der Arbeit zahlen – das Licht! -, und wir wissen, wie das derzeit mit Laufrunden ist).

Radfahren war schon wieder gestrichen: Aus dem düsteren Morgenhimmel lösten sich bereits erste Tropfen. Ich nahm die U-Bahn nach Schwabing.

Informations- und Stimmungsaustausch mit der vertrauten Zahnreinigerin (alles in Ordnung, aber schon auch Kurzarbeit seit Monaten), wieder ordentliche Zähne bekommen, Zahncheck durch Ärztin (alles in Ordnung – wenigstens dieser Teil meines Körpers widersteht weiterhin dem altersbedingten Abbau), Informations- und Stimmungsaustausch mit ihr über die SITUATION (inklusive Kurzvortrag über die Wirkung selbst von leichten Atemmasken, denen alle im Bereich Zahnmedizin aus guten Gründen und Evidenz-basiert vertrauen).

Ab neun regnete es dann in München. Und wieder kämpfte in mir der Konflikt zwischen “Der Bauer braucht den Regen” (und wir als Kartoffelkombinat sogar sehr) und männooooooichwillaberSommer…

Gut sortierbare und machbare Arbeit in der Arbeit. Mittags Erdbeeren mit Kefir und ein Kanten Brot, nachmittags Kirschen.

Zum Schluss hatte ich noch die eine oder andere Stunde Bastelarbeit – aber nichts Gefährliches mit Tesa oder sonstigem Bapp (Bayerisch für Klebstoff) und Schere, sondern mit Software (und auch da bar jeder Gestaltung – na gut, Farbcodierung war dabei). Das machte Spaß.

Da ich eine Öffi-Tageskarte hatte, fuhr ich nach Feierabend ins Lehel: Pralineneinkauf in der Schokoladengalerie, wo man eher klassische Ware anbietet, handgefertigt. Ich bat um eine von jeder Sorte.

Auch in dieser Gegend Münchens war ich länger nicht gewesen, also spazierte ich Schaufenster- und Hauseingang-bummelnd Richtung Isartor. Und wieder überschätzte ich mein Gehvermögen, die letzten hundert Meter war mir nur langsames Trippeln möglich.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Fleisch gewünscht (selbstverständlich mit anständigem Hintergrund). Und weil wir durch die Sendung quer am Donnerstagabend erfahren hatten, dass die Jägerinnen und Jäger derzeit (SITUATION = geschlossene Restaurants) nicht wissen, wohin mit dem Wild, das so oder so geschossen werden muss, war Herr Kaltmamsell auf den Viktualienmarkt Wild kaufen gegangen. Nach Mojitos als Aperitif (Ernteanteil-Minze) gab es Wildschweinlende mit Spitzkrautsalat (Ernteanteil) und Champignons.

Zum Nachtisch Pralinen, die hervorragend schmeckten (Lavendel!).

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Wieder eine ausführliche (und wunderbar lesbare) Analyse der Lage Großbritanniens von Laury Penny und was das mit Downton Abbey zu tun hat.
“Tea, Biscuits, and Empire: The Long Con of Britishness”.

Every nation-state is ninety percent fictional; there’s always a gap between the imaginary countries united by cultural coherence and collective destinies where most of us believe we live, and the actual countries where we’re born and eat breakfast and file taxes and die. The U.K. is unique among modern states in that we not only buy our own hype, we also sell it overseas at a markup.

Zum ersten Mal lese ich auch explizit, wie sehr Briten weltweit persönlich von diesem Image profitieren (“Living in a place where all you have to do is say something in your normal accent to be told you’re clever and wonderful is all very well, until you start believing it.”) und denke sofort an die Einwanderergeschichten nach München aus dem Bekanntenkreis: Der Brite mit amüsanten Anekdoten seiner Einbürgerungsbürokratie (“They loved me!”) im Gegensatz zu den erschreckenden der Griechin (auch in bayerischen Amtsstuben kann Bestechung helfen – immaterielle, wenn man zum Beispiel bei einem Arbeitgeber angestellt ist, der unerhältlich rare und begehrte Eintrittskarten hat).

Lavish Britscapist vehicles like Downton Abbey, The Crown, and Belgravia are more popular with Americans than they are at home. Trudging through Finsbury Park in London on a cold morning last Christmas, a poster advertising The Crown had been gleefully tagged “royalist propaganda” by some local hero with a spray can. My American friends were confused when I explained this to them. “Don’t you like your royal family?” They asked. No, I explained. We like Hamilton. The stories we export lay bare the failing heart of Britain’s sense of itself in the world — the assumption that all we have to do, individually or collectively, is show up with a charming accent and say something quaint and doors will open for us, as will wallets, legs, and negotiations for favorable trade deals.

This is a scam that works really well right up until it doesn’t.

(…)

The impression I was given as a schoolgirl was that we were jolly decent to let the Empire go, and that we did so because it was all of a sudden pointed out that owning other countries wholesale was a beastly thing to do — of course old boy, you must have your human rights! Really, we were only holding on to them for you.

(…)

If you love your country and don’t own its difficulties and its violence, you don’t actually love your country. You’re just catcalling it as it goes by.

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Der Thai Enquirer schreibt über die USA im Sprachstil, den US-amerikanische Medien sonst verwenden – herrlich entlarvend.
“Foreign Affairs: Unrest continues for a seventh day in former British colony”.

via @afelia

Apropos Umkehrungen: Letzthin dachte ich an einer Version von My Fair Lady mit vertauschten Geschlechterrollen herum (ich hörte auf dem Crosstrainer gerade “Why can’t a woman be more like a man?”): Die Suffragette aus der Upper Middle Class Ende 19. Jahrhundert, sehr belesene Linguistin mit Forschungshintergrund in den Elendsvierteln Nordenglands, die mit einer subalternen Freundin einen jungen Burschen um Covent Garden aufgabelt, der dort als Lastenträger arbeitet. Sie schließen eine Wette ab, ob sie ihn nach Generalüberholung in einen der renommierteren Londoner Clubs als Gentleman einschleusen können.
Neben korrekter/posher Aussprache bringen sie ihm Männerphrasen bei, die jede inhaltliche Aussage ersetzen und dennoch den Anschein von Checkertum verleihen – also das Pendant zum weiblichen “How kind of you to let me come”.
“Why can a man not be like a woman?” würde ebenfalls wunderbar mit umgekehrten Geschlechterrollen funktionieren, ebenso “I’m an ordinary woman”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 18. Juni 2020 – Sommerfeierabend im Seecafé

Freitag, 19. Juni 2020 um 6:21

Unruhige Restnacht nach Klogang, wie schon in der Nacht zuvor. Freude über das Licht, das beim Weckerkingeln das Schlafzimmer erhellte: Es kündete von blauem Himmel.

Erwähnte ich, dass mich die tägliche Orthopäden-empfohlene Gymnastik total annervt? Wo ich sonst nie verstanden habe, warum mir für meine geliebte sportliche Bewegung Disziplin unterstellt wurde, muss ich mich jetzt tatsächlich loben. (Allerdings merke ich ja an Steigerung, dass die Übungen anschlagen: Mittlerweile halte ich den Bankstütz 2×2 Minuten mit Füßeheben, beim Seitstütz bin ich bei 27 Wiederholungen – sauber ausgeführt – auf beiden Seiten.) Zur Belohnung gibts dann halt Spaß und Genuss in Form von Crosstrainer (gestern) oder Yoga.

Mein Fahrrad stand ja noch vorm Büro, also musste ich trotz schönem Wetter mit der U-Bahn in die Arbeit – die im Gegensatz zu meinen Fahrten in den Vorwochen bereits wieder unangenehm dicht besetzt war.

Endlich mal ein ruhig-emsiger Tag in der Arbeit. Mittags Quark/Kefir/Netzmelone, nachmittags eine Hand voll Nüsse. Anlass für pünktlichen Feierabend sollten wieder Einkäufe (Obst) sein, doch als sich zeigte, dass das ein sonniger Tag blieb, hatte ich eine bessere Idee: Ich verabredete mich mit Herrn Kaltmamsell im Westpark im Café Gans am Wasser. Und zwar schon um fünf!

Ich machte mich also wirklich mal pünktlich vom Acker, radelte die wenigen Minuten zum Westpark – und es war herrlich im Café.

Herr Kaltmamsell reichte Aperol Spritz an, zwischen den Gästen (ganz andere Leute als bei uns ums Eck im Schnitzelgarten) spazierten Stockenten, auf dem See, wir erzählten einander von unseren derzeitigen Lektüren.

Reichlich angetüdelt radelten wir einen mir völlig unbekannten Weg über Brücken und Stege zur Theresienwiese und gingen noch eine Runde Einkaufen im Edeka – der ja mein Edeka geworden ist und den ich bei dieser Gelegenheit mal Herrn Kaltmamsell zeigen konnte.

Frugales und köstliches Nachtmahl:

Zum frisch geholten Ernteanteil-Kopfsalat (der ein ausführliches Vollbad brauchte, da er durch Regenüberschwemmung durchgeerdet war) briet uns Herr Kaltmamsell ein Omelett.

Erdbeeren aus der Rosentagsfest-Geschenkschüssel, die die perfekte Erdbeergröße hat.
(Als Gastgeschenke hatte es vergangenes Jahr ja kleine Rosenstöckchen im Topf gegeben – und nun posten Gäste regelmäßig Fotos vom Gedeihen der ihren, meist eingepflanzt. Ich bin sehr bewegt und gerührt. Unsere sind umgehend eingegangen wie alle nicht superrobusten Pflanzen auf unserem Balkon.)

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Das Bachmannpreislesen bekomme ich über Kommentare auf Twitter mit.

Clemens Setz bedichtet eine Nebenerscheinung der Virtualisierung des Bewerbs:
“Die Klagenfurter Räder zur Literatur”.

Bester Bachmannpreis-Sehnsuchtstweet: Blättersound.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 17. Juni 2020 – Feierabendmachübung

Donnerstag, 18. Juni 2020 um 5:51

Yoga-Morgen (rundum Dehnen mit Atmen), aber vorher eine Extrarunde Gymnastik.

Ich hatte Herrn Kaltmamsell um Hilfe gebeten, früher Feierabend zu machen, vielleicht indem er mir Aufgaben stellt, für die ich pünktlich(er) das Büro verlasse. Gestern sollte das ein Einkauf sein, für den ich in den Osten der Stadt musste, Herr Kaltmamsell unterstützte das mit Einkaufsaufträgen, bei denen er streng guckte.

Es war trocken und sogar ein wenig freundlich, Radeln in die Arbeit war sehr schön. Ich freute mich umso mehr auf das feierabendliche Radeln quer durch die Stadt – nur dass sich pünktlich zum nicht-späten Feierabend der Himmel sehr bedrohlich verdunkelte und der Regenradar aufziehende Gewitter zeigte. Ich dachte ein wenig herum, ließ dann leicht verärgert das Fahrrad stehen und nahm die U-Bahn zum Ostbahnhof: Im etwas umgezogenen Mittemeer wollte ich Spanisches einkaufen. Der Laden sah frisch bezogen aus, einige Regale und Bereiche waren noch ohne Ware. Doch ich bekam Wein, Käse, Brat-Chorizo, Paella-Reis, Kaffee. Bis ich heimkam, hatte es noch nicht geregnet, dann legte es so richtig los. Mein Trost: Mit dem Rad hätte ich deutlich länger gebraucht und wäre auf dem Heimweg klatschnass geworden.

Obwohl ich tagsüber nur ein Käsebrot und als Snack einen Eiweißriegel gegessen hatte, fühlte ich mich innerlich verklebt, als hätte ich eine ganze Süßigkeitenschublade geleert. Herr Kaltmamsell hatte Spaghetti mit Tomatensoße gekocht, die stellten sich als genau das Richtige zum Abendessen heraus, danach hatte ich sogar noch Lust auf Schokolade.

Kurzer Blick in die Eröffnung des Bachmannpreises, live im Internet übertragen (hier die Klagenfurter Rede zur Literatur 2020 von Sharon Dodua Otoo, “Dürfen Schwarze Blumen Malen?”), dann Fernseher aus.

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Thomas Knüwer bespricht:
“‘Bad News’: ein Buch räumt auf mit Filterblasen-Mythos und Medien-Selbstbejubelung”.

Zwar kann ich gleich bei dieser Gelegenheit einen Mechanismus beobachten, der schon lange gut empirisch belegt werden kann: Ich fühle mich angezogen von und halte für besonders glaubwürdig Informationen, die meine Einstellung bestätigen. Und gebe sie hier gleich weiter. Doch (jetzt wird’s paradox) besagen diese Informationen, dass das Internet eben gerade nicht Filterblasenbildung, Echokammern und rekursiven Gedankenaustausch begünstigt.

Die nachweisbare Polarisierung unserer Gesellschaft lässt sich vielleicht doch besser mit dem Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit, mit Tribalismus erklären.

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“Diese sexistischen Frauenfiguren sollten aus Filmen verschwinden”.

Ich mochte den Artikel allein schon für das Benennen des Haargummi-Problems: Filmheldinnen müssen auch Action-Szenen mit wallendem langen Haar bestreiten, was doch furchtbar unpraktisch ist – gebt ihnen einen Haargummi!

Ich liebe Filme und Serien, aber zu oft werden Frauen vereinfacht und nur so dargestellt, wie sich Männer eben Frauen vorstellen.

Ich glaube nicht mal, dass die männlichen Drehbuchautoren sich so Frauen vorstellen (falls sie nicht seit 20 Jahren in einem Männerkloster leben), sondern dass sie sich Frauen in Fiktion so vorstellen (-> movie tropes) und diese Muster als übliches Handwerkszeug benutzen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 16. Juni 2020 – Kurze Lunte

Mittwoch, 17. Juni 2020 um 5:56

Aufwachen zu Regenrauschen, Crosstrainerstrampeln mit Licht.

Auf dem Weg in die Arbeit hatte der Regen den Aggregatszustand Gischt: Ich wurde nicht sehr nass, doch meine Brillengläser waren bereits nach wenigen Metern durch Wassertropfen unbrauchbar.

Innerlich sehr kurze Lunte – nicht nur wegen des Scheißwetters und Sommerentzugs, sondern wegen aller möglichen Technik- und Ablaufprobleme. (Vernünftig weiß ich natürlich, dass ich einfach verwöhnt bin vom Technikfunktionieren und mich nur deshalb empfindlich gestört fühle, wenn ein Zugriff, ein Klick, ein Formular nicht funktionieren und mich daran hindern, meine eigentliche Arbeit zu tun.)

Mittags ein dickes Butterbrot aus selbst gebackenem, nachmittags ein halbes Dutzend Aprikosen. Nachmittags bemerkte ich auch an meinem etwas angestrengtem Blinzeln auf den Bildschirm, dass es draußen heller geworden war: Kein Regen mehr! Erleichternderweise hielt die Trockenheit bis abends an, es war auch etwas milder geworden.

Heimradeln mit offener Jacke, die ich nach einem Stopp für ein paar Supermarktbesorgungen sogar für den Rest des Weges im Fahrradkorb verstaute. Um die Theresienwiese bekam ich endlich eine richtige Nase voll Lindenduft.

Herr Kaltmamsell hatte angekündigt, dass er eher spät heimkommen würde, aber das Abendessen mitbringen (Pizza). Um mich bis dahin von meinem knurrenden Magen abzulenken, machte ich untern anderem meine Fingernägel – der Nagelhärter wirkt übrigens, keine Splittereien mehr.

Die Pizza (einmal Calzone, einmal Quattro Quesoni) war gut und befriedigend, dann gab es noch (viel) Schokonüsse und später Erdbeeren.

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Wir (Kartoffelkombinat) sind in National Geographic. (Hier bitte Emoji mit weit aufgerissenen Augen einfügen.)
“Gemüse-Genossen: Das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft”.

Nicht erwähnt wird, dass die Corona-Epidemie dennoch Auswirkungen auf unsere Anbaugenosssenschaft hat. Zwar beschäftigen wir keine Wanderarbeiter, sondern stellen nur fest an (und zwar auch über den Winter: Zu den vielen Dingen, die ich beim Kartoffelkombinat gelernt habe, gehört, dass Gärtnerinnen und Gärtner üblicherweise über den Winter stempeln gehen wie die Angestellten im Baugewerbe.). Doch es gibt derzeit kein Mitgärtnern der Genossenschaftsmitglieder an den Sonntagen, es wird kein gemeinsames Sugo-Einkochen stattfinden, und wie wir das mit der Jahresversammlung anstellen, ist noch ungewiss. (Auch das mit dem Kauf unserer Anbaufläche ist etwas verzerrt dargestellt: Landwirtschaftlicher Boden ist einfach in den vergangenen Jahren sehr teuer geworden.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 15. Juni 2020 – Durchgeregnet

Dienstag, 16. Juni 2020 um 5:47

Frühes Aufstehen lief gut.

In der Yogarunde ein sehr angenehmes Rumpeln im kaputten Hüftgelenk, danach konnte ich mehrere Stunden gut gehen. (Bevor es wieder wie vorher klemmte und brannte, kaputt bleibt kaputt.)

Es regnete gestern durchgehend in verschiedenen Stärken. Aber ich hatte sehr keine Lust auf U-Bahn, also Radeln mit Regenjacke, so stark regnete es ja auch nicht, ebensowenig war es richtig kalt. Außerdem hatte ich mittags eine Erledigung vor, für die ich das Rad brauchte. Die Regenjacke hielt, die Jeans war nach nicht mal einer Stunde im Büro trocken.

Sehr unruhiger Start in den Arbeitstag. Um nicht zu sagen höllisch. Guerillakampf bis zur Mittagspause (Räucherfisch von bayerischen Seen, selbst gebackenes Brot). Kurz nach Mittag machte ich mich auf zu beruflicher Besorgung, “Dienstgang”. Nach dieser Radlrunde brauchte die Hose im Büro ein bisschen länger zum Trocknen.

Jajaja, ich habe sehr wohl noch die Expertenaussage im Ohr, dass es mindestens drei Wochen Regen bräuchte, um die Trockenheit der vergangenen Jahre halbwegs zu kompensieren. Aber müssen die ausgerechnet jetzt sein? Wenn ich ganz nah an Linden vorbeikam, konnte ich riechen, wie sie fast vergeblich versuchten zu duften. Ach, ein bisschen Lindenduft wäre schon schön.

Eigentlich war mein Vorsatz für die nächsten fünf endlosen Fünf-Tage-Wochen (dann eine Woche mit einem freien Tag) halbwegs pünktlicher Feierabend, um nicht völlig vor die Hunde zu gehen. Gestern klappte das schon mal nicht.

Beim Heimradeln ein drittes Mal mit nasser Hose angekommen, diesmal wechselte ich gleich in trockene Schlumpfklamotten. Für Instant-Entspannung machte ich uns Negronis, Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Auberginen und Zucchini Tikka Masala, schon beim Heimkommen hatte es nach den Gewürzen geduftet – köstlich.

Wir nutzen Netflix: Marvel-Fanboy Herr Kaltmamsell suchte Jessica Jones aus. Wir sahen die erste Folge mittelinteressiert, Herr Kaltmamsell lieferte anschließend den comic-historischen Hintergrund zu den Figuren – schon interessanter.

die Kaltmamsell