Journal Mittwoch, 1. April 2020 – Pandemie bremst Postverkehr

Donnerstag, 2. April 2020 um 6:19

Tief und gut geschlafen, es war so schön.

Gemütliche Runde auf dem Crosstrainer. Ich versank so tief in Nachdenken über Brave New World, dass es mir schwerfiel, nach 30 Minuten aufzuhören.

Beim Radeln in die Arbeit war es in der Sonne nicht mehr ganz so kalt.

Im Büro sehr kurzgetaktete Emsigkeit. Sie kennen das, wenn Sie sich alle zehn Minuten neu sammeln müssen: Wo war ich?

Mittags Quark und Hüttenkäse mit Orange, nachmittags eine Hand voll Nüsse. Ich vermisse den guten Arbeits-Cappuccino.

Unerwartete Pandemie-Folgen: Ein ganzer Stapel Aussendungen nach Indien kam mit diesen Aufklebern zurück.

Ohne Umwege heimgeradelt, in der Sonne waren Bavariapark und Theresienwiese weiterhin gut besucht.

Fürs Abendessen war ich zuständig: Es gab Kaiserschmarrn, der mir besonders gut weil fluffig geriet.

Aus der Tagesschau erfuhr ich unter anderem, dass die Beschränkungen des öffentlichen Lebens deutschlandweit bis 19. April verlängert werden.

Abendunterhaltung Kultur: Arte zeigte Das Mädchen Wadjda – jetzt weiß ich also auch, wie dieser hochgerühmte Film aussieht. (Und musste sehr an den cinephilen Studienfreund denken, der diese Sorte ungelenker, aber ungemein gut gemeinter Filme mit “usbekische Autorenfilme mit Untertiteln” zusammenfasste.)

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Margaret Atwood schreibt als Literaturwissenschaftlerin (denn das ist die Kanadierin ja auch – möglicherweise habe ich noch nicht oft genug erwähnt, dass einer meiner Uni-Kollegen an der Universität von Toronto ein Büro mit ihr teilte, wir also über nur ein Eck praktisch Kolleginnen waren) 2007 zum 75. Jahrestag im Guardian ein wundervolles Essay über Brave New World:
“‘Everybody is happy now'”.

Und hier wurde ich auf der Suche nach Rezeptionsgeschichte zu Brave New World fündig:
“Brave New World at 75”.
Kurzfassung: Die intellektuelle Welt war bei Erscheinung überwiegend empört.

Wells’s friend and fellow writer Wyndham Lewis called it “an unforgivable offense to Progress.”

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 31. März 2020 – Aldous Huxley, Brave New World

Mittwoch, 1. April 2020 um 6:26

Diesmal wieder sehr guter Schlaf (in der Endphase sang mir Christopher Lee etwas auf Deutsch vor, die Melodie verfolgte mich als Ohrwurm bis zum Kaffeetrinken). Nachdem ich Montag ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer verbracht hatte, war gestern wieder Yoga dran – diesmal wundervollerweise eine Runde, die ich durchgehend und ohne Aufjaulen mitmachen konnte.

Frostiges Radeln in die Arbeit. Mittags Rote-Bete-Mus mit einer Scheibe Brot, nachmittags zwei Orangen. Viel zu recherchieren und Korrektur zu lesen.

Nach Feierabend direkt nach Hause geradelt, im Bavariapark Schlagenlinien um die vielen Spaziergängerinnen und -gänger.

Das Nachtmahl bestellten wir beim benachbarten indischen Restaurant, Herr Kaltmamsell holte es ab und wir aßen gut.

Im Bett Aldous Huxley, Brave New World von 1932 ausgelesen. Nachdem ich in den ersten beiden sehr plakativen Kapiteln noch gedacht hatte, dass das Buch möglicherweise nicht gut gealtert ist, gefiel es mir schließlich doch. Die Vision einer Welt, in der niemand leiden muss (Motto: “Community, Identity, Stability”), ist zwar dystopisch angelegt, doch ja grundsätzlich eine Überlegung wert – Huxley hat versucht, sie verhältnismäßig unpolemisch durchzuspielen. Als Gegensatz dazu zeigt er ein wildes Urvolk, als Bindeglied einen jungen Mann, “Savage”, dessen Mutter aus der Zivilisation durch ein Unglück zu den “Wilden” verschlagen wurde, der bei ihnen aufwuchs – und dessen Versuch eines alternatives Lebens in der wundervollen schmerzfreien Zivilisation schmetternd scheitert.

Ich hatte Brave New World nicht so ausgewogen in Erinnerung. In einem Vorwort bedauert Huxley zwar 15 Jahre später, dass er Savage keinen dritten Weg hat gehen lassen, kommt aber zur Erkenntnis, dass das Gesamtkonstrukt des Romans dann nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. (Dabei wird ja eine Alternative angedeutet: Die Inseln, auf die Dissidenten geschickt werden, klingen für mich wirklich verlockend – hat vielleicht jemand später einen Roman geschrieben, der dort spielt?) Besonders interessant fand ich, welche gesellschaftlichen Haltungen der Entstehungszeit durch die Betonung ihres Gegenteils sichtbar werden, zum Beispiel rigide Sexualmoral. Kompositorisch schön: Die vielen markierten Shakespeare-Zitate – das einzige Buch, das Savage im Dschungel zur Verfügung stand, war eine Gesamtausgabe, die er jetzt auswendig kann.

Aus heutiger Sicht auffallend: Der Rassismus, der selbstverständlich einen gebürtig weißen Menschen als Bindeglied braucht, um seine Überlegungen ernst nehmen zu können. Und wieder mal: Alles kann sich der Autor vorstellen, jeder hat einen Privathubschrauber, man reist mit Interkontinentalraketen, moderne Kleidung aus nicht schmutzendem Synthetikmaterial, die Hautfarbe bestimmt nicht die Position in der Gesellschaft, medizinischer Fortschritt verhindert physische Alterung, Menschen sind pränatal vorherbestimmbar und beliebig konditionierbar – aber seine Phantasie reicht nicht mal ansatzweise, sich eine Welt vorzustellen, in der nicht die Machtpositionen von Männern besetzt sind.

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Viel Liebe für Peter Wittkamp (aka @diktator) und seinen Artikel:
“Kommt kein Mann in eine Bar: Scherze in der Corona-Krise”.

Man könnte Stadien füllen, wenn man nur dürfte.

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Randall Munroe hat sich einen xkcd zu Corona ausgedacht – in dem die Viren sich Gedanken machen.
“Pathogen Resistance”.

die Kaltmamsell

Lieblingstweets März 2020

Dienstag, 31. März 2020 um 18:25

Nicht ganz so monothematisch, wie ich befürchtet hatte.
(Bitte, bitte lass mich die in einem Jahr immer noch lustig finden und beim Wiederlesen nicht in Tränen ausbrechen.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 30.März 2020 – Prinzessinnensekt aus dem Bioladen

Dienstag, 31. März 2020 um 6:23

Vielleicht hätte ich die lange Siesta am Sonntag doch lieber bleiben lassen sollen: Ich schlief sehr schlecht, obwohl mich keine Schmerzen wachhielten. In meinen Träumen tauchte erstmals die Corona-Quarantäne auf.

Radfahrt im leichten Schneewirbel, zumindest war es nicht frostig.

Emsiger Tag, an dem mir dieser Cartoon genau einen Smalltalk zu spät begegnete.

Mittags eine große Portion Eintopf vom Vorabend, in der Mikrowelle erwärmt, nachmittags eine Semmel und Schokolade.

Auf dem Heimweg Besorgungen vom Vollcorner: Jetzt wird Kundschaft durchgezählt, man bekommt am Eingang einen Einkaufswagen (und kann nur von den Einkaufswagenverteilenden von draußen reingelassen werden), großes Plakat mit Verhaltensregeln, Lücken u.a. im Nudelregal. Ich kaufte Orangen, Birnen, Handseife, Apfelmus, nichts davon in größeren Mengen als sonst.

Ebenfalls mitgenommen habe ich diesen Spumante: Er steht seit Weihnachten auf einem Sondertisch und sticht in dieser Bio-Umgebung heraus wie ein weher Finger – Glitzer hat man hier normalerweise nicht. Aber Glitzer brauchte es gestern, also erbarmte ich mich des Flakons. Und der Spumante schmeckte gut!

Nachtmahl waren zum einen Rote Bete aus Ernteanteil: Herr Kaltmamsell machte zweierlei Pürees daraus, eines nach Ottolenghi mit Joghurt, Knoblauch, Olivenöl, das andere mit Tahini. Außerdem gab es Käse zu Weizensauerteigbrot aus der Fritz Mühlenbäckerei.

Abendunterhaltung war eine reizende Sendungsidee des Bayerischen Fernsehens: Jobtausch über Ländergrenzen hinweg, diesmal “Oberbayerische Trachtenschneiderinnen in Schottland”. Zwar viel daran offensichtlich gestellt und geskripted, aber es blieb genug für Sehvergnügen.

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Zum Glück mehren sich in meinem Internet die Stimmen, die sich über all die Tipps und Angebote gegen Langeweile in der Quarantänezeit wundern, weil WELCHE LANGEWEILE BITTE?! Bei mir ähnlich: Zu all den kulturellen Online-Angeboten (Podcasts, Lesungen und Sendungen zum Nachhören), die ich schon bislang nicht schaffte, kommen jetzt täglich neue und absolut wundervolle kulturelle Online-Angebote, die ich zusätzlich nicht schaffe. Nächsten Freitag und Montag habe ich frei, vielleicht hole ich dann ein uraltes Strickzeug raus, um endlich ein paar der offenen Tabs wegzuhören.

Jetzt beginnen ja eigenartigerweise viele Menschen, selbst Brot zu backen (während ich mir mein gewohntes Brotbacken verkneife, um den kleinen Bäcker um die Ecke zu unterstützen). Jemand, der nicht erst Anfang März damit angefangen hat, ist Seamus Blackley: Er hat ein Jahr lang daran gearbeitet, altägyptisches Brot nachzubacken – mit Hefekulturen aus altägyptischen Ausgrabungsfunden.

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Laurie Penny ist Expertin für Science Fiction und für End-of-the-world Fiction. Ihr ist aufgefallen, was auch ich seit einiger Zeit denke: Diese weltweite Katastrophe ist überhaupt nicht wie im Film (außer vielleicht dem US-amerikanischen Topos von Wissenschaftler vs. Bürgermeister des Touristenorts). Penny hat darüber einen Artikel geschrieben:
“This Is Not the Apocalypse You Were Looking For”.

Was sich bislang als richtig herausgestellt hat, kommt nicht aus einem Katastrophenfilm, sondern aus der Occupy-Bewegung vor zehn Jahren:
“It is easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.”

To the rich and stupid, many of the economic measures necessary to stop this virus are so unthinkable that it would be preferable for millions to die. This is extravagantly wrong on more than just a moral level—forcing sick and contagious people back to work to save Wall Street puts all of us at risk. It is not only easier for these overpromoted imbeciles to imagine the end of the world than a single restriction on capitalism—they would actively prefer it.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 29. März 2020 – Endlich Sommerzeit

Montag, 30. März 2020 um 6:00

Lang und gut in die Sommerzeit geschlafen (CORTISON IST SUPER!). Beim Aufwachen war es halb acht MESZ; während die Cafetera arbeitete, stellte ich die Uhren am Herd, im Bad und den alten Wecker vor.

Ausführlich Morgenbewegung: Krafttraining zusätzlich nach ärztlicher Anleitung für die Hüfte (nicht nur anstrengend: ich zerstörte auch ein Theraband – ohne dass ich die Dehnfähigkeit auch nur annhähernd ausgerereizt hätte), nach Dehnen eine lange Yoga-Einheit (einbeinige Dinge gehen wirklich nur links, der Versuch auf dem Bein mit der wehen Hüfte endete in Hundejaulen). Yoga enthielt an einer Stelle die Anregung eine Sache zu überlegen “that you love about yourself”. Zum Glück dicht gefolgt von der Beruhigung, es sei völlig in Ordnung, wenn einer nicht sofort etwas einfällt. Zum noch größeren Glück fiel mir nach einigem Gedankenkreiseln etwas ein. In einer Position hocherfreut den ersten Buchfinken der Saison auf der Kastanie beobachtet.

Abstandhalten auf dem Weg zum Bäcker war nur durch Nutzung der Straße möglich; Familien scheinen sich selbst als Möbel anzusehen, nicht als Menschengruppe. Ich trippelte/schlich/hinkte erbärmlich – erstaunlich, wie lang gewohnte Wege geworden sind.

Der Tag war grau und wie angekündigt kalt, nachmittags ein paar Regenspritzer.

Zum Frühstück Käse, Mango, Semmel, nach einer Siesta ein Stück Nusszopf.

Ich las lang in meiner derzeitigen Lektüre: Aldous Huxley, Brave new world. Dass ich es schon mal gelesen hatte, wusste ich, allerdings hatte ich kaum Erinnerung daran. Ich war wohl noch in der Schule und habe es auf Deutsch gelesen (gleich nach 1984, weil es meist in einem Atemzug erwähnt wurde?). Diesmal war ich nach dem hölzernen Einstieg in den Roman auf jeden Fall sehr angetan.

Zum Abendessen gab es Eintopf aus Ernteanteilgemüse mit Lammfleisch und weißen Bohnen – sehr gut. Nachtisch wieder reduzierte Osterschokolade.

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Sieht aus, als sei am Samstag das Daheimbleiben wirklich vernünftig gewesen:
“Corona-Krise in München:
13 000 Kontrollen im Sonnenschein”.

Apropos Zoos: Nicht alle Tiere finden die Ruhe und Menschenleere prima:
“So geht es den Tieren jetzt in den leeren Zoos”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 28. März 2020 – Drinnenbleiben trotz warmer Sonne

Sonntag, 29. März 2020 um 9:32

Köstliches Aussschlafen bis nach sechs – Verwunderung beim Blick auf den Wecker, weil es draußen schon so hell war. Die Sommerzeit kommt für mich dieses Jahre etwa zwei Wochen zu spät, so hell hat es um sechs schon seit einer Weile nicht zu sein.

Ich hatte lebhaft geträumt, eingebettet in so leichtem Schlaf, dass ich mir gleichzeitig versuchte die Träume zu merken.
Dass ich zum Beispiel für eine Zeitungsschlagzeile die Abkürzung “HOCTOR” erfunden hatte, für “Hollywood Actor”, und wie scheußlich das aussah.
Dass ich einen alten Bekannten wiedertraf, mich sehr über die Begegnung freute und darüber, dass er einen leuchtend grünen Lidschatten als neues Markenzeichen trug, weil das sehr cool aussah.
Dass ich ihn in Brighton traf, wo es aber nicht aussah wie in Brighton und wo Buchläden jetzt schon weihnachtlich dekoriert waren – aber nur zum Zweck von Fotoaufnahmen für Weihnachtsanzeigen.

Gemütlicher Morgenkaffee, ich buk einen Nusszopf, der eigenartigerweise zum mindestens zweiten Mal auch nach 40 Minuten innen noch roh war.

Sport: Ich hatte wochenendlich genug Zeit für Yoga und eine ausführliche Runde Crosstrainer, letztere allerdings nicht ganz so vergnüglich wie die zuvor, weil die Muskeln um meine wehe Hüfte zu fest hielten und nicht zu lockern waren.

Zum Frühstück den letzten Rest Wildpastete und viel Nusszopf (nachgebacken).

Ein milder, sonniger Tag, doch ich blieb daheim. Gehen/Spazieren ist mir ja im Moment nicht wirklich möglich, irgendwohin zu radeln wäre eine Alternative gewesen, aber ich nahm an, dass bei dem schönen Wetter eh wieder zu viele Leute draußen waren. Also übte ich mich lieber in gutem Beispiel und öffnete stundenweise die Balkontür.

Frisch gewaschen spielt der rausgewachsene Haarschnitt noch sowas wie eine Frisur, doch schon jetzt bin ich genervt. (Haben Frauenzeitungs-Websites bereits Strecken mit “Stylingtipps für ausgewachsene Haarschnitte”?)

Zum Nachmittagssnack Orange, Apfel, Nusszopf.

In der Abenddämmerung wieder Ausschau gehalten (Herr Kaltmamsell macht das bereits seit einer Woche), diesmal erfolgreich: Fledermaus! Das machte mich sehr froh.

Den Fernseher deutlich vor acht eingeschaltet, in der Sicherheit, dass ich ja nicht in Fußball stolpern kann, weil derzeit Seuchen-bedingt keiner gespielt wird. Stellte sich heraus: Die zeigen jetzt einfach ALTE Fußballspiele auf dem Sportschau-Sendeplatz!

Herr Kaltmamsell hatte auf meinen Wunsch zum Nachtmahl japanische Suppe zubereitet.

Was ich vergesse zu erwähnen: Wie dankbar ich dafür bis, dass ich in diesen Quarantänezeiten mit jemandem zusammenlebe, den ich liebe, den ich berühren kann.

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Leschs Kosmos zur Coronakrise: “Corona: Was weiß die Wissenschaft?” Viel interessanter Forschungsstand, Blick in die jüngere Forschungshistorie, nützlicher Blick auf andere gut dokumentierten Pandemien. (Allerdings wünschte ich mir mal wieder, sie hätten keinen Off-Sprecher mit raunender In a world…-Stimme genommen.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2jEJNUu73ms

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Carolin Emcke denkt auf die ihr so eigentümliche Art über das Leben in der Pandemie nach:
“Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise
Woche 1: Vom Spazierengehen in Kreuzberg, von nahen und fernen Körpern – und Wörtern, deren Bedeutungen sich verschieben.”

(Von ihr lese ich sogar ein neu begonnenes Corona-Tagebuch – eine Gattung, die ich sonst meide: Wenn ich den vorherigen Tagebuchalltag nicht kenne, kann ich doch den Unterschied zu jetzt nicht nachspüren.)

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Dank Internet ist nicht nur Quarantäne nicht einsam, wir lernen viel Neues über Menschen:
Anthony Hopkins stellt uns seine Katze vor,
Steve Martin beweist, dass Banjo auch lyrisch klingen kann.
Und ich freue mich über all die Filmchen aus geschlossenen Zoos der Welt.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. März 2020 – Bits and Bobs aus dem Pandemiealltag

Samstag, 28. März 2020 um 8:04

Und nun wieder mit Kopfweh aufgewacht, in den letzten beiden Stunden Schlaf zudem mehrfach hochgeschreckt, weil ich träumte, dass der Wecker klingelt. Dieses Ende der Arbeitswoche sehnte ich schon sehr herbei: Ich bin erschöpft, ich brauche Pause.

Es war milder geworden, ich konnte im Büro das Fenster auf der Sonnenseite den ganzen Vormittag gekippt lassen. Emsiges Arbeiten, einiges davon sogar geplant und nicht als Querschuss.

Mittags Butterbrot aus selbst gebackenem, nachmittags eine Orange (überraschend köstlich) und ein kleiner Lagerapfel.

Beim mittäglichen Zeitunglesen bemerkte ich endlich den Jugoslawien-Effekt: Ich lese nicht mehr jede Faktenmeldung und -analyse zur Pandemie, meine Aufmerksamkeit schaltet aus seelischer Überforderung auf Langeweile. Wie halt, deshalb meine Bezeichung, damals im jugoslawischen Bürgerkrieg, als ich monatelang (wofür ich mich durchaus schämte), die Titelseite der Süddeutschen ungelesen umblätterte.

Langsam mehren sich die bekannten Namen unter den COVID-19-Todesfällen, gestern der US-amerikanische Architekt Michael Sorkin und Marguerite Derrida, Psychoanalystin, Übersetzerin und Witwe von Jacques Derrida.

Wenn jetzt alle ihre Urlaubsanträge zurücknehmen, weil ihre Urlaubsreisen ausfallen, bekommen wir zum Jahresende ein echtes Problem.

Nun wurde auch der diesjährige Bachmannpreis abgesagt, also die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Ich machte früh Feierabend und radelte zum Viktualienmarkt. Schon auf dem Weg dorthin erfasste mich endlich der tiefe Pandemie-Schrecken (auch hier “endlich”, weil ich mittlerweile weiß, dass mein Gemüt bei Einschlägen sehr lange eisern an business as usual festhält, bis unweigerlich ja doch der Knick kommt – je früher desto besser, doch ich habe das nicht in der Hand): Es waren die nun doch auffallend leeren Straßen an einem milden Frühlingsfreitagnachmittag und die Blumenläden, deren Leere auf mich wirklich apokalyptisch wirkte.

Auf dem Viktualienmarkt, auch hier sah die Entvölkertheit gespenstisch aus, steuerte ich den Tölzer Kasladen an. Aus einem Fenster mit Plexiglasscheibenschutz wurde verkauft, ich stand ein wenig an. Und kam dann beim Einkauf ins Fachgespräch mit dem kundigen Herrn innen, der mir unter anderem einen Käse vorstellte, der dem Manchego ähnlich sei, aber aus Niederbayern komme, von Vilstaler Schäfern. Er ließ mich probieren und tatsächlich hatte ich Manchego-Erinnerung im Mund, und zwar bevor die industrielle Produktion in Spanien Nuancen wegentwickelt hatte. Ich freute mich: Ein richtiger Einkauf im Fachgeschäft ist es, wenn ich etwas dabei lerne.

Daheim das SZ-Magazin des Tages gelesen. Am meisten freute mich diesmal die Rubrik “Getränkemarkt”: Die Wiener Autorin Verena Mayer disste den Kaffee ihrer Heimatstadt:
“Bohnenseiche Plörre”.

(Im Heft trägt der Artikel die Überschrift “Melange”.) Ich machte mehrfach “HA!” und lachte laut auf, denn das war für mich bei meinem ersten Wien-Besuch auf den Spuren der Tante Jolesch die eine große Enttäuschung gewesen, die ich mich nie zu elaborieren traute, weil ich den Zorn der Wien-Götter fürchtete. Und jetzt:

Ich bin vor Corona in Wien ins Kaffeehaus gegangen, und ich werde es nach Corona tun. Es gibt viele Gründe, in Wien ins Kaffeehaus zu gehen. Keiner davon lautet: der Kaffee. Ich gehe so weit zu sagen, dass es wenige scheußlichere Getränke gibt als Kaffee in Wien. Das, was man in Form eines kleinen Braunen, einer Melange oder eines Einspänners bekommt, ist entweder sauer oder bitter oder abgestanden oder alles zugleich. Oder wie es die Wiener Autorin Andrea Maria Dusl nannte: »Bohnenseich«.

Ein weiterer anzumerkender Artikel: Dorothea Wagner schreibt darüber, dass ihr Mode immer erst gefällt, wenn sie schon am Verschwinden ist. Daran fiel mir das Absätzlein unterm Autorinnennamen auf:

Dorothea Wagner stellte vor Kurzem ihren Rekord auf, als sie am Morgen die Jeans ihres Freundes anzog, die Beine etwas hochkrempelte und zur Arbeit ging – fast zwölf Jahre nachdem die Boyfriend-Jeans zum Trend wurde.

Weil nämlich hier der Topos der charmant viel zu weiten Männerkleidung an einer Frau aufgegriffen wird, das nie schöner war als in der Kombi Doris Day – Rock Hudson. Und weil ich lange darunter litt, dass das bei mir nicht funktionierte, weil an mir Konfektionsgröße-42-Frau über 1,70 die Kleidung meiner Partner nie charmant zu groß aussah. (Ich leide schon lange nicht mehr, sondern habe den Topos als fiktiv erkannt: Die wenigsten Frauen sind so zierlich.)

Zum Nachtmahl gab es erst mal Artischocken mit Knoblauchmajo (Majo selbst gemacht). Während das Gestrüpp kochte, machte ich uns zur Feier des Wochenendes Cosmopolitans.

Nach den Artischocken gab es Pastetenresterl und den Käse.

Von links im Uhrzeigersinn: Gratte Paille, Langres (der noch nicht davonrennt), Vilstaler Schafskäse, Valedon (ein spanischer Ziegen-Schimmelkäse, der so rass ist, dass er zurückbeißt).

Dass ich am warm angekündigten Samstag nicht werde an der Isar joggen können ist derzeit einfach nur eins von vielen Dingen, dich ich nicht kann (neues Rad kaufen, Essengehen, mich mit Freundin treffen, Cocktailtrinken gehen, Schwimmen.)

§

Schlimme Dinge: Prof. Carl T. Bergstrom ist Biologe an der University of Washington und hat viele Jahre an epidemologischen Modellen geforscht. In einem bestürzenden Twitter-Thread schildert er den Beschuss, unter dem er gerade für das Äußern wissenschaftlicher Fakten und Zusammenhänge steht – und dass er den Faktor Politik und Missinformation in seinen bisherigen Modellen unterschätzt hat.

I’m sure that 99% of these are motivated by what we call tribal epistemology, the idea that truth is determined not so much by the facts as by the way that a claim aligns with the story that a preferred leader is telling.

(…)

For me, this is the heartbreaking part.

It turns out we’re not all in this together.

Jetzt kostet die Polarisierung der Gesellschaft in den USA hunderte Menschenleben.

die Kaltmamsell