Journal Donnerstag, 12. März 2020 – Pandemie-Eindämmung durch Feierabsagen, Daheimbleiben wird jetzt ernst genommen

Freitag, 13. März 2020 um 6:00

Schönes Yoga, bei aller Unsymmetrie.

Am späten Nachmittag vorübergehende Wunderheilung: Fast kein Hinken, fast symmetrisches Radeln – ich genoss es, solange es dauerte.

Der Arbeitstag war von Corona dominiert: Absagen, Umorganisationen, an manchen Stellen dauerte es etwas länger, bis Vernunft einsickerte. Ich war schon fast irritiert, wenn ich etwas von Corona Unabhängiges bearbeitete, es kam mir frivol vor.

Mittags rote Paprika und frische Gurke, ein Stückchen Käse. Nachmittags Quark mit Orange und Mandarinen.

Auf dem Heimweg Einkäufe beim Vollcorner – nur beim Weizenmehl schreckte ich wieder zurück: Dass die dort verkaufte Marke mehr kostet als das Bio-Mehl aus der Hofbräumühle, müsste ich erst nachvollziehbar erklärt bekommen, bevor ich es zahle.

Das Coronavirus und die Maßnahmen zur Verlangsamung der Verbreitung beeinflussen immer mehr alle Lebensbereiche. Kaum war ich daheim, klingelte das Telefon und die Familienfeier am Samstagabend wurde abgesagt – es tat mir ungemein leid für die Jubilarin, ich hatte mich auch sehr darauf gefreut. Vernunft tut weh.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil Ofengemüse – diesmal schön aufgeräumt.

Es bereitete mir großes Vergnügen, vor allem mit dem dazu gereichten Tahini. Nachtisch war veganes Erdnusseis, das deutlich besser schmeckte als Zutaten und die gräuliche, wässrige Farbe ausgesehen hatten.

Ich erhielt eine E-Mail vom städtischen Wahlamt mit Anweisung für Wahlhelfende, was in Bezug auf Corona zu beachten sei. Gleichzeitig war und bin ich beunruhigt, weil ich immer noch keine Liste mit der Besetzung meines Einsatz-Wahllokals habe: Das Berufungsschreiben führte neben mir als Schriftführerin lediglich einen Beisitzer auf; sonst hatte ich so kurz vor der Wahl schon längst einen Anruf des Wahlvorstehers bekommen, der die Schichten einteilte. Werde ich halt Sonntagmorgen an angegebenem Ort aufkreuzen und schaun, wer sonst noch so kommt.

Zumindest trafen gestern meine Briefwahlunterlagen ein, ich konnte mich also eingehend mit dem kleinen Zettel zur Oberbürgermeisterwahl, dem mittelgroßen Zettel zur Bezirksratswahl und dem riesigen zur Stadtratswahl befassen.

Danach eine weitere Vernunftnachricht: Wir einigten uns darauf, den Salzburgausflug der Familie Anfang April zu stornieren. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich daran denke, was diese Ausfälle für die Gastronomie und Hotelerie bedeuten. In meinem Twitter gibt es bereits Aufrufe, sich Tickets für ausgefallene Konzerte und Vorstellungen nicht erstatten zu lassen, wenn man es sich irgendwie leisten kann – mit Kunst und Kultur ist eh nicht viel zu verdienen.

Und noch eine Absage zur Pandemie-Eindämmung: Ein ebenso lange geplantes Twitterfreundinnen-Treffen in München Ende März wurde erst mal gekippt.

Es wird spannend ob die Internet-Bandbreite hält, wenn so viele Leute daheim bleiben und per Streaming fernsehen. Die Stunde des Buchs!

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Ja aber sicher gibt es auch gute Corona-Späße! Pandemie-Tipps von italienischen Oma.

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https://youtu.be/Ey08XMOisiw

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 11. März 2020 – Counting my blessings

Donnerstag, 12. März 2020 um 5:55

Na count ma mal:

    1. dass ich aufstehen konnte, als der frühe Wecker mich aus Tiefschlaf weckte, obwohl mich böse Kopfschmerzen plagten.
    2. dass die stürmisch Luft, die durchs Schlafzimmerfenster herein kam, schön mild war.
    3. dass Yoga gut tat, ich neben der Beschränkung durch Schmerzen auch Verknotungen wahrnahm, die ich auf die Ermunterung von Adriene wegschmelzen (“melt”) konnte. Außerdem dass mir später klar wurde, wie wahr es ist, dass diese “time for yourself” mir etwas ermöglicht, was nur dort und dann passiert: mir meiner Schmerzen und Beschränkungen ganz bewusst zu sein. Sonst investiere ich rund um die Uhr Energie, sie zu überspielen und zu verdrängen, weil Isthaltso und Kannmanjetztauchnixmachen – wie es ja in der Reha bei chronischen Schmerzen von allen Stellen geraten wurde. Aber in dieser guten halben Stunde spüre ich den Schmerzen und den Ausfällen nach. (Mit dem Ergebnis, dass ich mir eingestehen muss: Eigentlich ist es doch ziemlich schlimm.)
    4. dass ich trotz Knochenmüdigkeit im Büro nur mittelstark Zähne zusammenbeißen musste.
    5. dass die Aspirin kurz vor Mittag wirkte.
    6. dass die Mango zum Mittagessen (nach Stinkekäse und gekochtem Mais vom Vorabend) ein unerwarteter Genuss war.
    7. dass der englische Versender des Bildbands zu Design Munich ’72, das ich mitgecrowdfunded habe, nicht aufgegeben hat, sondern sich mit dem Hinweis meldete, GLS habe das Paket zu ihm zurückgeschickt – ob denn die Adresse auch stimme? Ja, die stimmte genauso wie für die Schuhe aus England, die GLS ebenfalls nicht geliefert hatte, mich auch nicht über eine Abholmöglichkeit informiert.
    8. dass einer der friendly neighbourhood Turmfalken an meinem Bürofenster vorbeisegelte (ich weiß schon, dass Falken nicht segeln, aber er bewegte seine Flügel fast gar nicht).
    9. dass ich beim Neuaufsetzen des Projekts “berufliche Zukunft” (tja) auf einiges von vor drei Jahren zurückgreifen kann und gleich mal ein mögliches Ziel entdeckte.
    10. dass ich den Familiengeburtstagsmenschen telefonisch erreichte und meine Freude darüber ausdrücken konnte, ihn in der Familie zu haben.
    11. dass ich Zeit fand, mal wieder beim Süpermarket Verdi einzukaufen und mich an der bunten Mischung der Kundschaft freuen konnte (u.a. die zahnluckerte alte Ur-Ludwigsvorstädterin, die mit der jungen Frau an der Kasse Gesundheitswunschbanalitäten austauschte – es ging ja nicht um Inhalt, sondern um den menschlichen Kontakt).
    12. dass ich möglicherweise meine mehrjährige Riesling-Krise überwunden habe: Der 2017 Deidesheimer Herrgottsacker Reichsrat von Buhl bereitete mir schon vor dem Abendessen großes Vergnügen mit seinen animalischen Anklängen, seiner Vielfalt und Frucht, Mineralizität und Säure.
    13. dass Herr Kaltmamsell zwar warnte, “erwarte dir nichts allzu Leckeres”, aber dann aus den getrockneten, gebleichten, gekochten Maiskörnern vom Vorabend unter Zuhilfenahme von allerlei Zusatzzeug wirklich schmackhafte Bratlinge produzierte.

    (Erinnern Sie mich daran, dass ich mir im Büro brutal den Ellbogen am Stehtisch angehaun habe, wenn ich mich in den nächsten Tagen wundere, woher der blaue Fleck und die Schmerzen kommen?)

    §

    Bei Corona gilt immer noch: Nicht verrückt machen lassen, aber vernünftig sein. Und: Individuelles Risiko überschaubar, Systemrisiko groß. Deswegen ist wichtigstes Ziel, dass sich das Virus so langsam wie möglich ausbreitet.
    Die Süddeutsche erklärt eine der Grundlagen dahinter:
    “Die Wucht der großen Zahl”.

    Der Mensch ist an lineare Prozesse gewöhnt, die kann er begreifen. Beim linearen Wachstum kommt in festen Zeitabständen eine feste Anzahl an Fällen hinzu, beispielsweise Tausend pro Woche. Beim exponentiellen Wachstum dagegen findet in einem festen Zeitraum jeweils eine Verdopplung der Fallzahl statt. Exponentielles Wachstum ist gefährlich, weil man es am Anfang leicht unterschätzt. Denn zu Beginn läuft die Kurve gemächlich vor sich hin. Dann wird sie immer steiler und schießt bald nahezu senkrecht nach oben.

    (…)

    Mathematisch betrachtet verbreiten sich Epidemien nach dem gleichen Prinzip. Entscheidend für die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist die Zeitspanne, in der sich die Fallzahlen jeweils verdoppeln.

    Deshalb: Beachten Sie die Empfehlungen von Experten (Virologinnen, Epidemikern – nein, auch die Hausärztin ist normalerweise keine Expertin), ignorieren Sie Tante Trudis und Onkel Sašas Meldungen über WhatsApp oder die Bonmots irgendwelcher Fernseh-Komiker auf Facebook. (Ich bin mal wieder froh um meine sorgfältig kuratierte Twitter-Timeline.) Um eben die Ausbreitung zu verlangsamen und unter anderem die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, die auch Corona-unabhängige Todesfälle verursachen würde (z.B. Herzinfarkt/Schlaganfall, die nicht gleich behandelt werden können).

    Ja auch ich bin verunsichert, weil ich sowas noch nie erlebt habe – das ist ganz normal. Und ich hoffe, dass die staatlichen (also unsere) Gelder, die wirtschaftliche Schäden dämpfen sollen, auch bei Freiberuflerinnen und -beruflern ankommen, die schon jetzt die Aufträge der nächsten Monate zum Teil komplett verlieren.

    §

    Als fachlich tiefe, verständliche und jeden Tag aktuelle Infos über die Entwicklung der Corona-Epidemie wurden mir die NDR-Interviews mit Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, empfohlen – doch ich fand keine Zeit zum Anhören. Jetzt gibt es die Interviews auch als Transkripte zum Nachlesen:
    “Coronavirus-Update – Die Podcast-Folgen als Skript”.

    §

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 10. März 2020 – Verhalten in Zeiten von Corona

Mittwoch, 11. März 2020 um 6:01

Da ich eine Stunde später als sonst ins Bett gegangen war und mich immer wieder Schmerzen geweckt hatten, verzichtete ich auf frühes Aufstehen und Yoga und absolvierte nur das Pflichtprogramm in Form von Rumpfkräftigung und Schulterdehnen.

Nach sattestem Morgenrosa verdunkelte sich der Himmel, unter dem ich in die Arbeit radelte. Emsiges und vielfältiges Arbeiten, während es draußen immer stärker regnete. Mittags viel Radicchio und eine Breze. Nachmittags Nüsse und hochprozentige Schokolade.

Der Regen hielt sich hartnäckig stark. Ich ließ mein Fahrrad stehen und fuhr mit der (um diese Zeit immer Infektionsrisiko-arm spärlich besetzten) U-Bahn heim.

Ich blieb an den (Fach!)Informationen zu den Auswirkungen des Corona-Virus dran und dachte erstmals über Planänderung nach (nachdem ich schon lange Anweisungen zu Händewaschen und Entfernunghalten berücksicht hatte, das mit dem Niesen – ich niese viel – mache ich eh): Eigentlich hatte ich abends an einer Einführungsversanstaltung Qi Gong teilnehmen wollen (verschoben von Oktober), doch viel dringender will ich am Samstagabend auf eine Familienfeier – an der auch alte Menschen teilnehmen (selbst wenn sie sich selbst nicht so wahrnehmen). Und die möchte ich nicht als mögliche Infektionsquelle gefährden. Also nahm ich die Empfehlung ernst, jeden Menschenkontakt zu vermeiden, der vermeidbar ist: Ich blieb daheim – und rief statt dessen meine Eltern an, um, wie ich scherzte, zu überprüfen, ob auch sie brav daheim blieben. Zwar bekam ich zu hören, man lasse sich nicht! verrückt! machen! War aber beruhigt, dass auch dort Vernunft herrschte, also viel Händewaschen und Vermeiden von Menschenkontakt.

Herr Kaltmamsell machte uns Shakshuka und dazu Corn Bread.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 9. März 2020 – Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings

Dienstag, 10. März 2020 um 6:48

Morgens startete ich eine neue Runde 30 Tage Yoga mit Adriene: Ich kramte die Serie von 2018 heraus, “True”. Dabei stellte ich gleich mal fest, dass Adriene hier deutlich aufgekratzter und energischer ist, vor allem im Tonfall; bei “Home” von 2020 spricht sie viel sanfter. So oder so funktionierte jede Bewegung rund um die Pose warrior ganz entschieden nur auf der nicht wehen Seite.

Es regnete. Deshalb und weil ich abends ohnehin mit Öffentlichen unteregs sein würde, kaufte ich eine Tageskarte und fuhr mit der U-Bahn in die Arbeit.

Im Büro Emsigkeit, unter anderem mit Menschen. Mittags eine große Portion Waldorf Salad vom Wochenende, nachmittags Quark mit Orange.

Auf dem Heimweg Supermarkteinkäufe, vor allem für die Brotzeit der nächsten Tage. Nach kurzem Aufenthalt zu Hause nahm ich mit Herrn Kaltmamsell eine Tram über die Isar zum Treffen unserer Leserunde, wegen zwei Erkältungsausfälle dezimiert.

Wir sprachen über Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings. Die Einschätzung von uns dreien, die diese Memoiren von Angelou über ihre Kindheit und Jugend überhaupt gelesen hatten, ging auseinander. Alle hatten wir dasselbe in ihrem 1969 veröffentlichten Buch gesehen: Dass die Schilderung sehr aufschlussreich war, wie sie und ihr Bruder in den 1930ern als Kleinkinder von den getrennten Eltern zur Großmutter nach Arkansas gebrachte werden. Die Großmutter führt einen Dorfladen, die schwarze Bevölkerung lebt so konsequent von der weißen getrennt, dass die Kinder mystische Vorstellungen vom Aussehen und Leben der Weißen haben. Die oft lebensbedrohliche Diskriminierung der Schwarzen zieht sich als roter Faden durch die Schilderungen, dominiert sie aber nicht. Maya und ihr Bruder leben dann wieder ein Zeit lang bei ihrer Mutter in St. Louis, dann wieder einige Jahre bei der Großmutter, bis sie zu ihrer Mutter ziehen, die inzwischen in San Francisco lebt.

Uns allen fiel auf, wie unterschiedlich die verschiedenen Erlebnisse erzählt werden, sprachlich und im Tempo. Während Angelou zum Beispiel einen Gottesdienst auf dem Land extrem ausführlich schildert, Seite um Seite die Teilnehmenden und die Geschehnisse beschreibt, werden so lebensentscheidende Phasen wie der Monat, den sie mit 16/17 auf einem Schrottplatz lebt, in wenigen Sätzen wegerzählt. Doch während ich das anregend und interessant fand, weil mir der Mensch hinter diesem Leben dadurch näher kam, sahen andere in unserer Leserunde das als Makel.

Mir war erst im Lauf der Lektüre klar geworden, dass es sich nicht um einen Roman handelte, sondern um Memoiren, das hatte mein Leseerlebnis verändert. Allerdings fällt es mir genau deshalb schwer, I Know Why the Caged Bird Sings literarisch einzuordnen: Ich sehe es als Zeitzeugnis US-amerikanischer Geschichte, als historische Quelle. Die habe ich aber sehr gern gelesen.

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Isaac Chotiner unterhält sich für den New Yorker mit Frank M. Snowden, “professor emeritus of history and the history of medicine at Yale”, der die historischen Zusammenhänge zwischen Epidemien und Gesellschaft untersucht hat. Darunter auch überraschende positive Auswirkungen schlimmer Krankheitsasbrüche.
“How Pandemics Change History”.

via @Hystri_cidae

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 8. März 2020 – Sonnige Kälte, Schwimmen, Marieluise Fleißers Erzählungen

Montag, 9. März 2020 um 6:03

Herrlich lange und (bis auf Anfangsschmerzen) gut geschlafen. Dennoch war ich recht früh startklar für meine Schwimmrunde, die Sonne draußen versprache eine schöne Radlfahrt.

Ich hatte ja gehofft, dass die Menschen, die aus irrationalen Ängsten Wäschedesinfektion horten, auch Angst vor Schwimmbädern haben – aber es gibt wohl keine Schnittmenge zwischen Wäschevirenängstlichen und Sportschwimmerinnen: Das Becken war gut besucht. Ich konnte dennoch recht ungestört meine Bahnen ziehen, ließ es bei 2.500 Metern bewenden.

Im Anschluss fand ich live heraus, dass spanischsprachige Eltern auch 2019 ihre Töchter Maria de la soledad (Maria von der Einsamkeit) nennen, mit der Folge, dass gestern welche nach einer ganz kleinen Tochter mit einem übersetzt herzhaften “Einsamkeit! Komm endlich!” riefen (“¡Soldedad! ¡Ven!”). Tatsächlich tue ich nur so, also rollte ich darüber die Augen (wahrscheinlich gibt es also auch immer noch kleine “Lass das, Empfängnis!” – Concepción/Conche/Conchita – und “Langsam, Unbefleckte!” – Imaculada): Ich finde es immer herzerfrischend, in Europa hartnäckige regionale kulturelle Exzentrik zu erleben; in Spanien gehören für mich auch die unverändert meschuggenen Essenszeiten dazu. (Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass meine Eltern mir einen anderen spanischen Namen gegeben haben, komplett ohne irgendeine Maria.)

Auf dem Heimweg Semmeln besorgt, daheim mit Waldorf Salad gefrühstückt.

Da andere Münchnerinnen ihre Briefwahlunterlagen schon haben, wurde ich misstrauisch: Als ich meine am Faschingswochenende beantragt hatte, bekam ich nämlich keine Bestätigung – weder auf dem Bildschirm noch als E-Mail. Da ich allerdings auch keine Fehlermeldung bekam, machte ich mir keine weiteren Gedanken. Bis in den vergangenen Tagen, jetzt hätte ich die Unterlagen nämlich erwartet. Ich startete also nochmal eine Online-Bestellung (die Wahlbenachrichtigung bietet dafür einen QR-Code) – und diesmal kam die Bestätigung.

Das Wetter blieb strahlend unter knallblauem Himmel – der allerdings eine Wärme versprach, die die Temperaturen keineswegs einhielten. Mehrfach trat ich hinaus auf den sonnigen Balkon – um wenige Augenblicke später ins warme Wohnzimmer zu fliehen und die Balkontür energisch zu schließen. Lügensonne!

Aber die Hasenglöcken wuchsen auch in der Kälte.

SZ-Magazin vom Freitag gelesen, Banane und Orange mit Joghurt zum Nachmittagssnack.

Marieluise Fleißer, Erzählungen ausgelesen. Sie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die frühesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolstädterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erbärmlichen Leute, meine polnische Großmutter lebte in dieser Gesellschaft.

Es sind Wörter wie Knochen, die Fleißer für ihre Texte verwendet, in diesen Erzählungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des Mädels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbstsüchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene Überleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine Wärme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Fleißer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.

Aus “Ein Pfund Orangen” – wie so viele von Fleißers Erzählungen eine unglückliche Liebesgeschichte:

Wenn sie ihm ins Gesicht sah, konnte sie es ihm schon nicht mehr verdenken, eine solche Gewalt hatte er über sie, und dann war es herrlich, daß es auf der Welt so viel Zeit gab. Doch wenn sie allein war, gab es wieder zu viel Zeit. Je länger sie ihn kannte, desto öfter war sie auf einmal wieder allein. Da sah man, daß ihr das gar nie hätte passieren dürfen, denn dann kam es in ihr herauf. Jeden Tag tat sie sich was anderes an, ganz was Schlechtes, und ihre Gedanken stießen sie nur so hinab, sie konnte kein gutes Haar an sich lassen. Mit versagendem Bick sah sie in die Jahre hinein, die vor ihr lagen, und wurde wirr und irr daran wie an einem vorwurfsvollen Schweigen.

Zwei lange Geschichten erzählen wichtige Phasen in Fleißers Leben: “Avantgarde” die Zeit mit Bertold Brecht, “Der Rauch” das Ende des Zweiten Weltkriegs, als sie versuchte, in Bombenhagel und Besatzung die Ware ihres Mannes zu retten, des Tabakhändlers, der noch an die Front geschafft worden war. Da kommen zur Bitternis noch das Elend und die Ausweglosigkeit.

Über allem liegt ein Bild, das Marieluise Fleißer erst spät aufgeschrieben hat, erst in ihrem Theaterstück von 1950 Der starke Stamm, in einem Monolog der Balbina:

Und ist doch so, daß du die Tür aufreißen möchtst und so viel Verlangen hast in dir drin, daß dir Flügel herauswachsen müßten aus dem, was die anderen anschaun für deinen Buckel, wenn eins bloß Augen dafür hätt und hätt an dich noch einen Glauben. Aber das gibt’s ja net auf der beschissenen Welt. Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel.

Herr Kaltmamsell stand wieder stundenlang in der Küche fürs Nachtmahl: Sauerkraut und Kartoffelpü aus Ernteanteil, Bratwürst dazu, außerdem hatte er onion gravy als Soße ausprobiert. Alles ganz ausgezeichnet.

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SZ-Magazin online: Zwei junge Filmemacherinnen verarbeiten in einem Projekt Vorurteile über Geflüchtete. Dazu legen sie den Betroffenen fremdenfeindliche Aussagen in den Mund, die sie zuvor auf der Straße gesammelt haben.
“Meinungsaustausch”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 7. März 2020 – Wiederbegegnung mit dem Crosstrainer

Sonntag, 8. März 2020 um 8:18

Ausgeschlafen, aber mit Kopfweh aufgewacht. Eine Paracetamol half nicht, nach einer Stunde die zweite zum Glück schon. Es war mir aber nach dem Verbloggen des Vortags eh zu spät für die geplante Schwimmrunde geworden, ich plante um: Nach langem mal wieder Crosstrainerstrampeln – und es ging problemlos! Ich zwang mich dennoch nach 40 Minuten zum Aufhören, genoss es aber so sehr, mal wieder den Puls hochzubringen und zu schwitzen. Davor hatte ich brav meine Rumpfübungen absolviert, ich bemerke Fortschritt.

Nach Duschen und Anziehen eine Einkaufsrunde im kalten, gemischtwolkigen Wetter mit gelegentlichen Regenduschen. Im Drogeriemarkt passierte ich das Klopapierregal: Es waren tatsächlich einige Sorten ausverkauft, ein Zettel der Firma am Regal mit beruhigenden Worten. Auch vom Wäschedesinfektionsmittel gab nur noch wenige Flaschen einer Sorte. Ich war überrascht, bis mir einfiel, dass irrationale Sorgen bestimmte Menschen vermutlich zu allem greifen ließen, auf dem “Desinfektion” steht. (In meinem Fall ist es der Fungus versicolor, ein harmloser Hautpilz, den ich damit seit Jahren erfolgreich in Schach halte. – Möglicherweise, denn ich kann nicht sicher sein, dass die konsequente Verwendung der fungiziden Wäschespülung und das Ausbleiben der Hautflecken ursächlich zusammenhängen.)

Ich kam mit Semmeln heim und frühstückte. Internet- und Zeitunglesen, nachmittags kochte ich für den abendlichen Nachtisch Schokoladenpudding mit Schokolade drin. Kurz vor dem Servieren mischte ich geschlagene Sahne unter.

Herr Kaltmamsell wiederum bereitete aus dem mächtigen Ernteanteil-Sellerie das Nachtmahl:

Die Sellerieschnitzel hatten eine Panade mit Tahini, Senf und Sesam bekommen – ausgezeichnet. Eigentlich hätte es die Soßen dazu gar nicht gebraucht, aber auch der Schnittlauchquark schmeckte köstlich. Die anderen Selleriehälfte wurde Waldorf-Salat.

Abendunterhaltung war Staatsanwälte küsst man nicht im Fernsehen, ist ja ein Klassiker, wollte ich nachholen. Und war arg enttäuscht: Eine derart an den Haaren herbeigezogene Handlung, ihre komödiantische Seite platt und stereotyp, niemand durfte schauspielerisches Können zeigen. Da hatten die 80er wirklich Besseres zu bieten (z.B. Working Girl, einer meiner Lieblingsfilme).

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Es gibt weitere wirklich beunruhigende Seiten der Coronavirus-Verbreitung:
“How Facebook turned into a coronavirus conspiracy hellhole”.
Facebook ist eine Brutstätte für Coronavirus-Verschwörungstheorien geworden.

This overlap between conspiracy theories is to be expected, says Adam Kucharski, an epidemiologist and the author of The Rules of Contagion: Why Things Spread – and Why They Stop. “The best predictor that I’ve found of people believing in conspiracy theories is that they have a worldview in which events and circumstances are caused by shadowy groups acting in secret for their own benefit and against the common good,” he says. “So every new event or circumstance that they see, they’re likely to go to that same explanation – it must be caused by a conspiracy.”

So weit, so erwartbar. Gefährlich wird das ganze, wenn falsche und sogar schädliche Tipps für Schutzmaßnahmen verbreitet werden – weil die von offizieller Stelle ja doch nur… Verzeihung, mir fehlt die spezielle Verschwörungstheoretiker-Fantasie.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 6. März 2020 – Angematscher aber schöner Abend im Broeding

Samstag, 7. März 2020 um 10:14

Frisch und munter aufgestanden, als Morgenbewegung nur ärztlich verordnete Kräftigung und Schulterdehnen. Auch die Radfahrt in die Arbeit genoss ich.

Doch schon am Vormittag wurde ich bleiern müde und gleichzeitig innerlich hibbelig – ich sah das als Nachwirkung der Migräne. Zum Glück gab es genug Arbeit, um mich abzulenken.

Mittags eingeweichtes Birchermüesli von Daheim mit Joghurt, Nüssen und einen Ernteanteil-Apfel, nachmittags eine mächtige Orange.

Auf dem Heimweg Abstecher zum Vollcorner für Obsteinkäufe. Daheim nur eine kleine Runde Ausruhen, dann ging ich mit Herrn Kaltmamsell aus: Wir lösten unseren Rosenfestgeschenkgutschein im Broeding ein.

Wir waren noch am Anfang unseres Menüs, als ein junger Koch aus der Küche kam und den Gästen stolz den Hauptgang im Ganzen zeigte: ein mächtiges Entrecôte an vielen Knochen, rundum dunkelröstig und verlockend glänzend.

Auch diesmal ließen wir uns mit Wein begleiten. Somelier Matthias Hegele schenkte uns jeweils erst ein und ließ uns in Ruhe probieren, bevor er mit der Flasche kam und uns etwas zum Wein im Glas erzählte.

Den Apertif hielten wir alkoholfrei mit einem Tokyo Mint Fizz, als Gruß aus der Küche gab es Garnelenschwänze in würziger Sulz mit Finger-Limes – ganz ausgezeichnet.

Der erste Gang des Menüs war mein Liebling des Abends: Saibling vom Schwebelbach mit Erbsen, Eigelb und Nussbutter. Die pürierten Erbsen schmeckten ganz intensiv, erdrückten aber nicht den Sous-vide gegarten Saibling, das Eigelb dazu war eine großartige Idee. Der Wein dazu – eine Überraschung und ein Erlebnis: Das Dunkelgoldene im Glas, nahezu säurefrei und mit einer Wermuthnote, war ein gereifter Grüner Veltliner aus dem Kremstal, von Sepp Moser und aus dem Jahr 2007. Genau deshalb mag ich ernsthafte Weinbegleitung: Weil ich so zu Geschmackserfahrungen komme, die ich als Weinlaie nie allein machen könnte.

An der winterlichen Minestrone mit Kerbel und Parmesan mochte ich am liebsten das frische Kerbelpesto, von dem ich gerne nachgefasst hätte. Die Weinbegleitung kam ungewöhnlicherweise aus Italien (es gibt im Broeding eigentlich nur Österreichisches), ein herrlich spritziger Soave Corte Sant’Alda 2018.

Herzhaft winterlich dann der Mangalitza Raviolo mit roten Linsen und Grünkohl – besonders die Kombination Linsen und Grünkohl gefiel mir, daraus möchte ich mal einen Eintopf basteln. Wieder ein ungewöhnlicher Wein dazu: Der Lichtenberger González Rot und Weiß 2018 aus dem Burgenland wurde aus Blaufränkisch und Gemischten Satz (weiß) hergestellt. Kühl serviert hatte er genug Frische zum Herzhaften.

Nun nicht mehr am Stück, sondern aufgeschnitten: Trocken gereiftes Entrecôte mit Perlzwiebeln, Pastinaken und Rotweinjus. Vor allem das süßliche Pastinakenpüree gefiel mir (aber ich finde Gemüseküche ja immer den interessanteren Teil gehobenen Essens). Im Glas ein als “echter Rotwein” angekündigter Blaufränkisch von Uwe Schiefer aus dem Burgenland, schön edel und rund (sehenswerte Website, wie so viele Winzerwebsites).

Zum ersten Mal in unserer Broeding-Geschichte ließen wir den Käse aus: Zwar war ich diesmal die matschigere am Tisch, aber das so sehr, dass ich schon den Hauptgang nicht ganz geschafft hatte. (Es entspann sich ein Gespräch darüber, warum ich mir Sorgen über schwindende geistige oder körperliche Fertigkeiten mache, Herr Kaltmamsell aber nicht: weil die Möglichkeit zum geistigen oder sinnlichen Genuss mir das Leben erst erträglich macht, während der Herr an meiner Seite schon aus der schieren Existenz Vergnügen zieht. Das an ihm zu sehen, gehört dann wieder zu den Erlebnissen, die mir das Dasein versüßen.)

Einstimmung aufs Dessert waren diese beiden Löffel mit weißer Schokoladencreme, Quitte, Pistazie – köstlich.

Wunderbares Hauptdessert: Pandanus-Parfait mit Ananas, Passionsfrucht und Zitronengras. Pandanus ist, wie ich erst jetzt herausfinde, eine Palmenart, das Parfait daraus war köstlich duftig (könnte sich auch als Kosmetik-Duft eignen), ich genoss den Teller sehr. Dazu ein Kracher-Süßwein (WORTSPIEL!): Oloroso-farben im Glas ein Kracher Nouvelle Vague 1999 Nr. 3, der sich vor Aromen in Geruch und Geschmack schier überschlug. Süßwein macht immer wieder, was nur Süßwein kann.

U-Bahn-Heimweg und schnell ins Bett.

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Ein Aspekt der Informationen zum Coronavirus, über den ich nur in englischsprachigen Medien stolperte (was nicht heißt, dass er in deutschen Medien nicht auftaucht): Die Unterscheidung zwischen individuellem Risiko und Gefahren fürs System.
“How Worried Should You Be About the Coronavirus?”

Kurzfassung in meinen (!) Worten: Das individuelle Risiko ist gering – selbst sollte man sich infizieren, ist es wahrscheinlicher, dass man nichts davon merkt, als eine schwere Erkrankung, die einen Krankenhausaufenthalt erfordert. Eine Erkrankung an Grippe ist deutlich gefährlicher.
Doch die überraschend schnelle Verbreitung des Virus überfordert das Gesundheitssystem – anders als die jährliche Grippewelle – und hat massive Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Systemisches Risiko also sehr hoch.

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Langer Artikel im Guardian über einen Obdachlosen, der sich im Park Hampstead Heath eine Untergrundbehausung baute. An diesem Beispiel wird erzählt, wie weitreichend und vielfältig Obdachlosigkeit in Großbritannien mittlerweile geworden ist: Der Barista, der Ihnen in einem Londoner Café den Cappuccino serviert, hat vielleicht kein wirkliches Zuhause, sondern schlägt sich seit Jahren mit Übernachtungen auf Sofas von Bekannten oder im Sommer in Parks durch.
“The invisible city: how a homeless man built a life underground”.

He had a few thousand put away in the bank, and he could still take on handyman work, putting up shelves and assembling flatpack furniture for £20 or £30 a gig, often arranging these one-off jobs through an app on his phone. Knocked, tired, but still with a Crusoe spirit that never really left him, Van Allen bought good boots and a good tent and moved his life outdoors. Like a lot of people who drift into homelessness, the knack came piecemeal. Van Allen shaved his hair to a grade one, for easy cleaning with soap. He got to know which swimming pools had the cheapest one-off entry fees for showering; which drop-in centres let you use their address for post. He bought underwear and T-shirts in bulk, cheaply, online, so that these could be discarded if necessary – “crash and trash”, he called this. He became a regular at a Catholic church where they cooked a daily breakfast for the homeless.

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Bundespräsident Steinmeier punktet mit einem unerwarteten Redeeinstieg beim Empfang für den Frauenrat anlässlich des Weltfrauentags. (Nicht die Kommentare lesen.) Es reicht ja nicht, gute Redenschreiberinnen und -schreiber zu haben – man muss sie auch lassen.

die Kaltmamsell