Journal Donnerstag, 5. März 2020 – #WMDEDGT

Freitag, 6. März 2020 um 6:15

Kein gutes Zeichen, dass ich mich diesmal wieder am 5. des Monats an Frau Brüllens “Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – WMDEDGT”-Tagebuchbloggen beteiligen kann: Der Tag war arbeitsfern und dadurch von früh bis spät verblogbar, weil mich die Migräne erwischt hatte. Es erwartet Sie also ein vor Highlightglitzern geradezu blendend spannender Text.

Die Nacht war mittelunruhig gewesen, weil mich ab halb fünf immer stärkere Kopfschmerzen vom Schlaf abhielten. Beim Weckerklingeln um halb sechs stand ich zwar auf und machte Milchkaffee, doch als ich Herrn Kaltmamsell meine Beschwerden klagte, er fragte, ob es denn Migräne sei und ich antwortete: “Weiß nicht.” – wies er mich darauf hin: “Dann ist es immer Migräne.” Womit er recht hatte, das ist tatsächlich erfahrungsgemäß so. Ich schickte also eine Krankmeldung in die Arbeit und legte mich wieder ins Bett. Kurz darauf bemerkte ich auch schon die beweiskräftige Übelkeit und wendete mein Triptan-Spray an.

Nächstes Aufwachen gegen elf mit post-migränaler Benommenheit. Und wieder die inzwischen vertrauten Begleiterscheinungen: Alle Vorhaben für den Tag (u.a. mal wieder Crosstrainer probieren) lösten sich in ein hilfloses “Geht nicht” auf, ein Blick in die Arbeits-E-Mails bewirkte lediglich große Wurschtigkeit. Die große Migräne-Egalness.

Blogpost fertig gemacht und gepostet, Twitter hinterher gelesen. Einen Pulli mit Wollwaschprogramm gewaschen. Den Geräuschen des Draußen nachgelauscht, die werktags so ganz anders sind als am Wochenende. Wetter gestern durchwachsen, mal Regen, mal keiner. Gegen eins kam Herr Kaltmamsell aus der Schule.

Die Schuh-Story: E-Mail des Absenders, dass ich über die misslungene Zustellung benachrichtigt worden sei, das Paket nicht abgeholt hätte und sie nur aus Kulanz das Paket nochmal auf eigene Kosten losschicken. Nun war ich doch beleidigt (Migräne-dünnhäutig sogar verletzt), denn das stimmte halt nicht – ich war nicht benachrichtigt worden und hatte ihnen genau das geschrieben.

Um eins war ich langsam duschbereit. Erst mal kochte ich mir zum Frühstück Porridge und filetierte eine Grapefruit. Nach dem Duschen, Haarewaschen, Cremen, Haarefönen, Anziehen war das Porridge auf Esstemperatur abgekühlt, ich aß es mit Grapefruit und Joghurt, gesüßt mit etwas Orangenmarmelade und Ahornsirup.

Stundenlang rumgesessen und mich schwach und deppert gefühlt. Dabei gelesen, erst Internet, dann Zeitung, dann wieder Internet. Dazwischen Geschirrspülmaschine ausgeräumt, festgestellt, dass auch die Mittwochslottoziehung mich nicht zur Millionärin gemacht hat.

Schon um fünf sah das Bett eigentlich wieder verlockend aus. Ich folgte seinem Sirenenruf nicht, um guten Nachtschlaf zu ermöglichen.

Zum Nachtmahl briet ich mir (Herr Kaltmamsell war aushäusig auf musikalischen Wegen) rote Paprika und Karotte mit Knoblauch, würfelte Manouri hinein – Sie werden die Frugalität meiner Bürobrotzeiten wiedererkennen, lediglich einmal über einen Herd gegangen und mit Hitze sowie den damit ermöglichten Anreicherungen erweitert. Dazu Posteleinsalat aus eben abgeholtem Ernteanteil. Nachtmahl abgerundet durch mittelgroße Mengen Schokolade mit Nüssen (Erd- und Hasel-, Macadamia).

Insgesamt hatte ich gestern sehr viel Zeit für Internetlesen und -gucken.

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Maximilian Buddenbohm versucht sich an einem Wort zum Mittwoch und trifft damit ins Schwarze: Er beschreibt den Gedankengang, der die Opfer einer Missetat zu den eigentlich Schuldigen macht.
“Abel hat angefangen”.

Und da hat Kain sich eben aufgeregt, denn dass das furchtbar ungerecht war, das wollte er doch noch sagen dürfen.

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Fragmente hat mit Novemberregen einen Blog-Pakt geschlossen: Einmal die Woche lässt sich Fragmente von Novemberregen zum Bloggen zwingen. Zwei sehr schöne Texte sind bereits dabei herausgekommen:
“Ein anderes Selbst”.
“die Sache mit dem Igel”.

Wobei es auch unterhaltsam ist, die Novemerregen-Seite des Pakts zu lesen, zum Beispiel den Text vom Mittwoch:
“Mittwoch, 4. März 2020”.

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Self-declared “one woman axis of evil with the voice of Mary Poppins”: Ella Al-Shamahi ist britische Archäologin (Paläoanthropologin) und Komikerin. Hier das Ergebnis von 2016.
“Fossil Hunting in the Yemen: Archaeologists Without Borders”.

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https://youtu.be/0E-jN5r0bRk

Leider ging’s ja nicht besser weiter im Jemen – aber 2019 berichtet Al-Shamahi über eine erfolgreiche Expedition als Plädoyer für wissenschaftliche Recherche in politisch instabilen Regionen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 4. März 2020 – Abend im Mariandl und Emma-Vorfreude

Donnerstag, 5. März 2020 um 11:54

Noch ein bisschen früher aufgestanden, weil die Yogarunde, die die 30 Tage Home abschließen würde, deutlich länger dauerte. Die Überraschung dabei: Adriene machte keine Ansagen, sondern forderte dazu auf, einfach selbst zu erfinden (“Find What Feels Good”). Als totale Anfängerin brauchte ich natürlich dennoch eine führende Hand und machte nach, was sie vormachte – allerdings deutlich gelassener als beim Befolgen ihrer gesprochenen Anleitungen und auch mal mit Lücken, wenn mir eine Position gerade besonders gut tat und ich darin verharren wollte. Intensität und Dauer führten dazu, dass ich ordentlich ins Schwitzen kam.

Radeln zum Büro, in den nassen Straßen und Wegen spiegelten sich Flecken blauen Himmels.

Kleine Glücksmomente: Drei Geschoße Treppensteigen ohne Festhalten (und ohne Jaulen). War aber ein einmaliges Vergnügen, kurz drauf ging’s schon wieder nicht mehr.

Corona-Moment: Die Hannover Messe wird auf Juli verschoben.

Zum Mittagessen schnippelte ich mir Radicchiosalat, machte ihn mit daheim vorbereitetem Dressing an und aß ihn mit etwas Brot, danach eine Banane. Nachmittagssnack eine Grapefruit und eine Orange.

Auf dem Heimweg kurzer Drogerie-Abstecher zum Auffüllen meiner Magnesium-Zink-Vorräte, daheim wartete ich, bis Herr Kaltmamsell ein Ankunftssignal aus dem Zug sendete: Wir waren im Mariandl zum Abendessen verabredet.

Der Herr aß Lagagnette mit Tomaten und Frühlingszwiebeln, ich bekam Serviettenknödel mit Rahmschwammerl (neben Kässpatzen das zweite typisch bayerische vegetarische Wirtshausgericht), dazu dunkles Bier. Wieder angenehm auffallend: der herzliche Service im Lokal.

Neues vom Schuhversand: Nachdem GLS mir am Telefon nur bescheiden konnte, dass das Paket auf dem Weg zurück zum Absender sei, schrieb ich eine weitere “So sorry to be so much bother”-Mail an den Absender.

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Ein Angestellter der Müllabfuhr erklärt in einem Twitter-Thread, warum Müllfahrzeuge so scheinbar blöd in der Straße stehen – und plädiert für Kooperation.

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Ein Mensch aus Wuhan beschreibt, wie es sich dort derzeit lebt – und warum sich in diesem Fall die Vorstellung “Na ja, eine Diktatur kriegt wenigstens stramm was organisiert” als Illusion erwies:
“Personal Essay: Coronavirus Lockdown Is A ‘Living Hell'”.

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Andrea Diener hat die aktuelle Neuverfilmung von Emma gesehen und bespricht sie in Video und Text für die FAZ:
“Sie hat es nicht nötig, uns zu gefallen”.

Jane Austen schrieb über ihren Roman: “I am going to take a heroine whom no one but myself will much like”. Der Film klingt, als habe er das berücksichtigt.

Ich kann mich noch gut an meine erste Lektüre von Emma erinnern; der Roman gehörte zu den ersten Büchern überhaupt, die ich in meinem Studium auf Englisch las, ich tat mich arg schwer – und dann war die Protagonistin auch noch eine blöde Ziege! Es spricht viel für den hinterfotzigen Humor von Jane Austen, dass ich den Roman dennoch zu lieben lernte und sehr bald großer Austen-Fan wurde.

Nun kann man Austen brav wegverfilmen, dann bekommt man eine nette romantische Komödie. Autumn de Wilde macht aber alles ganz anders. Und zwar so anders, dass man zunächst ins Zweifeln kommt, ob das gutgehen kann.

(…)

Und Emma? Die bisherigen Verfilmungen geben sich meist große Mühe, die Hauptfigur etwas zu entschärfen, weil man romantische Komödien ja ungern mit einer nur mittelsympathischen Protagonistin besetzt – die Zuschauerin soll sich ja bitte identifizieren. De Wildes Emma hingegen will ihrem Publikum nicht gefallen. Sie ist ein verzogenes Produkt ihrer sozialen Schicht, das Empathie erst mühsam lernen muss – ein Problem, das in eben jener sozialen Schicht in England bis heute anzudauern scheint.

Das klingt ganz, ganz großartig, ist fürs nächste Wochenende eingemerkt.

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https://youtu.be/qsOwj0PR5Sk

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 3. März 2020 – Corona-Maßnahmen, Beifang aus dem Internetz

Mittwoch, 4. März 2020 um 5:50

Jetzt wieder eine sehr schlechte Nacht, ich wachte völlig erledigt auf. Neues Feature: Bauchschmerzen (die zum Glück im Lauf des Vormittags verschwanden).

Der morgentliche Regen hielt bis nach Yoga und Kraftübungen in die Zeit an, in der ich mich auf den Weg in die Arbeit machte – zu heftig und kalt fürs Radeln. Ich nahm die U-Bahn in der Hoffnung, dass das magisch zu Sonnenschein im Lauf des Tages führen würde. Die Magie reichte nur für Regenpausen, ich wäre auch beim Heimradeln nass geworden (na gut, auch befriedigend).

Seltsamer Arbeitstag, der vielfältig vom Umgang mit dem Coronavirus bestimmt wurde. Aus der Warte eines gesunden Menschen in sicherem Angstelltenverhältnis fühlt sich das alles an wie eine Übung für den Ernstfall. (Ob bei täglichem Bombenhagel wie in Syrien auch Veranstaltungen mit viel Anreisen abgesagt, Messen verschoben würden, Homeoffice ausgerufen würde?)

Um die Mittagszeit die Nachricht, dass die Leipziger Buchmesse entfällt: “Der Grund sind das Coronavirus und die daraus resultierenden Einschränkungen für öffentliche Veranstaltungen.” Ich finde wichtig, das zu betonen: Messen werden abgesagt, nicht weil Angst vor Ansteckung herrscht, sondern weil die derzeit (aus guten Gründen) verlangten Vorkehrungen den Aufwand zu groß machen würden.

Mittags eine Scheibe selbst gebackenes Kartoffelbrot mit Stilton, nachmittags eine Orange und ein Apfel.

Auf dem Heimweg eine Einkaufsrunde am Stachus, langsames Trippeln nach Hause, jeder Schritt ein Messerstich ins Hüftgelenk. Herr Kaltmamsell servierte Kartoffel-Lauch-Suppe (Reste von Samstag) und als restlichen Ernteanteil Pak Choi aus der Pfanne mot Knoblauch und Chili. Nachtisch Süßigkeiten.

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Eher unbeachtet von deutschen Medien (kein Vorwurf, nur eine Feststellung): Der laut dem beteiligten Aleks Scholz “größte Streik in der Geschichte der der britischen Hochschulen”.
“Streik!”

Seit Donnerstag, 28. Februar, wird wieder gestreikt. Vierzehn Tage lang, verteilt über vier Wochen, legen Universitätsangestellte der Gewerkschaft UCU an 74 schottischen, englischen, walisischen und nordirischen Universitäten die Arbeit nieder. Das sind mehr als die Hälfte aller britischen Unis. Die Streikenden arbeiten in der Lehre, in der Forschung, in Bibliotheken, Verwaltungen, Serviceeinrichtungen.

(…)

Ich bin seit 2013 Astronom an der Universität und St Andrews und erst seit zwei Jahren in der Gewerkschaft. Dies ist schon der dritte lange Streik innerhalb dieser zwei Jahre, in einem Sektor, in dem Arbeitskämpfe selten sind. Wir streiken für unsere Renten, für höhere Gehälter und für bessere Arbeitsbedingungen. Die Gehälter halten nicht mit der Inflation Schritt. Die Rentenbeiträge steigen, die Renten sinken. Das alles bei steigender Arbeitsbelastung. Die Unart, Lehrende stundenweise zu bezahlen, statt ihnen richtige Stellen zu geben, breitet sich aus. Mit mir beim Streikposten stehen Kolleginnen und Kollegen, die nicht wissen, ob sie im nächsten Monat bezahlt werden. Immer noch klafft eine beträchtliche Lücke zwischen den mittleren Einkommen von Männern und Frauen. Die “Gender Pay Gap” steht in britischen Unis bei 15 Prozent, deutlich höher als der nationale Durchschnitt. Viele dieser Probleme betreffen die älteren Uni-Angestellten mit sicheren Dauerstellen kaum. Aber sie ruinieren den Job für diejenigen, die nachkommen. Und sie ruinieren die Bedingungen, unter denen Studierende lernen.

Bitte lesen Sie die Hintergründe; die meisten Missstände, wegen derer gestreikt wird, sind zu weiten Teilen auf das universitäre System anderer europäischer Länder übertragbar. (Nicht aber die Verlagerung der Finanzierung auf Studiengebühren – möge das deutsche Universitätswesen vor diesem Neoliberalismus bewahrt werden. Und das schreibe ich als jemand, die bis heute Studiengebühren befürwortet.)

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“Papa lief zum Weinen immer weg: Wie Anıl lernte, ein richtiger Mann zu sein”.

via @AnnaDushime

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Till Raether über seine Mutter:
“Eine Geschichte für Angehörige von Depressiven, wenn Ihr so wollt”.

Obacht: Harter Tobak.

die Kaltmamsell

1000 Fragen 981-1000

Dienstag, 3. März 2020 um 17:29

Na komm, die kriegen wir jetzt auch noch weg.

981. Wie sieht dein Auto innen aus?
Unsichtbar.

982. Hast du in den letzten fünf Jahren neue Freundschaften geschlossen?
Ja.

983. Wer bist du, wenn niemand zuschaut?
Die entspanntere und gelassenere Version der zugeschauten Kaltmamsell.

984. Welche inneren Widersprüche hast du?
Unzählige, ich wüsste nicht, wo anfangen. Allerdings bekommt sie fast nur Herr Kaltmamsell zu spüren, sonst strenge ich mich an, möglichst (!) konsistent aufzutreten.

985. Wann warst du über dich selbst erstaunt?
Als ich wieder festestellte, dass ich das Hinken nicht mit Willenskraft unterdrücken kann.

986. Leihst du gern Sachen aus?
Nein. Lieber verschenke ich sie gleich.

987. Bist du auf dem richtigen Weg?
Wie sollte ich das denn herausfinden?

988. Wie lautet dein Kosename für deinen Partner?
Ich habe keinen. Alle Versuche blieben bei wenigen scherzhaften Einsätzen, zuletzt moppet.

989. Bei wem hast du immer ein gutes Gefühl?
Bei niemandem.

990. Wie zeigst du den anderen, dass sie für dich wertvoll sind?
Indem ich ihnen Aufmerksamkeit gebe.

991. Was machst dich richtig zufrieden?
Anderthalb Stunden Joggen in einer schönen Umgebung. (SCHLUCHZ!)

992. Was ist das schönste Geschenk, das du jemals bekommen hast?
Ich hadere mit dem Begriff “schön”. Wenn es darum geht, über welches Geschenk ich mich am meisten gefreut habe, sollten sie es halt hinschreiben.

993. Zu wem hast du blindes Vertrauen?
Am ehesten zu Herr Kaltmamsell, aber völlig blind würde ich nicht mal das nennen.

994. Was hast du einmal ähnlich wie ein warmes Bad empfunden?
Ein heißes Bad.

995. Was ist das Spannendste, das du jemals erlebt hast?
Ich habe früher viele Dinge als spannend erlebt, die mich heute ängstigen oder ermüden. Immer wieder spannend ist für mich neues Wissen – derzeit das Werk von Marieluise Fleißer.

996. Was ist ein großer Trost?
Die Endlichkeit des Seins.

997. Wovon hast du gedacht, dass du es nie können würdest?
Das müsste eine Fertigkeit sein, die ich durch viel Arbeit, Anstrengung und Mühe erwerben musste. Da gibt es keine.

998. Was kannst du heute noch ändern?
Die Position des Tischs im Wohnzimmer.

999. Wie wird dein Leben in zehn Jahren aussehen?
Ich werde mit Herrn Kaltmamsell unter derselben Adresse in einer anderen Wohnung wohnen, älter geworden sein, nur noch fünf Jahre bis zur Rente haben, nicht mehr so gut sehen und hören.

1000. Welche Antwort hat dich am meisten überrascht?
Keine.

Quelle: Flow-Magazin.

Zu den Fragen 961-980.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 2. März 2020 – Bitte keine PR-Zuschriften

Dienstag, 3. März 2020 um 6:11

Nach einer guten Nacht Übung in Gelassenheit: Lieber den Blogpost in Ruhe geschrieben statt mich zu hetzen, dadurch in Kauf genommen, etwas später in die Arbeit zu kommen. (Waren de facto nicht mal fünf Minuten.) Bewegungsreihenfolge geändert: Erst ärztlich verordnete Rumpfübungen, dann die Dehnübung für den Schultergürtel, vor vielen Jahren von einer Physiotherapeutin gelernt, mit der ich seit Wochen die übliche Büroverspannung in Schach halte – und dann die Tagesrunde Yoga. Fühlte sich besser an als andersrum. Und ich freue mich schon sehr auf eine Zeit, in der ich Yoga symmetrisch und ohne Zwischenjauler probieren kann.

Radfahrt in die Arbeit sehr genossen, die Bavaria war von schönstem Morgenlicht vergoldet.

Mittags eine Scheibe selbst gebackenes Brot mit Avocado-Pampe, ein Apfel, nachmittags eine Orange, hochprozentige Schokolade und Nüsse.

Hoffentlich die Aufnahme meines Blogs in eine PR-Datenbank verhindert – ich hatte ein paar Jahre fast völlig Ruhe (nur vereinzelte englischsprachige Anfragen, die wahrscheinlich von Bots kamen), das fand ich großartig, das möchte ich beibehalten.

Die Jagd nach meinen in England bestellten Schuhen geht in die nächste Runde: Das Versandunternehmen hatte gleich am nächsten Werktag nach Erhalt meiner Nachfrage reagiert und mir einen Laden im Bahnhofsviertel durchgegeben, in dem ich mein Paket abholen könne (kannte ich von einer anderen Sendung). Als ich nach der Arbeit dort vorbeiradelte, scherzte ich ausführlich mit dem Ladeninhaber, doch er hatte nur schlechte Nachrichten für mich: Oh je, schon am 21.2. eingetroffen? Dann war es gestern abgeholt und wieder zurück ins Zentrallager gebracht worden. Er gab mir die Kontaktdaten der Stelle, an der ich mich am nächsten Tag melden solle – damit es wieder zu ihm gebracht werde.

Daheim wärmte Herr Kaltmamsell die Rippchen- und Soßenreste vom Samstag auf, kochte Nudeln dazu. Nachtisch Süßkram. Ich zeigte Herrn Kaltmamsell die Doku von 1977 über die benachbarte Schillerstraße.

§

Nur noch Augenrollen bei der dutzendsten Händewaschanleitung? Glauben Sie mir: Diese wollen Sie sehen. (Iranischer Humor – wer hätte das gedacht?)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

Montag, 2. März 2020 um 6:32

Weckerwecken, da ich vor dem Mittagessen bei Familie in Ingolstadt noch Kartoffelbrot backen wollte. Zwischen die einzelnen Schritte schob ich Bloggen, Rumpftraining, Yoga.

Durch die sonnige Holledau fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell und Mitbringseln für Eltern und Bruderfamilie nach Ingolstadt.

Dort tischten meine Eltern das klassische Madrilenische Sonntagsessen auf: Cocido.

Erst mal die Brühe des Eintopfs mit Nudeln.

Dann (von vorne): Kartoffeln und Karotten aus dem Eintopf, separat gebratenes Weißkraut mit Paprika und Knoblauch / Kichererbsen / allerlei Fleisch von Rind, Schwein, Huhn, Lamm, außerdem Chorizo.

Meine Eltern haben über mehrere Spanienurlaube in Kastilien so viel Tongeschirr mitgebracht, dass sie für neun Personen damit eindecken konnten.

Wir fuhren recht früh zurück nach München, weil Herr Kaltmamsell noch arbeiten musste und ich für den Abend eine Theaterverabredung hatte:
Marieluise Fleißer, Der starke Stamm im Residenztheater.

Eine geradlinige Inszenierung, in der die Regie (Julia Hölscher) keinen Drang vordergründiger eigener Handschrift erkennen ließ, sondern ganz hinter den Text zurück trat. So wurde mir nach vielen Jahren mal wieder einfach (einfach?) eine Geschichte erzählt, eine kleine, erbärmliche Geschichte kleiner, erbärmlicher Menschen. Das Bühnenbild aus Brettern wie eine Scheunenwand, ein schräger Boden, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler wie auf Tableaus gesetzt waren. Wie in Fleißers Erzählungen, die ich gerade lese, kämpfen in Der starke Stamm in bayerischer Kleinstadt-Nachkriegszeit (Ingolstadt ist als Schauplatz an vereinzelten Orts- und Straßennamen erkennbar) jeder und jede ums kleinstbürgerliche Existenzminimum, die Grenze zur Kleinkriminalität wird mit nur wenig Zögern gerissen. Alles ist darauf ausgerichtet, irgendwie zu Geld zu kommen, praktisch jedes Mittel ist recht. In dieser Welt ist kein Platz für Schönheit, Liebe oder Kunst. Und doch ist alles Mühen immer und immer wieder vergeblich: Erlösung bietet am Ende erst ein Erbonkel ex machina, der die scheinbar taktisch klugen und hart erkämpften Verhältnisse im Handstreich zunichte macht.

Eine starke Besetzung – von der zwei Rollen wegen Krankheit kurzfristig gewechselt werden mussten: Cathrin Störmer sprang in der Hauptrolle Balbina ein und zeigte überzeugend die verbissen Schwägerin, die mit Einsatz aller Mittel um ein besseres Leben kämpft und dabei durchaus die Findigkeit einer modernen Unternehmerin zeigt, Steffen Höld als Bitterwolfs Schwager hingegen musste wenig mehr als Stichwortgeber sein. Herausragend Robert Dölle als zentraler Sattlermeister Bitterwolf, dessen immer wieder sogar sanftes Spiel jemanden durchscheinen ließ, der in anderen Umständen ein guter Mensch hätte werden können.

Für mich immer wieder auffallend: Wie Ingolstädterisch Fleißers Sprache ist. Sie schreibt ja Mundart, ohne Dialekt zu werwenden; wie auch in ihren Erzählungen sind es Vokabular und Grammatik, die eine bestimmte Sprache eines bestimmten oberbayerischen Menschenschlags präziser zeichnen als jede lustige Wirtshausspeisekarte. Immer wieder hörte ich Wendungen, die bei mir ein “Ah, das sagt nicht nur meine Ingolstädter Mutter?” auslösten. Zwei Vokabeln fielen mir besonders auf. Von einer wusste ich bereits, dass sie nur in Ingolstadt verwendet wird, allerdings als andere Wortart: “Zepfat” kannte ich bislang nur als Adjektiv zur Bezeichnung einer schwächlichen, kränklichen Person. In der ersten Szene von Der starke Stamm hieß es nun:
“Lang hats rumzepft, aber zum Schluß ists geschwind gangen mit meiner Zenta.”
(Dank an F. fürs Nachschlagen.)

Den zweiten Ausdruck hatte ich schon lange vergessen: “Bleckn” für weinen, in Ingolstadt wurde ich angeranzt: “Bleck ned”. Erst als ich ihn gestern hörte, wurde mir klar, dass das wohl nicht Standard-Bayerisch ist.

Die Sonntagsvorstellung hatte früh begonnen, ich war noch vor neun wieder daheim, nach einem Spaziergang nach Hause in milder Luft.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 29. Februar 2020 – Daheim mit Narzissen

Sonntag, 1. März 2020 um 8:05

In den frühen Morgenstunden durfte ich den Neuzugang brüllender Kopfschmerzen begrüßen. Gingen nach dem Aufstehen auch mit Aspirin nicht weg, mir war elend, ich blies meine Schwimmpläne ab (Auswirkungen auf meine Laune wie erwartet), absolvierte nur die Yoga-Einheit des Tages.

Joga statt Joggen (deutsch auszusprechen bitte).

Mal wieder eine Reihe Bücher ausgemistet (Duden, weitere Wörterbücher), Herrn Kaltmamsell dadurch zum Umräumen einiger Bücherregale gebracht. Grundsatzdiskussionen über die Zuordnung bestimmter Bücher zu Fiktion/Sachbuch bzw. (so war unsere Bibliothek unsprünglich angelegt) Primär-/Sekundärliteratur.

Eine Runde Semmelholen und Einkaufen, die Luft draußen war mild. Ich erfreute mich mit Narzissen, die laut Banderole sogar aus England kamen.

Unter den Kartoffeln im Ernteanteil sind sehr selten mehlige; als sie vor zehn Tagen wenigstens als “fest- bis mehligkochend” bezeichnet waren, brach ich umgehend in Verwertungspläne aus. Dazu gehörten Waldviertler Mohnzelten, die nicht nur Kartoffeln aufräumen würden, sondern auch Mohn – durch ein Missverständnis war davon immer noch sehr viel im Haus.

Während der Teig kühlte, frühstückte ich zwei Handsemmeln, dann machte ich mich ans Backen – die Mohnzelten wurden recht gut (aber an der Verschlusstechnik muss ich noch arbeiten). Nochmal mehlige Kartoffeln brauchte ich fürs Kartoffelbrot, das ich Sonntagmorgen backen wollte. Ich setzte Sauer- und Vorteig an.

Zeitunglesen im sonnigen Wohnzimmer, dazu eine Grapefruit und eine Orange, jetzt ist die beste Saison für aromatische Zitrusfrüchte. Besonders interessant fand ich die Geschichte der Konservierung in der Wissen-Beilage (€): “Krieg den Keimen”, der sich nur ein kleines Bisschen über die Haltung “keine Chemie!” lustig machte (u.A. weil bereits die Haltbarmachung durch Salz selbstverständlich Chemie ist).

Während ich die Lieblingstweets aus zwei Monaten zusammensuchte und festhielt, schuftete Herr Kaltmamsell in der Küche: Es gab geschmorte Schweinerippchen mit Kartoffel-Lauch-Stampf – und er experimentierte mit baked potatoe skins. Das Ergebnis:

Im Fernsehen ließen wir Wenn Liebe so einfach wäre mit Alec Baldwin und Meryl Streep laufen – Herr Kaltmamsell konnte mir anhand meines eigenen Blogs nachweisen, dass ich den Film seinerzeit im Kino gesehen habe – ich hatte keinerlei Erinnerung daran. Ich überlege noch, ob ich mir Sorgen machen soll; bis dahin bin ich froh darüber, wie viel ich hier im Blog nachschlagen kann.

§

Wunderschöne und reich bebilderte Geschichte in der New York Times über den deutschen Metzgerei-/Feinkostladen Schaller & Weber in New York:
“The Butcher Shop Keeping Old World Delicacies Alive”.

Sogar Gelbwurst wird unter den Angeboten aufgeführt – die habe ich wirklich noch nie außerhalb Deutschlands gesehen.

via @Hystri_cidae

die Kaltmamsell