Journal Freitag, 4. November 2016 – Vergiftetes Balzverhalten

Samstag, 5. November 2016 um 8:52

Da ich nach der Arbeit noch ein paar Besorgungen vorhatte, nahm ich das Rad. In der Abenddämmerung nach einem wundervoll sonnigen Tag eine Stunde in Neuhausen und Schwabing unterwegs gewesen – wunderbare Gerüche, großartiges Licht.

Auf der Suche nach einer bestimmten Spirituose suchte ich einen Weinladen auf, den ich bis dahin nur vom Vorbeifahren kannte – vielleicht gab es da ja auch interessante Schwerpunkte an Wein. Die Spirituose bekam ich, doch in einer Weinhandlung, die durchdringend nach Zigarettenrauch riecht, will ich mich sicher nicht weiter umsehen.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell Entenbrust zu, mit Blaukraut und Äpfeln aus Ernteanteil. Zum Nachtisch gab es einen Pastinaken-Buttermilch-Pie, mit dem er noch mehr Ernteanteil aufgebraucht hatte.

§

“7 Reasons So Many Guys Don’t Understand Sexual Consent”.

Eine sehr wichtige Beobachtung und das Pragmatischste, was ich bislang zum Thema gelesen habe. Das immer noch gängige Narrativ der Filme und Geschichten unserer Kultur lautet nämlich: Ein echter Mann zwingt Frauen seinen Willen auf, woraufhin sie sich in ihn verliebt / Frauen müssen abweisend und unnahbar spielen, um begehrenswert zu sein. Das gehört für mich definitorisch zu dem, was ich unter rape culture verstehe.

Long before I was old enough to date or even had female friends, it was made more than clear: In any relationship, men are the predators, women are the prey. Their expressions of fear and rejection — including defensive physical attacks — are a coy game to be overcome, like a tricky clasp on a bra.

(…)

Women gain power through rejecting men, and those rejections have nothing to do with how they truly feel.

(…)

If someone had come in and told teenage me that “groping” a woman or forcing kisses was a form of sexual assault, I’d have been very, very confused. You just called most of the action heroes of my childhood serial rapists! “And what if it makes her fall in love with him?”

(…)

The alternative is to recognize that ridding guys of toxic attitudes toward women is a monumental task. I’ve spent two solid decades trying to deprogram myself, to get on board with something that, in retrospect, should be patently obvious to any decent person. Changing actions is the easy part; changing urges takes years and years.

Die Aufzählung erinnert mich daran, wie ich sowas schon als Teenager “Spielchen” nannte und wie ich es schon damals verachtete: Ich muss irgendwas vorgeben? Warum nochmal? Und dass ein Mann meine expliziten Wünsche missachtet, soll ihn attraktiv machen? Kapiere ich nicht. Genauso wenig glaubte ich jemals den Mythos “Männer wollen nur das Eine”. (Oder ist es am End’ mein Fehler, dass ich nicht hinter jedem offensichtlichen Verhalten eine hidden agenda vermute?)

Die armen Hetero-Burschen. Ich erinnere mich an den an sich sympathischen Studenten, der während meines Studienjahrs in Wales auf einer Tanzfläche ernsthaft zu mir sagte: “You need somebody to take care of you.” Sonst begegnete ich eigentlich auch der bescheuertsten chat up line zumindest höflich (weil ich ja wusste, wie viel Unsicherheit und Mut meist dahinter steckten), aber in diesem Fall brach ich in haltloses Lachen aus: “Do I really look like I can’t take care of myself?” Es tut mir bis heute leid – ich hoffe, ich hatte genug deutschen Akzent, dass der Herr das unter “German lack of humour” verbuchen konnte.

§

Soso, der nächste klinische Versuch mit hormoneller Empfängnisverhütung bei Männern wurde abgebrochen, wegen zu vieler Nebenwirkungen (z.B. Akne, Stimmungsschwankungen). Das las sich für mich wie eine absolut erwartbare Nicht-Nachricht. Doch anscheinend stecken recht interessante Details dahinter, wie Laurie Penny berichtet:
“Are you man enough for birth control?”

Es waren nämlich nicht die Testpersonen, die den Versuch abbrachen, sondern die Forscherinnen und Forscher.

It seems to have been determined that these side effects are too arduous to make the product commercially viable. We can only speculate as to why this conclusion was arrived at. The bottom line is the assumption that men should never have to put up with even a fraction of the unpleasantness that so many women go through on a monthly basis in the name of preventing pregnancy — even if they’re willing to do so.

Which, it seems, many of them are. Speaking about this with friends and on social media, I was stunned by the number of men who said they’d be prepared to try out hormonal contraception — for all sorts of reasons. Some of them had partners who were unable to take the pill. Others simply wanted better protection from unwanted pregnancy. More than a few, seeing how their wives and partners suffered with hormonal birth control, said they’d be happy to take on that burden instead. Suspicious as I am of the “gentlemanly” agenda, that impulse strikes me as genuinely chivalrous in the most modern of ways.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 3. November 2016 – Bewegung messen

Freitag, 4. November 2016 um 9:17

Weihnachtswinterflucht ist gesichert: Eine knappe Woche in Palma de Mallorca soll mir die düsterste Zeit des Jahres verkürzen. Märkte, Restaurants, Ausflüge, vielleicht sogar eine kleine Wanderung.
Und ich habe für die kommenden Arbeitswochen etwas, wovon ich runterzählen kann.
Gestern bekam ich aber auch in München Sonne, wenn auch mit frischen Temperaturen.

§

Seit knapp zwei Monaten messe ich meine körperliche Bewegung mit dem Xiaomi Mi Band 2. Das funktioniert so mittel: Auch dieser Tracker ist wie die meisten auf Schritte ausgerichtet und zählt weder Schwimmen noch Krafttraining. Letzteres stelle ich mir ohnehin technisch schwierig vor, deshalb wundert mich, dass das Mi keine manuelle Eingabe ermöglicht. Das mit dem Schwimmen ist besonders seltsam, da sich die kleine Kapsel sogar als wasserfest erwiesen hat. Userberichte und Produkttests waren sich zur Wasserfestigkeit nicht einig, doch ich probierte sie einfach aus: Wenn ich den Tracker nicht fürs Schwimmen nutzen konnte, war er ohnehin für mich wertlos. Und dann stellte er sich zwar als wasserfest heraus – zählt aber Schwimmen gar nicht als Aktivität. Fahrradfahren schon, seltsam.
Außerdem hat die Smartphone-App Schluckauf, zählt einen Tag doppelt, hängt dadurch einen Tag hinterher (auch nach Versionsupdate).
Was überraschenderweise gar kein Problem ist: Das Tragen am Körper. Ein Armband macht mich schnell wahnsinnig, doch zum Glück ist die entfernbare Kapsel klein. Ich verstaue sie einfach im BH. (Hosentasche ginge auch.)

§

An Demokratie kann man schon mal verzweifeln. Bis vor kurzem war ich eher auf einen Lacher aus, wenn ich nach Lästereien über haarsträubende Dummheiten von Mitbürgern und Mitbürgerinnen darauf hinwies: “Und die dürfen alle wählen!” Seit ein paar Jahren und der immer stärkeren Abwendung von faktenbasierten Einschätzungen scheint das aber ein echtes Problem zu werden.

Umso interessierter las ich den Artikel im New Yorker:
“The Case Against Democracy”.

Einerseits:

… democracy does have a fairly good track record. The economist and philosopher Amartya Sen has made the case that democracies never have famines, and other scholars believe that they almost never go to war with one another, rarely murder their own populations, nearly always have peaceful transitions of government, and respect human rights more consistently than other regimes do.

Dann wägt der Aufsatz verschiedene alternative Modelle gegeneinander ab: Regierung durch nachweisbar Geschulte, Wahlrecht abhängig von einer Art Staatsbürgerprüfung etc.
Es scheint darauf hinauszulaufen, welchen Wert eine Gesellschaft priorisiert: messbares gesellschaftliches Wohlergehen oder Gerechtigkeitsgefühl gegenüber der Staatsform. Letzteres scheint mir für Frieden und Stabilität entscheidend.

§

Lustige Geschichte:
“Wir haben Billigwein mit einem Sommelier getestet”.

Auch wenn die Redaktion sich anschließend trotzdem mit der restlichen Billiplörre zuballert: Sie scheint ein bisschen gelernt zu haben.

§

Schaun’s: Man kann also doch über einen Onlinetrend schreiben, ohne daraus den Untergang der Zivilisation zu folgern oder alternativ einen kurz bevorstehenden Weltfrieden. Sondern ihn halt ausgewogen beschreiben.
“Click plate: how Instagram is changing the way we eat”.

Increasingly, we are being influenced not just in the types of food that we eat, but how we cook and eat that food. The Waitrose report also states that almost half of us take more care over a dish if we think a photo might be taken of it, and nearly 40% claim to worry more about presentation than they did five years ago. We might include a garnish of picked thyme leaves to bring a pop of colour to a lemon drizzle cake, even if that thyme doesn’t really stand strong against the punch of the citrus.

(…)

Posting food on social media can reframe the ways that we interact with food on a fundamental level. When we document the food we eat, taking time to relish, share and even be proud of it, we also destigmatise it. Although #cleaneating, weight loss and #cleanse food photographs on Instagram have created a shaming, toxic subculture of foodphobia and guilt, there is a still greater faction of foodie social media that rallies against that nastiness.

(…)

If you want to post your meal online, post away. Upload a picture of that sausage and mash. Don’t worry that the light is dim, that the gravy sloshes in a swampy pool across your plate. Sharing is a generous act, but perfectionism smothers that goodness. Upload the unfiltered, ugly pictures of your failed birthday cake, or your fish and chips in grease-soaked paper. Or, if you want to fuss over the exact positioning of four blueberries on top of a smoothie bowl for an hour before you tuck in, do that – but don’t forget to enjoy your food. Eat what, and how, you want.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 2. November 2016 – Alles über Rollenspiele/Was bringen Eltern ihren Kindern bei?

Donnerstag, 3. November 2016 um 6:56

Das Wetter machte ernst mit Herbst. Morgens ging ich noch im Milden und Trockenen ins Büro, doch über den Tag regnete es, war finster und wurde immer kälter.

tweet_rollenspiel

Als ich das twitterte, wünschte eine meiner Lieblingsbloggerinnen: “Bloggen.Bitte.” Na gut:
Das Folgende habe ich durch über zwei Jahrzehnte Partnerschaft mit einem Rollenspieler der ersten Generation gelernt (auswendig und ohne Nachschlagen, deswegen wahrscheinlich fehlerhaft, ohne Links auf weiterführende Informationen; die müssten Sie bitte selbst recherchieren):

Das erste Rollenspiel, von dem ich hörte, war 1985 Dungeons and Dragons, schon damals D&D abgekürzt. Und zwar erzählte mir davon ein hübscher Schülersprecher eines anderen Gymnasiums, inklusive von der groben Spielweise: Dass ein Spielleiter durch ein Abenteuer führe, jeder Mitspielende in eine der Figuren dieser Spielewelt schlüpfe, dass Charaktereigenschaften, Fertigkeiten und Teile des Spielverlaufs ausgewürfelt würden.

“Pen & Paper” wurde diese Art des Spielens wohl erst genannt, als es dazu eine Alternative gab: Table top, mit Spielbrett und Figuren, die man bis heute in der Ladenkette “Games Workshop” kaufen kann. Die kreativsten Pen & Paper-Rollenspielenden waren da aber schon längst aus vorgegebenen Abenteuern ausgestiegen und dachten sich selbst Handlungen in dieser Fantasiewelt aus. Ein weiteres populäres Pen & Paper-Rollenspiel ist Call of Cthulhu, das in einer vom Schriftsteller H.P. Lovecraft erfundenen Welt spielt.

Und dann gibt es noch die Rollenspiel-Variante im Draußen, mit Ausstattung und Kostümen: LARP (für Live Action Role Playing). Ob die noch etwas mit den oben genannten Welten zu tun hat, weiß ich nicht – eher nicht. Heutzutage gibt es richtig groß organisierte LARPs, für die Schlösser und ehemalige Gefängnisse angemietet werden.
Auf keinen Fall aber darf man LARP mit Reenactment verwechseln: Letzteres ist das Nachspielen historischer Episoden, meist Schlachten, in möglichst originalen Kostümen, idealerweise am Originalort.

An nichts davon hatte ich übrigens je Interesse selbst teilzunehmen. Ich lasse mir aber sehr gerne davon erzählen.

Da keine Variante des Rollenspiels eine mediale Begleitung hat, anders als beispielsweise Laiensport, sind sie alle dem Großteil der Bevölkerung völlig unbekannt. Und so ernte ich gerne mal auf solch einen laienhaften Kurzvortrag wie oben fassungsloses Staunen und leise Ungläubigkeit. Doch erzählen Sie mir nicht, dass Rollenspiel als Hobby verschrobener ist als Sportangeln. Oder Dressurreiten.

Na gut, einen Link gibt es – aber bloß, weil es mir den Artikel gestern zufällig in die Twitter-Timeline spülte:
“LARP lark: People travel across the world to play dress-up”.

§

Vier Jahre nach seinem schweren Herzinfarkt hat Glumm einen literarischen Weg gefunden, davon zu erzählen:
“Einmal Diazepam läuft durch”.

Der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Herzinfarkt klingt böse und unmenschlich, Heart Attack sportlich.

§

“Schwimmunterricht
Rettet das Seepferdchen!”

In meiner Altersgruppe und Gesellschaftsschicht brachten meistens Eltern ihren Kindern Schwimmen bei. Die Diskussion, ob das heute so sein sollte, hatten wir hier im Blog schon mal. Ist mir tatsächlich egal, Hauptsache sie können schwimmen und radfahren. Wobei: Wer bringt Kindern heute radfahren bei? Gibt es dafür auch Kurse in Sportvereinen? Oder können Kinder das heute durchs Aufwachsen mit Laufrad eh schon?
Aber mal weiterüberlegt: Was bringen Eltern heute ihren Kindern bei? Zumindest Brettspiele? Blumennamen? Wie man einen Apfel schält? Tischtennis? Frage ich doch mal die Eltern, die hier lesen:
– Was bringen Sie Ihren Kindern bei? Oder haben beigebracht? Oder planen ihnen beizubringen?
– Was davon so richtig mit Vorsatz, (“der Bub muss lernen, wie man unfallfrei Zwiebeln schneidet”), was eher beiläufig (“na also, jetzt hängt sie ihre Jacke endlich ordentlich auf”)?

§

Frau Nessy hat Menschelszenen in einem Pizzaimbiss eingefangen:
“Senminuten”.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 1. November 2016 – Indisch aufgekocht

Mittwoch, 2. November 2016 um 6:52

Am letzten Tag meiner Allerheiligenferien wollte ich Laufen gehen und Kochen. Das Wetter war in München ein weiteres Mal wundervoll sonnig, wenn auch morgens recht frisch (70 Kilometer nördlich in dem Nebelloch, in dem ich groß geworden bin, war es nämlich den ganzen Tag grau). Ich radelte an den Friedensengel und lief Isar-abwärts.

Das Laufen war sehr schön zwischen den nun schon fast laublosen Bäume, über Blätter verschiedenster Farben mit ihren unterschiedlichen Raschelgeräuschen, neben der glitzernden Isar. Ich spürte ein wenig den Muskelkater von den sonntäglichen Kraftübungen, lief sonst aber beschwerdefrei.

161101_01_isarlauf

161101_04_isarlauf

161101_05_isarlauf

161101_12_isarlauf

§

Zurück zu Hause war Herr Kaltmamsell vom Rollenspielen heimgekehrt, wir erzählten einander.

Airbnb-Anfrage für die diesjährige Weihnachtswinterflucht verschickt: Wir würde gerne eine Woche auf Mallorca verbringen. Da die Beschreibung und das Vermieterinnenprofil auf Spanisch veröffentlicht waren, kratzte ich eine halbe Stunde lang mein schriftliches Spanisch für die Anfrage zusammen. Ich hoffe, ich habe genug Fehler gemacht, dass die Vermieterin über den Versuch gerührt ist statt sich über den Dilettantismus zu ärgern.

Diesmal machte ich mich rechtzeitig ans Kochen. Es sollte zwei Currys geben, beide nach einem Rezept von German Abendbrot: Palak Paneer mit dem am Vortag selbst gemachten Paneer, das ich so gerne mag, dass ich es bei fast jedem Besuch in einem indischen Restaurant bestelle, und Sooka Masala Lamm, ein scharfes Lamm-Curry. Beide Rezepte funktionierten perfekt (und weil Herr Kaltmamsell ein begeisterter Curry-Koch ist, hatten wir sogar schwarzen Kardamom vorrätig) und schmeckten ausgezeichnet – das Palak Paneer (ich hatte 10-prozentigen Joghurt verwendet) sogar besser als alle, die ich davor gegessen hatte.

161101_13_palak_paneer

161101_14_sooka_masala

(Den frischen Koriander habe ich vergessen – der liegt noch im Gemüsefach des Kühlschranks.)

Das waren schöne, erholsame Ferien. Und bis zum nächsten Wochenende sind es dann ja nur drei Tage.

§

In Chrismon, dem Kundenmagazin der evangelischen Kirche, stand diesmal wieder eine besonders gute Reportage, nämlich über eine geschlossene Station der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité in Berlin.
“Eine heftige Woche”.

Zu Wort kommen Personal, Patienten und Patientinnen, auch die Journalistin als Ich, das die Situation beeinflusst, über die es berichtet.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 31. Oktober 2016 – Selbstgemachtes Paneer

Dienstag, 1. November 2016 um 9:06

Auch für den dritten Allerheiligenferientag hatte ich Pläne: Schwimmen, Frühstücken, Einkaufen für Dienstag.

Durch einen weiteren sonnigen Herbsttag radelte ich hinaus ins Olympiabad. Dort war es lebhaft, doch auf meiner Schwimmbahn kamen wir gut miteinander zurecht. Als mich zum wiederholten Mal eine superzierliche Frau mit einer kraftraubenden Schwimmübung überholte (sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme über den Kopf gestreckt und bewegte sich mit Delfinbeinschlag fort), kam ich ins Grübeln, dass sich im Freizeitsport wohl eine weitere Schere in der Gesellschaft öffnet: Sehr körpertüchtige Menschen auf der einen Seite, die ohne Anstrengung 20 Kilometer laufen oder einen Tag lang rennradeln, auf der anderen Seite sehr bewegungsferne Menschen, die sich bereits von einem 30-minütigen Fußweg oder Sockenanziehen im Stehen überfordert fühlen. Was sehr wahrscheinlich wiederum mit der Herkunft korreliert: Aufwachsen in einer Umgebung, in der von Klein auf organisierte Bewegung eine Rolle spielt oder eben nicht.

Zum Frühstück radelte ich nach Neuhausen ins Karameel, las Zeitung und Buch.

161031_01_karameel

Einkaufen im Süpermarket Verdi – der so voll war, dass ich kurz mal in mich ging, ob vielleicht mehr als nur ein Feiertag anstand. Buntestes Menschengewusel in vielerlei Sprachen, ernste Emsigkeit hinter der Metzgertheke, an der viele Meter lang angestanden wurde. Da flog schon mal ein Hühnerbein vom Metzger an einem Ende zum Kollegen ans andere, routiniert in einer Tüte aufgefangen. Der Sonderwunsch eines vorsichtigen, leisen Kunden wurde nicht verstanden, schnelle Frage in die Runde: “Kann jemand Arabisch?” Konnte ein anderer Kunde, nach kurzem Übersetzen waren alle zufrieden.

Am Dienstag habe ich zwei Currys geplant (Herr Kaltmamsell kommt vom Rollenspielen zurück), für eines stellte ich Paneer nach dem Rezept von German Abendbrot her. Zum Pressen durften es natürlich nur Kochbücher sein.

161031_03_paneer

161031_04_paneer

Ich war zufrieden.

Gemütlicher Abend mit Internet, Nachtmahl waren Reste des Ofengemüses vom Vortag mit frisch gekochten Nudeln. Gefolgt von großen Mengen Billigsüßigkeiten.

§

Der EU-Politiker Günther Oettinger hat kürzlich in Hamburg vor einem Unternehmerverband eine Rede mit einigen beleidigenden Ausfällen gehalten. Ein Teilnehmer hat Auszüge davon veröffentlicht, seither steht Oettinger in der Kritik, diese Kritik wiederum wird heiß diskutiert. Auch Journelle war Teilnehmerin der Veranstaltung und fasst sehr gut zusammen:
“Politische Korrektheit ist nicht das Problem”.

Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt.

(…)

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung.

die Kaltmamsell

Lieblingstweets Oktober 2016

Montag, 31. Oktober 2016 um 18:29

01_tweetfav

02_tweetfav

03_tweetfav

04_tweetfav

05_tweetfav

06_tweetfav

07_tweetfav

08_tweetfav

09_tweetfav

10_tweetfav

11_tweetfav

12_tweetfav

13_tweetfav

14_tweetfav

15_tweetfav

16_tweetfav

17_tweetfav

18_tweetfav

Nachtrag: Die Lieblingstweets anderer Leut’ sammelt wieder die fabelhafte Anne!

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 30. Oktober 2016 – Krabat

Montag, 31. Oktober 2016 um 8:18

Plan für Tag 2 meiner Allerheiligenferien war: Sport im Sportstudio mit Spazieren hin und zurück, Lesen, Ofengemüse.

Herrlichst ausgeschlafen. Der Weg zum Ostbahnhof war noch neblig.

Im Sportstudio kam ich gerade noch pünktlich zu einer halben Stunde Krafttraining in Kleingruppe, die ich in den vergangenen Wochen immer wieder beobachtet hatte, während ich mich daneben warmruderte. Nur dass ich gestern die einzige Teilnehmerin war. Ich lernte von der Trainerin den Umgang mit der Faszienrolle: Kam sofort auf meine Einkaufliste. Dann ließ sie mich interessante Übungen mit verschiedenen Kettle Bells machen, Liegestützen und abschließend Bankstütz. Ziel des Letzteren war “solange es geht”, doch nach anderthalb Minuten war ich immer noch nicht erschöpft und die Trainerin musste zum nächsten Termin (ich bilde mir ein, sie war beeindruckt).

Sollte mir recht sein, denn ich tobte mich anschließend bei Stepaerobic aus. Allerdings mit traurigem Ende: Auch dieser geschätzte Vorturner hört auf und gibt die Stunde ab.

Mittlerweile war der Nebel verschwunden, ich genoss einen sonnigen Rückweg über die dicht bevölkerten Isarauen (mit einem Haufen Pokémon).

161030_02_weissenburgerplatz

161030_04_isarauen

161030_08_isarauen

Wochenend-SZ gelesen, die beigelegten Magazine der vergangenen Woche, das Stapelchen Zeitungszeugs, dass sich angesammelt hatte.

§

Im sonnenbeschienenen Wohnzimmersessel Krabat ausgelesen. Ich war sehr gespannt auf das Leseerlebnis gewesen: Als Herr Kaltmamsell das Buch kürzlich mit einer Schulklasse gelesen hatte und davon erzählte, bemerkte ich, dass ich es seit meiner Jugend nicht nochmal gelesen hatte. Denn er erwähnte als Ort Hoyerswerda, der mir heute als realer Ort ein Begriff ist – den ich aber bei meiner letzten Lektüre ganz sicher als einen erfundenen Märchenort aufgefasst hatte.

Der Roman gefiel mir wieder ausgesprochen gut, auch aus der analytischeren Erwachsenensicht. Preußler vermischt archaische Sagenelemente (Teufel, Seele verkaufen, Hexer, nur eine einzige weibliche Figur) mit historischen Legenden (Nordischer Krieg) und legt darüber eine moderne Figurenpsychologie. Ich erinnerte mich gut, wie gefesselt ich als Teenager – ich muss bei der Erstlektüre 14 gewesen sein – von der Düsternis der Geschichte war, von den Naturbeschreibungen, der Plackerei in der Mühle, von der Grausamkeit des Müllers. Und von der detailreichen Beschreibung der Mahlzeiten. Die Märchenhaftigkeit wurde in meiner Wahrnehmung unterstrichen von den vielen seltsamen, unbekannten Wörtern; einige aus der Müllerei sind mir bis heute fremd. Die reine Männerwelt hat mich damals sicher angezogen: Es geht um körperliche und geistige Kraft, um handwerkliche Fertigkeiten, Freundschaften bis über den Tod hinaus – das alles schätzte ich schon als junges Mädchen. Dagegen ist die Liebesgeschichte blass und rein funktional, Mädchen haben keine eigenen Ziele, sind halt für die Liebe und fürs Erlösen der Männer da – langweilig.

Bei der heutigen Lektüre fiel mir in der Geschichte das Gegenüberstellen von irdischer Anstrengung und dem Preis der Abkürzung durch Hokuspokus auf. Die Müllerburschen lernen ja wirklich ihr Handwerk, der Austausch eines Mühlrads wird ein ganzes Kapitel lang beschrieben. Die Metaphysik der schwarzen Kunst, die in dieser speziellen Mühle dazu kommt, dient in erster Linie dazu, Macht zu bekommen, sich über andere Menschen zu erheben.

§

Fürs Abendessen hatte ich am Freitag Sommergemüse eingekauft, das ich jetzt klein schnitt und im Ofen garte. Ich hatte große Lust auf ein Glas Rotwein, und ich wusste auch welchen (jung, spanisch, rot). Doch als ich den ersten Schluck nahm, schmeckte er mir überhaupt nicht. Ich verschloss die Flasche wieder und ließ das mit dem Wein bleiben.

§

Michael Seemann hat sich Gedanken darüber gemacht, warum sich zwischen den sogenannten besorgten Bürgern und der Restgesellschaft ein Abgrund zu öffnen scheint. Wie definieren Menschen wie AfD-Anhänger und -Anhängerinnen eigentlich ihren Gegner?
“Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.”

Da ist zunächst die Erzählung einer Verschwörung, über alle Parteigrenzen hinweg. Es gäbe gar keine echte Demokratie mehr, sondern nur noch die Einheits-Blockpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE. Auch die Medien (“Lügenpresse”) steckten mit unter der Decke. Gut wird empfunden, dass die endlich Gegenwind bekämen (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit) und sich eine „echte Alternative“ (Alternative für Deutschland, Alt-Right-Movement) bildete.

Es ist leicht, diese Vorstellungen als Spinnerei abzutun, aber wenn man sich die drei wesentlichen Eckpfeiler der neurechten Programmatik besieht – Migration, Globalisierung und Political Correctness – dann ist nicht zu leugnen, dass es in diesen Bereichen tatsächlich einen gewissen Grundkonsens in den Medien und Parteien (die CSU mal ausgeschlossen) gibt. Ein Konsens, von dem allerdings gerne angenommen wird, dass es ein gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. Weil es vernünftig ist. Weil es menschlich ist. Weil es das einzig richtige ist. Da müssten doch alle dafür sein. Nicht?

(…)

Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein , doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erde und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert (liberal Media, Lügenspresse), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.

Lösungskonsequenzen aus den zugespitzten Beobachtungen von mspro fallen mir auch nicht ein, aber ich finde sie wichtig.

die Kaltmamsell