Journal Freitag, 11. November 2016 – Cocido fürs Kollegium

Samstag, 12. November 2016 um 10:07

Im prasselnden Regen in die Arbeit gegangen. Auf dem Rückweg war es so düster wie den ganzen Tag über, aber ich brauchte nur für das letzte Stück meinen Schirm. Über den Tag möglichst vielen Menschen begeistert von meiner ersten Bürgerversammlung erzählt, zu mehr politischem Aktivismus bin ich leider nicht fähig.

Abends hatte Herr Kaltmamsell Kolleginnen und Kollegen zum Cocido-Essen eingeladen: Die vor Monaten eingefrorene Brühe aus Jamón-Knochen sollte endlich weg. (Und er wollte diese Gäste gerne einladen.) Mein Beitrag waren lediglich Weinkauf, Tischdecken und Flan zum Nachtisch. Sehr interessante Gespräche mit ausgesprochen angenehmen Menschen.

Bis in die Knochen erschöpft ins Bett.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 10. November 2016 – Meine erste Bürgerversammlung

Freitag, 11. November 2016 um 6:58

Schon mal Restaurantempfehlungen für Mallorca Ende des Jahres recherchiert. Auf die Speisekarte eines kleinen Lokals in Sollér gestoßen, die auch Jamones anbietet und dabei unterscheidet zwischen
“Jamón del bueno, bueno”1
und
“Jamón del bueno pero no tan bueno, pero sigue siendo bueno”.2
Dieser Humor gefällt mir, da will ich dringend essen und trinken.

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Abends zum ersten Mal an einer Bürgerversammlung teilgenommen. In Bayern finden sie auf kommunaler Ebene einmal im Jahr statt, in München nach Stadtbezirken aufgeteilt und vom in der Kommunalwahl gewählten Bezirksausschuss geleitet. Gerade jetzt, wo immer mehr davon Profitierende die Vorteile unserer Demokratie bestreiten, möchte ich mehr ihrer Möglichkeiten wahrnehmen. Wenn ich mich schon nicht aktiv engagiere.

Und es war ganz großartig. Die Turnhalle in einem Hinterhof der Corneliusstraße war gut voll, auch wenn ich nach der Begrüßung der Funktionsträger den Eindruck hatte, dass die Hälfte der Menschen vom Amts wegen da war. Ich erlebte endlich mal Alexander Miklosy von der Rosa Liste, den ich seit meinem Zuzug nach München in unseren Bezirksausschuss wähle – ein richtiger Vorzeigemünchner. Die Ausführungen über Finanzen der Stadt und aktuelle Projekte im Bezirk Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt waren hochinteressant; ich notierte mir zum Dranbleiben:
– Forschungsprojekt City2Share
Ausstellung Südliches Bahnhofsviertel, die jetzt in der Blumenstraße 31 zu sehen sein soll
Aufführung der Mozartoper Zaide mit Geflüchteten im Januar in der Alten Kongresshalle

Der Leiter der Polizeidienststelle in der Beethovenstraße, das ist die, an der ich regelmäßig vorbeilaufe, gab den Sicherheitsbericht. Neben Hintergründen und Zahlen (u.a. Körperverletzungsdelikte angestiegen, Diebstahl und Einbrüche deutlich gesunken) vermittelte er, wie sehr er den Bezirk mag. Und forderte eindringlich auf, die Informationskanäle der Münchner Polizei auf Facebook und Twitter zu nutzen.

Das Eigentliche der Bürgerversammlung aber waren Anfragen und Anträge der Bürgerinnen und Bürger, die bis noch in die laufende Versammlung schriftlich eingereicht werden konnten. Zum Teil lasen die Einreichenden selbst vor, zum Teil ließen sie vorlesen. Die Themen gingen unter anderem von Lärmbelästigung (viel, vor allem am Gärtnerplatz und an der Müllerstraße) und Spielplätze über Parkbänke, Radwege, zu schnelle Autofahrer bis Taubenfütterung und Sperrung der Theresienwiese während des Oktoberfestaufbaus (nicht von mir – aber jetzt weiß ich, dass ich mit solchem Ärger in die Bürgerversammlung gehen kann). Fast alle Einreichungen waren gut nachzuvollziehen.

Nahezu alle Anträge wurden von der Versammlung angenommen, einige wenige auch abgelehnt – zumindest einer, weil er ungeschickt konkret formuliert war, statt eine allgemeine Lösung für das beschriebene Problem zu fordern.

Das möchte ich wieder machen.

§

Im New Yorker ein langer Artikel über einen Restaurantkritiker der New York Times:
“Pete Wells has his knives out”.

Sehr interessant, weil unter anderem beschrieben wird, wie Lokale auf den Besuch eines Kritikers reagieren, von dem ihr Erfolg abhängt.

“I’m very reluctant to break the fourth wall,” Wells had said to me earlier, speaking of restaurant staff. “But I wish there were some subtle way to say, ‘Don’t worry!’” He sighed—he often sighs—and added, “I can’t honestly say that. Because sometimes they should worry.”

via Anne Schüsslers Blog

§

Michael Seemann schließt pessimistische Schlüsse aus dem Ergebnis der US-Wahl:
“Desillusionierung und Selbstdiagnose in Trumpistan”.

Ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich einsehen muss, dass das System nicht mehr zu retten ist. Und zwar weil Establishment-Kandidat/innen und (vorsichtig) progressive Reformer/innen dem anscheinend tiefen Wunsch nach radikalem Umsturz und grundlegender Erneuerung nicht gerecht werden können. Und sie werden deswegen immer gegen eine sich radikal gerierende Rechte verlieren. Und dann passieren Dinge wie Brexit und Trump. Und das ist die schlimmste aller Welten.

Verbittert folgert er:

Nur ein linker Populismus kann den rechten Populismus schlagen.

§

Dieses Jahr für den Seelenfrieden nötiger als je zuvor:
Der Weihnachtsspot von John Lewis.

via @londonleben

  1. So richtig guter Schinken. []
  2. Guter Schinken, aber nicht derart gut, aber wirklich immer noch gut. []
die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 9. November 2016 – Schlechte Nachrichten und Erinnerungen

Donnerstag, 10. November 2016 um 6:59

Aufgewacht zur Nachricht, dass jemand US-Präsident wird, den ich am Anfang seiner Kampagne, als alle noch über den absurden Gedanken seiner Kandidatur schmunzelten, mit Berlusconi verglich. Ich muss jetzt neu darüber nachdenken: Berlusconi hatte mehr gefährliche Medienmacht, wurde von seinen Wählerinnen und Wählern ebenso als echter Kerl verehrt, der sie auch alle gerne wären, und er ist in puncto Rassismus sowie Sexismus durchaus Trumps geistiger Bruder, doch er hatte zumindest politische Erfahrung. An ihm konnte die internationale Politik schon mal üben, wie man mit einem Menschen ohne Anstand und Benehmen öffentlich umgeht.

Aufgewacht auch zu Winterlandschaft.

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Die Theresienwiese war nach vier Monaten wieder passierbar (schon am Montag hatte ich gesehen, dass die Umzäunung beseitigt war).

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Abends bereitete ich schon mal den Nachtisch für die freitäglichen Gäste zu, am Donnerstagabend würde ich keine Zeit dazu haben.

Nach dem Abendessen (Salat aus Ernteanteil, kroatischer Pressack) verbrachte ich fast zwei Stunden mit ausführlichem Pokémon-Aufräumen: Mit Glücksei-Verstärkung den Fang der vergangenen zweieinhalb Wochen entwickeln, dann von jedem nur zwei bis drei behalten. Das dauerte vor allem deshalb so lange, weil die App immer wieder hängen blieb, entweder ganz oder mit Fehlermeldung, dass aus unbekannten Gründen dieses Pokémon nicht entwickelt werden oder verschickt werden konnte. Ich musste mehrfach neu starten, das betroffene Pokémon war anschließend verschwunden.

§

Der gestrige 9. November war ja auch der 9. November. An dem vor 78 Jahren der Antisemitismus in Deutschland organisiert gewalttätig wurde. Read on my dear erzählt ihre Familiengeschichte dieses Datums:
“Der 9. November”.

§

“30 Painfully Hilarious Comics About Periods That Only Women Will Understand”.

Mein Favorit ist Nr. 22. Und ich freue mich sehr über die lustigen Cartoon-Uteri.

via @anneschuessler

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 8. November 2016 – Sich angreifbar machen

Mittwoch, 9. November 2016 um 6:46

Dadurch, dass ich hier als Mensch auftrete, verletzlich und angreifbar, habe ich unglaublich viele wundervolle Menschen kennengelernt. Einige davon sind Freundinnen und Freunde geworden sind. Weil ich hier nur wenig vorgebe, ist man mir immer wieder zu Hilfe geeilt, hat mich aufgefangen auf die anrührendste menschliche Art. Das wäre nicht so gewesen, wäre mein Ziel Unangreifbarkeit. Dass ich in diesem Blog nicht nur meine besten Seiten zeige, halte ich für einen entscheidenen Grund, dass es gelesen wird.

Für mich ist es befreiend, gerade dadurch nicht erpressbar zu sein. Erpressbar wird man durch Geheimnisse, durch etwas, was niemand wissen darf. Wenn auch nicht in jedem Detail und in jeder Tiefe steht hier aber, wie es mir geht, was mich beschäftigt, was ich entdecke und was das mit mir tut. Dadurch, dass ich mich angreifbar mache, mache ich mich überprüfbar und im Idealfall berechenbar – das Gegenteil von geheimnisvoll und mysteriös.

Ich will auch weiterhin nicht von Böswilligkeit von Leserinnen und Lesern ausgehen. Nicht dass mir die Existenz von Böswilligkeit verborgen wäre, aber ich mache sie nicht zur Basis meines Handelns. Ebenso wenig lebe ich ja mein Leben auf der Basis, dass mich jemand betrügen oder überfallen könnte, jemand bei mir einbrechen könnte, jemand mir etwas wegnehmen könnte oder mir Gewalt antun. Ich bevorzuge die Grundannahme, dass die allermeisten Menschen genau das nicht tun werden.

Bestürzenderweise ist das heute noch ungewöhnlicher als vor 15 Jahren. Jetzt ist die Lehrmeinung über das Leben im Internet, dass man – wenn überhaupt – die eigene Präsenz dort zur Selbstvermarktung nutzen sollte. Es gibt unzählige Karriereratgeber, die von der Wiege bis zur Bahre Tipps anbieten, wie man sich am besten online verkauft und gleichzeitig möglichst unangreifbar bleibt. Meist enthalten diese Ratgeber paradoxerweise auch die Empfehlung, möglichst „authentisch“ zu bleiben, und spätestens an diesem Punkt muss ich dann sehr lachen: Authentizität ist dann am erfolgreichsten, wenn sie ein komplettes Kunstprodukt ist.

„We are what we pretend to be.“ Und dazu gehört bei mir Angreifbarkeit.

Ja, vermutlich schließt sich gerade das Zeitfenster, in dem das Mitmachweb “Everybody has a voice” bedeutete und damit Einblicke in Lebenswirklichkeiten ermöglichte, mit denen man auf anderem Weg nie in Berührung gekommen wäre.

Ich kann gut nachvollziehen, wenn jemand es einfach nicht versteht, wie man sich so angreifbar machen kann. Menschen sind verschieden.

Doch wenn es bis zur nächsten existenziell bedrohlichen Lesart meines Befindens, meines Lebens und meiner Impulse wieder 13 Jahre dauert, halte ich das für eine erfolgreiche Quote.

§

“Nackt im Netz
Was es heißt, sich zu entblößen”.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 7. November 2016 – Wer ist hier ahnungslos?

Dienstag, 8. November 2016 um 6:20

Gnagnagnagnagna – das war dann gestern Vormittag ernsthaftes Schneien. Aber noch ohne Liegenbleiben.

Beim PokémonGo-Spielen hat mein Akku Schluckauf (möglicherweise auch sonst, aber da habe ich es bislang nicht mitbekommen). Nach 25 Minuten und bei 50 bis 60 Prozent Akkustand bildet er sich ohne Warnung ein, komplett leer zu sein. Und schaltet das Smartphone ab. Zum einen ein weiterer Grund, sich nicht auf Smartphone-basierte Bewegungstracker zu verlassen. Zum anderen: Zefix, wie soll ich so bitteschön Pokémon fangen?

Zu den Wahlen in den USA wird ja immer wieder als Argument für die Sachfremde der wütenden Trump-Wähler angeführt, die meisten kennten nicht mal den Namen des Senators ihres Bundeslands im Kongress. Ha. HA!
Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, dass ich, die ich mich für informiert halte, genauso wenig den Namen der Abgeordneten meines Wahlkreises im Bundestag nennen kann. Also habe ich mal nachgeschaut: Es sind sogar zwei, von denen ich mich nur an die Plakate des Herrn Uhl erinnere. Und dann sehe ich, dass der andere, Dieter Janacek, offenbar sogar auf ein mir besonders wichtiges Thema spezialisiert ist: Digitale Agenda. (Dr. Uhl hat’s eher mit Rüstung, auch ein wichtiges Thema.) Was ich mit diesem Wissen jetzt mache? Keine Ahnung. Ich sehe mich in erster Linie in der nächsten Diskussion mit Vertretern der “das ist doch keine Demokratie, was wir hier haben”-Glaubensrichtung auftrumpfen: “Weißt du auch nur, wer dein Wahlkreisabgeordneter im Bundestag ist?!” Ein gutes Gefühl.

Ich habe den Zweck zwar immer noch nicht kapiert, aber nach tagelanger Präsenz von Tellonym-Links in meiner Twitter-Timeline habe ich mir dann doch auch ein Konto angelegt: Hier können Sie mir anonym schreiben. (Nein, für mehr scheint die Plattform nicht gedacht.)

Abends endlich den Fragebogen zur Moselreise ausgefüllt. Er kam als PDF an einer E-Mail – war aber nicht etwa interaktiv. Klar, wo man Filterkaffee mit Sprühsahne für Cappuccino hält, ist ein als PDF gespeichertes Word-Dokument der neueste heiße Scheiß. (Ich war konstruktiv ehrlich, bezweifle aber jegliche Auswirkung.)

§

“Ein autistischer Junge erfüllt sich seinen Traum und wird Drag-Ballerina”.

„Ich will Ballett machen“, sagt er mit vier Jahren, und es ist der allererste Satz, den er überhaupt von sich gibt.

Eine kleine glitzernde Geschichte. Und ein Anlass, sich auf YouTube durch alles zu klicken, was es von Les Ballets Trockadero de Monte Carlo gibt.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/6rpqmcXqcNw?list=RD4n-XldYggdA

§

Hamburg begrüßt die Neue.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 6. November 2016 – erster Schnee

Montag, 7. November 2016 um 6:46

Es regnete kräftig, vormittags wechselte es in Schneeregen. Während die Winterliebhaberinnen in meiner Timeline wohlig seufzten (auch in der Umkleide des Sportstudios hörte ich Entzückensrufe), sah ich nur astreines Sauwetter.

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Ich ging mit Schirm zu Fuß zum Ostbahnhof zur Turnstunde, doch das war im Regen so unschön, dass ich zurück die S-Bahn nahm. Und das tat ich direkt nach Krafttraining (diesmal war ich nicht die einzige) und Stepaerobic, weil ich nicht nur mein Schweißtuch, sondern auch meine Duschsachen vergessen hatte. Ich war beim Krafttraining gut mit Aufwischen meiner Tropfen beschäftigt.

Nachmittags war ich am Schloss Nymphenburg verabredet, mit jemandem, wie sich herausstellte, die bis vor 15 Jahren regelmäßig Besuchergruppen durch die Räume geführt hatte. Ich profitierte davon, dass sie sich bei unserem Besuch an viel erinnern konnte. Der anschließend geplante Spaziergang durch den Park ging im Regen unter, wir kehrten direkt im wunderschönen Café im Palmenhaus zu Kaffeeundkuchen ein.

Zurück daheim las ich War of the Encyclopaedists aus, weiterhin sehr angetan. Mehr nach der Leserunde, in der wir uns mit dem Roman beschäftigen werden.

Herr Kaltmamsell war aushäusig verabredet, zum Nachtmahl garte ich mir Kürbisschnitze im Backofen, aß sie mit Käse und Butter.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 5. November 2016 – WMDEDGT

Sonntag, 6. November 2016 um 8:27

Frau Brüllen möchte an jedem 5. des Monats wissen: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? WMDEDGT
Im November kann ich’s wieder erzählen.

Kurz vor sechs wachte ich zum ersten Mal auf, ging aufs Klo und dann zurück ins Bett, wo ich mich an Herrn Kaltmamsell schmiegen konnte.
Viertel vor acht war ich dann richtig wach und stand auf. Vor allem anderen zog ich das Bett ab und startete die erste Waschmaschine mit Überzügen und sonstiger heller 40-Grad-Wäsche.
Ich kochte Milchkaffee mit Espresso aus der am Vorabend bereitgestellten Cafetera, bloggte dazu. Überraschenderweise hält die Rotzphase meiner sonst längst überstandenen Erkältung weiterhin an, der Tisch um mein Laptop war schnell wieder mit weißen Knäueln dekoriert.
Ich las meine Twitter-Timeline nach, folgte Links zu einigen sehr interessanten Artikeln.

Mit Herrn Kaltmamsell plante ich die Nahrungsversorgung fürs Wochenende und die dazugehörigen Einkäufe. Ich duschte, zog mich an, packte den Rucksack fürs Schwimmen, hängte Wäsche auf und füllte eine weitere Waschmaschine, diesmal mit Betttuch, Handtüchern, Geschirrtüchern, Tischwäsche bei 60 Grad. Ums Aufhängen, Trocknerbeladen würde sich in meiner Abwesenheit Herr Kaltmamsell kümmern.

Radeln zum Schwimmen im Olympiabad; ich trug Mütze und Handschuhe, es war aber nicht allzu kalt. Das Schwimmbecken sah schon auf den ersten Blick von oben sehr rege genutzt aus. Und dann hörte ich beim Umziehen die Unterhaltung zweier Frauen, die sich nach ihrer Schwimmrunde die Haare trockneten: “So schlimm war’s noch nie!” Eine berichtete, auf ihrer Bahn habe es fast eine Rauferei gegeben, so sehr seien zwei Schwimmer aneinander geraten. Ich nahm mir also besonders große Gelassenheit vor. (Haha – next stop: Weltfrieden.)

Tatsächlich stand ich dann mit einer Hand voll weiterer Schwimmwilliger eine Minute ratlos vor den drei allgemein nutzbaren Sportschwimmbahnen (eine vierte war für einen Verein reserviert) und überlegte, in welches dieser Gewusel ich mich einreihen sollte. Auf den Bänken auf der kurzen Seite stapelten sich flächendeckend Handtücher und Zubehör, ich musste meine Handtücher in einem Eck am Boden ablegen. Der Beckenrand selbst war so voll Schwimmspielzeug gestellt, dass ich mir erst mal Platz zum Einstieg schaffen musste.

Doch dann ging es halbwegs. Am störendsten war eine fünfköpfige Schwimmspielgruppe, die immer mal wieder 100 Meter Amok schwamm, mich überholend, dann wieder fünf bis zehn Minuten am Beckenrand herumstand und Wendemöglichkeiten versperrte. Es handelte sich sicher um eine Art von strukturiertem Training – aber gibt es für sowas nicht Vereine?

Zum anschließenden Duschen hatte ich meinen Peelinghandschuh dabei und rubbelte mich mal wieder von Kopf bis Fuß rot – die Haut schluckte anschließend die Körpercreme Dekagramm-weise. Kurzer Check: Nein, auch diese Schwimmrunde hatte der Bewegungstracker Mi nicht als Bewegung verzeichnet.

Auf dem Rückweg hielt ich am Basitsch in der Schleißheimer Straße, besorgte dort Brot fürs Frühstück, Orangen, Zitronen (angeblich sogar Meyerzitronen), Bananen, Käse, eine winzige aber reife Mango, ein Glas Gerstenmalzextrakt zum Brotbacken und für einen irgendwann geplanten malt loaf.

Da für den Tag Regen angekündigt war, hatte ich meinen Umhang als Talisman dabei – doch er funktionierte nur bedingt: Auf dem restlichen Heimweg tröpfelte es. Aber dann doch wieder nicht genug, dass ich den Umhang aus dem Rucksack gekramt hätte. Ich nahm heim den Umweg über die Sonnenstraße: Im Zuge der seit Jahren aktiven Bauarbeiten um den Münchner Hauptbahnhof ist derzeit die Fahrbahn vor dem Gebäude Richtung Süden komplett gesperrt.

Zu Hause packte ich Einkäufe und Schwimmzeug aus, frühstückte zwei Scheiben Brot (eine mit Butter, eine mit Majo), die Mango mit fettem Joghurt und Honig, Pastinaken-Pie. Die nächsten Stunden las ich gefesselt War of the Encyclopaedists von Christopher Robinson und Gavin Kovite, bis ich mich für die Abendverabredung umzog und schminkte: Ich traf mich im Theresa mit Bloggern auf Münchenbesuch.

Hinweg mit Herrn Kaltmamsell in der U-Bahn, auf den letzten Metern zum Restaurant tröpfelte es. Angenehmer Abend mit angenehmen Menschen und sehr gutem Fleisch (wie teilten uns zu dritt eine Hohe Rippe von einem österreichischem Galloway-Rind). Sonst war das Lokal arg dunkel und für eine entspannte Unterhaltung unserer Fünferrunde zu laut.

Auf dem Rückweg regnete es dann ernsthaft. Daheim noch ein Glas Wasser, Abschminken und Zähneputzen, im Bett noch zwei Kapitel des Romans gelesen.

§

Manchmal ist die Außensicht ja die interessantere:
“‘We thought it was going to destroy us’ … Herzog and De Meuron’s Hamburg miracle”.

Ich war vom Entwurf der Elbphilharmonie vom ersten Blick auf die Baustelle vor vielen Jahren an begeistert. Und wenn ich jetzt die Details sehe, mit nur einer leisen Ahnung allein schon von der Handwerkskunst dahinter, bin ich noch begeisterter.

Standing on the roof, surrounded by heaving valleys of gleaming white sequins that swell to a spiky mountain range, Jacques Herzog and Pierre de Meuron have never looked so relieved. “There were moments when we thought this building would destroy our whole career,” says Herzog. “Somehow we were responsible for this total disaster, because we had seduced the people with our design.”

Hoffentlich wurde nach all dem finanziellen Hin und Her nicht am Schluss am falschen Ende gespart, nämlich an der Qualität. Nicht dass schon nach zehn Jahren die ersten Generalsanierung ansteht (pst, Anspielung auf die Münchner Pinakothek der Moderne und den Berliner Hauptbahnhof).

die Kaltmamsell