Journal Mittwoch, 2. April 2025 – Arbeitstag mit Sonne und steigender Wärme

Donnerstag, 3. April 2025 um 6:22

Wieder eine nur mittelgute Nacht: Nach Aufwachen kurz nach eins schlief ich lange nicht wieder ein, und dann wurde ich zu früh von Phantomweckerklingeln geweckt – Wecker klingelte, doch als ich mein Handy zum Ausschalten in die Hand nahm, zeigte es 5:10 Uhr an und rührte sich nicht.

Es wurde wunderbar hell hell: Nur leicht diesiger Sonnenschein. Doch beim Verlassen des Hauses sah ich wieder Frost auf den Autoscheiben und -dächern.

Im Büro geordnetes Arbeiten, während das Wetter draußen schön blieb. Mittagscappuccino im Westenend, Rückweg mit offenem Mantel.

Nochmal eine Runde körperliche Arbeit, jetzt ist aber wieder Ruhe.

Leicht erhöhter Blick auf ein begrüntes Zwischendach mit Rasen und Büscheln Mininarzissen, dahinter ein Klaskasten, dahinter sonnenbeschienene Spitzen entfernter Hochhäuser und wolkiger Himmel

Dachgarten (die verzerrten Linien der Handyfotos machen mich noch wahnsinnig, das kriege ich in der Bearbeitung nie geradegerückt)

Zu Mittag gab es viel Karottensalat (aber nicht zu viel: nach der einen oder anderen Eskalation habe ich derzeit mal wieder dringend vor, der Überfressung entgegenzuwirken – nach der es mir ja immer schlecht geht), zwei saure, kernige Winzel-Crowdfarming-Orangen – vielleicht sind das einfach Saftorangen.

Pünktlicher Feierabend, um ein bisschen von dem herrlichen Wetter zu haben. Auf dem Heimweg war es sonnig, doch jahreszeitlich angemessen frisch. Umweg über Innenstadteinkäufe.

In der sonnendurchfluteten (weil Bäume noch kahl und kein Schutz) Wohnung Häuslichkeiten und Pediküre (gna), bevor ich eine Einheit Yoga-Gymnastik durfte – angenehm.

Herr Kaltmamsell verbrachte den Abend beruflich aushäusig, ich musste mir selbst Abendessen verschaffen – und brachte die abgelaufene Dose Erbseneintopf weg, die wir zu Pandemiezeiten als Teil der Notration beschafft hatten, für den Fall, dass wir beide gleichzeitig von Corona erwischt würden und uns mit Hausbestand behelfen müssten. Sie sah auch ein Jahr übers Mindesthaltbarkeitsdatum äußerlich perfekt aus, roch innerlich appetitlich. Schmeckte gut, jetzt sollte alle Notration aufgebraucht sein. (Jajaja, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät zu einem ständig aktualisierten Notvorrat, aber dazu bringe ich mich einfach nicht.) Nachtisch Colorado und Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen, ich war elend müde. Beim letzten Blick aufs Handy noch eine sehr traurige Nachricht auf instagram: Jemand hatte ihre Mutter verloren. (Auch deshalb gehe ich da nicht weg: Von manchen Menschen, denen ich in den vergangenen Jahrzehnten im Internet mal näher stand, dann wieder durch Lebensphasen entfernter, bekomme ich nur hier etwas mit – wie man halt bei Internetverbindungen Dinge mitbekommt. Mein Internet ist Menschen.)

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 1. April 2025 – Negronis und Pizza

Mittwoch, 2. April 2025 um 6:21

Einmal die Nacht aufzuwachen, z.B. für Klogang, ist völlig ok. In den vergangenen Monaten wurden regelmäßig zweimal daraus, immer noch keine echte Störung. Aber bei dreimal, wie das langsam üblich wird, habe ich nicht mehr das Gefühl, wirklich gut geschlafen zu haben.

Entsprechend müde war ich beim Wecken. Das Draußen wieder düster und kalt, auf dem Weg in die Arbeit ein paar Regentropfen.

Eine erblühende Magnolie in düsterem Licht, links davon die Wand einer hellen Villa, im Hintergrund ein modernes Bürogebäude, rechts eine ergrünende Trauerweide

Fürs Büro war ich gestern etwas zu warm angezogen – was ich nicht vorhersehen konnte: Im Schnitt zweimal im Monat bin ich nicht autark, was die Raumtemperatur angeht, wann weiß ich allerdings vorher nicht.

Das Wetter schaltete nochmal auf richtig greislich, zu meinem Mittagscappuccino jenseits des Heimeranplatzes nahm ich einen Schirm mit – und benötigte ihn auf halbem Weg.

Blick von innen auf ein bemaltes Schaufenster, unten auf der Fensterbank eine Tasse Cappuccino

Aber guter Cappuccino an Kunst.

Zurück im Büro wieder ein recht körperlicher Job, viel Hebens und Schleppens – diesmal dachte ich aber daran, den Magen dafür leer zu lassen. Erst danach Mittagessen: Selbstgebackenes Brot (auch an Tag 4 nach Backen noch saftig), vorgeschnittene Orangen – Montag war die letzte Kiste Crowdfarming-Orangen der Saison eingetroffen, diesmal mit kleinen Früchten, darin viele Kerne, Geschmack nicht sehr süß.

Nicht zu später Feierabend, ich war zum Auswärts-Abendessen mit Herrn Kaltmamsell verabredet. Kurze Drogerie-Einkäufe, daheim Brotzeitvorbereitung (nochmal Karottensalat).

Das Auswärts war eine Pizza – in einer Pizzeria-Empfehlung von auswärtigem Besuch: Pizza Studio bei der Münchner Freiheit.

Die Weine, auf die das Lokal so stolz ist, gab es nur flaschenweise (die glasweisen auf der Karte lediglich generisch bezeichnet), also bestellten wir von der Negroni-Karte beide Kirsch-Negronis.

Auf einem Tisch zwei Teller mit runden Pizzen, daneben Wassergläser, eine kleine Schüssel Salat

Gute Pizza (ich hatte eine Capricciosa), bessere Negronis.

Wir erzählten einander: Herr Kaltmamsell mir gestrige Unterrichtserlebnisse, ich berichtete, womit mein Hirn sich absurderweise letzthin beschäftigt, außerdem gestand ich meinen Osterwunsch – ein riesiges Schokoladenei von Venchi.

Als wir heimkamen, hörten wir Stimmen in der Wohnung: Der Fernseher war an. Wir waren sehr sicher, dass er beim Verlassen der Wohnung ausgeschaltet war, schließlich hatte niemand ferngesehen, und wunderten uns.

Im Bett begann ich die nächste Lektüre: Von der bislang geschätzten Sigrid Nunez The last of her kind, der Roman nahm mich mit in ein US-Frauen-College der 1960er.

§

Schöne Dinge: Straßenlöcher mit Mosaik gefüllt.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 31. März 2025 – Mehr übers Hausbesetzen in Utrecht

Dienstag, 1. April 2025 um 6:26

Eine weitere eher unruhige Nacht, zumindest waren die Arbeitsgedanken nur da, quälten mich aber nicht.

Das Draußen düster und kalt, auf dem Weg in die Arbeit war ich froh um Handschuhe.

Diesmal hoffte ich sogar, dass bestimmte Schnittstellen am Wochenende gearbeitet haben würden, um selbst voranzukommen – war nur zum Teil so. Doch eine Lösung meines derzeit akutesten Problems zeichnete sich ab.

Regen, Hagel- und Graupelschauer. Für meinen Mittagscappuccino ging ich nur rüber zu Nachbars. Doch als ich anschließend noch zu einem Briefkasten lief, riss der Himmel auf, ich marschierte doch noch eine Runde, genoss Luft und Bewegung.

Später gab es zu Mittag selbstgebackenes Brot, Hüttenkäse.

Nachmittags wurde meine Arbeit vorübergehend physischer – ein bisschen zu kurz nach dem Essen für Mühelosigkeit.

Zahlreiche Emsigkeiten bis zum Feierabend. Auf dem Heimweg über Lebensmitteleinkäufe war es zapfig kalt.

Daheim erstmal Tüchtigkeiten: Wäsche aufhängen, Blumen gießen. Nach Yoga-Gymnastik in die Küche: Als Abendessen verwertete ich die (winzigen) Ernteanteil-Kartoffeln und servierte sie mit Chicoree in Currysahne. Nachtisch Schokolade.

Buchtitel mit Foto eines unaufgeräumtene Zimmers und der Beschriftung

Im Bett las ich Markus Pfeifers Novelle Springweg brennt aus. Ich hatte nicht nur vor vielen Jahren die ursprüngliche Geschichte vom Hausbesetzen in seinem Blog gelesen – wie so oft und bis heute beim Bloglesen gefesselt und fasziniert vom Einblick aus erster Hand in mir völlig fremde Welten (zu der erzählten Zeit, 1995, schloss ich gerade in Augsburg im allerbravsten Leben mein Studium der Englischen Literaturwissenschaft ab und träumte von einem akademischen Lebenslauf). Sondern ich hatte in den vergangenen Monaten übers Lesen von Meks Blog auch die Entstehung der Langversion mitverfolgt, zu der Mek seine freie Zeit zwischen zwei Jobs nutzte.

Jetzt also mehr Hausbesetzen, mehr Utrecht (zu dem ich nach einem Besuch vor sechs Jahren Bilder im Kopf hatte), mit dem Abstand vieler Jahre, aber weiterhin liebevoll geschildert. Es geht um die damalige Stadtpolitik, die verschiedenen Menschen und unterschiedlichen Motivationen für ein Leben ein wenig, aber gar nicht so sehr neben der Mainstream-Gesellschaft. Und um die ganz konkreten Modalitäten und Abläufe beim Hausbesetzen Mitte der 1990er in den Niederlanden. Das las ich alles sehr gerne – und da ich Meks Lebenslauf aus seinem Blog ein wenig kenne, las ich in meinem Kopf sogar einen ganzen Roman mit Nebenhandlungen mit, die aus seiner Herkunft aus einem ladinischen Tal in Südtirol bestanden, vielleicht sogar in einer Gegenwartsebene seines jetzigen Lebens als Ehemann, Hundebesitzer, Computer-/Webfachmann in Berlin.

§

Einfach so, weil ich kann und weil ich Kate McKinnon großartig finde: 5 Minuten SNL-Schnipsel mit ihr.

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https://youtu.be/eX8a-FhTDAk?si=D1M8jcvLENmn3mtl

die Kaltmamsell

Lieblings-Breviloquia* März 2025

Montag, 31. März 2025 um 17:09

Zerscht Mastodon:

Auch auf Bluesky las ich März:

* Warum Breviloqia müssen Sie im Feburar nachlesen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 30. März 2025 – Betty Smith, A Tree Grows in Brooklyn

Montag, 31. März 2025 um 6:23

Eher unruhige Nacht, vor allem nervten bei den Wiedereinschlafversuchen die unweigerlichen Arbeitsthemen, von denen mein Hirn jedesmal nur mit Anstrengung abzubringen war.

Nach müdem Aufstehen erstmal Uhrenstellen; da mag das Internet of things (IoT) mittlerweile bei eigenständigen Entscheidungen zur Fleischsorte des Sonntagsbratens angekommen sein, die angezeigte Uhrzeit erfordert Menscheneinsatz. Der Funkwecker neben dem Bett verliert ja seit vielen Jahren nach und nach seine Funktionen, die Funkerei gehört schon lang dazu; bleibt die Zeitanzeige auf Zifferblatt, mehr will ich von ihm gar nicht. Die Uhr im Badezimmer, ein weiß lackiertes Holz-Oval mit zwei schwarzen Zeigern, gehörte meiner Erinnerung nach zu den ersten Dingen, die ich nach Auszug von daheim bei Ikea kaufte, Schnäppchen von einem Restpostenstapel – damals, kurz nach Elektrifizierung, war Funk ja noch gar nicht erfunden.

Lästig fand ich gestern lediglich, dass mein Hirn sich erstmal nicht davon abhalten ließ, “eigentlich ist es schon… ach nee, eigentlich ist es erst…” zu spielen, obwohl ich aktiv gegenarbeitete mit “völlig egal, wir leben jetzt einfach nach der Zeit, die auf der Uhr steht zefix”.

Ich machte mich also zur üblichen Zeit (!) fertig für den geplanten Isarlauf. Zu meiner Freude (mit schlechtem Landwirtschaftsgewissen) war der Tag trocken geblieben, sogar freundlich geworden mit ein wenig blauem Himmel. Tram Richtung Tivoli, Lauf nach Norden und wieder zurück. Die Luft war angenehm, mit langärmligem dicken Kapuzenoberteil und langer Winterlaufhose war ich genau richtig angezogen.

Nicht das allerfitteste Gefühl, aber die gut anderthalb Stunden bereiteten mir keine wirkliche Mühe.

Im Sonnenschein eine Herde Veilchen am Fuße eines Baums

Inklusive Duft!

Zwischen kahlen Bäumen ein Weg mit zwei Menschen von hinten, in der Ferne sieht man einen Fluß und ein sonnenbeschienenes Wehr

Blick über einen Fluss aufs andere Ufer, dort ein Zufluss, ein weiß blühender Busch, kahle Bäume

Mit der Tram zurück nach Hause. Frühstück um halb zwei: Restliche Grie Soß, selbstgebackenes Roggenmischbrot (auch am zweiten Tag noch sehr frisch – gutes Rezept), Blutorange mit Joghurt.

Den Nachmittag nutzte ich zum Zeitunglesen und zum Wegbügeln des mittelgroßen Wäschebergs – mit Musik auf den Ohren, weil mir leider nicht nach der Aufmerksamkeit für Podcasts war, Gehirn zu beschäftigt (da habe ich alle paar Wochen mal Gelegenheit durch Bügeln, und dann passt’s doch nicht). Jetzt stehen mir wieder einige Lieblingskleidungsstücke zur Verfügung – die schönsten sind halt gerne mal bügelbedürftig.

Angenehme Yoga-Gymnastik, dann servierte Herr Kaltmamsell echtes Sonntagsessen: Mapo Doufu (mit Pilzen ohne Hackfleisch – ich hatte ihm ein neues Rezept zugesteckt) und chinesische Duft-Aubergine.

Auf einem Esstisch drei Töpfe hintereinander: vorne eine dunkle Sauce mit weißen Tofu-Stücken, dann ein Topf Reis, dahinter eine Pfanne mit dunklen Auberginenstücken in Sauce

Ganz großartig. Nachtisch Eiscreme.

Fast so früh wie sonst ins Bett, dort Start der neuen Lektüre: Markus Pfeifer, Springweg brennt. Ich freute mich wie seinerzeit beim Lesen seiner Utrecht-Geschichten im Blog über den mir so fremden Einblick ins Hausbesetzen aus freundlicher Perpektive.

§

Samstagabend hatte ich Betty Smith, A Tree Grows in Brooklyn ausgelesen: 1943 veröffentlicht und ein enormer Erfolg, bis heute ein Klassiker – und doch hatte ich nie etwas davon gehört, auch nicht in meinem Studium Englische Literaturwissenschaft. Nach der Lektüre fand ich heraus, dass der Roman zwar popkulturell relevant ist (Herr Kaltmamsell wusste ihn bei Nennung sofort einzuordnen), aber literaturwissenschaftlich nie ernst genommen wurde. Verwunderlich, denn ich hatte ihn nicht nur sehr gern gelesen, sondern viel daran auch literarisch reizvoll gefunden.

Wieder Autofiktion – aber aus einer Zeit, als diese eher als “Erinnerungen” oder “a memoir” vermarktet wurde, Wikipedia verwendet den Begriff “semi-autobiographical novel”.

Die Geschichte wird ganz nah aus der personalen Perspektive der Protagonistin Francie geschrieben. Zu Beginn ist das Mädchen elf Jahre alt, sitzt wie immer samstags auf der Feuerleiter ihres Wohnhauses in Williamsburg und hat es sich mit einem Buch gemütlich gemacht. Diesen Samstag bekommen wir nochmal sehr detailliert vom Morgen an erzählt, dann geht es rückblickend um die Geschichte der Familie, bis wir zurück bei der Elfjährigen und Anfang der 1910er-Jahre sind. In vielen Einzelkapiteln erfahren wir das Heranwachsen von Francie, manchmal bekommen wir auch die Perspektive anderer Personen. Die Handlung endet, als die Familie aus Brooklyn wegzieht, Francie ist da kurz vor ihrem 17. Geburtstag.

Für mich las sich der Roman wie über einen langen Zeitraum geschrieben, zum Teil wie eine Sammlung von Einzeltexten über Erlebnisse und Erinnerungen, stilistisch sehr variiert. Manchmal sind Schilderung ausführlich bis ins kleinste Detail – als wollte jemand etwas Verschwundenes, Vergangenes festhalten. Dann wieder ein Kapitel fast nur aus Dialogschnippseln, die Francie durch die Wand hört.

Mich fesselten die Themen Armut und Selbstbestimmung, besonders vielschichtig ist die Zeichnung des schwer alkoholkranken Vaters, seiner Eleganz, Aufmerksamkeit und Zuwendung, seiner Hilflosigkeit seiner Krankheit gegenüber. Auch die Qualen eines kleines Kinds, das von Erlebnissen und Anblicken gebeutelt wird, sind sehr glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Ungewöhnlich für die Zeit wird klar über sexuelles Begehren bei Frauen geschrieben wird, ganz ohne Blümchen und unsentimental, sondern eher sachlich und freundlich.

Formal hat der Roman durch seine verschiedenen Richtungen und Stile etwas Rohes und Unfertiges; er würde heute sehr wahrscheinlich vom Verlag in eine rundere, konsistentere Form gebracht – und dadurch schlechter: Ich fand gerade das leichte Humpeln der Gesamtkonstruktion attraktiv. Zwar hält Smith offensichtlich viele Aspekte sehr bewusst chronistisch fest (u.a. die Rolle von Religion und Bildung), verwendet auch eine sehr reflektierte Erzählstimme, transportiert aber (wie jede Autorin und jeder Autor) mehr, als ihr bewusst ist – zum Beispiel den Wandel des Selbstverständisses von Frauen.

Das passt zur Protagonistin, die immer wieder mit Wörtern ringt, der wir dabei zusehen wie sie lernt, Sprache zur Abbildung von Wirklichkeit zu verwenden – oder zu ihrer Idealisierung.

Echte Leseempfehlung – und damit zurück zur fehlenden literaturwissenschaftlichen Anerkennung.
2021 schreibt Joyce Zonana in The Hudson Review:
“The Hungry Artist: Rereading Betty Smith’s A Tree Grows in Brooklyn”.

Sie untersucht die Kluft zwischen seiner Popularität (das Buch wird bis heute gedruckt) und Geliebtheit (auch von ihr selbst) und angenommenem Fehlen eines literarischen Werts. Dem sie ausführlich und nachvollziehbar widerspricht.

The book is less concerned with material escape from poverty than with spiritual freedom; less with the acquisition of wealth than with a new way of looking upon poverty.

(…)

It may be that A Tree Grows in Brooklyn has been neglected not because its author is working class and female, nor even because its subject matter is the life of a working-class female, but because the book embodies what might be called a working-class or “folk” aesthetic while simultaneously eschewing the radical politics and social critique usually associated with proletarian literature.

Zonana legt viele Verdienste und die Kunstfertigkeit des Romans dar.

§

Nochmal Kindheit: Wie war es, als Kind einer der Führungsfiguren der Black Panthers aufzuwachsen? Der Guardian hat ein langes Stück, in dem einige davon zu Wort kommen:
“Radical Change isn’t Free”.

The Black Panthers shook America awake before the party was eviscerated by the US government. Their children paid a steep price, but also emerged with unassailable pride and burning lessons for today

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 29. März 2025 – Wie ich das Grab meiner polnischen Urgroßeltern entdeckte

Sonntag, 30. März 2025 um 7:53

Eher unruhiger Schlaf, der viele Alkohol. Ich erwachte zu supergreislichem Regenwetter – aber zumindest zu genau dem sanften Landregen, der für den Boden am besten ist.

Erstmal Brotteig geknetet, es sollte nochmal das Roggenmischbrot 70/30 geben, mit letzten Anpassungen. Es funktionierte alles hervorragend.

Zwei Laibe Brot mit aufgerissener Oberfläche auf Backpapier auf Blech

Hier habe ich meine Rezeptvariante aufgeschrieben.

Das Brot war genau passend für Abflug zum Schwimmen fertig, wegen Sauwetter nahm ich die U-Bahn raus zum Olympiabad.

In der Umkleide wurde mir bewusst, dass ich überhaupt keine Lust auf Schwimmen hatte. Tja, zu spät, ich vertraute darauf, dass mir wie fast immer das Schwimmen dann schon Spaß machen würde. Und allso geschah es: Nachdem ich auf der ersten Bahn gleichmal drei Schwimmer*innen überholen musste und somit ungewollt Tempo machte, lief es leicht und kraftvoll. Was, schon ein Drittel weggeschwommen? Das war doch gar nicht schlimm. Schließlich hatte ich sogar noch Lust auf einen Endspurt und machte auf den letzten 300 Metern Tempo.

Heimweg in einer Regenpause, die U-Bahnhöfe voll Fußballvolk.

Anschnitt eines runden Laibs Roggenbrot, mittlere Porung, dunkel

Frühstück kurz nach halb zwei: Frisches Roggenbrot mit Butter und Marmelade, eventuell zu viel.

Das zweite Brot nahm ich zu einer Verabredung nach Neuhausen mit: Da ich es an die Freundin dort abgeben konnte, musste ich es nicht einfrieren, kann fürs nächste Wochenende gleich das nächste Brotbacken planen.

Im Ruffini erfuhr ich über Cappuccino und Apfelschorle Aktuelles aus der US-amerikanischen (Geistes-)Wissenschaftsszene, erwartbar erschreckend. Menschen mit Greencard und Arbeitsvertrag trauen sich nicht mehr aus dem Land aus Angst, nicht mehr zurück in die USA und auf ihren Arbeitsplatz gelassen zu werden.

Beim Verabschieden erreichte mich über Whatsapp ein Sensatiönchen in Familienforschung.

Weil nämlich: Zur meiner polnischen Familienseite gab es nie Kontakt, meine polnische Großmutter wollte keinen (hier ein Jugendfoto aus ihrem Nachlass). Sie war ja zusammen mit ihrer Schwester Irena Anfang der 1940er aus dem südpolnischen Klimontów zur Zwangsarbeit ins Schwäbische verschleppt worden. Während ihre Schwester nach der Befreiung durch die US-Armee nach Polen zurückkehrte, blieb meine Oma – mit ihrer kleinen unehelichen Tochter, meiner Mutter. (Vielleicht deswegen, es war nie ein Grund aus ihr rauszukriegen: “LeckmiamOasch” einzige Antwort auf konkrete Fragen.)

Am Freitag hatte ich wie alle paar Jahre den (eher seltenen) Nachnamen meiner polnischen Großmutter gegooglet: Zbydniewska/Zbydniewksi.

Ein Suchergebnis war ein Grabstein auf dem Friedhof ihres Herkunftsorts Klimontów.

Gestern Morgen telefonierte ich mit meiner Mutter dazu, schickte ihr den Link per Whatsapp. Sie checkte die Geburtsurkunde meiner Oma (gestorben 2006) und schrieb mir am späten Nachmittag: Ja, das war das Grab ihrer Großeltern Jan und Marianna, meiner Urgroßeltern. Bronisɫawa sei meine Großtante gewesen, sie starb jung an Tuberkulose.
Bäm.
(Internet ist toll.)

Google translate der rechten Seite des Grabsteins.

"Kämpfte 1920 für ein freies Polen, verteidigte seine Heimat gegen den sowjetischen Sturm unter dem Kommando von General Haller, in seinem kleinen Heimatland war er Feuerwehrmann, wo er sich 30 Jahre lang für die Leistungsfähigkeit der Pumpen sorgte und das Eigentum gegen den Brand der Klimontow-Gesellschaft und der Umgebung verteidigte, sie kämpften für ein freies Polen und ich habe es beruhig gemacht durch Arbeit im polnischen olympischen Kommittee Cornik, Zabrze Köln und Wien. Enkel Marek Skibinski (Polen ist jetzt 100 Jahre Unabhängikeit) 100 Jahre Unabhängigkeit Polen"

Kämpfte 1920 für ein freies Polen, verteidigte seine Heimat gegen den sowjetischen Sturm unter dem Kommando von General Haller, in seinem kleinen Heimatland war er Feuerwehrmann, wo er sich 30 Jahre lang für die Leistungsfähigkeit der Pumpen sorgte und das Eigentum gegen den Brand der Klimontow-Gesellschaft und der Umgebung verteidigte, sie kämpften für ein freies Polen und ich habe es beruhig gemacht durch Arbeit im polnischen olympischen Kommittee Cornik, Zabrze Köln und Wien. Enkel Marek Skibinski (Polen ist jetzt 100 Jahre Unabhängikeit) 100 Jahre Unabhängigkeit Polen

Mein polnischer Urgroßvater war Feuerwehrmann? (Gerätewart?) Cool. Und es gibt anscheinend einen Verwandten namens Marek Skibiński, dem dieser Vorfahre so wichtig war, dass er dessen Lebensleistungen (und sich) neben dem Grabstein verewigt hat. Aber jetzt ist erstmal genug mit Familienforschung, vielleicht ist der Herr ja einfach ein Nationalist.

Alles sehr aufregend, daheim schickte ich die Infos in die Familien-WhatsApp-Gruppe.

Aufs Abendessen freute ich mich sehr: Herr Kaltmamsell erfüllte meinen Wunsch nach Grie Soß (Petersilie darin und Kartoffeln daran Ernteanteil).

Gedeckter Tisch mit weißen Sets, darauf große Glasteller mit Grie Soß, je zwei halbierten weichen wachsweichen Eiern, kleinen gekochten Kartoffeln, dazwischen Gläser mit Weißwein

Dazu ein Wein, der erst kürzlich eingetroffen war: Seinerzeit im Green Beetle (das es leider nicht mehr gibt, man hat das Konzept von vegetarisch/veganem Fine Dining dort aufgegeben, sehr schade) hatte mir der Pouilly Fumé Elisa Domaine Jonathan Pabiot so gut geschmeckt, dass ich ihn eingemerkt hatte. Ja, schmeckte mir wieder ausgezeichnet mit seiner Geschmacksfülle, vor allem nach getrockneten Früchten wie Aprikose.

Sehr müde früh ins Bett zum Lesen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 28. März 2025 – Französisches auswärts, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 29. März 2025 um 8:39

Guter Nachtschlaf. Als mich der Wecker daraus holte, war es draußen ohne dunkle Wolken bereits deutlich Tag – das fühlte sich mit den winterkahlen Bäumen falsch an: Wie praktisch jedes Jahr kommt die Umstellung auf Sommerzeit am Wochenende für mich genau richtig.

Als ich nach Milchkaffe und Blogpost-Abschluss ins Bad ging, war es schlagartig neblig geworden.

Weißer Fensterrahmen hochkant, man sieht über einen Balkon hinaus in einen nebligen Park mit kahlen Bäumen

Blick eine neblige Straße entlang, in der Mitte kahler Baum, dahinter ein weiß blühender Busch, links und rechts helle Gebäude

Auf dem Weg in die Arbeit sah ich die gewohnten Ansichten nur schemenhaft.

Schemenhaft in dickem Nebel: Ein blaues Zirkuszelt, davor Zirkuswagen

Im Büro machbare Arbeit, nur ein Thema weiterhin mit Ärger verbunden (und immer noch nicht gelöst).

Sehr erhöhter Blick über Großstadt mit modernen Bürogebäuden, im Vordergrund Bahngliese, am Himmel abfliegender Nebel

Der Nebel verzog sich langsam, auf meinem Weg zum Mittagscappuccino war es aber wieder bedeckt.

Nach Mittag (zu essen gab es Äpfel sowie eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt) zurück zu Sonnenschein, es blieb aber kühl.

Freitagspünktlicher Feierabend. Herr Kaltmamsell hatte bereits die gesamte Liste leergekauft, ich spazierte durch Milde mit Sonnenahnung nach Hause – ausgesprochen vergnügt, und ich freute mich am Anblick der vielen Menschen, die den Frühling feierten: Der gepflasterte Platz vorm Verkehrsmuseum wimmelte vor Kindern in Elternbegleitung, sie probierten die verschiedensten Fortbewegungsarten mit allerlei Fahrzeugen aus, eines versuchte auf Rollerblades Fußball zu spielen. Besonders lustig fand ich die beiden Kleinstkinder in ernsthafter Verhandlung miteinander auf bulligen Tretrollern mit Helmen, unter denen sie schier verschwanden (alle Kinder mit Helm, selbst die ohne Fahrzeuge, vielleicht dürfen Kinder in der Stadt bald nur noch mit Helm vor die Tür, wenn Eltern sich nicht der Verwahrlosung schuldig fühlen wollen). Auf der Theresienwiese dann eher Erwachsene mit unterschiedlichen Fahrzeugen, auch diese spielerisch unterwegs. Hier deutlich weniger Helme.

Zu Hause Häuslichkeiten und Yoga-Gymnastik, dann machte ich mich fertig zum lang vorbefreuten Restaurantbesuch: Herr Kaltmamsell hatte zum Abschied von seinem vorherigen Arbeitsplatz vor einem Jahr unter anderem einen großzügigen Gutschein für das Schwabinger Lokal La Bouche bekommen, den löste er endlich ein – und ich durfte mitessen.

U-Bahn zur Münchner Freiheit, kurzer Spaziergang durch ein altes Schwabing, das ich nur von seltenen Besuchen im Lustspielhaus kenne. Und dann stießen wir mit Cremant aufs Wochenende an, ließen uns gutes französisches Essen schmecken, dazu ein Elsässer Pinot Gris.

Gedeckter Restauranttisch, im Vordergrund ein Teller mit grünem Spargel auf Salat mit Melonenkugeln und Mozzarellekügelchen, gegenüber ein viereckiger Suppenteller mit braun-oranger Suppe

Grüner Spargel mit Melone (wunderbar aromatisch) und Mozzarella für mich, eine Hummersuppe für Herrn Kaltmamsell.

Gedeckter Restaurant-Tisch, im Vordergrund ein ovaler blauer Teller, darauf ein Entenschenkel, daneben drei Schälchen: dunkle Sauce, Blattsalat, Kartoffelgratin. Gegenüber ein großer Suppenteller mit Fischsuppe, daneben ein Teller mit gerösteten Weißbrotscheiben und einem Schälchen gelber Creme

Fisch-Pot au Feu gegenüber, bei mir Confit de Canard mit Wildkräutersalat und Kartoffelgratin.

Gedeckter Restauranttisch, im Vordergrund ein großer weißer Teller, darauf ein gestürztes Apfeltörtchen und ein Klecks weiße Creme, gegenüber ein rechteckiger blauer Teller, darauf drei braune Kugeln

Bei mir Tarte tatin, gegenüber Mousse au chocolat.

Wir hatten früh gestartet, so kamen wir – jetzt wieder im Regen – nicht allzu spät heim und waren zu fast gewohnter Zeit im Bett.

§

Wenn im Auschwitz Memorial jemand auftaucht, der aus demselben polnischen Örtchen kommt (Klimontów), aus dem meine Oma zur Zwangsarbeit nach Schwaben verschleppt wurde.

(Zack – sofort Tränen in den Augen und Würgen im Hals. Diese Kiste lasse ich lieber sowas von zu. Vor 19 Jahren ist sie gestorben; es hat wahrscheinlich Gründe, warum ich dann doch nie mehr über sie geschrieben habe.)

§

Aufarbeitung der Corona-Pandemie – ja bitte. Aber von Leuten, die davon wirklich etwas verstehen. Zum Beispiel von der Gesellschaft für Virologie vergangenen Donnerstag:
“Fünf Jahre COVID-19: Anmerkungen der Gesellschaft für Virologie zur Aufarbeitung der COVID-19 Pandemie in Deutschland”.

Darunter zu Sterblichkeit (und Missverständnissen darum):

Einige öffentliche Äußerungen setzten dennoch zu Beginn der Pandemie Influenza und COVID-19 gleich und unterschätzten damit die Gefahrenlage für die Bevölkerung und das deutsche Gesundheitssystem. Tatsächlich hat die Gefahrenlage erst abgenommen, seitdem breite Teile der Bevölkerung durch eine Impfung oder Infektion eine Grundimmunität erworben haben und mehrheitlich vor schweren Infektionsverläufen geschützt sind (Meslé et al. 2024).

Zu Durchseuchungsstrategien:

Öffentliche Ratschläge zur Herstellung einer Bevölkerungsimmunität durch Zulassen von Infektionen bei jüngeren Erwachsenen und Kindern müssen retrospektiv als klare Fehleinschätzung gewertet werden (Great Barrington Declaration 2020).

Zur Rolle von Schulschließungen:

In der wissenschaftlichen Nachauswertung ist ein erheblicher Beitrag von Schulschließungen zur Verringerung der gesamtgesellschaftlichen Infektions-, Krankheits- und Todeszahlen belegt (Murphy et al. 2023). Unabhängig von diesen Daten und insbesondere in Anbetracht der vielfältigen negativen Folgen von Schulschließungen stellt sich jedoch die Frage, ob man einen Teil der Schulschließungen durch stärkere Eingriffe in anderen Lebensbereichen hätte ersetzen sollen.

Zur Auswirkung der Impfungen (sensationeller Glückfall, dass die Grundlagenforschung die Voraussetzungen dazu bereits hatte und so schnell ein Impfstoff zur Verfügung stand):

Die Impfung mit dem BioNTech mRNA-Impfstoff (Comirnaty) verhinderte in den ersten Monaten nach der Impfung 19 von 20 COVID-19 Erkrankungen (Vygen-Bonnet 2021a). Nach Schätzungen der WHO wurden zwischen 2020 und März 2023 allein in Europa 1,6 Millionen Todesfälle durch die Impfung gegen COVID-19 verhindert (Meslé et al. 2024). Aus den Zulassungsstudien mit Comirnaty ergaben sich keine Hinweise auf eine Häufung von schweren unerwünschten medizinischen Ereignissen. Dabei wären Nebenwirkungen, die mit einer Häufigkeit von mehr als 0,1% in den ersten Wochen nach der Impfung auftreten, in der Zulassungsstudie mit großer Wahrscheinlichkeit (>95%) erfasst worden (Vygen-Bonnet et al. 2021a).

(…)

Tatsächlich führte das Robert Koch-Institut im Herbst 2021 anhand realer Daten aus Deutschland neun von zehn Übertragungen von COVID-19 auf die Beteiligung von mindestens einer ungeimpften Person zurück (Maier et al. 2022).

Den Absatz zur “Wirksamkeit von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen der Infektionskontrolle” bitte selbst nachlesen, weil hier die Methodik besonders relevant ist.

Liest sich leider nicht so fluffig wie ein Bunte-Artikel übers britische Königshaus, aber um einen weiteren Virologen zu zitieren, nämlich Prof. Drosten: “Mitdenken ist anstrengend. So ist das nun mal.”

§

Kluge Gedanken von Buddenbohm zu gleichzeitig schnellerem (weil akzelerierte Weltveränderung) und langsamerem (weil medizinischer Fortschritt) Altern heutzutage.
“Anmerkungen eines Zeitreisenden”.

Man hat befremdlich früh im Leben ein seltsam merlinhaftes Gefühl, über das geheime Wissen vergangener Epochen zu verfügen, ist dabei aber so fit, dass man noch so ziemlich jeden Trendsport treiben könnte, wenn man denn nur wollte.

§

Ein neues Geschirrspülmaschinen-Start-up. Leider habe ich keinen Crowdfunding-Link gefunden.

die Kaltmamsell