Journal Mittwoch, 9. Oktober 2024 – Dörte Hansen, Altes Land

Donnerstag, 10. Oktober 2024 um 6:33

Eine bessere Nacht, das Arbeitsleben hielt mich nicht mehr ganz so wach. Dennoch war mir klar, dass ich keine Energie für den ersten Theatertermin meines Abos 2024/25 am Abend aufbringen würde, früherer Feierabend war sicher nicht drin.

Nachdem ich zu ausgiebigem Regen eingeschlafen war, überraschte mich der klare Himmel auf dem Weg in die Arbeit – und erfreute mich.

Noch von Mallorca aus hatte ich meinen Mittagstermin gebucht: Beinenthaarung. Und den wollte ich wegen unangenehmer Flauschigkeit unbedingt wahrnehmen, Arbeitsdruck hin oder her (ich ließ bereits eine Firmen-interne Veranstaltung ausfallen, die mich eigentlich interessiert hatte). Also marschierte ich durchs sonnige Westend in Turbotempo dorthin. Wieder fiel mir unterwegs auf, dass die Gschwerl-Szene am Gollierplatz immer größer wird. Als Anwohnerin des Nußbaumparks habe ich ja über viele Jahre einen Blick für diese Menschengruppe entwickelt: Am Nußbaumpark wächst sie Richtung Marien-Apotheke, außerdem haben sich Gruppen am Anfang der Reisingerstraße gebildet. Und die Handvoll am Gollierplatz ist jetzt auf bis zu 20 Personen gewachsen.

Nach dem Körperpflege-Einsatz durch milde Sonne zurück ins Büro gepest. Erst jetzt Mittagessen: Apfel und restliches Roggenvollkornbrot.

Über den Arbeitsnachmittag durch verlor sich erstmals seit Montagmorgen das Zeitraffer-Gefühl, endlich schaffte ich Dinge ohne Gehetzheit weg, nahm mir wirklich alle E-Mails aus meinem Urlaub vor. (Aber noch gibt es eine besonders unangenehme Sache, um die ich mich drücke.)

Schöner Heimweg durch sonnige Herbstfarben. Einkaufsstopp beim Aldi: Süßigkeiten.

Daheim Waschmaschinenbefüllen, Maniküre, Yoga-Gymnastik. Keine Chance auf Theaterbesuch.

Herr Kaltmamsell hatte gekocht: Krautwickel auf polnische Art. Also eine Annäherung an die meiner polnischen Oma, die er allerdings nur aus meinen Erzählungen kennt (und die legendär waren).

Aufsicht auf einen Topf voller Kohlrouladen in Tomatensauce

Gefüllt mit einer Hackfleisch-Reis-Mischung. Sie waren nicht mal halb so groß wie die meiner Oma – aber das lag auch daran, dass sie riesige Spitzkohl-Blätter zur Verfügung hatte und Herr Kaltmamsell einen viel kleinerern Sptzkohl aus Ernteanteil verwendete. Die Version von Herrn Kaltmamsell schmeckte hervorragend – auch wenn die Krautwickel meiner Oma unerreichbar bleiben werden (sie hatte schon die letzten Jahre ihres 85 Jahre dauernden Lebens keine Lust mehr, sich die viele Arbeit zu machen, der letzte Genuss ist also ein paar Jahrzehnte her).

Endlich meinen Handy-Vertrag umgestellt. Ich hatte einen sehr teuren, mit dem ich im Grunde mein iphone abstotterte, fand ich in Ordnung. Doch dessen Laufzeit endete mit Januar. Seither schaffte ich es nicht, mich zum Wechsel aufzuraffen und vergab damit die Chance, mehrere hundert Euro zu sparen. Ich muss es ja haben, meine Güte.

Auch ein endlich: Nachricht über meinen Vater, der geplant im Krankenhaus liegt. Bislang alles ordnungsgemäß.

Als auf der sonntäglichen Familienfeier die Senior-Herren erwähnten, sie seien ja mit 58 respektive 60 Jahren in Rente gegangen, musste ich durchaus schlucken. Bis mir einfiel, dass beide bereits mit 15, 16 Jahren ins Arbeitsleben gestartet waren.

Im Bett Dörte Hansen, Altes Land ausgelesen, bis zuletzt durchaus gern. Ich mochte die Dichte der Erzählung – wobei ich streckenweise etwas zu viel in den kurzen Roman reingesteckt fand, die Dichte hatte einen Preis: Die Figuren waren mir zu deutlich erklärt und vor-analysiert, statt dass sie sich durch Handlung entfalteten, viel kippte ins Klischee. Manche Passagen lasen sich wie die Zusammenfassung von etwas Längerem (z.B. Marlenes und Annes Reise nach Polen), da konnte sich die Erzählung natürlich nicht mit Entfaltung aufhalten. Unwohl war mir oft bei dem kolumnenhaft launigen Tonfall, der einerseits meist eh offene Stereotyp-Türen einrannte, zudem menschliches Leid verächtlich machte. Keine der Figuren kam mir nahe, am ehesten noch der ordnungsliebend verlorene Heinrich Lührs. Dass diese Mischung aus Launigkeit und Naturbeschreibung zu einem Bestseller wurde, kann ich aber sehr gut verstehen.
Was bei meiner eigenen Lektüre mitschwang: Alle angerissenen Themen habe ich erst kürzlich deutlich besser literarisch verarbeitet gelesen.
– Landleben in Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer (inklusive Spannungen mit Stadtleben) und Ewald Arenz, Alte Sorten (hier glaubwürdige, ernst genommene Figuren)
– Vertriebenen-Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs und Konflikte beim Einquartieren in Deutschland in Ulrike Draesner, Die Verwandelten (die nicht explizit immer wieder darauf hinweisen muss, dass diese Generation über vieles schweigt)

§

Großen Dank an Stefanie Sargnagel: Ich muss mich seit einiger Zeit gezielt schützen vor Reportagen zu den Grauen der Zeitgeschichte, menschlich nachvollziehbare Einzelfälle überforden mich. Sargnagels Perspektive aber ist entfernt genug davon, sodass ich mich darauf einlassen kann: Von Lampedusa aus stieg sie mit einem Sea-Watch-Team in ein Flugzeug, um aus der Luft Menschenrechtsverletzungen zu beobachten.
“Mit Stefanie Sargnagel und Sea-Watch vor Ort auf Lampedusa”.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 8. Oktober 2024 – Wenigstens milde Sonne

Mittwoch, 9. Oktober 2024 um 6:28

Mist, der Arbeitsscheiß würgte mich auch nachts, ab drei bekam ich kaum mehr Schlaf vor lauter Überforderung (Oh Gott, das ist ja auch liegengeblieben / Dafür ist jetzt auch niemand mehr zuständig / Das kann nicht auch noch bei mir landen, das schaffe ich nicht / Das steht ja auch noch an). Entsprechend gerädert fühlte ich mich beim Weckerklingeln. (Aber sicher zähle ich runter: Noch acht Jahre.)

Draußen war es mild, ich hatte mir als Aufmunterungskleidung ein besonders schönes dunkelblaues Shirt zu weißen Jeans und meinen aktuellen Lieblingsturnschuhen einfallen lassen, genoss den Fußweg in die Arbeit.

Wieder wenig geordnetes Losrennen im Büro. Bis ich zu dem eigentlich gestern Dringenden kam, waren bereits anderthalb Stunde mit Reagieren auf Querschüsse vergangen. Ab dann etwas geordneteres Ackern, ich versuchte so gut es ging zu verdrängen, was ich gerade nicht auch noch schaffte.

Spätestens beim E-Mail-Sichten und -Sortieren am Wochenende hatte ich bestätigt gesehen, was mich schon bei der Urlaubs-Übergabe drei Wochen vorher belastet hatte: Ich hatte in meinem Berufsleben nie vorher eine Stelle, in der ich so wenig ersetzbar war. In allen früheren Jobs hatte ich einen gewissen Ehrgeiz drangesetzt, möglichst ersetzbar zu sein, das war für mich ein Zeichen von Professionalität: Projekt so zu planen, zu dokumentieren und zu terminieren, dass bei geplanter Abwesenheit jemand anderes für Kleinigkeiten ansprechbar sein konnte. Doch mein jetziger Job besteht in erster Linie aus Reaktion, aus Erfahrung und Kenntnis unzähliger Kleinigkeiten, die eben gerade nicht planbare Veränderungen erst ermöglichen. Diesmal hatte ich noch eine Urlaubsvertretung, die über Jahre mein Gegenstück in einer parallelen Struktur einer Schwesterabteilung war und die das leisten konnte – wenn auch mit der Erschwernis Doppelbelastung.

Die Kiste Quitten beduftete mein Büro so herrlich, dass zweimal Kolleginnen reinschauten, weil sie den Duft im Gang durch die geschlossene Tür gerochen hatten. Ich beschloss, die Früchte nicht gleich gestern im mitgebrachten Koffer heimzubringen, sondern sie noch den einen oder anderen Tag im Büro duften zu lassen. Weitertransport zur Verarbeitung ist eh frühstens am Freitag vorgesehen.

In das herrliche Wetter riss ich mich los für einen Mittagscappuccino im Westend.

Tiefes Fensterbett aus dunklem Holz, schräger Blick aus dem Fenster auf eine Altstadtstraße mit Schannigarten, im Vordergrund ein Tässchen Cappuccino

Wieder spätes Mittagessen, ich war eigentlich längst über zwickenden Hunger hinaus: Apfel und Karottensalat (Ernteanteil), den ich am Vorabend vor lauter Erledigtsein nicht mal selbst gemacht hatte – auch er stammte von Herrn Kaltmamsell. Und schmeckte wunderbar.

Diesmal war es erst um 15 Uhr, dass ich die Arbeiten des Morgens für am Vortag erledigt hielt. Doch auch gestern reichte die Energie (Panik?) für einen weiteren Arbeitstag, ich schaffte einen großen Brocken ganz weg.

Als ich mich auf den Heimweg machte, hatte der Himmel zugezogen, doch es war weiterhin mild. Lebensmitteleinkäufe im Vollcorner. Daheim wickelte ich zwei mitgebrachte kleine Quiten in Alufolie und schob sie in den sehr heißen Ofen: Nachtisch.

Blumengießen, Yoga-Gymnastik (ich ließ mich aus reinem Erledigtsein auf eine lange Anfangsphase Schnaufen und Geplapper ein). Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl restliches Wirsinggemüse vom Vortag mit Orecchiette. Nachtisch gebackene Quitten mit griechischem Joghurt und Honig. Schokolade.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 7. Oktober 2024 – Arbeitsleben halt

Dienstag, 8. Oktober 2024 um 6:24

Mittelunruhige Nacht, die Aussicht auf Arbeitsleben so bedrückend wie schon lange nicht mehr.

Ich rüstete mich mit Wollkleid und Kaschmirstrumpfhosen gegen die Bürokälte, mit glitzernden roten Mary Janes gegen Trübsal. Der nächtliche und morgenliche Regen hatte aufgehört, mir kam sogar die Luft leicht mild vor.

Was dank der Vorarbeit am Wochenende klappte: Ich hit the ground running. Allerdings hatte ich schon wieder vergessen, dass ich von solchen Hochdruck-Arbeitssituationen Stresskopfweh bekomme und mich wie ein eingesperrtes Tier mit Fußfessel fühle, am liebsten mein eigenes Bein abgenagt hätte, um mich zu befreien. Und da war noch nicht mal einkalkuliert, dass in meiner Abwesenheit auch Fehler passiert waren – schlicht menschliche, für die ich mir aber erstmal eine Lösung überlegen muss (gestern war mir noch nichts eingefallen, beim verursachenden Dienstleister Rabatz zu schlagen, würde nichts lösen; allerdings darf ich nicht vergessen, ihn darauf hinzuweisen, kostet schon wieder Zeit).

Ich haute Zeug weg für drei Arbeitstage, weil musste halt, war nach dem ersten Arbeitstag überrascht, dass es erst 11 Uhr war. Vor dem nächsten ging ich also zu einem schnellen Mittagscappuccino zu Nachbars. Die Luft war tatsächlich mild, trotz der Schlacht am Schreibtisch bekam ich mit, dass der Tag sogar sonnig wurde.

Aufsicht auf eine Kiste mit Quitten

Um den späteren Mittag erschien meine Quittenfee, beschenkte mich reich und verwandelte mein Büro in eine Duftkammer. Spätes Mittagessen: Apfel, zwei dicke Scheiben Roggenvollkornbrot.

Nach dem zweiten Arbeitstag gegen 15 Uhr war mir schlecht und ich hing schwer in den Seilen. Aber half immer noch nichts, es war etwas vor Plan hereingeschneit, und von meinem Einsatz hing ab, dass andere Leute ihre Arbeit machen konnten.

Während des dritten Arbeitstags konnte ich sogar das Fenster im Büro gekippt lassen, es kam von draußen warm herein. Aber jetzt war ich durchaus so durch, dass mir graute: Morgen muss ich hier ja wieder her. (Zudem ich bin ganz kurz davor, mir mal eine echte Nachrichtenpause zu gönnen. Einfach eine Weile gar nichts mehr von Politik und Weltgeschehen mitbekommen, vor ein paar Jahrzehnten konnte ich das doch auch.)

Irgendwann hatte ich Feierabend.

Blick von unten auf einen neo-gotischen Kirchturm vor knallblauem Himmel

St. Paul ohne Oktoberfesties-Belästigung.

Heimweg durch sehr angenehme Luft und schönes Licht. Ich brachte lediglich Energie für einen kurzen Abstecher in den Drogeriemarkt auf (den durchlief ich allerdings dreimal bis ich die zwei benötigten Produkte gefunden hatte – es ist ein Wunder, wie unterschiedlich individuelle dm-Läden arrangiert sind).

Zu Hause holte ich den kleinen Koffer aus dem Keller, mit dem ich am Dienstag die Quitten heimbringen würde. Yoga-Gymnastik, für meinen gestrigen Bedarf zu kurz.

Herr Kaltmamsell servierte den Ernteanteil-Wirsing auf meine Bitte mit zugekauften gebratenen Champignons; da er den ebenfalls erbetenen Räuchertofu nicht gekommen hatte, verwendete er vorrätigen Guanciale – schmeckte insgesamt ausgesprochen gut. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, viel erschöpfter als nach einem Wandertag mit über 20 Kilometern und über 30.000 Schritten.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 6. Oktober 2024 – Familienfeier zu rundem Geburtstag

Montag, 7. Oktober 2024 um 6:06

Lang geschlafen, das war schön. Es wurde Tag zu sowas wie Sonnenschein, ich sah sogar blaue Flecken am Himmel. Das hielt aber erstmal nicht lange.

Vormittags zogen wir uns fesche Sachen an und machten uns mit einem Topf Blaukraut und mit Tamales plus Condimente auf den Weg nach Ingolstadt zur Familienfeier. Weil antizyklisch, war der Zug völlig frei von Oktoberfestierung.

Durchs ZUgfenster gesehen gelbe abgeernetete Felder, im Hintergrund leerer Hopfengarten und ein Windrad, Regenstimmung

In der Holledau abgeernteter Hopfen, aber der Mais stand noch.

Trocken im Elternhaus eingetroffen (aber es war ganz schön kalt), Eltern geherzt und geküsst.

Eine lange, festlich gedeckte Tafel für 12 Personen mit Blumenschmuck

Es trafen ein: Die Nichte, die lieben Schwiegers, die restliche Bruderfamilie mit einer weiteren Schwieger. Es gab Sekt zum Anstoßen auf die Jubilarin, dann auch ein Ständchen auf sie (Gitarre, Harmonika, Rhythmusschüttelding).

Das Festessen startete mit einer (veganen) Pilzcremesuppe, ging weiter mit Rehrücken und viel drumrum. Dazu ein Glas Chianti.

Porzellan-Teller auf gedecktem Tisch, darauf Rehrücken, grüner Spargel, Rosenkohl, Blaukraut, dahinter ein Glas Rotwein

Die vegane Alternative: Tamales, diesmal fotografiert.

Auf gedecktem Tisch ein weißer eckiger Teller mit Tamales, drumrum Schüsselchen mit Korianderblättern, roter Salsa, schwarzen Bohnen, eingelegten Jalapenos

Dazu reger Austausch über Urlaube, Krankenhauserlebnisse, Styling-Prioritäten, Sportschuhe – ach egal: Das sind halt so Leute, von denen mich erstens alles interessiert, mit denen mich aber zweitens auch freuen würde, gemeinsam das Telefonbuch durchzugehen (ich brauche einen aktuelleren Vergleich – die AGB von Facebook?).

Auf einem Kuchenteller ein Stück Torte aus vielen Schihcten Teig und Buttercreme, Schokohülle

Und dann gab’s auch noch TORTE! (Prinzeregententorte, ganz großartig, forever Team Buttercreme.) Ebenfalls erfreulich: Ich konnte aussortierte Dinge aus meinem Haushalt in neue Hände geben.

Abschied mit Hoffnung auf viele weitere solche Feiern.

Ereignislose Heimreise, es war deutlich milder geworden. Allerdings rückten mir Gedanken an den anstehenden Arbeitsanfang immer näher an die Kehle. In München der letzte Kilometer zum letzten Mal für dieses Runde durch Oktoberfestreste. Daheim Häuslichkeiten, Yoga-Gymnastik (ah, wie ich das genieße). Trotz Festmahl hatte ich Abendessen-Hunger: Herr Kaltmamsell servierte Tamales-Reste, Nachtisch Schokolade.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 5. Oktober 2024 – #WMDEDGT

Sonntag, 6. Oktober 2024 um 8:14

Herr Kaltmamsell guckte mich am Freitag irgendwann an und stellte fest: “Du bräuchtest jetzt Urlaub.”

Eine unschätzbar positive Seite an #WMDEDGT, dem Tagebuchbloggen-Projekt von Frau Brüllen an jedem 5. des Monats (hier die Sammlung für Oktober): Ich muss mir keine Überschrift für den Blogpost des Tages einfallen lassen.

Gut geschlafen, erfrischt aufgestanden. Häuslicher Tagesanfang: Geschirrspüler ausräumen, viel Wäsche aufhängen (Waschmaschinen sind SO SUPER!). Draußen war es grau und kalt: Ich hatte keinerlei Lust auf Frieren, drehte also die Heizung im Wohnzimmer auf, kombinierte Schlumpfhose und warmes Sweatshirt mit dicken Socken und dicker Wolljacke.

Mit dem Bloggen ließ ich mir Zeit, ich hatte keine Termine und nicht viel geplant. Telefonat mit Mutter, am Sonntag feiern wir bei ihr einen runden Geburtstag, die Beiträge von Herrn Kaltmamsell und mir abgesprochen.

Weiterhin gemütlich machte ich mich zu einem Isarlauf fertig, auf den ich mich freute. Zwar war für den Tag graues, trockenes Wetter angekündigt, ich startete dennoch vorsichtshalber den Regenradar (Schirmmütze einstecken oder nicht?). Bevor die Seite fertiggeladen hatte, hob ich den Blick – und sah vorm Fenster feinen, dichten Regen. Der laut Regenradar auch nicht so schnell aufhören würde. Also wechselte ich in meine Lauf-Regenjacke (die nicht wirklich wasserdicht ist, aber bei leichtem Regen völliges Durchnässen verhindert) zu Winter-Laufhose und langärmligem Lauf-Shirt und setzte die Kappe auf.

U-Bahn zum Odeonsplatz, noch nur vereinzelte Oktoberfest-Cosplayer*innen. Um elf startete ich in den Hofgarten und von dort in den Englischen Garten, begleitet von leichtem Regen. Der wurde in den folgenden gut anderthalb Stunden mal heftiger, mal weniger, etwa eine halbe Stunde bekam ich sogar Regenfreiheit geschenkt. Ich genoss den Lauf dennoch, war sehr dankbar für den dabei gut mitspielenden Körper – dachte aber immer wieder daran, wie viel schöner das Ganze ohne Regen wäre.

Gartenanlage in französischem Stil, rechts ein Pavillon, der Himmel dunkel, die Wege mit Pfützen

Parkanlage mir leicht herbstlichen Bäumen, ein gepflasterter Weg führt nach unten zu einem Tunnel

Erhöhter Blick auf eine weitläufige Parkanlage in englischem Stil in Regendunst, im Vordergrund links eine Säule, daneben steht eine Krähe

Im Regen rechts ein hölzerner Pagodenturm, links vier Menschen unter Regenschirmen, vor dem Türm helle Sonnenschirme

Plakat auf einem Vereilerkasten an der Straße: Jüdisches Neujahrskonzert 5785

Links befestigter Weg, rechts schlammfarbener Fluss, dazwischen leicht herbstliche Bäume, feuchter Schleier über dem Bild

Man sieht dem Foto an, dass der Regen hier bereits durch die Tasche der Regenjacke gedrungen war, in dem das Handy lag – natürlicher Hamilton-Filter.

Leicht stilisierte Bronze-Statue eines Bischofs vor Bäumen, zwischen seinen segnenden Händen ein Apfel

Jemand hatte dem Heiligen Emmeram einen Apfel zum Halten gegeben. Sehr nüdlich.

Bewachsenes Brückengeländer über Kanal, am gegenüberliegenden Ufer leicht herbstliche Bäume, dahinter erahnt man einen eckigen alten Kirchturm

Drei Baumstämme, die aus dem Boden wachsen, auf halber Höhe abgesägt, zu eckigen Gesichtern geschnitzt, dahinter Laubbäume

Blick über steinernes Brückengeländer auf schäumendes grünbraunes Flusswasser, die Ufer von leicht herbstlichen Bäumen gesäumt

Herbstlich bunte Bäume, durch die man Fluss erahnt

Ich beendete meinen Lauf auch am Odeonsplatz. Die U-Bahn in die Gegenrichtung, nämlich zum Oktoberfest, war dann bereits ordentlich voller Verkleideter.

Auch wenn ich nicht fror, war ich nahezu rundum nass und kalt: Ich ließ mir eines der seltenen Vollbäder ein (Vollbäder nehme ich sonst ja im Schwimmen) (Brüller). Gute Regenkleidung: Zumindest meine Unterhose war trocken geblieben.

Frühstück um zwei war Roggenvollkornbrot: Eine Scheibe mit Butter, eine mit Butter und Honig, eine mit…

Glasteller mit viereckiger Brotscheibe, darauf helle und dunkle Creme gestrichen, Messer mit Creme daneben, hinter dem Telle ein Glas mit der Creme, auf dem „Nocilla“ steht

Na gut, EINE Sache habe ich mir dann doch aus Mallorca mitgebracht. (Und das von jemanden, die seit Jahrzehnten nichts mit Nutella o. Ä. anfangen kann.) Dann schnitt ich die letzte Melone aus der Crowdfarming-Lieferung im August an: Sie duftete zwar immer noch nicht reif, bekam aber schon braune Stellen. Schmeckte nach wenig.

Kücheneinsatz: Fürs Familienfest am Sonntag war ich mit der Zubereitung von Blaukraut beauftragt worden. Der einzige Blaukrautkopf, den ich am Freitag beim Vollcorner bekam, war mächtig. Es wird also viel Blaukraut geben. Fürs Rezept griff ich diesmal zum Bayerischen Kochbuch: Mit Zwiebeln und Äpfeln, und ich spickte zum ersten Mal eine halbe Zwiebel mit Nelken – das machte man früher wohl gerne, ich nehme an, weil sich die Gewürznelken so aus dem fertigen Gericht entfernen lassen.

Als das Kraut köchelte und ich die Utensilien für die Zubereitung gereinigt/verräumt hatte, startete ich den Arbeitsrechner für die Vorbereitung meines ersten Arbeitstags nach Urlaub am Montag, denn am Sonntag würde ich keine Zeit dafür finden. (Es ist doch normal, dass man “This is going to hurt” beim Einloggen sagt?)

Waren gut investierte zwei Stunden, unterbrochen vom Abschmecken des fertigen Blaukrauts: Ich sortierte meinen Posteingang bis auf unter 100 zu berarbeitende E-Mails, weiß jetzt, was am Montag zu tun ist. Und ich weiß, dass ich wegen einiger am Montagmorgen sofort zu erledigenden Dinge diese zwei Stunden nie aufgebracht hätte, sondern den ganzen Tag panisch dem Wichtigsten hinterher gejagt hätte.

Yoga-Gymnastik war eine eher kurze Einheit, hauptsächlich Dehnen, ich amüsierte mich mal wieder über meine “kurze Taille” (Schneiderinnen-Sprache): Bestimmte Dehnungen gehen bei mir nur ganz wenig, z.B. im Sitzen zum seitlich ausgestreckten Bein, weil der unterste Rippenbogen halt auf den Hüftknochen an dieser Seite stößt – weiter geht physikalisch nicht ohne Knochenbruch, da bewirkt auch Üben nichts.

Dann hatte ich meine verrückten fünf Minuten und kaufte Tickets fürs Jüdische Neujahrskonzert 5785 (nach Rücksprache mit Herrn Kaltmamsell). Wussten Sie, dass es im allerersten Tonfilm der Welt, The Jazz Singer von 1928, um einen jüdischen Kantor geht?

Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag in der Küche verbracht: Sein Job für die Familienfeier war eine vegane Alternative für den Veganiker am Tisch, und er nahm das zum Anlass, endlich mal Tamales zu bauen (getrocknete Maisblätter übers Internet gekauft). Die lohnen sich nur in großen Mengen, also gab es die Test-Portion als unser Nachtmahl, einige davon auch mit gekochtem Rindfleisch gefüllt.

Vollgestellte Küchenarbeitsfläche, unter anderem Flaschen Zuckersirup, Grenadine, Champagner, Calvados, Brandy, dazu Cocktailshaker, Messbecher, zwei Gläser mit rot-orangen Drinks

Als Aperitif machte ich uns aus dem restlichen Champagner vom Vorabend Cocktails: French 68 nach Charles Schumann. Wurden ganz ausgezeichnet, allerdings bin ich sicher, dass es dazu keinen Champagner braucht, sondern anderer trockener Schaumwein seine Rolle ebenso gut erfüllt.

Die Tamales schmeckten wirklich gut, dazu reichte Herr Kaltmamsell Tomatenwürfel, Koriander, Sauerrahm. (Wir vergaßen beide zu fotografieren.) Nachtisch geschmacksarme Melone und Schokolade.

Ins Bett wieder mit Ohrstöpseln und geschlossenen Fenstern, vorletzte Nacht des Oktoberfest-Grauens.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 4. Oktober 2024 – München mit kaltem Regen und Oktoberfest-Armageddon

Samstag, 5. Oktober 2024 um 9:28

Nicht so lange geschlafen, wie ich gerne hätte, die erste Nacht zurück im eigenen Bett immer seltsam. Aber so hatte ich mehr vom Tag.

Der Arbeitsrechner, den ich zur Sicherheit mit heim genommen hatte (mögliche Pandemie, E-Mail-Check am letzten Urlaubstag), diente nicht sofort zur Überbrückung, bis ich das neue Ladekabel für mein MacBook für das in Mallorca vergessene hatte: Nach drei Wochen Pause musste er erstmal eine knappe Stunde Updates fahren. Währenddessen packte ich meinen Koffer aus, startete die erste Waschmaschine, verräumte den Koffer im Keller, machte es mir warm, schaute in den düsteren, kalten Schnürlregen vorm Fenster (greisliches Wetter bedeutete zumindest Aussicht auf weniger Oktoberfest-Radau).

Beim Kofferauspacken stellte ich fest, dass von den zwei einzigen Mitbringseln (für meine Arbeits-Vertretung, deren Job das nach der Umorganisation eigentlich nicht mehr gewesen wäre) eines trotz zahlreicher Sicherheitsmaßnahmen unbrauchbar war: Der Schraubdeckel des Glases Orangenmarmelade aus Sóller, fest eingewickelt in mehrere Teile Schmutzwäsche und in eine Plastiktüte, hatte sich geöffnet, die Flüssigkeit der Marmelade war ausgelaufen – wirklich ärgerlich. Bleibt nur noch ein lahmes Mitbringsel.

Schon während des Bloggens traf die Nachricht von Apple ein: Netzteil abholbereit.

Sehr gefreut hatte ich mich auf eine Schwimmrunde, dass ich dafür mit Schirm losziehen musste und die U-Bahn zum Olympiabad nehmen, schmerzte mich wenig. Das Schwimmen war dann leider eher anstrengend und vergnügungsarm, dann schmähte mich auch noch jemand, der in mich reingeschwommen war, ich hätte fast vorzeitig weinend das Becken verlassen.

Was mich zu Nachdenken über den Rat führte, sich verbale Attacken “nicht zu Herzen zu nehmen”. Geht das denn? Verletzung ist Verletzung: Auch wenn ich das Hängenbleiben am Tischeck ignoriere, bleibt davon ein schmerzender blauer Fleck. Auch wenn der Pöbler Unrecht hat, bleibt der Schmerz des Angriffs und der Demütigung.
I bruise easily

Auf der Heimfahrt stieg ich an der Münchner Freiheit aus, um in der Clemensstraße Espressobohnen-Nachschub zu besorgen.

Vor verregneten Altbaufassaden ein Brunnen mit Bronzefigur eine kurvigen Frau mit Krönchen

Mal wieder Freude über das Denkmal für Bally Prell – die Schönheitskönigin von Schneizlreuth, die im dahinter liegenden Haus gewohnt hat. Hinweis für Auswärtige: Auch in München gab es mal Zeiten von Volkskunst ohne Dirndl.

Espresso bekam ich nicht: Geschlossen wegen Urlaub (Oktoberfestfluchtverdacht).

Am Marienplatz holte ich im Apple Store mein Netzteil ab: Er war gepackt voll, und zu meiner Verdutzung fand ich mich in einer 30-köpfigen Abhol-Schlange wieder (es werden derzeit wohl Neuester-heißer-Scheiß-Produkte von Apple beworben) – doch das Ausgabesystem ist dort so gut organisiert (etwa vier gut gelaunte Angestellte kümmerten sich um Einlesen von Liefernachricht und Aushändigen schon in der Schlange), dass ich nach zehn Minuten auf dem Heimweg war.

Frühstück deutlich nach drei. Appetit hatte ich immer noch nicht, aus Vernunftgründen aß ich frisch gekauftes Roggenvollkornbrot mit Butter und Tomate / Butter und Honig.

Dann eine weitere Runde draußen durch den Regen: Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner – und ich Dummerchen vergaß, dass mich der Weg dorthin durchs Oktoberfest-Armageddon führt. Wie ich mir schon in der vorhergehenden Nacht auf dem (Theresienwiesen-nahen) Heimweg dachte: Wer’s nie erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen. Die Süddeutsche richtet ihren Lokalteil dieses Jahr ja ganz aufs Oktoberfest-Bejubeln aus (?) – wie wäre es mit einer Bilderstrecke “24 Stunden rund um die Theresienwiese”?

Fenster hinaus in einen verregneten Park, auf der Fensterbank eine Glasvase mit zwei großen, knallpink blühenden Gladiolen und vier dicken altrosa Rosen

Herr Kaltmamsell hatte zur Begrüßung mein Schlafzimmer geschmückt (sind das die pinkesten Gladioen ever oder was?), im Wohnzimmer standen wunderschöne Hortensien.

Ebenfalls sehr gefreut hatte ich mich auf Yoga-Gymnastik: Großes Vergnügen und wohltuend.

Währenddessen mühte sich Herr Kaltmamsell in der Küche mit dem Abendessen – Mühe, weil sich unser Zerstörer, der Pürierstab, endgültig verabschiedet, mittlerweile hält der Einschaltknopf nur mit Kraft in der Eingeschaltet-Position. Anlass für mich, endlich den längst recherchierten Nachfolger zu bestellen. Wenn auch der über 30 Jahre hält, lohnt sich die Investition, zumal ich mit dem Vorläufer-Gerät dieses Herstellers sehr zufrieden war: Einmal sogar das Kabel ersetzt, weil das Original auf einer heißen Herdplatte verschmurgelt war, das Gehäuse ließ sich gut öffnen.

Abendlicher Alkohol war erstmal ein Glas Champagner: Ich hatte endlich rechtzeitig daran gedacht, den Pommery Brut royal (ein Weihnachtsgeschenk) kalt zu stellen – schmeckte mir sehr gut.

Nachtmahl in zwei köstlichen Gängen:

Bast-Tischsets, darauf Glasteller mit Schnitzen Roter Bete mit hellbraunen er Sauce und Schnittlauch

Rote Bete (Ernteanteil) lauwarm mit Haselnuss-Ingwer-Sauce, Schnittlauch, schwarzem Sesam – ganz wunderbar und zufällig vegan (Originalrezept mit Erdnussbutter, Haselnuss machte sich aber sehr gut).

Weißer Teller auf Bastset, darauf brauner Brei mit Kürbisstücken, Orangen Öl, geriebenem Parmesan

Grünschaliger Hokaido (Ernteanteil) mit Polenta und Frischkäse als Brei, darauf gebratene Kürbiswürfel und Chili-Öl. Zwei Portionen für mich. (Originalrezept verwendet Butternut-Kürbis.) Dazu ein baskischer Txakoli. Nachtisch Schokolade.

Im Bett neue Lektüre: Dörte Hansen, Altes Land – darüber hatte ich viel Interessantes, vor allem aber extrem unterschiedliche Urteile gehört, jetzt wollte ich selbst mal (gab’s nicht in der Stadtbibliothek, kaufte ich also). War schonmal angetan vom Erzähltempo: In den ersten 10 Prozent steckt so viel Inhalt, da machen andere ganze Fernsehserien draus.

§

Lorenzo Annese kam 1958 als junger Mann aus Apulien nach Niedersachsen und wurde der erste ausländische Betriebsrat der Bundesrepublik. Mit 87 erhielt er jetzt das Bundesverdienstkreuz – eine spannende Lebensgeschichte:
“Der Zusammenschweißer aus Italien”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 3. SeptemberOktober 2004 – Zweiter Tag Heimreise mit Lehrreichem

Freitag, 4. Oktober 2024 um 9:59

Der zweite und letzte Tag Rückreise verlief weniger anstrengend als befürchtet. Zwar war ich durchgehend angespannt, doch nicht mal die letzten beiden Stunden Zugfahrt Stuttgart-München fühlten sich wirklich elend an, und ich traf noch vor Mitternacht daheim ein.

Der Schlaf im Barceloneser Hotel war ok und genug gewesen. Ich finalisierte so stromsparend wie möglich den Blogpost, recherchierte und kaufte online ein Ladekabel für mein zehn Jahre altes MacBook Pro, das angeblich schon heute zur Abholung im Apple Store bereit liegen würde (da Spezialkabel für nicht mehr produziertes Modell, verließ ich mich nicht auf Vorrätigkeit). Zudem hatte ich ja mein Arbeits-Notebook daheim, mit dem konnte ich überbrücken.

Spiegelselfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren und Brille in einem kleinen Aufzug, sie trägt weiße Jacke, Messenger-Bag, vor ihr ein großer Koffer

Geduscht, gepackt, Hotelaufzug nach unten.

Der Spaziergang zum Bahnhof (auch dieser von Baustellen umgeben, der Hindernislauf erweckte wieder Heimatgfühle) war schön, ich ging inmitten von Eltern, die ihre Kinder zur Schule begleiteten, in fröhlicher und gemeinschaftlicher Stimmung und nur wenig mehr Frauen als Männer.

Große Kreuzung in einer Großstadt in Morgensonne, ein langer Bus biegt gerade um die Ecke

Barcelona gefiel mir weiterhin gut, ich mochte die Großstadtstimmung, das Viertel La Bordeta fühlte sich wohnenswert an (Einmerker für eigentlichen Barcelona-Urlaub).

Im Bahnhof kaufte ich eine große Flasche Wasser: Das Leitungswasser in Barcelona schmeckte so greislich, dass auch ich es mir nicht antun wollte, gechlort und modrig. Also füllte ich nicht wie sonst die für die Reise mitgebrachten Sportflaschen (in Esporles und Valldemosa hatte das Leitungswasser sogar besonders köstlich geschmeckt), sondern erzeugte Plastikmüll.

Vor dem Bahnsteig zu meinem Zug Sicherheitsschleuse wie am Flughafen: Ticket-, Gepäck- und Körperkontrolle mit entsprechenden Warteschlangen. Hier könnte Söder noch aufrüsten, in bayerischen Fernbahnhöfen kann man einfach so in die Züge ins Ausland spazieren.

Lehrreiche Fahrt nach Paris:
1. Auch TGV kann Verpätung. Wir fuhren 10 Minuten nach Fahrplan von Barcelona ab, bis Paris hatten wir bis zu 30 Minuten Verspätung.
2. Auch TGV kann keine Internetverbindung. Da sich erwies, dass auch Spanien und Frankreich weitläufige Funklöcher können, haschte ich wie in Deutschland immer wieder irgendeiner Art von Verbindung.
3. Wie schon auf der Hinfahrt waren die spanisch gemeinten Versionen der Durchsagen vor lauter französischem Akzent und Genuschel komplett unverständlich. (Mir ist diese kindliche Taktik zu Verschleierung von Unkenntnis nicht fremd.)
4. Im TGV-Zugrestaurant bedeutet “Cappuccino” schlichten Kakao. Das musste ich feststellen, als ich einen solchen nach ausdauerndem Schlangestehen als Mittagscappuccino geholt hatte und reklamierte, das sei doch aber chocolate: Die wirklich freundliche Angestellte hinter der Theke verstand nicht, was es zu reklamieren gab, ich hätte doch Cappuccino bestellt, und das sei spanisch “chocolate”.

Blick aus Zugfenster auf Landschaft mit Binsenwiesen und Wasserflächen, im Vordergrund ein Fensterbrett, darauf ein Becher, auf dessen Inhalt man Milchschaum sieht

Dabei wäre die Aussicht dazu gerade herrlich gewesen. So kippte ich das Getränk halt ins Zugklo, auf Kaba hatte ich wirklich keine Lust. Brotzeit um zwei: Apfel, zwei gut durchgequetschte Eiweißriegel aus dem Wanderproviant.

In diese Richtung brauchte der Zug Barcelona-Paris fast eine Stunde weniger als hin: Er hielt auf der französischen Seite nicht an jeder Strandhütte. Doch die halbstündige Verspätung bis Paris (die beharrlich als 15 Minuten durchgesagt wurde) machte mich ein wenig unruhig, obwohl sie mir weiterhin über eine Stunde für den Wechsel zwischen Gare de Lyon und Gare de l’Est ließ: Der Zeitaufwand des Transfers zwischen den Bahnhöfen in Paris liegt nicht in den eigentlichen Fahrten und Übergängen, sondern im Fahrkartenkauf an den Automaten. Daran lange Schlangen ungeübter Touristen, da dauert der Ticketkauf schnell mal 20 Minuten (gestern mitgestoppt). Trotzdem fand ich am Gare de l’Est noch Zeit für die Besorgung eines Abendessens inklusive Wasserkauf (noch mehr Plastik).

Mauer mit Graffiti vom Zug aus gesehen, darüber wolkiger Himmel

Nach den ersten 20 Minuten der Fahrt Paris-Stuttgart hatte dieser TGV bereits 10 Minuten Verspätung. Diesmal saß ich auf einem Fensterplatz, ich sah hinaus in die französische Landschaft, solange das Tageslicht noch etwas erkennen ließ. Um acht packte ich mein Abendessen aus: Körner-Baguette mit Tomate, rohem Schinken, Mozarella, außerdem ein Pain au raisins, beides bereitete mir Vergnügen.

Die immer größere Verspätung beunruhigte mich weniger: Mit nur (heutzutage) elf Minuten Umsteigezeit würde ich in Stuttgart zwar meine gebuchte Verbindung verpassen, doch um diese Zeit gab es überraschend viele ICEs nach München. So nahm ich dann auch einfach den nächsten, Platz hatte dieser ohnehin genug.

München empfing mich sehr kühl: Schon in Paris hatte ich zu Jacke und T-Shirt einen Pulli angezogen, jetzt wickelte ich meinen Schal um den Hals. Und dann fuhr ich um halb zwölf mit meinem Koffer Slalom nach Hause um Wiesnpizzen, Rikscha-Rowdies und viele, viele torkelnde Oktoberfest-Cosplayer*innen. Ich muss künftig meine Oktoberfestflucht besser mit genau diesen 16 Tagen parallelisieren.

Reiseunterhaltung an diesem zweiten Tag war Elif Shafak, Michaela Grabinger (Übers.), Ehre, die letzten Seiten noch im Bett vor dem Einschlafen. War mir als eine der in der Türkei meistgelesenen Autorinnen empfohlen worden, und bei türkischer Literatur habe ich eh eine böse Lücke. Auf Deutsch hatte ich es gekauft, weil ich von einem türkischen Original ausgegangen war: Irrtum, das hat Shakaf auf Englisch geschrieben, aber jetzt war’s schon egal. Las ich gestern sehr gern, Details später.

die Kaltmamsell