Journal Dienstag, 1. Oktober 2024 – Spaziergang mit letztem Sonne- und Farbetanken / David Schalko, Schwere Knochen

Mittwoch, 2. Oktober 2024 um 8:19

Gut geschlafen, wenn auch nicht lang genug. Draußen blauer Himmel, der einen warmen bis heißen Tag versprach. Ich brachte dennoch keine Lust für Strand auf, die Zeiten sind wohl einfach vorbei (merken fürs nächste Packen).

Statt dessen beschloss ich, die andere Meer-Seite, nördlich von Alcúdia, zu erkunden. Beim Frühstück tauchte ich gleich gar nicht auf, das schien mir das Einfachste. Ich packte Brotzeit und ging durch schon wieder Straßenmarkt Richtung Bonaire.

Ausblick aus sonniges Meer, im Vordergrund Felsstrand, im Hintergrund Hügel

Schnell stellte ich fest, dass es im Norden zwar interessante Felsküste gab, aber keinen Fußweg, auch nicht die Straße entlang. Ich kehrte um, zumal ich unterwegs ein Hinweisschild mit Wandersymbol zu einem Weg nach Refugi del Coll Baix gesehen hatte, anderthalb Stunden Gehzeit – den wollte ich machen. Zumal ich mich ja wieder auf Vorrat bewegen musste, Mittwoch und Donnerstag werden Reise- also Sitztage.

Im Hotel wechselte ich die Schuhe von Sandalen zu Turnschuhen und machte mich auf den Weg. Es war ein einfacher Spaziergang hauptsächlich auf Straßen und begleitet von Autoverkehr, aber ich genoss die Sonne in vollen Zügen, das Licht und die Farben, genoss nochmal den Duft von Pinien und Rosmarin, genoss die Bewegung. Auf dem letzten Stück waren viele Menschen unterwegs: Es gab einen Parkplatz, von dort kam man wohl zu Fuß zu einer Badebucht. Ich hörte erstaunlich viel Polnisch, zum ersten Mal wiederholt auch Österreichisch.

Außerdem bekam ich nochmal eine kleine Tierschau: Esel, Ziegen, erstmals freilaufende Schweine, außerdem Gänse – es war also tatsächlich Gänsequaken, was ich meine ganze Wanderung über immer wieder gehört und was mich reichlich verwirrt hatte (gestern fiel mir ein, dass in Bayern gerade die Gänsebratenzeit beginnt, Erntedank, St. Martin etc., umgehende Gelüste). Schon auf meiner ersten Spazierrunde morgens hatte ich einen Wiedehopf gesehen, zwar nur von hinten auffliegend, aber unverkennbar.

Wanderwegschilder mit Zielen und Gehzeiten

Schmaler asphaltierter Weg in der Sonne, daneben Trockenmauern und Bäume

Esel zwischen Bäumen hinter einem Zaun

Zwei hellrosa Schweine im Schatten unter einem Baumstamm, durch einen Zaun fotografiert

Schmale Straße bergauf zwischen sonnigen Bäumen

Sonnenbeschienene braune Ziegen zwischen Bäumen

Schmale Straße bergauf zwischen sonnigen Bäumen, die auf der Straße Schattenmuster werfen

Oben am Refugi war ein Rastplatz, um halb zwei machte ich Brotzeit: Vollkornsemmel mit Jamón, eine Papaya. Und ich bekam Besuch von den frei herumlaufenden Ziegen, ebenso wie andere Brotzeiter*innen am Rastplatz: Meine Wasserflasche und mein Gesicht wurden beschnuppert (Ziegen klettern ja gern). Zum Glück hatte ich schon aufgegessen und wurde nicht zum Teilen gedrängt.

Sonniger Weg bergab zwischen Bäumen, darauf Spaziergänger und ein Radler

Zwischen Nadelbäumen Blick aufs sonnige Meer

Zurück im Hotel setzte ich mich in den Innenhof zum Lesen, bis die Sonne doch zu direkt schien.

Telefonat mit Herrn Kaltmamsell, der mir versicherte, alle Heizkörper der Wohnung seien betriebsbereit, er habe das geprüft (für Freitag sind 11 Grad Höchsttemperatur angekündigt).

Beim Abendessen räumte ich auf: Es gab den restlichen Käse mit, ha!, getrockneten Feigen, die ich als Notnahrung mitgenommen hatte und wirklich nicht gesamt wieder zurückschleppen wollte. Nachtisch spanische Fabrikpralinen, gar nicht so schlecht.

Neue Lektüre: Roxane Gay, Hunger: A Memoir of (My) Body, nicht gerade ein Laune-Heber.

§

David Schalko, Schwere Knochen, ist ein Roman von 2018, der in der kriminellen Nachkriegszeit in Wien spielt, als auch Wien – das ist den meisten Deutschen nicht bewusst – in Besatzungssektoren aufgeteilt war, was so manche Korruption und kriminellen Machenschaften erst ermöglichte. Dazu der Zoo und seine Tiere, grotesker Sex, groteske Bordelle, noch groteskere Todesfälle – ich fühlte mich an John Irvings allerersten Roman erinnert: Setting free the Bears. Aber das war schon die einzige Wiederholung: Der Schauplatz, vor allem aber der Tonfall von Schwere Knochen sind ausgesprochen originell.

Die Klammer des Romans ist der Tod seiner Hauptfigur Ferdinand Krutzler, der mit seinen Freunden vor dem zweiten Weltkrieg in Wien Verbrechen begeht, mit ihnen wegen eines Hassadeurstücks ins Konzentrationslager deportiert wird, dort eine weitere Verbrecherkarriere absolviert, nach dem Krieg in Wien systematisch schmuggelt, zuhält, Schutzgelder erpresst, mordet. Alles an dieser Handlung ist eine Parallelwelt, in der eigene Regeln gelten, nichts kann vorausgesetzt werden. Die Erzählstimme tut gut daran, zwar sehr hörbar zu sein, aber nichts zu kommentieren, sie ist reine Lakonie. Was hervorragend zum Personal passt, das auch eher nicht redet (und dessen Worte fast ausschließlich in indirekter Rede wiedergegeben werden). Am deutlichsten sichtbar wird die Erzählstimme im Foreshadowing: “Dass dieser Jemand ausgerechnet der Wesely sein würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.” Nur dass das Foreshadowing manchmal gar nicht stimmt – auch darauf sollte man sich nicht verlassen.

Es entsteht ein unangenehm lebendiges Bild einer Zeit, die gerade wieder neu literarisch aufgearbeitet wird. Die Haltlosigkeit in diesem rechtsfreien Raum ist sehr nachvollziehbar. Lese-Empfehlung, auch wenn der zweiten Hälfte Straffung durch energisches Lektorat gut getan hätte.

Mir gefällt die Besprechung in der Süddeutschen von Burkhard Müller:
“Splatter-Stoizismus nach Wiener Art”.

Der Roman bekommt durch seinen Ton und seine Haltung in den Griff, was sonst als quirliges Panoptikum nach allen Seiten auseinanderspritzen müsste wie das viele Blut, das freizusetzen die Erdberger niemals zögern. Es ist ein Ton, den man so noch nie gehört hat, und eine Haltung, die man vielleicht am besten als Splatter-Stoizismus bezeichnet.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 30. September 2024 – Feldforschung Landeskunde in Alcúdia und Port d’Alcúdia

Dienstag, 1. Oktober 2024 um 8:20

Sonntag erster Ausruhtag in Alcúdia – was recherchierte ich Sonntagabends also für Montag? Richtig: Wanderungen um Alcúdia. Bloß dass die alle eher umständlich zu erreichen waren, Autovoraussetzungsverdacht.

Plante ich also um: 1. Einkäufe im größten gut erreichbaren Supermarkt. 2. Spaziergang nach Port d’Alcúdia und Check Fährenabfahrtsadresse, anschließend Gegend-Erkundung.

Gedeckter Tisch in einem Innenhof mit Tonfliesen und Pflanzen

Wieder verstörte ich eine herzliche Pensionswirtin, weil ich nichts von einem wirklich liebevoll komponierten und angerichteten Frühstück nahm. Fester Vorsatz, künftig konsequent auf Übernachtungen ohne Frühstück zu bestehen, auch wenn die Buchung von einer organisierenden Agentur übernommen wird.

Der größte gut erreichbare Supermarkt war in 10 Minuten Fuß-Entfernung ein mittelgroßer Mercadona.

Vor wolkenlos blauem Himmel eine Kirche aus Sandstein, davor geschlossene bunte Karussels

Auf dem Weg Morgensonne über Historischem und Neuem.

Der Supermarkt bot viel Interessantes, vor allem bei den Fertiggerichten (u.a. gefrorene Gemüsespieße zum Grillen), in der Fleischtheke Fertig-Zusammenstellung für Frito mallorquín (Lammherz, -lunge, -niere), überraschend große Auswahl an Truthahn-Schinken und -Wurst, auch die spanischen Klassiker Chorizo und Salchichón. In der Drogerie-Abteilung immer noch Warm-Enthaarungs-Wachs zum Selberschmelzen.1 Keinerlei als vegetarisch oder vegan markierte Produkte (aber Gluten-freie).

Was mich zu Beobachtungen in der Gastronomie bringt:

1. In der hiesigen Kulinarik scheint die Vegetarisch-, gar Vegan-Bewegung nicht angekommen zu sein. Im Gegenteil fallen mir besonders viele explizite Steak-Restaurants auf, die ich bislang nicht unbedingt mit Spanien verbunden hatte. Vegetarisch oder vegan Veranlagte sollten sich idealerweise schon vor Reiseantritt mit den typischen Gerichten der Landesküche beschäftigen, es gibt hier nämlich abseits von Pommes durchaus zufällig Veganes: Zum Frühstück Churros (der Teig besteht nur aus Wasser und Mehl, wird in Pflanzenöl rausgebacken), als Tapas Oliven, Pan con tomate, Papatas bravas, Pimientos de padrón, an warmen Gerichten empfehle ich seit diesem Urlaub Tumbet. Vegetarisch wären noch der hiesige Käse und Tortilla de patatas im Angebot. Wahrscheinlich gibt es auch Gemüse-Paellas.

2. Die Anzahl der Eisdielen scheint mir sprunghaft gestiegen – nein, werde ich nicht testen, mein begründetes Misstrauen gegenüber spanischer Eiscreme überwiegt die Neugier, zumal ich eh nicht die große Speiseeis-Freundin bin.

Altstadtgasse in der Morgensonne, rechts en dreigeschoßiges Haus mit grünen Fensterläden

Rechts mein Hotel, der Balkon im 1. Stock gehört zu meinem Zimmer. Nach Abladen meiner Einkäufe (Zimmer verfügt über einen Kühlschrank) packte ich Brotzeit ein und spazierte Richtung Port d’Alcúdia – über einen Umweg, um nicht nur Hauptstraße entlang zu laufen. So stieß ich auf den hiesigen Friedhof und sah mich darin um.

Aufwändiges Familiengrabmal mit Figur, beschriftet mit "Jaime Ramis y familia"

Typischer spanischer steiniger Friedhof, noch wenig genutztes Columbarium. Aber ich fand bereits ein paar deutsche und englische Namen auf Grabsteinen: Wichtiger Meilenstein der Immigration von Bevölkerungsgruppen, wenn die Verstorbenen in der neuen Heimat bestattet werden.

In Port d‘Alcúdia fand ich die Ablegestelle meiner Fähre und wandte mich dann um, den Strand entlang zu spazieren. Nach über einer Stunde war ich immer noch nicht an dessen Ende angelangt und sehr beeindruckt: Dieses Port d‘Alcúdia sieht mir nach ausgesprochen zivilisiertem Strandurlaub aus. Viele Kilometer Sandstrand mit Infrastruktur (derzeit werden die bisherigen Holzhütten-Klos durch gemauerte Häuser ersetzt), gesäumt von kleinen, dezenten Hotelanlagen und Ferienhäuschen.

Und es verkehrt täglich eine Fähre von und nach Barcelona im Hafen in der Bucht.

Sandstrand mit Strohschirmen, im Vordergrund und Gegenlicht eine große Palme

Im Vordergrund riesige alte Pinien, dahinter Strand mit Schirmen und türkisfarbenes Meer

Zwischen dicken Baumstämmen sieht man Strohschirme und türkisfarbenes Meer

Hier sah ich auch viele Familien mit Kindern und fragte mich sofort, warum die nicht in der Schule sind – aber vermutlich sind in einigen Gegenden Europas bereits Herbstferien. Außerdem fiel mir auf, dass nur ein ganz kleiner Anteil der Menschen sichtbar tätowiert war. (Insgesamt wunderbarer reality check, wie die Körper echter Menschen in ihrer ganzen Vielfalt aussehen.)

Nach dieser Stunde in die eine Richtung machte ich Kehrt, gegen zwei setzt ich mich zur Brotzeit auf eine Betonbank im Schatten einer riesigen Pinie: Vollkornsemmel mit Jamón, eine frische Ananas in Scheiben.

Der Ruf der Strandverkäufer hier übrigens: „Mojito Sangría Mojito Sangría.“

Ich habe sogar Bikini und Badetücher in meinem Koffer dabei – doch Sandstrand und Meerwasser sind zwar als Vorstellung attraktiv, de facto aber vor allem sandig. Vielleicht raffe ich mich am Dienstag auf, und sei es nur, weil ich schonmal hier bin.

Auf dem Rückweg fotografierte ich besonders schöne Anlagen für zukünftige Buchungen. Und sah eine Weile einem Hund zu, der durch einen kleinen Pool schwamm, ausstieg, einen Ball ins Wasser rollen ließ, diesem begeistert hinterher sprang, mit dem Ball aus dem Wasser stieg, ihn wieder hineinrollen ließ, begeistert hinterher sprang etc. immer wieder. Ich empfand eine tiefe Seelenverwandtschaft.

Vor einem schlichten Ferienhaus ein blauer Pool, rechts neben der Treppe dazu ein großer heller Hund

Vor einem schlichten Ferienhaus ein blauer Pool, aus dem gerade das Wasser aufspritzt

Ferienwohnanlage am Strand mit zweigeschoßigen weißen Häusern, davor Palmen

Auf einem Trafo-Häuschen in der Sonne die Aufschrift "Restaurant Peking" und Graffiti

Zurück im Hotel setzte ich mich mit meinem Laptop in den schönen begrünten Patio des Hotels zum Lesen und Schreiben – um schon nach wenigen Minuten aufzuspringen und mich in meinem Zimmer erneut von oben bis unten mit Anti-Brumm zu besprühen, weil: Bsssssss!

Ein Tisch unter einem Mauerbogen, dahinter ein begrünter Patio, auf dem Tisch ein aufgeklappter Laptop und ein Wasserglas

Keine 10 Minuten nach Rückkehr in den Patio das nächste Bsssss! Ich glaube, die Viecher halten beim Stechen einfach die Luft an. (Und ich werde in diesen zwei Wochen eine ganze Flasche Anti-Brumm verbraucht haben.)

Nach einem Nachmittag mit Roman und Internet gab’s zum Nachtmahl eine rote Paprika (meh, war was Frisches, aber das nächste Mal bitte wieder eine mit Geschmack), außerdem frische Feigen mit Käse. Ich glaube, jetzt bin ich mit frischen Feigen für diese Saison durch, zum ersten Mal im Leben. Nachtisch Schokolade, spanische Schokolade.

Im Bett David Schalko, Schwere Knochen ausgelesen – bis zuletzt angenehm quirky, auch wenn sich die zweite Hälfte streckenweise etwas zog.

  1. Ich leider gerade sehr unter Flauschigkeit, doch mein Beinhaarwachstum und der Urlaub meiner Enthaarerin waren nicht kompatibel – und Zwischenrasieren bereute ich im letzten solchen Fall sehr, weil die dann harten Stoppel für erneutes Wachsenthaaren erstmal lang genug werden müssen TMI Verzeihung []
die Kaltmamsell

Lieblings-Microbloggereien September 2024

Montag, 30. September 2024 um 17:16

Mastodon immer ein bissl nerdiger als andere Plattformen. Aber Big Bang Theory wurde zu meiner absoluten Überraschung ja auch ein Massenerfolg.

Woanders war ich diesen Monat praktisch nicht unterwegs, deswegen sehr magere Ausbeute, nur von Bluesky:

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 29. September 2024 – Übersiedlung von Pollença nach Alcúdia

Montag, 30. September 2024 um 8:37

Realitätsflucht halte ich für eine irreführende Bezeichnung: Wenn die Realität momentan einfach ist, wo man nicht sein möchte? Zum Beispiel weil sie zu viele entkräftend kreiselnde Gedanken, Erinnerungen, Ausblicke, Gefühle enthält? So merkte ich am Samstag durch immer tiefer hängende Flügel und weil mir nichts einfallen wollte, worauf ich mich freuen konnte, dass ich eine Alternative brauchte, ein Ausweichen: Realitätsferien. Wie wunderbar, dass ich am Vorabend einen Roman begonnen hatte, der mir gut gefiel und dessen weitere Handlung mich sehr interessierte: David Schalko nahm mich mit seinem Schwere Knochen in die Kriminellenszene von Konzentrationslagern und der österreichischen Nachkriegszeit mit, in einem sehr wienerisch lakonischen Tonfall. Dort beim bauernschlau-brutalen Krutzler und seiner Bande wollte ich viel lieber sein als bei mir, sollten sich meine blöden Gefühle und Befindlichkeiten bitte im Hintergrund um sich selber kümmern, im Idealfall sortieren. Zeitung, Nachrichten, Blog konnten ebenfalls selber schauen, wo sie blieben.

Es sollte dafür eigene Läden geben: Eskapismus aller Art. Romane, Filme, Strickzeug, Gesellschafts- und Geschicklichkeitsspiele.

Ich hatte gestern gut geschlafen, wachte aber viel zu früh auf. Nach einiger Weile schaffte ich es nochmal einzuschlafen.

Frühstück ließ ich aus, gestern brauchte ich ja auch keine Brotzeit, statt dessen ging ich in den wundervoll sonnigen Morgen in Pollença. Die Fußbeschwerden, um die ich mich vor der Wanderung sorgte, machten übrigens überhaupt keine Probleme; ich bemerkte ihre Existenz wenn überhaupt beim Gehen außerhalb der Wanderungen. Und ich bin natürlich nicht die einzige, die hier von Mücken gestochen wird: Gerade helle nackte Beine um mich herum sind praktisch alle mit deutlich mehr Quaddeln übersät.

Morgensonnenlicht in Dorfgasse, rechts eine moderne Steinskulptur, links eine Außentreppe zwischen Häusern, auf dern ein Mann sitzt und in einen Handy-Bildschirm spricht, im Hintergrund Zypressen

Der Herr links filmte sich gerade beim Aufnehmen einer Predigt, zumindest dem spanischen salbungsvollen Tonfall nach, es ging um eine übergewichtige junge Frau.

Türstock eines alten Steinhauses mit einem Stoffvorhang verhängt

Ikat-Muster in natürlichem Habitat – hier ein ausführlicher Artikel im AD-Magazin zum speziellen Färbe- und Webverfahren sowie zu den regionalen Unterschieden.

Von leicht unten die helle, schlichte Fassade einer Kapelle, auf beiden Seiten Bäume, rechts der Schattenriss eines Gitarrenkoffers und eines Gitarrenhalses

Calvarien-Kapelle, vor der sich gerade ein Gitarrist in Paco-de-Lucía-Outfit warmspielte (hat tip an den Gitarre-spielenden Neffen 2, der bereits die korrekten Stiefel besitzt).

Alte Urkunde auf Spanisch hinter Glas, in dem sich die Fotografin spiegelt

An der Innenwand der Kapelle. So sieht also ein Ablassbrief aus, ich lernte die spanische Bezeichnung Rescripto de indulgencias und freute mich an dem “ETC., ETC”.

Blick von innen auf einen sonnigen Vorplatz, rechts eine große dunkle Holztür mit Nagelmuster, links klein zwei Menschen, die sich nähern

Erhöhter Blick auf eine Stadt im silbernen Mirgendunst, von grünen Hügeln umgeben

Pollença

Schräger Blick hinunter auf eine sonnenbeschienene Steintreppe, rechts und links Zypressen, unten im Dunst eine Sandsteinkirche

Zurück vom Spaziergang hätte ich doch gern einen café con leche in einem Café gehabt – doch das Personal an der Theke ignorierte mich minutenlang so betont (kein Blick, kein Wort), dass ich packte und ging.

Ich wollte wieder nicht zu früh im nächsten Hotel auftauchen, in dem ich noch drei Gammeltage (as if) verbringen wollte, in Alcúdia. Also las ich noch eine Runde, bevor ich zur Bushaltestelle ging.

In Alcúdia musste ich mich mit meinem Koffer durch einen Straßenmarkt schlagen (Kleidung und Krimskrams), zum Glück war das Hotel im Altstadtkern nicht weit.

Großes, hohes Hotelzimmer in einem Altbau mit Himmelbett und bunten Bodenkacheln

Von der Wirtin erfuhr ich, dass es sich um das Elternhaus ihres Ehemanns handelt.

Nach Auspacken ging ich raus nach Alcúdia zum Gucken und Brotzeitkaufen.

Schmal Altstadtgasse, unten die Köpfe vieler menschen, am oberen Rand ein verzierter Turm aus Sandstein

Es war sehr, sehr voll in den schmalen Gassen mit vielen Restaurants, Bars, Kleidungs- und Krimskramsgeschäften, es dauerte eine Weile, bis ich Brotzeit in Form von kleinen Empanadas zum Mitnehmen fand. Zwei gab es um zwei zu einem Apfel aus Restbeständen.

Nachmittag mit Lesen. Fürs Nachtmahl ging ich raus, entschied mich für irgendeines der Dutzende Touristen-Lokale, die irgendwas mit Tapas, Pasta und Burger anboten – weil ich auf deren Karte eine kleine Unterabteilung “mallorquinische Spezialitäten” gesehen hatte. In Jeansjacke konnte ich in der Abendkühle noch draußen sitzen.

Drei Fotos von Teller mit Speisen: Gemüseauflauf, Kroketten, Kuchen mit Eis

Die Croquetas links unten aß ich für Herrn Kaltmamsell, der sie liebt – und die mit Bacalao-Füllung waren auch gar nicht übel. Außerdem Tumbet (zufällig und immer schon vegan), das ich daheim wohl als Erstes nachkochen werde. Nachtisch mallorquinischer Mandelkuchen Gató mit Mandeleis, ganz frisch und gut. Lust auf Alkohol hatte ich nicht, also dazu Tonic Water.

Zurück ins Hotel über eine kleine Runde durch die kleine Altstadt.

Nächtlich beleuchtet sehr altes Stadttor aus Sandstein, davor Menschen

In der Nacht ein steingepflasterter Platz, links ein beleuchteter Autoscooter, rechts eine Stadtmauer aus Sandstein

Es sind wohl gerade noch Fiestas hier.

§

Ich bin immer noch dabei nachzudenken, was Männerpräsenz für mich bedrohlich macht – nachdem ich gerade erst gemerkt habe, wie schlagartig entspannter ich werde, wenn dieser Mann bunt lackierte Fingernägel hat. Eine Diskussion auf Mastodon lieferte mir das Stichwort “gefühlter Testosteron-Anteil”, das scheint mir eine heiße Spur. Nächstes Nachdenken also, woran ich diesen Testosteron-Pegel festmache – außer an sehr deutlichen und lauten Anzeichen im Fußball oder mit aufheulenden Autos. Es müssen viele kleine Details im Gesamt-Habitus sein, die alle nicht mit bunt lackierten Fingernägeln zusammenpassen.

§

Für alle, die sich an mehr Maggie Smith erinnern als ihre Rollen in Harry Potter und Downton Abbey, hier Nachruf und Erinnerungen von Arbeitskolleg*innen im Guardian:
“Dame Maggie Smith obituary”.

Zum Beispiel vom Drehbuchautor des Films The Best Exotic Marigold Hotel, Ol Parker:

The acerbic wit, the putdowns, the total lack of fucks given were at least as funny and powerful as the lines writers like myself tried to create for her.

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Jetzt in der 3sat-Mediathek: Der Dokumentarfilm über unser Kartoffelkombinat – die ersten neun Jahre. (Mich sieht man einmal ganz kurz auf einer Generalversammlung.)
“Das Kombinat”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 28. September 2024 – Schlussetappe Lluc-Pollença

Sonntag, 29. September 2024 um 7:41

Weiß gedeckter Tisch mit leerer Kaffeetasse, Teller mit Käse- und Wurstsandwich

Gepflasterter Platz mit vielen Bäumen, im Hintergrund Berge, über die dunkle Wolken kommen

Steiniger, ebener Wanderweg zwischen wenig Bäumen unter düsteren Wolken

Steiniger Wanderweg in hellen Stufen aufwärts zwischen Bäumen

Erhöhter Blick in ein grünes, sonniges Tal, in dem eine Klosteranlage aus hellgelben Steinen liegt

Im gegenlicht eine Wasserrinne zwischen Pflanzen

Ein Laub-armer Baum mit kleinen roten Früchten vor blauem Himmel

Holzleiter über eine Steinmauer im Wald

Hinter Sonnen-beschienenem Wald mit Wandeweg kriechen Wolken über einen felsigen Berg

Auf einer Wiese vor Bäumen steht ein riesiger weißer Sack voller Johannisbrotschoten

Eine schmale Straße, auf die die Sonne duch die danebenstehenden Bäume Muster malt

Links ein ebener, steinfreier Wanderweg, beschattet von den Bäumen links danaben, rechts ein steiniges, leeres Flussbett

Trampelpfad neben einer Straße, mit Leitplanke davon getrennt

Durch einen Zaun fotografiert: Granatapfel an Baum

Gepflasterte Plaza in einem Ort, darauf Stufen, große Sonnenschirme, im Hintergrund Gbäude aus Sandstein

Auf einer Handflläche fünf kleine rot-orange Früchte, im Hintergrund ein Fenster, das auf eine Plaza hinausblickt

Erhöhter Blick auf einen alten, eckigen Kirchturm aus Sandstein vor Abendhimmel, seine Uhr zeigt 19:40

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. September 2024 – Ins Santuari de Lluc gewandert

Samstag, 28. September 2024 um 8:03

Das war ein schöner Wandertag gestern, fühlte sich nach Berg-Etappe an mit seinen Aussichten, hatte Abwechslung im Verlauf, Ungewöhnliches, Wald, Tiere – und war mit 15 Kilometern in fünfeinhalb Stunden auch genug Bewegung. Allerdings wieder in Gesellschaft zahlreicher anderer Wander*innen, meist zu zweit, aber auch in großen Gruppen – ich konnte nur zum Teil gedankenverloren und in wirklich meinem eigenen Tempo gehen. Das Wetter sonnig und mild, doch der Weg schön schattig.

Erstmal aber wurde ich nach Kolumbien mitgenommen. Meine Wanderung startete wieder am Stausee Cúber, dorthin fuhr mich ein Herr – der, wie sich herausstellte, aus Kolumbien stammte (er hatte mich aufgrund meines Nachnamens als Nachfahrin von Landsleuten verdächtigt, der sei in Kolumbien ausgesprochen häufig). Und als ich ein wenig Smalltalk über die Schönheiten von Mallorca machte, fing ich mir einen halbstündigen Vortrag über die Schönheiten von Kolumbien als Reiseland ein, über die Heimatstadt des Herrn, Armenia, über die geografischen und historischen Hintergründe, so grün, tolle Natur, super zum Wandern, und Medellín, das meine Generation ja in erster Linie mit Drogenhölle assoziiert, sei zum Innovations-Hotspot geworden, weil ganz viele US-amerikanische Start-up-Leute von dort remote arbeiteten. Nach dem Aussteigen am Stausee zeigte er mir auf seinem Handy noch YouTube-Ausschnitte zur Illustration. Ich war durch und durch überzeugt: Machen Sie Urlaub in Kolumbien!

Es dauerte dann eine Weile, bis ich den Kopf und den Blick frei hatte für jetzt und Mallorca.

Ich habe eine Idee, woher die Idee zu dem Muster Ikat herkommt (danke für die Recherche!).

Der Weg startete gleich mal ziemlich abgefahren neben einem modernen Aquädukt.

Rechts eine Beton-Rinne, in der Wasser fließt, links ein Wanderweg, daneben lichte Bäume

Selfieeiner Frau mit Brille und Kappe vor Wanderweg mit Betonrinne

Mitten auf dem steinigen, befestigten Wanderweg zwei große Pilze, um sie Erdreich vom Hochkommen

Und mit Pilzen, die sich wie Bauarbeiter mitten im Weg rausgegraben hatten.

Erhöhter Blick auf sonnige Landschaft mit See und Bergen

Blick auf den Stausee Gorg Blau.

Im Gegenlicht ein Felsen, auf dem ein Baum wächst, daneben Betonrinne und Wanderweg

Breiter, steiniger Wanderweg zwischen Bäumen

Steiniger, sonniger Wanderweg abwärts zwischen hohen Bäumen

Viele, viele Steineichen.

Ein sehr zotteliges Schaf zwischen Bäumen

Immer wieder Ziegen und Schafe – unter anderem dieses, das dringend mal einen Friseur bräuchte. (Über den Anhöhen viele Schwalben.)

Lila blühender Busch im Schatten vor sonnigen Bäumen und Berg

Dominante Blühpflanze des Tages war Wacholder – die Blüten duftete sogar sanft.

Steinig-stufiger Weg aufwärts Richtung blauem Himmel

Zunächst ging es vor allem hoch.

Blick hinab in sonnige grüne Berglandschaft

Blick hinab in felsige Berglandschaft bis hinunter zum Meer

Wer weit hoch geht, kann runterschaun.

Auf einer Anhöhe Blick auf schmalen, sonnigen Wanderpfad, der von Gräsern fast verdeckt wird

Jetzt war der Weg meist von diesen Gräsern verdeckt – tückische Steinstolpergefahr.

Blick von weit oben auf ein grünes Tal zwischen Bergen, ganz klein ein Sandstein-Kloster im Sonnenlicht, im Vordergrund die Knie der Fotografin

Nach fast vier Stunden Brotzeit kurz vor zwei: Ich hatte mir vom Hotelfrühstück zwei Körnersemmeln genommen und mit dem (vielen) restlichen Käse vom Vortag belegt. Unten sah ich jetzt bereits mein Tagesziel, das Santuari de Lluc (kein eigentliches Kloster).

Mit großen Steinen befestigter Wanderweg, links eine Steineiche

Unaufgeräumt steiniger Wanderweg nach unten zwischen Steineichen

Ein mehrstöckiges schlichtes Sandsteingebäude in der Sonne, davor ein Platz mit wenigen Bäumen

Angekommen im Santuari. Beim Einchecken wurde mir gleich das Tagesmenü des angeschlossenen Restaurants angeboten, ich reservierte unbesehen.

Breiter Korridor mit glänzenden Bodenfliesen, von dem Zimmertüren abgehen

Der Korridor erwies sich schnell als Geräusch-verstärkend hallig.

Schlichtes, geräumiges Hotelzimmer mit drei Betten

Allein im großen Dreibett-Zimmer, das gefiel mir. Allerdings sehr hellhörig: Ich wusste bald, dass auf beiden Seiten je zwei Frauen wohnten.

Diese Blasenpflaster soll man ja dranlassen, bis sie von selbst abfallen, richtig? Joah, meine an den gehäuteten Fersen waren beim Sockenausziehen bereits zerwuzelt und abgefallen. Was blöd ist, denn das waren meine beiden einzigen ganz großen.

Die Anlage Santuari de Lluc ist berühmt, Pilgerzentrum (auf dem Tischerl im Zimmer eine Broschüre mit Mariengebeten), Menschen reisen eigens zum Angucken hierher, also ging ich frisch geduscht nochmal raus und sah mich um.

Blick von einem Innenhof auf eine Kirchenfassade in schlichtem spanischen Barockstil

Wo Pilger, da Wallfahrtskirche.

Düsteres barockes Inneres der Kirche

Madonnenfigur (Moreneta) zur Anbetung in einer Kapelle hinterm Altar.

Blick von oben auf die Klosteranlage aus Sandstein

Auch durch den kleinen und wirklich bezaubernden botanischen Garten spazierte ich.

Blauer Swimming Pool, zum Teil verdeckt von einem Bronzeengel

Es gibt hier einen richtigen Swimming Pool! Ich hätte sogar Schwimmzeug dabei, doch gestern war es mir zu frisch für Wassergelüste – und einer Schwimmrunde vor dem Frühstück steht die Öffnung um 10:30 Uhr entgegen.

Hellblauer Abendhimmel hinter Silhouette von Bäumen

Die Zimmeraussicht ist hier auch nicht schlecht.

Ich hatte mich für die Abendessens-Spätschicht im großen Pilger-Restaurant eintragen lassen, also die nach acht.

Mit weißer Tischdecke gedeckter Tisch, darauf ein tiefer Teller mit Kichererbsen und ein Glas Weißwein, im Hintergrund Restaurant mit alten Mauern und Steinsäulen

Aus dem Tagesmenü wählte ich Kichererbseneintopf (gute, herzhafte Kichererbsen), Hähnchenschenkel mit Salat und Pommes, Mandelkuchen – alles zufriedenstellend. Dazu ein Glas Weißwein.

Abends Ausschüttungs-Mitteilung von VG Wort: Durch mehr Beteiligte am System ist die Zahlung pro Blogpost 2023 auf 25 Euro gesunken. Ich komme insgesamt immer noch auf zwei zusätzliche Monatsgehälter und kann wirklich nicht meckern (wo ich ja eh bloggen würde).

§

Moment: Wir hatten doch vereinbart, dass Maggy Smith nie sterben darf. Wir hatten sogar eigene Lebensjahre gespendet dafür, weil: Prioritäten. Und jetzt das. NOAAAAAAAIN!

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/rvrMVf8HJ44?si=vIBVHpcASbzqCoYX

Im Guardian eine Biografie in Fotos.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 26. September 2024 – Wanderruhetag in Palma mit drei Märkten

Freitag, 27. September 2024 um 7:41

Es wurde ein Tag der drei Märkte und der drei Backwerke.

Früh aufgewacht, mittelausgeschlafen.

Ganz erstaunlich, wie viele Hähne ich wieder hier mitten im Städtchen krähen hörte. Erst danach wachten die Spatzen auf und tschilpten dagegen.

Das Hotelfrühstück ließ ich gestern ganz aus: Brotzeit brauchte ich ja keine, wollte im Gegenteil meinen Appetit für Entdeckungen in Palma aufheben. Und der café con leche im Hotel ist… nicht gut.

Ich machte mich früh startklar, denn ich wollte vorher auf den Markt in Sóller, um nach Früchten aus der Gegend Ausschau zu halten. Offiziell öffnet er um acht Uhr, doch als ich nach einem (guten!) café con leche in einer Pastelería um halb neun hinkam, wurde noch aufgebaut, und die Ware der vier bereits bereiten Obst- und Gemüsehändler sah nach Großmarkt aus, nicht nach den Plantagen im Tal hier.

Brunnen, der auf einer aufgestellten Steinplatte aus rotem und grauem Marmor besteht, mit historistischen Verzierungen, daraus zwei Hähne, aus denen Wasser läuft, dazwischen an einer Kette eine schöne gestaltete Kelle

Brunnen am Hauptplatz von Sóller – mit Trinkkelle!

Nahm ich also gleich um neun die Holzbahn von Sóller nach Palma, wackelte und rumpelte in einem der sehr schön hergerichteten Wagen mit wenigen anderen Reisenden hinunter, durch Tunnels und in goldener Morgensonne. Wir passierten vor der Stadt auch ein Industriegebiet, darunter ein Fabrikgebäude mit der pastellfarbenen Aufschrift “Mundidulce” – aus der es wunderbar nach Vanillin duftete. Und wir passierten ein Lager aus gepflegten, ordentlichen Papphütten, eine kurze Erinnerung an die Wohnsituation hier auf der Insel.

Wandgemälde vor blauem Himmel mit riesigem sitzenden Baby. das aus einer Flasche trinkt, davor klein als Spielzeugeisenbahn der Holzzug von Palma

Ankommen mit Streetart in style.

Als roten Faden für meine Wege hatte ich mir die Suche nach einem Kleidungsstück aus Stoff mit dem hier typischen Muster ausgedacht, idealerweise ein Oberteil (dann würde ich keines meiner Oberteile waschen müssen). Ich hoffte, dass ich damit und mit Besuch der beiden Markthallen in Palma die fünf Stunden bis zur Rückfahrt vollkriegen würde.

Zurückgebundener Vorhang an einem großen Fenster, hellgrundig mit einem rustikalen blauen Muster

Hier der Stoff im Hotel als Vorhang, in Läden hatte ich bislang Beutel und Kissenüberzüge in diesem Muster in verschiedenen Farben gesehen.

Also klapperte ich die Einkaufsstraßen von Palma ab, schlenderte mal hierhin, mal dorthin, bewunderte Jugendstil-Fassaden.

Schmale städtische Altstadtgasse vor blauem Himmel, an einem Hauseck Streetart

Altmodische Ladenfront, in en Schaufenstern Fächer, darüber in mondernistischen Buchstaben "Paraguas"

Am Ende einer schmalen Alstadtgasse vor knallblauem Himmel ein mehrschoßiges hellgelbes Jugendstilgebäude mit Türmchen

Der erste Markt von Palma, den ich ansteuerte, war der große Mercat d’Olivar – und mir ging gleich beim Betreten das Herz auf: Das war ein Mercado wie aus dem Bilderbuch meiner Kindheit. Der Großteil der Stände bot Obst und Gemüse an, darunter oft Feigen und Granatäpfel aus aktueller spanischer Ernte, auch die typischen mallorquiner Tomaten, klein und dickschalig, die durch Antrocknen haltbar gemacht werden und eigentlich die korrekten für Pa Amb Oli sind – viel zu wenige natürlich für die Nachfrage seit dem Siegeszug dieses gerösteten Brots mit Tomate und Olivenöl. Fleischstände, Fischstände, Käse, Backwaren, Wein, Trockenfrüchte – und am Rand Bars, einige durchaus schick. Ich merkte mir Stände für Feigen, Käse, Nachtisch für alle Fälle vor.

Für nämlich die Fälle, dass ich im zweiten angesteuerten Markt das Gewünschte nicht bekommen würde, im kleineren Mercat de Santa Catalina, den ich vom Palma-Urlaub 2017 in so guter Erinnerung hatte. Dorthin spazierte ich in Sonne und steigenden Temperaturen als Nächstes.

Rechts sonnenbeschienene Festungsmauer aus hellen Steinen, links Palmen, dazwischen Steinweg

Auch hier alles weiterhin korrekt, ich kaufte eine Palmera (Blätterteiggebäck, überdimensioniertes Schweineohr), frische Feigen und galicischen Käse Tetilla fürs Abendessen (keine Lust auf Ausgehen).

Jetzt hatte ich Appetit, setzte mich an die Theke eines der Bares, bat um eine caña (kleines Bier) sowie ein Tumbet mit Spiegelei drauf, das mich in der Vitrine des Bars als Türmchen angelacht hatte – das war die Vorspeise gewesen, die mich am ersten Abend in Esporles so begeistert hatte.

Doch dann war wohl meine Tourismusabgabe fällig: Neben mir stand ein alter angesoffener Mann (vor ihm ein fast leeres Rotweinglas), der mich ansprach und auf meine wohlerzogen freundliche Antwort zulaberte. Erst auf sowas wie Deutsch, dann auf Spanisch („Bin ja scho 84 Jahr!“, halt auf Spanisch), in dem Tonfall selbstgerechter und angeberischer Besserwisserei, wie ich sie von dieser Generation Spanier (egal aus welcher Region) nur zu gut kenne (mein Vater ist zum Glück anders). Ich antwortete knapp, ließ mich fast nicht provozieren überm Essen und Trinken (komplette Contenance verhinderte der Alkohol im Bier,  ich fürchte, ein Argument sang ich sogar), und schaute, dass ich weiterkam.

Mitfühlende Blicke der Köchinnen, und der Thekenmann – ein bezaubernder Schnauzbartträger mit türkis lackierten Fingernägeln – sah mich beim Zahlen (woran der alte Mann mich fast gehindert hätte, natürlich) sehr liebevoll an. Doch jetzt gräme ich mich wieder, weil ich gegen meinen Vorsatz verstoßen habe, in menschlicher Interaktion im Zweifel immer kindness walten zu lassen, ich wollte einfach nur raus aus der Situation. MENSCHEN!

Blick hinunter einen Kanal in Stufen, links Festungsmauer, in weiter Ferne Hafen

Bei einem kurzen Durchschnaufen auf einer schattigen Bank (es war heiß geworden, zum Glück wehte ein kräftiger Wind) beschloss ich, dass jetzt Süßes nötig war. Ich spazierte zurück in die Einkaufsstraßen und holte mir beim Horno Santo Cristo endlich mal eine kleine Ensaimada und ein Pain au chocolat, als “napolitana” weitergegeben.

Blick in ein schmales Schaufenster mit Töpferwaren und Stoff, alle mit dem markanten Muster des Hotel-Vorhangs

Was ich nicht kaufte. Stoffe in dem oben beschriebenen Muster sah ich, auch als Schürzen und in Stoffläden als Meterware. Doch das ist kein Kleidungsstoff, er ist dick und robust (obwohl ich mir einen Rock daraus durchaus vorstellen kann – Stoffkauf ohne irgendwelche Schneiderinnen-Kompetenz war mir dann doch zu riskant). Auch als Glasur von Töpferware gefiel mir das Muster.

Auf dem Bahnhofsplatz setzte ich mich in den Schatten, aß mein Gebäck und las, bis es Zeit für die Rückfahrt im Holzzug war.

Sonnige mediterrane Landschaft mit felsigen Hügeln

Schräger Blick aus den hölzernen Fenstern eines Zug-Abteils auf mediterrane Landschaft in der Sonne, rechts angeschnitten eine Passagierung mit dunklen langen Haaren

Erhöhte Sicht auf ein sonniges Tal, in dem eine Stadt liegt, umgeben von felsigen Bergen

In Sóller traf ich kurz vor fünf ein, freute mich über meine wohltemperiertes Hotelzimmmer (auch ohne Klimaanlage).

Was ich auf Mallorca bereits herausgefunden habe: Der Trend zum Birkenstock-Pantoffel als Sandale ist international und geht quer über alle Geschlechter und Altersgruppen. Vermutlich außer Kindern, die brauchen mehr Halt.
Apropos Kinder: Die sehe ich unter den vielen Tourist*innen praktisch nicht, ist ja Schulzeit in Europa. Hat etwas leicht Apokalyptisches.

Nachtmahl waren dann die Markteinkäufe: Feigen (die Verkäuferin hatte sie sorgfältig ausgesucht, es seien so ziemlich die letzten der Saison), Käse, Palmera – ohne Schokolade wegen Temperatur und Transport. War dann gar nicht so viel zu viel, wie es ausgesehen hatte – ich aß ein bisschen schneller, um nicht vor Ende schon voll zu sein.

Ted Chiang, Exhalation ausgelesen, wieder Kurzgeschichten, speculative fiction. Meiner Ansicht nach nicht so gut wie sein Meilenstein Story of your life und darin die gleichnamige Geschichte (verfilmt als Arrival): Zwar sind die what if-Prämissen auch in diesem zweiten Buch interessant und spannend, aber ihnen fehlt ein entsprechendes literarisches Format, das die Idee spiegelt (was ihm eben so meisterhaft mit “Story of your life” gelang). Fast allen Geschichten in Exhalation liegt das Nachdenken über menschlichen freien Wille zugrunde – doch mir war Vieles zu deutlich erklärt statt vorgeführt. Am besten gefiel mir die letzte Geschichte “Anxiety Is the Dizziness of Freedom”: Quantenphysik ermöglicht Computer, mit denen man parallele Lebensverläufe sehen und mit ihnen kommunizieren kann. Das ist schön erklärt und aufgeschlüsselt, endet für meinen Geschmack aber in zu viel Friede-Freude-Eierkuchen.

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Eine Perspektive zum eigenen 60. Geburtstag (wie alle von Antje Schrupp anregend und interessant, egal ob ich zustimme oder nicht):
“Bin ich jetzt alt?”

60-Jährige haben mit anderen 60-Jährigen so gut wie nichts gemeinsam. Und das stimmt nicht nur für diejenigen, die schon als Kinder mit unterschiedlichen Startchancen ausgestattet waren, sondern auch für die, die ursprünglich aus sehr ähnlichen Verhältnissen kommen. Das Leben ist eine gigantische Unterschied-Erzeugungsmaschine, in einer wilden Kombination aus äußeren Umständen, eigener Entscheidung und Glück beziehungsweise Pech. Manchmal kommt eine akkumulierte Menge an Kleinigkeiten zusammen und lenkt ein Leben in diese oder jene Richtung. Manchmal braucht es aber nur einen einzigen Schicksalsmoment und etwas kippt: eine Trennung, eine Krankheit, ein beruflicher Erfolg oder Misserfolg.

Je älter ich werde, desto weniger bietet mein Jahrgang für mich eine Identifikationsmöglichkeit. Über die Boomer-Kolleg*innen meiner Generation, die sich über alles Neue lustig machen, kann ich mich maßlos aufregen. Ich finde es nicht übermäßig kompliziert, sich über die Bedeutung der Buchstabenreihe LGBTQI zu informieren oder darüber, was der Unterschied von Schwarz und Person of Color ist. Verglichen mit dem Kauderwelsch von Karl-Marx-Studienkreisen in meiner Studentinnenzeit ist das alles doch geradezu selbsterklärend – und damals hatten wir noch nicht mal Google!

Das mit dem beschriebenen Auseinanderdriften der Körpertüchtigkeit ist mir ebenfalls aufgefallen, zunächst bei meiner Elterngeneration. Manchmal sehe ich Über-90-Jährige im Fernsehen, die beim geschmeidigen Garteln gezeigt werden. Gleichzeitig kenne ich Mitt-70er-innen, die mit einem Fußmarsch weiter als zum eigenen Auto wegen Altersgebrechen überfordert sind.

(Dann wieder: War das unter uns Kindern so anders? Gab es da nicht auch die Sportskanonen, ständig am Rennen und Klettern, die einen Tennisschläger nur in die Hand nehmen mussten und schon gezielt Bälle trafen? Und gleichzeitig die Rumsitzer*innen, die keine Bewegung zu viel machten und schon beim Purzelbaum-Versuch besorgte Blicke der – damals noch so genannten – Kindergärtnerin ernteten?)

§

Was mir immer noch nachgeht: Die überraschende Erkenntnis aus dem Erlebnis im Markt in Palma, dass bunt lackierte Fingernägel einen fremden Mann in meinen Augen umgehend weniger bedrohlich machen.
1. Mir war nicht bewusst, WIE auf der Hut ich offensichtlich gegenüber Männern bin. Das hätte ich wahrscheinlich sogar abgestritten, ich gehe ja praktisch überall einfach rein oder hin, zu jeder Zeit. (Es ist mir aber IMMER bewusst, wenn da ein fremder Mann ist.)
2. Dank den Göttern und Göttinnen für das sich wandelnde Männlichkeitsbild bei der nachwachsenden Generation!

Jetzt muss ich darüber nachdenken, welche Faktoren einen fremden (oder nicht-fremden) Mann in meiner unbewussten Wahrnehmung bedrohlicher oder weniger bedrohlich machen.

die Kaltmamsell