Journal Mittwoch, 18. September 2024 – Start des Mallorca-Abenteuers, Reise bis Barcelona

Donnerstag, 19. September 2024 um 9:27

Wecker klingelte um fünf (gut geschlafen): Kaffeekochen, den nur wenig später aufgestandenen Herrn Kaltmamsell Geburtstagsherzen, Geschenkübergabe, Servieren von Milchkaffee und Geburtstagskuchen – mehr würde ich ihn leider nicht feiern können.

Ich nahm mir Zeit für Milchkaffee und Blogposten, dann ruhiges und durchgeplantes Duschen, Anziehen, Bettmachen, Kofferschließen, Abschied von Herr Kaltmamsell, Rollkoffern zum Bahnhof.

Bildschirm in einem Zug, „Welcome on Board“

Bis jetzt war alles gut gegangen.

Ich saß bis Paris mitten in einer Schulklasse Richtung Schüleraustausch (eine 9., stellte sich heraus), ausgesprochen ruhig und gesittet.

Blick durch Zugfenster in aufgehende Sonne über Landschaft mit Straße

Erster existenzieller Schreck: Auf dem Weg zum Zugklo Seitenblick ins Gepäckregal – Koffer weg. Weg von der Stelle in der großen Ablage, an die ich ihn bei Ankunft geschoben hatte, im gesamten Gestell keine Spur meines markant-farbigen Koffers.

Beim Pinkeln überlegte ich, was jetzt zu tun war (Personal verständigen etc.). Auf dem Rückweg zum Platz checkte ich noch den einzigen alternativen Kofferplatz zwischen Sitzen: Da war er, jemand hatte ihn dorthin verlegt (warum auch immer, im Gestell war reichlich Platz). Tiefe Erleichterung, aber die Übelkeit des Schreckens hielt noch eine ganze Weile.

Ausführliches Zeitunglesen auf meinem Laptop, um halb zwölf Mittagskaffee in der Zug-Bar, schmeckte erwartbar französisch, nicht so das Meine. Bei dieser Gelegenheit wollte ich die per Durchsage angekündigte Möglichkeit nutzen, ein Metro-Ticket für meinen Transfer in Paris zu kaufen: Waren aber schon alle.

Es stellte sich heraus, dass das wirklich praktisch gewesen wäre: Am Pariser Bahnhof Gare de l’Est standen lange Schlangen vor allen Ticketautomaten, bestehend aus Tourist*innen wie mir mit großen Koffern, die sich am Bildschirm alle erstmal in das Tarifsystem einlesen mussten. Bei mir ging’s schnell: Ich brauchte lediglich einen Einzelfahrschein, und der ließ sich mit Maestro-Karte bezahlen. Aber ich hatte eh Zeit: Fast zwei Stunden, bis mein Zug nach Barcelona am Gare de Lyon abfuhr. Zeit für einen ausführlichen Klogang inklusive Wegpacken meines Pullovers in den Koffer, U-Bahn-Fahrt mit einmal Umsteigen.

Ausschnitt einer Bahnhofshalle mit Dach aus Glas und weißen Metallstreben, dadurch sieht man blauen Himmel und die weiße Wand eines Nebengebäudes, darunter Passagiere mit Koffern, einen rot-grünen Snackstand mit der Aufschrift "Rolls"

Nahaufnahme rundes Schild an Snackbude, darauf steht neben "Rolls" auch "Healthy Fooding"

Zeit für Wundern über selbst erfundenes Englisch.

Zuggroßabteil mit Bildschirm „Welcome on board“

Im zeitig bereitgestellten Zug machte ich kurz vor halb drei Brotzeit mit Mitgebrachtem: Äpfel, Hüttenkäse. Es begann die lange, lange Fahrt nach Barcelona, mehr als acht Stunden. Ich verbrachte sie mit viel Aus-dem-Fenster-schauen, da draußen war schließlich exotisches Frankreich! Leider hatte ich im Oberdeck keinen Fensterplatz, musste an wechselnden Nachbar*innen vorbei gucken. Ich hörte dabei meist Musik, fing Fetzen von Gesprächen in den drei Sprachen auf, die ich verstehe: Deutsch, Spanisch, Englisch – ich konnte nicht nicht mithören. Für die rührige Gruppe, die sich in mir unverständlichem Niederländisch unterhielt, war ich richtig dankbar.

Nach Stunden mit Blick auf Weideland (weiße Rinder können die hier) und Schauplätze französischer Landhausfilme wurde die Landschaft immer mediterraner. Elf Stunden nach Abfahrt: Vorm Zugfenster Eukalyptus, Zypressen, Kiefern, Palmen (Montpellier). Jetzt war Urlaub. Zwischen Narbonne und Perpignon gab es im Licht der Abendsonne auch die angekündigten Flamingos zu sehen – leider vor allem auf der anderen Seite des Zuges, es kamen sogar Passagier*innen extra hoch zu Gucken.

Volles Gepäckgestell vor Zugfenster

Meine Aussicht auf die Flamingoseite.

Als die Sonne weg war, las ich in Ted Chiang, Exhalation, immer erschöpfter und mit immer unangenehmerem linksseitigen Kopfweh.

Wir erreichten pünktlich um halb zehn Barcelona Sants. Ich ignorierte die recherchierte U-Bahn-Verbindung zum Hotel in der Nähe des Fährenhafens: Eine 40-minütiger Fußmarsch war jetzt genau, was ich wollte. Die Luft war mild, der Boden noch nass von einem offensichtlichen kürzlichen Regenguss.

Hotelbett mit Lampenlicht von links, rechts Fenster in die Nacht

Einchecken im großen Hotel (Gepäckaufbewahrung für den nächsten Tag war mir gleich angeboten worden, ich habe bis zur nächtlichen Fährenfahrt einen ganzen Tag). Die Übernachtungspreise in Barcelona waren bei Buchung überraschend hoch gewesen; in diesem Fall wohl erklärt durch die eigene Terrasse, die zum Zimmer gehört: Durch die Tür rechts vom Bett, gut doppelt so groß wie das Zimmer selbst. Ich ließ die angenehme Nachtluft herein, aß noch etwas, sogar mit Appetit: Äpfel, die ich auf dem Hermarsch in einem 24-Stunden-Obstladen gekauft hatte, eine aus München mitgebrachte Körnersemmel.

Völlig erledigt ins Bett, die Ibu wollte nicht recht gegen das Kopfweh helfen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 17. September 2024 – Urlaubstag mit Reisevorbereitungen

Mittwoch, 18. September 2024 um 5:37

Ganz gut geschlafen, wieder kurz nach Herrn Kaltmamsell für Morgenkaffee-Zubereitung aufgestanden.

Das Draußen weiterhin regnerisch und düster.

Noch beim Bloggen trieb mich die Reiseunruhe zu Pack-Handgriffen: Ich stapelte Kleidung und Ausrüstung, notierte nötige Einkäufe (Blasenpflaster!), sortierte die zugeschickten und selbst produzierten Reiseunterlagen zu einem handlichen Strebermapperl (noch ohne Einkleberchen). Der Blick auf die Wetterprognosen für Mallorca verhieß weiterhin um die 25 Grad und meist Sonne, gute Aussichten. Dennoch legte ich ein extradickes Paar Wollsocken auf den Kleidungsstapel: Ich werde nicht nochmal in einer Spätsommerurlaubs-Unterkunft vor lauter Frieren schlechte Laune bekommen.

Nach Wäscheaufhängen dachte ich gegen neun, es könnte aber mal langsam hell werden. Doch das war bereits das Hell des Vormittags. Egal, ich wollte ein wenig an der Isar laufen; zwar hätte ich meine Schmerzefüße (Beschwerden unverändert) auch vor dem Wanderurlaub schonen können, doch ich hatte vor allem die zweieinhalb Reisetage vor Augen, an denen ich mich praktisch gar nicht bewegen würde.

Auf der Straße wie schon am Montag ein beträchtlicher Anteil Menschen in Wintermantel und Mütze. Ich lief über Alten Südfriedhof an die Wittelsbacherbrücke, auf der Ostseite oben auf dem Damm bis Thalkirchen – mein gewohnter Fußweg an der Isar war zwar nicht überflutet, doch ich wusste, dass viele Pfützen und stehendes Wasser auf den Wiesen für nasse Füße sorgen würden. Wo ich diese Laufschuhe doch auf der Reise tragen wollte.

Ganz trocken blieben sie allerdings auch oben nicht: Zu viele Weg-breite Pfützen. Doch ich genoss die Bewegung, beließ es auch brav bei 70 Minuten Joggen.

Blick von einer Steinbrücke auf einen hellbraunes Hochwasser führenden Fluss, im Vordergrund angeschwemmte Baumstämme mit Wurzeln

Blick von halb oben auf überschwemmtes Flussufer

Blick von der Wittelsbacherbrücke nach Süden: Die Überschwemmung war schonmal schlimmer.

Geschlossenes Kiosk-Häuserl an Uferweg, über und über mit Graffiti bemalt

Kiosk an der Braunauer Eisenbahnbrücke.

Unter einer großen Betonbrücke, die bemalten Pfeiler stehen im Hochwasser

Unter der Brudermühlbrücke.

Rauschendes hellbraunes Hoch-Flusswasser, links angeschnitten ein nasser Holzsteg

Überschwemmte Flusslandschaft, links angeschnitten ein nasser Holzsteg

Am Flaucher, der Steg war nicht gesperrt.

Auf dem Heimweg kaufte ich Frühstückssemmeln und Brot für abends. Für Frühstück war’s daheim aber noch zu früh (noch nicht mal zwölf!), nach dem Duschen ging ich auf eine Einkaufsrunde. Da ich mir als Abendessen zum Abschied eine ur-bayerische Mahlzeit gewünscht hatte, nämlich Kesselwürscht (im Gegensatz zu Bratwürsten im Wasser erhitzt), ging ich zu einer renommierten Wurst-Metzgerei: Bauch im Schlachthofviertel. Dann noch Supermarkteinkäufe.

Frühstück um eins: Restl Fenchelgemüse vom Vorabend, Körnersemmel mit Butter und Honig, Restl Joghurt.

In meiner ursprünglichen Urlaubsplanung hatte ich leider die Dauer der Anreise unterschätzt. Die Folge: Ich kann am Mittwoch Herrn Kaltmamsells Geburtstag nicht mit ihm feiern, mein Zug geht sehr früh morgens. Zumindest sollte er einen Geburtstagskuchen von mir bekommen, also buk ich Zitronenkuchen (weil der Jubilar aus einer Zitronenkastenkuchen-Kultur kommt, im Kasten).

Kastenkuchen mit weißem , unregelmäßigem Zuckerguss

Weitere Einkäufe, es war spürbar wärmer geworden, außerdem kam die Sonne raus. Kofferpacken erstmals mit Hilfe von Einzeltaschen – bislang wirkt das wie eine gute Idee, vor allem bei einer Reise mit fast täglichem Unterkunftwechsel.

Aufsicht auf einen aufgeklappten Koffer, darin hauptsächlich rechteckige graue Taschen

Es fehlt nur noch der (große) Kulturbeutel.

Abendliche Yoga-Gymnastik, mittelzackig. Abendessen servierte ich – vielleicht keine große Kunst, aber zumindest weiß ich, wie Würscht idealerweise erhitzt werden: Genug Wasser in genügend großem Topf zum Kochen bringen, vom Herd nehmen, in diesem Wasser die Würscht 15 Minuten ziehen lassen. (Manche salzen das Wasser, damit die Würscht nicht auslaugen, doch die meisten Metzger haben das beim Würzen eingerechnet.)

Gedeckter Tisch mit einem Topf voll Würsten, Senfgläsern, Brotscheiben

Dazu Krautsalat – eine Mahlzeit ganz ohne Gemüse geht irgendwie nicht. Nachtisch Schokolade.

§

Spannende Details über langfristige Stadtplanung: Dass Wien vor Überflutung bewahrt wurde, war kein Zufall.
“Jahrhunderthochwasser: Warum Wien relativ glimpflich davongekommen ist”.

(Gibt es eigentlich in Deutschland einen Mechanismus, der Bundeshilfsgelder nach Fluten irgendwie daran koppelt, wie viel die Kommune vorher bei bekannten Risiken für Hochwasserschutz getan hat? Oder umgekehrt proportional zur vorherigen Flächenversiegelung?) (Bitte nicht antworten.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 16. September 2024 – Jenny Erpenbeck, Kairos

Dienstag, 17. September 2024 um 7:47

Die Lektüre dieses Romans war für mich belastend und anstrengend, er ist durchaus eine Zumutung. Denn er erzählt wirklich keine schöne Geschichte, keine angenehme. Aber er ist meisterlich erzählt. Literatur darf eine Zumutung sein.

Kairos beginnt mit einem Prolog, der die Rahmenhandlung in der Gegenwart bildet (er wird auch von einem Epilog auf derselben Zeitebene geschlossen): Jemand, der sich wenige Seiten später als Protagonist der Handlung erweist, stirbt.

Die eigentliche Handlung aber hat nochmal einen Rahmen, eine Variante von Umberto Ecos “Natürlich, eine alte Handschrift”: Die Protagonistin bekommt Kisten aus dem Nachlass des Verstorbenen, die Zeugnisse ihrer wenige Jahre langen Beziehung enthalten, Briefe, Geschenke. Ergänzt durch Unterlagen aus dieser Zeit, die sie selbst besitzt, bilden sie das Gerüst der Erzählung – und markieren den Roman als einen historischen über die letzten Jahre der DDR, den Mauerfall, die ersten Jahre danach.

Jetzt setzt die eigentliche Handlung ein: Eine 19-jährige Frau, Katharina, und ein Mann deutlich über 50, Hans, werden in der DDR der 1980er ein Liebespaar. Mir stellten sich sofort die Haare auf, das Literaturfeuilleton nannte dieses Sorte Phantasien alter Autoren irgendwann “Fond memories of vagina” (der Protagonist ist auch noch Autor). Nur: Diese war von einer Frau geschrieben. Die Assoziation schwand auch, als immer klarer wurde: Diese Beziehung ist nicht Beiwerk, sondern die Haupthandlung des Romans. Und dass sie immer düsterer, immer toxischer und damit belastend zu lesen wird, muss genau so sein.

Hans stellt sich als psychisch schwer beschädigt aus, womit er wiederum tiefe Schäden an Katharina anrichtet, die als ihren Affekten ausgeliefert geschildert wird und in emotionale Abhängigkeit von ihm gerät. Denn die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der sich auflösenden DDR, kann in vielerlei Hinsicht als allegorischer Spiegel gelesen werden. Zunächst ist der Hintergrund einfach der Alltag in Ostberlin, wo sich die Liebesgeschichte zwischen der 19-Jährigen, die noch bei ihren Eltern wohnt, und dem verheirateten und renommierten Schriftsteller entwickelt. Anhand seiner Biografie werden Meilensteine der DDR-Geschichte eingeflochten, während die junge Frau schlicht nichts anderes kennt als dieses System.

Die Beziehung gerät immer weiter aus dem Gleichgewicht, Hans manipuliert seine Geliebte ins Unglück, und parallel wackelt auch das Gesellschaftssystem der DDR immer stärker: Die historischen Entwicklungen nehmen immer mehr Raum ein, jeweils um das Leben der beiden und ihrer Angehörigen erzählt, bis hinein in die Jahre nach dem Mauerfall mit seiner kompletten Auflösung aller bestehenden Strukturen, Verlust von Arbeitsplatz, oft Wohnung, Verlust aller Gewissheiten.

Das ist auch formal immer wieder spannend erzählt, mal mit fast lyrischen Mitteln, mal im Duktus einer biochemischen Abhandlung. Der Roman fängt dadurch die vielen Facetten einer Liebesbeziehung ebenso ein wie die eines erodierenden Gesellschaftssystems.

“Kairos”, der glückliche Moment, wird gleich am Anfang als Hohn auf diese Geschichte markiert.

§

Gut geschlafen, wenig nach Herrn Kaltmamsell aufgestanden zur Milchkaffee-Zubereitung für uns beide. Ohne Regen aufgewacht, doch wie vorhergesagt setzte er bald wieder ein.

Das frühe Aufstehen führte dazu, dass ich nach Bloggen, Mastodon- und ein wenig Zeitungslektüre recht früh für meine Schwimmpläne fertig war. Ich packte mich warm ein (wieder 7 Grad Höchsttemperatur) und nahm eine U-Bahn zum Olympiapark.

Blick von der Zuschauertribüne auf ein großes Schwimmbecken in einer hohen Schwimmhalle mit gegenüberliegender Fensterwand

Das Schwimmen lief sehr super: Ich glitt wieder wie eine Forelle durch das Wasser auf Bahn 7, die ich meine ganzen 3.300 Meter mit höchsten zwei (wechselnden) Schwimmer*innen teilen musste.

Mittags war ich bei einer Freundin verabredet, die wegen einer Verletzung bewegungseingeschränkt ist. Ich spazierte durch den kräftigen Regen übers Olympiagelände Richtung Neuhausen.

Düstere, verregnete Parklandschaft mit See im Vordergrund, wenigen Bäumen, Hügel im Hintergrund

Blick aufs düstere, verregnete Olympiagelände mit links Fernsehturm, vorne einer riesigen Strebe, die das Plastikdach des Olympiabads häte, davor, See und hügelige Wiesen

Semmelkauf und Mittagscappuccino in einer Bäckerei, Supermarkteinkäufe fürs Frühstück und für die Verletzte. Zu diesem Frühstück bei ihr aß ich zwei Schinkensemmeln, wir holten das Gespräch nach, das wegen der Verletzung hatte ausfallen müssen.

Nach Hause, es regnete fleißig weiter, nahm ich eine Tram vom Leonrodplatz, Herr Kaltmamsell war schon von der Arbeit daheim.

Bügeln zum Soundtrack des Spanien-Familienfilms, der mit dem QR-Code zur Spotify-Playlist endete (ICH LIEBE TECHNIK!). Wobei… Eigentlich hatte ich gleich auf der Rückfahrt am Sonntag reinhören wollen: Aber meine kabellosen Kopfhörere hatten sich mal wieder in den wenigen Tagen seit dem letzten Aufladen komplett entladen, Akku bei Null. (ICH LIEBE FUNKTIONIERENDE TECHNIK!)

Eine Einheit Yoga-Gymnastik – die sich gestern ausgerechnet auf Schultern und die Rückenmuskeln konzentrierte, die ich beim Schwimmen reichlich genutzt hatte. Ging trotzdem, bereitete Freude. Als Aperitif holte ich den Apfel nach, den ich zum Frühstück vergessen hatte.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die erste Umsetzung eines Rezepts aus dem Hochzeitskochbuch vom August: Fenchel-Tomaten-Unsinn (Fenchel und Sellerie aus Ernteanteil).

Blick von oben in eine Pfanne mit gegartem Gemüse, erkennbar sind Fenchelstreifen, Tomatenstücke, schwarze Oliven

Dazu gebratener Halloumi – sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich schon Mittwochmorgen verreisen werde. Aber Dienstag habe ich richtig frei – ein ganzer Tag, um mich vor der Abreise noch völlig verrückt zu machen!

§

Der Zusammenhang zwischen den derzeitigen starken Regenfällen samt Überflutungen und Klimawandel:
“Luft voller Wasser”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 15. September 2024 – Familien-Filmshow

Montag, 16. September 2024 um 7:41

Eher unruhige Nacht, diese mit einem Loch um zwei Uhr. Nicht ganz munter aufgestanden.

Der Morgen war durchgeplant, denn ich würde vormittags mit Herrn Kaltmamsell nach Ingolstadt fahren: Einladung zum Mittagessen bei meinen Eltern, und für den Nachmittag hatte Neffe 1 einen Raum besorgt, um den Film zu zeigen, den er über die Kastilienreise mit seinen Geschwistern im August gemacht hatte. (Zu Erinnerung: Die drei Nifften, Kinder meines Bruders, um die 20 Jahre alt, waren im Auto zur spanischen Familie gefahren, die wir 2023 zu neunt besucht hatten.) Davor hatte ich eine Laufrunde eingeplant.

Sonnenbeschienenes Baumlaub aus der Perspektive eines oberen Stockwerks, angeschnitten ein ebenso beschienenes modernes Gebäude

Der Regen hatte aufgehört (wie sich herausstellte vorübergehend), zwar war es mit 7 Grad weiterhin kalt, doch ich freute mich auf einen Isarlauf in schönem Licht. Nach kurzer Hose vor einer Woche also gefütterte lange Laufhose unter Überspringen der Caprihosenlänge.

Nur dass mir bis dahin eine Stunde verloren ging: Als ich mich von Herrn Kaltmamsell verabschiedete, sah er kurz auf sein Handy – und mir wurde klar, dass es eine Stunde später war, als ich angenommen hatte.

Ich war zur berechneten Zeit aufgestanden, hatte Wäsche aufgehängt, Morgenkaffee getrunken und gebloggt, ein Blick auf die Uhr hatte mich gefreut, weil ich noch über eine halbe Stunde bis zur berechneten Zeit fürs Fertigmachen zum Loslaufen hatte. Das muss der Moment des Irrtums gewesen sein. Jetzt stand ich ein paar Augenblicke ratlos in voller Laufkleidung herum – dann zog ich mich halt wieder aus und ging ich gleich unter die Dusche, bedauerte den verlorenen Isarlauf.

Auch auf dem Weg zum Bahnhof war es ganz schön frisch. Da ich nicht beurteilen konnte, wie heizbar und beheizt der Filmvorführraum in einem historischen Gemäuer sein würde, hatte ich reichlich Zusatzpullis und Wollsocken dabei.

Regengraue Landschaft mit einem leeren und einem bewachsenen Hopfengarten

Unterwegs Hopfencheck: Der meiste war bereits abgeerntet, doch einige Hopfengärten noch nicht (diesjährige Ernte gut, aber Nachfrage sinkend).

Aber erstmal gab es bei meinen Eltern Mittagessen mit dem Großteil der Bruderfamilie, meine Mutter hatte eine Zarzuela de mariscos gekocht:

Große Pfanne mit Fischstücken, roten Garnelen, Miesmuscheln

Unter Fisch und Meerestieren Gemüse inklusive Kartoffeln: Köstlich. Dazu erzählte die Nichte von ihrem Einstieg ins Jahr Bundesfreiwilligendienst (Bufdi genannt, hihi).

Nächster Programmpunkt: Filmvorführung in der Harderbastei, einem Teil der Ingolstädter Festungsanlagen. Ich finde ja weiterhin, dass Ingolstadt viel zu wenig aus dieser einzigartigen Stadtstruktur macht, die durch die omnipräsenten und oft architektonisch interessanten Militärbauten aus vielen Jahrhunderten erzeugt wird.

Frau von hinten, die in den dunklen Torbogen eines alten, weißen Gebäudes geht, über dem EIngang die Schrift "Städtische Galerie Harderbastei"

Unter einem Gewölbebogen aus rohen, gelblichen flachen Steinen bunte Pappmache-Köpfe, das Modell einer alten Kirche

Gewölbe aus dem 16. Jahrhundert, offensichtlich Jurasteine.

Der vorführende Neffe hatte für spanische Speisen (Tortilla, Patatitas, Pimientos de padrón, Oliven, Pipas, Maíz) und Getränke gesorgt, einen Hinterraum der Harderbastei bestuhlt und mit Leinwand ausgestattet – und muckelig warm geheizt. Hier kam auch der Rest der Bruderfamilie dazu, außerdem zahlreiche Freunde der Nifften oder eh der Familie.

Reichlich Gespräche, auch Kennenlernen, einige der Anwesenden hatten die Reise der Nifften durch Berichte und Fotos in einer eigens dafür eingerichteten WhatsApp-Gruppe mitverfolgt. Anderthalb Stunden liebevollst geschnitteter, vertonter und beschrifteter Film: Ich freute mich arg, die vertrauten Orte und die spanische Familie zu sehen.

Auf der Zugfahrt zurück nach München regnete es immer heftiger, wie schon in den Tagen zuvor prognostiziert trafen jetzt immer schlimmere Meldungen über Hochwasser und Überschwemmungen aus Niederösterreich, Polen, Tschechien, Rumänien ein.

Daheim schnippelte ich mir ein Abendessen aus oberbayerischen Pfirsichen (ein Freund meiner Eltern hat dieses Jahr reiche Ernte, wir hatten ein Kistlein mitbekommen) und Joghurt, danach aß ich viel Schokolade. Dazu holte ich die 20-Uhr-Tagesschau nach mit bedrückenden Überschwemmungsbildern. “Klimawandel” wird schon gar nicht mehr dazugesagt, ich weiß nicht, ob das nützt.

Im Zug zurück nach München hatte ich Jenny Erpenbecks Kairos ausgelesen, darüber werde ich noch schreiben (meiner Ansicht nach hervorragend, aber wirklich kein Lesevergnügen – Literatur darf auch Zumutung sein). Jetzt stellte ich Urlaubslektüre auf meinem E-Book-Reader zusammen, davon begann ich im Bett (unbedingt mit Wärmflasche) die Geschichtensammlung von Ted Chiang: Exhalation.

§

Maximilian Buddenbohm war an der See und beobachtete andere Urlaubende:
“Zusammengefegte Reste”.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es ihm ums Festhalten zeittypischer Erscheinungen geht – und wer das nicht als stimmungserzeugende Kolumne an Zeitungen verkaufen muss, kann sich dabei sogar Neutralität leisten, denn

Es gibt keinen Grund, darüber zu spotten, ich schreibe es nur so mit. Es verwirrt etwas durch das Unweigerliche – wie gleich und ungemein berechenbar wir alle sind.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 14. September 2024 – Kalter Regen in Strömen, Forellengefühle im Olympiabad

Sonntag, 15. September 2024 um 8:07

Schön lang geschlafen, zu Regenprasseln aufgewacht. Eine Woche nach Sommerkleidchen die Heizung im Wohnzimmer aufgedreht, Bloggen und Morgenkaffee in Sweatshirt, Strickjacke, Wollsocken.

Meine Schwimmpläne sollten mich zum Saison-Abschied trotz Regen ein letztes Mal ins Dantebad führen. Zum Glück checkte ich kurz vor Aufbruch aktuelle Meldungen: Es war bis Montag geschlossen, wohl wegen Aufräumen und Umbauten für den Winterbetrieb. Also nahm ich die U-Bahn zum Olympiapark und ins Olympiabad.

Auf einem gepflasterten Boden stehen ganz viele aufgespannte Schirme zum Trocknen, im Hintergrund sieht man eine Halle, einen Mann, der gerade einen weiteren Schirm auf den Boden stellt

Als ich mich ins Becken gleiten ließ, merkte ich gleich zu meiner Erleichterung, dass die Wassertemperatur bereits für den Winterbetrieb ein wenig erhöht worden war: Kein Frieren oder auch nur Frösteln.

Ich fühlte mich von der ersten Bahn an nixenhaft, glitt kraftvoll und Forellen-gleich durchs Wasser. Allerdings kassierte ich Tritte von unachtsamen Brustschwimmerinnen, die mich überholten, einen Hieb in den Unterleib von einer Rückenschwimmerin auf der Nebenbahn. Ich wunderte mich. Und schwamm trotzdem problemlos 3.300 Meter.

In einem großen  Raum mit hellgrünen Umkleiden und weiß gekacheltem Boden steht eine Frau mit weißen Haaren vorm Spiegel und föhnt sich die Haare, macht mit ihrem Handy im Spiegel ein Selfie

Es regnete immer noch strömend, zumindest fror ich auf dem Heimweg nicht sehr, weil ich vom Schwimmen noch aufgewärmt war. Ausstieg schon am Marienplatz, um unterwegs Semmeln zu besorgen.

Frühstück kurz nach halb drei: Semmeln mit Butter und Tomate, Brot mit Haselnussmus, Kerne des ersten kleinen Granatapfels der Saison (Vollcorner hatte italienische angeboten, an denen ich nicht vorbeigehen konnte – schmeckte aber nach nicht viel).

Nachmittag mit Internet- und Zeitunglesen. Ich griff bald zu einem zweiten Paar Socken gegen die Kälte.

Yoga-Gymnastik: Eine Folge mit langenen Dehnungen und Entspannung, das passte mir gestern gut. Ausführliche Fußpflege/Pediküre, ich machte meine Füße Wander-fit.

Den Staudensellerie im Ernteanteil nahm Herr Kaltmamsell zum Anlass, als Aperitif Bloody Mary zu reichen, mein erster überhaupt.

Vollgestellte Küchen-Arbeitsfläche, links zwei Longdrink-Gläser mit Tomatensaft, Eiswürfel, Selleriestange, rechts Wodkaflasche, Tabasco, Worcestersauce

Ähm. Kalte, überwürzte Tomatensuppe, im Ernst? Ich trank nur zwei Schlücke, kenne jetzt Bloody Mary und möchte künftig nichts mehr damit zu tun haben. Aber die Stange Sellerie schmeckte mir. Als Gegenmittel öffnete ich eine Flasche Pouilly Fumé.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch Rindfleisch für die Pfanne besorgt, briet es wie immer fachkundig, servierte mit gebratenen und als Antipasti eingelegten Zucchini aus Ernteanteil. Großer Genuss. Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen ließen wir einen deutschen Film von 1962 laufen: Muß i denn zum Städtele hinaus. Ziemlich wahnwitzig in der Rahmenhandlung (mit offensichtlichem Original-Dokumaterial ergänzt), randvoller sexistischer Klischees, aber überraschend aufwändig gedreht. Damals hielten zum Beispiel unverheiratete Frauen in fortgeschrittenem Alter noch standardmäßig als Witzfiguren her: Wer wissen will, woher Donald Trump seine Stereotypen hat, bekommt im westdeutschen Film der 1960er rechlich Material. Aber interessant: Damals kam der Fremde (Ausländer) im Dorf, in diesem Fall der Italiener (Vico Torriani, eh klar), noch mit dem Zirkus, war typisch lustig und sang Lieder -> prä-Gastarbeiter.

Im Kopf bin ich hauptsächlich bei Reise-Details, fast Panik-frei, Mittwochmorgen breche ich auf. Mittlerweile neigen meine Entscheidungen zu Minimalismus in Kleidungsmitnahme, die wird dann zweimal gewaschen.

§

“Österreicher wählen Klimaleugner, auch wenn sie dabei untergehen”.

Verdacht: Diese Menschen haben wirklich andere Prioritäten als ich. Etwas gegen den Klimawandel zu tun, hieße ja, den Feinden recht zu gaben. Lieber verlassen sie sich darauf, dass ihnen bei weggespülten Straßen geholfen wird – und fordern das ein.

Ich schließe mich diesem Verdacht an:

Und spüre starke Brexit-Vibes: Das illusionäre Ziel lautet “take back control”, dann dürfen die Folgen ruhig auch weh tun. Hauptsache gewonnen.

§

Ein entzückendes Schwalbenfoto.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 13. September 2024 – Abend im Zauberberg, komplett Thomas-Mann-frei

Samstag, 14. September 2024 um 9:38

Eine meiner selteneren Schlafstörungen: Ich konnte nicht einschlafen, sank einfach nicht in den Schlaf, das wird wohl die Mischung aus Erschöpfung und hohem Adrenlin-Pegel gewesen sein.

Der Wecker klingelte mich in Müdigkeit.

Draußen war es düster, kalt und regnerisch, ich griff zum Kaschmir-Pullover. Fenster in der Wohnung alle gegen die Kälte geschlossen, nicht mal das vom Klo mochte ich länger gekippt lassen.

Im Büro ein anstrengender Vormittag, denn ich war müde, und es gab noch reichlich zu tun.

Kurz vor Mittag begann es auch noch heftig zu regnen. Egal, ich hatte die ganze Woche noch keinen Lieblinscappuccino im Westend gehabt, also stemmt ich einen Schirm gegen Wind und Tropfen und marschierte hin. Außerdem hatte ich einen Abzug eines besonders schönen Fotos von meinem Mittagscappuccino dort machen lassen, den ich den Café-Betreibern schenken wollte (mit denen ich bis dahin nie mehr als Grüße und Bestellvorgangswörter gewechselt hatte). Das tat ich dann auch – und merkte mal wieder, dass ich und meine freundlich gemeinten Impulse die Konsequenzen nicht zu Ende denken. Ja, es wurde sich gefreut. Aber jetzt mussten sie ja irgendwas mit dem Foto tun. Ich hatte erwartet, dass sie den Abzug irgendwohin legen würden, aber er kam in den Bilderrahmen, in dem sonst scherzhaft “Mitarbeiter*in des Monats” ausgestellt wurden. Jetzt befürchte ich, dass sie sich verpflichtet fühlen, das Bild auf alle Zeit darin zu lassen, um mich nicht zu beleidigen. (Kann ich nie wieder hingehen.)

Auf dem Rückweg ins Büro hielt der Regen an, es war kalt: Gestern acht Grad Höchsttemperatur, 20 Grad weniger als noch vor einer Woche. ABER!! Die Heizung im Büro wurde nach Aufdrehen warm!

Als ich aufs Betriebsgelände zurückkam, standen drei Menschen am Durchgang und fotografierten das Gitter. Ich scherzte “Doppelspaltversuch?”1, doch das Motiv war ein riesiger Falter. Ein Windenschwärmer, wie wir mit Google Lens herausfanden – und wie er kürzlich auch Vanessa Giese besuchte.

Auf einem Metallgitter sitzt ein großer dunkelgrauer Nachtfalter mit geschlossenen Flügeln

Ich holte das Foto nach Arbeitsende beim Verlassen des Hauses nach.

Nachmittags letztes Abarbeiten, Schreibtisch aufräumen (vielleicht erreicht mich ja ausgerechnet in diesem Urlaub das überraschende Millionenerbe und ich kehre nie zurück, die Nachfolgerin soll sich nicht vor meinen Schubladen ekeln müssen), letztes Übergabe-Gespräch. Das Büro war angenehm warm, zur Sicherheit wärmte auch die Kapuze des Strickpullis.

Fast pünktlicher Feierabend, auf dem Heimweg ein paar Lebensmitteleinkäufe, es regnete kräftig. Der Regen sollte dann auch nicht mehr aufhören.

Daheim war noch Zeit für eine Runde Yoga-Gymnastik, bevor Herr Kaltmamsell und ich uns fein machten für unsere Abend-Verabredung: Essen im Zauberberg in Neuhausen – die hart erkämpfte Tischreservierung mit Hinterlassung von Kreditkartendaten, Bestätigungsanforderung eine Woche vor Termin, am Donnerstag war eine weitere Aufforderung eingegangen, die Reservierung zu bestätigen. Vielleicht hilft es, wenn ich künftig für Tischreservierungen persönlich ins Lokal gehe und den Wirtsleuten dabei fest in die Augen schaue: “Sie haben mein Wort.”

Hinfahrt mit U-Bahn, Fußweg in strömendem Regen. Wir aßen wunderbar, lernten dabei auch etwas, wurden aufmerksam bedient. Da ich mich auf Weinbegleitung gefreut hatte, bat ich um einen alkoholfreien Aperitif:

Gastraum eines feinen Lokals, im Vordergrund ein gedeckter Tisch  mit grauer Tischdecke, weißen Servietten, silbernem Besteck und zwei rosa gefüllten Sektgläsern, im Hintergrund wenige besetzte Tische

Der war schonmal was ganz Besonderes, L’Antidote aus dem Beaujolais, nur leicht süßer Gamay-Traubensaft schaumig mit Kräutern, schmeckte mir sehr gut.

Auch der Gruß aus der Küche war ein Knaller:

Auf einem gedeckten Restauranttisch Schüsselchen mit weißem und orangem Inhalt

Weißer Tomatenschaum, darunter Croûtons und Pfifferlinge, darauf Pulver aus Tomatenschale – vor allem der cremige helle Schaum war großartig.

Auf einem gedeckten Restauranttisch Teller mit dem darunter geschriebenen Inhalt, außerdem ein langer Holzteller mit Brot

Sellerieterrine mit Birne und Bündnerfleisch, dazu Vogerlsalat und Essigzwetschge. Im Glas ein mineralischer Weißwein aus dem Priorat.

Auf einem gedeckten Restauranttisch Teller mit dem darunter beschriebenen Inhalt

Tortellono mit Heilbutt-Estragon-Füllung, dazu Rote Bete mit Kokos. Der Wein dazu war ein weißer aus Österreich, wie er vor 20 Jahren besonders gern gemacht wurde: Chardonnay mit viel Holz.

Auf einem gedeckten Restauranttisch Teller mit dem darunter beschriebenen Inhalt. Dahinter sichtbar der Gastraum mit anderen Gästen an Tischen

Topfen-Spätzle-Bratling mit Belper Knolle und Flusskrebsen. Dazu ein Weißwein aus der Loire mit überraschend wenig Säure.

Nach einem Basilikumsorbet (immer willkommen) mit Sauerrahm kam der Hauptgang.

Auf einem gedeckten Restauranttisch Teller mit dem darunter beschriebenen Inhalt

Kalb mit dreierlei Pilzen: rohe gehobelte Egerlinge auf dem Fleisch (super Kombi), Kräuterseitling gebraten, ein weitere Pilz als Schaum. Neben dem Amuse-Gueule mein Lieblingsgang. Der Rotwein dazu kam aus der Toskana.

Gedeckter Restauranttisch mit einem rechteckigen Teller, auf dem vier kleine Käsestücke aufgereiht sind, rechts daneben zwei winzige Schüsselchen mit gelber und oranger Füllung

Käsegang mit ausgezeichnetem Früchtebrot, Wein dazu ein typischer französischer süßer.

Was Wein angeht, kam der (für mich) aufregendste zum Schluss als Begleitung des Desserts:

Dunkelglasige Weinflasche mit einem Etikett, auf dem eine gezeichnete Wachtel abgebildet ist

Bricco Quaglia Moscato D’Asti, ich bin immer wieder fasziniert, welche Aromen nicht trockener Schaumwein mitbringt.

Auf einem gedeckten Restauranttisch Teller mit dem darunter beschriebenen Inhalt

Auch der Dessertteller brachte Aufregendes: Zwischen Himbeereis auf Brioche (sehr gut!) und Pistazien-Crème Brûlée war das süßes Fenchel-Chutney mit roten Johannisbeeren.

Herr Kaltmamsell kämpfte schon seit einer Weile brutal mit dem Schlaf, erst kurz vor Mitternacht waren wir nach einem weiteren Marsch durch strömenden Regen und Kälte (einfach supergreisliches Wetter) und einer U-Bahn-Fahrt daheim.

  1. Das ist superlustig, wenn man weiß, wo ich arbeite! ECHT! []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 12. September 2024 – Arbeitswirbeln, Durchhalten

Freitag, 13. September 2024 um 6:26

Wieder endete der eigentlich gute Nachtschlaf zu früh und im Angstkarussell. Draußen rauschte der Regen wie schon beim Einschlafen. Doch pünktlich zum Arbeitsweg blieb der düstere Himmel trocken, es war lediglich sehr kalt: Erste Atemwölkchen vor Radler*innenlippen an roten Ampeln.

Im Büro wartete eine lange Jobliste, die wegen drohenden Urlaubs sehr unbedingt erledigt werden musste (und die aus Rahmen-Gründen auch nicht vorher angepackt werden konnte). Doch noch bevor auch nur der Rechner hochgefahren war, begannen die Querschüsse. Zum Glück bin ich in vielen der Jobs routiniert und sehr schnell (ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich dreimal so lange dafür brauchte), fürchtete aber die Gefahr, dass die Routine mich unachtsam machte.

Mittags war die Versuchung groß, wegen der hohen Schlagzahl Cappuccino- und Marktpläne fahren zu lassen, doch mein Bockigkeits-Ich siegte über mein Panik-Ich: Cappuccino bei Nachbars, Äpfelkauf auf dem Markt, dabei Bekanntschaft mit einem sehr jungen Nachwuchs-Standler (höchstens 50 cm hoch), der meinen Geldschein annehmen und mir Rückgeld reichen durfte.

Sehr spätes Mittagessen und das auch nur mit strenger Selbtsermahnung, weil komplett appetitlos: Eben gekaufte Äpfel, Körnerbrot.

Arbeitsnachmittag mit höchster Intensität, ich bekam Zeug für drei Arbeitstage weggeschafft. Bei dieser Schlagzahl musste ich mich vor Absenden von E-Mails aktiv daran erinnern, ein paar Blümchen einzuflechten. (“Vielen Dank für die Rückmeldung!” / “Gute Reise!” et al.)

Außerdem hatte ich Zeitdruck im Nacken, weil ich für die Abholung des Ernteanteils zuständig war. Der Arbeitstag endete in gleichzeitigem Rechner-Runterfahren, in Mantel schlüpfen, Tasche packen, Abschiedsgruß an Kollegin (deren Arbeitstag meinem sehr glich, wenn auch mit ganz anderen Inhalten).

In strammem Schritt zum Ernteanteil-Abholen, in strammem Schritt heim. Beim Begrüßen von Herrn Kaltmamsell gestand ich mir einen angedeuteten Zusammenbruch zu, aber dann Zusammenreißen und Weitermachen. Ich hatte auch noch einen späten Friseurtermin, den ich tagsüber fast vergessen hätte. Davor war noch Zeit für Yoga-Gymnastik, mich erfreute eine Einheit Bauch.

In strammem Schritt zum Haareschneiden. Ich bat um sportliche Kürze, wies auf Eignung fürs Wandern, auf Eignung fürs Schwimmen ohne Badehaube hin. Als Herr Friseur allerdings “praktisch” anbot, zuckte ich: “Bitte nicht so nennen. Bei ‘praktischer Kurzhaarschnitt’ fühle ich mich alt, außerdem wachsen mir dann eine Steppweste und ein Reihenhaus.”1

Erste Male:
Irgendwann im letzten Viertel des angenehm gesprächsarmen Schnippelns guckte er mich im Spiegel an: “Viel Haare!”
Und grinste dann: “Macht Spaß!”

Selfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren nd Brille vor schwarzer Wand in Kunstlicht

Ich war zufrieden. Selfie im U-Bahnhof Sendlinger Tor.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell bereits den Salat aus Erntanteil gewaschen. Ich machte ihn mit Haselnussmusdressing an, mischte aus Ernteanteil ein Bündelchen Ruccola, eine kleine Gurke, ein paar Tomaten unter. Hervorragend. Die Tagesschau hatte ich da schon verpasst, auch keine Energie, sie nachzuholen.

Nachtisch Warschauer Brot (eine alte Münchner Gebäck-Spezialität, mit der sich Herr Kaltmamsell vor literarischem Hintergrund beschäftigt hatte, aus Brot- und Kuchenresten hergestellt, auf einen Tipp hin gefunden bei der Brotmanufaktur (oh mei) Schmidt), sehr gut. Und ein bisschen Schokolade.

Tagesabschluss zwischen komplettem Erledigtsein und Adrenalin-Hoch, schließlich war ja noch der Freitag zu bewältigen. Ins Bett mit der ersten Wärmflasche der Saison.

  1. Gegen die, wieder zur Sicherheit, grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden ist. Nur ganz weit weg von mir. []
die Kaltmamsell