Journal Donnerstag, 12. September 2024 – Arbeitswirbeln, Durchhalten

Freitag, 13. September 2024 um 6:26

Wieder endete der eigentlich gute Nachtschlaf zu früh und im Angstkarussell. Draußen rauschte der Regen wie schon beim Einschlafen. Doch pünktlich zum Arbeitsweg blieb der düstere Himmel trocken, es war lediglich sehr kalt: Erste Atemwölkchen vor Radler*innenlippen an roten Ampeln.

Im Büro wartete eine lange Jobliste, die wegen drohenden Urlaubs sehr unbedingt erledigt werden musste (und die aus Rahmen-Gründen auch nicht vorher angepackt werden konnte). Doch noch bevor auch nur der Rechner hochgefahren war, begannen die Querschüsse. Zum Glück bin ich in vielen der Jobs routiniert und sehr schnell (ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich dreimal so lange dafür brauchte), fürchtete aber die Gefahr, dass die Routine mich unachtsam machte.

Mittags war die Versuchung groß, wegen der hohen Schlagzahl Cappuccino- und Marktpläne fahren zu lassen, doch mein Bockigkeits-Ich siegte über mein Panik-Ich: Cappuccino bei Nachbars, Äpfelkauf auf dem Markt, dabei Bekanntschaft mit einem sehr jungen Nachwuchs-Standler (höchstens 50 cm hoch), der meinen Geldschein annehmen und mir Rückgeld reichen durfte.

Sehr spätes Mittagessen und das auch nur mit strenger Selbtsermahnung, weil komplett appetitlos: Eben gekaufte Äpfel, Körnerbrot.

Arbeitsnachmittag mit höchster Intensität, ich bekam Zeug für drei Arbeitstage weggeschafft. Bei dieser Schlagzahl musste ich mich vor Absenden von E-Mails aktiv daran erinnern, ein paar Blümchen einzuflechten. (“Vielen Dank für die Rückmeldung!” / “Gute Reise!” et al.)

Außerdem hatte ich Zeitdruck im Nacken, weil ich für die Abholung des Ernteanteils zuständig war. Der Arbeitstag endete in gleichzeitigem Rechner-Runterfahren, in Mantel schlüpfen, Tasche packen, Abschiedsgruß an Kollegin (deren Arbeitstag meinem sehr glich, wenn auch mit ganz anderen Inhalten).

In strammem Schritt zum Ernteanteil-Abholen, in strammem Schritt heim. Beim Begrüßen von Herrn Kaltmamsell gestand ich mir einen angedeuteten Zusammenbruch zu, aber dann Zusammenreißen und Weitermachen. Ich hatte auch noch einen späten Friseurtermin, den ich tagsüber fast vergessen hätte. Davor war noch Zeit für Yoga-Gymnastik, mich erfreute eine Einheit Bauch.

In strammem Schritt zum Haareschneiden. Ich bat um sportliche Kürze, wies auf Eignung fürs Wandern, auf Eignung fürs Schwimmen ohne Badehaube hin. Als Herr Friseur allerdings “praktisch” anbot, zuckte ich: “Bitte nicht so nennen. Bei ‘praktischer Kurzhaarschnitt’ fühle ich mich alt, außerdem wachsen mir dann eine Steppweste und ein Reihenhaus.”1

Erste Male:
Irgendwann im letzten Viertel des angenehm gesprächsarmen Schnippelns guckte er mich im Spiegel an: “Viel Haare!”
Und grinste dann: “Macht Spaß!”

Selfie einer Frau mit kurzen weißen Haaren nd Brille vor schwarzer Wand in Kunstlicht

Ich war zufrieden. Selfie im U-Bahnhof Sendlinger Tor.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell bereits den Salat aus Erntanteil gewaschen. Ich machte ihn mit Haselnussmusdressing an, mischte aus Ernteanteil ein Bündelchen Ruccola, eine kleine Gurke, ein paar Tomaten unter. Hervorragend. Die Tagesschau hatte ich da schon verpasst, auch keine Energie, sie nachzuholen.

Nachtisch Warschauer Brot (eine alte Münchner Gebäck-Spezialität, mit der sich Herr Kaltmamsell vor literarischem Hintergrund beschäftigt hatte, aus Brot- und Kuchenresten hergestellt, auf einen Tipp hin gefunden bei der Brotmanufaktur (oh mei) Schmidt), sehr gut. Und ein bisschen Schokolade.

Tagesabschluss zwischen komplettem Erledigtsein und Adrenalin-Hoch, schließlich war ja noch der Freitag zu bewältigen. Ins Bett mit der ersten Wärmflasche der Saison.

  1. Gegen die, wieder zur Sicherheit, grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden ist. Nur ganz weit weg von mir. []
die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 11. September 2024 – Fleischwolf-Arbeitstag

Donnerstag, 12. September 2024 um 6:27

Gar nicht mal so schlechte Nacht, vor allem wenn man neben der derzeitigen Angstphase einrechnet, dass ich vorm Einschlafen eine knappe Stunde über eine fast unerträglich toxische Beziehung las (und das auch noch auf einem Bildschirm, wo man doch weiß, dass Buchstaben auf einem Bildschirm im Gegensatz zu Buchstaben auf Papier Schlafkiller sind). Aber ich wachte wieder um fünf auf, das Angstkarussel war bereits in voller Fahrt.

Weg in die Arbeit unter überraschend freundlichem Himmel mit weißen Deko-Wölkchen und in goldener Morgensonne.

Drei Stützfiguren an einem alten Hauserker, die schwer beladen sind

Die haben einen ähnlichen Job wie ich.

Angsttage bedeuten auch, dass ich besonders früh im Büro bin: Schon wieder komplett unvernünftig, denn zwar fange ich so die über Nacht eingeflogenen Probleme schon früh auf – aber es ist noch niemand da, der oder die mir helfen oder auch nur Fragen beantworten könnten. Gestern schaffte ich trotzdem einiges weg, bevor ich mich um einen Menschen kümmern musste. Auch gestern belastend, gemeinerweise hilft es gar nichts, dass ich dabei viel lernte und bereichert rauskam.

An Mittagscappuccino war nicht zu denken, wieder schnitzte ich mir mit Mühe eine Pause zum Essen: Äpfel, Hüttenkäse.

Am Nachmittag beruhigte sich die Lage, aber da war ich schon fix und alle. Und nur noch zu Schneckentempo mit ständiger Ablenkung in der Lage.

Am Wochenende hatte ich noch fest vor, am Mittwoch nach frühem Feierabend nochmal ins Dantebad zum Schwimmen zu gehen und von den kühlen Temperaturen mit leerer Schwimmbahn zu profitieren. Aber mir wurde klar, dass ich dazu viel zu erledigt sein würde, ich ließ es bleiben. So ganz beisammen war ich immer noch nicht: Kurz vor Feierabend fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, die Waschmaschine zu programmieren, um beim Heimkommen Wäsche aufhängen zu können.

Der Feierabend wurde eher spät, langsam drückte dann doch der bevorstehende Urlaub rein.

Auf dem Heimweg kurz Lebensmitteleinkäufe, es war kalt geworden.

Daheim Waschmaschine eingeschaltet, Yoga-Gymnastik, Nachtmahl war deutsches Abendbrot: Salami (Urlaubsmitbringsel), Käse, Tomaten, Essiggurkerl, Brot. Herr Kaltmamsell hatte bosnische Torte gebacken, um gesammelte Eiweiße aufzubrauchen. Von der gab’s Nachtisch. Nachtisch 2, denn erst aßen wir Wassermelone auf.

Beim Tagesschau-Gucken wurde ich überrascht, wie wenig sorgfältig die Redaktion zumindest in einem Fall mit dem Quellennachnweis zu Video-Material umging (ich kannte vom gestrigen beruflichen Tagesgeschäft den tatsächlichen Hintergrund).

§

Der Rolli-fahrende SZ-Redakteur Jonas Wengert kotzt sich über Kritik an Luke Mockridge aus (€):
“Spart euch die Empörung”.

Als Mensch mit Behinderung bekommt man zuweilen den Eindruck, der Minderheit anzugehören, auf die sich die gesamte Gesellschaft am ehesten als „schützenswert“ einigen kann, also immerhin gratismoralisch, wenn es wirklich nichts kostet – von ziemlich weit rechts bis ganz nach links, von sehr jung bis sehr alt, von weiß bis nicht-weiß.

(…)

Es ist Gratismut, sich über Mockridge zu empören und sich mit viel Getöse für Behinderte starkzumachen. Es kostet nichts, weil Behinderte für niemanden eine „Gefahr“ darstellen. Ihre Voraussetzungen sind in der Breite so schlecht, dass sie nicht ernsthaft um gesellschaftliche Ressourcen konkurrieren. Behinderte nehmen niemandem den Arbeitsplatz, die Wohnung oder allgemein gesprochen Status und Wohlstand weg.

Migrantische Menschen, die queere Community oder auch Frauen kämpfen lautstark und zu Recht für ein Stück vom Kuchen – und haben dabei mehr und mehr Erfolg. Für Behinderte hingegen gibt es aus einer Position der Überlegenheit mitleidige Blicke, Gesten der Wohltätigkeit und natürlich: alle zwei Jahre Applaus und Anerkennung bei den Paralympics – gerne Hand in Hand mit Inspirations-Porno.

(…)

Wie viele prominente Menschen mit Behinderung fallen einem ein, die für eine Leistung bekannt geworden sind, die nichts mit ihrer Behinderung zu tun hat? Wolfgang Schäuble und Stephen Hawking waren beide schon vor ihren Behinderungen ganz oben angelangt. Und glaubt ernsthaft irgendjemand, Schäuble wäre in den 70ern und 80ern an die Spitze der CDU aufgestiegen, wenn er seine Politikerkarriere im Rollstuhl gestartet hätte? Nochmals: Jeder zehnte Deutsche ist schwerbehindert. Entweder diese Menschen sind durch die Bank dümmer, unbegabter und fauler – oder es sind die Bedingungen, die ihren Aufstieg oder nur ihre Teilhabe behindern.

(…)

In seiner Zeit als Ministerpräsident hat Horst Seehofer das Ziel „Bayern barrierefrei bis 2023“ ausgerufen. Wer sich im Spätsommer 2024 an bayerischen Bahnhöfen, in Verwaltungen und Arztpraxen umsieht, möchte sich vor Lachen aus dem Rollstuhl schmeißen – selbst eine steinreiche Stadt wie München kann mit ihren vielen, vielen Stolperschwellen für Menschen im Rollstuhl, aber auch für alte Menschen und pflegende Angehörige eine alltägliche Tortur sein. Wenn es schon bei einfachen physischen Barrieren in staatlicher oder kommunaler Verantwortung derart hapert, braucht man sich über Barrieren in vielen Köpfen kaum zu wundern.

§

Dazu passen sehr gut die Gedanken, die @giardino in seinem Blog darlegt: Viele politische Haltungen und viele grundsätzliche Unterschiede lassen sich damit erklären, dass die einen Wähler*innen von der Prämisse ausgehen, dass Menschen gleich viel wert sind. Und andere, dass sie unterschiedlich viel wert sind.
“Gedanken über hierarchische Weltbilder”.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 10. September 2024 – Angsttage

Mittwoch, 11. September 2024 um 6:22

Eigentlich gute Nacht, aber schon um fünf aufgewacht und dann Angstkreise gedreht.

Überhaupt war ich wohl nicht ganz beisammen: Dass ich vergessen hatte, nach dem Duschen die Beine einzucremen, merkte ich erst beim Hosenanziehen. Dass ich vergessen hatte Schmuck anzulegen (ist mir seit vielen Jahren nicht mehr passiert), erst auf dem Weg in die Arbeit. Auf dem ich einmal kurz umkehrte, weil eine tote Maus am Wegesrand lag, ein hübsche, intakte, grausamtige, aber eindeutig tote Maus.

Gestern ging’s den gesamten Arbeitstag über rund, einen Faktor davon kannte ich schon vorher und fürchtete mich davor, aber dann auch noch Querschüsse. Keine Zeit für Mittagscappuccino, ich war schon froh, dass ich fürs Mittagessen ein paar ruhige Minuten fand: Apfel (köstlicher Elstar vom Markt), Pumpernickel mit Butter.

Auch nachmittags musste ich mich intensiv mit einem Menschen beschäftigen, der sehr von mir abhängig war, sowas stresst mich ungeheuer. Und am Mittwoch wird das nicht besser, allerdings mit einem anderen Menschen. Während ich gleichzeitg Termine und Dinge zu erledigen habe.

Wetter bekam ich schier nicht mit; es war immer wieder sehr dunkel geworden, ich glaube, es regnete auch mal. Nach Feierabend war es trocken, aber weiter abgekühlt. Daheim Papa-Telefonat, Maniküre (gna), dann durfte ich endlich Yoga-Gymnastik. Weil ich mich vage erinnerte, dass diese Folge 4 von “Flow” an einer Stelle nur eine Seite durchturnt, hatte ich das Handy griffbereit, um an dieser Stelle zu stoppen und die fehlende Seite eigenständig zu absolvieren. Klappte.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch Sahnelinsen mit Linguine, sehr erfreulich. Nachtisch Wassermelone aus Ernteanteil (!).

Eine kleine, halbierte Wassermelone

Mit feiner Süße, zweite Hälfte gibt es am Mittwoch. Und Schokolade.

Meine Angst vor dem gebuchten Urlaub ist zu einer fatalistischen Starre geworden: Dann wird’s halt schrecklich. Stehe ich auch noch durch. Habe ja bisher schon alles durchgestanden.
Danach höchstens noch All inclusive im Schwarzwald.

Früh ins Bett zum Lesen und mit Aussicht auf eine unruhige Angstnacht. Ist halt so: Da die Angst ja unvernünftig ist, lässt sie sich nicht mit Vernunft und Hinweis auf Tatsachen eindämmen.

§

Frau Brüllen macht einen Traum war, den auch ich seit der Lektüre von Götter, Gräber und Gelehrte habe: Sie gräbt (als Freiwillige) ganz offiziell archäologisch, in einem “Feldkurs” in der Nähe ihres Wohnorts bei Basel. Hier hat sie schon über den Info-Abend dazu geschrieben, und am Montag ging’s so richtig los mit Bodenbohrungen und Spitzhacken.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 9. September 2024 – Gummistiefeleinsatz

Dienstag, 10. September 2024 um 6:20

Eingeschlafen zu Regenrauschen, aufgewacht zu Regenrauschen.

Ich wagte mich dennoch in weißer Jeans aus dem Haus: Mir war eingefallen, dass ich für solches Wetter ja Gummistiefel besitze. Unterwegs versiegte der Regen, zu meiner Erleichterung wurde es sogar ein wenig heller, ich hatte eine dunkelgrauen durchregneten Tag befürchtet.

Im Büro brach beim Öffnen des E-Mail-Postfachs allerdings erstmal eine kleine Hölle los. Bis ich die zahlreichen Aufgaben abgearbeitet hatte, die mir entgegenpurzelten, dazu noch diejenigen, die über die nächsten Stunden plötzlich aufpoppten, bis ich also meine eigentliche Jobliste für gestern anpacken konnte, war es Mittag durch. Dazwischen hatte ich mir allerdings herausgenommen, für einen Cappuccino in die Nachbar-Cafeteria zu laufen.

Mein spätes Mittagessen war dreigängig: Ernteanteil-Gurke, Pumpernickel mit Butter, Pfirsich mit Joghurt. Das war reichlich – und doch knurrte bereits drei Stunden später schon wieder mein Magen.

Über den Nachmittag konnte ich strukturierter arbeiten, doch mir ging die Konzentrationsfähigkeit allmählich flöten.

Kurz vor Feierabend setzte nochmal heftiger Regen ein. Regenradar aber sagte: Nur ein ganz kleines Regengebiet, zum Heimweg bereits weitergezogen. (ICH LIEBE MODERNE METEOROLOGIETECHNIK!)

Später Feierabend. Auf dem Heimweg Erledigungen (in Gummistiefeln, auch wenn es nicht regnete, irgendwie musste ich sie ja nach Hause schaffen): Lebensmittel, Bargeld, Drogerieprodukte.

Zu Hause Yoga-Gymnastik, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Für mich gilt nicht Adrienes “the hardest part is over: you’re here”, Yoga kostet mich genauso wenig Überwindung wie Joggen und Schwimmen. Man sucht sich’s nicht aus. Tat sehr gut.

Nachtmahl war die restliche Lasagne vom Sonntag, und aus Ernteanteil-Zucchini und -Stangensellerie hatte Herr Kaltmamsell einen Salat mit Feta und Kapern gemacht, köstlich. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Jenny Erpenbecks Kairos ist sehr gut geschrieben, aber eine belastende Geschichte.

§

Aus Funktionsperspektive verstehe ich ja Waschtische mit frei stehenden Waschschüsseln genauso wenig wie frei stehende Badewannen – habe ich in Hotels genutzt, die Holzplatte unter der Schüssel sah immer erbarmungswürdig aus. Aber wenn, dann müsste die Waschschüssel so aussehen. (Bei so viel Praxis-ferne kalkuliere ich den Faktor Putzbarkeit erst gar nicht ein.)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 8. September 2024 – Ferienausflug in den Botanischen Garten

Montag, 9. September 2024 um 6:20

Gute Nacht, doch unter meinem Bettüberzug als Decke wurde mir erstmals ein wenig zu frisch (er ist bei 23 Grad Schlafzimmertemperatur genau richtig) – da er 2×2 Meter groß ist, nahm ich ihn einfach doppelt.

Silhouette eines modernen Kirchturms über Park mit allerersten Morgensonne

An diesem Sommerabschiedswochenende genoss ich das Balkonsitzen (MIETE ABWOHNEN!) nochmal besonders: Die Wasserschale auf dem Sims wurde immer wieder besucht, mindestens eine Kohlmeise traute sich auch dann zu trinken, wenn ich am Tisch saß. An den Bäumen klopften prächtige Buntspechte, einmal einer am Nebenast beobachtet von einer besonders bräsig breit dasitzenden Türkentaube (ich denke bei deren Anblick immer an Menschen, die den exakt selben Habitus zeigen). Gestern sah ich dann auch endlich mal eine Mönchsgrasmücke, all die Monate davor hatte ich sie immer nur gehört.

Für das letzte Wochenende der Sommerferien hatten wir einen Ausflug geplant: Botanischer Garten, nach den Gewächshäusern vergangenen November jetzt die Außenanlagen. Am späteren Vormittag radelte ich mit Herrn Kaltmamsell über die Nymphenburger Straße hinaus.

Gleich am Eingang fing Herr Kaltmamsell eine besonders brenzlige Situation ein. Solange wir guckten, war die Libelle noch nicht gefressen.

Rechts ein großer Porzellan-Kakadu, links eine gepflegte Außen-Gartenanlage mit Kieswegen

Prächtiges Nymphenburger PorzellanMajolika ziert die Treppen.

Wir nahmen uns zunächst den Abschnitt “System” vor: Hier wird die botanische Systematik an 1.600 Pflanzenarten gezeigt.

Lila Blütenkelche vor sonnenbeschienenem Stein und Büschen

Unter anderem trafen wir auf besonders stattliche Herbstzeitlose.

Weiter zum Bereich mit Nutzpflanzen.

Drei gelbe Kürbisse un Kürbisblätter auf Erde

es ist herbts

auf dem feld

DIE KÜRBEN

Ich lernte, wie Buchweizen wächst, wie Linsen wachsen.

Halb weggefressene Kohlköpfe auf der Erde, zwischen zwei Blättern ein großes Schneckengehäuse

Und dass sich auch hier die Schnecken sattfressen, eine in flagranti!

Selfie eines Mannes und einer Frau vor riesigen grünen Blättern

Pärchen-Selfie für das Schweizer Freundespaar – die riesigen Blätter sind Mirbel, Gunnera tinctoria aus Chile. Nämlich.

Ansicht von halb oben eines Ausschnitts eines botanischen Gartens mit Teich, gegenüber ein Häuschen, im Vorergrund alpine Landschaft

Nahaufnahme einer komplexen, weinroten Blüte vor grünen Blättern

Blümchen im Alpinum.

Zum Abschluss hatten wir uns auf Kaffee auf der Terrasse des Cafés im Botanischen Garten gefreut. Doch zum einen war diese besonders schöne Terrasse mit Blick auf Blumen nicht in Betrieb, zum anderen das restliche Lokal sehr voll. Also ließen wir das bleiben und sahen uns noch unter den Blumen um.

Prächtiges Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, davor Gartenanlage mit Blumen, Kiesflächen, Bänken

Auf einem Baum vor einem roten Dach sitzt ein Reiher

Reiher-Besuch auf Magnolie.

Beete mit Dahlien in verschiedenen Formen und Farben vor einem alten Gebäude

Im Dahlienarium.

Gemütliches Heimradeln mit kurzem Stopp am Rotkreuzplatz: Es war ein italienischer Markt aufgebaut. Doch von den angebotenen Produkten machte uns nichts an, wir holten nur ein frisches Brot beim Bäcker Rischart.

Zum Frühstück um zwei setzte ich mich auf den Balkon. Es gab zwei Scheiben frisches Brot mit Geräuchertem, eine mit Butter und Honig, außerdem Pfirsiche mit Joghurt. Bisschen zu viel. Und die Luft wurde bereits frisch.

Ein Stündchen Bügeln mit Musik, dann Romanlesen auf dem Sofa, Yoga-Gymnastik vorm Fernseh-Bildschirm, Bruder-Telefonat. Wie angekündigt schlug das Wetter jetzt wirklich um: Es regnete, ich schloss die Fenster gegen die Kühle.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch Lasagne gemacht: Die klassische Sorte, nur halt mit Soja-Bröckerln statt Hackfleisch. Schmeckte sehr gut (nur einen Tick zu trocken), Lasagne gehört weiterhin zu meinen Lieblinsspeisen. Als Nachtisch aßen wir den restlichen Apfelkuchen.

§

Apropos Bloggen in anderer Form: Maximilian Buddenbohm hat mich auf den wöchentlichen Newsletter von Nils Minkmar gebracht, den ich hiermit weiterempfehle. Der aktuelle heißt
“No News”.

Unter anderem beobachtet Nils Minkmar in einer Berliner Klinik:

Docs und Pflegekräfte sind mal biodeutsch, mal nicht – genau wie ihre PatientInnen. Die ermüdende Frage, wer woher kommt, spielt in der Klinik keine Rolle. Ich nahm einige Mahlzeiten zwischen den Beschäftigten ein und hörte normale Arbeitsplatzwitze, aber nichts von dem dauernden Untergangsgeheule rechter oder auch betont linker Medien. Mein Eindruck war, dass die Leute ihren Job gut und gerne machen und mit ihrem Leben zufrieden sind. Vielleicht ist es an vielen Stellen im Land so – aber als Journalist kann man das nicht abbilden. Man würde sofort der naiven Affirmation bezichtigt und verdächtigt, die wahren Probleme der Menschen zu ignorieren. Oder die Sorgen, die noch kommen. Oder die Nöte der anderen. Dabei sind dauernde Angst und die Verkennung dessen, was in Europa gut ist, wirksame Treibstoffe für die Höckes und Wagenknechts dieser Republik.

Und er kommt zu der Einsicht:

Junge Frauen und Männer, die erst Menschen heilen und dann in den Feierabend ziehen, Skateboard unter dem Arm – das ist viel eher Deutschland heute als die Studios der Talkrunden mit ihren enervierenden und extremen Gästen.

§

Charmant: Der Grabstein von Hans-Christian Ströbele.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 7. September 2024 – Abschied-vom-Sommer-Lauf an der Isar

Sonntag, 8. September 2024 um 8:58

Unruhige Nacht, als ich dann endlich einschlief, träumte ich Trauriges, wachte tieftraurig auf.

Draußen schien die Sonne, es war aber sehr frisch, dennoch setzte ich mich für meinen Morgenkaffee auf den Balkon.

Blick über Kaffeetasse und Wasserglas hinweg über Balkonbrüstung auf sonnenbeschienenen Baum und blauen Himmel

In den Bäumen davor pöbelte ausdauernd ein Eichelhäher, manchmal unterbrochen von einer Krähe.

Nach dem Bloggen buk ich das geplante Apfelschlangerl aus Katharina Seisers Österreich vegetarisch, derzeit mein liebster Apfelkuchen (hier Bilder vom Backen vergangenes Jahr). Beim Zerteilen des Butterblocks in Würfel schaffte ich es irgendwie, mir mit der Spitze des großen Messers den linken Unterarm anzuritzen, gerade genug, dass blutige Sauerei drohte: Ich rief Herrn Kaltmamsell mit Bitte um ein großes Pflaster herbei.

Eigentlich war seit Wochen für dieses Wochenende eine Wanderung geplant gewesen, doch die dazugehörige Freundin hatte sich dem vor ein paar Tagen durch einen gebrochenen Fuß entzogen. Ersatzplan war Schwimmen im Dantebad, ein letzter echter Sommerschwumm mit anschließendem Sonnenbaden, doch ich verspürte keine rechte Freude darauf. Mir ging’s ohnehin nicht so gut, und die Aussicht auf viele Menschen vor allem im Schwimmbecken trübte die Aussicht auf Gleiten durch Wasser. Also überlegte ich, was mir gut tun könnte. Gar kein Sport, statt dessen Rumgammeln? Nein, zu hohe Trübegefahr. Laufen? Ja, Laufen, also Bewegung ohne Menscheninteraktion, dafür in schönem Licht und mit Aussicht auf Seelenfrieden.

Ich machte mich fertig für einen Sommerlauf, erst ein drittes Mal dieses Jahr in kurzer Hose. Das Radeln zum Friedensengel wurde überraschend kompliziert: Schon vor dem Deutschen Museum waren Straße und Radweg gesperrt, ich kam nicht weiter an der Isar entlang und jenseits die Ludwigsbrücke. Eine Umleitung übers Deutsche Museum endete im Nirgends, ich radelte zurück und suchte mir selbst durchs Lehel einen Weg zum Friedensengel. Auf der Fahrt sah ich dann auch den Grund für die Sperrung: Isarinselfest.

Das Wetter war herrlich, in der Sonne nur einen Tick zu warm für ideales Laufwetter. Doch ich suchte den Schatten, immer wieder kühlte mich eine Brise. Der Körper spielt gut mit, an der gesperrten Föhringer Brücke lief ich der Umleitung für den Fahrradverkehr nach und entdeckte so ums Gebäude des Bayerischen Rundfunks ein weiteren schönen Teil des nördlichen Englischen Gartens, unter anderem den Oberjägermeisterbach.

Uferweg mit Bäumen über eine Kiesbank am Fluss, darauf eine Sonnenbadende

Dicker, kahler Baumstamm im Gegenlicht, daran ein großer, mehrlagiger gelber Pilz

Im Vordergrund Parkbank von hinten, davor zwischen Bäumen Blick auf FLuss un Wehr in Hintergrund, am Ufer, zwei-E-Roller, man erahnt zwei sitzende Menschen

Lichter Laubwald, links ein Bach, rechts daneben ein breiter Weg

Neu entdeckt: Oberjägermeisterbach.

Graffiti unter einer niedrigen Brücke, fast verwittert

Markanter Graffiti-Kopf auf einem grünen Metallkasten im Park

Ein alter Bekannter, dessen Graffiti ich auch an den Bahnstrecken um Köln und Essen gesehen hatte.

Kleinteiliger, bunter Streifen Graffiti unter einer Brücke, von rechts fährt gerade ein Radler ins Bild

Bach, der unter einen niedrigen Brücke durchfließt, von der Brücke hängen Efeu-Stränge

Bäume vor knallblauem Himmel an Teich, links angeschnitten ein Wehr

Helllila Blumen, Herbstzeitlose, auf Wiese vor sonnigem Park

Blick von Brücke auf Fluss in Sonne, darin ein paar Badende, im Hintergrund Brückenbaustelle

Blick von der Emmeramsbrücke nach Norden.

Eckiger weißer Kirchturm zwischen Bäumen vor blauem Himmel

Der Lauf hatte tatsächlich so gut getan wie erhofft. War mit ein dreiviertel Stunden ein bisschen zu lang ausgefallen (Körper war fertig, bevor Seelchen genug hatte), ich dehnte sorgfältig Beine, Hüfte, Po, Schultern, bevor ich heimradelte (wieder übers Lehel).

Frühstück kurz nach zwei: Fladenbrot mit Tomate, Apfelschlangerl. Das machte mich müde genug für eine kleine Siesta bei ohnehin gegen die Sonne herabgelassenem Rollladen.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich auf dem Markise-beschatteten Balkon in perfekter Sommertemperatur ohne Hitze, las Zeitung und Internet.

Ich hatte große Lust auf Yoga-Gymnastik, begann nochmal das diesjährige 30-Tage-Programm “Flow” von Adriene.

Nachtmahl: Als Vorspeise servierte ich Tomaten, Pfirsich, Basilikum. Als Hauptgericht hatte Herr Kaltmamsell Udon-Suppe mit viel Gemüse gekocht. Nachtisch Apfelschlangerl.

§

In der Wochenend-Süddeutschen fand ich zwei große Artikel besonders informativ und gut, vielleich haben Sie ja Zugriff:

Einmal das Interview mit Katalin Karikó, die mit Drew Weissman den Nobelpreis für Medizin für ihre mRNA-Forschung bekommen hat, die letztendlich zu den Covid-19-Impfstoffen führte. In der gedruckten Süddeutschen lauteten das Thema und die Überschrift (€):
“Durchhalten”.

Das hatte bei mir die Befürchtung hervorgerufen, dass das framing mal wieder das irreführende “Du musst nur an deinen Träumen/Zielen festhalten, dann kannst du alles schaffen, hier ist der Beweis” sein würde. Irreführend, weil survivorship bias: Wir erzählen einander nur die Geschichten der Leute, die es tatsächlich geschafft haben. Und obwohl das Durchhalten oft Bedingung für den Erfolg war, taugt es halt nicht zum umgekehrten Beweis, dass es Erfolg garantiert (und wer es nicht schafft, halt nicht genug daran geglaubt hat): Die viel häufigeren Geschichten der Leute, die trotz allem follow your dream gescheitert sind, taugen lediglich nicht so zum Weitererzählen.

Doch Karikós Antworten sperren sich herrlich gegen das framing:

Ich wollte immer nur verstehen, wie etwas funktioniert und ob man es besser machen kann. Und es scheint, als sei mir das gelungen.

(…)

Während Ihrer Karriere haben Sie mehrmals den Job verloren, mussten Ihr Labor räumen, viele Ihrer Forschungsanträge wurden abgelehnt. Ihr Ehemann sagte einmal, Kati, du verdienst nicht mal einen Dollar pro Tag. Wenn es nicht Ehrgeiz ist: Was ist dann Ihre herausragende Eigenschaft als Wissenschaftlerin? Hartnäckigkeit?

Es stimmt, eine Weile ging es nur bergab. Ich habe unendlich viel gearbeitet, befördert wurden hingegen andere. Wäre es mir damals um Erfolg gegangen, hätte ich wahrscheinlich irgendwann aufgegeben. Aber ich habe Rückschritte nie ernst genommen oder versucht, jemandem die Schuld dafür zu geben, dass es nicht gut läuft. Ich habe mich einfach auf meine Arbeit konzentriert.

Inhaltliche Wissbegier also als Motivation und gerade nicht Glaube an Erfolg oder ähnlich Hollywood-taugliches.

§

Den andere Artikel las ich im Wirtschaftsteil, und er erinnerte mich an eine spannende Geschichte, die ich vor Jahren im Guardian gefunden hatte und die anhand der Einwanderer-Gastronomie in UK den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss von Einwanderung nachgezeichnet hatte. Autorin Lisa Nguyen recherchiert dieses für das deutscheste aller Einwanderungsgerichte, den Döner (€):
“Einmal mit alles”.

Wie viele Dönerläden es in Deutschland gibt, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Ein Vertreter der Düzgün-Gruppe, einer der größten Dönerfleischproduzenten Deutschlands, schätzt die Zahl auf rund 18 000 Läden. Viele Besitzer kamen aus der Türkei nach Deutschland und betreiben ihre Buden hier bis heute, einige werden inzwischen von den Kindern oder Enkelkindern geführt. Und ihre Überzeugungen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Der Artikel berichtet auch, warum die Dönerläden in Deutschland gerade Anfang der 1980 so schlagartig aufkamen:

Mit dem Einbruch der Weltwirtschaft erfolgte 1973 auch der Anwerbestopp, doch zu diesem Zeitpunkt waren viele Familien aus der Türkei bereits nachgekommen und hatten sich hier niedergelassen.

Verschärft wurde die Lage der Gastarbeiter durch den sogenannten „Lummer-Erlass“ in Westberlin, den Seidel in seiner jüngsten Dönerabhandlung beschreibt. Berlins früherer Innensenator Heinrich Lummer kündigte 1981 an, dass Ausländer, die weniger als fünf Jahre in Deutschland lebten und weder eine Ausbildung noch eine Arbeit hatten, ausgewiesen werden sollten.

Der Druck auf Tausende Familien stieg, die Selbstständigkeit war für viele der einzige Ausweg, um im Land zu bleiben. Der Dönerstand, der Gemüseladen oder die Änderungsschneiderei sicherten nun das Familieneinkommen – und den Aufenthaltsstatus.

§

Viele Bloggerinnen müssen einfach bloggen – auch nach Aufgeben ihres ursprünglichen Blogs. Manche sprechen ihre Texte inzwischen als Reel in die Kamera, andere schreiben Newsletter, wieder andere nutzen die Textmöglichkeiten unter ihren Fotos auf instagram – wie Gedankenträger, die acht Jahren nach dem plötzlichen Tod ihres Sohns John an seinem 24. Geburtstag darüber schreibt, was das Mutterwerden mit ihr gemacht hat und wie sie diesen nicht gefeierten Geburtstag erlebte.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 6. September 2024 – Von der Anstrengung, mein Geld loszuwerden

Samstag, 7. September 2024 um 8:24

Dank Ohrstöpseln tief und gut geschlafen. Draußen brach der angekündigte Regentag an, die geplante weiße Jeans ließ ich lieber im Schrank (aufspritzender Straßendreck beim Gehen erzeugt unauswaschbare Flecken). Aber: Guter Sommer, ich habe alle meine Sommerkleidung mindestens einmal getragen.

Für meinen Weg in die Arbeit blieb der Regenschirm dann doch geschlossen, aus dem düstergrauen Himmel fiel kein Regen mehr.

Verregnete Straße mit Altbauten, im Hintergrund ein Backstein-Kirchturm

Emsiger Arbeitsvormittag, die Vollzughindernisse des Vortags waren über Nacht verschwunden. Die Glücksgefühle nach erfolgreicher Erfüllung dieses Auftrags führten aber dazu, dass ich mir ein wenig vorkam wie Wauzi, der einen Ball apportiert hat, JÄPP JÄPP, *schwanzwedel*.

Für meinen Mittagscappuccino ging ich raus ins Westend, mit kurzen Ärmeln war mir fast zu frisch. Zurück am Schreibtisch noch eine Runde berufliche Reise-Orga, dann gab’s Mango mit Sojajoghurt. (Einmerker: Mangos künftig nicht bis zur Marmeladigkeit reifen lassen, mit etwas Säure mag ich sie lieber.)

Anstrengender Nachmittag, während es draußen sonnig wurde. Pünktlicher Feierabend, weil ich Besorgungen vorhatte und dafür ins Stadtzentrum spazierte. In der Sonne war es bereits wieder einen Tick zu warm.

Unter anderem wollte ich Herrn Kaltmamsells Geburtstagsgeschenk in einem Fachgeschäft in der Innenstadt kaufen. Recherchiert hatte ich das Ding im Web, aber Sie wissen ja, dass ich als Innenstadt-Bewohnerin gerne die kleinen (und großen) Geschäfte durch Einkauf vor Ort am Leben erhalten möchte.

Nur dass vor diesem Geschäft eine Schlange stand, obwohl der Laden eher leer aussah. Und der Security-Mensch (!!! wir reden hier von einem Fachgeschäft für Alltagsgegenstände, keineswegs von einem Juwelier oder Louis Vuitton) mir auf entgeisterte Nachfrage erklärte, dass nur so viele Menschen reingelassen würden, wie beraten werden könnten, das mache die Beratung besser. Mittlerweile fassungslos fragte ich nach, dass ich mir die Produkte also auch nicht einfach ansehen dürfe? Nein.

Also vereinbarte ich innerlich mit dem Laden: Wenn ich kürzer in der Schlange warten müsste als ich brauchte, um den Artikel auf meinem Smartphone nochmal gründlich online zu recherchieren und zu kaufen, würde ich in den Laden gehen, sonst nicht. Ergebnis: Ich kaufte online, der Laden zog den Kürzeren und kann meinetwegen eingehen. Schaun wir mal, was danach reinkommt. Noch ein Burger-Laden? (Eine Frau in der Schlange erzählte, dass sie nur etwas umtauschen wolle und trotzdem nicht reingelassen werde.)

Obstkauf beim Eataly. Einen Schurwollpulli fürs Winterbüro gekauft, den ich online entdeckt hatte, in einem Laden, an dem ich dafür nicht Schlange stehen musste. (Ich komme weiterhin nicht darüber hinweg.) Und dann noch als Extra-Belohnung an einem Standl zwei Bund Dahlien.

Zu Hause traf ich dann doch recht verschwitzt ein. Blumen versorgt – und dabei überrascht nach draußen gehorcht: Im Nußbaumpark gab’s Alphornmusik der nicht-traditionellen Art. Herr Kaltmamsell recherchierte: Das war Marcel Engler, der “Loisach Marci”.

Endlich wieder Yoga-Gymnastik, wenn auch eine eher ungeliebte Schlussfolge von Adriennes 30-Tage-Programmen, zu denen sie nichts ansagt, sondern nur turnt. Ging aber gut, tat gut.

Fürs Abendessen hatte Herr Kaltmamsell schon am Donnerstag Rillettes hergestellt, wollte er schon lang mal machen. Aus Ernteanteil-Salätchen, -Gurke, -Tomaten machte ich Salat, verwendete dafür das Öl eines Glases eingelegter Antipasti-Artischocken (leider zu viel davon). Weiters gab es Fladenbrot vom Balkanbäcker und allgäuer Käse vom Markt. Als Aperitif rührte uns Herr Kaltmamsell Martini-Cocktail, zum Essen tranken wir den Chardonnay weg, den er für die Rillettes (Kalb übrigens) verwendet hatte.

Gedeckter Tisch mit den vorher beschriebenen Speisen und Getränken

Beschallung weiterhin von draußen interessanter Alphorn-Techno. Nachtisch Schokolade.

Im Bett neue Lektüre: Jenny Erpenbeck, Kairos. Ich hatte ihr Geschichte vom alten Kind sehr gemocht, auch hier ging es sprachlich eigenwillig los.

Vor zwei Wochen hatte ich in einem Fine-Dining-Restaurant reserviert, das ich gerne mal ausprobieren wollte und das bei vorherigen Versuchen immer schon ausgebucht war. Ein Lokal aus der Ohne-Sterne-Welt, deshalb war ich überrascht, dass ich mein Erstgeborenes verpfänden sowie mit Kreditkarten-Daten garantieren musste, dass ich echt, echt ehrlich kommen würde. Als also gestern, eine Woche vor Termin, eine Drängel-Mail kam, KÖNNEN WIR NOCH IRGENDWAS FÜR SIE TUN HABEN SIE SONDERWÜNSCHE KOMMEN SIE WIRKLICH????, musste ich pampig werden:
“Wir freuen uns auf den Abend bei Ihnen – und sind gespannt, welche weiteren Hürden wird überwinden müssen für die Reservierung und ihre tatsächlich Einlösung. Vielleicht dürfen wir nur über Ihre Türschwelle, wenn wir ein Rätsel lösen? Es wird so spannend!”

Die Gastro-Entwicklung in München, die uns schon Reservierungs-Druck für einfaches Kaffeetrinken und Zwei-Stunden-Slots für Abendessen eingebrockt hat, treibt weitere groteske Blüten.

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Hanna Schygulla gehört zu den Menschen, die beim Altern immer mehr aussehen wie sie selbst, gestern ein Porträt im SZ-Magazin (€):
“Audienz bei einer Diva”.

die Kaltmamsell