Journal Freitag, 23. Januar 2026 – Kartoffelsackiges

Samstag, 24. Januar 2026 um 8:21

Morgens hatte ich um 8 Uhr einen Arzttermin in der Nähe, ich gönnte mir 15 Minuten Weckervorstellen – und wurde nach einer guten Nacht dennoch vom Klingeln aus tiefem Schlaf geholt.

Vorsorge-Untersuchung bei meiner Gynäkologin, der erste Termin nach der Myom-Untersuchung im Klinikum Neuperlach. Mittlerweile ist die Praxis in der Übergabephase Richung Rente, zwei weitere Gynäkologinnen stehen auf dem Schild, aber ich wurde von der mir seit 2022 vertrauten untersucht. Währenddessen besprachen wir die Myom-Situation und meine Optionen, es lief wieder darauf hinaus: Ist der Leidensdruck hoch genug, um einen massiven operativen Eingriff in meinen Körper zu rechtfertigen? Diese Bewertung und Entscheidung liegen bei mir – Nachtrag, weil wichtig: Das betonte die Ärztin mehrfach. (Meine Hauptbedenken zugegebenermaßen: Dieser Eingriff würde mich sehr wahrscheinlich je nach Methode zu monatelanger Sportpause zwingen.)

Auf Rat der Gynäkologin hole ich mir jetzt eine zweite OP-Einschätzung bei einem ihrer Gyn-Kollegen, der auf laparoskopische Methoden spezialisiert sei, ich vereinbarte mit der Überweisung gleich einen Termin nächste Woche. Großstädterinnen-Privileg, nehme ich an: Ich hatte mit monatelanger Wartezeit gerechnet.

Laut meiner Dr. Gyn in der Nähe von Rentenalter nannten “früher” alte Professoren eine Gebärmutter wie meine “Kartoffelsack”. Jetzt muss nicht nur ich mit diesem Wissen leben, danke Blog.
Und ich wurde wieder mal “kritische Patientin” genannt. Empfinden Ärzt*innen mein Bedürfnis nach detaillierter Information bis zum laienhaften Kapieren wirklich als “kritisch”? Ich widerspreche doch gar nicht oder äußere gar Kritik?

Eine U-Bahn brachte mich möglichst schnell an meinen Schreibtisch im Büro – wo ich erstmal nicht checken konnte, ob während meiner Verspätung was war, sondern ich meinem Computer 30 Minuten bei Updates sowie Hängenbleiben derselben zusehen musste. Dann legte ich endlich los.

Keine Lust auf Mittagscappuccino, ich nutzte die immer deutlichere Sonne durch eisigen Hochnebel für eine Einkaufsrunde um den Block. Zu Mittag gab es eine Birne, ein paar Nüsse, außerdem Linsensalat vom Vorabend.

Auf dem Heimweg, um fünf war noch eindeutlig Tageslicht am Himmel zu sehen, die restlichen Lebensmitteleinkäufe fürs Wochenende – Herr Kaltmamsell war krank daheim geblieben, ich übernahm.

Wie schon am Donnerstag litt ich unter meinen vielen Aussetzern physischer (Stolpern, Dagegendotzen, Verschütten, Fallenlassen -> blaue Flecken coming up) und geistiger Art – wieder eine Phase, in der ich die Absicht kleiner Tätigkeiten laut vor mich hin murmeln muss, “Eier checken, Eier checken, Eier checken”, um sie nicht bei geringster Ablenkung (“ah, Rucksack noch nicht von Küche in Diele gestellt”) zu vergessen. Bei der derzeitigen Grundgereiztheit rege ich mich auch noch über mein eigenes Trampeltum (mit dem ich ja 24/7 leben muss) ungeheuer auf.

Nach Auspacken der Einkäufe eine sehr ruhige Einheit Yoga, in der Adriene durchgehend derart eindringlich betonte, wie wichtig solche Übungen in stillness zwischen den aktiveren sind, dass mir fast die stillness abhanden kam. Dann sorgte ich für Abendessen: Ich garte den ganzen Hokaido-Kürbis aus Ernteanteil in gewürzten Spalten, die eine Hälfte wird am Samstag zu Quiche, die andere Hälfte gab es als Freitagabendmahl. Außerdem mit ein wenig Gorgonzola Radicchio aus Ernteanteil – der so viel mehr Geschmack und Frische mitbrachte als der gekaufte Radicchio eine Woche zuvor.

Dazu hatte ich eine Flasche roten Kalk und Kiesel von Claus Preisinger aus dem Burgenland aufgemacht: War mir, weil spontanvergoren, als deutlich gewöhnungsbedürftiger in Erinnerung, diesmal fand ich ihn einfach nur pflaumig und hell gut, der ist gar nicht so unkonventionell. Meine Gereiztheit bekam er aber nicht ganz weg, fast hätte ich Dinge nach mir geworfen.

Nachtisch reichlich Schokolade, früh ins Bett zum Lesen.

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The news has been so overwhelming for so long that I’ve forgotten what it feels like to be simply whelmed.

Same here, Laurie Penny.

Ich empfehle die Lektüre der Einleitung zu ihrem aktuellen Newsletter mit klugen Beobachtungen wie:

Attention can feel like action when one is otherwise helpless; it can feel dangerous to taking your eye off these gangsters of the attention economy.

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Produkte des italienischen Gutshofs La Vialla lernte ich schon vor Jahren als Geschenke kennen. Seit ich dort selbst mal bestellte, werde ich von Marketing-Material geflutet – das mich mit seinem Idyll- und Heile-Welt-Branding in erster Linie misstrauisch machte: Genau so stellt sich seit Jahrzehnten die gesamte Landliebe-Seite der Lebensmittel-Industrie dar, Heuchelei Hilfsausdruck. Doch dann berichtete ein Freund vergangenes Jahr von einem Besuch auf der Fattoria La Vialla, dort wurde eine Hochzeit gefeiert, auf der er Gast war. Und er versicherte: Das geht dort genau so zu, wie in den Katalogen geschildert (inklusive vergrabender Rinderhörner).

Solches beschreibt auch ein Reporter der Financial Times, Adam Weymouth, der von London mit dem Zug in die Toskana reiste und einige Tage auf dem ausgedehnten Anwesen verbrachte. Hier das PDF des Artikels:
“A taste of the good life on the Tuscan farm where guests can stay”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. Januar 2026 – Fortgesetzte Saukälte

Freitag, 23. Januar 2026 um 6:34

Aufgestanden zu tiefer Kälte, gestern brachte sie eisigen Nebel mit. Der Marsch in die Arbeit darin wenig froh, zumal die Kälte bis auf Weiteres so bleiben soll.

Emsiger Vormittag, in dessen Verlauf sich der Nebel lichtete, fast sonniger Marsch zum Mittagscappuccino im Westend.

Geplantes und Quergeschossenes, zu Mittag gab es eine Birne, außerdem Mango mit Joghurt und Leinsamenschrot – ich freue mich sehr, dass ich kein Bauchweh mehr vom Schrot bekomme, ich beiße doch so gern Körndln, und das Untermischen bremst mein Esstempo angenehm.

Eine längere Besprechung, weiteres Abarbeiten, weitere Querschüsse.

Auf dem Heimweg war es wieder scheißekalt, ich ging mit hängenden Flügeln (bei hochgezogenen Schultern sicher nicht gesund). Unterwegs Einkäufe fürs Abendbrot – das ich ein wenig umplanen musste: Herr Kaltmamsell wollte eigentlich aushäusig sein, sagte diese Verabredung aber wegen Mega-Erkältung ab (ich werde ihn doch nicht angsteckt haben). Ich hatte Linsen (vorgekocht aus der Dose), rote Spitzpaprika und Ruccola besorgt, daraus machte ich einen Salat – für zwei halt dann mehr. Davor aber eine Runde Yoga.

Zum Linsensalat gab es Crowdfarming-Manchego. Nachtisch Süßigkeiten.

Früh ins Bett zum Lesen, Nora Gomringer erinnert sich an das sehr unkonventionelle und nicht gerade glückliche Familienleben ihrer Kindheit.

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In Davos gab es nicht nur das irrlichternde Mäandern der Trump-Rede. (Mir fällt auf, dass zumindest die 20-Uhr-Tagesschau am Mittwoch das Irrlichtern mit 90 Prozent Falschbehauptungen gar nicht erst thematisierte. Mir tun ja die Simultanübersetzer*innen besonders leid.) Sondern auch kluge, klare Worte. Kanadas Premierminister Mark Carney hielt eine Rede im wirklich klassischen Sinn, ordnete die Lage ein, fasste die Reaktion Kanadas darauf zusammen und appellierte, diesem Beispiel zu folgen. Bei der FAZ gibt’s die deutsche Übersetzung:
“‘Wir befinden uns in einem Bruch, nicht im Übergang'”.

tagesschau.de machte sich aber die Mühe, gewichtigere Behauptungen aus Trumps Irrlichtern zu extrahieren und einem Faktencheck zu unterziehen:
“Die Trump-Rede im Faktencheck”.
(Das wird niemanden von seinen Fans umstimmen, aber ich finde es beruhigend, mein “Watt? Nein!” in konkreten Angaben umgesetzt zu sehen.)

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 21. Januar 2026 – New Chinese kid on the block

Donnerstag, 22. Januar 2026 um 6:22

Nach guter Nacht eine Stunde zu früh aufgewacht. Unruhig liegengeblieben, wild entschlossen, das als “Ausruhen” einzuordnen.

Früh losmarschiert in die Arbeit, Himmel weiterhin klar, Luft weiterhin frostig. Der Revier-Amslerich war deutlich zu hören. Am Schreibtisch arbeitete ich geordnet los.

In einer Pause Basteln an der Wien-Reise über Fasching. Eine Erkenntnis: Dass du selbst ziemlich immun gegen Marketing-Aktionen bist, hilft halt nicht, wenn du für Samstagabend, 14. Februar, einen Restauranttisch buchen möchtest.

Zum späten Mittagscappuccino marschierte ich durch Sonne (schön!) und Kälte (hmpf) ins Westend, Highlight des Arbeitstags.

Zu Mittag gab es Birnen sowie Hüttenkäse mit Leinsamenschrot.

Am frühem Nachmittag begann ich Präventiv-Dehnen meiner Beinrückseite: Nach Erkältungspause hatte ich Schwimmzeug dabei und wollte nach pünktlichem Feierabend ins Dantebad. Doch schon in der Mitte dieses Nachmittags merkte ich unter anderem an paar Ganzkörper-Niesern, dass das zu früh nach Erkältung war, das Schwimmen ließ ich lieber bleiben. Dann halt am Samstag.
(Merke: Wenn mich das Aufgeben von Sportplänen fröhlich macht und nicht traurig, war das die richtige Entscheidung.)

Also ging ich zu gewohnter Feierabendzeit nach Hause, unterwegs nur kurze Drogeriemarkt- und Blumeneinkäufe.

Ernteanteil war aufgegessen, ich ging mit Herrn Kaltmamsell fürs Abendessen außer Haus: Ums Eck in der Müllerstraße hatte ich einen Ramen-Laden entdeckt, Honghong Ramen, den probierten wir aus. Interessante Karte, ich bestellte nach scharfem Gurkensalat sehr breite hausgemachte Ramen-Nudeln mit Auberginen und Tomate (sehr gut!), Herr Kaltmamsell pickte das exotischste Gericht heraus: Entenblut und Kutteln. Die freundliche Bedienung musste erst in der Küche fragen, ob es das gestern überhaupt gab (wir hatten bereits damit gerechnet, dass es das nicht immer geben würde).

In duftig-scharf gewürzter Brühe und Öl (werden nicht mitgegessen) schwammen Scheiben Entenblut, Spam, Rindfleisch, dünne Streifen Kutteln, außerdem Champignons und Sprossen, frittierte Chillis, Sechuanpfeffer – ein sehr wohlschmeckendes Textur-Festival (ich durfte probieren). Wir kommen wieder.

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Alan Rickman ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre tot. Der Guardian hat Erinnerungen berühmter Leute an ihn gesammelt.
“‘I fell in love with him on the spot’: Alan Rickman remembered, 10 years after his death”.

And when he received an award for his performance as the Sheriff of Nottingham, he remarked that every time he looked at it he would realise “subtlety isn’t everything”.

Seltsamerweise wird auch hier einer meiner Lieblingsfilme mit Alan Rickman ausgelassen: Blow Dry von 2001. (Der nicht mal in seinem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag auftaucht? Im deutschsprachigen schon.) Darin spielt er ganz hinreißend einen extrem kompetitiven Friseur (der in Wettbewerben barfuß arbeitet, rrrrrr). Dabei spielen darin auch noch Natasha Richardson, Bill Nighy und Heidi Klum (!) mit! Herr Kaltmamsell wies darauf hin, dass Blow Dry im Grunde ein Sportfilm ist – wir haben ihn, muss ich dringen nochmal gucken.

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Eine besondere Ausgabe der Reihe Meisterstunde. Als ich das Thema “Birkenrinden-Kanubauer” las, hätte ich fast nicht draufgeklickt, klang langweilig. Ein Irrtum, denn der Werdegang von Artem Lemberg aus Sibirien ist sehr besonders:
“Birkenrinden-Kanubauer Artem Lemberg über Autodidaktik: ‘Im Machen verbessert sich die Qualität deiner Gedanken'”.

Wie viele Menschen in Deutschland bauen solche Kanus?
Ich bin, glaube ich, der einzige in ganz Eurasien. Gut drei Kollegen kenne ich, die in den USA und Kanada ähnliche Kanus bauen.

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Mek ist jetzt deutscher Staatsangehöriger!

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 20. Januar 2026 – Frost, Beifang aus dem Internetz

Mittwoch, 21. Januar 2026 um 6:14

Nachts zog nochmal meine Nase zu, ich griff 36 Stunden nach dem eigentlich letzten Mal zum Nasenspray, um nicht durch den Mund atmen zu müssen – was bei mir erfahrungsgemäß umgehend auf die Bronchien gehen würde.

Schöner Marsch in die Arbeit, gerade bei klarem Himmel ist deutlich der bereits frühere Tagesanbruch zu bemerken.

Theresienwiese.

Das Wetter blieb den ganzen Tag sonnig, aber auch knackig frostig. (Frostkalt soll es bis auf Weiteres bleiben. Ich erlaube mir erst nach Fasching Maulen.)

Meine Mastodon-Timeline war voller Polarlicht-Fotos aus ganz Deutschland – so schön! (“Zu viele Polarlichtfotos” gibt’s nicht.)

Mittagscappuccino aus Termingründen wieder in Halbscharig aus der Cafeteria. Nach zwölf ging ich aber auf eine Runde um den Block in den Sonnenschein.

Zu Mittag gab es Apfel, Clementine, außerdem Mango mit Sojajoghurt und Leinsamenschrot.

Nachmittags war ich sehr, sehr müde, wie ich es an Arbeitstagen eigentlich nicht kenne.

Heimweg über Lebensmitteleinkäufe und unter weiterhin klarem Frosthimmel.

Als Abendessen sollte es Mohnnudeln geben, die wollte ich zusammen mit Herrn Kaltmamsell zubereiten. Bei meiner Ankunft kochten die Kartoffeln gerade, Herr Kaltmamsell schickte mich zum Yoga-Turnen. Als ich damit durch war, war auch der Nudelteig bereit zum Wuzeln, es wurden gute Mohnnudeln. Dahinter passte aber noch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

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Eine bloggende Zugbegleiterin, wie großartig!
“Der neue Giruno im Alltag – Eine Zugbegleiterin erzählt”.

via iberty.de

Uschi erzählt nicht nur aus ihrem Berufsalltag, sondern teilt auch technische und sonstige Hintergründe – superinteressant für freudige Bahnreisende wie mich.

Was wirklich neu war, war der Einsatz in Doppeltraktion bis Hamburg: zwei Giruno-Einheiten, die wie ein einziger Zug gefahren werden. Technisch komplex – und in der Anfangszeit leider auch fehleranfällig. Es gab zahlreiche Störungen, die sich später als Softwareproblem herausstellten. Nach mehreren Tagen mit ICE-Ersatzzügen kam ein Update – und danach wurde es spürbar ruhiger.

Von außen sah man Chaos. Von innen sah man einen neuen Zug, der erwachsen wurde. Für Laien mag das unprofessionell wirken, das sowas nicht vorher ausgetestet wird. Aber das ist im internationalen Fernverkehr gar nicht möglich, man kann nicht einfach einen leeren Zug durch Deutschland oder halb Europa schicken. Es lässt sich nicht vermeiden das manche Fehler und Probleme erst im normalen Betrieb entdeckt werden.

Und Uschis Jahresrückblick 2025 entnehme ich, dass wir sehr unterschiedlich sind – eine umso größere Bereicherung meiner Blogroll.

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Einblicke im Newsletter Arbeit in der Wissenschaft:
“Lebensglück nur mit Professur? Gegen die Verklärung eines kaum erreichbaren Ziels”.

Da ich mit einer Professorin befreundet bin, kenne ich so ein Arbeitsleben seit vielen Jahren. Und ich weiß vor allem: Es ist bei weitem fremdgesteuerter, als ich das gedacht hätte – und als es noch meine Professoren (damals keine einzige -in dabei) hatten.

Dabei ist ein Detail dieser Karriere nicht mal erwähnte: Dass man sich den Arbeitsort praktisch nicht aussuchen kann. Wenn die einzige freie Stelle für dein Fachgebiet 600 Kilometer von deinem jetzigen Wohnort (evtl. mit Familie) entfernt liegt, ziehst du halt hin.

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Breaking: Die neue Horst Evers beim Kabarettistischen Jahresrückblick in Berlin heißt Kirsten Fuchs! Hier liest sie ihr Bewerbungsschreiben, ihre Abschiedsrede und ihre Antrittrede vor.
Ich halte sie für eine ausgezeichnete Wahl.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 19. Januar 2026 – Dreimal Arbeitsweg

Dienstag, 20. Januar 2026 um 6:12

Seltsamer Arbeitstraum in der letzten Schlafphase vor Weckerklingeln: Eine neue Kollegin trat ihre Stelle mit einer halben Kleinlaster-Ladung Umzugskartons voll Zeugs an und erwartete offensichtlich, aber unausgesprochen von mir als Team-Assistenz, dass ich Platz dafür fand und sie aufräumen würde. Ich wusste nicht, wie ich das lösen sollte, zum einen wegen der Unausgesprochenheit, zum anderen wegen Nicht-Zuständigkeit.

Auch der reale Arbeitsstart wurde unruhig: Am Bürohaus (nach schönem, frostigen Arbeitsweg unter fast klarem Himmel) stellte ich fest, dass ich meine Firmenkarte in die falsche Jacke gesteckt hatte, sie war noch daheim, ein erstes Mal. Für den Zugang zum Büro hätte ich mir noch eine Besucherkarte holen können, doch nur meine eigene Karte berechtigte mich eingesteckt in den Laptop zum Zugriff auf die IT-Systeme, die ich für meine Arbeit brauchte. Also kehrte ich um und holte sie schnellstmöglich daheim: Zwei Stationen U-Bahn, zackiger Fußmarsch. Schneller hätte ich die Wege nur per Fahrrad zurücklegen können, doch das hatte ich ja nicht dabei (und konnte nach mehrmonatiger Radlpause nicht mal sicher sein, ob es einsatzbereit war). Bei aller Zackigkeit und Wohnortnähe war ich fast 45 Minuten später als sonst am Schreibtisch, packte die E-Mail-Aufträge vom Wochenende nicht ganz gelassen an.

Auch fehlte mir die Ruhe für einen weiteren Marsch im Sonnenschein zu Mittagscappuccino, ich gab mich mit dem aus der eigenen Cafeteria zufrieden.

Mittagessen verzögerte sich durch Querschüsse, dann gab es eine Orange, außerdem Mango mit Sojajoghurt und Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, draußen weiter herrlichstes Sonnenwetter.

Nach Feierabend ging ich über Süßigkeiteneinkäufe nach Hause, die Luft war kalt, aber angenehm klar.

Daheim Standard-Programm: Wäschewaschen (zwei Pullis mit Wollprogramm), Yoga-Turnen, Brotzeit-Vorbereitung.

Herr Kaltmamsell servierte die Ernteanteil-Bete mit Ingwer-Erdnuss-Sauce, köstlich. Außerdem waren noch grüne Spitzpaprika und saures Blaukraut aufzuessen. Nachtisch reichlich Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Die Lektüre von Nora Gomringers Am Meerschwein übt das Kind den Tod musste ich gleich mal einbremsen: Das ist nichts zum Wegfressen, die einzelnen Sätze und Worte zählen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 18. Januar 2026 – Maximilian Schafroth, Wachse oder weiche in den Kammerspielen

Montag, 19. Januar 2026 um 6:26

Gut und lang geschlafen, darin ein ausführlicher Traum, der mich denken ließ: “Das ist aber mal ein interessanter Traum!” Worum es ging, weiß ich aber nicht mehr.

Wieder wurde es zu eisigem Nebelgrau Tag.

Aufziehender Muskelkater wie vorhergesehen, sogar schon vor der klassischen 24-Stunden-Frist. Dass auch die Bauchmuskeln betroffen waren, beleidigte mich zunächst ein wenig, denn Rumpf trainiere ich nun wirklich sehr konsequent – allerdings, das fiel mir dann ein, nicht plus Hantelgewicht wie am Samstag.

Ich fühlte mich fit genug für eine Laufrunde, also probierte ich das aus.

Während Herr Kaltmamsell für die diesjährige Orangenmarmeladenproduktion sorgte, brachte mich eine U-Bahn nach Thalkirchen, von dort aus lief ich mit nur wenigen eisglatten Passagen nach Süden, kehrte auf der Großhesseloher Brücke um und lief ganz nach Hause (Zwischenstopp am Ende beim Bäcker Wimmer für Frühstückssemmeln). Die gut anderthalb Stunden gingen problemlos, mein Kreislauf war nicht mehr von Erkältungsinfekt belastet, der Gesamtkörper fühlte sich mit der Bewegung in leichtem Frost gut an.

An drei Stellen sah ich Eisbader*innen in der Isar, eine schwamm sogar richtig, Respekt.

Frühstück kurz vor zwei: Apfel, Clementinen, zwei Körnersemmeln mit Butter und Marmelade.

Eine Runde Textilpflege, genauer: Ich flickte an zwei dicken Strumpfhosen die Löcher zu, die meine rechte große Zehe gerissen hatte. Mir blieb gerade mal Zeit für die Lektüre der Wochenendzeitung, bevor ich zur nachgeholten Theatervorstellung in den Kammerspielen aufbrach, ich hatte meinen Abo-Termin von Maximilian Schafroths Wachse oder weiche von Dezember auf diesen Sonntag verschoben. Ein Vorteil: Die Vorstellung begann schon um 16 Uhr, das kam meinem Sonntagsrhythmus sehr entgegen.

Es wurde ein wirklich netter Abend in vollbesetztem Saal, in dem das Publikum mit Volksmusik vom Trio Reiwas (ohne Schlagzeug) empfangen wurde: Schafroth hatte ein kabarettistisches Stück mit viel Musik geschrieben über Landwirtschaft im Allgäu, spielte selbst einen selbstausbeuterischen konventionellen Landwirt am Rande des Burn-outs (selten thematisiert), baute einen Demeter-Landwirt ein, besserwisserische Städter, einen Baywa-Vertriebler, eine alteingesessene Gutsbesitzerin mit spinnertem Neffen. Ich glaubte halt schon zu merken, dass da jemand am Werk war, der den Alltag in der heutigen bayerischen Landwirtschaft gut kennt. Und er selbst kam ungemein liebenswert rüber, freute sich am Ende nach Schlussapplaus darüber, dass tatsächlich Leute außerhalb MVV-Radius angereist waren und sich mit denen innerhalb mischten (er hatte davor Handzeichen erbeten), darum sei es ihm doch gegangen. Und ich freute mich wie immer darüber, allgäuer Dialekt auf einer Bühne zu hören, ich halte ihn für unterrepräsentiert.

In etwas knackigerem Frost spazierte ich nach Hause, mehr als rechtzeitig fürs Abendessen (diese Sonntags-Vorstellungszeit ist wirklich ideal): Herr Kaltmamsell hatte ein Carrot Bake zubereitet, auf der Basis der Ernteanteil-Karotten, die ich ja seit einigen Jahren roh leider nicht mehr vertrage.

Drumrum Einbrenn mit Knoblauch und Kapern, drüber eine Semmelbrösel-Käse-Mischung. Mir schmeckte das gut als eine ungewöhnliche Variante Karotten-Auflauf, Herr Kaltmamsell war nicht überzeugt.

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Prognosen sind gefährlich, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass dieses Foto in die Geschichte eingeht.

Fotograf John Abernathy wurde in Minneapolis bei einer Demo von der Gestapo Angehörigen der United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) niedergeworfen. Um zu verhindern, dass ICE ihm seine Kamera wegnimmt, warf er sie einem anderen Fotografen, Pierre Lavie, zu – der diesen Moment festhielt.

Regelmäßig wird ja in meinem Blickfeld das Fehlen von großen US-Protesten gegen das Trump-Regime kritisiert; mich beeindruckt der mannigfaltige zivile Widerstand gegen die militanten Einschüchterungen, vor allem durch ICE. Hier ein kleines Beispiel: Bürger*innen lösen ihren Auto-Alarm aus, wenn sie ICE-Angehörige in ihrer Wohngegend bemerken – und signalisieren damit zum einen “Wir sehen euch!”, zum anderen warnen sie vor den Deportationen der ICE.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 17. Januar 2026 – Lob des Nachbarschaftsfriseurs

Sonntag, 18. Januar 2026 um 8:25

Aktuelle Erkältungsphase: Wird sie gerade besser oder fängt sie von vorn an?

Erst als es hell wurde, sah ich aus dem Wohnzimmerfenster über den Laptopbildschirm, wie düster der Tag war. Das blieb auch so.

Tagesplan:
– Heimsport
– Blumenkauf
– KaffeeundKuchen bei Schwiegers in bei Augsburg
– Haareschneiden

Nach gemütlichem Bloggen trat ich nach langer Pause mal wieder ein Freihanteltraining an, angeleitet wie früher regelmäßig von Fitness Blender. Ich wählte eine Folge mit Übungen für alle Körperpartien aus, wärmte mich dafür mit Musik auf. Die Übungen brachten mich ins Schwitzen, doch ich hielt gut durch, meine Grenzen kamen nicht mal in Sichtweite. Dennoch rechnete ich mit ausführlichem Muskelkater, einfach weil ich diese Übungen und Hantel-Widerstand nicht mehr gewohnt bin. Und fürs nächste Mal suche ich nach irgendwas, das ich noch nicht kenne, so richtig Spaß machte mir die Dutzende Male durchgeturnte Folge nicht mehr.

Ausführliche Körperpflege inklusive Pediküre.

Ich wollte der lieben Frau Schwieger gerne Mimosen mitbringen, die für mich viel besser in den Januar passen als Tulpen, habe Blüten und Duft mal auf Mallorca im Januar kennengelernt. Zu meiner großen Freude bot der Nachbarschafts-Blumenladen in seiner Filiale im Sendlinger-Tor-Untergeschoß wundervolle Mimosen an.

Herr Blumenhändler freute sich so über meine Freude, dass er mir drei Ranunkeln dazuschenkte.

Pünktliche Bahnfahrt nach Augsburg durch Eisnebellandschaft, vor allem vorbeiziehende Nadelbäume sahen wunderschön aus.

Kaffeetafel bei Schwiegers.
Ergebnis Crostata nach Rachel Roddy: Schmeckte gut, aber der Teig war mir zu ledrig, die Schwarzkirschenmarmelade (stand im Regal, musste weg) nicht die ideale Füllung, weil ihr jede Säure fehlte. Die nächste Crostata werde ich anders machen (und auf jeden Fall machen: Der Kuchen ist sehr gute Gelegenheit, Marmeladen zu verwenden).

Neben Austausch von Neuigkeiten befassen wir uns auch mit Familiengeschichte: Herr Schwieger hatte weitere Super-8-Filme aus der Vorzeit und Kindheit von Herrn Kaltmamsell digitalisiert und bereinigt, ein bisschen guckten wir am Fernseher hinein (stimmt! diese weißen Luftpolster-Badekappen mit breiten Mittelstreifen!) und freuten uns an den Zeitzeugnissen (u.a. aus einem jugoslawischen Badeort in den frühen 1960ern in der Nähe der Grenze zu Albanien, als die Frauen dort noch weite Hosen mit Bündchen an den Fußknöcheln trugen).

Die Fahrt zurück nach München war ein wenig anstrengender: Der Zug so voll, dass wir stehen mussten.

Abends spazierte ich zum Friseur. Er liegt ja in einer Friseurladenstraße (sieben Läden auf 200 Meter), alle anderen waren bereits dunkel und hatten Feierabend. Als ich den lieben Herrn Haarschneider darauf ansprach, gab er zu, dass er nur wegen mir noch blieb: Schließlich sei er es gewesen, der mir den eigentlich vereinbarten Termin Ende Dezember absagen musste. Und wie auch sonst, wenn ich nach meinem Feierabend zu ihm komme und er seit 10 Uhr bereits Kunden um Kundin versorgt hat (ich habe ja sein Terminbuch gesehen), war er gelassen, freundlich, alert und fokussiert, konzentrierte sich ganz auf mich.

Ohnehin habe ich diesen Herrn und seinen Laden (er hat keine Angestellten, manchmal arbeiten wechselnde Friseur*innen dort, denen er Stühle vermietet) liebgewonnen: Unter den vielen schicken bis abgefahrenen Läden in der Straße ist er der Nachbarschaftsfriseur im besten Sinne. Die Kundschaft vor oder nach meinen Terminen geht quer durch alle Altersschichten, gestern versorgte er direkt vor mir eine vierköpfige Familie mit zwei kleinen, lockigen Mädchen. Neuesten heißen Scheiß hat er wahrscheinlich nicht im Angebot, dafür Sorgfalt, Fleiß und Geschick für individuelles Haar an individueller Kopfform, dazu offensichtlich Freude an der Arbeit (unvergessen sein Blick zu mir in den Spiegel während des Schneidens, als er mit fröhlichem Lächeln kommentierte: “Viele Haare! Macht Spaß!”) – ich habe über die Monate gemerkt, wie angenehm sich das auf mich überträgt.

Zufrieden mit dem Ergebnis kam ich zurück nach Hause, wo Herr Kaltmamsell bereits das Nachtmahl zubereitet hatte. Vorher wünschte er sich einen Negroni: Rührte ich ihm, mir auch gleich einen.

Fürs Abendessen hatte Herr Kaltmamsell die Pastinaken aus Ernteanteil verwendet, es gab sie mit Linsen und spanischer Blutwurst Morcilla.

Eine sehr gute Idee. Nachtisch Schokolade.

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Confirmation bias, also Bestätigungsfehler heißt die Tendenz in der menschlichen Wahrnehmung, Informationen stärker zu gewichten, die eigene Annahmen und Haltungen bestätigen, als solche, die sie widerlegen. Und so war mein inneres HA! schon sehr laut, als ich diesen Text von Barbara Vorsamer las:
“The Real Housewives of Germany”.

Medien versuchen oft, Frauen zu Wort kommen zu lassen, die sich ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern. Das Problem: Sie finden selten eine. Stattdessen befragen sie Influencerinnen, Buchautorinnen, Verbandsfunktionärinnen. Denn den angeblichen Trend zur Vollzeitmutter gibt es gar nicht.

Zum Glück sind Barbara Vorsamers Argumente und Belege stichhaltig genug, dass mein Selbst-Misstrauen am Ende der Lektüre verschwunden war.

die Kaltmamsell