Archiv für November 2015

Lieblingstweets November 2015

Montag, 30. November 2015

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Anderer Leut‘ Lieblingstweets sammelt wieder Anne Schüssler!

Journal Sonntag, 29. November 2015 – Adventloser 1. Advent

Montag, 30. November 2015

Es wurde den ganzen Tag nicht hell. Dafür immer stürmischer.
Morgens kochte mir erst mal die Milch für den Milchkaffee über.

Zum Sport an den Ostbahnhof geradelt. Es war überraschend mild, außerdem hatte ich Rückenwind. Während der Stepstunde sprach der Vorturner durchgehend über 1. Advent, Plätzchen und Stollen – ich hatte auch dieses Jahr keine Lust gehabt, mit Deko mitzuspielen (freue mich aber schon sehr auf die Pommes auf dem Christkindlmarkt am Sendlinger Tor).

Wieder blieb ich zur Rückengymnastikstunde da und stellte mich bei den Übungen auf Balance Pad und mit Wackelball an wie der erste Mensch – zusätzlich gestraft mit 60 Minuten amerikanische Weinhachtslieder, die per NtzNtzNtz-Drumcomputer für Turnstunden vereinheitlicht und glattgebügelt worden waren. Ziemlich schlimm. UND! Ich wurde gewhamt, noch vor dem 1. Dezember.

Heimradeln durch Regen und Gegenwind. Mein Frühstück bestand aus Thanksgiving-Beilagen vom Vorabend aus der Pfanne plus Truthahnresten, danach ein Pecan Wedge of Decadence.

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Nochmal Stollen gebacken, der ist für die Eltern. Die vier kleinen aus der ersten Runde hatte ich am Samstag zur Post gebracht und zur italienischen Verwandtschaft geschickt (die Kusine, die ich vor einem knappen Jahr mitverheiratet habe, ist soeben Mutter geworden – es ist also alles in geregelten Bahnen).

Die neue Manomama-Jeans schwarz gefärbt (plus eine Tennissocke, die ich offensichtlich nach der letzten Wäsche in der Maschine vergessen hatte – steht ihr gar nicht übel).

Die Truthahnkarkasse sorgfältig von Fleisch befreit (ca. 1 Kilo – zusätzlich zu den bereits tranchierten Resten) – ein rechtes Gemetzel, mit dem ich die halbe Küche vollsaute. Daraus Geflügelsalat bereitet. Die Nicht-Fleischreste (Knochen, Haut) nochmal ausgekocht, eine Brühe erhalten, die ich einfror.

Zeitungen von Freitag und Samstag aufgelesen.

Zum Abendbrot Truthahnreste mit Majo und Cranberrys, dazu Corn Bread, ein wenig Geflügelsalat. Und den Sektrest vom Vorabend.

§

Bedenkenswerte Überlegungen:
„What I Learned from Four Years Working at McDonalds“.

Sicher nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar, aber vielleicht grundsätzlich auf scheinbar niedere Arbeiten zum Gelderwerb:

And then I realised.

McDonalds is supposed to be a job for people who can’t do anything else. I noticed that majority of entry level jobs didn’t hire people who looked like the people I worked with.

At McDonalds there were people with disabilities, overweight people, people who weren’t conventionally attractive, people that couldn’t speak much English, young teenagers, and a lot of racial diversity. These people made up the backbone of the store. They were respected as some of our best workers.

Then I would look at a store like Glassons, or Whitcoulls or Starbucks and the majority of the time I would see people that looked like me. White, early twenties, reasonably attractive, slim, English speakers.

This was the bias that both me and the people around me were applying to my job. I meet the criteria for a ‘good’ job at a clothing store. People who come from good backgrounds aren’t supposed to end up in McDonalds alongside those who couldn’t do better if they tried.

If you’re a white girl in your early 20s you will be ridiculed for working at McDonalds. But I don’t think the same applies for disabled people, or middle-aged Pasifika women or immigrants. Their friends aren’t quietly snickering, ‘when are you going to get a real job?’ Because this is the job we expect them to have.

§


Journal Samstag, 28. November 2015 – Thanksgiving nachgeholt

Sonntag, 29. November 2015

Wir hatten nicht ernsthaft gedacht, der riesige Truthahn mit Füllung, der Kartoffelstampf, die karamellisierten Süßkartoffeln, die grünen Bohnen, die Cranberrys und das Corn Bread könnten nicht reichen, doch als Herr Kaltmamsell murmelte: „Ich mach mal lieber die doppelte Menge Corn Bread“, konnte ich ihm nachfühlen. Schließlich gab es keine Vorspeise. Und als wir das letzte Mal zu einem nachgeholten Thanksgiving eingeladen hatten, hatten die Reste auch nur gerade mal für den anschließenden Sonntag gereichte – und das, wo wir damals vorsorglich einen ganzen Stapel Thanksgivingresterezepte recherchiert hatten.

Vor ein paar Wochen hatten wir die Idee gehabt, Thanksgiving am Samstag nach dem vierten Donnerstag im November nachzufeiern, an dem der Feiertag in den USA begangen wird. Herr Kaltmamsell hatte die Hauptarbeit übernommen, den Truthahn bestellt, Rezepte recherchiert, den Arbeitsablauf geplant, ich hatte nur ein wenig eingeladen und statt Pumpkin Pie (den ich immer ein wenig langweilig finde) Pecan Wedges of Decadence zum Nachtisch erklärt (und zubereitet).

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Vormittags schneite es.
Ich hatte schon alles fürs Schwimmen gepackt und wollte gerade mein Fahrrad vom Balkon holen, als ich mich umentschied: Kein Schwimmen, statt dessen gemütliche Einkäufe und gemächliches Vorbereiten des Abends. Auf der Einkaufsliste hatte ich unter anderem Zitronat und Orangeat für die zweite Runde Stollenbacken, und wie schon vergangenes Jahr um die Zeit musste ich dem durch einige Läden hinterherlaufen – weitestgehend ausverkauft.

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Und so wurde es vom „Der reicht NIE!“ über Tischdecken (ich werde in diesem Leben keine Dekoriererin mehr), nach Eintreffen der Gäste Laufenlassen der New York Thanksgiving Parade von YouTube im Fernsehen bis Abendessen ein sehr schöner Thanksgiving-Abend. Zum Vogel tranken wir einen kalifornischen Beringer Chardonnay – mehr oder weniger blind gekauft, weil ich etwas Amerikanisches dazu wollte, aber keinen kannte. Er erwies sich zu meiner Erleichterung als überraschend frisch, sehr wenig holzig und gar nicht buttrig. Vielleicht sollte ich Chardonnays eine neue Chance geben.

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Auf den Nachtisch war ich sehr gespannt gewesen, ich hatte brav rezeptgemäß den Belag mit Kümmel (!) und Anissamen gewürzt. Funktionierte tatsächlich wunderbar.

Technische Daten laut Herrn Kaltmamsell:
Truthahngewicht: 8 Kilo
Garzeit: 4,5 Stunden bei 160°C (Übergießen alle 30 Minuten), davon die ersten 2,5 Stunden mit Alufolie abgedeckt – das Ergebnis war ein wunderbar saftiger Vogel
Füllung: 2 Hand voll Knödelbrot, 2 Äpfel, 2 Zwiebeln (gehackt, mit Äpfeln angebraten), Thymian, Selleriegrün (weil’s da war, statt Petersilie), Pfeffer, Salz, Milch, 1 Ei.

Journal Sonntag, 22. November 2015 – Seniorinnengymnastik

Montag, 23. November 2015

Überraschend lange geschlafen, fast musste ich mich beeilen, um im Sportstudio am Ostbahnhof meine Wunschturnstunde zu erwischen. Zum Hinradeln packte ich mich erstmals richtig winterlich ein, es schneite immer wieder.

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Da ich in den vergangenen Wochen selten Zeit für sportliche Bewegung gefunden hatte, blieb ich auch zur „Rückenfit“-Stunde: Um meine krumme Lendenwirbelsäule von Schmerz verursachenden Sperenzchen abzuhalten, ist Krafttraining wichtiger als die Hüpferei, die mir viel mehr Spaß macht. Also balancierte ich nach Anweisung unelegant auf einem Schaumstoffkissen, wackelte auf einem halb aufgeblasenen Ball herum und eierte strumpfsockig auf Zehenspitzen. Es hat schon Gründe, warum ich diese Stunde sonst auslasse: Während ich mich bei den Bewegungsabläufen des Langhanteltrainings schön und stark fühle, bei praktisch jeder Übung ein piratisches ARRRRRRRR! ausstoßen möchte, komme ich mir bei diesen Übungen immer vor wie eine End-Neunzigerin in Reha. Was eigentlich nur beweist, dass ich genau diese Stunde viel öfter mitturnen sollte.

Durch malerisch wirbelnde Schneeflocken heimgeradelt, Rote-Bete-Salat und Apfelkuchen gefrühstückt.

Einen großen Stapel liegengebliebener Tageszeitungen aufgelesen. Erst den aktuellen Todesanzeigen entnahm ich, dass der ehemalige bayerische Landwirtschaftsminister Simon Nüssel gestorben ist. Ich stutzte: Warum sagt mir der Name etwas? Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein: Als 20-jährige Radiovolontärin hatte ich ihn einst interviewt.
Anlass war irgendeine Feierlichkeit an der Landwirtschaftsschule Ingolstadt gewesen, auf der er als Landwirtschaftsminister sprach. Ich nutzte die Gelegenheit, mir ein paar O-Töne von ihm zu holen. Es waren die späten 80er, Simon Nüssel hatte unter anderem über die schwierige Situation der Landwirtschaft gesprochen. Das griff ich auf. Ich hatte vorher recherchiert, dass Nüssel selbst aus der Landwirtschaft kam und fragte ihn, ob er heute jemandem empfehlen könne, Landwirt zu werden. Doch er antwortete nicht auf meine Frage – und ich bilde mir ein, dass ich in erster Linie wegen der Unhöflichkeit irritiert war, nicht aus journalistischen Gründen. Ich fragte nach, erhielt wieder keine Antwort. Da wurde ich wohl ein wenig rüde: „Ja oder nein, Herr Nüssel?“ Und bekam meine Antwort: Nein, das könne er nicht. Diese Antwort schnitt ich dann auch in den lokalnachrichtlichen Beitrag.
(Caveat: Erinnerungen sind unzuverlässig, möglicherweise war ja alles ganz anders.)

Dienstreise nach Braunschweig (ich weiß…) vorbereitet.

Journal Samstag, 21. November 2015 – Erster Schnee

Sonntag, 22. November 2015

Als ich morgens aufwachte, sah ich Herrn Kaltmamsell neben mir liegen und freute mich darüber, hörte aber auch: Es hatte aufgehört zu regnen. Eine gute Voraussetzung für einen Isarlauf.

Erst mal aber machte ich Kaffee und backte Apfelkuchen. Ich hatte Lust auf einen gedeckten Apfelkuchen, wie ihn meine polnische Großmutter gemacht hat. Dieses Rezept sah nach der richtigen Richtung aus. Meine Abwandlungen: Mehr und gerumte Rosinen, gemahlene statt gehackte Mandeln (weil ich damit ein Restchen aufbrauchen konnte), Teig nicht kaltgestellt, sondern lediglich ruhen lassen (bei 180 Gramm Butter auf 375 Gramm Mehl wäre der Teig nach einer Stunde Kälte zu hart zur Weiterverarbeitung gewesen).

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Das Ergebnis war ein sehr guter Apfelkuchen – aber ohne irgendeine Ähnlichkeit zu dem meiner polnischen Großmutter. Ihr Teig war knuspriger und die Apfelfüllung zerkochter. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie die Äpfel immer mit etwas Zucker vorkochte.

§

Herr Kaltmamsell war während meiner Bäckerei beim Einkaufen gewesen und gab mir einen hilfreichen Tipp für meinen Isarlauf: Es sei gefährlich „ohrenkalt“. Also setzte ich ein Stirnband auf und war sehr froh darüber. Nach vielen Monaten plagten mich bei diesem Lauf mal wieder schmerzende Waden.

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Der Regen des Vortags hatte den Pegel der Isar nur wenig angehoben.

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Schluss mit Bunt. Weiteres Wintersymptom: Viele Möwen über der Isar.

§

Daheim las ich Jane Gardams Old Filth aus – große Empfehlung. Für den nächsten Tag bereitete ich aus den Roten Beten des jüngsten Ernteanteils einen Salat für Sonntag (gekochte Bete geschält und in Würfel geschnitten, Sauce aus Joghurt, gehacktem Knoblauch, Granatapfelmelasse, getrockneter Minze, Olivenöl, Salz, Pfeffer).

Schon wieder gebügelt (Wo kommen eigentlich mitten im Nichtsommer diese Berge Bügelwäsche her? In den düsteren Monaten braucht es Bügeln doch eigentlich nur alle vier bis sechs Wochen?), dabei über das Buch, seine Figuren und seine Themen nachgedacht.

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Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Wirsing (auf meinen Wunsch zu Tode gekocht), Kartoffeln und Kürbis aus Ernteanteil zubereitet, mit Würscht vom Herrmannsdorfer serviert.

§

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Am späten Abend: der erste Schnee der Saison.

§

Die österreichische Bevölkerung ist mit den Geflüchteten überfordert? Na, dann können Sie sich vielleicht denken, wie überfordert manche von den Geflüchteten hier sind.
Kelef erzählt von einer Begegnung:
„flüchtlingsfindelkind“.

Journal Freitag, 20. November 2015 – Regen und Beifang aus dem Internetz

Samstag, 21. November 2015

Nach langen, warmen und sonnigen Wochen goss es gestern durchgehend und in Strömen. Statt in die Arbeit zu radeln, ging ich zu Fuß und kam trotzdem mit bis zur Hüfte nassen Hosen ins Büro.

Nach Feierabend setzte ich mich in die U-Bahn, um in der Maxvorstadt ein Buch abzuholen, außerdem Zutaten für Apfelkuchen zu besorgen.

Zum Nachtmahl fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell nach Haidhausen und kehrte nach Jahren mal wieder bei einem geschätzten Inder ein: Satluj. Wir aßen gut und reichlich.

§

Lange, ausführliche Bestandsaufnahme und Analyse, warum Frauen heute in Hollywood immer weniger zu sagen haben – vor und hinter der Kamera.
„The Women of Hollywood Speak Out“.

The more I talked to people, the clearer it became that if the luminous Hollywood of my childhood was obliterated for good, it all started with ‘‘Jaws’’ in the summer of 1975, which would devour half a billion dollars at the box office. America fell in love with the blockbuster, and Hollywood got hooked on the cohort of 15-year-old boys. It has never wavered in this obsession, even though girls and women buy half the movie tickets and watch more TV series, and even though teenage boys are increasingly fixated on gaming.

(…)

Female writers in Hollywood told me they are used to hearing things like ‘‘Can you insert a rape scene here?’’ or ‘‘Can they go to a strip club here?’’ or ‘‘Can you rewrite the fat friend for Eva Mendes? She has high marks for foreign distribution.’’ They trade stories about how a schlubby male studio head mutters that he doesn’t want to look at ‘‘ugly actresses,’’ and how schlubby male directors, caught up in their fantasy world, choose one beautiful actress over another simply because she has a hair color that fits their customized sexual daydream.

(…)

On Oscar night, Meryl Streep leapt to applaud Patricia Arquette when she pleaded for equal pay for women. She followed up by funding a writing lab for Hollywood’s untouchable caste, women screenwriters over 40. ‘‘It’s harder for men to imagine themselves as the girl in the movies than it is for me to imagine myself as Daniel Craig bringing down the building,’’ the ‘‘Suffragette’’ star said, curled up on a couch in the Greenwich Hotel’s restaurant in TriBeCa. ‘‘Boys are never encouraged to imagine what it is like to be female. The reason I know this is because when I made ‘The Devil Wears Prada,’ it was the very first time men came to me after the film and said, ‘I know how you felt.’ ’’

(…)

‘‘Agents openly say, ‘I’m not putting you up for that because this guy won’t hire a woman director.’ The list for directing big films is five plausible dudes and Kathryn Bigelow. And Bigelow is not going to direct ‘Jurassic World.’ You can’t have a list with no women.’’ Executives have been known to say, ‘‘Oh, we hired a woman once, but it didn’t really work out that well.’’

(…)

On her ‘‘Suffragette’’ tour, Meryl Streep counted the number of male critics versus female critics on Rotten Tomatoes, and found a ratio of 760 to 168 on the Tomatometer.

§

Jemand, der viele Jahre riesige Flüchtlingslager geleitet hat, hat sicher keine Illusionen über die Menschen darin. Kilian Kleinschmidt hat daraus einige grundsätzliche, vor allem aber viele pragmatische Forderungen abgeleitet.

Er sagt: Menschen, die fliehen mussten, suchen Würde und Identität. Dafür brauchen sie Freiräume

„’Arroganz des Helfens’“

§

Mehmet Daimagüler vertritt im NSU-Prozess die Nebenkläger. In einem Gastbeitrag für die Zeit schreibt er, wie es dazu kam.
„Ich klage an
Der NSU-Prozess und meine Wut“.

Und ich schwieg aus Opportunismus – Rassismus zu thematisieren bringt auf einem Bundesparteitag keine Stimmen, sondern kostet welche, jedenfalls in der damaligen FDP.

(…)

Dieser Fall ist für mich kein Fall wie jeder andere. Ich kann und will hier nicht mehr objektiv sein. Ich bekomme viele Schreiben, Mails, Briefe, Anrufe. Manchmal Briefe ohne Briefmarken, unter meiner Wohnungstür durchgeschoben. Die einen wollen mir in den Kopf schießen, die anderen mich öffentlich verbrennen, manche kommen auch ohne Gewaltfantasien aus. Aber was sie alle sagen, auch die physisch harmlosen: Du bist anders, du bist kein Deutscher, du bist Türke, du wirst nie zu uns gehören.

§

Noch etwas Leichtes zum Abschluss: Vor 21 Jahren startete die TV-Serie Friends (Sie erinnern sich: die einzige Fernsehserie, die ich ganz gesehen habe). Anne Thériault macht sich Gedanken, wie es seither wohl weiterging.
„Obviously Ross And Rachel Are Divorced: Here’s Where All The ‚Friends‘ Are In 2015“.

Krieg. Eine archäologische Spurensuche – Ausstellung in Halle

Sonntag, 15. November 2015

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„Kriege gehören ins Museum“ – das ist zwar der Leitsatz des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, taugt aber als Überschrift für jede seriöse Ausstellung über Schlachten und Kriege. Weswegen ihn der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, auch gerne zitiert, wenn er über die Ausstellung „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle spricht. Kuratiert hat diese Ausstellung die Archäologin Anja Grothe, die vergangenen Sonntag eine kleine Freundesgruppe durchführte.

Das zentrale Exponat der Ausstellung ist ein Massengrab aus der Schlacht von Lützen 1632. Gleich beim Betreten der Räume ist es mit seinen 47 Toten der riesige Blickfänger. Das ist die Hauptfolge von Krieg: Tod, Leid, Zerstörung.

(Die Fotos sind der Pressemappe zur Ausstellung entnommen: Im Museum ist Fotografieren verboten – ich habe aber erfahren, dass Presse nach vorheriger Anmeldung eine Fotoerlaubnis bekommt.)

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© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták
Eine Hälfte des Massengrabs, das aufgestellt ausgestellt ist.

In Halle hat man die technischen Möglichkeiten der Blockbergung: Der Fundort wird mit ausgegraben und als Block (bei diesem Massengrab erinnere ich mich an die Größe zweimal 27 Tonnen) in die Museumswerkstatt gebracht. Dort wird er so präpariert, dass die Funde genau wie gefunden sichtbar sind. Hier ein Bild während der Restaurationierung. Das Ergebnis ist sehr beeindruckend, als Besucherin kommt man ganz nah an die archäologische Arbeitsweise. (Was die meisten vermutlich nicht bemerken: Der Fund liegt frei, er ist nicht durch eine Glasscheibe abgedeckt.)

Die Ausstellung Krieg. Eine archäologische Spurensuche ist zweifach zweigeteilt. Zum einen gibt es den Ausstellungsteil über die Schlacht von Lützen 1632, die zum 30-jährigen Krieg gehörte, zum anderen den Ausstellungsteil Vorgeschichte, der sich archäologisch mit den Anfängen menschlicher Gewalt gegen Menschen und mit der Entstehung von Krieg befasst. Die andere Zweiteilung ist die, auf die Anja Grothe in ihren Erklärungen immer wieder zu sprechen kam: Historische Schriftquellen auf der einen Seite, ihre archäologische Überprüfung auf der anderen. Historikerinnen und Historiker gehen ja nicht gerne raus (wie ich bereits im ersten Semester meines Geschichtsstudiums leidvoll feststellte, diese Geschichte muss ich auch mal aufschreiben), umso wichtiger ist die Arbeit von Archäologinnen und Archäologen, die immer wieder an Dingen und Spuren nachsehen: Kann das überhaupt sein, was da steht?

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Funde vom Schlachtfeld bei Lützen auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Der Ausstellungsraum zu 1632 ist nicht nur wegen des Massengrabs beeindruckend: An den Wänden verläuft als Band ein Panoramafoto vom Schlachtfeld heute. Die Vitrinen und Texte erklären die Waffen und die Munition der Zeit, der Schlachtverlauf selbst wird als Zeichenfilm in Stop-Motion-Optik erläutert. Jeder der 47 Toten im ausgestellten Massengrab wurde untersucht, seine wahrscheinliche Herkunft und der wahrscheinliche Verlauf seines Lebens ist dargestellt. Anja erklärte uns ein wenig zur Methode dahinter: Da im 17. Jahrhundert die Menschen noch ausschließlich das Wasser ihres Lebensraums tranken, die Früchte des Bodens aßen, auf dem sie wohnten, lässt sich anhand von Strontiumisotopenanalysen des Zahnschmelzes die Herkunftsgegend ziemlich genau eingrenzen.

Als weitere wichtige Quellen über den Alltagshintergrund der Zeit zeigte die Archäologin uns zwei ausgestellte BlogsTagebücher: Eines des Kusins des Schwedenkönigseines regionalen Fürsten, ein deutlich kleineres eines Soldaten Nachtrag: – das einzige von einem Soldaten geschriebene Tagebuch überhaupt.

Ein eigener Ausstellungsraum (von dem aus man Teile der freigelegten Unterseite des Massengrabs sieht) beleuchtet die Heeresführer der Schlacht: Den schwedischen König Gustav II. Adolf und den kaiserlichen General Albrecht von Wallenstein.

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Reitjacke König Gustav II. Adolfs aus der Schlacht von Lützen.
© Livrustkammaren Stockholm, Schweden

Anja war besonders stolz darauf, dass sie dieses Koller des Schwedenkönigs zeigen konnte – das als Ding allein schon eine abenteuerliche Geschichte hat. In der Ausstellung sieht man es allerdings nicht wie oben auf dem Foto, sondern liegend in einer Vitrine und kann es dadurch sehr genau betrachten, einschließlich der Spuren der tödlichen Verletzungen. Hätte er seinen Panzer getragen, so erklärte Anja, hätte dieser Gustav Adolf das Leben gerettet. Doch zum einen habe er eine Wunde am oberen Rücken gehabt (dabei fasste sie sich über die Schulter an genau die Stelle), die einen Panzer unangenehm machte. Zum anderen habe es ihm in den Monaten davor wohl besonders gut geschmeckt: Er habe nicht mehr recht in den Panzer gepasst. (Wenn das die Diätredaktion der Brigitte mitbekommt – PR-Fest!)

Zur Verdeutlichung sieht man eigens angefertigte Illustrationen von Karl Schauder – im Stil sehr 70er Was ist was? und damit ein wenig aus der Zeit gefallen. Manche Details widersprachen dann auch den Erklärungen der Archäologin: Sie hatte zum Beispiel die typischen Hygieneumstände und Krankheiten des Soldatenlebens geschildert, doch auf dem Bild trägt der Soldat einen Hipster-Vollbart – wegen der Läuseplage sehr unwahrscheinlich.

Dieser Teil der Ausstellung endet mit dem Friedensvertrag von Münster. Anja war als Schlusspunkt wichtig: Am Ende jedes Kriegs steht ein Frieden, Frieden ist immer möglich.

§

Da der vorgeschichtliche Teil von Krieg. Eine archäologische Spurensuche nicht von Anja, sondern von Michael Schefzik kuratiert wurde, erzählte sie auch weniger darüber. Hier ist unter anderem das erste Zeugnis menschlicher Gewalt gegen Menschen dokumentiert, die Entstehung von Waffen (über Werkzeug, das als Waffe genutzt wurde, zum Menschentöter), die Entstehung von Krieg.

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Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Auch hier ist mit archäologischen Funden eine Schlacht dokumentiert: Sie fand prähistorisch im harmlosen Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern) statt – Anlass und genauen Verlauf kennt man allerdings noch nicht. In der aktuellen Süddeutschen schreibt Hans Holzhaider dazu eine große Geschichte mit Details:
„Gemetzel in der Bronzezeit“.

Aber am Ende auch dieses Ausstellungsteils steht der Frieden: Der älteste bekannte Friedensvertrag der Welt.

§

Sie merken hoffentlich: Ich finde die Ausstellung großartig, auf vielen Ebenen, und empfehle sie sehr. Neben den Texterklärungen und multimedialen Darstellungsformen gibt es einen Audioguide, den die Kuratoren Anja Grothe und Michael Schefzik konzipiert und getextet haben. Anja schrieb mir dazu:
„Er enthält immer ein paar Infos mehr als die Texte, aber wir haben uns bemüht, nicht länger als anderthalb Minuten, selten einmal zwei Minuten pro Station zu bringen.“
Zudem wurde ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung herausgegeben.

Mehr zu Krieg. Eine archäologische Spurensuche unter anderem auf der Website des mdr.

Sollte hier etwas sachlich falsch dargestellt sein, liegt das nicht an Anjas Ausführungen, sondern an meinem Laientum und geht ganz auf meine Kappe. Ich freue mich über Korrekturen (bitte in die Kommentare schreiben oder per E-Mail an mich).
Nachtrag 16.11.2015 – Archäologin Anja Grothe war so nett, ein paar Schnitzer des ursprünglichen Posts zu korrigieren: Das eine Tagebuch wurde nicht von einem Kusin des Schwedenkönigs geschrieben, sondern von einem Fürsten aus der Region, das andere Tagebuch ist das einzige von einem Soldaten überhaupt. Und es heißt nicht Restauration, sondern Restaurierung. Danke!