Archiv für Dezember 2003

Blog Awards

Montag, 29. Dezember 2003

Apropos Großbritannien. Über englisches Radio und Fernsehen singe ich sicher noch an anderer Stelle Loblieder. Meine Begeisterung für britische Tageszeitungen (Broadsheet) hatte allerdings eben einen Dämpfer bekommen, als der Independent am 21.12. mit einer angeblichen Schwangerschaft der toten Lady Diana aufmachte. Ganzseitig.
Doch dann fand ich hier einen Hinweis auf die British blog awards 2003 des Guardian.

So weit ist also die öffentliche Präsenz des Bloggens wo anders. Über die vergangenen zehn Jahre hatte ich immer stärker das Gefühl, dass Deutschland verschnarcht. Dieses Gefühl hatte ich bislang niedergekämpft, weil es gar zu sehr wie das tatsächlich typische deutsche Nölen klingt. Nur dass ich auch bei aktiver Suche immer weniger Aspekte finde, in denen Deutschland Trends setzt.

Excuse me?

Sonntag, 28. Dezember 2003

Ich hatte mich so darauf gefreut: „Das Jahr des Inneren Englands“ kündigte die Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung als Essay an. Und dann dieser Blödsinn.

Zwar sind alle England-Klischees bedient, die der Deutsche landläufig so hat (halt! Zwei fehlen: das angeblich so schlechte Essen und das angeblich ständig schlechte Wetter.). Aber der Essay enthält nichts von dem, was Großbritannien so angenehm und teilweise vorbildlich macht. Die Klasse, aus der sich die ausgeweideten Klischees speisen, ist die Middle Class, eher Upper Middle Class. In der auf dem Land gelebt wird, in Clubs gegangen, sich in Tweed gewandet wird, in der die Eigenheime Swimming Pools haben. Pssssst! Das ist eine sehr kleine Minderheit in England! Doch es ist die Mehrheit, die mich bei jedem Besuch wieder umhaut.
Tatsächlich erhellende Lektüre ist zum Beispiel Anke Gröners Bericht ihres ersten London-Besuchs. (Leider kein direkter Link möglich, also bitte ins Archiv klicken und dort Oktober 2003 wählen.)

Es ist der alltägliche Umgang mit der Umwelt, den die Briten meiner Meinung nach perfektioniert haben. Das fast völlige Fehlen des Nölens – einfach weil es unhöflich wäre. Die Kunst, in jeder Situation mit jedem anderen Konversation machen zu können – unabhängig vom Temperament, sogar sehr schüchterne Briten sind dazu fähig.

Es gibt allerdings Seiten am alltäglichen Großbritannien, die Schulbücher und Reiseführer hartnäckig verschweigen. Zum Beispiel die weit verbreitete weibliche Aggression auf Partys oder in Clubs. Britinnen in Feierlaune stellen für männliche Wesen eine sehr ernst zu nehmende Gefahr dar. Diese geht von derber verbaler Anmache bis zum energischen Griff ans Gemächt. And they WON’T take „No“ for an answer! Glücklicherweise sind entsprechende Damen leicht und schon von ferne zu erkennen, da sie immer in Pulks auftreten und gerne glitzernde Erkennungszeichen tragen (überdimensionale Diademe, Engelsflügel, Faschingsuniformen). Bei meinem letzten Brighton-Besuch* sah ich sogar die ersten Schilder an Bars, die damit warben, dass sie KEINE solche „Hen Nights“ zulassen.

Aber an sich ging es ja um die vorbildlichen Seiten Großbritanniens. Die Freundlichkeit der Menschen reicht bis in die Bürokratie. Zwar funktioniert genauso wenig wie bei uns, nur viel entspannter: Niemand nörgelt oder beschwert sich, niemand wird laut. Statt dessen bekommt man beim Rennen von Pontius zu Pilatus regelmäßig einen Stuhl und eine Tasse Tee angeboten. Ich kriege einfach den Eindruck nicht los, dass die Leute einander wohl gesonnen sind.
Mir gefällt ehrlich gesagt auch der niedrigere Lebensstandard in England. Ich bilde mir ein, dass daraus ebenfalls eine bestimmte Gelassenheit resultiert.

Ein sehr schönes Beispiel für diese Lebensart und Grundhaltung ist meiner Meinung nach der britische Koch Jamie Oliver, respektive seine Kochbücher und seine Website. Einfach mal ein bisschen lesen und blättern: Ich kenne eine Menge Briten, die so drauf sind.

Nein, mit der brutalen, imperialistischen und national-chauvinistischen Geschichte Großbritanniens kriege ich das beim besten Willen nicht zusammen. Aber muss ich das?

*hier jetzt aber endlich mal der Link zu meinem definitiven Lieblingshotel: Hotel Pelirocco (Achtung Flash!)

24.12.2003, München

Donnerstag, 25. Dezember 2003

24DMuseum (85k image)

Spaziergang „Wir suchen das Christkind“, Blick auf Isar samt Deutschem Museum.

Große Klappe

Mittwoch, 24. Dezember 2003

Menschen, die wie ich eine große Klappe haben und diese auch noch ständig aufreißen müssen, leiden an mangelnder Anerkennung. Nämlich für ihr Schweigen. Ich bin so stolz, wenn ich es mal schaffe, die Klappe zu halten, nicht meinen Senf zu einem Thema zu geben, Nörgeln oder Besserwisserei nicht zu äußern. Aber das merkt ja niemand!

Das ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich mit meiner Mutter, ebenfalls eine enorme Klappe vor und nach dem Herrn, so richtig innig verstehe: Wenn sie mir erzählt, was sie am Vorabend in Gesellschaft NICHT gesagt hat. Da kann ich ihr mit echtem Verständnis anerkennend auf die Schulter klopfen.

Nun, wenn man etwas haben will, kann man diesen Wunsch ja zumindest mal äußern. Ich werde also als Zwischenlösung zumindest das Thema angeben, zu dem ich gerade nichts sage. Derzeit sage ich hier zum Beispiel am meisten nichts über Lord of the Rings. Glaubt mir, das ist ganz schön anstrengend.

Perry Mason

Sonntag, 21. Dezember 2003

DUBIOUSBRIDEGROOM (35k image)

Krimis sind überhaupt ein höchst interessantes Genre, wenn man es – wie ich – mit Erzähltechniken hat. Umberto Eco hat in verstreuten Essays fast alles Wichtigte darüber geschrieben. Eine Lücke besteht aber weiterhin, die ich in meinem nächsten Leben als bezahlte Literaturwissenschaftlerin zu füllen gedenke: Krimi-Serien. Hier werde ich erst mal generell die ohne Zeitfortschritt unterscheiden von denen mit Zeitfortschritt, also die mit alternder Besetzung und die ohne. Als Paradebeispiele habe ich dabei Perry Mason für die erstere Form im Sinn (mit der zusätzlichen Note, dass der historische Hintergrund, vor dem oder sogar in dem die Fälle spielen, sehr wohl fortschreitet), für die letztere den Privatdetektiv Carvalho, erfunden vom Katalanen Vázquez Montalbán.

essneun

Samstag, 20. Dezember 2003

essneun47 (27k image)

Gestern Abend noch gegen meine Weihnachtsdepression mit Mitbewohner ins Münchner Restaurant essneun (Vorsicht Flash!) gegangen. Dort wird dezidiert abenteuerlich gekocht. Und da ich auf Speisekarten ohnehin gerne die Gerichte wähle, unter denen ich mir am wenigsten vorstellen kann, bin ich hier richtig.

Das Interieur des sehr kleinen Raums ist stylisch ruhig, der Service einfach umwerfend. Alles sehr junge Männer in sehr legerer Kleidung – beim ersten Besuch ist mir durchaus die linke Augenbraue hochgeschossen. Wodurch ich umso angenehmer von ihrer Beratungs-Kompetenz und Liebenswürdigkeit überrascht war. Vor allem der Maitre, der auch die Reservierungen entgegen nimmt, vermittelt glaubwürdig den Eindruck, dass er alle Restaurantbesucher als seine persönlichen Gäste sieht. Im Sommer war er wohl grade in der Küche, als ich nach ausgiebigen Genüssen mit meiner Begleitung das Lokal verließ. Ich stand noch vor der nächtlichen Auslage eines benachbarten Goldschmieds, als der junge Mann aus dem Restaurant schoss, sind panisch umschaute und ganz erleichtert war, als er meiner ansichtig wurde: Er war einfach nur bestürzt gewesen, dass er sich nicht persönlich von uns verabschiedet hatte, und holte das jetzt nach.

Im essneun gibt es immer ein dreigängiges Tagesmenü, doch auch diesmal standen auf der kleinen Speisekarte noch viel spannendere Gerichte.

Zunächst ließen wir uns einen Apperitiv empfehlen. An der Bar arbeitet ganz offensichtlich der Dalí unter den Mixern. Als wir uns einmal bereit erklärten, einen am selben Tag erfundenen Drink zu probieren, kam er anschließend an den Tisch, um mit uns darüber zu fachsimpeln und unsere Meinung zum künftigen Namen der Kreation einzuholen. Gestern war es ein
Martini Barbarella
auf der Basis von frischer Ananas, die mit Salbeiblättern zerstoßen war. Das funktioniert!

Zum Einstieg gab es ein paar Naschereien:
Olivengrissini, Tandoori-Grissini (natürlich beiden selbst gemacht), dazu in zwei Schnaps-Stamperln Topinambur-Püree und Blaukraut-Apfel-Püree (das sogar einen Hauch von Gans hatte), dazu je zwei herzhafte Vanillekipferl und zwei Kokosmakronen auf Nachos.
(Notiz: Unbedingt selbst mit Topinambur rumprobieren!)

Zur Vorspeise wählten wir:
– Maracuja-Enten-Döner mit Gambas (Ente hätte etwas kleiner geschnitten gehört, aber sonst sehr leckere Kombination)
– Papaya-Erdnuss-Pulpo mit Rote Beete und Entenstreifen (der Pulpo kam in einem kleinen fritierten Teig-Sackerl und war schön saftig – bis auf den einen fritierten Arm, der aus dem Sackerl herausragte und recht hart und trocken geworden war)

Hauptgang wurden:
– Eisbein-Christstollen mit Kabeljau und Gemüse (Urteil des Begleiters: sehr nett, lebt aber hauptsächlich von seiner Originalität)
– Kalbslatschen mit Kokos-Gnocchi (die Kokos-Gnocchi waren fantastisch, eine hervoragende Kombination von Kartoffel und sehr viel Kokos als Rolle nochmals in Kokos gewendet)

Zu unserer beider Erstaunen waren wir dann schon so satt (und müde, zumal das Lokal gestern gerammelt voll war), dass wir auf den Nachtisch verzichteten. Eigentlich unverzeihlich, zumal es Nougat-grüner Pfeffer-Irgenwas gegeben hätte.

Die Weine kosteten wir diesmal nicht aus, wir waren einfach zu fertig für echtes Rundum-Schwelgen. Dabei ist das Angebot wirklich sorgfältig gewählt, auch die wenigen offenen Weine. Und auch bei den Weinen hat der Oberkellner immer eine wunderbar passende Empfehlung parat.

Sprachfaschismus

Freitag, 19. Dezember 2003

Mag von mir aus schon wieder eine Alterssache sein. Aber mittlerweile nerven mich Leute, die so diskutieren, erheblich mehr als der Verursacher des ` in Uschi`s Frisiersalon. Ich halte sie nämlich für korinthenkackende Sprachfaschisten. Korinthenkackend deshalb, weil sie denselben lächerlichen Eifer an den Tag legen, mit dem ihre Kollegen darauf hinweisen, dass Schwarz keine Farbe sei. Sprachfaschisten, weil sie sich durch ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Sprache für etwas Besseres halten.

Sprache ist etwas Lebendiges, Sprache verändert sich, Sprache ist nicht logisch. Über allen Rechtschreib- und Grammatikregeln steht das Postulat der Verständigung zwischen Menschen.

Es ist völlig in Ordnung, wenn jemand auch bei Fremdwörtern den Plural nach deutschen Regeln bildet, zum Teufel! Wer verlangt, dass der deutsche Durchschnittsbürger (und den meinen wir Demokraten ja, GELL!) die lateinischen Deklinationsarten drauf hat, um die Mehrzahl von Status zu bilden, ist nicht ernst zu nehmen, halten zu Gnaden! Warum denn nicht Statusse? Oder Vitas? So, Visa ersetzt langsam Visum für den Singular? NA UND?!

Gleichzeitig habe ich ein sehr großes Herz für verschwindende Wörter und Grammatikregeln. Ich kenne viele davon und verwende sie gerne, einfach um sie am Leben zu erhalten und um ein bisschen mit ihnen anzugeben. Mit gleich gesinnten Freunden habe ich mir schon wahre Schlachten in indirekter Rede geliefert, da hat’s vor Potentialissen und Konjunktiven nur so gekracht! (Und wir fingen nicht mal mit „Hagenbuch hat jetzt zugegeben“ an.)

Dass die korrekte Pluralbildung von Fremdwörtern das armseligste (ärmstselige? da geht’s schon los) Argument für das Lernen alter Sprachen ist, ereifere ich mich an späterer Stelle noch konkreter.

Und sollte ich mal wieder Gift und Galle spucken, weil ich in einem Text „CD’s“, „Problematiken“ oder „gedownloaded“ redigieren muss, will ich das da oben alles nie behauptet haben.

(Meine persönliche Korinthe: Es heißt „wider besseres Wissen“. Nicht anders. Ganz bestimmt.)


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