Archiv für April 2018

Journal Sonntag, 29. April 2018 – Eine Erstkommion

Montag, 30. April 2018

Die gestrige Familienfeier war eine Erstkommion in der Verwandtschaft von Herrn Kaltmamsell. Ich lernte eine Menge.

Als einst sehr aktiver Ex-Katholikin war mir das Grundprinzip vertraut, doch da mich meine katholische Erziehung ziemlich beschädigt hat, kosteten mich freundliche Gefühle dabei Anstrengung. Ich bemühte mich um eine ethnologische Perspektive, die ich für religiöse Rituale in einem japanischen Shintō-Schrein automatisch hätte.

Heutzutage, so lernte ich unter anderem, wird Erstkommion in kleinen Kindergruppen über zahlreiche Wochenenden hinweg gefeiert. Zu meiner Zeit waren wir ein großer Haufen Kinder gewesen, der das an den beiden Wochenenden nach Ostern machte; der erste Sonntag nach Ostern hieß „Weißer Sonntag“. Die gestrigen Kommionkinder saßen im Halbrund auf Stühlen im Altarraum, mit dem Rücken zur Gemeinde; wir hatten damals die ersten paar Kirchenbänke besetzt. Die Kinder waren auch sehr aktiv an den Aktionen im Gottesdienst beteiligt.

Die Kirchenlieder haben sich verändert. Das Gotteslob (Buch mit Sammlung von Liedern, das in großer Zahl von der Kirche zur Verfügung gestellt wird) enthält deutlich andere Lieder. Dass die gestern daraus gesungenen eine deutliche Rolf-Zuckowski-Schmissigkeit aufwiesen, war wahrscheinlich dem Anlass geschuldet, aber früher stand diese Art Lieder ebeso wenig im Gotteslob wie die Happy Clappy Songs, mit denen ich an zahlreichen Jugendgottestdiensten mitwirkte.

Durch den distanzierten Blick musste ich sehr an die Kollegin aus Vietnam denken, mit der ich mich mal vor Weihnachten über Weihnachtszeit in Vietnam unterhalten hatte. Sie hatte die christlichen Feiern in Kirchen dort sehr gemocht: „Singe, esse Keks.“ Das fasst eine christliche Abendmahlfeier gut zusammen. Die Liturgie (Reihenfolge der Gottesdienstbestandteile samt Choreografie) habe ich immer noch in den Knochen. Immerhin muss bei einer Erstkommion, anders als bei einer katholischen Taufe, nicht dem Teufel widersagt werden.

Die Kleidung der Kommionkinder war eine Betrachtung wert. In vielen Gemeinden, so habe ich mir sagen lassen, sind seit Jahrzehnten Einheitskutten üblich, um die ausufernde Materialschlacht zu bändigen. Die Kinder gestern waren individuell ausgestattet, die Mädchen erwartbar, doch die Buben sehr unterschiedlich: Zur Mehrheit mit Erwachsenenanzügen in Kindergrößen kamen Abwandlungen von weißem Dinner Jacket bis Bayernverkleidung.

Der strahlende Sommertag war perfekt für den Anlass. Nach der Kirche fuhr unsere Festgemeinde zum Gut Schloss Sulzemoos, dortselbst sehr gutes Essen als Buffet serviert, allgemeines Mischen und Kennenlernen/Wiederkennenlernen verschiedener Verwandtschaftsstränge. Teile davon fanden sich am Nachmittag nochmal im Elternhaus des Kommionkinds zusammen: Kaffee und Kuchen. Noch vor der Abendandacht, zu der die Erstkommionkinder nochmal in die Kirche gingen, verabschiedeten sich Herr Kaltmamsell und ich; den Rest des Nachmittags verbrachte ich auf unserem Balkon in einem Sessel und las die Wochenendzeitung.

Dorfidyll am S-Bahnhof. Vor allem wollte ich festhalten, dass dieses Jahr Flieder und Kastanien gleichzeitig blühen – ungewöhnlich, sonst blüht der Flieder im ersten grünen Hauch der Bäume, deutlich später im Mai kommen die Kastanien dran.

Journal Samstag, 28. April 2018 – Berliner Verwandtschaft

Sonntag, 29. April 2018

Ausschlafen dauerte nicht mal bis sieben.
Keine Nachwirkungen des Alkohols vom Vorabend, hurra.

Nach gemütlichem Bloggen und Twitterhinterherlesen machte ich mich fertig für eine Laufrunde in der Sonne. Um zehn war es noch angenehm frisch, wurde aber vor allem in der Sonne zügig wärmer.

(Das Lachen ist eine Reaktion auf eine Seitenbemerkung von Herrn Kaltmamsell: Er hatte nur an den Geräuschen mitbekommen, dass ich ein Spiegelfoto von mir machen wollte.)

Der Lauf war wunderschön, aber ein wenig anstrengend. Im letzten Drittel meldeten sich nach sehr langer Ruhe mal wieder meine unteren Waden/Achillessehnen mit Schmerzen.

Beim Heimradeln sah ich, dass St. Matthäus von hunderten Motorrädern aller Art umstellt war, geordnet durch Polizeiautos: Die alljährliche Segnung.

Daheim Frühstück, Herr Kaltmamsell hatte die Baby-Artischocken auf jüdische Art mit Semmelbrösel gebraten.

Ausführliches Wegbügeln des Bergs von mehreren warmen Wochen, bis sich die „Berliner Verwandtschaft“ (familiärer Fachbegriff) des Herrn Kaltmamsell verabredungsgemäß meldete: Am heutigen Sonntag steht eine große Familienfeier an, zu der der Berliner Teil bereits ein paar Tage vorher angereist war. Wir trafen die vier (Verwandtschaft unserer Generation) in der Fußgängerzone, wo sie darum baten, möglichst schnell von den Menschenmassen weggebracht zu werden: Ja, München ist über die vergangenen Jahre ganz schön voll geworden, an einem Samstag bei trockenem Wetter praktisch überall – aber mich überraschte, dass das Berlinern auffällt.

Zusammen fuhren wir mit der U-Bahn nach Thalkirchen und spazierten zum Flaucher-Biergarten. Auch der war sehr belebt, doch wir hatten keine Schwierigkeiten, einen freien Tisch zu finden. Bei Bieren, Brotzeit und fröhlichen, ausgesprochen informativen Gesprächen saßen wir bis in die Nacht.

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Gestern jährte sich zum ersten Mal ein Angebot der Londoner Verkehrsbetriebe: Menschen mit Behinderung, die man nicht unbedingt sieht, müssen nicht mehr um einen Sitzplatz bitten, sondern können sich durch einen Anstecker erkennbar machen. Vor einem Jahr berichtete BBC:
„‚Please offer me a seat‘ badges launched on London transport network“.

So schlau! Seit Einführung wurden laut Transport for London 30.000 Anstecker bestellt.

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Vermutlich eine Folge der Zeichenzahlerweiterung auf 280: Twitter wird immer mehr als Plattform für Erzähltexte genutzt, mithilfe von „Threads“, also einer zusammenhängenden Kette von Tweets. Aktuelles Beispiel: Ein Feature über „The Zone Rouge“ mit vielen Fotos und weiterführenden Links.

One of the most chilling abandoned places in the world is France’s Red Zone, or „Zone Rouge“. Over 100 years ago, the First World War so devastated the landscape here that people are still forbidden to enter, & the zone has become a ghostly & overgrown place.

Journal Freitag, 27. April 2018 – Blödes Nägelschneiden und Beifang aus dem Internet

Samstag, 28. April 2018

Wecker früh gestellt, um vor der Arbeit noch ein Dreiviertelstündchen auf dem Crosstrainer zu strampeln.

Sonniger Tag, morgens noch frisch, erst im Lauf des Nachmittags wärmte die Luft bis auf Jackenlosigkeit.

Auf dem Heimweg ein Abstecher zum Süpermarket, der freitagabendlich belebt war – ich sorge mich ja schon um deren Geschäfte, weil doch alle Hinterhofmoscheen in der Landwehrstraße schließen mussten. Auf der Einkaufsliste: Zitronen, Knoblauch, Gemüse (was halt als Beilage gut aussieht, es wurden rote Spitzpaprika und Mini-Artischocken), Obst (dito: spanische Orangen, deutsche Lageräpfel, ein Granatapfel), Gewürzoliven als Aperitif, Fleisch (ich entschied mich für das halbe T-Bone-Steak, das schön marmoriert und abgehangen aussah), Fladenbrot.

Abendessen wurde das Steak mit gebratenen Paprika und Brot, dazu ein Glas mallorquinischer Rotwein. Zum Nachtisch holte uns Herr Kaltmamsell zum ersten Mal in der Saison Eis aus der nächsten Eisdiele.

Um mal wieder in die besonders trivialen Alltagsdetails zu tauchen: Der Körperpflegeaspekt, der mich am meisten ankäst, ist das Nägelschneiden. Ich habe meine Fingernägel gerne sehr kurz, das bedeutet Kürzen mindestens einmal pro Woche. Aus Gewohnheit und Ungeschick1 verwende ich dafür einen Nagelknipser; damit die Nägel danach ordentlich aussehen und ich mit keiner Kante irgendwo hängen bleibe, feile ich sie nach. Und nochmal. Und da steht noch ein Fitzelchen vor, also nochmal. Am nächsten Tag in der Arbeit verhakelt sich aber schon wieder ein Nagel in der Strumpfhose, also muss ich nochmal nachbessern (zu den Werkzeugen in meiner Schreibtischschublade gehört auch eine kleine Nagelfeile). Seit vor Jahren meine Fingernägel zu splittern begannen, klebe ich sie nach dem Kürzen mit einem klaren Lack zusammen.

Das dauert alles nicht mehr als 20 Minuten, doch diese Pflicht nervt mich kolossal. Am liebsten hätte ich dafür ein Maschinchen. Ich stelle mir etwas im Format eines Nageltrockners vor, nur dass es die Nägel in… sagen wir fünf Minuten glatt kürzt und lackiert. Wenn ich daran denke, was auf der Hannover Messe so gezeigt wurde, sollte das technisch kein Problem sein, ein kognitives System würde schnell lernen, sich auf die individuelle Hand einzustellen.

Herr Kaltmamsell scheint gerade neue Kosenamen für mich zu testen (bislang hatte er, wenn überhaupt, zu „Engelein“ aus Die Nacht vor der Hochzeit gegriffen). Gestern probierte er es mit „Hase“ – und krümmte sich dann verstört, als ich konsequenterweise mümmelnde Hasenzähnchen machte. Ja was?

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Wird seit zwei Tagen durch mein Internet gereicht, ist aber auch zu wahnwitzig:
Die Frau aus USA, die ihr erstes Baby ohne Hilfe im Bad eines türkischen Hotelzimmers zur Welt brachte, erzählt als Twitter-Thread, wie das war. Mit viel „lol“ und Gifs.

Ich hatte erst mal gewartet, ob sich das Ganze nicht als Hoax herausstellt – hat es nicht. Geschichten über Frauen, die ihre Schwangerschaft komplett verdrängen und von den Wehen überrascht werden, gibt es ja immer wieder; das ist der erste mir bekannte Fall, dass eine danach selbst darüber schreibt.

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Sie interessieren sich für aktuelle wissenschaftliche Projekte in Deutschland? So im Allgemeinen? Dann empfehle ich Ihnen den Newsletter des idw – Informationsdienstes Wissenschaft.

Allein schon wegen so großartiger Themen und Überschriften wie
„Frust im Quantensystem“,
„Wie lassen sich antike Gerüche rekonstruieren?“,
„Das Babel-Projekt I – Epistemische Funktionen von Metaphern im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess“.
Letztere Tagung würde mich arg interessieren.

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Ein großer Spaß gestern: Kathrin Passig lebt mit dem Umstand, dass Veranstalter ihr aus Hilflosigkeit irgendwelche Arbeitgeber auf die Namensschilder drucken. Ihre Lösung: Sie hat ein Programm in ihre Website integriert, das schöne Arbeitgeber zusammenbaut, bei jedem Aufruf einen neuen – jetzt müssten Veranstaltungsorganisatorinnen etwas fürs Namensschild finden. Die Techniktagebuch-Redaktion und Twitter durften beisteuern, jetzt kann man Stunden damit verbringen, Kathrins Kontaktseite immer wieder neu zu laden.

Wer würde nicht hier arbeiten wollen?

§

In unserer westlichen Kultur gibt es ja schon länger die Sehnsucht nach „ursprünglicher Natur“ – die unter anderem den Umstand verleugnet, dass wir seit vielen Jahrhunderten (also weit vor der Industrialisierung der Land- und Forstwirtschaft) in einer Kulturlandschaft leben, hinter der ein ausgeklügeltes, menschengemachtes System steckt. Die Sehnsucht ist so groß, dass in den Niederlanden ein großes Stück Land östlich von Amsterdam „der Natur überlassen“ wurde (ich muss das als Zitat anführen, weil dieses Ansinnen außer Acht lässt, dass und wie sehr der Mensch Teil der Natur ist und keineswegs außerhalb steht).

50 Jahre nach Einrichtung des Reservats zeigte sich, wie „sich selbst überlassene“ Natur halt auch aussieht: Tausende Tiere verhungerten. Der Guardian fasst zusammen:
„Dutch rewilding experiment sparks backlash as thousands of animals starve“.

Oostvaardersplassen was only created in 1968 when an inland sea was drained for two new cities. An industrial zone turned into a marshy haven as it lay undeveloped during the 1970s. Dutch ecologist Frans Vera devised the innovative use of wild-living cattle and horses to mimic the grazing of extinct herbivores such as aurochs, and Oostvaardersplassen became an internationally renowned rewilding reserve, celebrated in a 2013 Dutch film called The New Wilderness.

Aber so „natürlich“ wollen die Bürger ihre Natur dann doch nicht:

For two months, protesters have tossed bales of hay over fences to feed surviving animals as the Dutch Olympic gold medal-winning equestrian Anky van Grunsven joined celebrity illusionist Hans Klok in condemning the “animal abuse” on the reserve. Ecologists and rangers received death threats from the rising clamour on social media.

Der Artikel widmet sich ausführlich dem Verlauf des Projekts bis heute, auch den weiterhin positien Ergebnissen.

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Ein Aktivist für die Sache wirklich nachhaltiger Kulturlandschaft ist James Rebanks, der @herdyshepherd. Der New Yorker hat ihn besucht:
„The Tweeting of the Lambs: A Day in the Life of a Modern Shepherd“.

Zum Foto meinte Rebanks auf Twitter:

I could write the manual of what photographers ask shepherds to do on photo shoots. For some reason you always have to stare in to the distance :-)

  1. Falls ich noch was auf der Liste „lebenslanges Lernen“ brauche: „Fingernägelschneiden mit Nagelschere“ wäre ein Punkt. []

Journal Donnerstag, 26. April 2018 – Kurze Abkühlung

Freitag, 27. April 2018

Jetzt war sie da, die angkündigte Kälte (na ja: 11 bis 13 Grad); nach zwei Wochen offener Fenster hatte ich morgens das Bedürfnis, das Schlafzimmerfenster zu schließen, und ich brauchte eine Jacke für den Weg in die Arbeit. Es regnete auch ein bisschen, allerdings für die Böden nicht genug.

Nach Feierabend holte ich den Ernteanteil des Kartoffelkombinats vom Verteilerpunkt: Herr Kaltmamsell, der das sonst (wie so vieles Haushaltliches) erledigt, war beruflich verhindert.

Daheim Wäschefürsorge (ich hatte die Waschmaschine so terminiert, dass sie bei meiner Heimkehr durch war), Maniküre. Die Karotten aus dem Ernteanteil schälte und schnippelte ich, um sie gekocht zu einem Karottensalat zu verarbeiten. Zum Abendessen richtete ich mir den Salatkopf an, mit Schnittlauch-Joghurt-Dressing und einem gekochten Ei. Danach gab’s noch ein Eis.

§

Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass im Web genug Platz für jede Sorte Blogs ist, unter anderem für Werbeblogs UND Geschichtenblogs – jede und jeder, wie sie mögen. Doch ich kann verstehen, dass man als werbefreie Bloggerin ungehalten werden kann, wenn alle möglichen Leute wiederholt behaupten, Bloggen sei nur mit Werbung möglich. Die sonst so duldsame Mademoiselle Readon ist verärgert:
„Fünf Minuten oder lieber keine Werbepause“.

(…) hätte Thomas Mann jedem Zauberberg ein paar Herrenunterhosen beigelegt, wäre er eben Verkäufer von Unterhosen mit Text gewesen.

Ich wiederhole mich: Sicher können Sie Werbetexte/bezahlte Posts auf Ihrem Blog veröffentlichen, um damit Geld zu machen – ich muss sie ja nicht lesen. Und selbstverständlich sollen Sie durch Werbung, Sponsoring, Produktvorstellungen, Warengeschenke vom Bloggen leben können – ich finde das Ergebnis nicht lesenswert, ABER ICH MUSS ES JA AUCH NICHT LESEN.
Am lesefreundlichsten ist eine Bitte im Blog um freiwillige Geld- oder Sachspenden: Das wirkt sich am wenigsten auf die Texte aus (auch wenn ich annehme, dass Sie ein gespendetes Buch oder eine gespendete Mahlzeit aus Höflichkeit nicht verreißen werden, selbst wenn das Geschenk ein Reinfall war).
Aber behaupten Sie bitte nicht, dass Bloggen ja ein so teures Hobby sei. Ich zitiere mich einfach mal selbst:

Ich hatte noch nie Probleme mit der Finanzierung meines Blogs: Die Domain und das Webhosting kosten bei all-inkl 7,95 Euro im Monat, die Kosten fürs Internetnutzen (bei uns eine Pauschale inklusive Festnetztelefon und Mobilanschluss von Herrn Kaltmamsell) rechne ich nicht, denn die hätte ich ohne Bloggen auch – dann halt nur fürs Lesen. Menschen, die statt Bloggen als Hobby Netflix gucken, zahlen auch mindestens 8 Euro im Monat. (… Und bei einem Hobby den zeitlichen Aufwand geldwert zu berechnen, ist ein wenig paradox.)

§

„How 50 Famous Female Characters Were Described in Their Screenplays“.

Journal Mittwoch, 25. April 2018 – Endlich wieder Langhanteln

Donnerstag, 26. April 2018

Erst war ich so viel krank, dann lockten andere Abendbeschäftigungen: Seit vielen Wochen war ich nicht mehr im Langhanteltraining Hot Iron. Gestern Abend ließ ich mich nicht aus: Ich möchte dringend wieder Routine in diesen Wochenpunkt bringen, außerdem hatte ein neues Quartal mit neuem Programm begonnen, auf das ich neugierig war (Stufe 2, fortgeschritten).

Zum Lohn machte mir die Stunde richtig Spaß: Es turnten deutlich weniger Leute als die letzten Male, jeder und jede hatte genug Platz. Die Übungsfolge gefiel mir, weil sie einige für mich völlig neue Details enthielt: Unter anderem Kreuzheben mit engem Griff, Kniebeugen mit Stange auf den Schlüsselbeinen (statt wie sonst immer im Nacken), Liegestütz mit einer Hand auf dem Step und einer auf dem Boden. Ich hatte die möglichen Gewichte halbwegs richtig eingeschätzt, für die Bizepsübungen darf es künftig mehr sein, nur für die Fliegenden musste ich Gewicht reduzieren.

Vorher hatte ich beim Warten im Foyer an Aushängen gesehen, dass ein großer Umbau geplant ist: Ab Mai wird der Boden der großen Turnhalle erneuert, nächstes Jahr gibt es neue Umkleiden und Duschen. (Details in der Vereinszeitschrift auf Seiten 5-7.) Hätte ich alles wahrscheinlich auch dem Newsletter entnehmen können – doch trotz Anmeldung dafür kam nie einer bei mir an (habe es jetzt nochmal mit einer anderen E-Mail-Adresse versucht).

Die Wohnung empfing mich leer: Herr Kaltmamsell war aushäusig, hatte mir aber Abendbrot hinterlassen, ein Risotto mit dem Spargelsud des Vorabends.

Journal Dienstag, 24. April 2018 – Ereignislosigkeit ausgewalzt

Mittwoch, 25. April 2018

Sehr gut geschlafen. Eigentlich will ich mich nicht zu sehr an die Ohrstöpsel gewöhnen, doch mit Schallschutz schlafe ich mittlerweile replizierbar besser (schon wieder das Alter?).

Das Wetter kehrte zurück zu Frühsommer.

Der Dienstag selbst war etwa so ereignislos wie der Montag, doch ich werde mich diesmal anstrengen und alles rausholen, was nur rauszuholen ist. Als da wären.

Beim Brotzeitvorbereiten1 heftig in die linke Hand geschnitten – eigentlich gestochen, und zwar mit der Spitze des großen Messers. Blutete fast nicht, doch ich brauchte Minuten, um mich zu beruhigen, war auch überrascht über den unverhältnismäßig großen Schmerz. Das Bitzeln im kleinen Finger lieferte die Erklärung: Ich hatte wohl einen Nerv erwischt.

Ich trug schwer auf dem Weg in die Arbeit, weil ich nach der Arbeit mal wieder den Topf Urlaubskleingeld einzahlen wollte und mitgeschleppt hatte. Münzen sind verdammt schwer, ich musste den ganzen Weg über den Bauch anspannen, um das Kreuz zu entlasten.

Beim Bäcker Zöttl machte ich einen Zwischenstopp, um einen Laugenzopf für die Brotzeit zu kaufen (auch wenn ich nur alle paar Wochen dort auftauche, kennt man mich inzwischen – ist es wirklich derart merkenswert, dass jemand alle paar Wochen ein Laugenzöpferl kauft? und immer mit abgezähltem Geld zahlt? hm… na ok): Die freundliche Backwarenverkäuferin wies mich darauf hin, dass Zöttl in Kürze seine Laugenzöpfe ändert – sie werden kleiner, kosten dann aber nur noch 1,10 Euro. Aberaberaber! Die Zöttl-Laugenzöpfe sind doch die allerbesten, weil sie genau so sind, wie sie sind! (Sollte ich jemals behauptet haben, ich sei offen für und neugierig auf Veränderungen, habe ich mich jetzt wahrscheinlich verraten.)

Im Büro fiel mir erst mal der Absatz vom Schuh.

Der rechte macht’s richtig.

So ist’s falsch.

Dank meinem Blog weiß ich, dass ich die Schuhe vor über zwölf Jahren gekauft habe (2006 hatte ich sie nämlich schon ein paar Jahre), vorne ist die Sohle bereits gebrochen – sie sind reif für die Mülltonne.

Auf dem Heimweg also in der Bank Münzen losgeworden, ein paar Besorgungen in der Drogerie erledigt. Daheim empfing mich Fliederduft: Herr Kaltmamsell hatte meinen (Wunderlist-)Einkaufslisteneintrag ernst genommen und umgesetzt.

Zum Nachtmahl gab es Spargel und Erdbeeren.

Der Spargel war klasse (Herr Kaltmamsell machte Hollandaise dazu), die Erdbeeren hatten leider nur Duft, keinen Geschmack.

Wir ließen den Fernseher laufen, auf dem Disney Channel kam die Verfilmung des Hitchhiker’s Guide von 2005. Besser, als ich ihn in Erinnerung hatte – und Herr Kaltmamsell stolperte über den Umstand, dass der Darsteller des Zaphod Beeblebrox genau der Sam Rockwell war, der dieses Jahr den Nebenrollen-Oscar bekommen hat. Ich erkannte ihn erst bei ganz genauem Hinschaun wieder.

§

Ein Nebeneffekt meiner Gofug-Lektüre ist, dass ich mich so gut in Europas Königshäusern auskenne wie nie zuvor im Leben (vor allem in ihrer Kleidung, aber egal). Deshalb konnte ich ziemlich über die Scherze lachen, die auf Twitter über das neue Baby im englischen Königshaus gemacht wurden.

via @tknuewer

§

Laura Gorelik hat für die Zeit über die Auswanderung ihrer Familie geschrieben hat – viel interessanter und berührender als in ihrem Roman Meine weißen Nächte, den ich kürzlich gelesen habe.
„Erinnerungen, die. Zuhause, das.“

Warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft?

Kindheit, verlorene, die; unwichtig: Einmal saßen mein Vater und ich im Bus und der Bus fuhr an einem Eiskiosk vorbei, und wir dachten wohl beide dasselbe, wir dachten beide daran, wie wir ganz frisch in Deutschland waren, ein paar Wochen vielleicht, ich, ein elfjähriges Mädchen mit kurzen Haaren, und er, mein Vater, ich glaube, er war schon immer alt. Wir waren ganz frisch in Deutschland, alles schien oder war bunt, und meine Augen hüpften hin und her und wussten nicht, wohin, und mein Vater hatte Angst, wahrscheinlich, ich habe ihn nie gefragt; so eine Angst vor dem Leben.

Das Eis war ebenfalls bunt, die vielen Sorten, 60 Pfennig die Kugel, das dachte ich und dass die Preise ja seitdem gestiegen sind, so etwas dachte ich, unwichtige Dinge, über die Inflation dachte ich nach, über den Wechsel von D-Mark zu Euro, da sagte mein Vater, dass er den Anblick dieses Kiosks hasst. Warum, fragte ich und schaute auf, das erste Mal seit Langem tatsächlich interessiert. Ich hätte dir hier viel öfter ein Eis kaufen sollen, sagte mein Vater. Du hast immer mit diesen wollenden Augen hingeguckt, aber nie darum gebeten, und mir kamen die 60 Pfennig so viel vor und ich hatte Angst, dass wir das Geld brauchen könnten, aber es waren ja nur 60 Pfennig, was ist das schon, du warst doch ein Kind.

Ein Kind, sagt er, und blickt zum Fenster hinaus. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, ärgere ich mich, warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft, du wolltest so gerne eins, sagt mein Vater. Alles war neu, ich wusste nichts, und dann sagt mein Vater: Aber das soll keine Entschuldigung sein. Wir saßen im Bus, mein Vater und ich, als er mir von seinem Schmerz erzählte, und ich wusste nicht, was ich sagen könnte, ich traute mich nicht, seine Hand zu nehmen.

  1. Mittlerweile denke ich dabei jedesmal das Wort „Znüni“ – Manfred Spitzer hat halt doch recht: Internet zerstört Hirnzellen. []

Journal Montag, 23. April 2018 – Langsames Abkühlen

Dienstag, 24. April 2018

Wieder brauchte ich für den Fußweg in die Arbeit keine Jacke, doch es war wolkig und auf dem Heimweg kühler geworden. Zumindest bleibt uns ein Temperatursturz erspart, es soll diese Woche einfach langsam bis auf eigentliche Apriltemperaturen kälter werden.

Ein ereignisfreier Montag. Nach Feierabend bog ich kurz in die Apotheke ab, um unsere Ibuprofenvorräte aufzufüllen. Die freundliche Apothekerin informierte mich wieder über die ideale Einnahmeform (vorher was essen) und die maximale Dosierung.

Das Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell um das Glas von meinem Bruder geriebenen Meerrettich geplant, das noch von Ostern im Kühlschrank stand: Klassisches deutsches Abendbrot mit Wurst (Zunge und Pastrami), Käse, harten Eiern, Essiggurke, Brot, Butter. Der Meerrettich war bereits mild geworden, ich konnte ihn löffelweise essen.

Dann doch das Sommerbettzeug rausgekramt: Es ist leichter, dieses durch eine Decke wärmer zu machen, als das Federbett am zu starken Wärmen zu hindern.

§

Immer noch habe ich eine diebische Freude an den Auswirkungen von “describe yourself like a male author would”. Hier in der Geschmacksrichtung women in music von Tracey Horn:
„‚Not technically beautiful, she has an engaging laugh‘: 35 years of being described by men“.
(Nein, nicht wirklich schlimm – aber stellen sie sich die zitierten Beschreibungen mal bei einem männlichen Musiker vor: Sie werden sofort verräterisch lächerlich.)

You miss things when you leave women out, or view female characters through the prism of their attractiveness, or when you take for granted that you’re at the centre of every story, every lyric.


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