Archiv für November 2018

1000 Fragen 421-440

Freitag, 23. November 2018

421. Welches Ritual hast du beim Duschen?
Menschen haben Rituale beim Duschen? Also sowas wie immer nur mit dem rechten Fuß zuerst reinzusteigen? Nur bei Neumond die Haare waschen? Dann habe ich keines.

422. Wie gefährlich ist deine Arbeit?
Extrem ungefährlich.

423. Welchen Kinofilm hast du sehr genossen?
Zuletzt The Children Act.

424. Welches Brettspiel magst du am liebsten?
Wenn ich unbedingt eines spielen müsste: Trivial Pursuit.

425. Wem hast du zuletzt eine Postkarte geschickt?
Sophie.

426. Wie eng ist deine Beziehung zu deinen Verwandten?
Mittel.

427. Wann hast du zuletzt in ein Mikrofon gesprochen?
Vermutlich bei der Verleihung der Goldenen Blogger im Januar.

428. Hast du gelegentlich Freizeitspass?
Wieder ein Rätsel: Was mag das wohl sein? Einfach Spaß außerhalb der Arbeit? Aber hallo!

429. Was sind die drei schönsten Ereignisse des heutigen Tages?
1. Munter und ausgeschlafen aufgewacht. 2. Der Milchkaffee schmeckt ausgezeichnet. 3. Aussicht auf Wiedersehen mit Herrn Kaltmamsell.

430. Macht du manchmal einen Mittagsschlaf?
Ja.

431. Findest du es wichtig, dass deine Meinung gehört wird?
Wenn es um ein Thema geht, das mich betrifft: Ja.

432. Was ist dir in Bezug auf das andere Geschlecht ein Rätsel?
Wie mag es sich wohl anfühlen, einen Penis zu haben?

433. Kannst du dich gut beschäftigen?
Ja. Immer.

434. Kannst du Dinge leicht von dir abschütten?
Dinge? Sowas wie Regentropfen? Ja. Oder belastende Erlebnisse? Leider ja, ich muss mich meist zwingen, mich damit zu befassen.

435. Wie voll ist dein Bücherregal?
Seit 20 Jahren zu voll.

436. Bist du mit deiner Handschrift zufrieden?
Meistens.

437. Können deine Hände machen, was dein Kopf will?
Gebrauchsdinge: Ja. Instrumente spielen, zeichnen, malen: Nein.

438. Wie oft am Tag schaust du in den Spiegel?
Seltener als ich aufs Klo gehe. Das weiß ich, weil ich mir manchmal vornehme, beim Händewaschen nach dem Klogang meinen Lippenstift oder den Sitz der Bluse zu überprüfen und dann zurück am Arbeitsplatz feststelle, dass ich nicht geguckt habe.
Durchgezählt: Beim Zähneputzen, beim Gesichtcremen, beim Schminken, vorm Verlassen des Hauses, tagsüber ein bis zwei Mal, beim Abschminken, beim Zähneputzen. Acht Mal.

439. Klagst du schnell über körperliche Beschwerden?
Nein, ich ignoriere sie meist erst mal weg.

440. Klickst du auf Facebook manchmal auf „gefällt mir“, obwohl du anderer Meinung bist?
Nein.

Quelle: Flow-Magazin.

Zu den Fragen 401-420.
Zu den Fragen 441-460.

Journal Donnerstag, 22. November 2018 – Pizzarezepte beruflich

Freitag, 23. November 2018

Mit Wärmflasche im Bett ließen sich die Frierattacken auf kleine Fröstelwellen einschränken, ich schlief halbwegs gut. Dennoch war ich beim Weckerklingeln komplett erschlagen, verbrachte die erste Stunde am Tag (neben Bloggen und Milchkaffee) mit der Überlegung, wie krank man eigentlich für eine Krankmeldung sein muss, wenn man weder Schmerzen hat noch fiebert, rotzt, hustet oder sich übergibt.

Dichter Arbeitstag, mittags machte ich mir aus Radicchio (Einkauf vom Vorabend) Salat. Zu meinem Tätigkeiten gestern gehörte das Überprüfen eines Pizzarezepts, das erheiterte mich.

Termin bei meiner Hausärztin besorgt: wegen Weihnachtsferien und großer Beliebtheit gab es erst einen Mitte Januar. Ich werde mich nach einer neuen umsehen müssen – gerne wieder in der Nähe, lieber ohne „Naturheilverfahren“ (oder geht eine Arztpraxis ohne dieses Angebot inzwischen pleite?). Denn eine Hausärztin ist für mich jemand, zu der ich auch ohne akute schlimme Beschwerden schnell gehen kann, bevor ich mir einen Facharzttermin in zwei Monaten hole.

Es war weiter kalt (aber noch über Null), grau und viel zu trocken.

Abendessen: Hokaido-Spalten (Einkauf vom Vorabend) aus dem Ofen mit Butter, Süßigkeiten.

Mal wieder eine Runde Spenden an geschätzte kostenlose Online-Dienste und -Medien überwiesen, u.a. an netzpolitik.org, deren Einnahmen bedrohlich zurückgehen – ohne dass die Qualität der Arbeit sinkt.

Früh mit Buch ins Bett, My name is Lucy Barton von Elitabeth Strout gefiel mir sofort.

Journal Mittwoch, 21. November 2018 – Bremen-München mit erstem Schnee

Donnerstag, 22. November 2018

Gerädert vom Wecker geweckt worden, weil ich wieder sehr schlecht eingeschlafen war: Schmerzen und Intervall-Frieren (Schlafzimmer war nicht kalt, ich hatte zwei Decken – in den Wechseljahren sind ja Hitzewallungen sprichwörtlich, aber kennt die Literatur auch Kältewallungen?).

Mein Hirn machte sich derweil selbsttätig über das Thema Fortpflanzungwunsch vs. Kindermögen her. Zu beidem, das wissen langjährige Leserinnen und Leser, habe ich Zugangsschwierigkeiten, deswegen muss ich mich immer wieder neu um Verstehen bemühen. Und schon als junge Frau wunderte ich mich, dass Menschen sich eigene Kinder wünschten, die sich für Kinder an sich gar nicht interessierten noch sie besonders mochten. Diese Erscheinung sah ich in den nachfolgenden Jahrzehnten wieder und wieder bestätigt: Menschen trauerten darüber, dass sie keine Kinder bekamen oder bekommen konnten, die nie irgendein Interesse für den Kontakt mit konkreten Kindern hatten oder sich auf der Sachebene für Kinder und ihre Lebensumstände interessierten. Irgendwann habe ich verstanden, dass das eine mit dem anderen schlicht nichts zu tun hat, dass der Wunsch nach Fortpflanzung bei fast allen Menschen zu den Bedürfnissen wie die Sehnsucht nach Liebe und zwischenmenschlicher Nähe gehört. Ich mag nicht so recht einen evolutionären Antrieb sehen, da ja gleichzeitig Eltern ihre Kinder misshalnden und manchmal sogar umbringen – statistisch geht die größte Gefahr für Säuglinge und Kinder von der eigenen elterlichen Umgebung aus.

Affinität zu Kindern äußert sich zum Beispiel in den Interessensgebieten menschliche Entwicklung, Spracherwerb, Verhaltensmuster, Lebensumstände von Kindern. Sie wird gerne mal beruflich ausgelebt.
Kinderbezug wegen Fortpflanzungswunsch äußert sich beispielsweise in Momy Wars über Erziehungsformen und korrekte Mutterschaft, Stilldiskussionen, Impfkämpfen.
Natürlich gibt es Überschneidungen. Doch die weite Entfernung zwischen Kindermögen und Fortpflanzungswunsch zeigt sich unter anderem, dass ich immer wieder einen Umgang von Eltern mit ihren Kindern beobachte, dessen Bösartigkeit und Gehässigkeit darauf hinweist, dass sie Kinder gar nicht mögen.

Ordentlich aufgehellte Bilder des Bremer Stadtwalls, das tatsächliche Licht war apokalyptisch.

Recht müder Morgen in Bremen, leider klingelte ich die Vermieterin für die Schlüsselrückgabe offensichtlich aus dem Bett. In aller Ruhe zum Bahnhof spaziert, dort Proviant für die Fahrt gekauft (Mohnschnecke, Laugenbrötchen mit Camembert). Ereignislose Fahrt in dünn besetztem ICE. Ich schlief ein bisschen, sah zwischen Fulda und Kassel meinen ersten Schnee der Saison, las mein Buch fast aus.

Zurück im kalten, dunkelgrauen München erledigte ich noch ein paar Stunden Arbeit im Büro, rollkofferte zu Fuß nach Hause und genoss dabei Luft und ein wenig Bewegung.

Auch Herr Kaltmamsell ist auf Dienstreise, allerdings noch bis Freitag. Ich zog also nochmal los, um dringendste Lebensmittel und Abendessen zu besorgen; Letzteres wurde Rahmspinat aus der Tiefkühltruhe, mein Strohsingleklassiker.

Im Bett Troubles von J.G. Farrell ausgelesen, es wird in unserer Leserunde viel zu reden geben.

Journal Dienstag, 20. November 2018 – Offene Bremen-Rechnung

Mittwoch, 21. November 2018

Ein halbes Stündchen länger geschlafen: Ich hatte beschlossen, dass es reicht, eine halbe Stunde vor offiziellem Veranstaltungsbeginn an meinem Arbeitsplatz zu sein. (Reichte natürlich locker.) Zumal ich in der Vornacht wegen Schmerzen und unerklärlichem Frieren sehr schlecht eingeschlafen war.

Weiterhin trübes, kaltes Wetter in Bremen.

Stadtgraben und Herbst strengten sich trotzdem an.

Zwei wichtige Ansichten des postmodernen CongressCentrums schulde ich Ihnen noch:

Die von außen.

Und den Teppich.

Ich konnte früher Feierabend machen als befürchtet, kaufte im Bahnhof noch Tee im Bremer Teekontor (sonst hole ich ihn in der Münchner Filiale am Stachus – aber in Bremen selbst gekauft ist er halt doch nochmal was Anderes) (ich will nichts hören).

Mein Nachtmahl nahm ich in einem von der Zimmerwirtin empfohlenen Lokal ein: Die bestellten Gnocchi mit Kürbis kamen verdächtig schnell auf den Tisch und waren… übersichtlich portioniert, schmeckten aber in Ordnung. Vom frittierten Ruccola hatte ich noch mehrere Stunden etwas.

Was ich in Bremen machen möchte, wenn ich mal bei Nicht-Winter und hell hier bin:
– Herausfinden, was die vielen im Dunklen so aufregend aussehenden alten Türme eigentlich sind
– den riesigen Weinkeller unter der gesamten Innenstadt besichtigen (von dem mir ein Vertreter von Bremen Tourismus erzählt hatte)
– Tee trinken
– in mindestens zehn der geschätzt 20 interessanten Goldschmieden schauen, an denen ich schon vorbeigelaufen bin
– Hachez leerkaufen
– Fotos von all der schönen Typo machen (z.B. Bankhaus Carl F. Plump & Co)
– in dem Kunsthandwerkladen ums Eck von der Ferienwohnung einkaufen
– durch jede Gasse des Schnoorviertels spazieren

§

Ich mag Museumsshops sehr; selbst wenn ich bereits komplett vollgeguckt bin, bleibt immer ein bisschen Aufmerksamkeit für einen Abstecher dorthin. Doch habe ich mich bislang tatsächlich nie gefragt, wer die Entscheidung trifft, was zum Verkaufsobjekt wird:
„Museums don’t just want gift shops to make money — they want them to shape our understanding of art“.

via @Hystri_cidae

Contributing up to as much as a quarter of museum revenue, gift shops can be crucial to a museum’s bottom line, but their contributions aren’t only economic. These unique retail spaces help educate visitors, build the museum’s brand, and work to highlight — and sometimes even influence — the aspects of art the institution views as important.

Because basically, stores are like the ultimate cheat sheet — the more you see a piece of art referenced, the more important it probably is. Some visitors even “begin with the shop in order to find out what is important to see in the museum!” says Sharon Macdonald, director of the Center for Anthropological Research on Museums and Heritage and professor of social anthropology at the Humboldt University of Berlin.

Journal Montag, 19. November 2018 – Bremer Postmoderne

Dienstag, 20. November 2018

Sehr wahrscheinlich bin ich dann doch keine Teamplayerin. Gestern machte ich einen Job alleine, der klassisch von Teams erledigt wird. Und ich war SO froh, dass ich einfach vor mich hin machen konnte, jede Entscheidung selbst treffen (Noch ein bisschen nach links? Ok. Oh, sieht nicht gut aus, wieder zurück. Hiervon drei oder vier Stück? Besser bloß drei. Das hier noch etwas tiefer? Ok!), und nicht jeden Handgriff kommentieren und diskutieren musste, jedes Missgeschick analysieren, alles Unvorhergesehene zurückverfolgen bis in die Urgroßvätergeneration. Bei mir konnte auch niemand auf den letzten Drücker und nach drei Stunden Vorarbeit der anderen eintreffen und all diese Vorarbeit im unüberhörbaren Lauter-Idioten-Tonfall umwerfen.

Bremen hat den Hauptbahnhof schön.

Zudem hatte ich gestern zum mehrfachten Mal die Gelegenheit zur Entgeisterung über die Gestaltung des Bremer CongressCentrums – es ist halt schon bitter, wenn eine legendär klamme Kommune genau zur falschen Architekturepoche Geld hat. Sollte ich es nicht bereits getan haben, tue ich es jetzt: Ich empfehle einen Besuch ernsthaft und dringend. Garantiert haben Sie sowas noch nie gesehen.

Ich war sehr an die Postkarten und Hinsteller erinnert, mit denen ich in den 80ern mein Jungmädchenzimmer geschmückt hatte. Wie in einem Horrorfilm hatte hier eine verrückte Wissenschaftlerin diese Deko zum Leben erweckt und auf Gigantomaße anwachsen lassen.

Nicht dass wir uns missverstehen: Ich finde das Gebäude großartig. Wenigstens hier hat mal jemand mit der postmodernen Architektur im großen Stil ernst gemacht.

Abends war ich mit zwei Freundinnen verabredet, die eigens aus Oldenburg herübergefahren kamen, um mich ins Grünkohlessen einzuweihen. Nach einem kleinen Spaziergang durch die entzückenden Gässchen des ältesten Teils Bremens (leider ist in Bremen nach meiner Erfahrung immer Winter und dunkel), stiegen wir hinab in die Schüttinger Gasthausbrauerei.

(Nein, ich habe nicht alles geschafft. Aber fast.)

In Ordnung, Grünkohl (dieser enthielt Grütze, sehr gute Idee) kann sehr gut schmecken und eine Konsistenz weitab von geschredderter Plastiktüte haben, ich sehe es ein. Auch die mit dem Grünkohl einhergendenden Fleischprodukte schmeckten ganz ausgezeichnet. Ich bekam außerdem reichlich Informationen über die Unterschiede zwischen Bremer und Oldenburger Grünkohl und werde die Mahlzeit wohl oder übel in Oldenburg wiederholen müssen. Eher wohl, denn ich war gestern aufs Angenehmste satt.

§

Peter Maxwill kritisiert bei Spiegel online, was mir schon lange aufstößt, verstärkt seit den rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz: Die Verwendung der Bezeichnung „Ausländerfeindlichkeit“ für Rassismus.
„Hass, für den es keine Worte gibt“.

Viele Medien, darunter auch SPIEGEL ONLINE, berichteten über die Leipziger Studie, meist standen dabei die Ressentiments gegenüber „Ausländern“ im Mittelpunkt. Schon möglich, dass in Aachen viele Leser dabei an belgische Zuwanderer dachten und in Flensburger Kneipen eine Debatte über kriminelle Dänen ausbrach. Wahrscheinlicher ist aber, dass viele Deutsche ein Problem mit einigen Religionsgemeinschaften oder Menschen bestimmter Hautfarbe haben.

Was die Leipziger Extremismusforscher untersucht haben, ist also die weitverbreitete Ablehnung von Menschen, die hierzulande häufig als „fremd“ wahrgenommen werden. Man könnte also von „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Fremdenhass“ sprechen – gängige Begriffe, die übrigens auch der Autor dieses Artikels in eigenen Texten verwendet hat.

Das Problem ist nur: Wer von Fremdenhass spricht, übernimmt und akzeptiert die Perspektive der Fremdenhasser; der Begriff stellt nicht infrage, was „eigen“ und was „fremd“ ist und ob diese Einteilung in Gruppen auch nur ansatzweise logisch ist.

via @giardino

Ein Detail ist auch Maxwill durchgerutscht: Eigentlich wird bei „Ausländerfeindlichkeit“ nicht nur nicht an Belgier und Dänen gedacht, sondern vor allem nicht an blonde, hellhäutige Belgier und Dänen.

§

Ein bisschen Bildergucken: Vater photoshopt sein Kleinkind in gefährliche Situationen, um die Verwandtschaft zu verstören.
„Dad Photoshops Daughter Into Dangerous Situations To Freak Out Relatives“.

via @tknuewer

Journal Sonntag, 18. November 2018 – Fahrt nach Bremen

Montag, 19. November 2018

Der gestrige Sonntag war geprägt von einer langen Zugfahrt nach Bremen, doch weil ich früh aufwachte, gab’s noch ein bisschen drumrum.

Jetzt ergeben sich auch Lärche und Heckenbuche dem Herbst.

Zum Beispiel hatte ich Zeit und endlich wieder Lust auf eine Stunde Kraftsport. Beim Heben und Hocken blickte ich in den sonnigen Morgen und sah auf einem für ihn untypischen Baum einen Sperber. Er hockte zwar mittelfern im Gegenlicht, doch mittlerweile kenne ich die Silhouette und das Verhalten gut genug, dass ich ahnte: So ruhig sitzt keine Krähe, außerdem hat die keinen solch geraden Schwanz. Ich hielt mein Sportprogramm bei Fitnessblender an und lief in Herrn Kaltmamsells Zimmer, um ihm Bescheid zu geben und das Fernglas zu holen. Richtig: Sperber.

Gemütliches Kofferpacken, ich puderzuckerte und alufolierte die Stollen, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte.

Ereignislose ICE-Fahrt nach Bremen: einmal Eltern, deren Erziehungslautstärke die der zu erziehenden Kinder deutlich übertraf, einmal Trompetentelefoniererin, dafür Freude über zwei gar nicht mehr so junge Männer, die nebenan Quartett spielten, so richtig mit Einheitenvergleichen. Draußen Herbstsonne, die kahle Landschaft in verschiedenen Brauntönen beschien. Ich las die Wochenend-SZ, SZ-Magazin vom Freitag, J.G. Farrell, Troubles – und wunderte mich, wie es mir hatte passieren können, dass ich für fünfeinhalb Stunden Bahnfahrt keine Süßigkeiten eingesteckt hatte. Nach dem Frühstücksquark daheim und der Semmel mit gebratenem Gemüse vom Rischart im Bahnhof hatte ich nämlich durchaus wieder Hunger.

Im nächtlichen Bremen traf ich mit nur wenig Verspätung ein, bezog die Ferienwohnung von vor zwei Jahren und ging ums Eck Pizzaessen.

Die Tagespizza war eine mit Hokaido, roten Zwiebeln, Ziegenkäse und Kürbiskernen, sie machte mich sehr zufrieden.

§

„Schweden meiden Flüge
Auf Schiene verreisen – oder gar nicht“.

Viele NordeuropäerInnen haben wegen des Klimas „Flugscham“: Sie bleiben beim Reisen auf dem Boden. Bahnfahren wird immer beliebter.

Ich bin ja immer etwas misstrauisch, was aus dem Ausland diagnostizierte nationale Trends angeht (weil ich oft genug hanebüchenen Blödsinn in US-amerikanischen Medien über Deutschland gelesen habe), aber auch nur die sachteste Bewegung in diese Richtung klingt gut. Ein Anfang wäre bei uns, dass es im durchschnittlichen Berufsleben nicht mehr Prestigesache wäre zu fliegen. Ich erlebe bis heute, dass Menschen nicht mal in Betracht ziehen, dass eine Zugreise in konkreten Fällen auch noch bequemer und schneller sein könnte, weil in ihr berufliches Selbstbild ausschließlich Flüge passen.

Journal Samstag, 17. November 2018 – Schwimmen und erster Stollen

Sonntag, 18. November 2018

Nach zehn Stunden Schlaf aufgewacht, das hatte es offensichtlich gebraucht: Ich war zum ersten Mal seit Langem den ganzen Tag aufs Angenehmste wach. Und obwohl ich mir das eine oder andere vorgenommen hatte, stresste mich nichts davon

Ein wolkenlos sonniger, kalter, windiger Tag (es ist immer noch viel zu trocken!). Am Vormittag radelte ich hinaus zum Olympiapark, um eine Runde zu schwimmen.

Dreimal musste ich um Autos, die die Fahrradspur besetzten, auf dicht befahrene Autofahrbahnen ausweichen. Ich verfluchte die Fahrer/Fahrerinnen halblaut und rituell. Auch wenn ich an die Wirkung nicht eigentlich glaube, pufferte das meinen Zorn. Ich muss mir merken, auf der nächsten Bürgerversammlung Mäuerchen wie in Madrid an einigen Stellen zwischen Radspur und Autospur zu beantragen.

Etwas verdutzt war ich, als im Trainigsbecken des Olympiabads (große Halle wird immer noch renoviert) nur zwei Bahnen zum Schwimmen freigegeben waren, im restlichen Becken fanden Schwimmkurse für Kinder statt. Entsprechend dicht beschwommen waren die Bahnen, umso mehr ärgerte ich mich über die vielen Spielzeugschwimmer mit schwerem Gerät, deren Zahl die der schlichten Schwimmerinnen und Schwimmer übertraf. Zwar schwamm ich immer so weit rechts wie möglich, um mich verletzungsfrei überholbar zu machen (und werde wieder einige wenig kleidsame blaue Flecken an rechter Hand, rechtem Handgelenk und rechtem Unterarm davon tragen vom Aufdonnern am Bahnentrenner). Doch war ich offensichtlich dennoch einer anderen, spielzeugfreien Schwimmerin im Weg: Als ich sie an der Wende vorlassen wollte, pampte sie mich verärgert an.

Schlagartig sah ich in einen Spiegel meines eigenen Zorns und schämte mich umgehend: Ich lebe in einem so reichen Land, das sich gepflegte, beheizte Schwimmbäder leisten kann, bin selbst so reich, dass ich mir ohne nachzudenken die 4,80 Euro Eintritt leisten kann, bin so gesund und fit, dass ich problemlos 3.000 Meter kraule – und weiß das so wenig zu schätzen, dass mir gedankenlose Mitschwimmer den Spaß verderben können? (Trotzdem: Gibt es vielleicht inzwischen Wettbewerbe im Geräteschwimmen? Bis 20cm-Flossen / bis 30cm-Flossen? Bis 15cm-Paddel / bis 20cm-Paddel? Jeweils mit Schenkelpolster und ohne?)

Daheim gefrühstückt und geräumt, so lange im sonnendurchfluteten Wohnzimmer lesend getrödelt, bis die Sonne weg war (16 Uhr). Erst dann wechselte ich in die fensterlose Küche zum Stollenbacken. Living the life!

Die nächsten Stunden bestanden aus Stollenbacken verschränkt mit Bügeln, beim Bügeln hörte ich Holger Kleins WRINT: „WR878 Frau Diener verreist mit dem Kreuzfahrtschiff“.
(Zu Schiffsantrieben und den verwendeten Kraftstoffen mag sie sich vor der nächsten Gesprächsrunde über Schiffahrt vielleicht noch von Fachleuten informieren lassen, um nicht ganz so sehr daneben zu liegen?)

Erste Lage Stollen für die italienische Verwandtschaft ist gebacken. Tante und Kusinen möchten lieber kleine Stollen, soll sein.

Abends kam Herr Kaltmamsell von einer beruflichen Verpflichtung zurück, es gab Pak Choy mit Chilis aus der Pfanne und Rosenkohl aus dem Ofen, alles aus unserem Ernteanteil.

Fetter Chlorschnupfen, ich brauchte Nasenspray zum Schlafen.

§

Ist es Größenwahn oder erwachsenes Selbstvertrauen, dass ich privat immer wieder gerne mit Anfängern zusammenarbeite? Auch in Fachbereichen, von denen ich keine Ahnung habe? So gehe ich gerne in die Ambulanzen universitärer Fachkliniken und lasse mich von quietschjungen Ärztinnen und Ärzten untersuchen und behandeln, mit all ihren Unsicherheiten, Nachfragen beim Chef, ihrem lauten Überlegen – an irgendjemandem müssen sie ja lernen, warum nicht an mir?

Und gestern haben Herr Kaltmamsell und ich uns auch bei einer anderen Dienstleistung für die Anfängerinnen entschieden statt für die umfassenden Vollprofis: Sie sind sympathisch, supermotiviert – und irgendwo müssen sie ja Erfahrung sammeln, warum nicht mit uns?

§

Am Freitag wurde bekannt, dass William Goldman gestorben ist, der Mann, der so reflektiert und intellektuell war, dass er mir mit seinem Buch Adventures in the Screen Trade Hollywood von hinten nahebringen konnte (große Leseempfehlung). Hier ein fast zehn Jahre altes Portrait im Guardian:
„Newman, Hoffman, Redford and me“.

Goldman is the classic case of the creative genius who respects the rules, but has lived his entire life as if the rules do not apply to him. He encourages young writers to go to Hollywood, but has lived most of his adult life in New York. He knows that stars dominate the industry, but has not been the least bit reluctant to disparage them. He has often been disappointed by the craven stupidity of studio executives, but retains an odd compassion for them.


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