Archiv für Juni 2022

Journal Donnerstag, 9. Juni 2022 – Berlin 5, re:publica 2 mit Besserung

Freitag, 10. Juni 2022

Sehr gut geschlafen, und zwar durch (!) bis sechs, dann nochmal ein Stündchen. Duschen, Bloggen, Morgen-Cappuccino in einem weiteren kleinen Nachbarschafts-Café, dieses mit deutlichem italienischen Einschlag.

Zurück in der Wohnung noch ein wenig lesen bis es Zeit war zum Aufbruch. Der Tag war kühler und düsterer als der Mittwoch, über den Tag regnete es immer wieder ein paar Tropfen. Ich fühlte mich deutlich besser, freute mich über einige Gespräche mit alten Internet-Bekannten.

Unabhängig voneinander steuerten Herr Kaltmamsell und ich als erste Session des Tages an: “Desinformation: Haben wir die gemeinsame Basis verloren? – Herausforderung für die Demokratie”. Die zentrale Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, Pia Lamberty, fiel zwar wegen Krankheit aus, doch von den anderen erfuhr ich Hochinteressantes über den derzeitigen Stand der Forschung zu Desinformation.

Meine Güte: We’ve come a long way. Ich erinnere mich noch an re:publica-Sessions, in denen dieses Internet-Phänomen – wie so manch andere, Hassrede zum Beispiel, anfangs noch “Trolltum” genannt – identifiziert und benannt wurde, wie in anderen Gegenmittel diskutiert wurden. Und jetzt gibt es Institutionen und seriöse Forschung dazu, die fundierte Daten liefern. (Ja, ich fühle mich dabei auch alt – mehr aber noch privilegiert, dass ich das alles in Echtzeit miterleben durfte und darf.)

Ich verabschiedete mich von Herrn Kaltmamsell, holte mir nochmal einen Cappuccino. Für mich gab es jetzt auf der großen Stage 1 “Das Coronavirus-Update – Wenn Wissenschaftsjournalismus auf einmal cool wird”: Die beiden Macherinnen des meistgehörten Podcasts während der Pandemie, Korinna Hennig und Katharina Mahrenholtz, ließen sich ausfragen und erzählten Hintergründe aus erster Hand. Gerade diese Infos aus erster Hand machen für mich immer wieder mein re:publica-Erlebnis aus.

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https://youtu.be/Yc8Q38dbOi8

Auf jeder re:publica profitiere ich von Sessions zu Themen, die mich überhaupt nicht interessieren. In die diesjährige zu Fernsehserien (die mich ja gar nicht interessieren) geriet ich durch ein Missverständnis: Weil ich die genaue Beschreibung nicht gelesen hatte, hielt ich “Expect the unexpected – Wie Serien improvisieren” für eine Session zu den Auswirkungen der Pandemie auf Serien-Drehbücher. Doch in Wirklichkeit ging es um drei aktuelle TV-Serien, die auf Improvisation statt klassischen Drehbüchern basieren – alle drei auf komplett unterschiedliche Weise. Vor allem das Rap-Musical Hype will ich jetzt unbedingt sehen (Laiendarsteller*innen aus Köln, die ihren Alltag spielen und sprechen), aber auch Das Begräbnis von Jan Georg Schütte (alter Mann, der seit 15 Jahren solche Impro-Sachen fürs Fernsehen macht) sieht sehr spannend aus. Extrem respektabel wirkte auf mich die Arbeit von Emil Belton: Die Discounter bei Amazon Prime. Die drei Macher*innen erzählten detailliert von ihrer Arbeit (Drehbuch, Casting, Drehen, Schnitt) – superinteressant.

Gestern kein Badewetter.

Die Session “Follow the dark Rabbit!” zu Science Fiction, die sich mit digitalen Zukunftswelten beschäftigte, war dann auch sehr interessant, unter anderem weil die Science Fiction schaffenden Podiumsdiskutant*innen partout nicht sagen wollte, was die Initiatorin und Moderatorin ihnen durch Fragen in den Mund legte. (Am Schluss sagte sie es dann halt selbst.)

Jetzt hatte ich richtig Hunger und aß mitgebrachten Apfel und Pumpernickel. Mittlerweile hatte Bundeskanzler Scholz irgendwas auf Stage 4 gesagt – ich war vor allem froh, dass die Security um die Anwesenheit von Spitzenpolitik diesmal nicht die gesamte Veranstaltung dominiert hatte.

Danach schaffte ich es nur noch zu einer Session: “Gesellschaft in der Dauerkrise: Carolin Emcke und Ottmar Edenhofer im Gespräch”. Da sich Ottmar Edenhofer verspätete, begannen Moderatorin Geraldine de Bastion (über die Jahre habe ich dieses re:publica-Urgestein als exzellent vorbereitete, umfassend gebildete und immer konstruktiv steuernde Moderatorin ungemein zu schätzen gelernt) und Caroline Emcke schon mal ohne – wie immer mit sehr klugen Gedanken. Doch Edenhofer war tatsächlich der interessante Inputgeber: Der Direktor und Klimaökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor für die Ökonomie und Politik des Klimawandels an der TU Berlin (unter anderem) konnte sehr präzise Aussagen machen zur Auswirkung des EU-Beschlusses gegen eine Erweiterung des Emissionshandels (verheerend) und zu nötigen weltweiten Kooperationen. Eigentlich wäre ich aus dieser Session völlig niedergeschlagen gekommen, wenn ich mich nicht daran festhalten hätte können, dass so jemand Superschlaue wie Caroline Emcke immer noch Licht am Horizont sieht.

Ich nahm eine S-Bahn zurück, erfuhr unterwegs, dass Herr Kaltmamsell erst eine Stunde nach mir in der Ferienwohnung eintreffen würde. Diese Zeit nutzte ich für eine Runde Yoga auf dem Küchenteppich aus Kunst-Bast, der dafür griffig genug war. Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich zu einem brasilianischen Restaurant in der Nähe, das online spannend ausgesehen hatte – aber geschlossen war (sah recht dauerhaft aus). Also aßen wir zu Abend in einer spanischen Tapas-Bar ums Eck und teilten uns: Boquerones (sehr gut), Patata Brava (eher Bratkartoffeln), Chipirones (gut), gebratenen Chorizo (gut!) mit Salätchen (hochwillkommen), dann noch einen großen Teller Lammbraten (sehr gut) mit Kartoffelgratin. Dazu ein Glas Rosé für mich und Bier für Herrn Kaltmamsell. Wir wurden sehr satt, waren aber auch sehr hungrig gewesen.

Abstimmungen für den Freitagabend: Wir werden bei einer Berliner Freundin Show-kochen.

Journal Mittwoch, 8. Juni 2022 – Berlin 4 mit re:publica, abgetaucht

Donnerstag, 9. Juni 2022

Gelernt: Es ist eine schlechte Idee, am Abend vor re:publica besonders lang auszugehen und zu viel Wein zu trinken.

Nicht nur bekam ich zu wenig Schlaf und war morgens plus den halben Tag benommen, dieser Kater verstärkte auch meine derzeitige Stimmung: Auf der re:publica war ich zu keiner Geselligkeit fähig.

Neue Location Arena Berlin, neue An- und Ausblicke.

Alle Sessions, die mich interessierten, fanden im großen Saal statt, also Stage 1:
– Welcome back (worin der unsichere Weg zu dieser wiedererstandenen re:publica geschildert wurde und Johnny Häusler ankündigte, dass die ganze Sache auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit ist – noch unklar wie)

***Noch ein Cappuccino (nicht auf Stage 1) (aha: es gibt Hafermilch auch in Bitter)***

– Videobotschaft von Marina Weisband zur Lage in der Ukraine
– Hasnain Kazim liest Dialoge mit Absendern von Hassnachrichten und Morddrohungen an ihn
– “#MeToo Recherchen: Juliane Löffler berichtet” – hochinteressanter Einblick in die Arbeit hinter solchen großen Artikeln – journalistisch, rechtlich, menschlich

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https://youtu.be/_QRHt8ntkfc

– Markus Beckedahl fasste wieder zusammen: “Wie steht’s um die Digitalpolitik? Neue Regierung, neues Glück?” (tl;dr: Der Koalitionsvertrag verleitet sogar netzpolitik.org- und re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl zu zartem Optimismus.)

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https://youtu.be/pSTXj65pmX4

***Ein wenig Rumsitzen und Zeitunglesen auf dem Handy: Die neue Location war laut Selbsterklärung vor allem wegen dem vielen zusätzlichen Außenraum gewählt worden. Dem beim gestern herrlich sonnigen Wetter empfindlich an Schatten fehlte, ich suchte mir lieber einen Sitzplatz am Rand in der großen Halle.***

– Talk-Runde “Einige Menschen sind trans* – deal with it!” mit Henri Jakons und Tessa Ganserer

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https://youtu.be/8WmJBV2_lHI

– Vortrag “Die Maschen der Verschwörungsideologen” von Katharina Nocun, die zu diesem Thema bereits zwei Bücher veröffentlicht hat

Dann war ich fertig für den Tag und machte mich noch vor fünf auf den Weg zurück zur Ferienwohnung. Hunger hatte ich immer noch nicht recht, aß aber vernünftig einen mitgebrachten Apfel, außerdem einen unterwegs gekauften türkischen Sesamkringel.

In der Wohnung lang schon nötige Maniküre (nerv), Coronatest vom Morgen nachgeholt. Gegen sieben kam auch Herr Kaltmamsell zurück und hatte viel zu erzählen. Fürs Abendessen schlug ich einen ungewöhnlichen Pizzaladen vor, der mir beim Vorbeigehen bekannt vorgekommen war: Richtig, den Salami Social Club an der Frankfurter Allee hatte Mek mal in seinem Blog gelobt.

Wir saßen in den damals erwähnten neuen Räumen (der Pizzaofen steht in den alten, der bezaubernde Herr Bedienung eilte immer außenrum mit den fertigen Pizzen), Herr Kaltmamsell ließ sich als Bier ein fruchtiges IPA empfehlen (ich roch und probierte: sensationell; blieb aber selbst lieber beim Apfelschorle), wir aßen je eine halbe Pizza mit Blutwurst und eine mit Kartoffeln. Sie schmeckten uns hervorragend, nur dass Herr Kaltmamsell dünnere, knusprigere Pizzaböden mit weniger Belag bevorzugt (ich nicht).

Zum Nachtisch hatte ich auf dem Heimweg von der re:publica Erdbeeren besorgt und vor Verlassen der Wohnung Richtung Pizza geschnippelt und gezuckert.

Herr Kaltmamsell ging unter wiederholten Beteuerungen, er sei von seinem ersten Tag auf der re:publica nicht überfordert, keineswegs überfordert, sehr früh ins Bett.

§

Ein Kind ist nunmal kein Haustier, das man sich hält, damit seine Anwesenheit einem ein wohliges Gefühl verschafft.

Novemberregen schreibt immer wieder Dinger über Mutterschaft, die ich als extrem Kinderferne gut nachvollziehen kann. Hier über Alltag mit einer siebzehndreivierteljährigen Tochter:
“07062022”.

§

Herr Buddenbohm hat eine besondere Szene beobachtet, mit kleinen Geschwistern und einer Taube.
“Eine Dankespostkarte”.

§

(So sieht der Journaleintrag aus, wenn ich mir vornehme: Mir geht’s nicht gut, heute blogge ich bloß, dass ich untergetaucht bin.)

Abends gab’s bereits ein kleines Filmchen vom ersten Tag re:publica mit Eindrücken.

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https://youtu.be/Dy5bIsMBqlo

Journal Dienstag, 7. Juni 2022 – Berlin Tag 3 mit KaDeWe und Friedrichstadtpalast

Mittwoch, 8. Juni 2022

Ausgeruht aufgewacht. Während Herr Kaltmamsell noch schlief, duschte ich, zog mich an und ging auf einen ersten Cappuccino nach nebenan.

Als ich fertig war mit Bloggen, war Herr Kaltmamsell auch startklar, es ging nochmal nach nebenan zu einem zweiten Cappuccino und zu einem kleinen Frühstück für Herrn Kaltmamsell.

Programmpunkt 1 gestern: Die neue Feinkostetage des KaDeWe. Wir fuhren in die Richtung mit der U-Bahn, gingen noch ein Stück zu Fuß. Das KaDeWe hat auf dem Weg in die 6. Etage, Feinkost, natürlich noch mehr zu bieten, und so blieben wir erst mal gründlich in der Schreibwarenabteilung/Papeterie hängen. Herr Kaltmamsell korrigiert künftig mit besonders edler roter Tinte, ich besitze wieder ein paar schöne, neutrale Glückwunschkarten (wie ich sie sonst immer aus Brighton mitbrachte). In der Porzellan-Abteilung (interessanterweise ein wenig versteckt und nur über Beschilderung auffindbar) stieß ein re:publica-Teilnehmer aus Luxemburg zu uns, ich besah die aktuelle Ware hochklassiger Anbieter.

Gemeinsam fuhren wir in die Lebensmittelabteilung – und blieben dort ein paar Stunden, unterbrochen von einem Mittagessen der Herren im 7. Stock.

Abschließendes Urteil: Ein sehr gelungener Umbau, ich trauere der vorherigen Version der Köstlichkeitsabteilung nicht nach. Die Ware in sensationeller Vielfalt – wenn auch möglicherweise eher Mainstream: Dass ich so viele der sehr vielen angebotenen Weine kannte, bedeutet ziemlich sicher nicht, dass ich über Nacht zur Wein-Checkerin geworden bin. Wirklich außergewöhnlich fand ich den Bereich mit Pralinen und Schokoladen: An der riesigen Theke mit offener Ware gab es neben Mainstream (Godiva, Lauenstein) auch Abgefahrenes inklusive Fudge. Zum Abschluss Kaffeetrinken.

Programmpunkt 2: Check-in zur re:publica.

Reiher auf Lohmühlinsel.

Ich hatte mir bis hierhin verkniffen, Herrn Kaltmamsell Tipps zu geben; ich möchte ihm die Chance offen lassen, eine ganz eigene re:publica kennenzulernen, die ja vielleicht überhaupt nichts mit meiner zu tun hat. So halte ich es weiterhin: Ich werden auch nicht seinen Cicerone spielen, wie ihn/sie alle bei ihrer ersten Teilnahme brauchen: In der tiefen Überzeugung “oh Gott, das wird alles schrecklich, ich kenne mich nicht aus und ich kenne überhaupt NIEMANDEN!” sieht man dann nämlich endlich ein bekanntes Gesicht, stürzt sich auf den zugehörigen Menschen und lässt ihn für ca. einen halben Tag nicht mehr los. Idealerweise hat dieser Mensch bereits re:publica-Erfahrung, lässt sich vom Ertrinkenden umklammern und schleppt ihn ein Weilchen erklärend mit.

Fahrt in die Ferienwohnung, dort ein wenig Ausruhen, ich aß dann auch mal was, nämlich einen Apfel und den Rest Linsen, den ich am Sonntag als Reiseproviant eingesteckt hatte, Schokolade.

Progammpunkt 3: Nochmal die Show Arise im Friedrichstadtpalast. Der angereiste Luxemburger hatte sie gern sehen wollen, Herr Kaltmamsell und ich sahen sie sehr gerne nochmal. Ich hatte fast noch mehr Spaß als beim ersten Durchgang letzten September, weil ich mich schon auf bestimmte Höhepunkte vorfreute – und war wieder begeistert.

Wir spazierten noch zu einer Weinbar an der Spree, aßen ein wenig Käse, tranken Wein – und trafen nochmal auf die ungemein spontane @maske_katja, die auch an diesem Abend Dienst im Friedrichstadtpalast gehabt hatte und uns ihren Feierabend opferte – Spitzentreffen der Maskenbildnerei.

Es wurde spät, der joviale Herr Bedienung meinte es sehr gut mit unseren Weingläsern, ich war auf dem Rückweg froh darum, ein gutes Stück zu Fuß durch die wunderbar milde Sommernacht gehen zu können. Und sorgte mich ein wenig, ob ich bis zum Start der re:publica genug Schlaf bekommen würde. In der Ferienwohnung brauchte ich auch noch ein großes Stück Schokolade gegen Magenknurren.

Journal Pfingstmontag, 6. Juni 2022: Berlin Tag 2 in Stichworten Luisenstadt-Friedhof, Liebermann-Villa, Verwandtschaft

Dienstag, 7. Juni 2022
    • Etwas schwierige Suche nach akzeptablem Morgenkaffee, weil Feiertag auch in Berlin bedeutet, dass Cafés tendenziell erst um zehn öffnen. Frühstück für Herrn Kaltmamsell, über uns Mauersegler, Geräuschkulisse aber dominiert von Spatzen.

Fledermaus!

    • Wetter: gemischte Wolken, warm, richtig für ein langärmliges Sommerkleid.
    • U-Bahn zum Alten Luisenstädtischen Friedhof, ausgedehnter Spaziergang durch das wunderschöne Gelände mit vielen interessanten Grabmälern (allerdings deutlich weniger Informationen über die Verstorbenen darauf als auf dem Alten Südfriedhof in München), abschließendes Bankerlsitzen.
    • U- und S-Bahn zum Wannsee: Die Fahrt zog sich länger als geplant wegen S-Bahn-Ausfalls. Viele Leute unterwegs, aber nicht in beängstigendem Maß. (Wie immer in Berlin freue ich mich an all dem Platz: Straßen und Gehwege sind im Schnitt doppelt so breit wie in München – Radwege bezeichnenderweise nicht -, ich kann immer besser nachvollziehen, warum sich Besuch aus Berlin in der Münchner Innenstadt umgehend überrannt und eingeengt fühlt.)
    • Spaziergang vom Bahnhof Wannsee zur Liebermann-Villa. Sie hatte auf meiner ewigen Liste “in Berlin mal machen” gestanden, bei einem Check hatte ich zu meiner freudigen Überraschung entdeckt, dass sie dienstags und nicht wie sonst Museen montags geschlossen ist.
    • Bewunderung der Gartenanlage Liebermann-Villa und der kleinen Ausstellung, Kaffeepause auf der Terrasse mit Kakao. Auf dem Rückweg zum Bahnhof aß ich vernünftig auch einen mitgebrachten Apfel.
    • S-Bahn-Fahrt zur Berliner Verwandtschaft von Herrn Kaltmamsell, die in der Nähe wohnt, nämlich in Zehlendorf. Fröhliches Zusammentreffen mit ausgesprochen angenehmen Menschen, eine Verwandte aus dieser Generation war nach vielen Jahren Pause dabei. Währenddessen ging ein ausgedehnter Wolkenbruch nieder, der sich bereits einige Zeit lang mit dunklen Wolken angekündigt hatte.

Bahnhof Schlachtensee. In dieser Gegend denke ich immer mit schwerem Herzen an das Fräulein.

  • Öffi-Fahrt zurück nach Friedrichshain, Abendessen bei einem veganen Vietnamesen, ich hatte einen Limette-Zitronengras-Eistee (sehr super, die Kombi mal merken), Mangosalat als Vorspeise, gedämpfte Udon-Nudeln mit Gemüse und gebratenem Tofu als Hauptgericht (gut!).
  • Tagesabschluss sehr satt nahezu direkt ins Bett. Befinden weiterhin angespannt und belastet.

Schon am Vortag hatte ich die Ausgabe 158 des Literaturmagazins Granta ausgelesen – erstmals in diesem Jahrzehnte dauernden Abo hatte ich eine Ausgabe nicht gelesen, als die nächste eintraf. Recht gemischte Texte, aber einer hatte das ganze Buch gelohnt:
“The Picnic Pavilion” von Debbie Urbanski.
(Zu meiner großen Freude ganz online zur Verfügung.)

Eine Ich-Erzählerin stellt sich vor, wie sie sich mit drei verstorbenen Ahninnen trifft: Sie hat von ihnen die Veranlagung zu tödlichem Gebärmutterkrebs geerbt, an dem diese drei recht jung gestorben sind, hat bereits eine Totaloperation hinter sich, lässt sich bald die Brüste präventiv entfernen. Das Faszinierende an der Erzählung aber ist, dass die Stimme den Prozess des Erfindens und des Schreibens transparent macht, woher sie das Aussehen der Personen nimmt, warum sie ihr Verhalten genau so erfunden hat – ohne dass das die eigentliche Geschichte überlagert. Eine ungemein zur Zeit passende Technik, in der Unschuld und Naivität in Kreation und Kunst ihr Glaubwürdigkeit verloren hat.

Journal Pfingstsonntag, 5. Juni 2022 – #WMDEDGT mit Anreise nach Berlin

Montag, 6. Juni 2022

Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats: WasMachstDuEigentlichDenGanzenTag? und sammelt die Antworten in ihrem Blog unter #WMDEDGT. Bei mir sind es ja leider nur die 5. des Monats ohne Arbeitsalltag, die ich beisteuern kann.

Coronatest auch diesmal negativ, kein Hinderungsgrund für die Woche Berlinurlaub mit re:publica. Der Morgen bestand aus Räumen, Packen, Topfpflanzen mit Plastikkolben zur Bewässerung versorgen (bei einer Kollegin gesehen, zum ersten Mal ausprobiert). Als Reisekleidung hatte ich mich für eine schwer zu bügelnde Bluse entschieden – anders würde ich sie nicht unverknittert ans Ziel bringen.

Durch einen bereits recht warmen und sonnigen Tag rollkofferten wir zum Bahnhof.

Mäßig fenstrigen Fensterplatz erwischt.

Viel Platz im Abteil, das sich bis Berlin nur langsam und nie ganz füllte. Vormittags holte ich uns noch einen Cappuccino aus dem Speisewagen, als Frühstück hatte ich einen Apfel und Linsensalat eingepackt, mit dem Herr Kaltmamsell den restlichen Ernteanteil (Frühlingszwiebeln, Koriander) aufgebraucht hatte.

In Berlin nutzten wir unsere 9-Euro-Tickets für die U-Bahn zu unserer Unterkunft in Friedrichshain – sich nicht mit örtlichen Tarifsystemen befassen zu müssen, ist wirklich entspannend.

Und so waren zwei Personen für 255,60 Euro (Hin- und Rückfahrt, 2x Bahncard 25, gebucht zwei Monate vor Fahrt) in der 1. Klasse ICE von München nach Berlin gereist. Schon vor Wochen hatte die Bahn mich benachrichtigt, dass die Fahrt eine gute halbe Stunde länger dauern würde als gebucht. Erst unterwegs fand ich den Grund heraus: Baustellen vor Berlin. Ich empfand die Reise als sehr komfortabel, sehr günstig, sie dauerte von Tür zu Tür 6,5 Stunden, davon Zugfahrt knapp 5,5 Stunden. Muss man ich sein, um das als konkurrenzlos anzusehen?

Schöne Ferienwohnung – die Buchung war ja nach drei vorherigen Absagen anderer Wohnungen mühsam gewesen. Nun wohnen wir also nicht ganz so nah an der re:publica, wie ich angepeilt hatte, auch ohne Balkon oder Aussicht, aber sehr geschmackvoll und mit ausgesuchten Einzelstücken eingerichtet (mal wieder muss ich erkennen, wie groß der Unterschied ist, wenn jemand Geschmack und einen Blick für sowas hat) und in einer interessanten Gegend.

Wegen Schwindel und Schwäche legte ich mich erst mal hin, war aber bald schon wieder fit genug für einen kleinen Spaziergang durch die Umgebung (umgezogen in ein Sommerkleid) und durch einen Sommertag, der in der Sonne fast heiß war.

Fürs Nachtmahl hatte ich im Weinlobbyisten in Schöneberg reserviert, den wir schon kannten – Sonntagabend ist auch in Berlin nicht ganz einfach. U- und S-Bahn dorthin, die Maskenpflicht wird deutlich laxer befolgt als in München, dafür sind die Bahnen voller: Ich stellte guten Sitz meiner Maske sicher.

Schöneberg. Am Himmel sahen wir neben Mauerseglern auch weit oben einen Bussard stehen.

Und dann aßen wir im schönen Innenhof des Weinlobbyisten ganz hervorragend unter dem Schrillen immer wieder kreuzender Mauersegler-Gruppen. (Und leider immer wieder Zigaretten-beraucht vom Nachbartisch, ich fühlte mich wieder wie 30.)

Als Magentratzerl gab es Wachtelei, gutes Brot.

Erster Gang war Jakobsmuschel Ceviche, Tigermilch, gerösteter Mais, Zwiebel, Koriander. Vor allem mit der Muschel verstand sich ganz hervorragend der pfälzer Weißburgunder im Glas: Weingut Bergdolt – Reif & Nett.

Geflämmtes Rindertatar, Forellenkaviar, fermentierter grüner Spargel – besonders letzterer schmeckte überraschend vielfältig und gut. Rotwein dazu war es sehr rasser Spätburgunder Assmannshäuser 2017 vom Weingut Krone aus dem Rheingau.

Der nächste Gang war der absolute Knaller: Der Schweinebauch mit Rettichkimchi und schwarzem Knoblauch wäre allein schon unglaublich vielfältig gewesen, doch dazu gab es endlich mal wieder einen richtig guten Orange Wine: Wieder vom Weingut Bergdolt – Reif & Nett Evil Twin, einen Muskateller, auf der Schale spontanvergoren. Der duftete schon nach allen möglichen Früchten, Blüten und Kräutern, schmeckte wie ich die besten Orange Wines erleben durfte: Nach einer komplett anderen Weinwelt (anders als die sauren Apfelmoste, die mir meist als “Orange Wine” verkauft werden), die sich noch dazu aufs Beste mit der Gärsäure des Kimchi und mit dem Fett des Schweinebauchs verstand.

Als Dessert gab es ein ziegenkäsiges Ivoire Parfait mit Tom Ka Schaum, Blaubeeren und Krabbenchips, dazu passte nochmal von vom Weingut Bergdolt – Reif & Nett ein wenig süßer Muskateller.

Sehr zufriedene Heimfahrt durchs letzte Licht des Tages. Auf dem letzten Stück zu Fuß durch den Ziel-Kiez sagte ich noch: “Hier müssten doch eigentlich Fledermäuse…”, als wir schon welche über uns hinwegflattern sahen.

In der Ferienwohnung noch ein wenig Kampf mit dem komplexen Licht- und Rollladenschalter-System, aber wir schafften es ins Bett und ins Dunkle.

§

Das Faxgerät wird demnächst 100 Jahre alt. Und noch bevor wir durch sind mit allen Witzeleien aus den Bauteilen “Deutschland”, “Ämter”, “Zeitreise”, schreibt @holadio auf, warum er ohne Faxgerät nie Karriere gemacht hätte:
“Meine Karriere begann mit einem Faxgerät”.

Journal Samstag, 4. Juni 2022 – Zu kühl, zu heiß, Reisevorbereitungen

Sonntag, 5. Juni 2022

Zu früh aufgewacht, enstprechend früh war ich startklar für meine geplante Schwimmrunde. Nur dass es draußen bewölkt und kühl war, erst für den späteren Vormittag war deutliche Wetterbesserung angekündigt. Also zögerte ich den Aufbruch mit Lesen bis auf 10 Uhr hinaus.

Zum Radeln ins Dantebad (wegen immer noch ein paar Grad wärmerem Wasser als im Schyrenbad) brauchte ich deutlich meine Jeansjacke. Die Schwimmbahnen waren übersichtlich besetzt, ich konnte unbeschwert durchziehen, allerdings begann ich wieder ab 1.000 Metern zu frösteln. Erstes Mal seit Hüfte kaputt / neue Hüfte: dreimal eine Bahn Brust geschwommen.

Auf den letzten 1.000 meiner insgesamt 3.200 Meter kam endlich so richtig die Sonne raus, und damit wurde offensichtlich der Heizungsschalter umgelegt: Als ich abgetrocknet und sonnengecremt auf die Liegewiese trat, prügelte die Sonne hochsommerheiß herunter. Ich hielt es darin nicht sehr lange aus.

Fürs Heimradeln brauchte ich sehr keine Jacke mehr, an den vielen, vielen roten Radl-Ampeln der Dachauer und der Paul-Heyse-Straße versuchte ich im Schatten zu warten. Ich steuerte direkt das Obststandl am Rindermarkt an, um dort ein Kilo Spargel und ein Kilo Erdbeeren zu kaufen (“wegen ausgewogener Ernährung”, wie ich die Standlerin anscherzte, die daraufhin stutzte: “Ham mir g’redt?”, und bei Verneinung behauptete, dass tatsächlich die Inhaltsstoffe der Erdbeere der Harnsäure-erhöhenden Wirkung von Spargel entgegenwirke, deswegen habe “die Natur” dafür gesorgt, dass sie gleichzeitig Saison hätten – eine Wirkung, die allerdings mein Nachrecherchieren daheim nicht bestätigte).

Zu Hause war ich kurz vor drei, musste dann doch erst mal frühstücken vor Körperreinigung und -pflege. Es gab ein Tomatenbrot aus Selbstgebackenem sowie Mango mit Joghurt. Gewaschen, rasiert und gecremt las ich auf dem Markisen-beschatteten Balkon die Wochenend-Süddeutsche.

Nächster Programmpunkt (alles fühlt sich derzeit nach Abhaken von Programmpunkten an, ich denke viel an an den Mann im verflossenen Westend-Lieblingslokal Marietta, den ich mal eine Stunde dabei beobachtete, wie er Bier trank. Nichts weiter: Er saß vor seiner Halben Bier, schaute ein bisschen, aber nicht zu intensiv, nahm sehr gelegentlich einen Schluck, lächelte bei Ansprache und anwortete, um dann wieder ein bisschen zu schauen. Der wäre ich gern.): Bügeln, die Menge entsprach einer knappen Stunde. Waldmeistersirup abseien, einkochen und abfüllen.

Dann machte ich mich an die Zubereitung des Abendessens, gestern durfte ich zuständig sein für Ofenspargel (in die Folie kam diesmal gehackte Salzzitrone, hervorragend) mit Ei-Hack-Sauce und neuen Kartoffeln aus Ernteanteil (nicht von unserem eigenen Hof, sondern zugekauft, schmeckten wunderbar), Erdbeeren zum Nachtisch, zu alledem einen Rosé von Feinstrick, der mir sehr gut schmeckte.

Ich packte noch Schokolade dahinter, Herr Kaltmamsell schaffte diese nicht mehr. In der Folge war ich überfressen, er nicht (Überraschung!). Weiteres Vorbereiten der Berlinreise.

§

Noch eine Hundegeschichte von Dalcash Dvinsky aus Schottland, wie ich sie sonst nicht kenne: Hund Bunny musste wegen eines Geschwürs am Hinterlauf operiert werden. Ich nehme an, ich hätte ein ähnliches Verhältnis zu einem Hund, legte ich mir mal einen zu und wäre fortan für ihn verantwortlich:
“The bloody leg”.

Journal Freitag, 3. Juni 2022 – Tierreicher Morgen

Samstag, 4. Juni 2022

Der Morgen begann mit Spannendem aus dem Tierreich. Als ich nach der Krug zum Blumengießen griff, sah ich:

Ein Falke auf der Straßenlaterne! Beim vorsichtigen Fensteröffnen für ein besseres Foto flog er weg.

(Mit einer erwachsenen Kamera hätte ich natürlich viel bessere Fotos aufgenommen. Doch die beste Kamera, sagte ein Profi mal sinngemäß, ist die, die man dabei hat.) Als ich den Krug am Badewannen-Wasserhahn auffüllen wollte (in der Küche gibt es morgens nur handwarmes Wasser, fragen Sie nicht), sah ich ein sehr langbeiniges Insekt oder Spinnentier, ich zählte die Beine nicht, das vergeblich versuchte, aus der Badewanne zu entkommen. Mit übergestülptem Glas und einem Blatt Papier auf den Balkon gerettet.

Mein Weg in die Arbeit war beschienen von herrlichem Sommermorgenlicht.

Die Linden in den Startlöchern zum Blühen und Duften.

Im Büro zackige Emsigkeit. Bezeichnenderweise spürte ich keinerlei Letzter-Tag-vor-Urlaub-Gefühl: Mein System ist nicht auf Erholung oder Erleichterung eingestellt, sondern auf eine Woche mit weiteren Verpflichtungen. Eigentlich beängstigend. Auch sonst scheine ich überhaupt keine Karotte mehr am Horizont zu sehen, auf die ich meine delayed gratification-Energie richten kann. Werde ich auch in dieser Hinsicht gerade noch kaputter?

Zum Glück gab es für diese Urlaubswoche keine großen Übergaben, ich musste lediglich ein paar Leute mehrfach daran erinnern, dass ich nicht da sein würde.

Gegen (fast pünktlichen) Feierabend zog der Himmel immer dichter zu. Das war schade, denn die Zusammensetzung des Ernteanteils passte hervorragend zum klassischen ersten Abendessen auf dem Balkon: Salade niçoise.

Zu Hause kochte ich erst mal Waldmeistersirup aus allem vorhandenen frischen Waldmeister (eine wiederbelebtes Töpfchen vom Vorjahr und ein vor zehn Tagen gekauftes), werde aber auf die Minze im Rezept verzichten, um dem zarten Waldmeisteraroma genug Raum zu geben.

Dann war es noch früh genug am Abend für eine Runde Yoga, während draußen Gewitter und Regen einsetzten. Der Regen hielt die nächsten Stunden an, es war wirklich nichts mit Essen auf dem Balkon.

Der Aperol Spritz zur Feier des Wochenendes mal völlig uninszeniert in seinem natürlichen Habitat.

Für den Salade niçoise hatten wir nach Ersatz für den eigentlich wirklich ethisch nichts vertretbaren Thunfisch gesucht, Herr Kaltmamsell hatte Plantuna gefunden.

Textur ok, ein wenig gummig, Geschmack gut, allerdings ohne jede Fischnote. Wir aßen ein sehr gutes Nachtmahl, Nachtisch Berliner Pralinen.

Stand der Hormonersatztherapie: Die Glutattacken sind weniger geworden, aber nicht verschwunden. Im nächsten Zyklus werde ich die Tagesdosis Östrogen-Gel von Gynäkologinnenanweisung (ein Hub) auf Beipackzettel (zwei Hübe) erhöhen.


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