Journal Samstag, 1. Juni 2024 – Der Regen macht ernst, richtig ernst

Sonntag, 2. Juni 2024 um 8:20

Der gestrige Tag verlief sehr anders als geplant. Ging aber verhältnismäßig gut aus.

Das lag am Wetter: Über Nacht war das Regenprasseln sogar heftiger geworden, die Gullis, die ich von der Wohnung aus sehen konnte, standen voll Wasser.

Aber ich hatte die Attacke Lippenherpes anscheinend erfolgreich abgewehrt. Oder der schmerzende Stecknadelkopf in der Oberlippe war Fehlalarm – egal: Kein Lippenherpes.

Blick durch großes Fenster auf den Baum davor, das Glas ist vor Regentropfen fast blind

Geplant hatte ich eine Laufrunde. Ja, auch bei Regen, denn ich dachte daran, dass ich sogar schon an einem 24. Dezember bei Regen an der Isar Laufen gewesen war. Allerdings schüttete es an Heilig Abend nicht seit 36 Stunden wie aus Kübeln. Zudem sahen die Isarwege auf der Webcam dann doch recht überschwemmt aus.

Webcam-Aufnahme von Fluss in Stadt, hellbraunes Wasser, die Uferwege sind überschwmmt

9:43 Uhr

Telefonischer Check bei meinen Eltern, ob ihr Keller noch trocken ist (ja). Kein Ende des heftigen Regens auf viele Stunden abzusehen, ich war dann doch vernünftig (grrrr) und turnte nach Langem mal wieder Hanteltraining von Fitnessblender. Kraft und Durchhalten waren kein Problem, neu war allerdings Warnschmerz plus Wirbelrumpeln. Und ich hatte vergessen, wie sehr ich bei dieser Art Sport schwitze, deswegen auch kein Stirnband umgebunden, sondern tropfte auf Matte und Parkett.

Ein paar Kleinigkeiten brauchte ich noch für den Abend und die nächste Woche, ab Mittag war ein Nachlassen der Regengüsse angekündigt. Nur dass irgendwer mal wieder die Anweisungen nicht bekommen hatte, es regnete weiter in der Stärke, bei der man sich draußen sonst kurz unterstellt, bis es ein wenig nachlässt.

Half ja nix, unter einem großen Schirm ging ich raus zum Einkaufen beim Vollcorner und in der Bäckerei. Unterwegs kämpfte ich mit dem zusätzlichen Handicap von Windböen. Ich kam mit nassen Schuhen, Socken, unteren Hosenbeinen heim, die Einkäufe hatte ich trocken halten können.

Webcam-Aufnahme von Fluss in Stadt, hellbraunes Wasser, die Uferwege sind noch überschwemmter

13:36 Uhr. Meldestufe 1 des Isarpegels war da bereits überschritten.

Frühstück kurz vor zwei: Ein Schüsselchen restliche Linsen mit Spinat und Ziegenkäse vom Vorabend, Balkanbrot mit Butter, Scamorza vom Tölzer Kasladen (Obacht: verdirbt zuverlässig für alle anderen Scamorzas).

Am Vortag hatten unsere Abendgäste per WhatsApp gescherzt, es möge bitte weniger regnen, sonst müsse der Keller des Hotels des einen Gastes leergepumpt werden. Jetzt fragte ich besorgt, ob Hilfe benötigt werde. Und tatsächlich kam ein Anruf: Ob wir das Essen eventuell um einen Tag verschieben könnten, sie seien tatsächlich am Pumpen, kein Ende abzusehen. Ich schlüpfte also in Funktionskleidung und Gummistiefel und ging mit Eimer in der Hand rüber zum nahegelegenen Hotel in der Altstadt.

Die Lage: In das 2. Untergeschoß drückte das Grundwasser, klar und sauber, die eingebauten Pumpen waren überfordert. Zwar gab es zusätzliche Pumpen, doch das Wasser musste ja noch an die Oberfläche gebracht werden (ohne ausreichend langen Schlauch und die Power für den nötigen Druck), das beschäftigte meine Freunde und einige Hausangestellte seit 11 Uhr: Sie nutzten für den Abtransport bei meiner Ankunft Plastikwannen, die mit dem Aufzug hochgefahren wurden.

Ein wenig konnte ich mich nützlich machen. Bald kam die alarmierte Feuerwehr zwei Mann hoch, vor allem mit Feuerwehr-tauglicher Pumpe und langem Schlauch. Da das Wasser aber weiter von allen Seiten in den Keller drückte, kein Ende abzusehen, und die Profi-Pumpe lediglich eine Eskalation verhinderte, brauchte es eine andere Lösung. Anweisungen für Baumarkt-Einkäufe, Handgewerk, Ausprobieren, immer wieder neue Ansätze, es waren spannende Stunden (ich schob dabei meist nach Anweisung Wasser, fassungslos, dass es einfach nicht wirklich weniger wurde). Schließlich kam auch das Technische Hilfswerk THW zu Hilfe: Die Herren waren noch beeindruckender ausgerüstet als vorher schon die Feuerwehrler, sie brachten eine Pumpe samt Schlauch zum vorläufigen Dalassen mit, sie sollte den Grundwassertransport bis an die Oberfläche schaffen.

Ich verabschiedete mich, denn jetzt konnte ich nur noch im Weg stehen – das wollte ich unbedingt vermeiden. Als Resultat ein Tipp “Mit der Klimakatastrophe leben”: Besorgen Sie sich Gummistiefel, wenn Sie noch keine haben. Und sei es, damit sie anderen helfen könnnen.

Daheim Blick auf den Stand der Isar:

Aufnahme von Fluss in Stadt, hellbraunes Wasser, das sichtlich weiter gestiegen ist

19:34 Uhr. Meldestufe 2 war noch vor 18 Uhr überschritten worden.

Bemerknis: “Jahrhunderthochwasser” ist kein journalistischer Superlativ, der mittlerweile etwas Lächerliches hat. Sondern eine Messgröße. Aber ich sehe, dass immer mehr Berichte vorsichtshalber andere Fomulierungen verwenden, zum Beispiel “Pegelstände, wie sie statistisch gesehen nur einmal in hundert Jahren erreicht werden” wie hier der BR-Bericht zur Lage am Sonntagmorgen.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl ein wenig Fleisch aus der Pfanne, Tomaten, Balkan-Brot, Scamorza, überzähligen Einladungsnachtisch, Schokolade.

Das war zwar erst das zweite Mal innerhalb eines halben Jahres, dass lang befreute Geselligkeit durch Extremwetter verhindert wurde (der große Schnee im Dezember 2023, so erfuhr ich gestern, hatte beim Abschmelzen besagten Keller schonmal geflutet), doch ich versuche mich darauf einzustellen, dass das künftig einkalkuliert werden muss.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 31. Mai 2024 – Kalter Dauerregen für den letzten Urlaubstag

Samstag, 1. Juni 2024 um 8:12

In der Nacht und am Morgen aufgewacht zum angekündigten Regenrauschen, bis auf Weiteres ist hier und in den meisten anderen Teilen Deutschlands Sauwetter inklusive Überschwemmungsgefahr, offizielle Bezeichnung “Dauerregen”. Bis zum Abend begann mich bereits das Geräusch zu nerven.

In der Nacht hatte ich einen interessanten Traum: In einer alternative history/biography lebte ich in Ingolstadt, und das Unternehmen Audi hatte sich Ende der 1970er nicht entschieden, auf das Premium-Segment des Pkw-Marktes zu zielen, sondern für etwas Vernünftiges, Gesellschaftsförderliches. Dann war ich allerdings bereits so wach, dass ich nachdachte, was das wohl gewesen sein könnte. Meine Träume haben NIVEAU!
Außerdem holte ich mir eine zweite Decke, nur mit Sommerbett fror ich bei offenem Fenster.

Eigentlich war gestern St. Brück, für mich allerdings vorerst letzter Urlaubstag. Ich plante eine Schwimmrunde, ging vorher aber unterm großen Schirm Einkaufen zum Vollcorner fürs Wochenende und das Bekochen von zwei Freunden am Samstagabend. Ein seltener Großeinkauf, sonst besorge ich ja immer nur Lebensmittel für ein, zwei Tage für zwei, mein Rucksack benötigte alle Kapazitäten, und ich schleppte zusätzlich eine volle Stofftasche.

Die Temperatur schaffte es gestern nicht über 11 Grad, beim Einkaufen begegnete ich Menschen in Wollmütze und Handschuhen.

Zum Olympiabad nahm ich die U-Bahn im Kapuzenmantel, es regnete gerade nur mittelstark. Das Bad war im Sommerbetrieb, das Wasser nicht mehr so sehr geheizt wie im Winter – und zum ersten Mal seit vielen Monaten fröstelte ich ab der Hälfte meiner 3.000 Meter. Künftig Schwimmen also im wärmeren Dantebad, egal bei welchem Wetter. Mein Körper machte gut mit, gegen Ende fühlte ich mich aber überraschend ausgepowert.

Frühstück um halb drei: Apfel, Kürbiskernsemmeln mit Butter und Marmelade. Die zweite geplante Einkaufsrunde (Viktualienmarkt und Obststandl) erübrigte sich: Das hatte alles schon Herr Kaltmamsell besorgt. Also las ich weiter Zeitung und Internet, stellte die Lieblings-Microblogposts zusammen, schaute ein bisschen in den Regen und auf die Knospen der Lindenblüten, die sich hoffentlich zum Duften nach dem Regen öffnen. Nochmal die Pilatesfolge vom Vortag, weil sie meinem Kreuz gar so gut getan hatte.

Für die Samstagabend-Einladung war die Maibowle bereits angesetzt: Ich hatte ein Bündel Waldmeister aus dem Garten meiner Eltern eingefroren und stellte jetzt durch Riechen und Recherche fest, dass das Einfrieren sogar das 24-stündige Welken ersetzt. Der aufgetaute Waldmeister füllte die ganze Wohnung mit seinem Duft, wir aromatisierten damit schon mal den Weißwein.

Nachtisch für Samstagabend zubereitet, dann mixte ich uns als Freitagabend-Drinks Manhattan perfects, während Herr Kaltmamsell das von mir gewünschte Nachtmahl kochte:

Gedeckter Tisch, im Vordergrund ein tiefer weißer Teller, darin Linsen mit Blattspinat vermischt, darüber schmelzende Stücke Ziegenkäse, vor dem Teller ein Glas mit goldenem Weißwein

Linsen mit Spinat und Ziegenkäse nach einem Rezept aus dem Guardian. Herr Kaltmamsell mokierte sich ein wenig über die Simpelheit des Rezepts (ist halt spanische Küche), doch es schmeckte wirklich gut. Den Sherryessig dafür hatte er übrigens in der Feinkostabteilung des Karstadts am Marienplatz erjagt.

Dazu öffnete ich einen Riesling Deidesheimer Gottesacker 2016 von Buhl: In der Nase gereifter Riesling, im Mund aber zunächst brutal sauer. Letzteres gab sich mit einer halben Stunde Luft, doch so richtig rund schmeckte er nicht.

Nachtisch Erdbeeren, dann Schokolade.

Kampf gegen eine mögliche Attacke Lippenherpes: Ich hatte mich während der Berlin-Tage immer wieder kurz krank gefühlt, aber beschlossen, dass mir das jetzt echt nicht reinpasste. Vielleicht sagt der Infekt: Na gut, wenn ich nicht ganz ausbrechen darf, dann zumindest nach gut zwei Jahren Pause mal wieder Lippenherpes. Deshalb habe ich Aciclovir o. Ä. immer in der Hausapotheke, in der Büro-Schublade und in meinen beiden wichtigsten Taschen. Zumindest beim Zu-Bett-Gehen (begleitet von heftigem Regenprasseln) war kein Bläschen ausgebrochen.

§

Buchhändlerin Alex Bachler hat ein Schaufenster mit Ladenhütern gestaltet und erklärt, was es damit auf sich hat: Ein Einblick in die Abläufe des Buchverkaufens.
“Babies als Ladenhüter”.

§

Warum die neue Google-Suche mit Text1 als Suchergebnis statt Links Google massiv schaden könnte:
“Google AI fails the taste test”.

Stark verkürzte Zusammenfassung auf Deutsch: Weil die Fehler, siehe Post vom 30.5., jetzt alle Google zugeschrieben werden, nicht mehr den verlinkten Websites, auf denen sie möglicherweise auftauchen.

§

Aber ja bin ich mit dem Schlager “Theo, wir fahr’n nach Lodz” aufgewachsen! Seit gestern kenne ich seinen unvermuteten Hintergrund:
“Schlager mit bewegter Geschichte”.

via @sinnundverstand

  1. Bitte nennen Sie die dahinter liegende Berechnung nicht KI. []
die Kaltmamsell

Microblogging-Lieblinge Mai 2024

Freitag, 31. Mai 2024 um 17:18

Im Mai kam ich fast nicht dazu, woanders als auf Mastodon mitzulesen. Die Auswahl ist also sicher nicht repräsentativ.

Erst mal die Ernte aus dem Fediverse.

Wir schalten zu Bluesky:

Und schließlich Threads:

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 30. Mai 2024 – Heimreise von Berlin im Regen

Freitag, 31. Mai 2024 um 7:57

Abreisemorgen, also Ferienwohnungsfahrplan fürs Aufenthaltsende erfüllen.

Unangenehme Überraschung, als ich vor dem Duschen meine Wasserflaschen für die Reise füllte: Aus dem Kaltwasserhahn kam kein Wasser, es gab nur sehr heißes. Das bedeutete die Wahl zwischen Ungewaschenheit oder Katzenwäsche am Rand der Verbrühung – ich entschied mich für Letzteres und hatte noch lang knallrote Hände und Fußrücken. Und es bedeutete, dass der Klospülkasten nicht befüllt wurde, wir behalfen uns mit Töpfen.

Bei Verlassen der Wohnung schickte ich der Vermieterin eine Warnung, damit sie der Putzkraft Bescheid geben konnte. Ihre Antwort bestand hauptsächlich aus Rechtfertigungsgefuchtel, dafür könne sie nichts – ich glaube nach dem Gesamterlebnis ohnehin nicht, dass ich nochmal mit dieser Vermieterin zu tun haben möchte: Willkommen und entspannt fühlte ich mich nicht.

Schon sehr früh hatte die Deutsche Bahn uns benachrichtigt, dass der Zug 20 Minuten später eintreffen würde “wegen unbefugter Personen im Gleis”. Wir setzten uns also im Berliner Hauptbahnhof noch ein wenig ins McCafé, Herr Kaltmamsell frühstückte.

Die Zugfahrt begann wie angekündigt verspätet, den ganzen Weg bis nach München begleiteten uns drohende Wolken, immer wieder heftiger Regen. Cappuccino bekam ich keinen, es gab nur Filterkaffee – der schmeckte mir dann aber überraschend gut.

Hinter Nürnberg knabberte ich als Frühstück meine letzten Pumpernickel-Reste.

Blick auf grüne Landschaft mit Hopfengarten, in dem die Pflanzen fast alb hoch stehen, im Vordergrund sieht man Bahnschienen

Stand des Hopfens. Bei Ankunft in München war die Verspätung auf zehn Minuten geschrumpft, das finde ich für die 504 Kilometer ok.

Hier übrigens die Google-Antwort auf die Frage nach der Entfernung in Textform:

Google entfernung münchen hbf berlin hbf 

504 km -

Züge von Miinchen Hbf nach Berlin Hbf : Die Fahrt von Miinchen Hbf nach Berlin Hbf mit " dem Zug dauert durchschnittlich 17 Std 33 Min für die rund 504 km.

DA HATTE ICH ABER GLÜCK!
(Habe mir die angegebenen Quellen genauer angesehen: Wahrscheinlich hat der Algorithums, Algi, Ticket-Preise mit Reisedauer verwechselt. *kneift Algi in die Wange*)

Ein bisschen weniger ok war der Regenguss, der uns auf dem Weg vom Münchner Bahnhof nach Hause erwischte.

Planzengießen, Koffer ausgeräumt, als Nach-Frühstück gab’s eine ordentliche Portion Joghurt. Dann kurze Siesta, dann Trödeln und Lesen.

Endlich wieder Gymnastik, ich turnte eine weitere Folge Pilates mit Gabi Fastner: Fühlte sich sehr gut an, und ich freute mich über all die abgefahrenen, und doch schlichten neuen Übungen. Und danach ging es meinem LWS- und Hüftbereich deutlich besser.

Im AirBnB-Portal hinterließ ich meine Bewertung für die Ferienwohnung: Vornrum alles nett und supi, war ja auch sauber und weitgehend intakt, also nur ein knapper, freundlicher Text. Nur in der nicht-öffentlichen Nachricht für die Vermieterin hinterließ ich alles, wodurch sich nachfolgende Mieter*innen wahrscheinlich willkommener fühlen (z.B. Klopapier).

Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell Mafaldine und servierte sie mit Tomaten-Frischkäse-Sauce. Dann noch ein Stück Käse und Schokolade.

§

Sie interessieren sich für die Bauhaus-Bewegung? (Nein, zefix, nicht die Bastelbedarfhallen!) Dann sind sie sicher mit den Fotos aus Dessau und Weimar vertraut. Wissen Sie auch, wer die meisten davon aufgenommen hat? Nein? Komisch.
“Five Hundred Glass Negatives.”

via @sauer_lauwarm

Moholy believed that her negatives had been destroyed during the bombing of Berlin, but she grew suspicious that they still existed, and that her name had been erased from them, when, at the end of the war, she discovered monographs about the Bauhaus that had been published in the interim.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 29. Mai 2024 – Berlin 5, dritter Tag re:publica24 und Lindner-Feinkost

Donnerstag, 30. Mai 2024 um 10:43

Besser geschlafen, doch aus einem traurigen Traum aufgewacht.

Diesmal hatte ich schon am Vorabend vorgebloggt, der Morgen wurde dadurch deutlich gemütlicher. Auch gestern standen wir in einer langem Schlange vor der Station Berlin, doch der Himmel war trocken, und es ging schnell voran.

Am Dienstag hatte ich mir noch junge Speaker*innen gewünscht, am Mittwoch bekam ich zur ersten Session gleich mal eine – wie sich abends herausstellte, sogar die jüngste der Konferenz.

Links und recht von einem Stehtisch sitzen eine sehr junge Frau und rechts ein älterer Mann auf Barhockern mit Mikrofonen in der Hand

“Ist Gefühl jetzt wichtiger als Wahrheit? Wie KI und Netzkultur die Achsen des Diskurses verschoben haben. Ein Generationen-Dialog.”

Stephan Noller kenne ich schon lange aus dem Internet, hatte aber mittlerweile den Anschluss verloren, was dieser herzliche Serien-Unternehmer und Technik-Entwickler (z.B. Calliope) gerade macht. Gestern führte er auf der re:publica eine Gespräch mit seiner Tochter Tilda öffentlich weiter, das bei ihnen daheim begonnen hatte: Wie wichtig ist es für Vertrauen in Online-Persönlichkeiten, dass der faktische Hintergrund ihrer Argumentation oder ihrer Shows korrekt ist?

Es ergaben sich sehr interessante Betrachtungen von Gefühlen und ihre Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen – auch wenn ich Zuordnungen zu Altersgruppen misstraue: Der Reuters Digital News Report belegt regelmäßig, dass die Altersschicht über 60 neben der ganz jungen Generation die größten Defizite in Medienkompetenz hat, es ist also nicht nur die Schule gefragt (mein ganz emotionaler Impuls – siehe die Session von Maren Urner, es gibt keine Dichotomie Herz/Hirn – ist immer erst mal der Blick auf Fakten).

Auf einer Bühne steht ein Mann am Rednerpult, hinter ihm auf der Leinwand zwei Magazin-Cover von 2019, die René Benko zeigen mit rühmenden Schlagzeilen

Als Nächstes ließ ich mir erklären:
“Boom, Bust und Benko: Was kümmert uns die Millionenpleite?”

Den Referenten Leonhard Dobusch kannte ich seit schon immer aus dem Internet und von der re:publica, doch jetzt erfuhr ich, dass er auch BWL-Prof. ist. Für mich als Laiin war es superspannend, die genauen Mechanismen zu erfahren, die Benko nutzte und ausnutzte. Überrascht war ich unter anderem davon, dass er offiziell gar nichts zu sagen hatte im Signa-Firmengeflecht (wegen einer Verurteilung wegen Korruption durfte er keinen Geschäftsführungsposten übernehmen) – und dass Eataly zu Signa gehört. Außerdem war der Vortrag sehr spannend und unterhaltsam aufgebaut: Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn er online nachzusehen ist.

Mittagscappuccino, dann ließ ich mir von drei Frauen die Auswirkungen digitaler Bedrohungen und Angriffe auf ihre aktivistische Arbeit erzählen.

Auf einer niedrigen Bühne sitzen vier Frauen, die linke spricht gerade in ein Mikrofon, hinter ihnen auf der Leinwand die Beschriftung "How has DTR impacted you personally and your work on DTR?
What did women targeted by DTR tell you about their experiences?"

“‘I wake up to a thousand tweets insulting me’: Digital attacks against exiled and diaspora women activists – and what to do about them”.
Von Gözde Böcü, Maryam Mirza, Arzu Geybulla und Moderatorin Siena Anstis lernte ich den Begriff digital transnational repression DTR und gruselte mich, gegen welche Widerstände die Frauen auf der Bühne um Menschenrechte und Freiheit in Iran, Aserbaidschan und der Türkei kämpfen. Viele ihrer Schilderungen klangen wie Spionagefilm-Klischees, doch da saßen echte Menschen, die in Zynismus getrieben werden, vor denen sich Freundeskreise zurückziehen, um nicht auch Opfer der Attacken zu werden.

Ein Mann in grauem Pulli steht auf einer Bühne, auf der Leinwand hinter ihm die Schrift "Eine andere digitale Welt ist möglich"

Ich brauchte dringend sichere Aufmunterung und holte sie mir bei
“Digitale Gegenwelt: Wie mit Wikipedia, Mastodon & Co. ein freieres und freundlicheres Internet entsteht”.
Stefan Mey gab einen Statusbericht, der meine Online-Welt tatsächlich aufhellte.

Jetzt hatte ich über eine Stunde Pause. Am Morgen war mir die Idee gekommen, dass ich sie zu Einkäufen nutzen könnte: Ums Eck der Ferienwohnung war ich an einem Feinkost Lindner vorbeigekommen, außerdem an den Schaufenstern einer Drogierie, die mich sehr an die spanischen perfumerías meiner Kindheitsurlaube erinnerte. Beim Butter Lindner kaufte ich Abendessen für Herrn Kaltmamsell und mich ein, bei der herzlichen Inhaberin der Drogerie Saxonia Seife und eine Iris-Körpermilch.

In der Ferienwohnung machte ich kurz vor drei Mittagsbrotzeit, schon wieder ein Apfel sowie Pumpernickel mit Frischkäse (gerade wenn ich eigentlich keinen Appetit habe, schmeckt mir sowas besonders).

Auf einer Bühne steht an einem Rednerpult eine Frau in schwarzem Kleid und mit schwarzer Brille, hinter ihr auf der Leinwand die Schrift "Die Maschen der Brandstifter ... und was wir dem entgegensetzen sollten

Verschoben von Montag war eine Session, auf die ich mich besonders freute: “Die Maschen der Brandstifter”.
Katharina Nocun ist Spezialistin für die Mechanismen von Populismus und Verschwörungsmythen, hat darüber einige Bücher geschrieben. Sie zog ihren Vortrag wie eine (fake) Schulstunde für Nachsitzer auf, geprüft werde am 9. Juni. Und sie machte gut nachvollziehbar, was Wortwahl und framing anrichten können.

Weil Katharinas Session durch die Verschiebung auf eine halbe Stunde gekürzt war, erwischte ich noch die zweite Hälfte des Vortrags von Neurowissenschaftlerin Maren Urner:
“Radikal emotional: Warum wir weniger Herz und mehr Hirn brauchen”.
Sie hatte dargelegt, warum die Neurowissenschaft immer wieder beweist, dass Menschen alle Entscheidungen mit denselben Mechanismen treffen und die Dichotomie Herz/Kopf lediglich, haha, gefühlt ist. Jetzt leitete sie gerade die Konsequenzen für die Politik ab.

Auf einer Bühne ein Mann an einem Rednerpult, auf der Leinwand hinter ihm die Schrift "Wie Textilien die Virtualität konstituieren"

Um einen guten Platz bei der folgenden Session von Felix Schwenzel zu bekommen, füllte ich den Pflichtslot jedes meiner re:publica-Besuche “interessiert mich überhaupt nicht” mit
“Textile Virtualitäten”.

Und siehe da: Wie immer bekam ich dadurch höchst interessante Einblicke in neue Welten. kim cordes erklärte in Stichpunkten, wie nahe uns Textilien kommen, mit welchen Techniken vor allem in der Kunst Textiles im Analogen und Digitalen (Achtung) verwoben sind. Unter anderem zeigte er kurz, dass digitale Techniken die Haptik von Kleidungsstücken bei der Online-Auswahl nachvollziehbarer machen könnten, das fände ich super.

Ausgerechnet von Felix habe ich das Foto vergessen! Er sprach über
“Hunde sind auch nur Menschen”.

Von seinen Posts kenne ich Pudelin Frida, seit sie bei ihm eingezogen ist. Wie immer originell und nachvollziehbar erzählte er, was sie ihm beigebracht hat.

Jetzt war sie fast vorbei, diese wieder bereichernde und Kraft verleihende re:publica. Auf Stage 1 berichtete Markus Beckedahl Statistisches (wieder hatte die Konferenz geschafft, fast die Hälfte Männer als Speaker und Teilnehmer anzuziehen).

Auf einer großen Bühne viele lachende Menschen, hinter ihnen die Schrift "crew re:publica"

Vorstellen und Feiern der Crew.

In blauem Licht Blick zwischen Menschen auf eine Bühne, auf der Leinwand die Schrift "oh baby"

Großer Abschied mit gemeinsamem Singen von “Bohemian Rhapsody” (das begann vor meiner Zeit und noch in der Kalkscheune als Location, als das Warten auf einen Online-Interviewgast überbrückt werden musste).

Späte Heimkehr.

Weißer Tisch, darauf Teller und die Speisen, die unten beschrieben sind.

Nachtmahl waren dann die Leckereien, die ich nachmittags beim Lindner gekauft hatte: Holsteiner Hähnchensalat (gut), Rote-Bete-Pfirsich-Salat (gute Idee, ein wenig verschenkt, weil die Essigsäure dominierte – werden wir aber nachbauen), Garnelen in Wasabi-Majo (sehr gut, wir nahmen uns vor, öfter mit Meerrettich abzuschmecken), Ziegenkäse und Steinofenbrötchen. Wie berechnet, war die Menge genau richtig für uns beide, und wir hatten ja noch Schokolade zum Nachtisch.

Ich las mich schon mal in die umfangreichen Anweisungen für Handgriffe vor Verlassen der Ferienwohnung ein.

§

Felix Schwenzels Blog wirres.net ist gerade kaputt, er blogt Kluges ersatzweise hier:
“republica, tag 1”.

vielleicht sollten wir akzeptieren, dass man die schönen momente, die wichtigen debatten nicht festhalten kann, bzw. vielleicht doch, aber dann eben zur not in neuen räumen, auf neuen, anderen plattformen, mit anderen regeln und anderem publikum.

selbst machen, ein blog pflegen, im eigenen laden perlen, wichtige gedanken dokumentieren ist super, auch als eigenes, externes gedächnis, aber auch sauviel arbeit. die platformen, die anderen läden, machen es einem viel einfacher: einfach reingehen und los geht’s. man muss sich um nix selbst kümmern, kann aber eben auch nicht alles selbst bestimmen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 28. Mai 2024 – Berlin 4, zweiter Tag re:publica24 und ostpreußisches Abendessen

Mittwoch, 29. Mai 2024 um 8:12

Nicht mehr ganz so gut geschlafen, früh aufgewacht – Letzteres kam mir entgegen, da ich noch nahezu den gesamten Vortag verbloggen musste.

Und als ich dann auch noch Zeit brauchte, nach meiner Arbeitsmail zu sehen und dort Probleme auftauchten, wurde der Morgen ein wenig hektisch. (Große Freude auch gestern: Der selbst gemachte Milchkaffee zum Start; dafür nehme ich die Exzentrik des Reisens mit Cafetera und Milchschäumer gern auf mich.)

Draußen hatte das Wetter umgschlagen, in Tröpfeln marschierte ich mit Herrn Kaltmamsell zur U-Bahn. Bis wir an die Schlange am Eingang zum re:publica-Gelände kamen, regnete es richtig, und die Schlange war sehr, sehr lang. Im kurzärmligen Kleid, ohne Jacke und Regenschirm war ich dafür überhaupt nicht ausgerüstet, wurde langsam feucht und schlecht gelaunt.

Aber! Jetzt halte ich endlich zwei Beobachtungen fest:
1. Der doofe Spruch, nach dem man in München Hauptbahnhof underdressed einsteigt und im selben Outfit in Berlin Hauptbahnhof overdressed aussteigt, passt überhaupt nicht mehr. Bei meinen Berlin-Besuchen der vergangenen beiden Jahre fiel mir auf, wie viele wirklich stylisch, kreativ und interessant gekleidete Menschen mir in Berlin begegnen, sehr viele angenehme und inspirierende Anblicke. (Andererseits ist Berlin diesmal eh komplett kaputt: Ständig ausgesprochen höfliche und aufmerksame Menschen mit Berliner Akzent, inklusive echter Entschuldigung von Herzen für ein versehentliches Anrempeln in der vollen U-Bahn.)
2. Junge Menschen auf der re:publica. Vor einigen Jahren befürchtete ich, dass die Veranstaltung mit uns alten Internet-Peoples sterben könnte. Doch laufen dort inzwischen wirklich viele Altersgruppen herum; ein bisschen mehr Junge wünsche ich mir noch auf den Bühnen.

Zu meiner verregneten Laune passte dann, dass die erste Veranstaltung, die ich mir notiert hatte, wegen Erkrankung nicht stattfand. Bockig setzte ich mich zum Zeitunglesen auf meinem Smartphone auf den Affenfelsen – wo dann ein Sonnenstrahl in Form der Urgesteins-Bloggerin dasnuf auftauchte: Ich freute mich sehr über Begegnung und Gespräch. (Das war zwar nicht unser Gesprächsthema, doch ich stellte gestern fest, dass es immer noch Frauen gibt, die das Konzept “Mental Load” nicht kennen – dasnuf hat dazu ein ganzes Buch geschrieben.)

Auf großer Bühne mit der Leinwand-Aufschrift "re:publica24" rechts ein Rednerpult, daran stehend ein Mann mit Brille

Mein Session-Tag startete mit dem Vortrag “Tyranny of the Minority: How Radical Minorities Threaten Our Free Society” von Daniel Ziblatt. Allerdings hatte ich mir etwas Anderes vorgestellt: Mit “Minority” war die weiße, christliche Bevölkerung der heutigen USA gemeint. Doch über die aktuellen poltischen Zustände in den USA und ihre strukturellen Ursachen hatte ich bereits einiges gelesen.

Große Bühne, auf der Leinwand der Buchtitel "Triggerpunkte", rechts davon geht gerade ein Mann mit einem Mikrofon hinter dem Rednerpult vor

Ich blieb gleich sitzen und hörte “Wie polarisiert ist unsere Gesellschaft?” des Soziologen Steffen Mau. Das Ergebnis von Forschung: Eher nicht, aber es gibt populistische Kräfte, die von einer Zuspitzung und von Triggern von Emotionen über irrelevante Details (Gendern, angebliche Vorschriften) profitieren.

Auf einer Bühne steht links ein Mann am Rednerpult, hinter ihm auf der Leinwand rechts das Passfoto eines Mannes, Text "Die autoritär-populistische Strategie"

Mit Mittagscappuccino in der Hand ging ich rüber in einen anderen Saal, dort sprach Max Steinbeis, Chefredakteur des Verfassungsblogs, über “Die Demokratie verteidigen: Ein Aufruf zu zivilem Verfassungsschutz”. Leider hörte ich hier nichts über Möglichkeiten zu zivilem Verfassungsschutz, Steinbeis deklinierte lediglich im Detail durch, welche Auswirkungen eine AfD mit Sperrminorität im Thüringer Landtag kurzfristig und langfristig haben kann. Der junge Mann auf dem Bildschirm hiner ihm ist der junge Viktor Orbán: An seinem Beispiel zeigte Steinbeis, wie und wo ein solches Vorgehen schonmal Erfolg hatte.

Sehr flache Bühne von der rechten Seite fotografiert, man sieht einige rote Sessel und dass Menschen darauf sitzen

Dann interessierte mich: “WDR Europaforum: Wie man’s macht…Wie macht man’s? Die Rolle der Medien angesichts des Drucks auf die Demokratie”. Auf der Bühne saßen Jörg Schönenborn (Programmdirektor WDR), Nadia Zaboura (Beraterin), Jan Hollitzer (Chefredakteur Thüringer Allgemeine), Anna Litvinenko (deutsch-russische Journalistin), moderiert von einer bissigen Vivian Perkovic.

Die Überraschung für mich: Die Medienmachenden sind sich der Risiken und Mechanismen von Populismus bewusst, wie ihre Medien intrumentalisiert werden können, ich hörte sehr reflektierte Äußerungen von Schönenborn und Hollitzer – und wunderte mich, dass sie dennoch immer wieder Nazis eine uneingehegte Plattform für die Ausbreitung ihrer Desinformation geben, für die Produktion von Material, das sie auf ihren eigenen Plattformen verzerrt verwenden können, und so zur Normalisierung von Rechtsextremismus beitragen.

Die nächste Stunde hatte ich frei, ich nutzte sie für eine schnelle Heimfahrt, um eine Jacke zu holen: Ich hatte den Vormittag über sehr gefroren. In der Ferienwohnung um halb drei Mittagsbrotzeit: Apfel, Pumpernickel mit Frischkäse.

Die nächste Session brachte mich zur abgelegensten Bühne der re:publica, der Park Stage hinterm Technikmuseum.

Eine Frau mit Mikrofon vor einem rednerpult, über ihr ein Sonnenschirm, rechts von ihr ein großer Bildschirm mit einer Präsentation

Unter einem Sonnenschirm gegen immer wieder Regentropfen sprach Miriam Vollmer über “Wie man den Gender Care Gap löst (und was das kostet)”.

Den Ursprung ihrer Idee hatte ich vor vielen Jahren in Echtzeit mitbekommen, wahrscheinlich auf Twitter (buhu!), jetzt hatte Miriam sie durchgespielt. Sie legte dar, wie unwahrscheinlich es ist, dass im privaten Bereich Kooperation und gerechte Care-Aufteilung ganz von selbst eintreten und empfahl, die Instrumente und Erfahrungen des Arbeitslebens zu nutzen. Besonderer Kniff (praktisch und lustig): Weil die Begriffe Mann/Frau oder Mutter/Vater so hinderlich befrachtet seien, verwendete sie als Beispielfiguren Tiger 1 und Tiger 2.

Ich fand Miriams Modell schlüssig, zumal sie (das “und was das kostet” ihres Vortragstitels) auch darauf einging, welche eventuelle unerwünschten Auswirkungen die Methode auf die Beteiligten und ihre Beziehung hat.

Auch für gestern müssen Sie sich Begegnungen, Gespräche, Umarmungen auf allen Wegen und zu jeder Zeit dazudenken, es gab reichlich.

Auf einer großen Bühne drei Menschen auf Stühlen

Abschluss meines zweiten Konferenztags: “Was wahr ist – Ein Gespräch zwischen Carolin Emcke und Claudia Kemfert”.
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Klimaexpertin diskutierte mit Philosophin Emcke und moderiert von Spiegel-Redakteur Jonas Schaible, wie Menschen dazu gebracht werden können, ihren Anteil an der Klimakatastrophe wahrzunehmen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Sie wiesen beide auf die Bedeutung von positiven Utopien hin, die ein stärkeres Gewicht im Vergleich zu den apokalyptischen Dystopien der drohenden Katastrophe bekommen müssten. Carolin Emcke nutzte die Gelegenheit für eine leidenschaftliche Aufforderung, alle öffentlichen Diskussion zu verweigern, die “Pro und Contra” als Konzept haben: Dieser Ansatz mache Reflexion und Lösungssuche unmöglich, sondern führe immer zu einer Konzentration auf Abgrenzung, Angriff, Verhärtung.

Abschließend Applaus, der nur als “tosend” bezeichnet werden kann, im vollbesetzten großen Konferenzsaal.

Mittlerweile hatte ich mich wieder mit Herrn Kaltmamsell zur Heimfahrt verabredet. In der Ferienwohnung kurzes Ausruhen vor dem Nachtmahl: Ich hatte einen Tisch im Marjellchen reserviert, wir wollten ganz exotisch ostpreußisch essen.

Zwei Teller auf weißer Tischdecke, einer mit Fleischscheiben unter heller Sauce mit Salzkartoffeln, einer mit Fleischstücken in dunkler Sauce und mit Backobst auf der einen Seite, auf der anderen ein Hefekloß

So gab es gegenüber bei Herrn Kaltmamsell Schlesisches Himmelreich (Rauchfleisch mit Backobst und Hefeknödel) und bei mir Schmandschinken zu einem alkoholfreien Weißbier – wir waren beide sehr zufrieden. Auf Vorspeise hatten wir verzichtet, um noch Platz für Nachtisch zu haben.

Auf Tischdecke zwei breite, schmale Teller mit je drei grauen Klößen, dazwischen zwei Sahnehäufchen

Schlesische Mohnklöße, auch Mohnpielen genannt, erwiesen sich als weicher Teig mit Semmelbrot und Rumrosinen, schmeckten sehr gut.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 27. Mai 2024 – Berlin 3, Start in die re:publica24 und chinesisches Essen mit Freunden

Dienstag, 28. Mai 2024 um 8:42

Wieder gut, tief, lang geschlafen – hier liegt die echte Erholung. Beim Aufklappen des Rechners beim ersten Schluck Milchkaffee traf auch schon die Benachrichtigung der Deutschen Bahn ein: Mir werden 31,85 Euro zurückgezahlt. Ich bin einverstanden und fühle mich entschädigt (die Hinfahrt hatte 68 Euro gekostet).

Blogpost finalisiert, ein wenig Internet gelesen, dann war es schon Zeit, zur re:publica aufzubrechen.

Der Lindenblütenduft macht mich dieses Jahr noch wuschiger als eh immer schon, er schleudert mich in einen Vortex an Erinnerungen, ich bekomme sie nicht mal sortiert und registriere nur Gefühlswirbel.

Wieder daheim in der Station Berlin, auf dem Weg zu Stage 1 herzliche Umarmung mit meinen Internet Peoples, und dann ging’s los.

Selfie des Gesichts einer Frau, hinter ihr ein voll besetzter großer Konferenzraum

Große Bühne eines großen Konferenzsaals von links, links eine Leinwand, auf dem man einen Mann mit Mikrofon sieht, diesen sieht man auch nochmal klein auf der Bühne

Johnny Haeusler

Große Bühne eines großen Konferenzsaals von links, links eine Leinwand, auf dem man einen anderen Mann mit Mikrofon sieht, diesen sieht man auch nochmal klein auf der Bühne, hinter ihm der Mann von vorhin

Markus Beckedahl

Die erste Session, die ich besuchte, und die auch sehr viele andere interessierte:

Auf einer Bühne, auf deren Rückwand der Schriftzug "re:publica 24", sitzen fünf Menschen im Halbrund auf Stühlen und reden miteinander

“Verloren auf Plattformen – Wie und wo leben wir online, nachdem Elon Musk Twitter kaputt gemacht hat? Was macht das mit uns als Communities?”

Nein, natürlich gab es hier keine überraschende Idee, um welches Online-Lagerfeuer wir uns künftig alle versammeln wie einst um Twitter. Sondern eine Bestandsaufnahme aus dem Alltag von Autorinnnen, Journalisten, Aktivistinnen. Und mal wieder den Appell, eigene Bereiche im Web zu nutzen, diese lediglich zu verlinken. Tatsächlich war das gestern meine regelmäßige Frage bei der Begegnung mit alten Bekannten: “Wo bist du? Ich bekomme nichts mehr von dir mit!”

Über einen Stehtisch mit Cappuccino hinweg Blick auf eine große Fensterfront, davor Stände mit Kisten und Menschen

Zur nächsten Session, die ich mir markiert hatte, war noch Zeit. Ich sah mich in den vertrauten Räumen um, suchte mir eine Quelle ohne Schlange für meinen Mittagscappuccion (4,50 Euro, hiermit sind offiziell “Münchner Preise” als absurdes Beispiel von “Berliner Preise” abgelöst; gut aber das Pfandbechersystem).

Zwischen zwei Zuhörerinnen durchfotografiert: Blick auf kleinre Bühne von rechts, darauf eine Frau sitzend gegenüber einem Mann

Der WDR interviewte Wolfgang Schmidt, Chef des Bundeskanzleramts, zu: “Schwache Ampel, starker Rechtsverkehr? Regierungshandeln und die politischen Ränder”. Das war die einzige Session mit einem Spitzenpolitiker, von der ich mir interessante Inhalte erwartete, ansonsten sah ich in den zahlreichen Auftritten von Kabinettsmitgliedern eher den Streichelzoo-Aspekt ohne Erkenntnisgewinn.

Schmidt sagt tatsächlich einiges Interessantes, doch die Interviewerin Sabine Scholt machte eine schlechte Figur: Sie ging in keiner Weise auf Schmidts Antworten ein. Dieser wies auf ihre immer wieder leicht provokant formulierten Fragen auf falsche Prämissen hin (z.B. warum denn Scholz nicht auch solch eine staatstragende Rede halte wie Macron: Das habe er durchaus, nämlich in Prag, doch darüber hätten fast ausschließlich ausländische Medien berichtet – Scholt wusste entweder von nichts oder es war ihr egal, sie ging zur nächsten Frage über). Schmidt wies auch sehr vorsichtig, freundlich und diplomatisch darauf hin, dass die Berichterstattung über die Regierungspolitik sich auch in seriösen Medien vor allem auf menschliches Verhalten und äußere Details konzentriere, auf die Reaktionen von Opposition und Wählergruppen – statt die sachlichen Inhalte auf ihre Eignung zu Problemlösung zu diskutieren: Wieder keine Reaktion.

Von Markus Beckedahl holte ich mir die all-re:publica-jährliche Zusammenfassung der Entwicklung deutscher und europäischer Digitalpolitik, “Eine bessere digitale Zukunft ist immer noch möglich”. Das wichtigste auch dieses Jahr Markus’ Abschlussfolie:

Blick auf Bühne von rechts, Mann an Rednerpult, links von ihm ein Bild mit großem Schriftzug "Never give up" darunter eine Maus mit Sturzhelm vor einer Mausefalle mit einem Stück Käse

Kurz vor drei, Zeit für Frühstück/Brotzeit: Ich hatte Äpfelchen und Pumpernickel mit Frischkäse dabei, aß sie im Hinterhof zum Gleisdreieck (dass ich auf allen meinen Wegen immer wieder Bekannten begegnete, müssen Sie sich dazudenken).

Draußen, Blick auf eine U-Bahnbrücke mit viel Graffiti, darüber fährt gerade eine gelbe U-Bahn.

Draußen war es warm, eher schwül, in der Sonne sogar heiß.

Weißer Raum mit großen Sprossenfenstern, Blick auf zwei vortragende Frauen, links von ihnen ein großer Bildschrim mit vielen kleinen bunten Bildern

Die nächste Session war die auch weiterhin mit dem besten Titel: “Transformation is my daily business – Was meine Wechseljahre mit besserem Change Management zu tun haben”. Nichts daran war mir wirklich neu, ich freute mich, dass Silke Burmesters (im Bild links) Menopausenprojekt Palais F*luxx wächst und gedeiht, dass die Wechseljahre aus dem Tabu-Bereich kommen, dass Burmester immer weitere Verbündete findet.

Großer Raum mit weißer Rückwand und dunklem Boden, an der Wand sitzt jemand auf dem Boden uns sieht auf dem Laptop auf ihrem Schoß, recht von ihr ein größerer Bildschirm mit hellblauem Licht

Typischer re:publica-Anblick.

Wasserflasche wiederauffüllen, zur nächsten Session spazierte ich in ein mir bislang unbekanntes Gelände: Hinterm Technikmuseum gab es dieses Jahr zwei Außenbühnen.

Kopfsteinpflasterweg zwischen Backseinbauten, darauf gehen Menschen, im Hintergrund ein Backstein-Fabrikkamin

Es drohten immer wieder sehr dunkle Wolken, doch das Wetter hielt.

Kleine überdachte Außenbühne, darauf drei Menschen, hinter ihnen ein Bildschirm, vor der Bühne sieht man die Ränder von Liegestühlen

Mit dem Sitzen auf Liegestühlen komme ich nicht zurecht, mein kaputtes Kreuz empört sich in praktisch jeder Haltung. Aber die Session war spannend: “Dürfen Journalist:innen das Gesetz brechen – für die Pressefreiheit?” FragDenStaat hatte seinerzeit u.a. die NSU-Akten veröffentlicht und erzählte über Hintergründe, die Hausjuristin ordnete den damaligen und weitere mögliche Gesetzesbrüche ein.

Jetzt war ich voll, ich verabredete mich mit Herrn Kaltmamsell, der den Tag nach seinen Interessen verbracht hatte, zum Heimfahren. Um zum Ausgang zu kommen, musste ich einmal durchs gesamte Gelände, sah das Gewusel, die Leute beim Verlassen und Betreten der Veranstaltungsräume, begegnete nochmal Internet-Bekanntschaften – und fühlte mich recht beseelt: Wenn’s die re:publica nicht gäbe, wäre es spätestens jetzt höchste Zeit, sie zu erfinden.

Nachgeholte Einkäufe (Shampoo!) auf dem Weg, in der Ferienwohnung kurzes Ausruhen, dann brachen wir zur Abendverabredung auf: Wir aßen mit zwei alten Bekannten im chinesischen Ming Dynastie – kannten Herr Kaltmamsell und ich von lang vergangenen Berlinbesuchen, schätzten wir sehr.

Gelb-grünes Graffiti auf Backsteinmauer "1up"

Unterwegs fotografierte ich eines der omnipräsenten 1up-Tags.

Blick längs auf Fluss, im Vordergrund gelbe Spitzen einer Stützkonstruktion, links Backsteinmauer, im Hintergrund moderne Hochhäuser

Blick von der Janowitzbrücke. Wir sahen auch einen Kormoran landen, schwimmen, tauchen.

Aufsicht auf Tisch mit runder Mittelplatte, darauf vier Schüsseln mit bunten Speisen

Wir tafelten ausgiebig Dimsum, Aubergine, Hähnchen, Schweinebauch, Fisch – und brachten einander auf neuere Lebensstände.

Die mittelspäte Heimfahrt wurde länger als geplant, es gab eine Störung im Öffiverkehr und wir mussten Umwege nehmen.

die Kaltmamsell