Journal Freitag, 23. Februar 2024 – Zahnthemen, die Balkan-Bäckerei auf der Schwanthalerhöhe

Samstag, 24. Februar 2024 um 8:46

Früherer Wecker, weil ich gleich um halb acht den jährlichen Zahnreinigungstermin vereinbart hatte.

Also nahm ich eine U-Bahn zur Münchner Freiheit. Spazierte zur Praxis der Zahnärztin.

Angenehm ist diese Prozedur ja nie, doch ich freue mich immer auf das Wiedersehen mit der Zahnreinigerin. Wieder glichen wir unsere aktuellen Lauferlebnisse an der Isar ab. Und sie sprach über den Sturm und das Gewitter in der Nacht zuvor: Ich hatte nichts mitbekommen, musste also wirklich tief geschlafen haben

Nachdem Frau Zahnreinigung letztes Jahr an der Regelmäßigkeit meines Zahnseideneinsatzes gezweifelt hatte (ich bin immer noch tief gekränkt in meinem Streberinnentum), wies sie mir diesmal nach, dass ich an einigen Stellen konsequent falsch zahnseidle und schon Kerben ins Zahnfleisch gefräst habe. Wir übten an diesen Stellen mit Spiegel – und ich fürchte, darin liegt auch der Trick: Ich meide den Badezimmerspiegel beim abendlichen Zahnseideln, weil ich ihn verspritzen würde. Werde ich also künftig in Kauf nehmen, um mich nicht (Achtung:) ins eigene Fleisch zu schneiden.

Bei der anschließenden Kontrolle missfiel Frau Dr. med. dent. eine “uralte” Füllung (Videobeweis per Zahnfernsehen), ich trat also erst nach einer weiteren Terminvereinbarung zurück auf die Straße.

U-Bahn ins Büro – wo mich erstaunte, dass auch bei Arbeitsbeginn über eine Stunde später als sonst nichts los war auf den Fluren, Freitag halt. Los war allerdings einiges in meinem Postfach, ich schaltete Tempo zu. Das Dringendste hatte ich bis Mittag durch, ich marschierte auf einen Cappuccino ins Westend – unter einheitlich grauem Himmel und in kühler Luft.

Mittagessen später am Schreibtisch: Apfel, Hüttenkäse, Orangen.

Durch Telefonate Dinge herausgefunden, das fühlte sich sehr tüchtig an. Nicht lachen: Hauptaufwand an Energie und Zeit kostete das vorherige Nachdenken, wen ich anrufe und wie ich die Fragen formuliere.

Freitäglich pünktlicher Feierabend. Vor den Wochenendeinkäufen im Vollcorner ging ich in eine Bäckerei, die mir eine kulinarisch anspruchsvolle Bulgarin empfohlen hatte: Die Bäckerei Konditorei Adriatik auf der Schwanthalerhöhe stellt laut ihr authentisches und gutes Balkan-Backwerk her, sie hatte mir anhand von Fotos auch konkrete Produkte empfohlen.

Käsebreze und -finger rechts gehörten zum empfohlenen, und dann hatte ich in einem Regal an der Wand dieses runde Brot gesehen und danach gefragt: ein Maisbrot, das fand ich spannend.

Um die Theresienwiese war der Himmel zum Sonnenuntergang ganz eigentümlich gefärbt, ein Streifen leuchtete am Horizon intensiv blau.

Und über der Schwanthalerhöhe brannte er.

Daheim informierte mich Herr Kaltmamsell, dass er das Backwochenende aus Vernunftgründen um eine Woche verschoben hatte: Statt zum allerersten Arbeitstag an neuer Stelle würde er erst am Montag drauf Berge von Kuchen für die neuen Kolleg*innen mitbringen. Also bereitete ich nicht Cookie-Teig vor, sondern turnte statt dessen eine Runde Yoga-Gymnastik.

Dann wurde Wochenende gefeiert. Zu den Drinks (Rosita) aßen wir das Balkan-Hefegebäck mit Käse: Sehr gut und anders, saftiger und feinporiger Teig.

Zum Abendessen gab es den kleinen Ernteanteil-Chinakohl aus der Pfanne mit Sojahack, dazu das Maisbrot.

Es erinnerte an amerikanisches Cornbread, also wahrscheinlich mit Backpulver gelockert, schmeckte aber deutlich weniger süß und war fester. Uns fielen gleich mal weitere Einsatzmöglichkeiten ein. Im Glas Rosé Pittnauer Dogma, ganz wunderbar. Nachtisch Schokolade.

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Ich fühle mich gesehen: “I’m over fifty”.
Unbedingt auch die Kommentare lesen.

Das mit der manchmal überraschenden Unsicherheit beim Treppenruntergehen habe ich also nicht allein? ABER HOSENANZIEHEN IM STEHEN KLAPPT NOCH SUPER!
(I’m over fifty and and of course this young pretty woman in my neighbourhood with long blond hair parted in the middle is really nice what do you mean she is actually five different ones?)

Interessant auch die (wenigen) Kommentare unter dem Post, die humorfrei behaupten, mit $Methode (Sport, Ernährung, Einstellung blablabla) müsse das alles gar nicht sein. Ebenso humorfrei: Schnuckis, Altern ist ein physikalischer Vorgang, irgendwann erwischt es jede*n, auch bei noch so gesundheitsförderlichem Lebensstil. (Ausnahme: Brandner Kasper)1

Apropos: Eine Nebenwirkung des Theaterabends mit Schauspiel aus allernächster Nähe war das Abgucken eines Schminktricks an der Hauptdarstellerin – so entwickelt man also schwarzen Lidstrich weiter, wenn die Lider im Alter erschlaffen. Habe ich gleich mal umgesetzt, funktioniert super.

§

Auch alt: Im Techniktagebuch schildert Kathrin Passig
“Um 1985
Computerkurs im Jugendzentrum”.

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Wenige Wochen vor der Oscar-Verleihung ein weiteres Interview mit der nominierten Ausnahme-Schauspielerin Sandra Hüller, hier in der New York Times. Hüller beschreibt, welche Auswirkungen die Nominierung schon jetzt auf ihr Leben und ihre Arbeit hat – auf ihre klarsichtige, uneitle Art:
“A Top Oscar Nominee, Uneasy in the Spotlight”.

  1. Sie melden sich, wenn ich die Schrift hier im Blog wieder mal größer stellen sollte? []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. Februar 2024 – Langsamer Start in neuen Arbeitslebensabschnitt

Freitag, 23. Februar 2024 um 6:20

Schon um fünf aufgewacht und nicht wieder eingeschlafen, dabei hätte ich diese letzte Stunde Schlaf wirklich gebraucht.

Kurz nachdem ich von daheim aufbrach, setzte Regentröpfeln ein, und ich war ohne Regenschirm unterwegs: Erst als es hell wurde, sah ich, wie dunkel der Himmel war.

Im Büro war ich so emsig beschäftigt, dass ich mich fast nicht wegen eines Termins kurz vor Mittag verrückt machen konnte. Blöderweise war ich damit 20 Minuten vor Termin durch, die ich umgehend zum Verrücktmachen nutzte.

War dann ein konstruktiver Termin, ich kam mit neuen Aufgaben raus – ein neuer Arbeitslebensabschnitt beginnt langsam. Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, der Regen machte weitere Ausflüge auch nicht attraktiv (selbst bei den für die Jahreszeit zu hohen 8 bis 9 Grad).

Nach einer weiteren Arbeitsrunde Mittagessen: Eine Crowdfarming-Avocado, viele Orangen, Granatapfelkerne. Fresskoma.

Ich kam schnell aus der Futterbetäubung raus, es war ein aufregender Arbeitsnachmittag – wegen des Termins am Vormittag. Noch ist vieles am Neuen ungewiss, das liegt in der Natur der Sache. Aber ich mag ja eigentlich Rahmen-Veränderungen im Berufsleben. Doch ich musste eher pünktlich weg: Nachdem Herr Kaltmamsell in berufliche Abschiede verwickelt war, fiel mir die Abholung des Ernteanteils zu.

Zum Verteilpunkt im südlichen Bahnhofsviertel brauchte ich einen Schirm, die restlichen zehn Minuten nach Hause waren meine Hände mit Gemüsekiste belegt, wurde ich halt ein bisschen feucht. Nach Gemüseauspacken turnte ich Yoga-Gymnastik, gegen Ende wird das 30-Tage-Programm “Flow” von Adriene geradezu sportlich.

Nachtmahl war der Rest Erbseneintopf vom Vortag, außerdem servierte Herr Kaltmamsell den Spinat aus Ernteanteil (eine frische Winter-Kostbarkeit aus dem Gewächshaus) kurz gedünstet mit wachsweichen Eiern – er schmeckte wunderbar. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, draußen hörte ich weiter Regenrauschen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 21. Februar 2024 – Technikspecht-Duett und Küchenentdeckung

Donnerstag, 22. Februar 2024 um 6:24

Mittelunruhige Nacht wegen Lärm draußen, aber ich stand munter auf.

Auf dem Weg in die Arbeit begegnete ich zum erstem Mal im Jahr dem technikoffenen Specht auf der Theresienhöhe. Und entdeckte, dass auf der Neben-Laterne ebenfalls ein Buntspecht Revier-klopfte: Specht-Duett.

Eine alte Kastanie weniger auf der Theresienhöhe.

Am Schreibtisch holte mich dann doch bald die Schlafarmut der letzten Zeit ein: Müde mit Kopfschmerzen, Konzentration praktisch unerreichbar. Erstaunlicherweise bekam ich dennoch Arbeitsdinge weggeschafft.

Das Draußen lockte sonnig, ich marschierte für meinen Mittagscappuccino raus ins Westend.

Vor dem Mittagessen (Quark mit Joghurt, Orangen) arbeitete ich einen weiteren Batzen weg, jetzt deutlich einfacher konzentriert.

Der Nachmittag blieb emsig, steigerte sich zum Feierabend mit einigen Querschüssen, es wurde ungeplant spät.

Auf dem Heimweg Einkäufe unter anderem fürs wochenendliche Backen im Edeka.

Als ich heimkam, hatte Herr Kaltmamsell einiges aus seiner alten Schule zu erzählen (ein anderer beruflicher Abschied überlagert dort deutlich den seinen), aber auch von zuhause: Bei einem Wasser-Malheur auf dem Herd hatte er eine bislang unbekannte Schublade unterm Backofen entdeckt, die wir bislang für eine Blende gehalten hatten. Kurz vorm dritten Jahrestag unseres Umzugs in diese Wohnung, noch gefüllt mit Rollen Alufolie, Backpapier, Frischhaltefolie, Plastiktüten der Vormieter – nicht nur wir hatten sie also übersehen. Können wir gut brauchen, sowohl Inhalt als auch Schublade.

Ich turnte nochmal die sportliche Folge Yoga-Gymnastik vom Vortag. Boat Pose und Variationen mache ich inzwischen sehr ungern – nicht wegen der Bauchmuskeln, die halten super, sondern weil meine Wirbel dabei derart laut und heftig krachen, egal wie korrekt ich die Übungen ausführe. Das ist sehr unangenehm.

Herr Kaltmamsell erfüllte mir zum Nachtmahl den Wunsch nach Erbeseneintopf (Kartoffeln und Lauch aus Ernteanteil) –

fast, aber Erbsensuppe mit selbst gepökeltem Schwein war auch gut.

Früh ins Bett zum Lesen, Ursula Krechels Landgericht gefällt mir sehr gut.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 20. Februar 2024 – “Dankbarkeiten” nach Delphine de Vigan im kleinsten Theater der Stadt

Mittwoch, 21. Februar 2024 um 8:27

Eine deutlich bessere Nacht (nach drei kurzen/schlechten war ich sehr früh eingeschlafen), der Schlaf hätte meinetwegen länger dauern können. Der Wecker klingelte wieder zu Regengeräuschen.

Also wieder unterm Regenschirm in die Arbeit, zum Glück mit besserer Laune als am Montag.

Überraschend emsiger Vormittag, meinen Mittagscappuccino nahm ich deshalb wieder bei Nachbars (der war diesmal aber besonders gut). Spätes Mittagessen Avocado, Granatapfelkerne, viele Orangen – ich befürchtete Zuckerschock. Tatsächlich fiel ich lediglich ins Fresskoma und konnte die Augen kaum aufhalten.

Überfrüher Feierabend, weil ich abends ins Theater wollte – nein, diesmal nicht Kammerspiel-Abo, sondern ein kleines Westend-Theaterchen, Mathilde Westend, das sich als “kleinstes Theater der Stadt” bezeichnet. Ich hatte bei einem Mittagscappuccino im Café Colombo Werbekärtchen für die Inszenierung “Dankbarkeiten” gesehen, daheim recherchiert, und da sich Stück und Theater interessant lasen, eine Karte für die gestrige Vorstellung gekauft. Schließlich hatte ich mir ohnehin gwünscht, auf meinem inneren Kulturtracker mehr Punkte mit Abseitigem zu machen.

Heimweg unter trockenem, hellen Himmel mit größerer Besorgungsschleife: Ich holte in einer Arztpraxis ein Rezept, löste es gleich ein. Zu Hause Yoga-Gymnastik, zum besonders frühen Abendessen servierte Herr Kaltmamsell auf der Basis von Ernteanteil-Weißkraut ein Okonomiyaki, das wir uns teilten. Und dann machte ich mich auf den Fußweg ins Westend an ein Ende der Gollierstraße, das ich noch nicht kannte.

Beim Betreten des Mathilde Westend war ich ohne jeden Beweis bereit zu glauben, dass es das kleinste Theater der Stadt ist: 17 Klappstühle, Bühne, Toilette, Bar füllten einen Raum etwa halb so groß wie mein – zugegeben großzügiges – Schlafzimmer.

Teil des Bühnenbilds gleich bei der Eingangstür.

Bühnenbeleuchtung.

Eine Frau servierte gerade bestellte Getränke an die bereits besetzten Plätze, hakte mich dann von ihrer Liste der Zuschauer*innen ab, bat mich auf einen einzelnen freien Stuhl, damit die restlichen von Gruppen belegt werden konnten. Sie begrüßte kurz vor der Vorstellung auch das Publikum und verschwand dann: Das war Christina Matschoss, die im Stück gleich darauf die Marie spielte.

Im Mittelpunkt von “Dankbarkeiten”, inszeniert von Theresa Hanich, steht eine alte Frau, Michka (Elisabeth Rass), die nicht mehr allein zurecht kommt und in ein Heim zieht. Die junge Marie hilft ihr dabei, besucht sie immer wieder. Michka, die in ihrem Berufsleben vor allem von ihrem Wortschatz profitierte, verliert jetzt die Wörter, sie leidet unter Aphasie. Der Logopäde Jerome (Florian Hackspiel) versucht im Heim, diesen Prozess zu verzögern, kommt darüber ins Gespräch mit Michka. In diesen Austauschen und in Mischkas Träumen erfahren wir Stück für Stück, welcher Mensch Michka ist und war, wie sich diese Gegenwart im Alter und das Leben davor unterscheiden. Mit Humor und in einleuchtenden Beispielen erzählt “Dankbarkeiten”, was diese letzte Lebensphase im höchsten Alter aus Menschen machen kann, wie sie irgendwann nur noch Fertigkeiten und Freiheiten verlieren, keine neuen hinzukommen, Zwangsende der Selbstoptimierung. Das fand ich berührend, aber auch trostlos, selbst wenn das Stück ein tröstliches Ende anbietet.

Die Hauptrolle der Inszenierung aber hatte das Theater selbst, nämlich durch den Umgang mit all seinen Einschränkungen. Für Jeromes Auftritte und Abgänge wurde das Klo genutzt, Marie kam von und ging auf die Straße (das könnte bei heftigem Regen oder Schneefall abenteuerlich sein). Ein angedeutetes Bett, ein Stuhl, ein Hocker, ein Schränkchen – mehr war an Requisiten nicht nötig. Und die (handlungsbedeutenden) Traumsequenzen wurden als Film auf die Wand hinter der Bühne projiziert, untermalt von einem Musikthema in Abwandlungen, je nach dem, in welche Stimmung Michka geführt wurde. Ich stelle mir ja vor, dass diese Theatersituation eine reizvolle Herausforderung für Regisseur*innen sein müsste. Und frage mich, ob WoW – Word on Wirecard-Folterregisseur Łukasz Twarkowski auch daraus etwas machen könnte. Dann wieder: Ist das für die Schauspieler*innen nicht auch seltsam, derart dicht am Publikum zu spielen?

Nach gut anderthalb Stunden und heftigem Applaus stand ich wieder auf der Straße und ging zur U-Bahn, dem Stück hinterher sinnend (und meine gegen die Sitzsituation protestierenden Lendenwirbel zurückrenkend). Ich bin schon sehr gespannt auf weitere Inszenierungen in dieser Winzel-Umgebung.

Zu Hause merkte ich, dass das Abendessen nicht gehalten hatte und aß noch ein Schüsselchen Haferflocken, um nachts nicht von Hunger geweckt zu werden.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 19. Februar 2024 – Jeff Noon, Vurt

Dienstag, 20. Februar 2024 um 6:24

Schlecht eingeschlafen, mehrfach aufgewacht, beim Weckerklingeln fühlte ich mich unausgeschlafen. Und dann hörte ich draußen auch noch deutlich Regen.

Wenigstens hatte ich damit eine Entschuldigung für meine schlechte Laune und Gereiztheit – die sich auch noch genau daran aufhängte, wie viele Mitmenschen ihre schlechte Laune und Gereiztheit ungefiltert auf ihre Umwelt abladen. Marsch in die Arbeit unter Regenschirm gegen das ernste Getröpfel, Blick dabei meist auf dem Boden, Schirm in den Wind gestemmt.

Emsiger Vormittag mit Abarbeiten und Online-Besprechungen. Mittagscappuccino bei Nachbars, es war Februar-angemessen kühl.

Zu Mittag gab es den sonntags zubereiteten Karottensalat mit ganz viel Koriander, ein Genuss.

Das Draußen mittlerweile mittelfreundlich; nach Feierabend ging ich erst unter den Hauptbahnhof und machte ein Automatenfoto für mein Projekt (diesmal problemlos).

Unterm Stachus ernsthafter Hamsterkauf beim Bodyshop: Zwar hoffe ich darauf, dass Bodyshop Deutschland irgendwie existierend aus diesem Insolvenzverfahren rauskommt, doch die Avocado-Körperlotion und die Olivenöl-Körperbutter verwende ich schon so lange, dass ich wirklich nicht weiß, wodurch ich diese beiden Produkte ersetzen sollte, wenn die Firma es nicht schafft.

Zu Hause nochmal die Yoga-Gymnastik vom Sonntag, dann kümmerte ich mich um die Kiste Crowdfarming-Orangen, die nachmittags eingetroffen war: Ich checkte jede Frucht auf weiche Stellen. Drei davon bereitete ich als Brotzeit für Dienstag vor. Beim Naschen davon stellte ich fest, dass sie wunderbar und süß schmeckte, ich schälte und teilte eine für Herrn Kaltmamsell.

Dieser wärmte die restliche Kalbsbrust vom Sonntag auf, die gab es als Abendessen. Nachtisch Schokolade.

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Der phantastische Roman Vurt, erschienen 1993, von Jeff Noon ist ein Höllenritt – aber meiner Meinung nach ein richtig, richtig guter. Ich las ihn zum ersten Mal 2007 auf Empfehlung einer geschätzten Kollegin, hatte noch nie etwas Vergleichbares gelesen, und war angetan genug davon, dass ich das Buch behielt (mag auch an dem Cover-Design dieser Ausgabe gelegen haben, das ich besonders mochte). Jetzt wollte ich wissen, wie er sich gehalten hatte – und konnte mich zum Glück an fast kein Detail mehr erinnern.

Vurt wurde immer schon vor allem von der Science-Fiction-Community rezipiert, doch dieses Genre ist sicher nicht das erste, an das ich bei der Lektüre dachte, auch wenn er in einer alternativen Welt spielt (und für eine Dystopie ist sie meiner Meinung nach zu wenig strukturiert dargestellt). In dieser Welt ist Vurt eine Substanz, die Energie enthält, aber auch eine durch Drogen erreichte Parallelwelt. In der anderen Welt kann man dauerhaft verloren gehen, dann tauchen zum Ausgleich Artefakte oder Aliens in der eigentlichen (?) Realität auf. Drogen gibt es in verschiedenster Materializität, am abgefahrensten in Form von Federn: Unterschiedliche Farben der Federn führen in unterschiedliche Handlungen, die man allein oder als Gruppe erleben kann. Es gibt sogar einen Newsletter, der diese Federn bespricht und bewertet wie Computerspiele.

Wir folgen in Vurt der Ich-Stimme von Scribble, der die Geschichte aus späterer Sicht aufschreibt. Der junge Mann gehört zu einer Gruppe von Desperados in Manchester, den Stash Riders, und hat seine große Liebe in der Handlung einer gelben Feder verloren. Der Plot des Romans dreht sich hauptsächlich um seine Versuche, sie zurückzubekommen. Dabei geht es um Heldentum und Feigheit, um Sex und verschiedene Lebensformen wie virtuelle und echte Polizei, Hundemenschen oder Nano-Maschinchen zur Haarreinigung, was echt ehrlich auf einer recht irren Ebene alles Sinn ergibt. Ich schrieb ja schon: Höllenritt, auch bei der zweiten Lektüre. (Keine der Rezensionen, die ich gefunden habe, kann die Handlung zusammenzufassen.) Und mal wieder haut mich um, was schlichte Buchstaben erschaffen können.

Wer etwas für sehr nicht-realistisches Erzählen übrig hat: Empfehlung.

2013 schreibt Sam Leith im Guardian anlässlich einer Neu-Auflage über den Roman und seinen Autor:
“Jeff Noon: a life in writing”.

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Adam Roberts macht sich Gedanken, wie man das Thema Feigheit untersuchen könnte, und holt dabei historisch/literarisch aus:
“Who’s Afraid of Cowardice?”

We’re brain-fried on superhero fistfights. It’s time to learn from heroes who run away.

via @daszeiserl

Heroism is romance, but cowardice is realism.

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@dasnuf hat wieder ein Buch geschrieben! Und macht dafür die beste Buchwerbung ever.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 18. Februar 2024 – Der Frühling ist voll ausgebrochen

Montag, 19. Februar 2024 um 6:19

Schlaf bei geschlossenem Fenster, weil draußen durchgehend laute Menschen lärmten. Ich wachte nach der Abendeinladung deutlich zu früh auf, aber nur wenig verkatert, selbst das eher vom zwischenmenschlichen Austausch (Partykater) und dem wenigen Schlaf.

Draußen wurde es sonnig, für meinen Isarlauf stattete ich mich mit Sonnenbrille und Schirmmütze aus, ließ die Handschuhe daheim. Ich fuhr eine U-Bahn-Station weit zur Fraunhoferstraße, lief von dort an die Isar und flussabwärts, bei herrlichem Wetter zwischen viel Spaziervolk und Radelnden.

Unterwegs begegnete ich der vollen Ladung Frühfrühling in Blütenform: Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokanten, in der Großstadt inklusive diese begeistert fotografierender Menschen.

An der Emmeramsbrück bog ich Richtung Aumeister ab, doch auch hier gesperrte Wege, ich lief einmal im Kreis, um auf meine Wunschlaufdauer von 100 Minuten zu kommen. Der letzte Teil zurück zur Tram-Haltestelle Tivoli wurde überraschend beschwerlich, doch nichts tat ernsthaft weh.

Müller’sches Volksbad mit Kabelsteg im Hintergrund.

St. Lukas, im Vordergrund entwurzelte Bäume. An der Muffathalle sah ich Streetart, die ich noch nicht kannte.

Mauersteg, im Hintergrund die Maximiliansbrücke.

Beim Warten auf die Tram dehnte ich gründlich. Ich stieg an der Müllerstraße aus, spazierte über Semmelholen beim Wimmer heim.

Zum Frühstück gab’s kurz nach zwei eine zweite Runde Milchkaffee, eine Birne, zwei Körnersemmeln. Mit einer kleinen Siesta holte ich Nachtschlaf nach, las dann Wochenend-Süddeutsche und Buch.

Brotzeit für Montag gekocht: Aus den Ernteanteil-Karotten wurde mal wieder Karottensalat mit Koriander. Ich turnte noch eine Runde Yoga-Gymnastik.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch etwas ganz Besonderes gemacht: Kalbsbrust mit Makkaroni-Maronen-Füllung aus dem Buch von Petra Hammerstein, Zart und saftig. Ich mag gefüllte Kalbsbrust, halte aber die klassische Semmelknödelmasse nicht für die ideale Füllung.

Schmeckte wirklich gut, vor allem das Fleisch. Die Füllung war recht fest, durch die Kastanien aber ungemein aromatisch. (Aber natürlich viel zu viel, Füllung ist immer zu viel.) Nachtisch Schokolade.

Der Guardian-Wochenend-Newsletter thematisiert comfort food. Beim Nachdenken über meines solches stolperte ich: Was soll comfort food eigentlich sein? Im Guardian-Newsletter wird es mit “the type of food they would typically eat at home in their pyjamas” beschrieben. Das SZ-Magazin versucht sich an der Übersetzung “Trostessen”:

lassen uns in unsere Kindheit oder an den letzten Urlaubsort reisen – und einfach mal die Gegenwart vergessen

Das verwirrt mich eigentlich noch mehr, denn Speisen, die mich an meine Kindheit erinnern oder an einen Urlaub sind keine, die mich die Gegenwart vergessen lassen. Aber vielleicht ist mein Grundproblem, dass mich Essen nicht tröstet: Wenn es mir schlecht geht oder wenn ich Schmerzen habe oder beides, verschwindet mein Appetit. Manchmal geht es mir nach ein wenig Alkohol besser, aber das ist ja offensichtlich nicht gemeint. Wahrscheinlich kenne ich also gar kein comfort food. Es gibt einfach Nahrungsmittel und Gerichte, die ich besonders gern esse, die mir Vergnügen und Behagen bereiten – das sind allerdings so viele, dass eine Liste sinnlos wäre.

Andererseits half schon oft gegen schlechte Laune ein liebevoll zubereitetes und wohlschmeckendes Abendessen, das Herr Kaltmamsell zauberte. Und um auf die Guardian-Definition zurückzukommen: Im sitze oft im Pyjama, also in Schlumpfklamotten am Abendbrottisch, wenn ich davor Yoga geturnt habe und keine Lust auf eine Rückkehr in meine Bürokleidung hatte.

Weil auch das ein wiederkehrendes Food-Thema ist: Nein, ich esse auch nichts besonders Seltsames, einzeln oder in eigenwilliger Kombination. Am ehesten ist meine Vorliebe für lauwarmes Wasser eigen, von dem ich am Tag ca. anderthalb Liter trinke (ansonsten viel Tee, ob schwarz, Kräuter- oder Früchte); nur im heißesten Hochsommer bevorzuge ich mein Leitungswasser kalt.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 17. Februar 2024 – Brotbacken und lukullischer Freundesabend

Sonntag, 18. Februar 2024 um 8:52

Nächtliche Kopfschmerzen – ich hatte den Wein im Verdacht, trotz bloß halber Flasche und dreimal so viel Wasser dazu.

So wachte ich unausgeschlafen auf. Positiv: Ich startete die Umsetzung meiner Brotbackpläne zeitig, es sollte Buttermilch-Mischbrot geben (in jedem Durchgang entferne ich mich weiter vom Originalrezept, mal sehen, wann ich so zufrieden bin, dass es als eigenes Rezept unter meinen landet).

Das Brot gelang hervorragend (Anschnitt nach Abkühlen).

Das Draußen war düster, aber weiter mild, es regnete. Die Kopfschmerzen ließen sich auch nicht durch Ibu vertreiben, ich fühlte mich müde. Doch ich hatte mich auf eine Schwimmrunde gefreut, also machte ich mich dafür fertig und in ging in Nieselregen zur U-Bahn.

Unterwegs machte ich einer Gruppe Hispanohablantes Platz, gedankenlos mit spanischer Erklärung, dass sie so zusammen sitzen konnten, woraufhin sie sie komplett verstummten. (Verzeihung, so war’s nicht gemeint. Aber in München ist Spanisch fast genauso wenig Fremdsprache wie Englisch.)

Im Gebäude der Olympiaschwimmhalle sah ich vor der Bezahlschranke (hihi) hinunter aufs Becken – mit sinkender Laune: Es war so voll, wie ich es noch nie gesehen hatte, zwei Bahnen durch Rudelschwimmer besetzt, ganz kurz überlegte ich umzukehren. Doch das hätte meine Laune weiter verschlechtert, ich ließ es darauf ankommen.

Im Olympiapark selbst fand gestern ein Volkslauf statt, die Teilnehmenden nutzten die Schwimmbadumkleiden, ich musste einen leeren Spind erst suchen.

Doch von da an ging es aufwärts: Die am wenigsten genutzte Bahn, in die ich mich herabgelassen hatte, leerte sich bald, ich fühlte mich gar nicht mehr müde, das Kopfweh war weg. Gutes Schwimmen, nach 3.000 Metern hätte ich locker noch weiter können (wollte es aber nicht übertreiben, und es war eh schon spät).

Am südlichen Beckenende, also Richtung Sprungbecken, nahm ich bei jeder Wende deutlich den Geruch von Dauerwellen-Chemikalie wahr (ich bin so alt, dass ich die noch aus eigenem Riechen kenne), Wasserstoffperoxid? Vermutlich einfach zur Reinigung verwendet, doch der Geruch schubste den Gedankengang an, dass die Blumenkohlfrisur auf Basis von Dauerwelle auf den Häuptern alter Frauen wie seinerzeit dem meiner polnischen und meiner spanischen Oma wohl ausgestorben ist. Und durch den praktischen Kurzhaarschnitt ersetzt wurde. Auch dass damit der Phänotyp alter Damen ausgehfein mit Kleid, Pumps, Handtasche durch beige Funktionskleidung mit Klettverschlussschuhen abgelöst wurde, ein Generationenwechsel an der Spitze der Bevölkerungspyramide. Ich bin schon gespannt auf den nächsten Styling-Wechsel – zu dem dann ich gehören werde.

Den Rückweg begann ich mit der Tram, unterbrach ihn für Espressobohnenkauf in der Maxvorstadt – und musste dann wieder zurück zur Tram gehen, denn an der U2 wird derzeit gebaut. Das Wetter war mittlerweile deutlich heller und freundlicher geworden.

Frühstück kurz nach zwei bestand daheim aus zwei mächtigen Scheiben frischem Brot, die eine mit Gänseschmalz (von dem werden wir noch eine Weile haben), die andere mit Butter und bulgarischem Akazienhonig. Außerdem einer großen Hand voll libanesischer Pistazien.

Gemächlicher Nachmittag mit Zeitungslektüre und einer Runde Yoga-Gymnastik, bevor ich mich fein machte für die Abendeinladung mit Herrn Kaltmamsell bei Freunden. Dafür nahmen wir eine U-Bahn in Richtung Südwesten. Blöderweise startete mein Kreislauf kurz davor seine Superschwindel-Schweißausbruch-Frier-Nummer (seit den Glutattacken der Wechseljahre weiß ich sicher, dass das keine ist), ich nahm ein kleines Handtuch mit, um unterwegs wenigstens Gesicht, Hals und Haar halbwegs zu trocknen.

Wir verbrachten einen ausgesprochen lukullischen Abend mit Champagner-Cocktail, wunderbarer Suppe (dazu ein überraschend passender fränkischer Orange Silvaner Kerstin Laufer), einer mächtigen fränkischen Bauernente (von der ich mir mit der Erklärung “der Gast bekommt das beste Stück” gleich mal einen Schenkel schnappte), begleitet von Klöß, Blaukraut, Selleriesalat (unbedingt nachbauen), im Glas einen wunderbaren spanischen Roquers de Porrera aus dem Priorat.

Und dann gab es noch als besonders köstlichen Nachtisch eine Zitronentarte (aus dem goldenen Plachutta, merken), dazu Süßwein. Das Ganze in dem wunderschönen und schweren Familienkristall eines der Gastgeber. Und begleitet von Neuigkeiten-Austausch, Aufholen von aktuellem Ort im Leben.

Darüber war es überraschend spät geworden: Erst nach Mitternacht saßen Herr Kaltmamsell und ich am U-Bahnsteig für die Heimfahrt.

§

Cornelia Kolden fasst für die ARD Brüssel Hintergründe der europäischen Bauernproteste zusammen:
“Woher kommt die Wut auf Brüssel?”

Spoiler: Die aktuelle Bundesregierung ist nicht die Ursache der Missstände. Nicht mal die Grünen.

die Kaltmamsell