Journal Donnerstag, 14. September 2023 – Donnerstagsgeplänkel

Freitag, 15. September 2023 um 6:18

Nach Langem eine richtig schlechte Nacht, in der ich um halb drei aufwachte und nach Klogang nicht mehr einschlief. Das Sorgenkarussel drehte sich lustig um die letzten drei Arbeitstage vor Urlaub ab Dienstag, an denen viel Menschliches und deshalb ohnehin Belastendes ansteht (es ist absurd albern, wie sehr mich ganz unaufregend Menschliches stresst, und sei es nur Orga und Betreuung eines Besuchs). Nach einer Stunde knipste ich das Licht an und las. Nach einer weiteren halben Stunde fühlte ich mich müde genug für einen weiteren Schlafversuch, der irgendwann auch klappte.

Morgens war der Regen versiegt, doch der Himmel zeigte weiter Grau. Temperatur kühl, aber nicht kalt. Die Luft auf dem Weg in die Arbeit war herrlich.

Vormittag mit reichlich Menschlichem und Flexibilität. Der Himmel wurde über den Tag blauer, ich sah Sonne.

Um elf zum dritten Mal deutschlandweiter Probealarm, wir werden besser:
“Warntag 2023: Plötzlich bimmeln am Stachus die Handys”.

In der Mittagspause wetzte ich wieder auf den Markt am Georg-Freundorfer-Platz, kaufte Käse, zudem an einem kleinen Standl selbst angebaute Äpfel und doch nochmal Zwetschgen. Wir waren uns über die Wurmigkeit der diesjährigen Ernte einig (“sogar die vom Aldi!”), ich bekam eine Hand voll Zwetschgen als Dreingabe. Ich hatte mich für die Apfelsorte mit dem aufregendsten Namen entschieden; Rubinette stellte sich beim Mittagessen (vor Pumpernickel mit Butter) als köstlich heraus, saftig und aromatisch.

Nach eher spätem Feierabend direkt nach Hause, um die Theresienwiese herum kurz vor Ausbruch des Oktoberfests am Samstag.

Berlin schützt sich vor Ausschreitungen am 1. Mai, München vorm Oktoberfest.

Daheim startete ich ein weiteres 30-Tage-Yoga-Programm von Adriene, und zwar ihr Yoga Camp von 2016. Erste Folge waren langsame, ruhige Dehnungen.

Typisches Donnerstag-Nachtmahl: Salat mit Tomaten und Gurke (alles Ernteanteil) mit Joghurt-Dressing, Käse. Nicht im Bild die Schokolade zum Nachtisch.

Stand der Microblogging-Plattformen:
– Twitter X: Immer leerer, nur ganz wenig, was ich nur hier finde.
– Mastodon: Ich fühle mich immer wohler, mit einem Admin, den ich persönlich kenne, und einer lebendigen Timeline im Austausch. Unangenehme Kommenator*innen (bei mir zum Glück weiterhin sehr selten) stelle ich schnell stumm. Und ich LIEBE die Möglichkeit, Vertipper nach Veröffentlichung korrigieren zu können!
– Bluesky: Nervig, und zwar nicht etwa wegen Interaktionen oder Inhalten, sondern Fehlfunktionen. Die Einstellung merken sich meine Einstellungen nicht, also weder dass ich keine Reposts sehen möchte und keine Unterhaltungen mit Accounts, denen ich nicht folge. Selbst meine Methode, diese Accounts alle manuell stummzuschalten, funktioniert nicht: Die Stummschaltung werden ebenso vergessen. Ergebnis ist eine unlesbare Timeline.

§

Mir fällt leider keine launige Anmoderation ein, ich werde einfach nur immer hilfloser:
“Anfeindungen im Internet
Wettermoderatoren als neue Zielscheibe”.

Fernseh-Meteorologen kämpfen um die Wahrheit: Weil sie über die Zusammenhänge von Wetter und Klimakrise aufklären, sehen sie sich immer häufiger Angriffen von Wissenschaftsleugnern ausgesetzt.

Komme mir keine mit: “Ich stelle ja nur Fragen.” (Dass ausgerechnet dieser Satz, einst Ausgangspunkt für wissenschaftliche Forschung, zum Indiz für Wissenschaftsleugnung wurde, ist besonders traurig.) Selbstverständlich dürfen Sie auch ohne jegliches Fachwissen fragen, auch ganz grundsätzlich, zum Beispiel sogar, ob der Mond nicht vielleicht doch aus Käse ist. Die Antwort ist halt: “Nein.”

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. September 2023 – Energisch regnerisches Sommerende

Donnerstag, 14. September 2023 um 6:31

Etwas unruhigere Nacht, die immer noch warm genug für lautes Volk vorm Schlafzimmerfenster war.

Von draußen kam es schwülwarm herein. Ich brauchte keine Jacke für den Weg in die Arbeit, kam bei flottem Gehtempo sogar ins Schwitzen, riskierte trotz der schwarzen Wand am Horizont Aufbruch ohne Schirm. Tropfen erwischten mich nur, weil ich einem von Rad gestürzten Schulkind half (das offensichtlich nicht auf “Bind deine Schuhe ordentlich zu!” gehört hatte, ein Schnürsenkel hatte sich ums Pedal gewickelt) – nicht schlimm.

Der Himmel blieb mal hell, mal dunkel, ab Mittag gewitterte es heftig und kühlte deutlich ab.

Hektischer (weil Störung), aber auch hochinteressanter (weil Info-Veranstaltung) Vormittag, schnell vor einem Termin in die Nachbarschafts-Cafeteria für Cappuccino. Später zum Mittagessen gab es Pumpernickel mit Butter, einen geschmacksneutralen Pfirsich, einige Stückchen 100-prozentige Schokolade.

Nachmittag mittelemsig, vor allem war ich müde. Draußen regnete es mehr oder weniger heftig, die Arbeit zog sich, aber auch spät regnete es.

Ich ging über einige Einkäufe heim, unter anderem für einen Work-around der derzeitigen Bewirtungs-Restriktionen in der Arbeit (Selbstversorgung).

Fürs Nachtmahl war ich mit Herrn Kaltmamsell zum Pizza-Essen aushäusig verabredet: Wir wollten seit Monaten die Schwarze Pizza in Il Ritrovo an der Lindwurmstraße probieren. Unterm Regenschirm spazierten wir hin. Wir hatten nicht reserviert, bekamen aber zwischen zwei großen, offensichtlich für Gesellschaften eingedeckten Tischen noch einen letzten Zweier-Platz.

Einmal schwarze Pizza mit Lachs, Avocado, roten Zwiebeln Mozzarella, eine Riesen-Calzone, wir halbierten jeweils. Der Teig der schwarzen war hart, ist nicht mein Geschmack, viel Belag nach dem Backen kalt drauf eher auch nicht. Aber die Calzone hatte guten Teig! (Und die letzten Viertel nahmen wir heim als Frühstück von Herrn Kaltmamsell.)

Nach Hause durch fortgesetzten Regen, daheim noch ein wenig Schokolade. Mittelfrüh zu Regenplätschern ins Bett zum Lesen, ich bekam von all den Besaufens-Schilderungen mittlerweile selbst schon Kopfweh.

§

Frau Donnerhallen lud im Juli zu DER Feier nach Corona-Zeit ein: Last Night of the Goths. Zu meiner großen Ehre und Gaudi durft ich mitfeiern, hier schildert die Gastgeberin, wie es dazu kam und wurde.
“Thank you for being a Goth”.

(Nein, auch wir Neurotypischen verstehen nicht, wie man eine offensichtlich leidenschaftliche und ernst gemeinte Einladung einfach ignorieren kann und interpretieren das als aktives Zurückweisen, ziehen entsprechende Konsequenzen.)

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. September 2023 – Sommerabschied mit Schwimmschlacht

Mittwoch, 13. September 2023 um 6:33

Gut und tief geschlafen, das ist so schön.

Morgens verabschiedete ich Herrn Kaltmamsell zur ersten Stunde in die Schule (Lehrer*innen treten nicht alle und nicht jeden Tag zur ersten Stunde an), ich konnte mich fast nicht mehr an den Morgenrhythmus dafür erinnern. Mit Schwimmzeug im Sportrucksack spazierte ich durch milde Luft in die Arbeit, begegnete vielen Schulkindern.

Im Büro musste ich mich auch erst wieder daran gewöhnen, dass Herr Kaltmamsell nicht mehr durchgehend erreichbar ist und ich ihm nicht schnell dazwischen Fragen oder Ideen rüberwerfen kann.

Arbeitsreicher und etwas durcheinanderer Vormittag, ich kam aber kurz raus auf einen guten Morgencappuccino in die Nachbar-Cafeteria. (Ich genieße diese Nachsommerstunden SO! Bald haben wir ja wieder die umgekehrte Lage, dass ich übers Frieren und die kurzen Tage jammere und alle Winterfreundinnen über die Kälte jubeln.)

Mittagessen war ein weiterer Versuch des Ausgleichs von Macht-lange-satt und Ist-leicht-verdaulich-und-stört-nicht-beim-Sport: Kleiner Eiweißriegel sowie Pfirsich und Feige mit Joghurt.

Das schien zumindest in zweiter Funktion das Richtige zu sein: Als ich mich kurz nach vier auf den Weg ins Dantebad machte, knurrte mein Magen leer.

Gestern war der erste Tag des Winterbetriebs im Dantebad (nur Stadionbecken und Sprudelschnecke geöffnet), umso erstaunter war ich über die lange Schlange an der Kasse, bestehend vor allem aus Familien in voller Freibad-Ausstattung (u.a. Schwimmnudeln, Aufblastiere). Mit meiner Dauerkarte kam ich schnell rein und sah, dass auch nur ein kleiner Bereich der Liegewiese freigegeben war: Ich nehme an, die Schlange stehenden Familien wussten das mit dem Winterbetrieb schlicht nicht.

Meine Schwimmrunde wurde dann leider zur Schlacht. Die Bahnen waren dicht beschwommen, darunter einige Geräteschwimmer*innen, vor allem aber rücksichtslose Turboschwimmer. Ich schluckte oft Wasser, erschrak mehrfach mit Juchzer, wurde aber irgendwann bockig und ließ mich nicht von meinen geplanten 3.000 Metern abhalten. Weitere Irritation: Diesmal zog nicht am gewohnten Ende Frittenfettdunst über die Schwimmbahn, sondern am gegenüberliegenden Steckerfischdunst – beim Schwimmen ebenso eklig.

Auch die Wassertemperatur war auf Winterbetrieb hochgeheizt, zum ersten Mal seit zwei Jahren war sogar mir das Wasser zu warm. Wie bereits seit Tagen angekündigt, zog der Himmel nach 17 Uhr langsam zu mit Wolken, in der Tram nach Hause sah die Abenddämmerung nach Gewitter aus.

Trotz Arbeitstag sorgte Herr Kaltmamsell für Abendessen in Form von warmem Zucchini-Garnelen-Salat mit Minze und Koriander. Nachtisch viel Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, Eva Biringer, Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen. Noch weiß ich nicht, wie sehr mich interessiert, dass eine hochfunktionale Multitoxlerin sich fragt, warum sie ausgerechnet vom Alkohol am schwersten loskommt. Durchaus originell geschrieben und berstend von Fußnoten mit Quellen zu weiterführendem Material, aber das ist halt schon sehr weit weg von meinem Leben und meiner Welt.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. September 2023 – Sommerabend im Schnitzelgarten, Jenny Erpenbeck, Geschichte vom alten Kind

Dienstag, 12. September 2023 um 6:34

Gute Nacht, ich hätte gerne länger als bis Weckerklingeln geschlafen.

Die Nacht musste sehr mild gewesen sein, ich konnte nach Pflanzengießen und Wäscheabnehmen ohne dicke Socken nochmal meinen Morgenkaffee (den 23. der Saison) auf dem Balkon nehmen. Wahrscheinlich erreiche ich die Rekordzahl nicht nur wegen des Nachsommers, sondern weil es davor keine Wochenenden gab, an denen es mir bereits morgens zu heiß auf dem Balkon wurde.

Ich genoss den Weg in die Arbeit in einem schwingenden Röckerl.

Letztes Mal Gollierstraße ohne Schulkinder, am Dienstag beginnt auch in der Bayern der Unterricht des Schuljahrs 2023/24.

Als ich mich im Büro setzte, bekam ich vorm Fenster gleich mal eine Flugshow überm benachbarten Hochhaus zu sehen: Ein Dutzend Krähen und drei Falken umeinander.

Im Verlauf des Morgens stellte ich fest, dass sich meine Stinkphase fortsetzt: Seit ca. zwei Wochen riecht auch das leiseste Transpirieren (voll-desodoriert natürlich) unangenehm, wieder mal Hormone, schätze ich.

Außerdem hoher Fenistil-Verbrauch: Mein Schafzimmer scheint einer besonders aggressiven Stechmücke Obdach zu bieten, zwei riesige Stiche am linken Bein schmerzten unangehm, bei jedem Bitzeln auf der Haut befürchtete ich das Erscheinen eines weiteren.

Zwischen Terminen keine Zeit für externen Mittagscappuccino, es musste der schreckliche Automat herhalten. Aber ich hatte Zeit für Mittagspause, in der es eine übrige Semmel vom Sonntag sowie Mango mit Sojajoghurt gab.

Nachmittags Schwindel, brauchte auch kein Mensch. Dennoch marschierte ich nach der Arbeit über Lebensmitteleinkäufe in die Stadt für Besorgungen. Diese legte ich daheim nur kurz ab, denn ich war mit Herrn Kaltmamsell sommerlich nochmal im Schnitzelgarten verabredet. Wir saßen in milder Abendluft, keine Jacke nötig.

Zum alkoholfreien Weißbier ein Gorgonzola-Cordonbleu – ich aß alles davon, und mit Genuss (möglicherweise macht man hier meine liebsten Pommes). Um uns auffallend viele eher junge Touristen von anderen Kontinenten; wieder mal hatte ich den Verdacht, dass das versteckte Lokal in irgendeinem Reiseführer empfohlen wird (nicht aber von Influencern, sonst würde Schlange gestanden).

Daheim passte sogar noch Schokolade hinterher.

Im Bett neue Lektüre: Ich war meine Wunschliste danach durchgegangen, was gerade in der Stadtbibliothek zur Verfügung stand, und der erste Treffer war Eva Biringer, Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen.

Gestern war übrigens der Tag, an dem ich von der Existenz von Gürtelmullen erfuhr, auf Englisch “pink fairy armadillos” – herzallerliebst!

§

Jenny Erpenbecks Geschichte vom alten Kind wurde offensichtlich bei Erscheinen 1999 vor allem als Parabel rezipiert – ich kann nachvollziehen, dass die eigentümliche, naive, schlichte Sprache, die mich an Märchen erinnerte, dorthin führt.

Ich wiederum ließ mich ganz von diesem Sound der Geschichte fangen und genoss es, auf der Oberfläche zu lesen, Assoziationen und Stimmunge über mich fließen zu lassen, mich davon überraschen zu lassen, wie auch diese Schlichtheit witzige Pointen ermöglicht.

Inhaltlich bleibt viel offen. Wir sind beim Lesen meist ganz in nah an diesem titelgebenden Mädchen (namenlos und durchgehend “das Mädchen”), an seinem mächtigen Körper, seinem Mondgesicht, seinem Erinnerungs-losen Zurechtfinden im Heim und unter den anderen Kindern. In den nur gut hundert Seiten ohne Nebenhandlung und charakterisierte Nebenfiguren bleibt doch genug Platz für Wendungen und Überraschendes.

Wieder mal erwies sich als für mich genau richtig, dass ich vor der Lektüre keine Rezensionen kannte und auch nicht die Entstehungsgeschichte des Romans, die der Verlag offensichtlich zum Verkauf des Buchs verwendete: So konnte mich auch das Ende aus erster Hand mitnehmen (praktisch alle Rezensionen spoilern, WARUM). Mal wieder fühlte ich mich in meiner Haltung bestätigt, dass der Autor, die Autorin und die Genesis besser keine Rolle beim Lesen spielen.

Ein kleines Meisterwerk – dennoch würde ich es ob seiner Seltsamkeit nicht jedem und jeder empfehlen.

§

Welch ein Verlust:
“Trauer um Musikkabarettistin Burgi Well von den ‘Wellküren'”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. September 2023 – Langweiliger Sommersonntag, aber halt Mitte September

Montag, 11. September 2023 um 6:35

Nachtschlaf eher unruhig, immer wieder hörte ich draußen laute Leute, wachte also ein bisschen auf. Doch nach fünf schlief ich nochmal tief ein und das bis halb acht.

Wieder ein herrlicher Balkonkaffee, ich komme dieses Jahr auf eine Rekordzahl – trotz Auslandsabwesenheit in der hiesigen Hitzephase Juni/Juli. Ich schwankte zwischen Sommersattheit und dem Bangen vor einem nahen kalten Herbst.

Nach ausführlichem Bloggen (ich hatte am Vorabend keine Lust gehabt und musste bei Null anfangen, also Sichtung und Benennung der Fotos) war es schon halb elf.

Ich hatte mich sehr auf einen Isarlauf gefreut, in echtem Sommerwetter schlüpfte ich nochmal in kurze Hosen und Träger-Oberteil. Nach wenigen Metern Radeln drehte ich um und holte doch die Luftpumpe für den Vorderreifen, der mangels Luft auf der Straße schwamm.

Die Strände der Isar waren voller Menschen, in der Isar wurde gebadet, auch andere nahmen diese Nachspielzeit des Sommers mit voller Kraft mit.

Sommer hieß aber auch Hitze, ich lief ab Tierpark lieber im Schatten am Ostufer. Um mich reichlich Radelnde, den schönen Pfad im Wald überließ ich lieber den Mountainbikern.

Zunächst fühlte sich das Laufen etwas mühsam an, links überm Po war irgendwas verklemmt, das sich bis zur Schulter zog. Doch ich kam in einen angenehmen Fluss und genoss die anderthalb Stunden.

Zurück kreuzte ich die Großhesseloher Brücke und lief über die Floßlände zum U-Bahnhof (Semmelkauf). So sah ich überrascht: Das Freibad Maria Einsiedel war noch in Betrieb.

Zurück daheim nach zwei großen Gläsern Wasser zunächst Körperpflege inklusive Pediküre (gna). Nach Langem rasierte ich meine Beine (es waren keine Wachs-Termine frei vor meiner Oktoberfestflucht), schnitt mich gleich mal wieder monumental, einer der Schnitte (Blutschwämmchen) beschäftigte mich bis abends.

Frühstück kurz nach halb drei: Zwei Körnersemmeln mit Käse und Ernteanteil-Gurke. Das resultierte in überraschendem Fresskoma, nach einer Stunde Kampf gegen den Schlaf legte ich mich doch hin für eine Runde Siesta.

Es hatte sich über die vergangenen Wochen ein Stapel Bügelwäsche angesammelt, den bügelte ich mit Musik auf den Ohren in zwei Stunden nieder. Kleidungsplanung für die nächste Woche, spätestens am Mittwoch soll das Wetter umschlagen.

Und schon war der Tag rum, vor dem Abendessen blieb gerade noch Zeit für Brotzeitvorbereitung (die letzte Crowdfarming-Mango, deren enorme Fasrigkeit verdarb mir die Lust auf Nachbestellung gründlich).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Mangold aus Ernteanteil als italienischen Picknick-Pie – hatte allerdings zum Aufräumen von Rumford so viel daran verändert, dass er nicht ganz so gut schmeckte wie die vorherigen Male. Nachtisch restliche Schokolade (man sieht den Boden der Süßigkeiten-Box, Alarm!).

Im Bett las ich Jenny Erpenbecks Geschichte vom alten Kind aus, bis zum Schluss sehr angetan von dem eigentümlichen Stück mit Kurzgeschichten-Struktur (u.a. keine Nebenhandlungen und -figuren).

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 9. September 2023 – Obst und Kultur am Chiemsee in Sommersonne

Sonntag, 10. September 2023 um 10:05

Erst als Herr Kaltmamsell darauf hinwies, wie leicht man an solchen Tagen gerne übersehe, dass es eigentlich schon später war als gedacht, merkte ich, dass ich tatsächlich bis acht geschlafen hatte. Bis dahin war ich von sieben ausgegangen, war sicher gewesen, dass mich das Sieben-Uhr-Läuten von St. Matthäus geweckt hatte und ich dann erfrischt und ausgeschlafen Pflanzen gegossen, Wäsche abgenommen, Morgenkaffee gekochte hatte.

Der Hinweis war wichtig, denn wir hatten an diesem Samstag eine letzte Sommerferien-Wanderung vereinbart, bevor ich Ansprüche an des Herrn Lehrers Wochenende wieder mit langem Vorlauf würde anmelden müssen.

Nochmal Morgenkaffee in herrlicher Sommermorgenluft, im Hintergrund das “OAAAAAAAHHHHRRRR!” einer gebärenden Frau – die Fenster des Kreißsaals im benachbarten Krankenhaus standen wohl wieder offen.

Geplant war der Obst- und Kulturwanderweg Ratzinger Höhe ab und nach Prien, wir wollten nach reifen Äpfeln, Birnen, Zwetschgen schauen. Zur Abfahrt an den Chiemsee mussten wir zum Ostbahnhof, auch dieses Wochenende wurde für Bauarbeiten genutzt.

Schon beim Warten am Bahnsteig spürte ich die Heizkraft der späten Sommersonne, hoffte, dass sie uns auf der Wanderung nicht plagen würde. Der Zug nach Salzburg war gut besetzt, doch alle bekamen Sessel.

In Prien nahm ich in der Bäckerei Miedl am Bahnhof die Gelegenheit für einen Mittagscappuccino wahr.

Herr Kaltmamsell erspähte in der Auslage ein Gebäck “Granatsplitter Vulkan” – als langjähriger Granatsplitterologe wollte er den dringend probieren.

Er äußerte sich sehr zufrieden, kritisierte lediglich, dass der Boden aus einer leichten Eiswaffel bestand statt aus der ordnungsgemäßen Mürbteigscheibe.

Die Wanderung selbst war ein großer Genuss. Sie führte zum größten Teil über unbeschattete Wege, doch zu meiner Erleichterung war die bereits spätsommerlich schräge Sonne erträglich. Wir schwitzten zwar, profitierten aber immer wieder von kühlender Brise. Wandersleute waren gestern wenige unterwegs, eher Ausflüger*innen mit Auto und ein paar Radsportler*innen. (Deswegen ziehen wir wochenends meist am Samstag los statt am Sonntag.)

Die Obstbäume waren zum allergrößten Teil nur übersichtlich mit Früchten behangen, die wenigen mit reicher Ernte fielen auf – es war wohl auch hier kein besonders gutes Äpfel- und Birnenjahr.

Prien, Wallfahrtskirche St. SalvatorPfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Start des Obst- und Kulturwegs mit Bienenkästen.

Die Prien.

Seit 2021 trägt der Weinberg hinter Prien seinen Namen wieder zurecht.

Bissu deutsch, mussu Waldliebe.

Hörzing.

Birnbäume vor Greimharting.

Blick von der Ratzinger Höhe auf den Chiemsee.

Blick auf die andere Seite hinüber zum Simssee.

Brotzeit gab es gegen halb drei mit Blick auf Ulperting: Pumpernickel mit Kochkäs, einen Apfel.

Nach gut vier Stunden waren wir schon in Siggenham, bis dahin war es nur noch eine halbe Stunde durchs kühle Mühltal (Hirn schaltete sofort “In einem kühülen Gruhunde” zu) nach Prien und zum Bahnhof. Da wir noch Zeit bis zur planmäßigen Abfahrt hatten, gab’s ein Apfelschorle in einer Eisdiele.

Wie gewohnt traf der Zug aus Salzburg mit reichlich Verpätung in Prien ein (und das Dach des Bahnsteigs war gerade entfernt, keinerlei Sonnenschutz). Da wir ihn nicht nur immer verspätet, sondern auch immer brechend voll kannten, gingen wir diesmal ans Ende des Zugs – und tatsächlich: Hier gab es Platz, das merken wir uns für künftige Chiemsee-Ausflüge.

Es fuhren viele Bayern-Cosplayer*innen mit, wir kamen durch Rosenheim mit seinem Volksfest. Auch dieses Jahr an den Burschen und Männern zu beobachten: Die Zeit der umgearbeiteten Tischdecken in rot-weißem Karo sind vorbei, man trägt Weste zur Lederhose, drunter von Hemd bis T-Shirt, offensichtlich egal.

Mit nur wenigen weiteren Bahn- und S-Bahn-Unbillen waren wir noch vor sieben zurück daheim, Herr Kaltmamsell nahm die Mühen der Nachtmahl-Zubereitung auf sich.

Ich war lediglich für Getränke zuständig und mixte uns als Aperitif einen Martini mit Kakao-Gin und Kakaobohnensplittern.

Die Ernteanteil-Aubergine und drei Ernteanteil-Tomaten waren wundervolle Pasta Norma geworden, dazu gab’s Rosé Pittnauer Dogma. Nachtisch Süßigkeiten.

§

Sasha Göbels weist auf ein Detail der Akzeptanz von trans Menschen hin, das ich bislang übersehen habe:
“The problem with ‘passing'”.

Sie erklärt erstmal:

Passing is, when the gender you are presenting as (and which might not be the one you were assigned at birth) isn’t questioned by strangers. Example: you are a trans women and everyone you meet perceives you as a woman and never questions this.

Meine Übersetzung: “Passing [Anmerkung: das Wort wird meines Wissens auch auf Deutsch verwendet] ist, wenn das Geschlecht, das du darstellst (und das möglicherweise nicht dem entspricht, das dir bei Geburt zugeordnet wurde), von Fremden nicht angezweifelt wird. Beispiel: du bist eine trans Frau und niemand, denen zu begegnest, stellt das in Frage.”

Ihre Perspektive ist zwar die der Trans-Community, doch mir wurde klar, dass das selbstverständlich auch außerhalb gilt: Ob das Aussehen eines trans Manns oder einer trans Frau meinem verinnerlichten Klischee-Bild von “Mann” oder “Frau” entspricht, sollte irrelevant sein. Trans Männer sind Männer, trans Frauen sind Frauen, Punkt. (Schließlich erhebe gerade ich schon immer den Anspruch, dass meine Weiblichkeit bitteschön völlig unabhänging von meinen Körperformen, meinem Auftreten oder Styling ist.)

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 8. September 2023 – Wenn Verwandtschaft sich mag

Samstag, 9. September 2023 um 9:17

Wieder eine Stunde zu früh aufgewacht, die Müdigkeit wird sich summieren.

Fortgesetzte Unruhe über den nächsten Termin als Schöffin: Ich war laut Terminliste für nächsten Mittwoch eingeteilt, hatte aber weder Absage noch Ladung erhalten. Wie bereits erwähnt funktioniert die Postzustellung bei uns im Haus derzeit nicht zuverlässig, ich musste von einem verlorenen Schreiben ausgehen. Doch am Donnerstag war ich telefonisch nicht bei der Schöffenstelle im Amtsgericht durchgekommen; als das auch gestern so war, schrieb ich eine E-Mail. Zum Glück bekam ich schnell Antwort: Es war eine “Abladung” an mich geschickt worden, kam halt nie an.

Das neue 501-Outfit trug ich gleich mal in der Arbeit. Dass dieses Hosenmodell geknöpft wird und nicht reißverschlossen ist, war mir immer schon bewusst. Noch nervte das bei Klogängen nicht (häufig, weil viel, viel Tee). Wie die Verkäuferin angekündigt hatte, wurde die Jeans über den Tag weiter (meine Güte, ich habe schon lange keine altmodische Jeans aus 100 Prozent Baumwolle getragen), rutschte langsam auf die Hüften. Sie wird also doch die Wohnhose, die ich mir erhofft hatte, frisch fühlte sie sich an einigen Stellen recht stramm an, ich musste der Verkäuferin vertrauen – Fachpersonal, so wertvoll! (Ihre Kollegin war es, die mir den Trick mit den umgeschlagenen T-Shirt-Ärmeln zeigte). Mit den großen Taschen muss ich erstmal umgehen lernen: Passt schon ordentlich was rein, muss dann aber auch wieder rausgehangelt werden. Ich war überrascht, wie viel Freude ich aus einer blöden Hose schöpfte. (Über deren Kauf ich anderthalb Jahren lang nachgedacht hatte.)

Das mit der nachgeholten Jugend beschäftigte mich noch eine Weile. Bei anderen sehe ich jenseits der Lebensmitte den Kauf großer Mengen teurer Lego-Bausätze, die sie als Kinder nicht bekommen haben. Den von Motorrädern, die sie sich mit Anfang 20 nicht leisten konnten. Von umfangreichen Sound-Anlagen aus demselben Grund. Und ich bin gerührt, wie haltbar manche Sehnsüchte sind.

In dieser Hinsicht war ich möglicherweise früh vollendet: Schon in meinem Volontariat ab 19 erfüllte sich der Kindheitstraum, dass ich mir jedes Buch kaufen konnte, das ich lesen wollte. (Was selbst bei knappster Kasse so blieb, denn ich war ja kein Kind mehr und niemand konnte mir dreinreden, wofür ich mein letztes Geld ausgab.)

Raus auf einen guten Mittagscappuccino durch die warme Sonne.

Mittagessen Schokolade 100% mit Kakobohnensplittern (also Gemüse), Mango mit Sojajoghurt.

Nachmittags ordentlich zu tun, ich arbeitete auch auf einen überpünktlichen Feierabend hin: Verabredung mit Herrn Kaltmamsell’scher Verwandtschaft in Augsburg. Es waren nämlich der Kusin von Herrn Kaltmamsell aus USA samt Gemahl auf Europa-Besuch und jetzt dort, eine Berliner Kusine hatte deshalb auf dem Rückweg vom Italienurlaub ein paar Tage Zwischenstopp in Augsburg eingelegt, und die ohnehin in der Gegend wohnende Verwandtschaft aus dieser Generation (z.B. Herr Kaltmamsell und ich) nutzten das für ein Treffen.

Problemlose Anreise mit Regionalbahn, ich stieg nach Langem mal wieder am Augsburger Hauptbahnhof aus: seit vielen Jahren Baustelle, Ende immer wieder neu terminiert, tatsächlich nicht absehbar. Im nahe gelegenen Biergarten der Riegele-Brauerei stieß ich auf die besagte Verwandtschaft und freute mich sehr. Ohnehin erfrischt mein Herz, dass sich diese “Enkelgruppe” (so der Whatsapp-Name), deren Eltern sich zum Teil über Kontinente verstreut hatten, schlicht mag, immer wieder weite Wege für Feiern und Treffen auf sich nimmt – nachdem die vorherige Generation immer weniger wird, hätten sich diese Verbindungen ja auch lösen können. Nächster Termin wird die Feier eines 50. Geburtstags Ende September in Berlin sein.

Wir hatten einen schönen Abend in für die Jahreszeit zu warmer Luft, mein Abendessen war eine ganz wunderbare Schweinshaxe mit saftigem, zarten Fleisch und mürb-knuspriger Kruste samt Knödel und einigen Radler-Halben.

Vor der Rückfahrt gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell hatte ich noch Zeit, Nachtisch beim McDonald zu holen (die nahegelegene Eisdiele war bereits geschlossen): Frozen Joghurt mit Karamellsauce und Oreo-Bröseln, gut, aber bisschen viel. Die Rückfahrt selbst zog sich dann: Wie der Fahrer erklärte, hatte man eine Güterzug-Lok vor unsere Regionalbahn aufs Gleis gesetzt, nach ohnehin verspäteter Abfahrt konnte unsere Bahn dahinter nur langsam fahren. Überholung erst kurz vor München möglich.

In Bett wenig vor Mitternacht, wie so Leute mit Sozialleben.

§

@aniella ist gerade durch Teile Japans gereist und hat auf instagram berichtet. Unter ihren Stories-Fotos ist eines, das mich besonders entzückte – es könnte so ähnlich über meinem Blog hier hängen.

Mit freundlicher Genehmigung der Fotografin (danke!).

die Kaltmamsell