Schlechte Nacht wie zu schlechten Menopausen-Zeiten: Nur leichter Schlaf, immer wieder aufgewacht, geschwitzt. Am Morgen aber registrierte ich lediglich vermehrtes Rotzen; ich fühlte mich nicht krank, trank weiter magisches heißes Ingwerwasser.
Weil ich zum Isarlauf die U-Bahn nehmen wollte, sicherte ich mich aber doch mit einem Test ab.
Corona-Selbsttest 1 erzeugte ein ungültiges Ergebnis (kein Controll-Strich).

Der zweite Test mit anderem Produkt – einen leichten aber dann doch eindeutigen zweiten Strich.

Zefix.
Also erstmal die Bestürzung veratmen. Dann Buchung PCR-Test, in München einfach über https://www.corona-teststelle.de/. Die mir nächstgelegene Teststelle Verkehrszentrum Deutsches Museum ist ebenso wie die am Deutschen Museum auch am Wochenende geöffnet, nach Duschen und Anziehen ging ich (mit Maske) dorthin. “Symptome und positiver Selbsttest” reichten für Kostenfreiheit. Was mich überraschte: Das Testpersonal beim Rachenabstrich trug nur mittelgut sitzende FFP2-Masken und Einweg-Handschuhe, keine Plastikvisiere vorm Gesicht.

Daheim wartete ich aufs Ergebnis mit leiser Angst vor Leiden, leiser Angst vor langer Krankheit, leiser Angst vor Folgen der Infektion – Corona ist halt weiterhin die große Unbekannte, seriöse Forschung ist immer noch am Datensammeln und Vermuten. Ich dachte nach, wen ich am Donnerstag und Freitag in der Arbeit infiziert haben könnte (während ich in Geschäften weiterhin konsequent FFP2-Maske trage, wenn auch meist als eine von nur ca. 5 Prozent, bin ich in der Arbeit nachlässig geworden, weil die Büros und Korridore meist leer sind). Kein Nachdenken hingegen, wo ich mich infiziert haben könnte, weil müßig.
Die Isolation in der Wohnung (Herr Kaltmamsell war zwar bereits infiziert und ist wie ich viermal geimpft, aber mittlerweile wissen wir ja, dass Mehrfachinfektionen möglich sind und dass man jede Infektion vermeiden möchte) lösten wir so, dass Herr Kaltmamsell in seinem Zimmer bleibt, da gibt es Bett, Sessel, Schreibtisch samt Computer, Bildschirm und Bürostuhl. Und dass er bei Verlassen seines Zimmers Maske trägt, ich dann auch eine aufsetze (nicht wirklich Aerosol-konform). Denn in meinem Zimmer gibt es nur Bett, darin ist Isolation nur bei Bettlägerigkeit machbar.
Lesen. Zu Mittag aß ich einen großen Teller Okroschka vom Vorabend, ein großes Stück Käsekuchen.
Nachmittags das Ergebnis des PCR-Tests: Positiv, zefix.
Also gab ich per E-Mail in der Arbeit Bescheid, dass ich nächste Woche von daheim arbeiten muss (wenn die Erkältungssymptome nicht schlimmer werden, bin ich ja arbeitsfähig), dass ich die derzeit vielen Tätigkeiten, die ich nur im Büro erledigen kann, wegorganisieren würde. Solange ich noch fit war, radelte ich mit Maske im milden, jetzt sonnigen Sommertag zum leeren Bürohaus und holte meinen Rechner samt Peripherie.
Daheim Einscannen des Positiv-Ergebnisses in der Corona-Warn-App, damit andere App-Nutzer, die sich in riskanter Nähe befunden haben, gewarnt werden – auch das problemlos. Den bereits einmal verschobenen Pediküretermin nächste Woche nochmal verschoben. Seufzend selbst die verhasste Pediküre gemacht. Langsame innere Beruhigung.
Mein Internet klammerte sich empört an ihre Perlenketten zu diesem Vorschlag der New York Times: Iced Einspänner. Doch zum einen las sich die Mischung aus Zucker und Salz in der Sahne sehr attraktiv, zum anderen profitieren alle traditionellen österreichischen Kaffeespezialitäten von einer Umarbeitung.

Schmeckte ganz ausgezeichnet nach Salzkaramell. (Herrn Kaltmamsell stellte ich wie schon während seiner Corona-Erkrankung seine Portion auf ein Tischchen vor sein Zimmer.)
Über den Nachmittag schwand meine Stimme immer weiter, aber das tut ja nicht weh. An der Seuchen-Isolation fürchte ich mich vor allem vor tagelangem Bewegungsmangel. Gestern konnte ich ja noch zum PCR-Test gehen, am späten Nachmittag ein wenig Yoga machen.
Zum Abendessen briet Herr Kaltmamsell Chinakohl aus Ernteanteil mit Tofu-Würfeln und Tofu-Krümeln chinesisch scharf (Chilli, knuspriger Sechuan-Pfeffer). Das Gericht schmeckte sehr gut, aber den Tofu von Taifun kaufen wir nicht nochmal: muffig-sauer (ich weiß jetzt halt, wie gut Natur-Tofu schmecken kann).
Und dann stach mich auch noch eine Wespe. Ernsthaft? Ernsthaft. Ich bewegte unterm Tisch meinen nackten Fuß im Pantoffel (uraltes Birkenstock-Modell Madrid), als mich etwas sehr schmerzhaft in die linke Mittelzehenwurzel stach. Ich quietschte und sprang auf, sah erst kein Stechtier, fürchtete bereits erste neurologische Corona-Schäden (nicht ernsthaft), doch vor der offenen Balkontür drückte sie sich noch herum, die blöde Wespe. Ich warf sie raus.
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Am Freitag war das aktuelle Heft Geo Epoche eingetroffen: “Der spanische Bürgerkrieg”.

Ich hatte es auf eine Twitter-Empfehlung impulsgekauft; auf den spanischen Bürgerkrieg hatte ich einen Schwerpunkt meines Nebenfach-Geschichtsstudiums gelegt, mich schon davor aus familiärem Hintergrund dafür interessiert und Einiges gelesen.
Etwas naiv hatte ich mir von diesem Heft Einblick in den aktuellen Forschungsstand unter anderem zu einem Aspekt erhofft, zu dem ich im Studium nicht weit gekommen war: Die Rolle der katholischen Kirche im spanischen Bürgerkrieg. Als ich mich 1995 zu diesem Thema auf meine Magisterprüfung vorbereitete, waren praktisch alle Primärquellen im Vatikan unter Verschluss. Naiv, weil es sich bei Geo Epoche ja nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelte, Forschungsstand war natürlich kein Thema. Doch insgesamt war ich positiv überrascht: Die Kapitel, die anhand bestimmter Ausschnitte und Themen die Ursprünge, den Verlauf und die Folgen des spanischen Bürgerkriegs beschreiben, sind gut ausgesucht, sauber aufbereitet, geben Hinweise zur Vertiefung, meiden reißerische Aussagen, unterscheiden immer wieder – wenn auch nicht konsequent – zwischen gesicherten und ungesicherten Beschreibungen/Behauptungen.
Als Illustrationen griff die Art Direction auch zur bildenden Kunst, in Zwischenkapiteln wurden wichtige Frauenbiografien lebendig, die Redaktion schilderte Auseinandersetzung mit Begrifflichkeit (erklärte zum Beispiel, warum Franco hier in der Phase des Bürgerkriegs nicht als “Faschist” bezeichnet wird). Hin und wieder tauchte die katholische Kirche durchaus auf, am Rand der Kapitel zu anderen Themen, am deutlichsten in dem zu den gestohlenen Kindern. Und im Abschluss-Interview mit dem spanischen Historiker Carlos Collado Seidel fällt dann auch der Fachbegriff der “zwei Spanien”, “las dos Españas”, den ich bis dahin vermisst hatte. Empfehlung! (Ein Kapitel über die katholische Kirche wäre trotzdem gut gewesen. Der Franco als Lohn für ihre Unterstützung unter anderem das gesamte Schulwesen in Spanien überließ – mit Folgen bis zum heutigen Tag.)
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Wie eine Python einen Baum hoch…schlingt. 
die Kaltmamsell