Journal Donnerstag, 9. Dezember 2021 – Langweiliger Donnerstag

Freitag, 10. Dezember 2021 um 6:18

Das dritte Aufwachen in der Nacht hatte dann mal eine neue Ursache: Beim Platzieren des alten Weckers, der nur zum nächtlichen Ablesen der Uhrzeit dient, hatte ich eine Taste gelöst, um halb fünf klingelte er mich wach.

Früher Aufbruch in die Arbeit, bei kompletter Dunkelheit (ahhhh Dezember). Vom Himmel fiel Schneematsch, der ziemlich rutschigen Untergrund verursachte.

In der Arbeit einen Jahresend-Klops abgearbeitet, der mir an künftigen Jahresenden hoffentlich erspart bleibt. Außerdem durch einen anderen Job viel über individuelle Führungskultur und -prioritäten gelernt.

Mittags gab es die restlichen Linsen von Montagabend (in der Mikrowelle erhitzt) und eine Birne.

Ich hatte Sportzeug dabei und für den Feierabend einen Schnelltest-Termin auf dem Weg zum Sportverein vereinbart. Doch über den Nachmittag verließ mich jegliche Lust auf das geplante Crosstrainer-Strampeln. Zumindest war ich so zu pünktlichem Feierabend gezwungen, nach dem ich in einem der beiden (!) Testzentren auf der Theresienwiese (Achtung, ausgeschildert ist nur der PCR-Test, ich musste mich durchfragen – und die Wegführung durch Metall-Bauzäune hat auf der winterdunklen Theresienwiese starke Hänsel-und-Gretel-Vibes) meinen Schnelltest-Termin wahrnahm.

Unterwegs Brotzeit-Einkäufe, daheim Yoga.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den Pakchoi aus eben geholtem Ernteanteil mit Sojabrösel, Reis und Ei in ein köstliches Pfannengericht verwandelt. Danach viel Weihnachtssüßigkeiten.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 8. Dezember 2021 – Tag 1 nach Angela Merkel

Donnerstag, 9. Dezember 2021 um 6:17

Wieder gut geschlafen, hätte gerne länger sein dürfen.

Draußen war der Boden trocken. Ich konnte fürs Büro Turnschuhe anziehen: In der Arbeit würde ich gestern viel laufen müssen. Vorm Haus hörte ich wie schon in den Tagen davor Amselflöten, das doch eigentlich erst nach dem Winter beginnt. Und aus Wiesbaden wurde gestern Rotkehlchengesang gemeldet: Möchte uns die Vogelwelt aufmuntern durch vorgezogene Frühlingsweisen – oder ist das schon wieder die Apokalypse?

In der Arbeit große Online-Infoveranstaltung zu einem wichtigem Thema, doch parallel musste ich wegen eines Jobs durchs Haus laufen.

Spätes Mittagessen nach diesem Job: Apfel, Joghurt-Sahnequark-Mischung mit dem letzten Rest flüssigem Orangen-Flammeri – der sich ausgezeichnet zum Aromatisieren eignete.

Nachmittags aß ich gegen das Magenknurren zwei große Plätzchen aus dem Kollegenkreis, die ich am Dienstag geschenkt bekommen hatte. Danach war mir auch gar nicht mehr schwindlig, ich hatte wieder Lust, meinen Plan eines weiteren Geschenkeeinkaufs umzusetzen. Also marschierte ich nach der Arbeit in die Fußgängerzone, in einsetzendem nassen Schneefall. Ich bekam ein weiteres Weihnachtsgeschenk und machte erste Bekanntschaft mit der gestern eingeführten 2G-Regel im Einzelhandel (außer lebensnotwendige Dinge wie Lebensmittel).

Zu Hause eine Runde Yoga mit Umpf.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell mürbe Äpfel aus Ernteanteil erhitzt, Kartoffeln aus Ernteanteil als Pü – und Blutwurst. Zu meiner besonders großen Freude hatte er welche gefunden, die ordentlich Speckwürfel enthielten – ich hatte schon befürchtet, dass das Streben der Metzgereien nach einem “gesunden” Angebot diese endgültig vertrieben hätten.

Abendunterhaltung: Das RTL-Special zum verstorbenen Mirco Nontschew.

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Nach 16 Jahren ist Angela Merkel seit gestern nicht mehr Bundeskanzlerin. Anders als offensichtlich viele kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie sie den heutigen Tag danach wohl verbringen wird – ich kann mir ja auch nicht vorstellen, wie man 16 Jahre lang derart bescheuert viel arbeiten kann. Von ihr Abschied genommen und von der politischen Kultur, die mit ihr geht, habe ich ja schon bei der Ankündigung ihres Rückzugs. (Zur Sicherheit: Mit sehr, sehr vielen ihrer politischen Entscheidungen und Ausrichtung bin ich nicht einverstanden, vor allem die Landwirtschafts- und Klimapolitik haben ihre Regierungen in meinen Augen gründlich verkackt.) Wirklich rührend fand ich das Abschiedsfilmchen von Emanuel Macron.

Und nun zur Nachfolgeregierung.

Wie twitterte @Buddenbohm gestern: “Heute viel Freude an der Demokratie.”

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Werbung für Impfen, Volltreffer vom Zentralrat der Juden.

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Wenn wir mit einem Flugzeugnotfall so umgingen wie mit der Pandemie oder der Klimakatastrophe.

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https://youtu.be/UB5TVho53AA

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 7. Dezember 2021 – Durchgeackert

Mittwoch, 8. Dezember 2021 um 6:23

Schlaf mit nur einer Unterbrechung, doch der Wecker brauchte mehr als fünf Minuten, bis ich auf ihn reagierte (mein Hirn so: “Hahaha, ich träume schon wieder, dass der Wecker klingelt. Netter Versuch!”).

Der erste Blick nach draußen zeigte Schneelandschaft mit Schneefall, Herr Kaltmamsell machte sich als S-Bahn-Pendler vorsichtshalber eine Viertelstunde eher auf den Weg. Auf meinem Arbeitsweg hatte der Schneefall aufgehört, es wurde eifrig geräumt – und dadurch ganz schön glatt.

In der Arbeit nutzte ich einen unaufmerksamen Moment, um einen besonders unangenehmen und komplizierten Klops anzupacken. Während ich Tickets gegen die technischen Probleme dabei aufgab, suchte ich in der Vergangenheit des Themas nach Lösungshinweisen. Ehe ich mich versah (und trotz einiger völlig anders gelagerter Querschüsse), war Mittag.

Mittagessen: Apfel (Ernteanteil), Hüttenkäse, Granatapfelkerne.

Dann weitergeackert und sehr, sehr viel weggeschafft – davon das meiste nur in Präsenz zu erledigen, und vieles davon ermöglichte Teammitgliedern, von daheim zu arbeiten. Ich jonglierte mit so vielen verschiedenen Themen, dass ich bei einem externen, unbekannten Anruf kurz vor fünf nur mit Anstrengung die Konzentration für eine professionelle Meldung aufbrachte. (War dann ein vertrauter Dienstleister, der über mein Gestammel herzlich lachte.)

Bei Feierabend war ich so erledigt, dass ich mich schier nicht zum Heimgehen aufraffen konnte.

Letztendlich natürlich doch. Heimweg über Lidl (da gibt’s einfach großartig schweinische Weihnachtssüßigkeiten, unter anderem Mini-Marzipan-Butterstollen mit Schokoladenüberzug – Weihnachts-Cakepops!) und Vollcorner (Birnen und viel Feldsalat – Herr Kaltmamsell hatte sich Feldsalat zum Abendessen gewünscht).

Zu Hause erst mal eine Runde Yoga, tat gut. Dann putzte ich ziemlich lang den Feldsalat, der lang nicht so schön war wie unserer aus Ernteanteil – viele angefaulte Blättchen. Es gab ihn mit Granatapfelkernen nach einem Teller Linsensuppe von Herrn Kaltmamsell. Nachtisch waren schweinische Lidl-Weihnachtssüßigkeiten.

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München arbeitet nach Jahrzehnten wieder an einem Stadtentwicklungsplan, dem Stadtentwicklungsplan 2040. Jetzt ist die Phase Bürgerbeteiligung gestartet: Man kann priorisieren, kommentieren, Ideen abgeben.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 6. Dezember 2021 – Geschenkekauf nach Feierabend

Dienstag, 7. Dezember 2021 um 6:29

Wieder bis halb fünf durchgeschlafen (super!), danach nochmal eingeschlafen (super!).

Nach dem Aufstehen der GAU bei der Einlagerung der sonntags gebackenen, jetzt ganz abgekühlten Christstollen: Es war zu wenig Alufolie zum doppelten Einwickeln im Haus. Da krähe ich jedes Jahr, dass Stollenbacken in Wirklichkeit eine Verschwörung der Alufolien-Industrie ist, und dann arbeitet nicht mal die Weltverschwörung zuverlässig. Ich stellte das Blech mit dem einen gar nicht und dem anderen unzureichend eingewickelten Backwerk auf die Küchen-Hängeschränke, damit sie dem Putzmann nicht im Weg waren.

Den morgendlichen Milchkaffee servierte ich Herrn Kaltmamsell mit Schoko-Nikolaus (siehe Datum), meiner stand vor der Wohnungstür.

Nachdem eine Zeit lang morgens immer eine Süddeutsche mehr als Abos im Haus vor den Briefkästen lag, gab es gestern wieder gar keine. Gleicht sich wahrscheinlich über die Zeit aus.

Draußen lustloser Schneeregen. Für den Weg in die Arbeit erwischte ich eine Pause und blieb trocken. Das war Dussel, den ein genauerer Blick beim Wechseln meiner Schneestiefel zu Büroschuhen zeigte sich deutlich lösende Klebenähte an der Sohle – nach fast 20 Jahren Tragen. Oh je, solche warmen Kunstfell-Stiefel mit dicker Sohle und geeignet für schnelles Rein- und Rausschlüpfen hat man derzeit überhaupt nicht, Ersatz wird schwierig werden.

Viel kleinteilige Arbeit in der Arbeit.

Mittags gab es das letzte Stück Empanada vom Freitag und einen Apfel. Ich buchte einen Schnelltest-Termin für Donnerstag nach Feierabend, damit ich abends im Verein eine Stunde auf den Crosstrainer kann: Einlass wie im Dantebad nur geimpft oder genesen – und getestet.

Nach Feierabend ließ ich offen, ob ich noch zum Weihnachtsgeschenkekaufen gehen würde – nur wenn mir das Gehen gefiel. Das tat es in der fast frostig kalten, aber klaren Luft, also marschierte ich bis zum Marienplatz für Geschenke, die ich lieber im Laden aussuchte. Die Fußgängerzone war fast so belebt wie am Samstag.

Daheim wartete ausreichend Alufolie auf mich (Herr Kaltmamsell hatte die Einkaufsliste abgearbeitet), ich konnte die Stollen einwickeln. Außerdem entkernte ich einen Granatapfel für die nächste Brotzeit.

Zum Nachtmahl linderte Herr Kaltmamsell den Bratwurstmangel, der sich durch das Fehlen der Christkindlmärkte ergeben hatte: Er servierte Bratwürste (je eine rote und weiße) mit Kartoffelpü (Ernteanteil) und Ofenkarotten (Ernteanteil) sowie Zwiebelsauce. Zum Nachtisch reichlich Süßigkeiten.

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Mittags in der Süddeutschen (Abteilungsexemplar) entdeckt: Der Bayerische Heimatverein hat einige Dutzend Fotos von Bauernhäusern und anderen markanten Gebäuden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts online gestellt, die sich bislang nicht identifizieren lassen und bittet um Hilfe:
“Kennen Sie dieses Haus?”

Ist ja auch citizen science, die Fotos lohnen das Durchklicken aber auch ohne Wurzeln in dieser Gegend.

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“150 Unternehmen ändern Markenclaims für größte Impfkampagne aller Zeiten”.

Come impf and find out ist schon schwer zu toppen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 5. Dezember 2021 – #WMDEDGT

Montag, 6. Dezember 2021 um 6:35

Es war der 5. des Monates, ich hatte einen Tag ohne Arbeitsgeheimnisse, also kann ich mich an Frau Brüllens #WMDEDGT (Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag) beteiligen.

Von wegen Yoga macht stark: Schon beim Aufwachen um halb sieben (nach siebeneinhalb Stunden Durchschlafen! so schön!) spürte ich ordentlich Muskelkater im Po aufziehen. Apropos ziehen: Frischen Hausanzug angezogen, Bett abgezogen, Waschmaschine gefüllt.

Es war ja noch ein paar Stunden dunkel, also Lampen im Wohnzimmer angeschaltet, Milchkaffee für Herrn Kaltmamsell und mich gemacht. Auch diesen Winter schäumt eine sonst immer gut schäumbare Milch auf einmal nicht mehr: die Bio-Eigenmarke vom Rewe, Vollmilch “traditionell hergestellt”. Kein Erklärungsansatz für die Schäumbarkeit von Milch (Eiweißgehalt, Fettgehalt, Temperatur) hat mich bisher überzeugt: Gibt es ausgerechnet dazu keine sauberen Versuchsreihen, sondern nur Theorie?

Über Milchkaffee und einem Glas Wasser gebloggt, mit einer großen Tasse Tee Twitter nachgelesen. Dazwischen Wäsche versorgt.

Gegen zehn machte ich mich mit Zähneputzen und Katzenwäsche fertig für eine Laufrunde, die erste mit Handschuhen. Plan war, über den Südfriedhof zur Isar zu spazieren und an der Wittelsbacherbrücke loszulaufen, doch es war in meiner Laufkleidung (wie hier) zu kalt zum Spazieren: Ich joggte schon auf dem Südfriedhof los.

Jetzt, wo ich wieder Isarlaufen kann, sah ich selbst die Winterbader, von denen ich bislang nur las (ist wohl während der Corona-Schließungen eine Bewegung geworden). Am Flaucher war es gleich eine etwa Dutzend-köpfige Gruppe.

Keine weiteren Fotos, weil der Akku des Handy in der Kälte wieder schlapp machte. Laufen ging gut, fühlte sich in der ersten Hälfte aber anstrengend an. Ich trabte am Ostufer bis zu Maria Einsiedel, kreuzte die Isar, lief um den Hinterbrühler See, über Flaucher und Westseite der Isar zurück zur Wittelsbacherbrücke. Das waren anderthalb Stunden ohne irgendwelche Probleme, weder mit Hüfte noch mit Achillessehnen – ein Geschenk.

Nach dem samstäglichen Regen waren die Wege allerdings ausgesprochen Herbstlaub-matschig.

Ich kaufte Semmeln beim Wimmer in der Westermühlstraße und spazierte heim. Jetzt war ich ziemlich durchgefroren: Ich ließ mir das zweite Vollbad überhaupt in der neuen Wohnung ein – das ist halt nur mittel-attraktiv, wenn der Heizkörper im Bad nicht funktioniert. War dann ok.

Zum Frühstück gab’s zwei Semmeln, außerdem die letzten beiden kleinen Orangen aus der Crowdfarming-Lieferung und eine Banane.

Der Nachmittag gehörte dem Stollenbacken, zweite Runde. In den Geh- und Backzeiten bügelte ich (mein Muskelkater führte inzwischen zu lustigem Watscheln). Und bei all dem hatte ich Musik auf den Ohren, wieder den hochinteressanten Brudefamilien-Mix auf Spotify. Dabei Nachdenken über Weihnachtsgeschenke, ich hatte Ideen (und Beratung auf Twitter, aber leider gibt es wohl wirklich keinen menschlichen Bauchinnenraum aus Lego, auch keine Monopoly-Variante “Deutsches Gesundheitssystem” – sad).

Blumengießen, Bettüberziehen. Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell, es gab Schaschlik.

Und zum Nachtisch den Orangenflammeri – der mit fünf Gramm mehr Stärke nicht nur nicht fest, sondern sogar Sauce geworden war, ein Rätsel.

Wir löffelten ihn halt aus den Förmchen. Und schoben noch ein wenig Schokolade nach.

Fernseher aus, sonntagabendliches Computer-Backup auf externe Festplatte.

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Als am Samstag auf Twitter #MircoNontschew trendete, fürchtete ich lediglich, dass sich wieder ein Promi fürs Querdenken stark machte. Doch es war schlimmer: Mirco Nontschew war gestorben.
Ich war in den 90ern überrascht und hatte mich darüber gefreut, dass ein junger deutscher Komiker physical comedy machte, also Gaudi bloß mit Körper und Gesicht – das war und ist in unserem Kulturkreis selten. (Und ich erinnere mich, dass an genau seinem Beispiel Herr Kaltmamsell und ich unterschiedliche Geschmäcker erkannnten: Er mag physical comedy nicht.) Ein schöner Nachruf in der Zeit.

§

Wieder bei Crocodylus gefunden:
“Warum die rührselige Armuts-Doku im ORF einfach nicht gut genug ist”.

Viele Beschreibungen aus Österreich sind auf Deutschland übertragbar.

In einer Szene besucht die Journalistin eine alleinerziehende Mutter und deren Sohn zu Hause im Gemeindebau. Was er sich denn zu Weihnachten wünsche? “Nicht viel, eigentlich gar nichts,” antwortet der Bub. Die Journalistin besteht auf einer Antwort: Wenn er was auf seinen Wunschzettel schreiben müsste? Da muss er schon darüber nachdenken, sagt er. Eine kurze Nachdenkpause, trotzdem, der 12-Jährige bleibt bei seiner Antwort. Er hat keinen Wunsch. Die Journalistin ist überrascht und lacht: “Du wünscht dir nichts zu Weihnachten? Na, du bist aber wirklich bescheiden!” Nein, möchte ich ihr zurufen, schreien will ich es. Der Bub ist nicht bescheiden, der Bub ist arm.

Wer als armes Kind geboren wird, weiß um die Last, die die Eltern tragen. Die Last ist unsichtbar, sie wird nicht ansprochen, nie erklärt, nicht in Worte gefasst. Ein armes Kind weiß davon, wie es weiß, dass der Himmel blau oder Wasser nass ist. Die Armutslast der Eltern ist so naturgesetzlich wie die Schwerkraft. Jedes arme Kind hat den Wunsch, dass die Mama, der Papa nicht mehr arm sind. Und nicht, weil dann das Paradies ausbricht, und man mehr Spielzeug bekommt, als man in sein winziges Kinderzimmer stopfen kann. Nein, weil es den Eltern eine Last nehmen will.

(…)

Dabei wollen alle Eltern das Beste für Ihr Kind. Für die einen bedeutet das, Babyschwimmen besuchen, musikalische Früherziehung buchen, Lebkuchenhaus basteln. Die anderen hängen nach der Schicht noch ein paar Stunden dran, fahren Nachtschicht, gehen am Wochenende rein, die Zulage ist wichtig, die Kinder brauchen Winterschuhe. Die sind jetzt dringender als die Zeit, die man braucht um bei der Hausübung helfen zu können.

Mir bleibt immer wieder die Spucke weg, wenn Privilegierte (wie ich) kein Mitgefühl aufbringen können und achselzuckend darauf verweisen, wie viele Hilfsangebote und -gelder es vom Staat gibt. Offensichtlich können sie sich nicht vorstellen, dass das Wissen um diese Angebote zu vielen Armen überhaupt nicht durchdringt, dass in vielen Bevölkerungsschichten die ganze Informations- und Organisationsstruktur eine andere ist. Irgendwann brachte ein Tweet diese bornierte Haltung auf den Punkt: “Wenn ICH arm wäre – wäre ich nicht lange arm.” Dabei besteht die größte Anstrengung offizieller Stellen darin, an die betroffenen Leute überhaupt ranzukommen, deshalb gibt es Sozialarbeiter*innen, Streetworker, Stadtteilzentren.

In meiner ganz kleinen Welt bin ich für Hilfe nur nah genug an zwei, drei armen Menschen: Kleine Infos im Einzelfall, Unterlagen kopieren.

§

@robicellis verpasst ihren Anschlussflug und muss die Nacht am Chicagoer Flughafen verbringen. Statt sich zu grämen, holt sie in einem Twitter-Thread alles aus dieser Nacht heraus.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 4. Dezember 2021 – Regendrinni

Sonntag, 5. Dezember 2021 um 8:16

Ich hatte mir Joggen gewünscht, doch der Tag war eisregnerisch, so stark war der Wunsch dann doch wieder nicht. Also plante ich um und zog die Sonntagsgymnastik einen Tag vor – nach sehr gemütlichem Kaffeetrinken, Bloggen, Teetrinken, Twitterlesen.

Vor dem Sport stand der Kampf mit der Übertragung YouTube zum Fernseher: Trotz lauter Ok-Meldungen funktionierte das nicht, Herr Kaltmamsell musste von seinem Handy aus übertragen, damit ich “Low Impact Cardio and Abs Workout with Warm Up and Cool Down” turnen konnte (lautes Vorlesen der Übung ist gleich die erste Atemschulung). Die Übungen waren durchwegs kein Problem, ganz offensichtlich hält mich das tägliche Yoga dafür stark genug. Zum Abschluss der Einheit kam dann die Sonne raus, eh klar. War aber ein kurzes Vergnügen, der Tag blieb greislich und regnerisch.

Herr Kaltmamsell verließ das Haus für Einkäufe: Ich schärfte ihm höchste Vorsicht ein wegen der Glätte, derzeit will man wirklich, wirklich nicht ins Krankenhaus müssen, wegen nichts. @novemberregen hat mit ihrer Mutter genau das Albtraumszenario erlebt, wegen dem ich um meine Liebsten fürchte: Ich habe keine Angst, dass sie sich mit Corona infizieren, sondern dass sie ein Krankenhaus- oder sogar Intensivbett benötigen.

Porridge-Zeit!

Dieser hier wurde mit einem Rest Chai-Gewürz zubereitet, Gewürz in Butter angeröstet, Haferflocken mitgeröstet, bis sie nussig rochen, mit Wasser aufgegossen. Dazu Orangen und Banane, ein paar Löffel Joghurt. Und zwei Hand voll Plätzchen, ich naschte den ganzen Tag über aus der Plätzchenkiste.

Ein- bis zweimal im Jahr habe ich Lust auf Filterkaffee (wenn das der einzige Kaffee im Angebot ist, schwenke ich sonst immer auf Tee um). Um den bitte ich dann Filterkaffeetrinker Herrn Kaltmamsell, der ihn mir frisch aufbrüht. Schmeckte sehr gut.

Internet- und Zeitunglesen. Aus den fast restlichen Orangen kochte ich als Sonntagsdessert den Orangenflammerie aus Katharina Seisers Immer schon vegan – mit 30 Gramm Stärke statt der 25 im Rezept angegebenen, weil er beim ersten Versuch nicht sturzfest geworden war. Bei anderen hatte er ja auch funktioniert. Das kann doch nicht daran gelegen haben, dass ich statt Glasschälchen meine Puddingförmchen aus Plastik verwendet hatte.

Auch wenn es gerade wieder heftig regnete und seit einer Stunde dunkel war, wollte ich ein wenig Frischluft (und Schritte auf meinem Zähler), in warmen Schneestiefeln und mit Schirm ging ich eine Runde raus in die Stadtmitte. Die Fußgängerzone war mitteldicht besucht, vor manchen Läden standen Schlangen (Kleidung für junge Menschen, Funktionskleidung). Durch das stramme Marschieren wurde mit endlich warm.

Kurz nach mir kam Herr Kaltmamsell zurück nach Hause: Er hatte sich sechs Monate nach seiner zweiten Impfung die Auffrischungsimpfung geholt, mit Termin im Impfzentrum draußen in Riem, vor Wochen gebucht. Laut seinem Bericht keine Schlangen, keine Wartezeit.

Das Nachtmahl war kalt: Empanada vom Vortag, Käse aus der Behelfshöhle, eine Schüssel Portulak-Salat aus Ernteanteil. Vorher als Aperitif Whiskey Sour, dazu ein Glas restlichen Rotwein vom Vorabend. Nachtisch zu viele Plätzchen.

Als Abendunterhaltung guckte ich die erste Folge der zweiten Staffel Vienna Blood aus der ZDF-Mediathek – nicht so dicht erzählt wie die erste Staffel, und für meinen Geschmack mit zu viel Musik.

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Koch-Tiktok ist super, hier:
Veganer Grünkohleintopf aus der kleinen Scheißdrecksküche von Saskia Fröhlich.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 3. Dezember 2021 – Freier Freitag mit einmal alles

Samstag, 4. Dezember 2021 um 9:00

FREI! Wie kommt es nur, dass ich früher irgendwie öfter mal dazwischen einen freien Tag hatte? Der gestrige war ja Zufall, weil ich ihn ursprünglich für die Abschlussuntersuchung Hüft-OP eingereicht hatte.

Mit Anstrengung lang geschlafen: Nach dem Aufwachen um vier und um halb sechs legte ich mich energisch nochmal hin.

Am hellen Morgen gab es Schnee.

Statt den Tag mit dem Rad zu planen, kaufte ich also lieber über die App eine Tageskarte der Münchner Verkehrsbetriebe. Woraufhin prompt die Sonne rauskam – doch die genoss ich auch ohne Rad.

Zum Beispiel beim Spaziergang zum Corona-Schnelltest: Ich wollte Schwimmen gehen, und das ist laut derzeitigen Corona-Regeln nur geimpft, genesen und mit aktuellem Testergebnis möglich, also mit 2G plus.

Während ich auf die Übersendung des Ergebnisses per E-Mail wartete, räumte ich ein wenig zwischen Kammerl und Keller, machte mich dann per Tram vom Stachus aus auf den Weg ins Dantebad. Ich freute mich auf leere Bahnen, denn zum einen war es ja ein Arbeitstag, zum anderen würden sicher nicht alle Schwimmfreundinnen und -freund die Mühe des zusätzlichen Tests auf sich nehmen. Doch schon an der Kasse wurde ich misstrauisch, denn ich musste Schlange stehen. In Umkleide und Schwimmbecken dann die Überraschung: So voll hatte ich beides im Dantebad noch nie erlebt. Anscheinend haben doch erheblich mehr Menschen als gedacht Freitagvormittag frei.

Die Sonne schien aus knallblauem Himmel, und ich startete in Rekordtempo in meine Kraulbahnen – weil ich ständig überholen musste. Zu meinem Vergnügen ging das gestern aber wunderbar: Ich hatte Kraft, und meinem beengten Nackennerv geht es derzeit so gut, dass ich sogar mit fast ideal gehobenem Kopf durchziehen konnte. Nach den ersten 1500 Metern beruhigte sich die Lage in der Schmimmbahn, ich konnte etwas entspannter kraulen und wenden, bevor es gegen Ende meiner 3000 Meter wieder voller wurde.

Nymphenburg-Biedersteiner Kanal, der vom Olympiasee zum Schloss Nymphenburg führt, unter anderem hinterm Dantebad vorbei.

Tram mit zweimal Umsteigen in die Maxvorstadt: Mein nächster Programmpunkt war nach vielen Monaten mal wieder Frühstück im Café Puck. Mein Impfzertifikat wurde gründlich mit Scan und Ausweis-Abgleich geprüft (und ohne Entschuldigung, was ich gut finde). Freude über das Wiedersehen mit der Bedienung von immer.

Zu Capuccino und Apfelschorle wählte ich Eggs Benedict mit Lachs (Alternativen wären mit Avocado oder Speck gewesen), serviert mit dem Hinweis aus der Küche, die Hollondaise sei leider ein wenig dünn geraten – schon die längere Wartezeit hatte mir verraten, dass sie hier selbst gemacht wurde. Schmeckte dann sehr gut und überraschend zitronig. Zeitungslektüre.

Mein nächster Spaziergang führte mich zu einem weiteren Unterwäschekauf; ich habe beschlossen, die deutlich zu großen BHs für andere Zeiten zur Seite zu legen und mir mehr passende zu gönnen. Ich folgte dem Tipp aus den Kommentaren in ein Schwabinger Spezialgeschäft und wurde ausgezeichnet beraten.

Heimfahrt von der Nordendstraße mit der Tram, nach kurzen Auspacken und Handy-Aufladen zog ich im weiterhin wunderschönen Wetter nochmal los.

Lebensmittelabteilung des Kaufhofs am Marienplatz (wo es tatsächlich die sonst schwer zu findenden Cocktailkirschen mit Stil gibt), Dallmayr (mit Schlange davor, aber nur wegen der stark begrenzten erlaubten Kundenzahl innen, ich wartete keine fünf Minuten), Mehlkauf in der Hofbräuhausmühle.

Den Rückweg wählte ich über den Jakobsplatz, um an der Synagoge vorbei zu kommen.

Ich finde die Chanukkia zwar weiterhin greislich (die Leuchter sehen für mich provisorisch und unfertig aus, wie noch nicht ausgepackt), freue mich aber zu jedem Chanukka an dem Anblick.

Daheim war es schon Zeit für die Abendbrot-Zubereitung, ich wollte Empanada machen, nach wieder einem anderen Rezept. Den Hefeteig hatte ich schon am Vorabend mt ganz wenig Hefe angesetzt und im Kühlschrank gehen lassen.

Zwiebeln, Knoblauch, Paprika, Petersilie (Ernteanteil) für die Füllung, dann kamen noch verdünntes Tomatenmark, Salz Pfeffer, Pimentón de la vera (süß und scharf) dran, darüber verteilte ich auf dem Blech zwei Dosen Thunfisch.

Blöderweise erwies sich der Teig als ausgesprochen unkooperativ: Er war gleichzeitig klebrig und sprang beim Ausrollen/Ausziehen ständig zurück. Ich kam ganz schön ins Schwitzen, um daraus einen annähernd Blech-großen Boden und Deckel zu machen.

Während das Ergebnis im Ofen buk, telefonierte ich mit meinem Bruder zur Weihnachts- und Weihnachtsgeschenkplanung.

Abendessen mit zu viel Empanada, die sehr gut schmeckte (und mallorquinischem Rotwein) sowie zu viel Süßigkeiten – zur Strafe hatte ich danach Bauchdrücken. Dennoch unterm Strich ein ausgesprochen gelungener und erfreulicher freier Tag.

§

Alle, die es ernsthaft versucht haben (und ich wünschte vor allem beim Spazieren, es wären mehr), wissen, wie aufwendig es ist, Hunde zu trainieren, also zum Befolgen von Kommandos zu bringen. Aleks in Schottland schildert am Beispiel seines Hunds Bunny, welchen weit verbreiteten Irrtümern er aufgesessen ist, und deutet an, was davon sich auf Kommunikation verallgemeinern lässt. Ich musste oft an Irrtümer beim Programmieren so genannter Künstlicher Intelligenz denken.
“We have a cue for that”.

We want to make sure that cues mean the same to me and to him. Sit is a good example. I thought Sit is just Sit. He did it right away, on the first day at home. Only months later it turned out that Sit really means to him: Go to Aleks, sit in front of him, and get a treat. Or at least a Good Boy. It took a number of training sessions to work out that misunderstanding. Now Sit is really Sit, wherever he is.

§

Die englische Kultur hat einfach viel mehr akadamische Blödeleien, deren Leichtigkeit meilenweit von der biestigen Rechthaberei eines “Vereins für deutsche Sprache” oder der Bräsigkeit handelsüblicher deutscher Sprachkolumnen entfernt ist. Zum Beispiel die zur Frage, wohin im Christmas Carol “God rest ye merry gentlemen” das Komma gehört – natürlich gesungen.

die Kaltmamsell