Journal Freitag, 29. Oktober 2021 – Lernen über Drogenhandel und Kaufhausabenteuer

Samstag, 30. Oktober 2021 um 8:21

Wieder eine Nacht mit vielen Unterbrechungen, aber keine davon lang oder belastend.

Mit dem Rad durch leichte Nebeldüsternis in die Arbeit, ich brauchte es für meinen Schöffinneneinsatz. Auch als ich nach einem Stündchen im Büro zum Amtsgericht radelte, war es neblig und kalt, ich trug meinen alten Ledermantel (vor 20 Jahren ausbeuterisch billig bei H&M gekauft, würde ich schon lange nicht mehr tun, aber jetzt er nunmal da und nützlich, wird also getragen, bis er zerfällt), Mütze, Schal und Handschuhe.

Vor Gericht stand ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, der eingehend verhandelt und beraten wurde; wir kamen erst um 13 Uhr zu einem Urteil. Erste Male: Auf die Frage des Berufsrichters, wie er ohne Erwerbsarbeit seine teure Kokainsucht finanziert habe, antwortete der Angeklagte: “Bitcoin.” Er hatte wohl vor einigen Jahren knapp zwei Bitcoins erworben (er nannte eine Kommazahl), die so viel Ertrag brachten, dass er eine Weile davon leben konnte. Auch sonst erfuhr ich eine Menge Details über Drogenerwerb und -handel heute – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist rein technisch schon lang vorbei.

Als ich zurück ins Büro radelte, war der Nebel weg und hatte einem weiteren hell leuchtenden Herbsttag Platz gemacht.

Am Schreibtisch spätes erstes Essen des Tages, selbst mir Hungerkünstlerin war schon recht flau: Apfel, Tomaten, Pumpernickel mit Butter – aber für eine Pause war keine Zeit, deshalb ohne Zeitunglesen. Nach einer Besprechung per Video-Konferenz aß ich noch Mandarinen und Trauben. Ein paar erfreuliche Telefonate und fruchtbare Besprechungen, dann war ich insgesamt so geschafft, dass ich nur noch hirnlose manuelle Tätigkeiten abarbeitete.

Start ins Strohsingle-Wochenende (Herr Kaltmamsell war am Nachmittag zum mehrtägigen Rollenspiel verreist und tötete außerirdische Monster) mit Einkäufen, die jede Frauenzeitschrift unter “Shopping” verbucht hätte: Ich besorgte im Kaufhaus dann doch ein passendes Set Unterwäsche, einen Schwimmanzug, in dem ich nicht schwamm (hm, ich muss mal wieder an meinen Wortspielen arbeiten), Sporthandschuhe, bunte Strumpfhosen, ein paar Lebensmittel (gemischte Schokonüsse von der Schokonussbar). In den entsprechenden Abteilungen war wenig los, ich konnte entspannend viel Abstand zu anderen halten. Damit habe ich hoffentlich vorerst alle Live-Einkäufe erledigt, die Fußgängerzone war schon wieder zu voll. Ich werde mich wohl wieder nur mit FFP2-Maske dort bewegen und trauere schon jetzt um einen weiteren (für mich) ausgefallenen Christkindlmarkt.

Für den BH brauchte ich Beratung, durch die Figurveränderung kenne ich meine Größe nicht mehr. Ich erklärte der Verkäuferin meines Alters (ich habe erkannt, dass Menschen, die ich auf “ein paar Jahre älter als ich” schätze, meist einfach so alt sind wie ich) mein Hilfebedürfnis explizit mit Gewichtsverlust, ich müsse bei BH-Größe leider ganz von vorn anfangen. Die Dame verhalf mir tatsächlich zu einem passenden Set, doch was mag sie nur veranlasst haben mich zu trösten, mein schlaffes Gewebe und mein “Bäuchlein” seien nicht so schlimm, sie habe das doch auch – ich hatte meinen Körper außer dem Hinweis auf Gewichtverlust nicht kommentiert. Oder warum sie eine Wir-immer-noch-schlanken-und-ansehnlichen-älteren Frauen-Verschwesterung versuchte. Es war auf jeden Fall unangenehm. Ich weiß schon, warum ich seit Teenagerjahren auf beleibte Wäscheverkäuferinnen setze – gemäß meinen Vorurteilen können sich im Gegensatz zu ihnen idealfigurige Verkäuferinnen nur in einen winzigen Teil ihrer Kundschaft hineinversetzen. (Große Vermissung der Lieblingswäscheverkäuferin.)

Fast hätte ich dann beim Badeanzugkauf ein Schnäppchen für 9 Euro gemacht: Das Modell war zwar Urschrei-neongelb, doch es passte, und für neun Euro konnte ich die Farbe verschmerzen. Nur dass die Kasse dafür fast 50 Euro berechnete: Ich erhob Einspruch und verwies auf das eindeutig bedruckte Preisschild, der herbeigeholte Vorgesetzte aber meinte, das sei ein Nike, der koste niemals nur 9 Euro und der Preis im System stimme. Also musste ich nochmal in die Umkleide zum Durchprobieren, es wurde dann ein unauffälliger Sport-Badeanzug für reduzierte 25 Euro.

Zu Hause kochte ich mir Abendessen: Ernteanteil-Rosenkohl mit Knoblauch, frischer Chilli, Salzzitrone – und mit Grünkern, den ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder gekauft hatte, mich meiner Körndl-Phase vor über 30 Jahren entsinnend. Merken: Uneingeweichter Grünkern braucht mehr als 40 Minuten Kochzeit, er war noch arg bissfest. Nachtisch zu viele Schokonüsse.

Früh müde ins Bett mit Vorfreude aufs lange Wochenende.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 28. Oktober 2021 – Mit Volldampf in die vierte Welle

Freitag, 29. Oktober 2021 um 6:32

Nachts oft aufgewacht, aber zum Glück jedesmal schnell wieder eingeschlafen.

Morgennebel verdüsterte den Weg in die Arbeit, dazwischen leuchtete mich das Licht der jetzt schon sehr lichten und hellgelben Ahörner und Linden an.

Tumultöser Vormittag in der Arbeit.

Mittags Apfel sowie Sahnequark mit Joghurt.

Nachmittags interessante Info-Veranstaltung und weiter viel Arbeit. Draußen strahlte jetzt die Sonne, Herbstlicht ist wirklich wundervoll.

Auf dem Heimweg größere Einkäufe im Vollkorner: Das lange Allerheiligenwochenende werde ich wieder ohne Herrn Kaltmamsell verbringen, der mit Freunden von ganz ganz früher Monster tötet (Rollenspiel Call of Cthulhu, Pen and Paper), ich deckte mich mit Lebensmitteln ein.

Zu Hause Yoga, dann verarbeitete ich den größten Teil der riesigen Ernteanteil-Endivie zu Abendessen: Salat mit Tahini-Dressing und Ei. Danach gab es Eiscreme und Schokolade.

Mit Bedauern meldete ich mich doch nicht an zur Generalversammlung des Kartoffelkombinats in Präsenz: Die hohen Corona-Infektionszahlen haben ohnehin zur Streichung der geselligen Teile geführt (gemeinsames Mittagessen vom Buffet mit Mitgebrachtem), zu FFP2-Pflicht und 3G, außerdem ermöglichen die bereits eingegangenen Anmeldungen gerade mal so den Sicherheitsabstand. Es scheint mir klug, mich mal wieder vorsichtiger als vorgeschrieben zu verhalten – auch wenn’s mir wirkich, wirklich zum Hals raushängt. Die Entwicklung der Infektionszahlen und die der schweren Fälle (gute Darstellung bei tagesschau.de) lässt keinen anderen Schluss zu.

Gestrige Süddeutsche Zeitung. Dazu am Nachmittag die niederschmetternde Nachricht:
“Viele Nichtgeimpfte wollen sich nicht gegen SARS-CoV-2 impfen lassen”.

Fast neun von zehn Nichtgeimpften in Deutschland wollen sich einer Umfrage zufolge auch in den kommenden acht Wochen eher nicht gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 impfen lassen. Auf keinen Fall vor haben dies laut einer online veröffentlichten Forsa-Erhebung im Auftrag des Bundesministeri­ums für Gesundheit (BMG) 65 Prozent. 23 Prozent sagen eher nein.

Und da klar ist: Unsere Körper machen in dieser Pandemie alle SARS-CoV-2 durch, entweder in Form einer Impfung oder einer Infektion, steht uns also ein weiterer schlimmer Winter bevor – in dem die Zahl einsatzfähiger Intensivbetten von etwa 12.000 auf derzeit circa 9.000 gesunken ist, weil zum ohnehin drückenden Pflegemangel in der Pandemie viele Pflegekräfte gegangen sind. Diese Nachricht ist nicht nur für die besonders schweren Fälle von Covid-19 schlimm, sondern für alle, die ein Intensivbett brauchen, ob nach einer OP, einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder einem schweren Unfall.

Da die Forsa-Umfrage belegt, dass Impf-Unwillige durch Fakten nicht zu überzeugen sind (sie sind alle seit Monaten bekannt und werden offensichtlich nicht angenommen), nur der eine Punkt: Sie meinen, Ihr Immunsystem sei so klasse, dass es mit SARS-CoV-2 locker fertig werde und Sie höchstens Grippe-Symptome bekommen? Ihr Immunsystem kennt dieses Virus nicht, ob klasse oder nicht. Auf den Intensivstationen liegen oft genug junge, fitte, bislang gesunde Menschen, deren hervorragendes Immunsystem SARS-CoV-2 freundlich durchgewunken hatte, weil nicht als Bedrohung erkannt.

§

Jajaja, ich weiß: Superamerikanisch, melodramatisch, yaddayadda. Aber wenn’s wirkt.
Don’t chose extinction.

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https://youtu.be/VaTgTiUhEJg

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 27. Oktober 2021 – Nymphenlücke und Abend im Schmock

Donnerstag, 28. Oktober 2021 um 6:34

Ereignisarmer Morgen, ich beschloss, nach dem energischen Strampeln am Vorabend den sonst täglichen Bank- und Seitstütz ausfallen zu lassen.

Über einem Teil der Theresienwiese Morgennebel (sie ist so groß, dass sie unterschiedliche Mikroklimen hat), der mir erst mal durch die Nebel-Lichtkegel vor Fahrrädern auffiel.

Hier wären ein paar Nymphen im Bild recht gewesen, doch die wohnen natürlich alle in Nymphenburg und müssten als Bayerische Staatsbeamte zur Theresienwiese eigens teilabgeordnet werden.

Wieder tüchtig Arbeit in der Arbeit. Zu Mittag gab es Apfel, Birne, Pumpernickel mit Butter. Der mittelfrühe Feierabend war gestern trotz aktueller Querschüsse nicht verhandelbar: Ich war verabredet.

Dazu marschierte ich ins Schlachthofviertel; zum Glück ließ ich mir von Google Maps eine Route vorschlagen und dadurch darauf hinweisen, dass ich ja hintenrum über die Südspitze der Theresienwiese gehen konnte, so dauerte der Weg deutlich kürzer, als ich geschätzt hatte. Wir trafen uns am neuen Volkstheater im Schmock. Corona-Einlasskontrolle war bereits im Innenhof aufgebaut für Theater und Restaurant: Erst zum dritten Mal erlebte ich ordnungsgemäßen Scan meines Impf-Zertifikats inklusive Abgleich mit Personalausweis. Im Gegenzug bekam ich ein rotes Bändel ums Handgelenk geklebt; das musste ich am Eingang des Schmock nur noch vorzeigen.

Der großzügige Raum des Restaurants im neuen Volkstheater ist wirklich schön (wie auch, wir waren uns einig, der gesamte Neubau angenehm harmonisch und heimelig ist; fast schon familiäre Funktionalität statt Angebertum), wir freuten uns über die vom alten Schmock vertrauten Plakate, und ich bilde mir sogar ein, dass die Wandlampen dieselben sind.

Meine Verabredung und ich aßen gut; vor mir standen ausführliche nah-östliche Vorspeisen, gegenüber gab es einen Rinderfilet-Gamba-Spieß, dazu hatte ich sogar mitten unter der Woche Lust auf ein Glas Wein und bestellte einen israelischen Gamla Cabernet Sauvignon, der mir ausgezeichnet schmeckte.

Gespräche über berufliche Umstände mit vielen erfreulichen Informationen, aber auch der (wiederholten) Erkenntnis, dass an deutschen Universitäten und in der europäischen Forschungslandschaft byzantinische Verhältnisse herrschen. Es wurde nicht allzu spät, ich spazierte durch langsam aufsteigenden Herbstnebel nach Hause.

§

Die Welt braucht gute Nachrichten. Diese hier ist aus München und kommt dem Antrag zuvor, den ich in der jüngsten Bürgerversammlung hätte stellen wollen:
“Stadtrat beschließt mehr Fahrradparkplätze am Hauptbahnhof”.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 26. Oktober 2021 – Familienmusik

Mittwoch, 27. Oktober 2021 um 6:51

Vor Weckerklingeln schlagartig glockenwach, dennoch frisch.

Früh los in die Arbeit, ich brauchte Mütze und Handschuhe. In der Arbeit viel solche – eine Besprechung, an der ich nur zu meiner Information teilnahm, nutzte ich für manuelle Tätigkeiten parallel.

Mittagessen: Apfel, Breze, Rest des Chinakohlsalats vom Vorabend. Nachmittags ein großes Stück schwarze Schokolade.

Nachmittags weiter viel Arbeit. Ich machte aber rechtzeitig Schluss, um zur geplanten Zeit mein Sportzeug zu greifen und zum Verein zu marschieren. Mittlerweile ist dort die Renovierung so weit fortgeschritten, dass man den Haupteingang nutzen kann; mal sehen, ob wie angekündigt bis Mitte November die Frauenumkleiden fertig renoviert sind, derzeit nutzen Mädchen und Frauen eine abgetrennte Hälfte der bereits renovierten Herrenumkleide.

Dann das Ereignis des Tages: Ellipsentrainer mit Musik aus dem Spotify-“Family Mix” der Bruderfamilie auf den Ohren, Modus “Gute Laune”. Er startete mit “5 Letras” von Alexis y Fido, das ich nicht kannte (ich kenn ja nix) und das derart perfekt zum Tempo meines Aufwärmens passte, dass ich mit Grinsen losstrampelte – das ich auch so schnell nicht verlor. Ich werde mehr Gelegenheiten für Musikhören finden müssen.

Zu Hause schnelles Duschen, denn ich wollte mit Herrn Kaltmamsell nochmal raus: Der Ernteanteil war weggegessen, deshalb planten wir als Nachtmahl aushäusige Pizza (nach dem weiteren gescheiterten Versuch daheim wünschte ich mir sehr eine gute richtige). Das klappte aber nicht: Alle angesteuerten Pizzerien (sowiel alle sonstigen Lokale unterwegs) waren gesteckt voll, ohne Reservierung bekommt man also in der Innenstadt nicht mal mehr eine Pizza (vor allem nicht, wenn die Anzahl der Tische wegen Pandemie-Vorschriften reduziert ist).

Wir kehrten mit knurrenden Mägen zurück, Herr Kaltmamsell kochte uns schnell ein paar Nudeln, zum Sattwerden gab es Süßigkeiten.

§

Schafzüchter und Landwirt der Herzen, James Rebanks,1 hat aktuelle Gedanken zur Zukunft der britischen Landwirtschaft aufgeschrieben. (COP26 ist die UN-Klimakonferenz in Glasgow.)
“Boris Johnson is no green superhero”.

Auch wenn James Rebanks ja gerade betont, dass die Reform der Landwirtschaft entlang der lokalen Gegebenheiten verlaufen muss und dass es kein globales Patentrezept gibt, scheinen mir seine Vorschläge für UK auf einige Regionen der deutschen Landwirtschaft übertragbar.

What we actually need is thoughtful reform of our whole model of food production so farming is more mixed (including livestock and cover crops), more rotational, and with landscape design which is sensitive to the habitats and processes that British flora and fauna need. We need to gradually regulate out of existence some of the worst fossil-fuel-reliant forms of farming and raise the cost of fossil fuels in agriculture. We need to grapple with the power of the cartel of supermarkets. We need to rebuild local food systems, such as local abattoirs and food markets.

There is no such thing as an ideal global diet, Britain has a temperate climate and is brilliant at growing grass and grazing livestock. We can also change our diets to eat more British fruit and vegetables from local small-scale horticulture, as this has a small land-use and is super productive. But when we do these tricky but essential things, we then need to protect a more progressive British system from being undercut by more ecologically destructive systems overseas.

(…)

We need to believe in farmers more, to help them to provide the complex mix of things we really need. The bad news is that the great and the good who attend events like COP26 seem almost completely disinterested in bottom-up changes, lost in a world of virtuous slogans and simplistic ideas. Or, worse, believe in solutions that are already alienating rural and farming people and creating a culture war.

Environmentalism has gone mainstream. That ought to be good news. But in reality, it is being mugged, used, abused and exploited wherever you look. The sad thing is that we have never needed good leadership so badly — yet all we get is a sinister clown blurting out ‘Bring Back Beaver’.

  1. Großartig, wie er am Montag twitterte, dass er mindestens eine weitere Belted Galloway-Kuh haben will und ihm sofort von einer Landwirtin welche per Filmchen angeboten wurden. Und wie sich die Töchter sofort auf seine Seite schlugen. []
die Kaltmamsell

Journal Montag, 25. Oktober 2021 – Nächster Schritt Wohnungseinrichtung

Dienstag, 26. Oktober 2021 um 6:30

Angeberhimmel am Morgen.

Die Corona-Infektionszahlen in Deutschland steigen weiter steil. Auch wenn die Intensivstationen dank der allermeist milderen Verläufe bei Geimpften nicht so schnell volllaufen wie in der zweiten Welle vor einem Jahr, gibt jede Infektion dem Virus eine Chance zur Mutation – die wir wirklich, wirklich nicht wollen. Ich werde also wieder regelmäßige Schnelltests machen (mein Arbeitgeber stellt zwei pro Woche), um mich im Infektionsfall möglichst schnell quarantänisieren zu können. Gestern Morgen fing ich schon mal an.

Das neue Strickkleid.

Auf dem Weg in die Arbeit weitere innere Verarbeitung des Klassentreffens letzten Samstag – vielleich melde ich mich mal bei einem oder anderen in München arbeitenden ehemaligen Mitschüler und frage nach Lust auf ein Feierabendbierchen.

Im Büro Emsigkeit, ordentlich was weggeschafft.

Doch wieder Glutattacken, Mist. Schon in der Nacht war ich schwitzend aufgewacht, außerdem habe ich seit ein paar Tagen den Verdacht, dass ich nach langen Monaten ohne Eigengeruchsbelästigung wieder stinke. Diese Klimakteriumsgeschichte verläuft offensichtlich nicht ordentlich linear, ich werde weiterhin mit dem Würgegriff der Hormone rechnen müssen.

Mittagessen war restliches Karottengemüse vom Sonntagabend, Hüttenkäse, Mango.

Die Emsigkeit hielt sich und wurde durch Querschüsse ergänzt. Zur Abwechslung war mir gestern den ganzen Nachmittag ein bissl übel.

Nahezu pünktlicher Feierabend, weil ich mit Herrn Kaltmamsell einen Termin in einem “Showroom” bei uns ums Eck hatte (Firma MYCS – ich profitierte von Berichten über Schrankwandkauf auf Twitter), der uns einen Barschrank bescheren sollte. Dorthin nahm ich aus Geschwindigkeitsgründen die U-Bahn.

In dem Showroom stellten wir uns mithilfe der Frau Möbel (und auf der Basis von Herrn Kaltmamsells Vorarbeiten) flugs den Barschrank zusammen, nachdem wir vor Ort Materialien und Beispiele anschauen konnten. Und wenn wir schon mal da waren, ließ ich mir auch gleich ein Sideboard für mein Schlafzimmer konfigurieren. Den eigentlichen Kauf (inklusive Aufbauservice, keiner von uns beiden frickelt gerne) tätigten wir online von daheim aus, so war die Bezahlung einfacher.

Dann war es immer noch so früh, dass ich mal wieder Zeit und Muße für eine ausführliche Runde Yoga fand.

Abendessen waren Reste vom Sonntagsessen, also Entenfleisch und gebratene Knödelscheiben, dazu machte ich aus Ernteanteil-Chinakohl und -Paprika Salat mit Joghurt-Meerretich-Dressing. Nachtisch Süßigkeiten.

Hochinteressante Abendunterhaltung: Die ARD-Doku “Schalom und Hallo” über 1700 Jahre Judentum in Deutschland (etwas irritierend nur der Kindergärtnerinnen-Tonfall der Erzählerin Susan Sideropoulos). Hier in der Mediathek.

§

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Sibylle Anderl über (€):
“Forscher unter Beschuss”.
(Leider keinen Direktlink gefunden, sondern nur einen auf die Archivseite. Wenn Sie den Artikel also online für 3 Euro – ! – lesen wollen, suchen Sie ihn am besten selbst über Autorin und Überschrift.)

Eine Umfrage der Zeitschrift Nature unter öffentlich sichtbaren Wissenschaftlern ergab, dass mehr als zwei Drittel der Befragten im Nachklang ihrer Auftritte negative Erfahrungen gemacht haben.

(…)

Nun könnte man einwenden, das ginge schließlich allen so, die sich heute in der Öffentlichkeit bewegen. Und doch scheint es die Forscher besonders unerwartet zu treffen. Denn zumindest nach überwiegender Selbstauskunft wollen sie neutrale Fakten kommunizieren, statt kontroverse und damit angreifbare Meinungen zu vertreten. Dieses Selbstverständnis der eigenen Neutralität, das bei den meisten Wissenschaftlern zu finden ist, spiegelt sich in einem Wissenschaftssystem, das darauf ausgerichtet ist, persönliche Präferenzen und publizierte Ergebnisse möglichst auseinanderzuhalten: Durch einen strengen anonymen Begutachtungsprozess von Publikationen etwa, durch die Forderung der Reproduzierbarkeit oder auch dadurch, dass eingehende Annahmen und resultierende Unsicherheiten der Forschung ausführlich diskutiert werden müssen. Diese Mechanismen sollen den Einfluss persönlicher Interessen auf publizierte Ergebnisse so klein wie möglich halten. Dass das im Großen und Ganzen auch funktioniert, sieht man daran, dass es zu vielen wissenschaftlichen Fragen einen Konsens unter den Forschern gibt, ohne dass dieser von mutmaßlich dunklen Kräften verordnet werden müsste.

Die Angriffe auf Wissenschaftler zeigen, dass ihnen trotzdem von vielen die Verfolgung eigener Interessen unterstellt wird.

§

Einmal Lächeln gefällig?

§

Der greise und kranke Tony Bennett hat mit Lady Gaga ein zweites Album aufgenommen: Songs von Cole Porter. Ganz wundervoll.

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https://youtu.be/xyTa_gJkYwI

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 24. Oktober 2021 – Herbstpracht und Entenbraten

Montag, 25. Oktober 2021 um 6:39

Nicht lang genug geschlafen, am Morgen war ich aber munter genug.

Frostiger Morgenblick aus dem Elternhausfenster.

Über meinem Morgen-Cappuccino (meine Mutter hatte extra für mich Frischmilch besorgt, der Espresso kam aus dem Nespresso-Maschinchen) plauderte ich mit meinen Eltern, die auch schon wach waren und ihren gewohnten Filterkaffee tranken.

Strammer Marsch durch die Kälte zum Bahnhof, sonnige Herbstpracht vor den Zugfenstern, ich kam am späten Vormittag heim nach München.

Zu Hause machte ich für Herrn Kaltmamsell und mich nochmal Milchkaffee, trank ihn beim nachgeholten Bloggen. Ich erledigte Häuslichkeiten in Form von Wäschewaschen, Pullis Flicken, Maniküre, dann gab es zum Frühstück die Semmeln, die ich vom Bahnhof mitgebracht hatte.

Draußen strahlte weiter energisch die Sonne, dennoch legt ich mich hin zu einer Siesta und holte eine Stunde Schlaf nach. Das wundervolle Wetter zog mich aber doch noch nach draußen. Ich sah nach dem Verlauf des Herbst auf dem Südfriedhof und an der Isar.

Auf dem Südfriedhof kam ich am markanten Grab des Botanikers Philipp Franz von Siebold vorbei, über den Croco kürzlich geboggt hatte.

An der Isar war erwartungsgemäß mords was los.

Ich spazierte zur Brudermühlbrücke und kreuzte darüber die Isar. Blöderweise machte mein Kreislauf Sperenzchen, ich musste mich eine Weile auf eine Bank setzen, während mir der Schweiß aus den Haaren lief. Daheim legte ich mich erst mal flach.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell richtiges Sonntagsessen: Er hatte am Viktualienmarkt eine prächtige Ente gekauft, die klassisch im Ofen gebraten wurde, dazu Kartoffelknödel (Fertigteig) und Karottengemüse aus Ernteanteil. Sehr gut! Dazu teilten wir uns den restlichen Rotwein vom Freitagabend, Nachtisch Süßigkeiten.

Beim anschließenden Räumen und Internetlesen lief nach Langem mal wieder Tatort, weil ich Gutes über die Folge “Blind Date” gelesen hatte, doch die doofen Dialoge vor allem im Erzählstrang Privates der Ermittelnden ließen mich bald weghören.

§

Kathryn Jezer-Morton forscht seit Jahren für ihre Doktorarbeit über Mutterschaft im Web 2.0, also wie Mütter sich in Social Media darstellen. Anne Helen Petersen interviewt sie dazu:
“The Ideological Battlefield of the ‘Mamasphere'”.

Wie nach Mama-Bloggen (Alltag, Gemeinschaft, Care-Work) weiße Online-Mutterschaft auf instagram alles verändert hat (es gibt keine helfenden Nachbarinnen mehr, keine Care-Work – und wer nimmt eigentlich all die wunderschönen Fotos von Mutter-Kind-Idylle auf?) – bis hin zum jetzigen Zeitpunkt, an dem Momfluencerinnen ihren Content immer stärker an den Erfolgs-Algorithmen von instagram ausrichten. Dadurch wird die Darstellung von Mutterschaft so richtig verquast.

Interviewing momfluencers has changed my perspective on their work completely. Without exception, the momfluencers I’ve spoken to are very deliberate in how they post, and they speak about it as work that they undertake strategically, as professionals. Representing motherhood puts you in a double-bind because audiences expect you to be “authentic” because you’re representing this foundational — even sacred — social relationship between mothers and children, but at the same time, you’re under enormous pressure both from brand partners and the audience to look a certain way.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 23. Oktober 2021 – Kunst-Verwandtschaft und Klassentreffen

Sonntag, 24. Oktober 2021 um 12:48

Nach dem frühen Einschlafen schon um halb sieben frisch aufgewacht. Zuletzt war ich im Traum mit der Bahn in Italien unterwegs gewesen, hatte im Hotel in Rom gemerkt, dass ich noch kein Zugticket für die Weiterfahrt gebucht hatte und machte das schnell mal vom Handy aus.

Wach also auch gleich mal mein Zugticket für den Tag gekauft, allerdings vom Rechner aus, mit dem Handy funktioniert das derzeit nicht. Gestern war nämlich Klassentreffen 35 Jahre nach dem Abitur, den Termin in Ingolstadt wollte ich auch für anderes nutzen und schon vormittags fahren.

Ausblick vom Küchenbalkon mit Wolkendrama.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt derzeit steil (wie von den Expert*innen angesichts der Impfquote prognostiziert), die Lage in München:

Die 7-Tage-Inzidenz für München beträgt laut RKI 120,7 (Stand 22.10.). Betrachtet man die 7-Tage-Inzidenz differenziert nach dem Impfstatus der neu Infizierten, so liegt die Inzidenz bei nicht gegen Corona geimpften Personen bei 331,0 und bei vollständig Geimpften bei 36,4 (Stand 21.10.).

Also schwenkte ich wieder konsequent auf FFP2-Maske um – und nahm mir vor, an dem Klassentreffen in einer Gastwirtschaft nur tatsächlich teilzunehmen, wenn 3G dort sorgfältig geprüft würde.

Nach meiner Ankunft am Bahnhof Ingolstadt Audi spazierte ich erst mal zur Bruderfamilie.

Wir setzten endlich den Plan um, dass ich in deren Spotify Premium Account eingebunden wurde, um die Familien-Playlist hören zu können, die ich mir vor Jahren mal zu Weihnachten gewünscht hatte. Funktionierte alles wie von Neffe 1 angeleitet, Bruder stolz, ich freue mich auf das nächste Crosstrainerstrampeln mit spannender Musik.

Wir aßen gemeinsam zu Mittag: Es gab klassische französische Zwiebelsuppe überbacken aus angemessenen, ererbten 1970er-Suppenschalen, spanische Tortillas, Blaukraut-Salat (ich probierte darin erstmals veganen Feta, der mir sehr gut schmeckte), Käsen vom Wochenmarkt, Brote, Weintrauben aus eigenen Anbau – und weitere Leckereien, zu denen ich nach satt nicht mehr kam.

Nachmittag ein besonderer Ausstellungsbesuch, wegen dem ich früher angereist war: Der Vater der Schwägerin, vor 14 Jahren verstorben, hatte zeitlebens künstlerisch gewirkt, Frau Schwägerin hat jetzt eine Ausstellung mit einigen seiner Werke kuratiert und im Marktmuseum Gaimersheim damit seinen Lebensweg nachgezeichnet. Sie führte eine kleine Gruppe von Freunden und Verwandten durch die verschiedenen Stationen und erläuterte Hintergründe, teils auch sehr persönlich, voll Liebe für diesen Menschen, der nie aufhörte, neue Perspektiven und Techniken zu verwenden.

Meine Mutter gehörte auch zur Gruppe, mit ihr fuhr ich zum Elternhaus am Rand Ingolstadts. Plaudern mit Vater und Mutter, bis es Zeit für den Aufbruch zum Klassentreffen war; mein Vater begleitete mich zu meiner Freude auf dem Fußweg, zeigte mir Schleichwege, wies mich auf Veränderungen und Entwicklungen unterwegs hin – anscheinend ist er genauso gerne und neugierig zu Fuß in seiner Wohnumgebung unterwegs wie ich in meiner Münchner.

Zum Klassentreffen trafen sich (nach einem Gottesdienst, den ich ausgelassen hatte, gehalten von einem ehemaligen Mitschüler) knapp 30 Menschen in einem griechischen Lokal in einem der vielen historischen Festungsgebäude Ingolstadts am Rand des Klenzeparks, 3D-Status wurde gecheckt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Ingolstadt nach und nach eine wohnliche Beziehung zur Donau aufgebaut; historisch hatte die Stadtstruktur den Fluss ja immer nur aus militärischer Perspektive gesehen, am deutlichsten an den Festungstürmen auf der Südseite zu sehen, am Turm Baur und Turm Triva. Die vielen und fast durchgehend sehr gut erhaltenen Militärbauten aus dem 19. Jahrhunderts und überhaupt Ingolstadts Militärgeschichte sind im Grunde (neben dem alles dominierenden Unternehmen Audi) das, was der Stadt ein besonderes Profil gibt – deshalb heißt sie ja “die Schanz”.

Zu meiner Überraschung erkannte ich alle problemlos wieder (umgekehrt taten sich manche schwer) und erfuhr in den nächsten Stunden viel Interessantes und Spannendes aus dem Leben meiner früheren Mitschüler*innen (angesprochen waren nicht nur diejenigen, die tatsächlich bis zum Abitur 1986 zusammenwaren, sondern auch fast alle, die irgendwann länger Teil dieser Jahrgangsstufe gewesen waren). Viele verdienen ihren Lebensunterhalt in Branchen, die die Welt zu einer besseren machen, viele sind nach, mitten in oder kurz vor einer grundsätzlichen beruflichen Umorientierung. Die Kindergeneration ist im Studium / in der Ausbildung, um einige abwesende Eingeladene wurde sich wegen schwerer Krankheit sehr gesorgt – neben dem Austausch von Informationen über den eigenen Lebensweg erkundigt man sich auch immer über ehemalige Mitschüler, die aus dem Blick geraten sind. Über einen besonders engen Freund aus Schulzeiten, mit dem ich zuletzt zwei Jahre nach dem Abitur Kontakt hatte, wusste leider weiterhin niemand etwas: Martin Sederer, wenn du irgendwo da draußen bist, oder irgendjemand etwas über ihn weiß – es würde mich sehr freuen.

Ich nahm viele schöne Begegnungen mit, Grüße an Menschen, zu denen sich überraschende Verbindungen gezeigt hatten, und Bilder zu einer meiner Lieblingsbeobachtung: Wie verschieden Menschen altern.

Aus der viele, viele Seiten umfassenden Speisekarte suchte ich mir Kleftiko aus (kam in Pergamentpapier, schmeckte gut), trank ein Glas Retsina dazu, blieb aber sonst bei Wasser (und dem einen oder anderen der regelmäßig auftauchenden Stamperl Ouzo). Um halb zwölf war ich eine der ersten, die sich verabschiedeten. Auch zurück zu meinen Eltern ging ich durch die klare, kalte Nacht zu Fuß, sah in den Wiesen an der Donau viele, viele Kaninchen – sehr niedlich, doch leider mittlerweile eine Plage.

die Kaltmamsell