Journal Freitag, 29. Oktober 2021 – Lernen über Drogenhandel und Kaufhausabenteuer
Samstag, 30. Oktober 2021 um 8:21Wieder eine Nacht mit vielen Unterbrechungen, aber keine davon lang oder belastend.
Mit dem Rad durch leichte Nebeldüsternis in die Arbeit, ich brauchte es für meinen Schöffinneneinsatz. Auch als ich nach einem Stündchen im Büro zum Amtsgericht radelte, war es neblig und kalt, ich trug meinen alten Ledermantel (vor 20 Jahren ausbeuterisch billig bei H&M gekauft, würde ich schon lange nicht mehr tun, aber jetzt er nunmal da und nützlich, wird also getragen, bis er zerfällt), Mütze, Schal und Handschuhe.
Vor Gericht stand ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, der eingehend verhandelt und beraten wurde; wir kamen erst um 13 Uhr zu einem Urteil. Erste Male: Auf die Frage des Berufsrichters, wie er ohne Erwerbsarbeit seine teure Kokainsucht finanziert habe, antwortete der Angeklagte: “Bitcoin.” Er hatte wohl vor einigen Jahren knapp zwei Bitcoins erworben (er nannte eine Kommazahl), die so viel Ertrag brachten, dass er eine Weile davon leben konnte. Auch sonst erfuhr ich eine Menge Details über Drogenerwerb und -handel heute – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist rein technisch schon lang vorbei.
Als ich zurück ins Büro radelte, war der Nebel weg und hatte einem weiteren hell leuchtenden Herbsttag Platz gemacht.
Am Schreibtisch spätes erstes Essen des Tages, selbst mir Hungerkünstlerin war schon recht flau: Apfel, Tomaten, Pumpernickel mit Butter – aber für eine Pause war keine Zeit, deshalb ohne Zeitunglesen. Nach einer Besprechung per Video-Konferenz aß ich noch Mandarinen und Trauben. Ein paar erfreuliche Telefonate und fruchtbare Besprechungen, dann war ich insgesamt so geschafft, dass ich nur noch hirnlose manuelle Tätigkeiten abarbeitete.
Start ins Strohsingle-Wochenende (Herr Kaltmamsell war am Nachmittag zum mehrtägigen Rollenspiel verreist und tötete außerirdische Monster) mit Einkäufen, die jede Frauenzeitschrift unter “Shopping” verbucht hätte: Ich besorgte im Kaufhaus dann doch ein passendes Set Unterwäsche, einen Schwimmanzug, in dem ich nicht schwamm (hm, ich muss mal wieder an meinen Wortspielen arbeiten), Sporthandschuhe, bunte Strumpfhosen, ein paar Lebensmittel (gemischte Schokonüsse von der Schokonussbar). In den entsprechenden Abteilungen war wenig los, ich konnte entspannend viel Abstand zu anderen halten. Damit habe ich hoffentlich vorerst alle Live-Einkäufe erledigt, die Fußgängerzone war schon wieder zu voll. Ich werde mich wohl wieder nur mit FFP2-Maske dort bewegen und trauere schon jetzt um einen weiteren (für mich) ausgefallenen Christkindlmarkt.
Für den BH brauchte ich Beratung, durch die Figurveränderung kenne ich meine Größe nicht mehr. Ich erklärte der Verkäuferin meines Alters (ich habe erkannt, dass Menschen, die ich auf “ein paar Jahre älter als ich” schätze, meist einfach so alt sind wie ich) mein Hilfebedürfnis explizit mit Gewichtsverlust, ich müsse bei BH-Größe leider ganz von vorn anfangen. Die Dame verhalf mir tatsächlich zu einem passenden Set, doch was mag sie nur veranlasst haben mich zu trösten, mein schlaffes Gewebe und mein “Bäuchlein” seien nicht so schlimm, sie habe das doch auch – ich hatte meinen Körper außer dem Hinweis auf Gewichtverlust nicht kommentiert. Oder warum sie eine Wir-immer-noch-schlanken-und-ansehnlichen-älteren Frauen-Verschwesterung versuchte. Es war auf jeden Fall unangenehm. Ich weiß schon, warum ich seit Teenagerjahren auf beleibte Wäscheverkäuferinnen setze – gemäß meinen Vorurteilen können sich im Gegensatz zu ihnen idealfigurige Verkäuferinnen nur in einen winzigen Teil ihrer Kundschaft hineinversetzen. (Große Vermissung der Lieblingswäscheverkäuferin.)
Fast hätte ich dann beim Badeanzugkauf ein Schnäppchen für 9 Euro gemacht: Das Modell war zwar Urschrei-neongelb, doch es passte, und für neun Euro konnte ich die Farbe verschmerzen. Nur dass die Kasse dafür fast 50 Euro berechnete: Ich erhob Einspruch und verwies auf das eindeutig bedruckte Preisschild, der herbeigeholte Vorgesetzte aber meinte, das sei ein Nike, der koste niemals nur 9 Euro und der Preis im System stimme. Also musste ich nochmal in die Umkleide zum Durchprobieren, es wurde dann ein unauffälliger Sport-Badeanzug für reduzierte 25 Euro.
Zu Hause kochte ich mir Abendessen: Ernteanteil-Rosenkohl mit Knoblauch, frischer Chilli, Salzzitrone – und mit Grünkern, den ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder gekauft hatte, mich meiner Körndl-Phase vor über 30 Jahren entsinnend. Merken: Uneingeweichter Grünkern braucht mehr als 40 Minuten Kochzeit, er war noch arg bissfest. Nachtisch zu viele Schokonüsse.
Früh müde ins Bett mit Vorfreude aufs lange Wochenende.



















