Journal Freitag, 11. Juni 2021 – Sommerfeierabend

Samstag, 12. Juni 2021 um 7:50

Wieder nahezu durchgeschlafen, ich nahm’s als Geschenk. Nach dem Aufstehen erst mal eine halbe Stunde Haushalt: Spülmaschine ausräumen, programmierte Waschmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen, Pflanzen gießen, Brotzeit einpacken.

Die von meiner Mutter vorgezogenen Stangenbohnen nehmen die Rankhilfe (so schöne neue Wörter!) in Form von Schnur an, ich gab ihnen manuell ein wenig Ranknachhilfe fürs Holzgitter.

Der Morgen war sonnig, ich ließ gegen Aufheizen die Rollläden auf der Südseite der Wohnung herab.

Arbeit in der Arbeit, ich fühlte mich nützlich.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl, einen Apfel, Hüttenkäse.

Pünktlicher Feierabend. Draußen weiter ein herrlicher Sommertag mit viel Sonne, aber ohne Hitze. Ich machte deshalb auf dem Heimweg einen Umweg über den Rand des Westparks, in dem die Wiesen und Wege von Sonnengenießenden genutzt wurden.

Zu Hause setzte ich nochmal Waldmeisterbowle an (am Vorabend abgetrennte und angetrocknete Zweiglein kopfüber in die Weißweinflasche stecken), machte mal wieder eine Runde Yoga – die ich sehr genoss, ich sollte die Regelmäßigkeit nach Feierabend wieder aufnehmen.

Einläuten des Wochenendes mit Waldmeisterbowle.

Als Abendessen hatte ich mir Parmigiana gewünscht, die mein Leibkoch Herr Kaltmamsell liebenswürdigerweise zubereitet hatte (wieder nach diesem Rezept, das ein wenig zu suppig ausfiel).

Wir aßen erstmals auf dem Balkon zu Abend.

Fürs Dessert gingen wir nochmal raus zur Eisdiele um die Ecke, eigene vorgekühlte Porzellanschälchen und Löffel in der Hand.

Im Bett las ich Helen Macdonalds Vesper Flights (eben auch auf Deutsch erschienen als Abendflüge): Eine Sammlung von Essays, die zwar alle mit “Natur” im weitesten Sinn zu tun haben, aber immer wieder aus ungewohntem Blickwinkel (Verdacht: die ohnehin kluge und fachlich versierte Helen Macdonald geht von einem praktikablen Konzept Mensch-Natur aus, das die beiden Seiten weder als voneinander getrennte Gegensätze annimmt, noch den Menschen als komplett gleichgestellten Faktor wie alle anderen). Bezaubernd und überraschend zum Beispiel ihr Text über die nächtliche Zugvogel-Beobachtung vom New Yorker Empire State Building aus.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 10. Juni 2021 – Markus Ostermair, Der Sandler

Freitag, 11. Juni 2021 um 6:36

Richtig gut geschlafen! Tief und bis Weckerklingeln!

Morgens am Laptop bearbeitete ich die Rechnung für die mittwöchliche Schranklieferung – um festzustellen, dass ich lediglich die Schranktüren bestellt hatte (und auf diese vier Wochen gewartet). Also bestellte ich den Korpus nach (wird ein teurer Schrank), Lieferzeit acht Wochen – *schluchz*.

Da schönes Wetter vorhergesagt wird, hoffte ich auf eine Schwimmmöglichkeit am Sonntag und ging auf die Reservierungsseite: Das Schyrenbad war bereits ausgebucht, ich schaute versuchsweise zum Dantebad (hat auch eine 50-Meter-Bahn) – und da gab’s noch Schwimm am Sonntag! Bevor ich lang überlegte, ob mir geheiztes Wasser und Bahnenziehen unter Rückenpaddlerinnen auch wirklich gefallen würde, holte ich mir erst mal einen Slot.

Im Lauf des Vormittags plagte mich wieder Kopfweh, im Grunde wartet wahrscheinlich die Migräne auf ihr großes Comeback.

Zu Mittag gab es Sahnequark mit Joghurt, nachmittags brauchte ich wieder Überbrückungsschokolade.

Nachmittags wurde es richtig sonnig und schwül-warm, ich kämpfte mit großer Müdigkeit.

Auf dem Heimweg Erdbeeren fürs Abendessen besorgt. Die gab es mit Schlagsahne nach dem Ernteanteil-Salat, in den ich ein Reststück Feta gemischt hatte.

§

Alltagstrick gegen fliegende Sommerröcke beim Radeln.
(Dürfen halt nicht knitterempfindlich sein.)

§

Mittwochabend hatte ich Markus Ostermair, Der Sandler ausgelesen, ein beeindruckendes Romandebut, das die Welt der Obdachlosen in München durchspielt. Deren Alltag, sonst nur Requisite von eigentlicher Romanhandlung, wird mit vielen kundigen Details erzählt, die in ihrem Realismus an eine Sozialreportage erinnern – wären sie nicht so behutsam geschildert, zeichneten sie nicht oft sogar poetische Beziehungen zwischen Außen und Innnen.

Das Resultat der äußersten sprachlichen und strukturellen Sorgfalt ist keine Freiheitsromantik (die beim Thema Obdachlosigkeit nur verlogen sein könnte), sondern Mitgefühl. Es gibt keine Lösungsvorschläge, keine Urteile, statt dessen Sichtbarmachen, Bedeutunggeben, Hinschauen und den Anblick Ertragen.

Die Handlung erleben wir zum größten Teil aus der Perspektive der zentralen Figur Karl (manchmal als innerer Monolog). Andere Kapitel werden personal erzählt aus Sicht anderer Obdachloser oder Sozialarbeiterinnen. Dadurch entsteht ein vielfältiges Bild aus sehr unterschiedlichen Individuen, mit verschiedenem Bildungsniveau, aus verschiedenen Gegenden der Welt, jeder und jede mit einem anderen Temperament und Charakter. Die Obdachlosen, bayerisch “Sandler”, sind aus den verschiedensten Ursachen auf der Straße gelandet. Und die meisten dieser beängstigend komplexen Ursachen, äußere wie innerere, verhindern, dass sie in ein gesicherteres Leben finden.

Die vielen Alltagsdetails über Teestuben, Kleiderausgabe, Betteln schaffen eine Nähe zu den Figuren, die mich oft bis an den Rand des Erträglichen bedrückte. Als Bewohnerin des Bahnhofsviertels gehören diese Menschen und Themen seit Jahrzehnten zu meinen alltäglichen Anblicken (unter anderem deshalb weiß ich sie vom Gschwerl im Nußbaumpark zu unterscheiden – die in einem Kapitel als “die Besuffkis” vom Nußbaumpark auftauchen und gerade nicht zum Personal des Romans gehören).

Die Ansiedlung des Romans im heutigen und realen München ist ein wirkungsvoller Kunstgriff: Das abgundtiefe Elend der Schilderungen findet vor der Glitzerkulisse einer oft abstoßend reichen Stadt statt.

Auch sprachlich ist der Roman vielfältig (vielleicht sogar ein wenig überbordend): Verschiedene Tonlagen und Sprachstile, dazwischen kursiv gesetzt die auf Zetteln hinterlassenen Fragmente des Philosophen Lenz, den Karl auf der Straße vor die Hunde hat gehen sehen, und der sich seinen Traum von einer besseren Welt von der Seele geschrieben hat.

Lesevergnügen bereitet der Roman ganz sicher nicht; ich las auch deshalb so lange daran, weil es mich immer wieder eine gewissen Überwindung kostete, in diese brutale Welt einzutauchen, in der der Alltag nur aus Gefahren besteht und in der es keine erstrebenswerte Zukunft zu geben scheint. Dennoch große Empfehlung, in deutschsprachiger Literatur hatte ich das nicht erwartet.

Empfehlenswerte Besprechung von Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung (auch wenn er St. Matthäus “Markuskirche” nennt):
“Ein Wunder namens Wohnung”.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 9. Juni 2021 – Schifferlsitzen auf der Alten Utting

Donnerstag, 10. Juni 2021 um 6:37

Nach dem letzten Zwischenaufwachen kurz nach vier nur schwierig wieder eingeschlafen, dafür um dreiviertel sechs vom Wecker aus tiefem Schlaf gerissen.

Ein neuer Anblick: Nach sechs Jahren Baustelle ist die neue Portalklinik so weit, dass der angrenzende Gehweg wieder begangen werden kann. Wenn aber die aktuelle Ankündigung auf der Website eingehalten werden soll, laut der die Eröffnung “in der ersten Jahreshälfte 2021” stattfindet, pressiert’s jetzt.

Vor lauter Begeisterung rief ich einem der Gärtner zu: “Schee is worn!”1

Mit langen Ärmeln brauchte ich auch morgens für den Arbeitsweg keine Jacke, das fühlte sich wundervoll an.

Emsigkeit im Büro, viel davon unvorhergesehen, aber fruchtbar.

Mittgessen: Rest Heringsalat von Montagabend, Butterbreze (ungebutterte waren schon aus), nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Nachmittags zog der Himmel zu, es wurde schwül, hin und wieder grollte Donner – aber es blieb trocken.

Auf dem Heimweg noch ein jetzt von Bauzäunen unverstellter Blick auf die neue Klinik.

Notaufnahme.

Haupteingang.

Ich war verabredet mit Herrn Kaltmamsell, zum Abendessen auf die Alte Utting zu spazieren: Seit drei Jahren kann man mitten im Münchner Schlachthofviertel in einem ehemaligen Ammersee-Ausflugsdampfer einkehren, der auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke steht.

Wir sahen uns erst mal um: Gesessen wird halt, wo man auf einem Ausflugsschiff sitzt.

Drinks holten wir uns innen an einer Theke, zu Essen gab es an Stationen außerhalb des Schiffs. Herr Kaltmamsell brachte uns afrikanische Gerichte, Gemüse mit Tamarinde, Rindfleisch und Gemüse mit Erdnuss-Soße, beides mit Couscous. Schmeckte beides sehr gut.

Das war der Ausblick von unserem Tisch auf dem obersten Deck. Die Sensation des Abends: Wir sahen einen Turmfalken vorbeifliegen, mit Beute in den Krallen, wahrscheinlich einer Maus. Außerdem sah ich unweit das neu gebaute und noch uneröffnete Volkstheater.

Heimweg durchs Schlachthofviertel, unter anderem um am Volkstheater vorbei zu gehen (sensationell!).

Daheim Tagesschau und als Nachtisch Süßigkeiten.

§

Klaus Kastberger (den ich als Juror de Bachmannpreises kennengelernt habe) versucht, das Gesamt-Sprachkunstwerk Friederike Mayröcker zu beschreiben:
“Es war ihr gegeben. Ein Nachruf auf Friederike Mayröcker (20.12.1924 – 4.6.2021)”.

§

Kate Crawford untersucht die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz. Sie ist research professor of communication and science and technology studies an der University of Southern California und arbeitet für Microsoft Research.

“Microsoft’s Kate Crawford: ‘AI is neither artificial nor intelligent’”.

via @AndreasSchepers

Sehr interessant, u.a. weil sie mit dem Glauben aufräumt, größere Datenmengen würden Vorurteile aufwiegen: Die Kategorien, in denen einsortiert wird, sind ja immer noch von (durch Stereotype geprägte) Menschen vorgegeben. Und dann widerspricht sie einer weiteren gefährlichen Fehlannahme: Dass man Menschen ansehen könne, wie es ihnen geht.

The idea that you can see from somebody’s face what they are feeling is deeply flawed. I don’t think that’s possible. I have argued that it is one of the most urgently needed domains for regulation. Most emotion recognition systems today are based on a line of thinking in psychology developed in the 1970s – most notably by Paul Ekman – that says there are six universal emotions that we all show in our faces that can be read using the right techniques. But from the beginning there was pushback and more recent work shows there is no reliable correlation between expressions on the face and what we are actually feeling. And yet we have tech companies saying emotions can be extracted simply by looking at video of people’s faces.

  1. Schön ist es geworden. []
die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 8. Juni 2021 – Spargelquiche

Mittwoch, 9. Juni 2021 um 6:39

Aufgewacht mit schmerzhaft zusammengebissenen Zähnen – wie gut, dass ich seit Jahren nachts Beißschiene trage. Die zwar den Zahnschmelz vor Sprüngen schützt, aber nicht resultierendes Kopfweh verhindert.

Draußen war es weiter mild, den ganzen Tag auch hell mit Wolken, machmal Sonnenschein.

Mittags gab es ein Restl Graupensalat vom Vortag, außerdem eine Mango. Nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Seltsamer Tag mit vielen Gefühlen.

Auf dem Heimweg kaufte ich beim Vollcorner fürs Abendessen ein. Ich hatte grünen Spargel für die abendliche Quiche auf der Liste, doch es gab nur weißen. Ich bin eine deutlich faulere Einkäuferin als Herr Kaltmamsell, deshalb schwenkte ich auf weißen Spargel um statt in anderen Läden grünen zu suchen.

Ich bereitete Spargel-Quiche nach diesem Vorbild (wie schön, dass das Blog weiter online steht, auch wenn es nicht mehr betrieben wird) und ziemlich frei Schnauze. Wurde sehr gut, das nächste Mal aber mit grünem Spargel.

§

Wenn jemand, die du schon immer im Internet liest, also seit 20 Jahren, Heather Armstrong aka dooce, die du durch ihre erste Schwangerschaft, ihre zweite, ihre Scheidung, ihre endlosen, nie versiegenden Gesundheitsprobleme begeleitet hast, aber auch durch ihre Buchprojekte, ihre weltweiten sozialen Projekte. Die du gelesen hast, weil sie immer sehr crazy und oft sehr klug schrieb, die eine von den Bloggerinnen war, durch die du Einblicke in eine fremde, ferne Alltagsrealität bekommen hast. Die als erste in deinem Sichtfeld vom Bloggen leben konnte, Jahre bevor es das Wort “Influencer” gab. Wenn diese nach langem Schweigen wieder auftaucht, um darüber zu bloggen, dass sie seit 22 Jahren schwere Alkoholikerin ist, auch in ihren Schangerschaften und auch mit massiver psychischer Medikation war, mit welchen immer absurderen Finten sie das vertuscht hat, und wenn du nach ein paar Absätzen Schmunzeln über den neuesten Scherz merkst: Oh Gott, das ist ernst. Und es dir das Herz vor Trauer zusammenzieht.
“What long nights would end”.

Are you still with me? I hope so. Because I need you to stick around. I need you understand that bestselling books and wikipedia pages and three-page spreads in People magazine tell you nothing about who I really am. The photos I’ve taken while exploring the world with organizations and celebrities and various lovers, they don’t tell you that when I traveled by plane I always checked two suitcases filled with liquid and I knew exactly how much I could pack so that those bags didn’t exceed the weight limit.

Wie klein der Bruchteil von Heathers Lebens immer war, den sie in ihrem Blog zeigte, das doch anscheinend ihr ganzes Leben offenlegte, war mir spätesten bei der Trennung von Jon, dem Vater ihrer Kinder klar: Sie hatte sich in keinem Detail angekündigt. (Möglicherweise ist Diskretion bei scheinbarer Offenheit sogar am einfachsten.)

Doch die jetzige Offenlegung lässt ja das gesamte Blog in einem anderen Licht erscheinen. Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, welche Qual und welcher Schmerz da verborgen war.

§

Es soll keiner sagen, wir hätten das mit den Auswirkungen des Klimawandels nicht rechtzeitig gewusst. Hier Angela Merkel in einer NDR-Talkshow 1997.

§

Apropos: Was ist eigentlich eine Emission? Expertin Dr. Miriam Vollmer erläutert den rechlichen Hintergrund.
“Was ist eine Emission: Zu OVG BB 12 B 14/20”.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 7. Juni 2021 – Schwierige Urlaubsbuchung

Dienstag, 8. Juni 2021 um 6:31

Ich erwachte früher als gewollt zu einem grauen Tag, der aber nicht kalt war.

Vormittags informierte mich ein Anruf, dass die am Vorabend gebuchte Urlaubsunterkunft doch nicht frei war, weil bereits ausgebucht – das hatte das Hotel vergessen auf dem Portal zu aktualisieren. Man schickte mir Alternativen.
So schwierig habe ich noch nie eine Urlaubsbuchung erlebt, schon gar nicht zweieinhalb Monate vor Urlaub, die ich nicht für last-minute halte. Anscheinend sind wirklich selbst die Ägypten- oder Türkei-Strand-Pauschalistinnen auf Deutschlandurlaub umgeschwenkt. Unter anderem befürchte ich jetzt überlaufene Wanderwege – die ich in den vergangenen Monaten wirklich genug hatte.

Mittags gab es Graupensalat mit roten Paprika, Gurke, Petersilie, den Herr Kaltmamsell für uns beide Sonntagabend als Brotzeit zubereitet hatte. Nachmittags brauchte ich ausnahmsweise noch ein großes Stück schwarze Schokolade.

Ich forschte einer Bestellung für die neue Wohnung hinterher, die ohnehin fünf Wochen Lieferzeit hatte und jetzt seit zwei Wochen auf dem DHL-Status “Beschädigte Sendung nachverpackt – Weitertransport zum Empfänger” steht. Da es sich um eine Lampe mit drei Glasschirmen handelt, fürchte ich kaputt. Erst telefonierte ich mit einer Maschine (als ich nach viermal vergeblichem deutlichen Sendungsnummer-Aufsagen eine Roboterstimme ausprobierte, brauchte es nur zwei weitere Anläufe), dann hatte ich einen Menschen dran: Er fand die Sendung auch nicht, der Absender muss einen Nachforschungsauftrag stellen. Also schrieb ich eine E-Mail an die Lieferfirma.

Ich fühlte mich nicht besonders: Mir war wacklig mit Schwindel und Temperatur-Achterbahn. ABER! Aus dem grauen Tag war ein sonniger mit gemischten Wolken geworden, für den Heimweg ging ich eine Extra-Schleife im Sonnenschein.

Daheim machte ich meinen Standard-Quiche-Teig für Dienstagabend (250 gr. Butter, 250 gr. ausgepresster Magerquark, 250 gr. Mehl, eine Prise Salz – Menge reicht für zwei Quiches/Tartes) und stellte ihn kalt, war enttäuscht von einer lahmen Runde Yoga (Atmen… wem das nichts gibt, kann Folge 26 von Adrienes Breath auslassen).

Herr Kaltmamsell servierte auf meinen Wunsch zum Abendessen Heringsalat mit Ernteanteil-Roten-Beten, dazu gekocht die jetzt aber wirklich letzten Lagerkartoffeln aus Ernteanteil.

Neuerliche Buchung einer Urlaubsunterkunft im Bayerischen Wald, diese hat kein Restaurant, wir werden abends nochmal rausgehen müssen. Wenn das nicht klappt, versuchen wir’s in Nordfranken und wandern im “Grünen Band”.

§

Sie erinnern sich an das Containerschiff, das im März den Suezkanal blockierte? Vielleicht mögen Sie wissen, was damit seither passierte und wie der Stand der Ursachenforschung ist.

§

Porträt der Frau, die nach 77 Männern an der Spitze des US-Finanzministeriums steht: Janet Yellen.
“Die Erste ihrer Art”.

via @miriam_vollmer

Doch Yellens Biografie erzählt noch viel mehr. Sie verdeutlicht, wie sich das wirtschafts­politische Denken in den Vereinigten Staaten – und mit ihm eine ganze Debatten­kultur – über die Jahre fundamental verändert hat.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 6. Juni 2021 – Schwiegers umarmt

Montag, 7. Juni 2021 um 6:26

Letzter Tag des herrlich langen Wochenendes, es stehen elf gnadenlose Fünf-Tage-Wochen an bis Urlaub. Ich werde mir zum Durchhalten dringend für jede Woche mindestens eine Unternehmung an einem Feierabend einfallen lassen müssen.

Zu Regenrauschen aufgewacht, so in etwa wird es jetzt erst mal bleiben. Aber hey: Wir hatten ein paar sonnige Tage. Ich war ein wenig benommen von unruhiger Nacht. Da wir mittags bei Schwiegers eingeladen waren, hatte ich mir für genügend Sportzeit den Wecker gestellt.

Sport wurde ein Fitnessblender-Programm für Oberkörper und Rumpf, an das ich mich nicht erinnern konnte, das ich aber mindestens einmal absolviert haben muss: Meinen Lesezeichen enthielt Bewertung und Kommentar (Sport-Lesezeichen sortiere ich mit 1-super, 2-geht oder 3-nicht nochmal und schreibe dazu, ob Warm-up und Cool-down enthalten sind). Und ich konnte mir zustimmen: War ein wiederholenswertes.

Ausgiebige Körperpflege mit Freude am schönen Bad, in dem ich mich dank Spiegel jetzt auch schminken und föhnen kann.

In sanftem Landregen und milder Luft spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Bahnhof – wo wir feststellten, dass es die online recherchierte Verbindung nicht gab. Wegen irgendeiner Störung mussten wir mit der S-Bahn nach Pasing und konnten erst dort in eine Regionalbahn nach Augsburg steigen. In Augsburg wurden wir abgeholt, ich schloss auch die vollgeimpften Schwiegers endlich wieder herzlich in die Arme.

Wir hatten selbst gemachte Maibowle mitgebracht (ich bin ja immer noch ein wenig beleidigt, dass Georg Etscheit in seinem sonst sehr interessanten SZ-Artikel über Waldmeister, “Das unterschätzte Kraut”, Maibowle als “mies” bezeichnet – die geht auch gut!) und freuten uns alle viere daran. Es gab viel zu erzählen, es war so schön zusammenzusein, und es gab Gutes zu essen: Einen Salat mit Romana, Radieserln, Avocado als Vorspeise, dann Lammrücken mit Rosmarinkartoffeln und breiten Bohnen, zum Nachtisch Vanillecreme und Rotweinbirnen. Dazu gab’s spannende Geschichten von früher, also ganz früher im Sinne von ums Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir trafen weitere Verabredungen mit den Schwiegers.

Auf dem Rückweg hatte der Regen aufgehört, die Bahnverbindung war wieder umständlich, zudem verspätet. Nach einem kurzen Handy-Aufladen daheim ging ich nochmal raus ins regenfrei Graue. Ich drehte eine Runde in der Innenstadt, die mir guttat. (Die Pandemie ist anscheinend vorbei, praktisch niemand trug Maske.)

Margeritenwiese im Hofgarten.

Zum Abendessen gab’s ein paar Käsereste mit Gurke, zum Sattessen zwei Nachtische: Nochmal Kirsch-Tapioka mit Custard und dann köstlichen Erdbeerkuchen von Frau Schwieger.

Eine Woche Wanderurlaub im Bayerischen Wald gebucht – ein rechter Schuss ins Unbekannte, wir können nur hoffen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 5. Juni 2021 – Bad fertig #WMDEDGT

Sonntag, 6. Juni 2021 um 8:02

Ein Beitrag zu Frau Brüllens WasMachstDuEigentlichDenGanzenTag? #WMDEDGT.

Ich schlief mit wenigen Unterbrechungen bis zum Wecker um sieben.

Erst mal holte ich die Zeitung. Seit einiger Zeit werden die Tageszeitungen im Haus nicht mehr bis zur Wohnungstür gebracht – was mich beim Einzug hier irritiert hatte, doch viele Jahre erfreute. Ein freundlicher Nachbar recht weit oben, der sehr früh aufsteht, erledigt das mit dem Aufzug für die drei Abos im Haus, wenn er seine aus dem Briefkasten beim Hauseingang holt. Doch er ist seit drei Wochen im Urlaub und hat mich vor Abreise gebeten, sie statt seiner der alten Dame ganz hoch zu bringen – das mache ich doch gerne. Anders als er allerdings nicht mit dem Aufzug, ich habe ganz gerne kurz nach dem Aufstehen die Gelegenheit, den Kreislauf ein wenig hoch zu bringen.

Erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee mit Milch, dazu Bloggen. Das Wetter war wunderbar sonnig, aber nicht heiß.

Ich räumte Küche und Wohnung, absolvierte zwei meiner morgendlichen Reha-Übungen (Vierfüßler Cross, Käfer), duschte mich und zog Handwerktaugliches an (Bermudas, T-Shirt, Innenturnschuhe).

Meine Eltern klingelten kurz nach zehn: Sie kamen, um nochmal bei Wohnungsherrichtung zu helfen. Beide haben vollen Impfschutz, ich hatte per Selbsttest morgens Corona-Negativität (größtenteils) sichergestellt: Zum ersten Mal seit über einem Jahr begrüßte ich meine Eltern mit einer innigen Umarmung, das war sehr sehr schön.

Meine Mutter installierte Stangenbohnen am Küchenbalkon und nahm mir ungenutzte Blumentöpfe ab. Mit meinem Vater kümmerte ich mich ums Bad: Ein alter Spiegel bekam neue Löcher in die dicke hölzerne Rückseite (es gibt extra Bohrer für große Mulden-Löcher!), dafür legten wir ihn auf den Balkontisch, das Spiegelglas mit einer Decke geschützt.

Im Bad brachte mein Vater eine Lampe über dem Spiegel an, drei Regale und den Spiegel. Ich ging ihm zur Hand (Werkzeug anreichen, beim Bohren das Staubsaugerrohr drunterhalten) und lernte unter anderem, wie man in Fliesen bohrt, ohne sie zu zerbrechen: Erst vorsichtig mit Spitz und Hammer Loch anlegen, Bohrmaschine erst ohne Schlag verwenden, bis die Glasur weggebohrt ist, dann Schlag zuschalten. Außerdem lernte ich, dass es spezielle Hohlraumdübel gibt, die sich beim Eindrehen der Schraube hinten spreizen. Abschließend holte mein Vater Dübel aus Altlöchern (auch da zeigte er mir eine Technik für Fliesen) und verschloss die Löcher.

Im Flur brachten wir einen Haken an, um den Vorhang vorm Fenster in den Innenhof dekorativ zu raffen – meine Mutter hatte eine Auswahl an Bändern und Quasten mitgebracht, aus der ich mir ein gestreiftes Band aussuchte.

Damit war kurz vor eins alles für gestern erledigt. Ich hätte meine Eltern gerne noch auf ein Mittagessen in den Schnitzelgarten eingeladen, doch sie fuhren lieber heim. Zu meiner großen Freude nahmen sie aus meinem Schlafzimmer zwei alte weiße Kommoden mit (Ikea frühe 1980er), die noch aus meinem Kinderzimmer stammten und die jetzt, da ich den fabulösen Einbauschrank habe, endgültig nicht mehr benötigt wurden. Fertig einrichten kann ich mein Schlafzimmer aber erst, wenn der Crosstrainer darin seinen Platz gefunden hat – und der muss erstmal beweisen, ob er reparierbar und wieder benutzbar ist.

Zum Frühstück kochte ich mir zwei Eier weich, aß eine Semmel vom Vortag dazu.

Ich befreite das Bad von restlichem Bohrschutt und räumte die Regale ein, versuchte mich ein weiteres Mal daran, die schwarzen Schimmelstellen in der Badewannenverfugung zu beseitigen. Wieder erwiesen sie sich dem brutalen eingewirkten Schimmelfrei-Mittel und der anschließenden Bürstenbehandlung gewachsen, ich werde recherchieren müssen.

Verpackungen zur Wertstoff- und zur Papiertonne gebracht, eine Kiste mit Umzugsmaterial (Pinsel, Glühbirnen in Fassungen, Moltofill, Waschmaschinenschlauchverlängerungen) in den Keller.

Jetzt hatte auch ich Feierabend und setzte mich mit Laptop auf den sonnigen, aber nicht heißen Balkon zum Internetlesen. Dabei musste ich mich mehrfach gegen Ausgesperrtwerden wehren: Wenn Herr Kaltmamsell rauskam, neigte er beim Zurückgehen in die Wohnung dazu, die Balkontür hinter sich zu verschließen.

Kurz nach fünf radelte ich nach Neuhausen, um dem Broeding die Weck-Gläser vom Mitnahme-Menü zurückzubringen. Am Himmel türmten sich dunkle Wolken, es blies Regenwind – aber ich blieb trocken.

Daheim eine Runde Yoga, bevor Herr Kaltmamsell das Abendessen servierte:

Zweimal Rind, einmal weichgemacht mit schwarzen Bohnen und Ernteanteil-Pakchoi chinesisch, einmal als Spieße mit Erdnussoße, zu allem Vollkornreis. Im Glas ein Rest Riesling vom Vorabend. Das schmeckte schon mal sehr gut, und dann gab’s auch noch Nachtisch! Herr Kaltmamsell hatte den Saft der Schattenmorellen vom Mais-Kirsch-Kuchen mit Tapioka angedickt und dazu echtes Custard gekocht – superköstlich, ich aß zwei Portionen.

Abendunterhaltung diesmal Echtzeit-Fernsehen: Das Bayerische Fernsehen zeigte Leo, eine Familiengroteske von 2006: Hochkarätige Besetzung (Gisela Schneeberger, Elmar Wepper, August Zirner, Matthias Brandt), wunderbares Drehbuch von Gerlinde Wolf, sehr schön verfilmt von Regisseurin Vivian Naefe in realistischem Setting, mit immer wahnwitzigeren Enthüllungen.

Eingeschlafen zu Regenrauschen.

§

Wurde gestern durch mein gesamtes Internet gereicht: Ein ausführliches Interview von republik.ch mit Prof. Christian Drosten unter anderem zum wahrscheinlichen Ursprung von SARS-CoV-2 und den Mechanismen dahinter. Diesmal wurde Drosten auch nach den Anfängen seiner Corona-Forschung 2003 gefragt – und auch das ist superspannend.
“Herr Drosten, woher kam dieses Virus?”

§

Alltäglicher offener Antisemitismus in Deutschland.

§

“Das ist doch Werbung für dich!” Aber es zahlt halt nicht die Miete: Warum Berühmtheit mit viel öffentlicher Präsenz keinen Lebensunterhalt bedeutet.

Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo kann sich vor Anfragen kaum retten – und lebt dennoch in ständiger finanzieller Unsicherheit.

Hier der ganze Artikel, in dem die gebürtige Britin darauf hinweist, dass in Deutschland Klassenzugehörigkeit verschwiegen wird und wie sich das auswirkt:
“Sharon Dodua Otoo: ‘Veränderung entsteht durch persönliche Erzählungen'”.

Während ich den Roman schrieb, der gerade erschienen ist, habe ich mir hier und da Geld ausgeliehen, in der Hoffnung auf eine entspanntere Situation, wenn das Buch fertig ist und die Lesungen losgehen. Bereits vor der Veröffentlichung gab es unheimlich viele Anfragen. Und immer wieder gibt es Anfragende, die selbstverständlich davon ausgehen, dass ich mich mit einem reduzierten Honorar zufrieden geben könnte, da sie selbst nicht so viel Budget zur Verfügung haben. Solche Anfragen kann es nur geben, wenn die Leute denken, ich könnte mir das leisten, auf ein angemessenes Honorar zu verzichten. Und es macht mich ziemlich wütend, dass ich mich so oft exponieren und meine Lage offenlegen muss, um ein Honorar zu bekommen, mit dem ich meine Miete zahlen, ein bisschen was für die Rente beiseitelegen und meine Kinder versorgen kann.

(…)

Ich glaube, dass dieser abwertende Blick damit zusammenhängt, dass unsere Gesellschaft verinnerlicht hat, dass eine Person selbst schuld ist, wenn sie arm ist. Dass sie faul sein muss, denn wenn sie arbeiten würde, wäre sie nicht arm. Ich für meinen Teil arbeite sehr, sehr viel, und habe dabei das Gefühl, es ist relativ egal, was ich mache – mit reiner Lohnarbeit werde ich nie genug verdienen, um als alleinerziehende Mutter den Lebensunterhalt für mich und meine Familie zu bestreiten.

(Hervorhebung im Original)

§

Durch Schließungen in der gefährlichsten Phase der Corona-Pandemie konnten viele lange nicht zum Friseur. Am sichtbarsten war das wohl an den Frauen, die ihre grauen Haare färben. Fotografin Elinor Carucci zeigt für den New Yorker, dass daraus aber auch eine besondere Ästhetik erwachsen ist (und viele Frauen sich danach nicht mehr die Haare färben):
“Silver Linings”.

via @ankegroener

Jeannine Carson, 53. “When I would see the silver, I would have an excited feeling, like, ‘Oh, that’s me.’ ”

die Kaltmamsell