Journal Donnerstag, 26. Februar 2026 – Play Auerbach! von Avishai Milstein an den Münchner Kammerspielen
Freitag, 27. Februar 2026 um 6:17https://youtu.be/irCCimL1UFM?si=R-uS9Tl7qhKSVdza
“Revue” ist herrlich altmodisch, ich verbinde das zum einen mit dem Berlin der 1910er und 20er (hier unter Beteiligung besonders vieler jüdischer Künstler*innen), zum anderen mit dem Vaudeville in Großbritannien und der USA. (Und dem Friedrichstadtpalast, d’oh.) Als mir also die Münchner Kammerspiele in mein Abo ein Stück mit dem Untertitel “Eine Münchner Erinnerungsrevue” setzten, war ich gleich besonders interessiert. Zudem faszinierte mich die historische Figur des Philipp Auerbach – der den Blick wie so manche andere aktuelle literarische Verarbeitung des Dritten Reichs auf die bis dahin eher vernachlässigten Jahre direkt nach Kriegsende richtet.
Und das tut das Theaterstück Play Auerbach! von Avishai Milstein, das er als Auftragswerk für die Kammerspiele geschrieben hat, eben auch: Es geht um München in Trümmern, um den Wiederaufbau, den Umgang mit den Grauen der Shoah, quicklebendigen Antisemitismus – aber aus der Sicht der überlebenden Juden, die jetzt als diplaced persons zwar zunächst schon unter dem Schutz der US-Besatzer, aber halt doch wieder in Lagern lebten. Und irgendeine Form von Zukunft finden mussten. Das hätte man durchaus realistisch auf die Bühne bringen können, und jedes Moralisieren wäre gerechtfertigt gewesen, gerade an der schillernden Figur Philipp Auerbach. Dass statt dessen die nicht-realistische Form einer Revue mit viel Komik gewählt wurde, ermöglichte aber Dutzende zusätzlicher Ebenen, machte auch noch Spaß und konnte Tritte an Stellen setzen, an die Realismus gar nicht hinkommt.
Es ging schonmal damit los, dass die Handlung in der Zukunft angesetzt wird: Eine Laienschauspieltruppe probt öffentlich anlässlich 100 Jahren Kriegsende, also 2045, eine Auerbach-Gedenkrevue. Das erfahren wir von der Leiterin und Regisseurin Beate, die sich als Antisemitismusbeauftrage vorstellt, erfolgreiche Antisemitismusbeauftragte. Ohnehin erfahren wir als Publikum in diesem Stück viel explizit aus Erklärungen, oft vom Bühnenrand – wie man es aus einer Revue gewohnt ist. Ein berühmter Fernsehschauspieler gesellt sich hinzu (auch er wird uns vorgestellt), er schnappt sich die Rolle des Auerbach.
Revue heißt auch Musik, sie erinnerte mich oft an Kurt Weill. Die Lieder und Stücke waren manchmal boshaft wie politisches Kabarett, mal Balladen. Das Revue-Format erlaubte auch Poesie (einziges Kulissen-Element war der aufgehängte Rahmen eines Konzertflügels) und Provokation, die stärksten visuellen Akzente setzten teilweise extrem aufwändige Kostüme in beeindruckenden Choreografien, die Maske erinnerte an die Bühnen-Episoden im Film Cabaret von 1972. Und dieses Format ließ Raum für immer neue Ebenen an Anspielungen auf heutigen Antisemitismus, der Halbsatz “Dass gerade ein Volk, das den Holocaust erlebt hat…” musste gar nicht vervollständigt werden. Dazu kam aber auch (nur halb ernst, aber dann halt doch ernst) die Suche nach einem Platz für jüdisches Leben in Deutschland. Immer wieder kulminierten mäandernde Szenen in zugespitzten Erkenntnissen, zum Beispiel:
“Einen Juden zu spielen ist Kunst!
Ein Jude zu sein ist Provokation!”
Was mich vor allem begeisterte: Wie Wunder-voll und unersetzlich das Medium Theater hier funktionierte. Inklusive der wieder umwerfenden Darsteller*innen, darunter: Wiebke Puls kann eh fast alles, der Gast Samuel Finzi ging mir nahe, Annika Neugart ließ unter anderem Therese Giese wiederauferstehen.
Wenn DAS heutiges Theater ist, finde ich Theater weiterhin sehr super und gebe ihm eine große Zukunft.
Nach dem (langen, begeisterten) Schlussapplaus kam Mittwochabend Dramaturgin Viola Hasselberg auf die Bühne und lud ins Foyer zum Gespräch über das Stück ein – leider war ich um diese Zeit viel zu erledigt für sowas. (Und brauchte ohnehin erstmal Verarbeitung des Erlebten.)
Diese Besprechung von Sabine Leucht bei nachtkritik.de gefällt mir sehr gut:
“Fettnäpfchenwetthüpfen”.
§
Ich hatte den Wecker 15 Minuten später gestellt, schlief nach guter Nacht auch bis Klingeln. Draußen ganz eindeutiger Frühlingsvogelgesang, dominant dabei die Amsleriche, eher als Rhythmusbegleitung Finkenschlagen.
Herr Kaltmamsell kam eine halbe Stunde, nachdem er sich in die Arbeit verabschiedet hatte, schon wieder zurück: Seine U-Bahn fuhr nicht (Unfall, Störung). Da er den frühstmorgendlichen Teil seiner Aufgaben ohnehin auch von daheim erledigen konnte, tat er das.
Schöner Marsch in die Arbeit, der Nebel, zu dem ich aufgestanden war, hatte sich gesenkt, am blauen Himmel sah ich nur wenige Wolken.
Im Büro gleich durchgestartet, ich war unter Termindruck.
Uiuiui, so viel weniger hatte ich doch gar nicht geschlafen – nach den ersten beiden Stunden Hochgeschäftigkeit in der Arbeit fühlte ich mich steinmüde. Mittagscappuccino holte ich mir in der Cafeteria, spazierte dann aber raus in die Sonne und um ein paar Blöcke des Westends. Kurz vor Mittgessen (Apfel, letzte Orange, Restbrot, Trockenfeigen, Nüsse) bekam ich noch einen Stein weggearbeitet, der mir seit einer Woche auf der Brust saß, große Erleichterung.
Emsiger Nachmittag, aber ich kam noch bei deutlich Tageslicht raus in den Feierabend. Auf dem Heimweg gründlicher Nachkauf von Schokolade. UND! UND! Sichtung des blühenden Frühlings-Trios Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokus.
Daheim Pilates, da Herr Kaltmamsell den Abend aushäusig verbrachte, aß ich allein zu Abend: einen Rest Macaroni-and-cheese, aus frisch geholtem Ernteanteil Postelein-Salat. Nachtisch sehr viel Schokolade (aber noch vor Bauchweh aufgehört).
Eine Rechnung von Crowdfarming traf ein und ließ mich die Augen aufreißen: Der Käse vom adoptierten Schaf kostete in dieser Saison 107,66 Euro, nach 60,82 Euro im Vorjahr. Für 1,5 Kilo verschiedene Manchegos. Zwar wurde ich immer darauf hingewiesen, dass die saisonalen Preise variieren können, doch bei diesem Sprung fiel mir dann doch das Gesicht runter. So viel zahle ich nicht mal beim Dallmayr oder im Tölzer Kasladen für Käse. Zumal ich deutlich besseren Manchego kenne als den, den ich hier geliefert bekomme. Ich beendete die Adoption umgehend.
Kleidungs- und Pack-Überlegungen für den Freitag: Herr Kaltmamsell und ich lösen ein Weihnachtsgeschenk ein und fahren nach Ingolstadt ins Theater, um mit Familie und Freunden der Familie Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal anzusehen. Inklusive Übernachtung bei meinen Eltern, das wird alles sehr schön!
Früh ins Bett zum Lesen.
§
Das neue Denkmal für die Familie Mann am Salvatorplatz hat bereits ein Eigenleben entwickelt.






























