Journal Dienstag, 21. Januar 2020 – Bov Bjerg, Serpentinen

Mittwoch, 22. Januar 2020 um 7:46

Im Bett Serpentinen von Bov Bjerg ausgelesen, das mir der Claassen-Verlag als Leseexemplar geschenkt hatte. Erst mal geschluckt.

Serpentinen ist ein Männerbuch, erzählt Männerdinge – von Vätern und Söhnen, von Freunden und Brüder -, von einem Mann erzählt. Ein Männlichkeitsroman? Auf jeden Fall ein bitterer, schmerzlicher. Keine Spur ist geblieben vom ausgelassenen Lachen in Auerhaus, vom komischen Blick in Die Modernisierung meiner Mutter: Geschichten. (Auch wenn eine Kaltmamsell drin vorkommt, also eine echte bei einer Feier.)

In Serpentinen fährt ein Erzähler mit seinem Sohn in Grundschulalter in der Schwäbischen Alb herum, aus der er stammt. Schon im ersten Kapitel wird klar, dass er nicht gefunden werden will, dass er auf den Spuren seiner Kindheit unterwegs ist, dass er einen Weg aus dem Teufelkreis sucht, der seinen Vater, Großvater, Urgroßvater in den Suizid gesogen hat. Auch dass er Alkoholiker ist wie sein Vater.

Man könnte Serpentinen als Fortsetzung von Auerhaus lesen: Der Ich-Erzähler trägt sich im Hotel als Höppner ein, ein Frieder taucht auf. Der Ich ist weggegangen nach Berlin, ist aus seinem Herkunftsmilieu ausgebrochen, Professor für Soziologie geworden (ausgerechnet – und ja: Eine ausführliche Anspielung auf Didier Eribons Rückkehr nach Reims legt noch eins drauf, dann ist das Leben halt rekursiv). Die vielfältigen Fremdheiten, die dieser Ausbruch nach sich zieht, prägen sein Leben in Berlin.

Das im Jetzt Erlebte steht auf derselben Erzählebene wie Vorgestelltes und Erinnertes – immer wieder tauchen die Fossilien in der und aus der Schwäbischen Alb auf, die schon die Jury des Bachmannpreises als Allegorie auf des Erzählers Suche nach seiner Vergangenheit las. Vor allem aber sind sie ebenso interpretationsbedürftig und unzuverlässig wie Erinnerungen, wie Vorstellungen. Die Bewegung der Serpentinen findet ihre Fortsetzung im wiederkehrenden Bild von Fließendem, von Wassern und Rinnsalen, die sich vereinen und auf das eine große Wasser zufließen.

Parallele zwischen Form und Inhalt: Die titelgebenden Serpentinen spiegeln sich in der Erzählstruktur. Bestimmte Elemente und Passagen tauchen immer wieder auf, “Um was geht es”, die Vorstellung von den Rinnsalen, der um den Tisch laufende Vater, “ersoffen, erschossen, erhängt”, die Braut und zukünftige Witwe. Als Leserin kommt man immer wieder daran vorbei wie auf Serpentinen an der immer gleichen Aussicht aufs Tal – die sich durch die leicht wechselnde Höhe dann doch immer wieder ein wenig unterscheidet.

Der Erzähler erinnert sich an Brutalität und Willkür, mit denen er aufgewachsen ist – und muss sich dann doch zusehen, wie er immer wieder selbst empathielos auf seinen Sohn losgeht. Wie “der Junge” das alles wahrnimmt, bleibt schemenhaft, ebensowenig greifbar wie alle anderen Figuren der Handlung. Sehr konkret ist der Umgang von Vater und Sohn miteinander: Anders als in der Literatur gewohnt ist er handfest mit Erinnerungen an Babywickeln, auf dem Arm Halten, Krankenpflege, dieser väterliche Blick enhält auch Sorge um kalte Füße.

Im Erzählfluss immer wieder kleine Strudel um kryptische Einwürfe, manchmal verliert sich der Erzähler ganz in seinen inneren Schrecken, die Tragödie scheint unausweichlich. Mir hat die Lektüre weh getan.

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Ja mei, Ibu hilft halt nicht immer, in diesem Fall auch nicht das vorhergehende Entspannungsbad: Lange schmerzbedingte Schlafpause in der Nacht.

Diesmal früh genug von daheim losgekommen, dass die U-Bahn noch einen Sitzplatz für mich hatte, die ersten Seiten Zeitung gelesen.

Viel gearbeitet, vor allem aber: Einen Augenblick lang vergessen, innerlich vor dem Angstprojekt davonzulaufen und – ZACK! – weiß ich, wie’s gehen kann und bin so große Schritte weiter, dass es kein Angstprojekt mehr ist. Auch sonst beim Machen und Organisieren auf keine Hindernisse gestoßen, mit schwierigen Dingen nicht allein fertigwerden gemusst.

Nach der Arbeit nur ein kurzer Abstecher zur Apotheke. Nachtmahl war ein Kichererbsen-Süßkartoffel-Curry aus der Hand des Herrn Kaltmamsell.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 20. Januar 2020 – Den Muskeln beim Atrophieren zusehen

Dienstag, 21. Januar 2020 um 6:45

Sehr gut geschlafen (diesmal wieder mit Ibu), nur zu wenig – acht Stunden reichen derzeit wohl nicht.

In der Nacht war ein wenig Schnee gefallen, der sogar auf Bäumen und Hausdächern liegen blieb. Deshalb und wegen des Projekts MWB Möglichst Wenig Bewegung (OH MEIN GOTT DABEI HABE ICH DOCH IN DER REHA GELERNT DASS SCHON NACH WENIGEN TAGEN DIE UNGENUTZTEN MUSKELN ATROPHIEREN !!!EINSELF!!) beschloss ich vom Rad auf ÖPNV zu wechseln und kaufte gleich eine Wochenkarte.

Ich lernte umgehend die Auswirkung einer 15 Minuten späteren Fahrt als sonst: Sehr, sehr volle U-Bahn.

Besprechungszimmeraussicht (Musik dazu).

Den Bürotag über merkte ich, wie tief in mir sitzt, mich möglichst viel zu bewegen, also Treppen bis zum 4. Stock immer zu Fuß, lieber einen Umweg nehmen, jede Gelegenheit nutzen aufzustehen und zum Kollegen / zur Kollegin / zum Drucker zu gehen, lieber zum weiter entfernten Klo. Und dann wurden meine guten Vorsätze gleich mal durch Aufzugprobleme durchkreuzt: Die Geduld, mehrer Minuten auf den einen funktionierenden von drei Aufzügen zu warten, brachte ich einfach nicht auf und nahm doch wieder mehrmals die Treppe.

Nach der Arbeit fuhr ich für Besorgungen mit der U-Bahn zum Odeonsplatz, ging besorgend von dort nach Hause – und ZACK war ich schon wieder bei über 10.000 Tagesschritten. Die letzten paar Hundert davon erstaunlich schmerzhaft.

Herr Kaltmamsell servierte ein Glas Schaumwein und dann einen Schwarzkohleintopf vor allem aus Ernteanteil.

Seine gestrige Gesundheitsanweisung: ein Entspannungsbad nehmen. Ich folgte wieder und genoss das Bad.

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Ein aufschlussreiches, weil differenziertes Interview mit einem jungen Berliner Jugendrichter:
“Sex, Dönerraub und Autorennen
Richter Sebastian Abel über die Dramen der Berliner Jugend”.

via @miriam_vollmer

Müssen Sie im Gericht Probleme ausbaden, die die Gesellschaft verursacht hat?
Vorm Jugendgericht werden wir Zeugen individueller Dramen. Nicht jeder Fall, den wir hier haben, ist ein Spiegel gesellschaftlicher Probleme. Als Jugendrichter entscheide ich nicht über Fehlentwicklungen in der Gesellschaft, sondern über einen konkreten Fall. Das ist schon schwierig genug. Selbst wenn es gelingen würde, an jeder Stelle gesellschaftspolitisch gegenzusteuern: Jugendkriminalität wird es immer geben.

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Modeste erzählt von einer Begegnung:
“Kleines Mädchen”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 19. Januar 2020 – Überraschungsbesuch aus England

Montag, 20. Januar 2020 um 6:51

Morgens ein Hauch Schnee auf den Dächern, dann ein paar Flocken in der Luft, auch mal ein echter Schneeschauer.

Ich hatte lange geschlafen und war so bei aller Zerstückelung auf ausreichende Nettoschlaf gekommen.

Wer mir übrigens nie Gesundheitstipps gibt, auch nicht zu meinen jahrelangen Kreuz- und Hüftproblemen, ist Herr Kaltmamsell. Statt dessen bemitleidet er mich, hört mir zu und berücksichtigt meine jeweilige Tagesform.

Nun daure ich ihn allerdings so sehr, dass er sich die Erlaubnis für Stellungsnahmen geholt hat: eine pro Tag. Am Samstag lautete die, ich solle die Ärzte doch bei Gelegenheit fragen, wie viel und wie intensive Bewegung sie raten (Ich bin ja schon froh, wenn sich ein Arzt überhaupt ernsthaft mit meinen individuellen Beschwerden befasst und nicht einfach in die Standardkiste greift.), gestern empfahl er mir mal konsequente Sportpause. Woraufhin ich tatsächlich die geplante Schwimmrunde strich, auf die ich mich wirklich gefreut hatte. Versuche ich es also mal eine Woche lang mit gezielt möglichst wenig Bewegung, auch dazu kann ein Schrittzähler ja dienen.

Auch sonst lief der Sonntag anders als geplant: Vormittags klingelte mein Handy (zur Erinnerung: mich ruft NIE jemand an, allerhöchstens Friseur oder Arztpraxis, also am Sonntag schon gleich überhaupt niemand), ich sah eine englische Nummer – und erkannte die Stimme am anderen Ende auch nach vielen Jahren bereits nach zwei Wörtern. Meine nordenglische Studienfreundin H. war gerade auf Skiurlaub in den Alpen und hatte vor dem Rückflug Sonntagabend von München aus noch Zeit. Ich warf umgehend alle Pläne um und lud sie zu uns ein, freute mich gewaltig.

1992_ines3 after the chip stop

Sie ist die rechte, das links bin ich damals 1992 in Swansea. Bei ihren Eltern hatte ich damals Weihnachten verbracht (silly hats!), sie hatte mir mit ihrem unglaublichen Kopf für Faktenwissen eine Menge über England und seine Geschichte beigebracht (definitiv jemand, die man beim Pub Quiz im eigenen Team haben will). Ihre Eltern waren es, die mir im Jahr drauf über Monate alte Stark Trek-Folgen aufnahmen und auf VHS-Kassette nach Deutschland schickten – in Zeiten, in denen hier nur sehr schwer an die unsynchronisierte Fassung heranzukommen war.

Bei einer ähnlichen Gelegenheit hatten wir einander 2016 gesehen. Diesmal holte ich H. vom Bahnhof ab (vorher schnell noch ein halbes Dutzend Krapfen besorgt), brachte sie zu uns. Schöner Austausch der Lebenssituation, sie machte einen guten Eindruck. H. berichtete allerdings Besorgliches über eine gemeinsame englische Freundin, bei der ich mich also dringend melden will.

Klar sind wir alle älter geworden, doch ich freute mich sehr, den Kern der alten Freundin wiederzuerkennen: Messerscharfer Verstand kombiniert mit Menschenfreundschaft und Pragmatismus. Allein schon ihre Geschichten, wie sie auf Reisen immer wieder einfach Abstecher zu Menschen aus ihrer Vergangenheit macht – sei es gestern in Süddeutschland oder bei anderer Gelegenheit in Italien oder Slowenien: “So I thought, mmh, why not give her a ring and drop by?” Das geht!

Ruhiger Räumabend, zum Nachtmahl gab es Reste der vergangenen Tage.

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Außensicht ist ja immer interessant, gestern zum Beispiel die Sicht eines britischen Anwalts, der als Zeuge vor dem Bundesverfassunggericht aussagte, auf diese Institution – als Twitter-Thread.

via @miriam_vollmer

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Kashmir Hill von der New York Times hat über den Stand der Gesichtserkennung recherchiert – und herausgefunden, dass die (noch) kleine Firma Clearview einige Mauern niedergerissen hat, die ohnehin nur auf vager Selbstverpflichtung basierten. Die Verbindung aller Speicherorte, an denen Bilder mit persönlichen Angaben verknüpft sind (u.a. Polizeidatenbank, Facebook, YouTube), bedeutet das Ende jeglicher Privatspäre.
“The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It”.

Wie gut die Software bereits funktioniert, bekam gleich mal die recherchierende Journalistin zu spüren:

While the company was dodging me, it was also monitoring me. At my request, a number of police officers had run my photo through the Clearview app. They soon received phone calls from company representatives asking if they were talking to the media — a sign that Clearview has the ability and, in this case, the appetite to monitor whom law enforcement is searching for.

Nachtrag: Die Zeit hat eine Zusammenfassung des Artikels auf Deutsch.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 18. Januar 2020 – Familienkalb und Joker

Sonntag, 19. Januar 2020 um 9:21

Bei den letzten Malen Schmerzaufwachen vor Aufstehen hörte ich draußen Regen: Endlich, es war die vergangenen Wochen viel zu trocken. Doch schon vormittags hatte es wieder aufgehört. Und so gut ich persönlich auf Schnee verzichten kann: Es braucht hier den Niederschlag dringend.

Heavy adulting: Im Wintergarten (haha, Nebenraum der Küche, der mal ein Balkon war) nicht nur die durchgebrannte Glühbirne ausgetauscht (seit Tagen kaputt, doch wir waren nie zu Tageslichtzeiten daheim), sondern auch den blechernen Lampenschirm gereinigt, der sich beim Birnewechseln als fettig verdreckt herausgestellt hatte.

Ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer. Mein stetig schlechterer Zustand verschafft meinen Bewegungsdrang Konkurrenz: Manchmal ertappe ich mich bei einem “und wenn ich mich mal ein paar Tage überhaupt nicht bewege und nur sitze und liege?”.

Vormittags nahmen wir einen Zug nach Augsburg: Die lieben Schwiegereltern hatten zum Mittagessen eingeladen, auch der Bruder von Herrn Kaltmamsell und seine Frau waren da. Es gab nach einem schönen Vorspeisensalat gefüllte Kalbsbrust – die ich noch nie selbst gemacht habe und durchaus gern esse. Sie war köstlich. Zum Nachtisch Quitten in Granatapfelsaft mit Grießklößchen.

Vorabendvorstellung in den Museums Lichtspielen mit Herrn Kaltmamsell: Joker (OV). Der kleine Vorführraum war schon zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn so voll, dass wir keinen Platz zusammen bekamen. Musste ich halt selbsttätig die Augen schließen, wenn ich Erschreckendes befürchtete – eh nur etwa dreimal.

Danach musste ich mich erst mal von der Düsternis und Joaquin Phoenix’ Intensität erholen (allein das Lachen!), bis ich herausfand, ob mir der Film nun gefallen hatte: Ja, hatte er. Das war eine ganz andere Düsternis als das der apokalyptischen Action- und Superheldenfilme im Mainstream-Kino, David Steinitz schreibt in der Süddeutschen (€):

Der Großstadtmoloch Gotham City sieht in seiner [Regisseur Todd Phillips’] Version wie ein “Taxi Driver”-Themenpark aus.

Die Brutalität, die Menschen der Handlung waren so wenig überzeichnet, auch nicht durch Kamera oder Schnitt, dass ich ihr keine gesellschaftskritischen Statements unterstelle, sondern ein Gesamtkunstwerk sah, transportiert durch die Konzentration auf die titelgebende Figur.

An der Musik irritierte mich zunächst, dass neben dem Orchester-Score (hier ein gutes Beispiel) auch andere Stücke vorkommen – doch die waren dramaturgisch sehr gezielt und funktional eingesetzt.

Wie ich schon bald während der Vorführung befürchtet hatte, war der Film gar nichts für Herrn Kaltmamsell, der mit der Filmkategorie drama nichts anfangen kann, in der es hauptsächlich um Menschliches und Gefühle geht.

Daheim servierte er ein vorgekochtes Shakshuka aus Kichererbsen und Schwarzkohl, in das nur noch die Eier gesetzt werden mussten. Schmeckte sehr gut.

Beim abendlichen Verlassen des Hauses hatte ich wie schon am Vorabend das erste Amselflöten des Jahres gehört.

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Schöne Geschichte im Techniktagebuch: Mit welchen Argumenten in den 80ern unter Übersetzerinnen und Übersetzern diskutiert wurde, wie ein Computer ihre Arbeit erleichtern könnte.
“1983 bis 1986
Computer – lohnt sich der?”

(Alles Erleichterungen, die uns heute völlig selbstverständlich sind.)

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 17. Januar 2020 – Schmerz und Stress

Samstag, 18. Januar 2020 um 8:20

Deutlich niedrigerer Schmerzpegel, sofort kehrte geradezu Fröhlichkeit in mein Gemüt. (Bei all den fachlichen Hinweisen auf Stress als Schmerz- oder gar Entzündungsverstärker werfe ich immer hilflos die Hände zum Himmel: Der Schmerz ist mein Stresserzeuger Nr. 1, zefix.)

Foto vom morgendlichen Arbeitsweg am Mittwoch – Posten vergessen, doch jetzt nachgeholt, weil ich doch durch Fahrradfahren so selten Bilder mache.

Eine der Cornish Pastys vom Vorabend hatte ich zur Brotzeit dabei.

Das war ja ihr Urprung: Robuster Teig als Behälter für das Mittagessen (Rüben, Kartoffeln, billiges Fleisch) der Minenarbeiter. Den Transport im Rucksack hatte dieses Exemplar problemlos überstanden. Und schmeckte zur Brotzeit. Nachmittags gab’s die nebenliegende Birne.

Ich hatte ein Interview mit der Komponistin Hildur Guðnadóttir gelesen, die für den Soundtrack zu Joker einen Golden Globe bekommen hat. Unter anderem las ich, dass sie die Chance hatte, bereits vor Drehbeginn auf Basis des Skripts anzufangen. Donnerstag beim Sport hatte ich ein wenig in die Musik reingehört – und jetzt will ich den Film sehen, der mich zuvor überhaupt nicht interessiert hatte: Ich will den Film zu dieser Musik sehen. Karten für Samstagabend gekauft.

Früher Feierabend, ich brauchte dringend Wochenende. Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich kaufte auf dem Heimweg einen Salatkopf und Orangen (Dressing) fürs Abendessen zu einer weiteren Cornish Pasty. Dazu den Rest Bocksbeutel vom Samstag (Kühlschränke sind nicht wirklich auf dieses Format eingerichtet: Um Platz in der Tür zu schaffen, musste ordenlich umgeräumt werden, mehrere Bocksbeutel darin zu kühlen, ist ein Problem – gibt es einen fränkischen Kühlschrankhersteller, der Sonderinnenausstattung anbietet?). Nachtisch Schokolade.

Dazu guckte ich Kroymann, die Folgen vom Januar 2019 und von vergangenem Oktober. Großartig. Möglicherweise ist Maren Kroymann Gott. Göttin.
(Wurde sie schon mal für Die Anstalt angefragt? Wo ja ohnehin mal Zeit wäre für eine Folge, in der alle Gäste weiblich sind, nicht immer nur eine?)

Früh zu Bett, ich hatte Schlaf nachzuholen.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 16. Januar 2020 – Schmerzenslangeweile

Freitag, 17. Januar 2020 um 6:41

Ein Schmerzenstag, der mich zermürbte: Ich fand keine Haltung im Sitzen oder Stehen, in der nicht die ganze Beinfront drückend geschmerzt (spricht für Ursache Ischiasnerv) und das Hüftgelenk gepiekst (spricht für Entzündung) hätten. Mein Gangbild war ein einziger hoher Seegang.
Wie mich das langweilt!

Mittags ein Laugenzöpferl, Kerne eines Granatapfels mit Joghurt. Nachmittags eine Hand voll Nüsse. Wieder ein sonniger, milder Tag.

Abends Reha-Sport, angefangen mit Progressiver Muskelentspannung. Der Text dieses Trainers forderte zumindest nicht dazu auf, irgendwelche Gedanken oder Wahrnehmungen loszulassen (as if), sondern konzentrierte sich ganz auf Muskeln. Mein Geräteprogramm brachte ich nicht ganz durch: Auf zwei Maschinen hätte ich warten müssen, da sie ständig belegt waren – ich wollte heim.

Zu Hause hatte Herr Kaltmamsell Cornish Pasties gebacken: Endlich hatte der Ernteanteil in der Vorwoche die dafür essenzielle Steckrübe geliefert. Dazu gab es frisch als Ernteanteil geholten Feldsalat.

§

Das Museo del Prado widmet zwei Malerinnen des 16. Jahrhunderts eine Ausstellung: “A Tale of Two Women Painters: Sofonisba Anguissola and Lavinia Fontana”. In ihrer Zeit waren die beiden Frauen gefeiert, gerieten dann aber in Vergessenheit. Cody Delistraty macht sich in Paris Review Gedanken darüber, was das über den Geniebegriff in der Kunstgeschichte aussagt:
“The Myth of the Artistic Genius”.

via @Hystri_cidae

Dabei skizziert Delistraty nicht nur die beiden (per Definition außer-gewöhnlichen) Lebenswege, sondern befasst sich mit der Meisterschaft ihrer Werke.

§

Auch ich tendiere zum Augenrollen, wenn ein Politiker oder eine Politikerin mal wieder Klarnamenpflicht im Internet fordert: Das Thema ist seit vielen Jahren abschließend geklärt.

Weil aber immer wieder Leute auftauchen, die das nicht mitbekommen habe, diese Leute dummerweise auch mal an Entscheidungspositionen sitzen, bin ich froh, dass Sascha Lobo nochmal erklärt:
“Klarnamenpflicht im Netz
Die Impfgegner des Internets”.

Klarnamenpflicht-Anhänger sind die Impfgegner des Internets, das soll keine Herabwürdigung sein, sondern die Feststellung einer Parallele. Beide meinen es eigentlich nur gut, folgen aber gefährlichen Fehlüberzeugungen. Beide verlassen sich auf Erzählungen, die so oft wiederholt wurden, bis sie sich irgendwie wahr anfühlen.

(…)

Das menschliche Gehirn hat das Anscheinsprinzip als Erfolgsmodell entwickelt. Es sieht so aus und es fühlt sich so an, also ist es auch so. Ich seh doch mit eigenen Augen, dass der Blitz seltener in Buchen einschlägt!

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 15. Januar 2020 – Knives Out

Donnerstag, 16. Januar 2020 um 7:09

Endlich mal gut geschlafen, davon fast sechs Stunden am Stück – doch der Wecker klingelte zu früh, ich hatte noch nicht genug Schlaf nachgeholt.

Noch ein sonniger Tag, beim frühnachmittäglichen Hofgang war es herrlich warm. Mittags Waldorfsalat und zwei Mandarinen.

Nach der Arbeit radelte ich direkt nach Hause, um vor dem Kinobesuch mit Herrn Kaltmamsell noch etwas essen zu können: Es gab Bagels aus dem Tiefkühlschrank mit Frischkäse, Schnittlauch, getrockneten Tomaten oder Räucherlachs.

Wir hatten Plätze (Karten gibt es ja dort bei Onlinekauf nicht mehr) im Cinema für Knives Out, auf den ich mich seit dem ersten Trailer gefreut hatte und der – im Gegensatz zu Last Christmas, auf den ich mich auch sehr gefreut hatte – sehr positiv besprochen wurde. (Sofia Glasl analysiert für die Süddeutsche die Rolle der Kostüme für die Charakterzeichnung: “Der Mörder ist immer…”)

Ergebnis: Ja, allerliebst und herzerfrischend. Neben mir ertönte während des Abspanns das Urteil, das ich auch schon häufig gelesen habe: “Endlich mal ein guter Film.” Knives Out nimmt sich ein scheinbar durchgespieltes Genre vor, den klassischen Who done it nach Agatha Christie, und variiert – gerade genug, dass alle Anklänge an berühmte Vorbilder da sind (u.a. das Setting, die Kameraeinstellungen, das Personal) und ergänzt um genug Neugier erzeugendes Neues. Der Film beginnt mit der Entdeckung des Toten und erzählt von dort in angenehmem Tempo und in sorgsamer Struktur weiter. Das Drehbuch hat viele schöne Einfälle, ohne den Film zu überfrachten. Allein schon die Idee, einen Charakter einzubauen, der nicht lügen kann: Pflegerin Marta muss sich übergeben, wenn sie lügt. Wunderschön, was der Film damit macht.

Oder der Privatdedektiv Benoit Blanc (gnihihi), den Daniel Craig mit einem völlig absurden Akzent spielt – was soll das bitte gewesen sein? Irgendwann fällt “Kentucky”, doch ich habe den Verdacht, der Akzent war einfach erfunden. Was hat die deutsche Synchronisation wohl daraus gemacht?

Klassisch wieder der Aufbau: Mehrmals im Film glaubt der Zuschauer zu wissen, was wirklich geschah, doch erst im großen Showdown enthüllt der Privatdetektiv (natürlich im großen Wohnzimmer des Hauses) alle Details und Zusammenhänge. Sehr schön auch die Maske: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind deutlich überschminkt (so faltig ist die wundervolle Jamie Lee Curtis wirklich noch nicht) und wirken dadurch ein wenig wie Comiczeichnungen.

Auch Herr Kaltmamsell hatte sich amüsiert, beschwingte U-Bahn-Fahrt nach Hause.

die Kaltmamsell