Journal Freitag, 18. November 2016 – Upper Eat Side wiederbesucht

Samstag, 19. November 2016 um 10:01

Sonniger Weg in die Arbeit.

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Die Morgensonne tauchte die Gipfel des Tollwood-Gebirges in Licht.

Ich stinke seit einigen Wochen wieder zum Gottserbarmen. Auch noch so brutale Deos sind machtlos (Gestank und Achselausschlag sind eine besonders unangenehme Kombination). Aus einigen Oberteilen bekomme ich den Odeur schon gar nicht mehr rausgewaschen. Letzte Maßnahme, um drohendes Wegwerfen zu vermeiden, wird sein: 24-Stunden-Bad in Wäschedesinfektion. Könnte das mit den Wechseljahren bitte ein wenig Tempo zulegen?

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Für den Abend hatte ich nach einigen vergeblichen Versuchen einen Tisch im geschätzten Upper Eat Side reserviert – vor sechs Wochen für gestern. Dabei freut mich wirklich sehr, dass das Restaurant so gut ankommt.

Auch gestern war alles wieder wundervollst.

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Der Rosé-Schaumwein zum Einstieg, ein Ferrari aus dem Trento, schön hefig, brotig und trocken.

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Als Gruß aus der Küche in einer Espressotasse ein Cappuccino mit Meerrettichschaum, Gurkenrelish drunter – köstlich (der Schnittlauch war auf einem Löffelchen serviert worden).

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Aus dem Vorspeisenangebot auf der Tafel hatten wir uns entschieden für (von rechts im Uhrzeigersinn): Isartaler Bouillabaisse mit Rouille aus süßem Senf, Rinderfilettatar und Himbeersenf mit selbst gebackenem Laugenstangerl, Renkenmatjes-Sashimi und Apfelingwer.

Als Hauptspeise gibt es weiterhin ein Stück für zwei vom Grill (darunter auch Saibling). Wir entschieden uns für das Mangalitza-Schwein (mit Kartoffeln und Grünkohl aus der Pfanne sowie Pflücksalaten). Dazu empfahl uns Wirt Jochen einen wirklich schönen Weißburgunder aus Baden, von Bernhard Huber – der am Anfang sogar etwas Animalisches hatte und sich von da ab interessant entwickelte; zur Schweinekruste bekam er sogar Waldmeisternoten.

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Davor gab es ein Kresse-Sorbet mit Federweißem und Sauerrahm – schmeckte weit aufregender, als es klingt.

Nachtisch wollten wir auch. Er kam in zwei Gängen.

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Tonkabohnenschaum auf Aprikose (“Fruchtweißbier”), dann Himbeersorbet und Crème brûlée mit Shortbread.

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Weil ich mich so darüber gefreut habe, das hier getwittert.

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Hier können Sie sich das kleine Filmchen ansehen.

Dann aber doch nochmal gründlicher nachgedacht, warum ich glaube, dass das ein guter Dicken-Witz ist. Ich hatte Antje Schrupps Kriteriun für gute Witze über Frauen angewendet: Wenn sie auch in einer Welt ohne Geschlechterstereotypen witzig wären. Für den oben gilt: Wäre auch witzig in einer Welt, in der Dicke nicht stereotypisiert und diskriminiert würden. (Lasse mich aber gerne von Betroffenen korrigieren.)
Und dann sah ich mir das Filmchen noch ein paar Mal an.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 17. November 2016 – Abschied von der Lieblingswäschehändlerin

Freitag, 18. November 2016 um 6:40

Morgens beim Verlassen des Hauses auf dem 100 Prozent geladenen Smartphone die Pokémon-App gestartet. Nach 10 Minuten Arbeitsweg: Akkuanzeige auf 1 Prozent. Automatisches Abschalten verhinderte ich durch den vorsichtshalber doch mitgenommenen externen Akku. Also keine Änderung. Wenn ich’s auch jetzt mit abgeschalteter Pokémon-App wiederholen kann, war der Akku dann doch das Symptom und nicht die Ursache und ich muss damit wieder zum Schrauber.

Über den Tag immer wieder helle Flecken am Himmel, leuchtendes Abendrot erst kurz vor fünf.

Nachdem ich morgens ein Loch in einem meiner schwarzen Edel-BHs festgestellt hatte (gerade mal 5-6 Jahre nach Kauf, tse) spazierte ich abends in wunderbar milder Luft zu meiner bewährten Wäschehändlerin im Ruffinihaus am Anfang der Sendlinger Straße. Ich verließ den Laden einerseits froh über die neue Ausstattung (mit schwarzer Wäsche bin ich jetzt für mindestens wieder 5-6 Jahre versorgt), andererseits traurig, denn die Ladenbesitzerin hatte meine Befürchtung bestätigt: Nach der anstehenden Sanierung des Ruffinihauses, die nach jetzigem Stand im Herbst 2017 beginnt, wird sie nicht zurückkehren. Sie erzählte mir die Hintergründe ihrer Entscheidung, ich konnte sie sehr gut nachvollziehen. Und werde mich wohl im Frühling noch bei ihr mit heller Wäsche eindecken müssen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag/Mittwoch, 15./16. November 2016 – War of the Encyclopaedists

Donnerstag, 17. November 2016 um 8:57

Dienstag an einem knackig kalten Morgen Langhanteltraining in der Gruppe – ich war überrascht, wie gut es lief, da ich mit deutlichen Hüftschmerzen aufgewacht war.

Frostiges Radeln in die Arbeit.

Abends war es milder geworden, dafür nass.

Meine Leserunde traf sich bei uns, wir sprachen über Christopher Robinsons und Gavin Kovites, War of the Encyclopaedists. Mir hatte der Roman gut gefallen, vor allem, weil mir diese Innensicht des US-amerikanischen Truppeneinsatzes im Irak neu war. Es geht um zwei junge Burschen, die Studenten Mickey Montauk and Halifax Corderoy, die Handlung beginnt 2004. Sie sind Freunde, die sich in Rom im Urlaub kennengelernt haben und sofort verstanden hatten. Montauk ist aber auch Reservesoldat und wird vor Beginn der grad school einberufen, um als Lieutenant nach Baghdad zu gehen, Corderoy geht an die Uni. Da die beiden wissen, dass sie einander eh nicht schreiben werden, setzen sie in Wikipedia eine neue Seite “Encyclopeadists” auf, die sie hin und wieder aktualisieren – und der Inhalt spiegelt spielerisch ihre aktuelle Befindlichkeit. (Kurzes Auflachen, wie unmöglich das in der streng überwachten deutschen Version von Wikipedia wäre – thematisiert die Übersetzung das eigentlich?)

Die beiden Welten werden abwechselnd erzählt. Corderoy kommt weder im Studium noch daheim zurecht, versinkt in Einsamkeit, Alkohol und anderen Drogen. Montauk findet sich in einer völlig unberechenbaren neuen Situation und Rolle, muss praktisch jeden Moment Entscheidungen treffen, die Leben kosten können – und vertut sich häufig. Diese Welt des US-Militärs im Irak fand die Leserunde einstimmig besonders interessant, weil sie so viel Information transportierte. Corderoy wiederum wird als ein Typ Slacker geschildert, den man eher in den 90ern erwarten (siehe Reality Bites).

Tragende Rollen spielen auch zwei Frauen, aus deren Sicht ebenfalls immer wieder Kapitel erzählt werden. Mani ist eine junge Künstlerin, die als Corderoys Geliebte eingeführt wird, die er aufs Fieseste sitzen lässt. Sie gehört eher in die Slacker-Welt, bekommt aber durch ihr künstlerisches Schaffen Bodenhaftung. Tricia ist eine Studentin, die sich mit Corderoy die Wohnung teilt und die Perspektive des gar nicht dummen, aber gefährlich naiven politischen Aktivismus vertritt. Ich fand beide Figuren interessant und vielschichtig gezeichnet, andere Leser aus der Runde sahen sie als reine Stichwortgeberinnen.

Gut wegzulesen das Buch, mit einigen anregenden Einblicken – muss aber nicht unbedingt auf jeden Fall dringend.

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Am gestrigen Mittwoch regnete es durch.
Das war auch deshalb blöd, da ich mit Fahrrad fahren musste: Nach Feierabend hatte ich noch etwas vor, und für genau diese Strecken wären öffentliche Verkehrsmittel umständlich gewesen. Aber: Die Temperaturen waren deutlich gestiegen.

Das Vorhaben war ein Besuch beim Handy-Schrauber in der Maxvorstadt. Ich ließ ihm mein iphone da; als ich es 20 Minuten später abholte, bestätigte Herr Schrauber den Akku-Defekt (“schon eine Luftblase” – ?) und hatte einen neuen eingebaut. Den alten ließ ich mir mitgeben (ist ja gefühlt sowas wie ein gerissener fauler Zahn), freute mich über die Aussicht, ohne externen Riesenakku in der Manteltasche Pokémon fangen zu können.

Zum Nachtmahl Portulak aus Ernteanteil sowie Käse und Brot, im Fernsehen dazu Ein Teil von uns mit den großartigen Hauptdarstellerinnen Jutta Hoffmann und Brigitte Hobmeier. Auch sonst ein gut gemachter Film, der Effekthascherei und Klischees in Wort, Bild und Ton umgeht (leider ist das so bemerkenswert, dass ich gerne über den einen oder anderen Konsistenzknick in der Handlung hinwegsehe). Bis 16.2.2017 in der Mediathek nachschaubar.

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Die Dezemberdüsternis scheint mich dieses Jahr besonders früh zu erwischen. Mag an der frühen Kälte dieses Jahr liegen, die es in Verbindung mit bedecktem Himmel schon um vier recht dunkel werden lässt, an den düsteren Umständen der Lebensunterhaltsicherung, an der düsteren Weltpolitik. Oder halt an Hormonen.

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“Because I Was a Girl, I Was Told …”

Vielfältige Einzelgeschichten von Frauen verschiedenen Alters in der New York Times.
Besonders gefiel mir diese:

Louise Jones McPhillips
62, Birmingham, Ala.

In 1966, I met with our 7th-grade school counselor after taking a “career aptitude” test. On the test, my match for a dream career was architect. The counselor told me that wasn’t possible because, as he explained, architects had to know a lot of math, and girls “didn’t do” math. Deflated and dismayed, I apologized for not knowing that such a path was not open to me. My second choice from the aptitude test was kindergarten teacher. The final report I gave to the counselor consisted of the most elaborate and detailed designs and drawings for a kindergarten classroom ever. Some years later, I got my master’s in architecture and became one of the first female registered architects in Alabama.

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Ein wenig Glitzer im novemberlichen Dezemberdunkel:

https://youtu.be/4qzIZ2EP8Uw

die Kaltmamsell

Journal Montag, 14. November 2016 – Heimlicher Riesenmond

Dienstag, 15. November 2016 um 6:24

Deutlich vor dem Weckerklingeln weckten mich Unruhe und Angst.
Nu, hatte ich noch reichlich Zeit, die Stollen zu puderzuckern und in Alufolie zu wickeln.

Ein knackig kalter Tag mit gemischtem Himmel. Für eine Besichtigung des lange angekündigten besonders großen Vollmonds war es dann leider nachts zu bedeckt.

Auf dem Heimweg Einkäufe in der Lebensmittelabteilung des Karstadts am Hauptbahnhof (beim Hertie halt), unter anderem eine reife Ananas, die es mit Schlagsahne zum Nachtisch gab.

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Er lässt mich nicht los, dieser aggressive Groll in der Wählerschaft, der unter anderem durch die Wahl eines Donald Trump zum US-Präsidenten wirklich gefährlich geworden ist.

Zum einen die Beobachtung von Sven Scholz, dass den Trump-Wählerinnen und -Wählern Gleichberechtigung und konstruktive Diskussionen einfach unwichtig sind, so dass sie Trumps Sexismus, Rassismus und Hass schlicht nicht störten.
“Perspektiven”.

Klar gab es überzeugte Rassisten, die Hitler tatsächlich wegen seines Rassismus wählten. Aber den meisten Leuten war dieser Punkt eher einfach egal. Nicht weil sie ihn toll fanden, sondern weil es eine ganz „normale“, allgemein verbreitete Geisteshaltung war, über die man überhaupt nicht groß nachdachte.

Die wählten Hitler nicht wegen seines Antisemitismus und seines Rassismus. Diese Programmpunkte waren für einen Großteil seiner Wählerschaft völlig irrelevant. So wie Trumps Rassismus und Frauenfeindlichkeit offenbar für viele Latinos und vor allem für viele Frauen offenbar uninteressanter waren als alle – auch ich – dachten. Die Leute haben damals nicht „gegen die Juden“ gewählt. Sondern „für sich“. Und sie haben auch heute nicht „den Rassisten“ gewählt. Sondern „für sich und ihre Interessen“. Die Frage nach Rasse und Frauenrechten war da eher weniger dabei, im Positiven wie im Negativen. Wenn Rassismus „normal“ ist, dann wählt man ihn nicht. Aber dann stört er einen halt auch nicht.

Zum anderen in der Harvard Business Review:
“What So Many People Don’t Get About the U.S. Working Class”.

via @ankegroener

Beobachtung: Gebildete können in viel stärkerem Maß den Hass der kleinen Leute auf sich ziehen als Superreiche – weil sie im Alltag erlebbar sind.

Michèle Lamont, in The Dignity of Working Men, (…) found resentment of professionals — but not of the rich. “[I] can’t knock anyone for succeeding,” a laborer told her. “There’s a lot of people out there who are wealthy and I’m sure they worked darned hard for every cent they have,” chimed in a receiving clerk. Why the difference? For one thing, most blue-collar workers have little direct contact with the rich outside of Lifestyles of the Rich and Famous. But professionals order them around every day. The dream is not to become upper-middle-class, with its different food, family, and friendship patterns; the dream is to live in your own class milieu, where you feel comfortable — just with more money. “The main thing is to be independent and give your own orders and not have to take them from anybody else,” a machine operator told Lamont.

Folgerung des Artikels: Wirtschaftspolitik ist der Schlüssel.

Back when blue-collar voters used to be solidly Democratic (1930–1970), good jobs were at the core of the progressive agenda. A modern industrial policy would follow Germany’s path. (Want really good scissors? Buy German.) Massive funding is needed for community college programs linked with local businesses to train workers for well-paying new economy jobs.

(Deutschland als Vorbild zu nehmen, ist angesichts des Erfolgs der AfD seltsam. Doch die wird ja statistisch eher vom etablierten Bürgertum gewählt. Andere Kausalzusammenhänge als Trump-Wahl?)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 13. November 2016 – Wir kaufen wirklich eine Gärtnerei

Montag, 14. November 2016 um 6:34

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Wir, das Kartoffelkombinat, kaufen also tatsächlich eine Baumschule in Spielberg und machen daraus unsere Gärtnerei. Das beschlossen wir gestern in einer außerordentlichen Generalversammlung. Hurra!

Aufsichtsrat und Vorstand präsentierten den Antrag in Einzelschritten (Immobilienkauf – Finanzierung des Kaufs – Konzept des Betriebs – Finanzierung des Betriebs). Nach jedem Schritt bat der Aufsichtsratvorsitzende um ein Stimmungsbild, mit den Farbkarten grün (dafür), weiß (na ja), rot (dagegen). So zeichnete sich auch Schritt für Schritt ab, dass der Gesamtantrag, der aus all den Schitten bestand, angenommen werden würde.

Tatsächlich hatten mich die politischen Ergebnisse der vergangenen Monate verunsichert. Als es hieß, dass sich unerwartet viele Menschen zur Generalversammlung angemeldet hätten (es waren 250, ein Viertel aller Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler), reagierte ich nicht sofort mit Freude – ich fürchtete, dass sich jetzt, kurz vor knapp, die Gegner und Gegnerinnen zeigen würden (und nicht schon auf den 20 Infoveranstaltungen und Besichtigungen der Baumschule in den vergangenen Monaten). Zumal nicht mal die Hälfte der Mitglieder weitere Genossenschaftsanteile (à 150 Euro) für eben diesen Kauf gezeichnet hatten – und das, wo doch die eigene Gärtnerei das erklärte Ziel des Kartoffelkombinats war und ist.

Doch dann stimmten 100 Prozent dem Kauf zu, alle. (Hier ein paar Fotos von der Generalversammlung.)

Was mir aber beim Blick auf unsere Genossenschaft mal wieder auffiel: Das ist schon eine sehr akademisch geprägte und homogene Gruppe. Gehöre ich damit schon wieder zu Ausgrenzerinnen und Elite und erzeuge Wut? Kann man sauer werden, wenn Leute wie ich auf die Folgen des Kaufs von Supermarktgemüse hinweisen? “Jetzt soll ich mir wegen politischer Korrektheit darüber AUCH noch Gedanken machen?!” Wenn Leute wie ich sich für Alternativen engagieren? “Die hält sich wohl für besonders gescheit?! Wahrscheinlich sogar für etwas Besseres!”

Und schließlich: Sind vielleicht genau diese Sorgen von uns Liberalen am End’ herablassend und arrogant?

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Nachmittags erste Weihnachtsstollen gebacken, die Charge zur Versendung an die italienische Verwandtschaft.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 12. November 2016 – #12von12

Sonntag, 13. November 2016 um 9:13

Das Fotoprojekt #12von12: Am 12. eines Monats über den Tag Fotos machen, mit 12 davon im Blog den Tag dokumentieren. Hier werden die Teilnahmen gesammelt.

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Ausgeschlafen. Da ich in der Nacht zuvor lediglich den Tisch abgedeckt und in Standardform gebracht hatte (von oval zu rund) sowie die Geschirrspülmaschine befüllt und angeschaltet, sah die Küche noch sehr nach Gästen aus. Mit diesem Rest befasste sich Herr Kaltmamsell (u.a. sind die Goldrandteller nicht Spülmaschinen-tauglich).

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Mein Frühstückskaffee. (Herr Kaltmamsell nimmt seinen an seinem Schreibtisch.)

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Wir hatten den Verdacht, dass die für die Amseln am Balkon ausgelegten Rosinen in den vergangenen Tagen in Krähenmägen verschwunden waren. Den beiden, die auf den Kastanien vorm Balkon saßen, legte ich Erdnüsse aus. Die ersten schnappten sie sich erst, wenn ich nicht mehr im Wohnzimmer war (im Gegensatz zu den anderen Vögeln begreifen die Krähen nämlich das Konzept Fenster und glauben mich nicht verschwunden, wenn ich die Balkontür schließe). Doch schon bei der dritten Runde Erdnüsse auf Balkonsims fürchtete sich zumindest eine der beiden nicht mehr vor mir.

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Buch zwei der Wochenend-SZ. Ich habe den Eindruck, dass die Medien sich in den vergangenen Monaten hauptsächlich mit denen befasst haben, die sie als “vergessen”, “ausgegrenzt”, “abgehängt” bezeichnen – mit bösen weißen Männern. Die faktisch diskriminierten Bevölkerungsgruppen am Rand der Gesellschaft (in USA z.B. schwarze alleinerziehende Mütter, illegal Eingewanderte aus Mexiko) schienen nicht so berichtenswert. Da dies aber ein unbelegter, persönlicher Eindruck ist, misstraue ich ihm (Entscheidungen auf der Basis von Resentiments und Gefühlen sind eben genau keine gute Idee). Kennt irgendjemand Zahlen zur Berichterstattung in den deutschen Medien? Wie oft in welcher Kaufmedienart über welche US-Bevölkerungsgruppe berichtet wurde? Sie würden mich sehr interessieren.

Denn: Mussten diese weißen Männer wirklich Angst haben? Die FAZ beobachtet:
“Die Angst vor der weißen Wut”.

Auch als Präsident Obama gewählt wurde, hatten seine Gegner keine Angst. Ärger, Verachtung und eine Riesenwut, das ja. Aber niemand musste realistischerweise fürchten, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Niemand musste fürchten, seine Art zu leben hätte in den Vereinigten Staaten keinen Platz mehr und dürfte mit keinem Schutz mehr rechnen. Kein mühsam erkämpftes, inzwischen verbürgtes Recht war in Gefahr, wieder entzogen zu werden. Niemand brauchte Angst davor zu haben, wegen seiner Rasse, seiner Herkunft, seiner Religionszugehörigkeit, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung respektlos behandelt, ausgegrenzt, bedroht zu werden.

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Raus an die Isar zum Laufen. Das Wetter war kalt und düster, doch fürs Gemüt brauchte ich dringend mal wieder entspanntes Traben in schöner Umgebung. Das immer noch leuchtende Restlaub hielt gut gegen den düsteren Himmel an. Leider habe ich davon nur ein Foto, denn mein 100% geladenes Smartphone ging bereits nach 20 Minuten, in denen ich es lediglich zweimal zum Fotografieren aktiviert hatte, wegen Akku leer aus. Ich habe ein Problem.

Auf dem Heimweg lief ich gleich mal beim Apple-Schrauber ums Eck vorbei – und stellte fest, dass er mittlerweile durch einen Friseur ersetzt wurde. Kann ich also erst nächste Woche anpacken.

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Ich hatte Lust auf ein seltenes Vollbad. Bitte beachten Sie: Es handelt sich lediglich um eine perspektivische Täuschung, die das Buch mit Schaum bedroht.

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Auch Frühstück hatte ich mir auf dem Heimweg geholt. Mit der knusprigen Kruste der Ciabatta-Semmel riss ich mir gehörig den Gaumen auf.

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Die Bügelwäsche der vergangenen drei Wochen abgearbeitet (seine Hemden bringt Herr Kaltmamsell in die Reinigung – vier Hemden für acht Euro, selbst käme ich damit nicht mal auf Mindestlohn).

Ich hörte dabei das WDR-Radiofeature
“Spaniens geraubte Kinder”.

Dass im Spanien der Francozeit Regimegegnerinnen systematisch die Kinder weggenommen wurden, meist direkt nach der Geburt, ist ja eh ein immer noch unaufgearbeiteter Skandal. Doch dieses lukrative Geschäft wurde auch nach Ende der Diktatur weitergeführt, die katholische Kirche sorgte dafür. Man schätzt, dass insgesamt 300.000 Kinder betroffen sind. Margot Litten hat recherchiert, warum das bis heute keine rechtlichen Konsequenzen hatte, sprach mit Müttern auf der Suche nach ihren Kindern, mit Kindern, die ihre biologischen Eltern nicht kennen, mit Juristen, die vergeblich versucht haben, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Und wir sprechen hier von einem EU-Staat im 21. Jahrhundert. Als erzählt wurde, wie eine 99-jährige und eine 100-jährige baten, dass ihre DNA archiviert werde, für den Abgleich mit künftigen Funden in Massengräbern, und wie sie abgewiesen wurden, fing ich fast zu weinen an. (Unter anderem weil ich buchstäblich keine Ahnung habe, wie viele Leichen meine eigene spanische Familie im Keller hat. Ich weiß ja nicht mal, auf welcher Seite welche Angehörige meiner Großelterngeneration im Bürgerkrieg gekämpft haben.)

Das Feature weist auch darauf hin, dass die Rolle der katholischen Kirche im spanischen Faschismus bis heute nicht aufgearbeitet ist (war eines meiner Magister-Prüfungsthemen, in den 21 Jahren seither scheint nichts vorangegangen zu sein). Fast nichts ist in Spanien aufgearbeitet: Das Amnestiegesetz, das seinerzeit eine ungehinderte transición in die Demokratie ermöglichen sollte, verhindert das bis heute.

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Wir läuteten den Abend mit Manhattans ein.

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Zum Nachtmahl gab es die Cocido-Reste vom Vorabend.

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Und die Nachtisch-Reste.

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Es gibt Schlafwandler. Und es gibt Zahnputzwandler.

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“Trump confirms that he just googled Obamacare”.

“I Googled it, and, I must say, I was surprised,” he said. “There was a lot in it that really made sense, to be honest.”

Wann tritt er sein Amt an? 20. Januar? Dann hat er noch gut zwei Monate, sich in die Themen einzulesen, die er für seinen Wahlkampf zerfetzt hat. Prima.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 11. November 2016 – Cocido fürs Kollegium

Samstag, 12. November 2016 um 10:07

Im prasselnden Regen in die Arbeit gegangen. Auf dem Rückweg war es so düster wie den ganzen Tag über, aber ich brauchte nur für das letzte Stück meinen Schirm. Über den Tag möglichst vielen Menschen begeistert von meiner ersten Bürgerversammlung erzählt, zu mehr politischem Aktivismus bin ich leider nicht fähig.

Abends hatte Herr Kaltmamsell Kolleginnen und Kollegen zum Cocido-Essen eingeladen: Die vor Monaten eingefrorene Brühe aus Jamón-Knochen sollte endlich weg. (Und er wollte diese Gäste gerne einladen.) Mein Beitrag waren lediglich Weinkauf, Tischdecken und Flan zum Nachtisch. Sehr interessante Gespräche mit ausgesprochen angenehmen Menschen.

Bis in die Knochen erschöpft ins Bett.

die Kaltmamsell